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Tagebuch September 2023

1. September 2023


Nein, ich solle sie nicht weiter begleiten, meinte unsere Tochter, und sie ging sogar soweit in ihrer Behauptung, ich würde ihre Probezeit gefährden. Heute war nämlich ihr erster Arbeitstag als Auszubildende zur Pflegefachassistentin, an dem sie sich pünktlich um 8:15 Uhr in der Karl-Borromäus-Schule am Wittelsbacherring auf der Rückseite des Hauptbahnhofs einfinden sollte. Vom Busbahnhof aus begleitete ich sie, quer durch die Unterführung des Hauptbahnhofs waren wir hindurch gegangen, vorbei an der großen Kreuzung, wo die Bäckerei Voigt ihre Filiale hatte, vorbei am Rheinischen Landesmuseum, an den nächsten großen Kreuzung rechts, danach vorbei am Gärtnerhäuschen, das in der Zeit des Kurfürsten Clemens August erbaut worden war. Wo die Grünanlage endete, wollte sich unsere Tochter von mir verabschieden. Etwa vier bis fünf Häuser weiter ragte der graue, monolithische Block eines Gebäues in die Straße hinein, dies sollte die Karl-Borromäus-Schule sein, wo sich unsere Tochter einfinden sollte. Sie zu begleiten und bis hierhin zu finden, war wahrscheinlich notwendig, da sie erst einmal dieses Gebäude aufgesucht hatte. Dass ich ihr dieses eine Mal beim Suchen geholfen hatte, war durchaus nötig gewesen, da sich die Schule in einem Innenhof befand, von der Straße aus war der Eingang nicht zugänglich. Heute würde alles gutgehen, da war ich mir sicher, an ihrem allerersten Arbeitstag, dem noch manche weitere Arbeitstage folgen würden. Sie wolle eigenständig sein, es sei ihre Ausbildung, das vermittelte sie mir klar und deutlich, bevor wir uns trennten. Und ihr Verhalten ging ja in die richtige Richtung, wenngleich sie in anderen Dingen, was ihre Ausbildung und auch ihre Schwangerschaft betraf, ihre Eigenständigkeit vermissen ließ. Für den Moment waren die Dinge in Ordnung, und ich wünschte ihr beim Abschied einen angenehmen ersten Arbeitstag.

2. September 2023


Nachdem ich den Ausblick vom Stuxberg auf Unkel und auf den Rhein genossen hatte, klärte mich eine Hinweistafel auf, als ich in den Wald weiter gewandert war. Der Klimawandel, Dürre, Trockenheit und auch der Borkenkäfer hatten den Wald stark geschädigt, abgestorbene Bäume waren gefällt worden, der Wald musste wieder aufgeforstet werden. Nicht hier über dem Rheintal, aber ansonsten im Kottenforst oder im Siebengebirge war das Ausmaß der Brachflächen gerodeten Waldes erschreckend. Bei der Aufforstung sollten Monokulturen durch Fichten vermieden werden, aber wie geschah die Aufforstung ? Darüber klärte die Hinweistafel auf. Durch die Verbreitung von Samen wuchs der Wald von selbst nach, so dass das Pflanzen von Setzlingen von Bäumen eigentlich nicht nötig waren. Es sollte aber Mischwald entstehen. Dabei waren bestimmte Baumarten aus Süd- und Südosteuropa resistent gegen Dürre und Trpckenheit wie etwa Edelkastanie, Walnuss, Baumhasel, Flaum- und Zerreiche. In Zeiten des Klimawandels sollen diese Baumarten etwa 20% des heimischen Waldes ausmachen. Diese Baumarten waren in unseren Wäldern bereits heimisch geworden, und inwieweit ein Mischwald mit diesen Baumarten nachwuchs, das prüften die Förster. Ich vermutete, dass sie eventuell eingriffen, indem sie diese resistenten Baumarten nachpflanzten. Dieser Mischwald, durch den ich schritt, sah vollkommen unauffällig und gesund aus, obschon mir für solche botanischen Beobachtungen die Fachkenntnisse fehlte. Die Wanderung über den Rheinsteig war mit ihren Ausblicken jedenfalls sehr schön. Zuerst ging es bergab, dann wanderte ich über eine lang anhaltende Steigung. In der Ortschaft Orsberg hatte ich dann wieder einen berauschenden Ausblick über den Rhein.

3. September 2023


In der 35. Kalenderwoche war nicht wegzudiskutieren, dass der Alltag in der Dreier-WG in größerem Umfang von Langeweile geprägt war, wenn sich nicht jemand darum kümmerte, etwas mit ihnen zu unternehmen. Teilweise wurde über den Behindertentreff etwas organisiert, teilweise banden wir sie in unsere Unternehmungen ein, was aber an seine Grenzen stieß. In geringem Umfang organisierte die Lebenshilfe oder das betreute Wohnen Unternehmungen. Fanden solche Unternehmungen nicht statt, herrschte schnell gähnende Langeweile. Die Bewohner schauten Fernsehen oder sie spielten Spiele am Computer oder auf dem Handy. Selten machten sie einen Spaziergang, so gut wie nie fuhren sie mit dem Bus irgendwo hin, das Fahrrad des einen WG-Bewohners blieb konsequent in der Garage stehen. Schwierig waren die Situationen, dass die Bewohner ihren Urlaub abwickelten. Zwei Bewohner gingen in die Behindertenwerkstatt, wo ihnen der ganz normale Jahresurlaub zustand. Den Schwager suchten wir, so weit es ging, in unseren Urlaub einzubeziehen, der zweite Bewohner, der nicht in die Werkstatt ging, machte mit seinen Eltern Urlaub. Der dritte Bewohner allerdings nahm zwei Wochen Urlaub, ohne dass es einen Plan dafür gab. Er saß quasi nur in seinem Zimmer herum, ab und zu kam eine Betreuerin, um mit ihm zu putzen, waschen und einzukaufen. Eine Art von Ferienbetreuung hatte niemand auf dem Plan. Dies war insofern widersprüchlich, weil an anderer Stelle kein Wohngeld beantragt worden war, weil er über Vermögen verfügte. Demzufolge wurde das Wohngeld aus seinem Vermögen finanziert. Aber wieso konnte kein Urlaub aus seinem Vermögen finanziert werden ? Es gab spezielle Reiseveranstalter, die Reisen für Behinderte organisierten. Hellauf begeistert war der Schwager, als er im letzten Jahr an einem solchen Urlaub im Spessart teilgenommen hatte. Wieso wurde das Vermögen des einen WG-Bewohners für die Abzahlung von Miete verwendet, aber nicht für Urlaub ? Dies lag in der Verantwortung seines Betreuers, der für Geldangelegenheiten zuständig war. Man hätte einen Reiseveranstalter, ein Reiseziel und einen Zeitraum aussuchen können. Anstatt dessen saß der eine WG-Bewohner während seines vierzehntägigen Urlaub in seinem Zimmer herum, er langweilte sich und suchte die Zeit totzuschlagen, indem er eine Zigarette nach der anderen auf der Terrasse rauchte. Bei dem zweiten WG-Bewohner, der nicht in die Werkstatt ging, hatte die Langeweile ebenso fatale Folgen. Trotz seiner chronischen Geldknappheit hatte er Bestellungen telefonisch und über das Internet getätigt. Er hatte Geldmünzen zugeschickt bekommen, ebenso Socken. In dieser Woche entdeckte ich zufällig einen zerrissenen Brief in der Altpapiertonne, dass er über Lotto24 an einem Gewinnspiel teilnahm. In zwei Hälften zerrissen, war der Inhalt des Briefs gut nachzulesen. Eine Rücklastschrift sei erfolgt, weil sein Konto keine Deckung hatte. Eine telefonische Kontaktaufnahme mit ihm war gescheitert. Nun solle er Ende September eine ausreichende Deckung auf seinem Konto haben, damit der Betrag von etwa 50 Euro dann eingezogen werden könne. Erzählt hatte er uns von der Geldmünzenbestellung. Dies habe er wiederum seiner Betreuerin erzählt, die wütend geworden sei und ihn daraufhin mit einer klaren Ansage angeschrien habe, er solle dies bitte künftig unterlassen. Im Garten suchen wir derweil die reifen Kohlrabi zu verwerten, die die richtige Größe haben und auch lecker schmecken. Es fehlt aber an einem Rezept. Meine Frau bereitet diese mit einer Mehlsoße zu, was ich nicht so gerne mag. Unser Sohn isst ohnehin keine Kohlrabi, während unsere Tochter diese gerne isst. Mit angedünsteten Zwiebeln in Butter habe ich die Kohlrabi zubereitet, ich habe aber mit zu viel Muskatnuss gewürzt. Beim zweiten Versuch waren die Zwiebeln zu kurz und nicht weich genug angedünstet, bei dritten Versuch waren die Kohlrabi holzig, weil ich sie zu lange hatte stehen lassen. Wie so oft, komme ich nicht mit der Problematik zurecht, dass all die leckeren Sachen aus dem Garten ihre spezielle Zeit haben, wann man sie ernten und zubereiten muss. Sonst sind sie nicht mehr genießbar, und viel zu viel muss weggeworfen werden.


4. September 2023


Der Dorftrödel, an dem wir teilgenommen hatten, war diesmal ein voller Erfolg. Wie üblich, wurde es hektisch, allen Hausrat aus unserem Keller herbei zu schaffen sowie denjenigen aus den Kartons im Keller der Dreier-WG auszupacken. Teilweise war es unglaublich, was wir alles verkauft bekamen. Zentral im Ort gegenüber dem Pfarrheim gelegen, schauten viele Besucher und Interessenten vorbei, die auch dementsprechend kauften. So bekamen wir die Stereoanlage verkauft, die mir meine Frau vor mehr als dreißig Jahren geschenkt hatte. Ein Sideboard aus dunklem Holz auf Rädern bekamen wir verkauft, das wir seit dem ersten Dorftrödel im Jahr 2019 jedesmal zum Verkauf angeboten hatten. Zwei leere Plattenständer mit meiner letzten Vinyl-LP von Steve Hackett, dem früheren Bassisten von Genesis, fanden einen Käufer. In einen Stuhl aus unserem Schlafzimmer, den meine Frau „stiller Wächter“ nannte, verliebte sich eine Frau regelrecht. Eltern nahmen für ihre Tochter ein Puppenhaus aus Papier von Prinzessin Lillifee mit. Ein älteres Ehepaar, das zufälligerweise Freunde besuchte, sah unseren Stand auf dem Dorftrödel, und die beiden meinten, sie müssten unbedingt etwas kaufen. Sie nahmen einen alten Puppenwagen mit sowie zwei von meiner Frau bemalte Schirmständer. Mit einem Mal herrschte ein reges Interesse an Handtaschen. Einen ganzen Karton besaßen wir voller Handtaschen, wovon wir bei den vergangenen Dorftrödeln so gut wie nichts verkauft bekamen. Porzellan und Gläser gingen gut weg, die ansonsten mal besseren mal schlechteren Absatz gefunden hatten. Unser erstes verkauftes Stück war ein Radio aus den 1960er-Jahren, was keine Überraschung war, zumal es noch problemlos funktionierte. Auch unsere WG-Bewohner machten fleißig mit beim Dorftrödel. Der eine WG-Bewohner bekam seinen Tischgrill verkauft, bei seinem Fahrrad und seiner Playstation haperte es bei den Preisverhandlungen. Er ging nicht herunter mit seinen Preisvorstellungen, so dass er diese nicht verkauf bekam. Einen zu niedrigen Preis, nämlich 35 Euro, hatten wir wohl bei der Motorhacke veranschlagt. Es dauerte, bis der Käufer diese abholte, und ein anderer möglicher Interessent schlug die Hände über den Kopf zusammen, was für einen niedrigen Preis wir akzeptiert hätten. Der andere WG-Bewohner sprach die Herumstöberer direkt an, dass sie doch kaufen sollten, was diese mitunter davon abgehalten haben dürfte. Bei einem geflochtenen Stuhl war er unachtsam, als er sich darauf hinsetzte, so dass das Flechtwerk noch weiter einriss. Dennoch gelang es uns, später dafür einen Käufer zu finden. Als der Dorftrödel gegen 18 Uhr beendet war, zogen wir eine äußerst positive Bilanz. In der Gesamtzahl hatten wir vielen Hausrat verkauft bekommen, darunter waren auch viele sperrige Gegenstände. Der bei uns im Keller herum stehende Hausrat hat sich nun deutlich gelichtet.

5. September 2023


Anarchie auf der Autobahn. In diesem Zusammenhang mit der Anarchie hatte uns unsere Tochter aufgeklärt, dass das Symbol mit dem eingekreisten A „Anarchie“ bedeutet. In der Realschule hätte ihre Klasse über den Linksterrorismus der 1970er Jahre gesprochen, in diesen Unterrichtsstunden sei auch das A mit dem Kreis vorgekommen. An Häuserwänden, ich weiß nicht wo, war mir dieses aufgesprühte Symbol ebenso aufgefallen, ich war mir der Bedeutung allerdings nicht bewusst. Nun war also dieses A mit dem Kreis zum Zeichen von Sprayern geworden, aufgesprüht auf der Mittelleitplanke aus Beton. Die Urheber hatten sich verewigt auf der Tristesse des Betons, der dadurch nicht unbedingt schöner wurde. Der Autoverkehr floss über die Autobahn, während wohl niemand Notiz nahm von dem Schriftzug auf Beton: gegen Staat und Kapital. Wenigstens passte die Botschaft zusammen. Das Wort „Anarchie“, in seiner Bedeutung „Herrschaftslosigkeit“, meinte in der antiken griechischen Philosophie einen Staat ohne Herrscher, so im 5. Jahrhundert vor Christus bezeichnet von Xenophon, in dem die Bürger ohne einen obersten Staatsbeamten ihre Belange selbst zu organisieren hatten. Sich anlehnend an die Utopien eines idealen Staates, griff der französische Wirtschaftstheoretiker Proudhon im 19. Jahrhundert die Vision eines Staates ohne Herrscher auf, in dem alle Obrigkeitsstrukturen aufgelöst sind. Die Dinge sollten dann basisdemokratisch durch die Bürger bestimmt werden, und die Gesellschaft sollte dies untereinander – etwa durch Räte – regeln. Der Staat sollte abgeschafft werden, was dann auch den Ideen des Linksterrorismus der 1970er Jahre entsprach. Die Botschaft auf der Mittelleitplanke war jedenfalls konsistent: die Anarchie war gegen den Staat, im Sinne von Marx gehörte das Kapital den Unternehmern, Unternehmer und der Staat hatten Machtstrukturen inne, insofern war die Anarchie gegen Staat und Kapital. Konnte die Anarchie auf der Autobahn die Macht- und Herrschaftsstrukturen stoppen ?

6. September 2023


Grundstücke und Wohnen in unserer Stadt – ein widersprüchliches Thema. Zum einem sind Grundstücke kaum zu haben, und wenn, dann sind sie unbezahlbar. Diese Widersprüche tun sich auf, wenn ich auf der Fahrradfahrt ins Büro an einem Neubaugebiet vorbei komme, das vor etwa fünf Jahren aus dem Boden gestampft worden ist. Freistehende Einfamilienhäuser und einige Doppelhaushälften sind dort gebaut worden, und man sieht dort viele junge Familien mit kleinen Kindern. Und es wird dort weiter gebaut, Baukräne und Betonmischfahrzeuge machen sich an den Rohbauten zu schaffen. Es ist aber bei weitem nicht alles bebaut, vielleicht ein Drittel des Areals umfassen Brachflächen, wo das Unkraut wuchert oder Rasenflächen gesät worden sind. Was ist mit diesen Flächen los ? Im Internet jedenfalls findet man keine Wege, wie man an freie Grundstücke in dieser Lage gelangen kann. Die Suche ist nicht nur erfolglos, sondern ernüchternd mit den Preisen anderer Grundstücke. Hatten wir seiner Zeit im Jahr 2008 noch 234.000 Euro für unser Haus mit einem 425 Quadratmeter großen Grundstück gezahlt, so müsste man heutzutage alleine 300.000 Euro für ein vergleichbar großes Grundstück bezahlen – ohne Haus. Eigene vier Wände werden in der Peripherie des Ballungsraums Köln/Bonn zum Luxusgut. Die Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich vergrößert sich dadurch, für einen größeren Anteil der Bevölkerung werden Mietwohnungen zum Standard. Dort schießen die Mieten genauso in die Höhe, so dass bei niedrigen Einkommen und/oder mehreren Kindern der Staat mit Wohngeld einspringen muss. Das perverse beim Thema Grundstücke und Wohnen ist: es gibt Menschen, die sich an diesem Elend bereichern. Informierte Kreise hatten mir mitgeteilt, dass mit diesen brach liegenden Grundstücken in dem vor fünf Jahren entstandenen Neubaugebiet spekuliert wird. Jedermann konnte Interesse bekunden, und jedermann, der in der Lage war, den Kaufpreis zu bezahlen, konnte solch ein Grundstück erwerben. Diese Grundstücksbesitzer konnten ihr Häuschen bauen – oder spekulieren. Die Verantwortlichen von der Stadtentwicklungsgesellschaft hoffen wenigstens, dass es solche Fälle in dem neuen Neubaugebiet „Am Obstgarten“ nicht mehr geben wird. Bei diesen Grundstückskäufen wurde im Kaufvertrag ein Passus aufgenommen, dass eine Bauverpflichtung besteht. Grundstücke in unserer Gegend haben eine neue Art von Goldrausch ausgelöst, und es gibt Menschen, die sich rücksichtslos auf Kosten anderer daran bereichern.

7. September 2023


Dreimal durfte ich bei meiner Frau solche Ultraschallbilder mitverfolgen, und es war stets aufs Neue faszinierend. Ich hatte unsere Tochter von der Berufsschule abgeholt, damit sie pünktlich ihren Termin beim Frauenarzt wahrnehmen konnte. Als Vater begleitete ich sie ins Behandlungszimmer bei demjenigen Frauenarzt, der auch meine Frau während ihrer drei Schwangerschaften betreut hatte. Er dürfte kurz vor dem Rentenalter gestanden haben, war aber weiterhin rege und fit und konnte allerdings nichts befriedigendes zu den momentanen Rückenschmerzen unserer Tochter sagen. Dies sei nicht ungewöhnlich in den Schwangerschaftswochen 20 bis 24, äußerte er. Er riet aber gleichzeitig, mit einem Orthopäden zu klären, ob dies vielleicht andere, nicht durch eine Schwangerschaft bedingte Ursachen haben könnte. Helfen könnte höchstens Magnesium. Die Faszination, werdendes menschliches Leben beobachten, war erneut groß. Die Ultraschallaufnahmen zeigten zunächst, dass das Kind falsch herum lag, was in dieser Phase der Schwangerschaft nicht besorgniserregend war. Detailgetreu war das Herz zu erkennen mit seinem pochenden Herzschlag und den Herzkammern, wie das Blut hinein- und heraus gepumpt wurde. An der Wirbelsäule reihten sich die einzelnen Wirbel aneinander. Im Ultraschall war das Gesicht so genau, dass man ein Auge mit der Linse erkennen konnte. Organe war ebenso genau sichtbar, so der Darm und die Leber. Alles war dran am Kind in der Entstehungsphase, und aus den Beinen, den Armen und dem Kopf errechnete der Frauenarzt ein Gewicht von 310 Gramm. Unsere Tochter musste noch eine Urinprobe abgeben und der Eisenwert musste gemessen werden, was aber daran scheiterte, dass das Messgerät defekt war. Am Dienstag sollte unsere Tochter wieder kehren. Sie bekam den nächsten Termin in einem Monat, bei dem ein Zuckertest durchgeführt werden sollte, um eine Zuckererkrankung auszuschließen. Wegen dieses Testes sollte dieser nächste Untersuchungstermin eine Stunde dauern. Beim Abendessen, als wir über den Termin beim Frauenarzt redeten, kippte dann die Diskussion. Sie habe schlimme Rückenschmerzen, sie wäre gerne krank geschrieben worden, sie hatte aber nicht danach gefragt. Tatsächlich hatte der Frauenarzt diese Diskussion umgangen, er hatte eine einvernehmliche Regelung mit dem Ausbildungsträger angesprochen. Ich selbst hatte mich aus dieser Diskussion dahingehend heraus gehalten, man könne nicht direkt zu Beginn der Ausbildung größere Krankenfehlzeiten produzieren. Schließlich war unsere Tochter bockig und schloss sich im Badezimmer ein. Es dauerte eine geraume Zeit, bis sie wieder ansprechbar war. Von ihrer Schulzeit wussten wir, dass krankheitsbedingte Fehlzeiten bei ihr kritisch waren. In ihrer Schulzeit hatte sie irgend wann einen Punkt erreicht, dass sie gar nicht mehr in die Schule gehen wollte. Dann kam Corona, später fing sie sich wieder, ein gewisses Grundmaß an Krankenfehltagen behielt sie aber bei. Am nächsten Morgen ging sie schließlich in die Berufsschule, und wir waren aufs Erste beruhigt.

8. September 2023


Um die Mittagszeit saß ich im Büro, als meine Frau mich anrief. Unserer Tochter gehe es nicht gut, wir sollten sie von der Berufsschule abholen. Meiner Frau war dies zeitlich zu knapp, sie musste nachmittags arbeiten. Ich war allerdings auch nicht imstande, sie mit dem Auto zu holen, ich könnte allerhöchstens mit dem Fahrrad dorthin fahren und sie dann zur Bushaltestelle begleiten. So tat ich es denn auch. Angekommen in der Berufsschule am Wittelsbacher Ring, nicht weit weg vom Gärtnerhäuschen, empfing mich sogleich die Lehrerin mit unserer Tochter. Es sei gut, dass ich da sei, ihren Zustand empfinde sie als schlimm, ich solle sie begleiten und vielleicht auch ein Stück im Bus mitfahren. Eindringlich erzählte sie mir, dass unsere Tochter ein Sonderfall sei. Laut Ausbildungsvertrag stünde den Auszubildenden ein bestimmtes Kontingent an Krankenfehltagen zu, und wenn dieses überschritten sei, greife man durch. Wegen der Schwangerschaft gelte diese Regelung aber nicht für unsere Tochter, sie dürfe sich also krank melden. Unsere Tochter hatte starke Rückenschmerzen, und alle Lehrkräfte seien informiert, sie bei der Besserung ihres Zustandes zu unterstützen. Sie dürfe essen im Unterricht, was den anderen Schülern nicht erlaubt sei. Man habe ihr eine Wärmflasche gemacht, um die Rückenschmerzen zu lindern. Sie dürfe Tee trinken, wenn dadurch ihre Übelkeit zurück ginge. Sie dürfe während des Unterrichtes auf Toilette gehen. Das beruhigte mich, da wir eine Kündigung infolge zu hoher Fehlzeiten befürchtet hatten. Man müsse sich allerdings auf sie verlassen können und sie müsse auch ihren Willen zeigen, die Ausbildungsinhalte zu verstehen und umzusetzen, dies äußerte die Lehrerin ebenso. Falsch sei die Aussage des Frauenarztes, dass sie keine Medikamente gegen ihre Schmerzen nehmen dürfe. Er hatte lediglich Magnesium genannt, es gäbe allerdings noch eine Reihe weiterer Medikamente. Innerhalb der GFO Kliniken, dem Ausbildungsträger, gäbe es jede Menge Mediziner mit medizinischen Fachkenntnissen, die den Aussagen des Frauenarztes widersprechen würden. Im Moment ließen wir diesen Widerspruch so stehen, wir würden allerdings noch zu auszugestaltende Wege beschreiten, um notfalls mit Medikamenten die Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen. Das Gespräch mit der Lehrerin beruhigte. Ende September würde sie eine Klassenarbeit schreiben, wozu es schön wäre, wenn sie sich bei ihren Mitschülern den Lernstoff besorgen würde, sollte sie krankheitsbedingt fehlen. Auf dem Weg in Richtung Hauptbahnhof setzte ich mich mit unserer Tochter in einer Bäckerei, wo sie zwei Schokoladenbrötchen aß und gekühltes stilles Mineralwasser trank. Danach ging es ihr wieder besser und sie nahm den Schnellbus an der Haltestelle Thomas-Mann-Straße.

9. September 2023


Das Essen im chinesischen Restaurant bot Gelegenheit dazu, uns über die Namensauswahl des noch nicht geborenen Kindes auszutauschen. Es sei wie im Urlaub, merkte ich an, als wir einen Platz mit einem direkten Blick auf den Rhein zugewiesen bekamen. An diesem lauwarmen Septemberabend stand die Sonne so tief, dass sie den baldigen Sonnenuntergang ankündigte. Rheinabwärts war die Sonnenscheibe verdeckt durch hohes Strauchwerk, das auf der Höhe der Parkplätze hoch gewuchert war und nur wenige Sonnenstrahlen hindurch sickern ließ. Wir reflektieren, welche Namen Vater und Mutter des noch nicht geborenen Kindes in die Auswahl gezogen hatten. Entsprechend dem ersten Buchstaben des Vornamens unserer Tochter sollte es ein Name auf „L“ sein. Louis hatte unserer Tochter sehr gefallen, dem Vater gefiel der Name hingegen nicht. Ähnlich war es mit Luke, den wir als sehr gute Namenswahl empfanden. Das klang kurz und bündig, aber auch sperrte sich der Vater. Wir meinten, unsere Tochter solle ihre Argumente für diesen Namen darlegen und sich durchsetzen, schließlich habe sie das Argumentieren und das Für und Wider bei Sachthemen lange in Deutsch geübt gehabt. Was waren die Namensfavoriten ihres Freundes ? Das war der Vorname Reinhard, womit sie überhaupt nichts anzufangen wusste, weil er viel zu altmodisch klang. Mit Nachnamen hieß er Reinbold, daher wohl diese sprachliche Veränderung zu Reinhard. Diesen Vornamen hielt unsere Tochter für so außergewöhnlich, dass sie Angst gehabt hätte, ihr Sohn hätte bei einem solchen Vornamen gemobbt werden können. In diesem Zusammenhang erinnerte sich meine Frau an einen Jungen im Alter unseres Sohnes, den die Eltern Benjamin genannt hatten. Er heiße Ben, das hatte er ständig beteuert, um seinen eigentlichen Namen Benjamin zu vermeiden. Ben klang schön, neutral, ohne großartige Assoziationen, aber dieser trötende Elefant Benjamin Blümchen ? Schlechte Erfahrungen hatte unsere Freundin ebenso gemacht, weil sie ihren Sohn Kevin genannt hatte. Bei Kevin dachte man an den Schauspieler Macaulay Culkin mit seinen abstehenden Ohren und seinem fratzenhaften Gesicht, der mit seinem Aussehen in dem Kinofilm „Kevin allein zu Haus“ wahre Lachsalven verursachte. Ihr Sohn ließ sich lieber mit seinem zweiten Vornamen Frank rufen und wollte seinen ersten Vornamen Kevin lieber vergessen. Bei dem Vornamen Reinhard sah unsere Tochter eine ähnliche Aversion, eine Einigung könnte sich in die Richtung der beiden Vornamen „Levi“ oder „Levian“ anbahnen, dagegen hatte unsere Tochter keine solche Abneigung. Levi stammte jedenfalls aus dem Jüdischen, ich äußerte dies gegenüber unserer Tochter. Das Verhältnis von Juden und Deutschen war jedenfalls stark geschichtsbelastet, wobei der jüdische Wortstamm eigentlich unerheblich war. Ein französischer Philosoph hieß Bernhard-Henri Levi, was eigentlich kein Killerkriterium war. Die Jeans „Levis“ hatte eine fast gleiche Produktbezeichnung, was zu intensiven Diskussionen führte, sein Kind nach einer Jeans zu benennen. Die Namensgebung lief noch auseinander, sie war noch nicht final geführt worden. Die Diskussion wurde zwischen Vater und Mutter geführt, es hingen irgendwie noch die Großeltern dahinter. Es war eine Diskussion auf einer politischen Ebene, wo Positionen abgesteckt wurden und letztlich auch Macht und Einflussnahme eine Rolle spielten. Diese Diskussion war noch unausgegoren, genauso unausgegoren wie meine Aussage, in dem chinesischen Restaurant mit dem direkten Blick auf den Rhein könne man sich so wie im Urlaub fühlen. Auf dem Rückweg zu unserem Auto meinte ich nämlich, ich würde gerne noch einmal in Urlaub fahren. Etwas anderes sehen, andere Landschaften, andere Menschen und andere Mentalitäten. Ich dachte vielleicht an Freiburg und das Markgräfler Land, an Belgien oder die Niederlande. Zuvor hatte ich aber von dem Restaurant und dem Rhein darüber geschwärmt, man könne sich wie im Urlaub fühlen. Es war halt nicht alles ausgegoren.

10. September 2023


Die 36. Kalenderwoche war geprägt von einer sogenannten Omega-Wetterlage, die in dieser Jahreszeit Anfang September zu Rekordtemperaturen führte. Es wurde über dreißig Grad heiß, die Sonne schien von morgens früh bis abends spät. Die Wetterlage brachte mich vollkommen aus dem Rhythmus, etwas früher ins Bett zu gehen, einigermaßen früh gegen 23 Uhr einzuschlafen und am nächsten Morgen ausgeschlafen aufzustehen. Um innerlich abzukühlen, brauchte ich wieder meine paar Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und auch einigen gekühlten Weißwein hinterher. Den Mangel an Schlaf spürte ich insbesondere am Wochenende, als ich tagsüber ständig müde war. Es war einfach zu heiß, nachdem die Sommermonate gnädig gewesen waren und ausreichend Regen gebracht hatten. Im Garten durfte wieder gegossen werden, die Buschbohnen waren reif, und beim Spinat musste ich überlegen, wann er geerntet werden durfte, noch ließ ich die größer werdenden Blätter stehen. Tomaten hatten wir bei diesen heißen Temperaturen reichlich, so dass ich sie als Beilage in Stücke schnitt, um ihn bei unserem Abendessen dazu zu essen. Im Haus der Dreier-WG wucherte das Unkraut seit einer geraumen Zeit, weil unser Benzin-Rasenmäher nicht mehr ansprang. Ich verpasste es, ihn bei der Gartengerätefirma zur Reparatur vorbei zu bringen. Langsam war ich auch unzufrieden geworden, weil unser Benzinrasenmäher ständig seine Macken hatte. Im Frühjahr war das Zugseil blockiert, um ihn anzulassen, wobei ich mir meinen Arm verletzt hatte. Dass er nicht mehr ansprang, war zudem nicht das erste Mal. Nach Wochen der Verzögerung entschlossen wir uns, über Amazon uns einen neuen Elektro-Rasenmäher liefern zu lassen. Das Gras wucherte über mehrere Wochen, und nun hatten wir wenigstens eine Perspektive, bald wieder den Rasen im Haus der Dreier-WG mähen zu können. Unzufriedenheit hatten dort auch spielende Kinder im Garten des Nachbars erregt. Im Zuge der Umbaumaßnahmen hatten wir die Thuja-Hecke zum Nachbarn abgesägt, so dass dort der Zaun fehlte. Über diese große Lücke waren anscheinend Kinder vom Pfarrheim aus – wahrscheinlich während einer dort statt findenden Veranstaltung – über unser Grundstück zu demjenigen des Nachbarn herüber gelaufen. Dieser Nachbar beschwerte sich bei meiner Frau, wir sollten durch einen Zaun verhindern, dass Kinder zu ihm herüber laufen könnten. Er drohte sogar mit einem Rechtsanwalt, falls wir den Zaun nicht bauen würden. Daraufhin beschloss meine Frau, dass der au dieses Zauns eine absolute Priorität haben sollte vor den Renovierungsmaßnahmen in unserem Haus. Es gab aber auch Reparaturen, die bereits umgesetzt worden waren. Das Fahrrad meiner Frau hatten wir vor einem Jahr inspizieren lassen, nun war eine erneute Inspektion erforderlich. Die Bremse schleifte am Hinterrad, das Kabel zum Rücklicht war gerissen, so dass dieses nicht funktionierte. Die Halterung eines Einkaufskorbes vorne am Lenkrad war abgerissen, das rechte Pedal war durch gerissen. Dann ließ sich das Fahrrad trotz aufgepumpter Reifen nur noch schwer treten, so dass wir diese Komplettinspektion mit all den Reparaturen durchführen ließen. Nun läuft das Fahrrad wieder bestens, so dass man kaum noch treten muss. Die Jahresinspektion hat genauso unser Auto erhalten, wobei die Reparatur des herunter gefallenen Himmels knifflig war. Die Verklebung der Innenverkleidung des Autodachs hatte sich gelöst, so dass der sogenannte Autohimmel herunterhing, und zwar so weit, dass man nicht mehr durch die hintere Autoscheibe hindurch schauen konnte. Zumindest provisorisch hatte die Autowerkstatt das Problem mit Stecknadeln gelöst. Dauerhaft sei eine Problembehebung mit Spezialdübeln. Diese müsse die Werkstatt bestellen. Eine neue Verklebung sei nicht mehr möglich, und mit diesen Dübeln könne man dauerhaft diesen Himmel wieder befestigen, ohne dass dieser wieder herab fallen könne. Wenigstens was die Reparaturen an unserem Auto oder unserem Fahrrad betraf, kamen wir voran. Derweil tat sich in unserem Haus wenig, diverse Zimmer für das zu erwartende Baby herzurichten.


11. September 2023


Mit Freunden, mit denen wir einmal im Jahr etwas größeres unternehmen, haben wir uns am Sonntag in Blankenberg getroffen, das zu Hennef gehört. Wir hatten Blankenberg gewählt, weil ich übersehen hatte, dass der Schwager nachmittags Kegeln hatte. Ursprünglich wollten wir in die Niederlande, doch dann kam mir die Terminkollosion mit dem Schwager in den Sinn, wir wollten ihn schon gerne mitgenommen haben. Bevor wir uns in Blankenberg am vereinbarten Treffpunkt trafen, bewiesen wir unsere Unpünktlichkeit. Fast fünfundvierzig Minuten waren wir zu spät am Parkplatz am Katharinenturm, was die Freundschaft mit unseren Freunden aber nicht belastete. Geduldig harrten sie auf einem schattigen Plätzchen auf einer Bank aus, vertrieben die Sonne und warteten auf uns. Über eine andere Freundin hatten wir eine Beziehung zu Blankenberg aufgebaut. Blankenberg war ein Städtchen, das im Mittelalter seine Blütezeit gehabt hatte. Lange Zeit hatte es den Grafen von Sayn gehört, die vom Westerwald her ihr Herrschaftsgebiet ausgedehnt hatten. Übrig geblieben waren bis heute Teile der Stadtmauer, die Ruinen einer Burg und ein Stadttor, das war der Katharinenturm. Unsere Freundin hatte viele Jahre lang Stadtführungen als Nachtwächterführung gemacht, die mit Lampe und Stab in der Hand etwas besonderes waren. Trotz der einstigen geschichtlichen Macht war Blankenberg heute zu einem kleinen Dorf zusammen geschrumpft, was mit Stadtmauer und dem einen Stadttor hübsch und putzig aussah. So unternahmen wir einen Spaziergang durch dieses mittelalterliche Dorf, der sich vom Katharinenturm an dem einen Ende zur Burg am anderen Ende erstreckte. Wir schritten über den übersichtlichen Marktplatz, und der Ortskern sah mit all seinen Fachwerkhäusern fein sortiert aus. Längere Zeit hielten wir uns an der Burgruine auf. Von der Aussichtsplattform eines Turms, wo man hinauf steigen konnte, hatte man einen phänomenalen Ausblick auf die Rheinebene, das Siegtal und das Bergische Land. Besonders faszinierte uns der Burggarten, dessen Vielfalt an Kräuter- und Nutzpflanzen sehr hoch war. Bunt war er auch, wobei das Farbspektrum wie etwa aus Iris, Wegwarte oder Knöterich immens war. Den Rückweg in das Städtchen, nachdem wir ausgiebig den Burggarten studiert hatten, machten wir durch die pralle Mittagssonne. Im Café Alte Schule, das gerade den fünften Tag wieder eröffnet hatte, legten wir eine Pause ein. Als Begrüßungsgetränk reichte uns der Chef einen Orangensaft, es hätte auch ein Sekt sein können, den er uns spendiert hätte. Am Tisch draußen vor dem Eingang verbrachten wir die Zeit bis 15 Uhr. Die weiß gestrichene Klinkerfassade spendete uns angenehmen Schatten, und wir redeten über dieses und jenes und welches. Unser Freund hatte Biologie studiert, er hatte in seinem Fach aber keine Arbeitsstelle gefunden. Nun arbeitete er in der Auftragsabwicklung, welche die Verkäufe eines Fernsehsenders bearbeitete. Dort verdiente er mehr schlecht als recht, er kannte aber genügend andere Akademiker, die trotz Studium schlecht bezahlt waren. Einige hatten Soziologie oder Sozialwissenschaften studiert, sie arbeiteten als Sozialarbeiter bei Städten oder kirchlichen Organisationen, wo sie bei der Bezahlung die chronische Geldknappheit zu spüren bekamen. In diesem Jahr mussten wir unser alljährliches Treffen synchronisieren mit dem Kegeltermin des Schwagers. Um 15.30 Uhr trafen sich Behinderte zum Kegeln, dazu mussten wir eine Autofahrt von dreißig Minuten absolvieren. So fuhren wir um 15 Uhr los, in unserem Nachbarort setzten wir den Schwager zum Kegeln ab, währenddessen wanderten wir zur Siegmündung. Gegen 17.30 Uhr trafen wir uns zum Essen wieder in demjenigen Lokal, wo die Kegelrunde statt gefunden hatte. Gegen 19 Uhr trennten wir uns nach einem gemeinsamen Tag, an dem der Radius der Erkundungen einiges kleiner gewesen war als in den Vorjahren. Die Erlebnisse in Blankenberg und an der Siegmündung waren nichtsdestotrotz genauso intensiv wie in den Vorjahren.

12. September 2023


Ist dies der Aufbruch in ein neues Zeitalter der Telekommunikation ? Glasfaser ist ein Thema, das mich genauso am Arbeitsplatz umtreibt. Welche Aufwände entstehen im Zusammenhang mit Glasfaser ? Wie kann man diese Aufwände vollständig erfassen ? Wo gibt es blinde Flecken dieser Aufwände ? Um wieviel ist Glasfaser über alle Prozessschritte der Bearbeitung hinweg teurer als Kupfer ? Zu diesen Fragestellungen erstellen wir Modelle, grobe Berechnungsansätze gibt es in anderen Bereichen. Für ein genaueres Modell werden wir noch eine Zeitlang brauchen. Zur Veranschaulichung kommt die Verlegung von Glasfaserleitungen gerade Recht, die auf den Grundstücken der Hauseigentümer verlegt worden ist. Ohne großartig die Erde aufzubuddeln, hat eine Tiefbaufirma ein oranges Kabel von der Grundstücksgrenze an der Straße zur Kellerwand verlegt. In unserem Vorgarten ist die Grube flach gewesen, wo das Kabel verlegt worden ist, dieses Kabel ist ein Stück unter den Platten zur Garage verlaufen, zum Keller haben die Tiefbauarbeiten einen Durchbruch gestemmt. Im Keller haben sie eine Abschlussdose des orangen Kabels montiert. Ist dies der Aufbruch in ein neues Zeitalter der Telekommunikation ? Vorerst nicht, denn zur Verlegung der Hauptkabel muss die ganze Straße aufgerissen werden. Das wird dauern, mindestens ein halbes Jahr. Ein kleiner Trost für die Kunden dürfte sein, dass bis jetzt keine Kosten entstehen werden. Irgendwie werden die Tiefbauarbeiten aus Geldtöpfen der Stadt oder der Deutschen Telekom gesponsert. Schaut man auf die Häufigkeit, an wie vielen Häusern die zusammengeschürten orangen Kabel herausschauen, ist das Interesse groß. Alle wollen teilhaben am neuen Zeitalter der Telekommunikation, und die Nachfrage nach Filmen und anderen Medien, die eine hohe Bandbreite des Internets erfordern, scheint riesig zu sein.

13. September 2023


Den Vormittag hatte die hohe Wichtigkeit durcheinander gebracht, einen Zaun zum Nachbarn der Dreier-WG zu bauen. Dazu hatten Sohn und Frau unter anderem Bauelemente im Baumarkt ausgesucht, die dort abzuholen waren. Da die Zaunelemente dementsprechend groß waren, sollte dies mit einem Transporter geschehen, den meine Frau im Baumarkt organisiert hatte. Der Transport, wofür ich zuständig war, war allerdings nicht kompatibel mit meinem dienstlichen Terminkalender. Von 10 bis 11 Uhr hatte der Baumarkt ein Zeitfenster eingetragen, bei der Festlegung dieses Zeitfensters hatte meine Frau mich nicht erreicht, ein Zeitfenster, das sich ganz und gar nicht in meine Termine, Telefonkonferenzen und Teammeetings hinein fügte. Mittendrin hätte ich das Teammeeting verlassen müssen, und so entschloss ich mich, den ganzen Tag als Extra-Zeit-Ausgleich frei zu nehmen. Die eigentliche Fahrt mit dem FIAT Ducato-Kastenwagen war dann im Handling nicht unbedingt einfach. Bei Umzügen war ich mit Transportern herum gefahren, trotz des unhandlichen großen Formates war ich in der Regel damit klar gekommen. Noch unhandlicher als die Größe war diesmal die Ver- und Entriegelung des Laderaumes. Anfangs bekamen wir die Türe zur Ladefläche nicht geöffnet, die Taste zur Entriegelung hatten wir an der linken Fahrertüre nicht gefunden. Dann rasteten die Gänge einigermaßen schlecht ein, so dass ich nur im 1. Und 2. Gang durch die Gegend fuhr. Ich hatte Angst, beim Herunterschalten ließe sich der 2. Gang nicht mehr schalten. Dafür konnte ich den 2. Gang in einer höheren Geschwindigkeit fahren, um die 80 Stundenkilometer hatte ich nicht den Eindruck, dass der Motor durch drehen könnte. Nachdem wir die Zaunelemente in unserem Ort ausgeladen hatten, ließ sich die Türe zur Ladefläche nicht wieder verriegeln. Die Taste in der Fahrertüre konnte ich so oft drücken, wie ich wollte, es kam kein Geräusch, dass ein Schloss zuschnappte, anstatt dessen erschien beim Losfahren aber neben dem Tacho eine Fehlermeldung „Hintertüre offen“. Daraufhin knallte unser Sohn die Hintertüre einige Mal auf und zu, doch die Fehlermeldung blieb. Schließlich fuhren wir einfach los, und jedesmal beim Anfahren im ersten Gang nervte uns ein Piepen mit genau dieser Fehlermeldung. Ohne Karambolage gelang es mir, den Transporter um Baumarkt zurück zu bugsieren. Am Nachmittag schlug ich mich mit einem anderen nervigen Problem herum, dass sich nämlich die Lampe aus dem alten Kinderzimmer unserer Tochter nicht im Büro montieren ließ. Im alten Kinderzimmer war ein Metallteil in die Verschraubung der Gerätedose hinein geschraubt worden, im Büro war über die Gerätedose drüber tapeziert worden. Abends entwickelte sich dann ein Problem, das hoch brisant war. Unsere Tochter verspätete sich nämlich erheblich. Üblicherweise war sie gegen 16.30 Uhr zu Hause, um 19 Uhr war sie immer noch nicht zu Hause, und das schlimme war: über Handy war sie nicht erreichbar, sie meldete sich nicht und schrieb auch keine Nachricht, was ungewöhnlich war. Sie war sparsam mit ihren Nachrichten, aber wir befürchteten schlimmes, dass wir null und gar nichts von ihr hörten. Ich war bereits dabei, Polizeidienststellen im Internet zu sichten, da klingelte es und sie kehrte zurück. Meiner Frau erklärte sie, dass sie ein sehr langes mehrstündiges Gespräch mit ihrem Freund aus Brandenburg geführt habe. Er habe Schluss mit ihr gemacht, er hege keine Gefühle mehr für sie. Er wolle aber, so weit es ginge, bei der Geburt des Kindes dabei sein. Wir verstanden und waren uns bewusst, dass sich die Schocknachricht noch setzen musste. Am Abend war der Redebedarf hoch und unsere Tochter würden wir nach besten Kräften unterstützten, mitsamt ihrem noch nicht geborenen Kind.

14. September 2023


Ganze 26 Karten waren verkauft worden, das hatte unsere Freundin im Internet recherchiert. Das waren 26 Zuschauer im Senftöpfchen Theater in Köln, das Platz bot für insgesamt 183 Zuschauer. Das war ganz schön dürftig, stellten wir fest, unwürdig für einen Komiker namens Hans Gerzlich. Vier Karten hatten Freunde für sich und uns besorgt, und wir freuten uns auf den Komiker aus Gelsenkirchen an diesem Abend im Kölner Senftöpfchen Theater, der uns als Gast bei Brüskes Laach Ovend beeindruckt hatte. Beeindruckend war seine Biografie: er hatte Wirtschaftswissenschaften studiert, war lange Zeit im Marketing tätig, bis er feststellte, dass er die wirtschaftliche Materie nicht zufrieden stellte. Dann veränderte er sich und wechselte ins Kabarett. Mit viel Humor und auch sehr subtil nahm er die wirtschaftlichen Themen ins Visier. So führte er mit dem Marktleiter von REWE eine Grundsatzdiskussion über seine Einkäufe. Er referierte über den Sinn und Unsinn von Terracotta-Enten im Garten, und er sinnierte darüber, wie man am besten bei einem wichtigen Termin mit dem Chef patzen konnte. Als Hausmann zog er die Schürze über und referierte über Kochrezepte. Hans Gerzlich war nie todernst, er prangerte die Fallstricke wirtschaftlicher Themen nicht an, sondern sah diese gelassen im Lichte von Alltagssituationen wie Einkaufen, Kochen, Putzen, im Garten oder in der Nachbarschaft. Bevor die Vorstellung begann, kam unserem Freund ein Malheur dazwischen, er hatte nämlich starkes Nasenbluten. Es kostete ihn viel Mühe, die Blutung mit jede Menge Papiertaschentüchern zum Stillen zu bringen. Sein Hemd war voll Blutflecken, so dass er im Parkhaus aus seinem Auto ein anderes T-Shirt anzog. Diesen Umstand, dass unser Freund wegen der Nasenblutung zu Beginn der Vorstellung nicht dabei sein konnte, verarbeitete Hans Gerzlich in seinem Programm. Er freue sich über jeden Zuschauer, und notfalls würde er unseren Freund im Parkhaus suchen lassen, doch später erschien dieser von selbst im Theater. Als wir die besetzten und leeren Plätze überflogen, mochten die Zuschauer die Anzahl von 26 leicht überstiegen haben. Diese niedrige Anzahl war schade für ein wirklich gutes Programm, das vom leichten Witz mit ganz vielen Lachern gelebt hatte.

15. September 2023

Mit Papierkrieg haben wir es in gewissen Phasen zu tun, so, wenn einmal jährlich die Einnahmen- und Ausgabenrechnung für den Schwager zu erstellen ist. Das Amtsgericht will es dann haargenau wissen. Einnahmen und Ausgaben müssen plausibel sein, das Amtsgericht ist grundsätzlich misstrauisch, wir könnten etwas in unsere eigene Tasche wirtschaften. Nichts soll verschwendet werden, Geldanlagen müssen ordnungsgemäß verwaltet werden. Dabei ist der Gedanke der Verschwendung Quatsch, da die Einnahmen so gerade zum Leben ausreichen. Für diese Einnahmen-Ausgaben-Rechnung sind genauso Belege zu sammeln wie für die Steuererklärung, außerdem müssen die Barbestände zu Beginn und zu Ende des Jahreszeitraums zu den Einnahmen und Ausgaben stimmen. Etwa eine Woche lang hatte meine Frau jeden Abend an dieser Einnahme- und Ausgaberechnung gesessen, um den Informationsbedürfnissen des Amtsgerichtes zu dienen. Einen weiteren Papierkrieg verursachte die Arbeitsagentur. Unsere Tochter hatte für den Monat August, bevor sie die Ausbildung begonnen hatte, Bürgergeld beantragt. Bereits mit der Beantragung hatten wir einen Berg von Formularen mit diversen Unterlagen produziert, doch das reichte nicht. Die Arbeitsagentur wollte diesen Berg von Unterlagen noch vergrößern: der Personalausweis musste noch kopiert werden, eine Meldebescheinigung fehlte, sie benötigte Kontoauszüge des Girokontos der letzten drei Monate, Sparguthaben musste unsere Tochter nachweisen, ebenso Bausparguthaben, der Bescheid für ihr Kindergeld wurde benötigt, wir mussten eine Erklärung über Taschengeld abgeben. Dies führte bei uns zu wüsten Aktivitäten des Kopierens und Ausdruckens, was die schwarze Druckerpatrone unseres Druckers so sehr strapazierte, dass der Ausdruck nur noch schwach zu lesen war. Die Arbeitsagentur befriedigte sich mit Bergen von Papier, den sie bald sichten würde, und wir hofften auf einen positiven Bescheid des Bürgergeldes für den Monat August an unsere Tochter. Der dritte Umschlag mit viel Papier war für die Bausparkasse. Die Tilgung der Hypothek für die Umbauarbeiten am Haus des verstorbenen Schwiegervaters lief über einen Bausparvertrag. Hierfür stand uns, wenn wir denn die Einkommensgrenzen einhielten, die Wohnungsbauprämie zu. Dazu mussten wir den Steuerbescheid mitschicken, der auch einige Seiten umfasste. Den heutigen Tag hätte man als Tag des Papierkrieges bezeichnen können, weil sie sich wie in einem Akt der Selbstbefriedigung gerne mit Papier umgaben.

16. September 2023


Beziehungskrisen bei Behinderten können in ungeahnte Dimensionen ausarten, das haben wir heute erfahren. Nicht erst am Nachmittag, als unser Sohn den Rasen im Haus der Dreier-WG mähte, bahnte sich das Unheil an. Der eine WG-Bewohner hatte eine Freundin, die ihn alle 2 Wochen besuchte - und umgekehrt. Dieser Bewohner redete gerne, laut und viel, und seine Freundin hatte dieselbe Eigenschaft, viel zu reden. Das passte nicht zusammen. Sie redete endlos, unaufhörlich und ohne Pause, und seiner Bitte, den Mund zu halten, kam sie nicht nach. Dann schrie er sie an, immer lauter, auch mitten in der Nacht. Es gab so manche Nächte, in denen die beiden anderen WG-Mitbewohner wegen des dauernden Streitens nicht schlafen konnten. Erste Beschwerden aus der Nachbarschaft hatte es genauso gegeben. Als unser Sohn an diesem Nachmittag den Rasen mähte, konnte er die Streitereien mitverfolgen. Er: „du sollst leiser reden.“ Sie: „ich rede gleich leiser“. Er brüllte: „leiser reden“. Sie: „mach ich doch“. Er brüllte immer lauter, so laut, dass die Nachbarn das Ordnungsamt rufen wollen. Unter diesem Dauergebrüll verließ unser Sohn irgendwann das Anwesen, wobei er nebenher über unseren neuen Elektrorasenmäher schimpfte. Abends nahm meine Frau einen Anruf entgegen, ein paar Straßen entfernt von der Dreier-WG irre eine Frau besoffen mit einer Tasche herum. Völlig verweint und in sich aufgelöst sei sie und sie wisse nicht, wohin sie solle. Es war die Freundin des WG-Bewohners. Er hatte mit ihr Schluss gemacht und sie ausgesperrt. Daraufhin hatte sie vier Dosen Bier gekauft, um sich mit ihm zu versöhnen. Er wollte sie aber nicht mehr sehen, er ließ sie nicht herein, so dass sie irgendwo auf der Straße herum irrte und die vier Dosen Bier in sich hinein schüttete. Betrunken, verwirrt und der Verzweiflung nahe, sammelte meine Frau sie ein und fuhr sie mit dem Auto nach Hause in ihre Wohnung. Bei uns zu Hause zurück, bimmelte pausenlos das Telefon der Freundin des WG-Bewohners. Einmal unser Telefon, einmal das Handy meiner Frau, nochmal unser Telefon, das war die Abfolge. Nachdem wir das Klingeln ignoriert hatten, bimmelte es eine halbe Stunde später aufs Neue und so weiter. Und so auch am nächsten Morgen bis um die Mittagszeit, wobei wir zwischenzeitlich den Anrufbeantworter abgehört hatten. Ihr Freund hatte sie am frühen Sonntagmorgen aufgesucht und ihr das Ende ihrer Beziehung nochmals mitgeteilt. Die Ladestation ihres Handys befand sich noch in der Wohnung ihres Freundes, meine Frau möge ihr diese zurück bringen, das war ihre Nachricht. All dies teilte sie uns in einer Sprache mit, wo die Worte abgehackt waren und der Redefluss überschnell, so dass man sie kaum verstehen konnte. Um die Mittagszeit dröhnte mein Kopf vor lauter Klingelei des Telefons. Was hatten wir uns angetan ? Während sich ihr Bruder zu Hause um sie kümmerte, hatten wir einen Großteil dieser Beziehungsprobleme abbekommen.


17. September 2023


In der 37. Kalenderwoche hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die paar Umgestaltungsmaßnahmen schwierig werden würden, um die Zimmer in unserem Haus für unser Enkelkind herzurichten. Eigentlich war dies nicht viel, erstens Flur und Treppenhaus streichen, zweitens Kinderzimmer und Gästezimmer herrichten, aber unser Tempo passte nicht dazu. Ich selbst outete mich ständig als Nicht-Handwerker, ich war sowieso zu langsam, Unser Sohn übernahm zwar die eine oder andere Arbeit, er hatte viele richtige Herangehensweisen, aber noch war er nicht versiert genug. Alternativ hätte uns ein guter Freund geholfen, wir wollten aber die Aktivitäten unseres Sohns abwarten, da ich in der Vergangenheit nötige Arbeiten mit dem Freund gemacht hatte, ohne unseren Sohn zu fragen. Ich wollte nicht riskieren, dass er sich wieder zurück zog, wenn dieser Freund auftauchte. Derweil wuchs der Berg von Arbeit an, die angebotene Hilfe des Freundes parkte ich. Wir mussten abwarten, mit welchem Umfang von handwerklichen Tätigkeiten uns der Sohn unterstützen würde. Davon würde abhängen, ob wir unsere selbst gesteckten Ziele erreichen würden. Für das Haus der Dreier-WG hatten wir einen neuen Elektrorasenmäher geliefert bekommen, da unser Benzinrasenmäher ständig seine Macken hatte. Im Frühjahr blockierte das Zugseil zum Anlassen häufig, so dass ich mir die Hand verstauchte. Zuletzt sprang der Benzinrasenmäher nicht mehr an, außerdem empfanden wir die Kosten für die winterliche Inspektion zu hoch. Der bei Amazon bestellte Rasenmäher war nun eingetroffen, aber das Mähen des Rasens gestaltete sich mühselig, da dieser hoch geschossen war. Bezogen auf die Rasenfläche, sah der Rasenmäher zu klein aus. Wir wollten aber in den nächsten Wochen schauen, wie der Rasenmäher mit dem kleiner gehaltenen Rasen zurecht kommen würde. Am Sonntagnachmittag war ich mit dem Schwager und dem anderen WG-Bewohner Kaffee trinken gegangen. Der andere WG-Bewohner würde in den nächsten Wochen wieder in einer Werkstatt in Siegburg arbeiten, dann könnte sich vielleicht seine finanzielle Situation etwas verbessern, wobei der Werkstattlohn nicht gerade üppig war (maximal 200 Euro). Alle paar Wochen kam ein Psychotherapeut aus Siegburg, der sich mit Gläubigern in Verbindung setzen wollte, bei denen der andere WG-Bewohner Schulden hatte. Er hatte Waren wie Strümpfe oder Münzen geliefert bekommen, wozu er nicht geschäftsfähig war. Dies sollte nun der Psychotherapeut ausregeln. Er erzählte von seinem Urlaub in Polen, den er mit seinen Eltern verbracht hatte. Vor allem die Restaurantbesuche waren ins Geld gegangen, so sehr, dass die Eltern ihren Sohn das nächste Mal wahrscheinlich nicht mehr mitnehmen könnten. Auf jeden Fall freute sich der andere WG-Bewohner, dass wir ihn ins Café mitgenommen hatten, wo er ein Stück Schokoladenkuchen gegessen hatte und zwei Fassbrause getrunken hatte. Übrigens hatte er zuletzt noch einmal für meinen Schwager gekocht, und zwar Makkaroni mit einer Carbonara-Soße, was dem Schwager gut geschmeckt hatte.


18. September 2023


Lateinisch, eine tote Sprache ? Das Deklinieren und das Konjugieren klangen in der Schule stets steif, die Formen waren streng, die Anwendung kam kaum über Kirche, Klöster oder philosophische Schriften aus dem Mittelalter hinaus. Und dennoch: den Lehrern in der Schule war es sogar gelungen, diese eigentlich tote Sprache mit Leben auszufüllen. Meine Erinnerungen an den Latein-Unterricht sind positiv belegt, weil das, was sie uns Schülern gelehrt hatten, voller Leben steckte. Da war die Legende von der Entstehung Roms: Götter hatten die Zwillinge Romulus und Remus geboren, die auf dem Tiber ausgesetzt wurden. Einsam und alleine in einem Weidenkorb auf dem Fluss, rettete eine Wölfin die beiden Säuglinge und zog diese mit ihrer Milch groß. Rom wurde auf sieben Hügeln gebaut, das haben wir ebenso im Latein-Unterricht gelernt. Sie wurden mit einer Stadtmauer umgeben und bildeten den Kern der antiken Stadt Rom. Die Büsten großer römischer Herrscher und Kaiser waren in unserem Latein-Buch abgedruckt: Marcus Porcius Cato, Sulla, Gracchus – und natürlich Caesar. Natürlich haben wir Caesars „de bello gallico“ gelesen, ich erinnere mich aber auch an den ersteren Marcus Porcius Cato. Seine Schriften über die Tugenden hatten wir besprochen, aber auch seine Ausführungen über die Landwirtschaft „de agri cultura“. Merkwürdigerweise erinnere ich mich weniger an die großen Kaiser Augustus und Constantin. Staatsformen hatten wir ebenso besprochen, so das Kürzel SPQR, welches den römischen Senat mit einer Ständevertretung des Volkes verband. Dieses Kürzel SPQR für „senatus populusque romanum“ stand für ein Herrschaftssystem, das sich bis in die Neuzeit, die dann durch die Demokratie abgelöst wurde, gehalten hatte. Mythen und Götter fand ich ebenso spannend. Wir befassten uns mit Orpheus und Eurydike, den der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen von Homer übernommen hatte. Orpheus Geliebte Eurydike war verstorben und Orpheus suchte sie in der Unterwelt. Persephone, die Frau des Gottes der Unterwelt, wollte Orpheus Eurydike wieder zurück geben unter der Bedingung, Eurydike solle ihm in der Unterwelt folgen, dabei dürfe sich Orpheus bis zum Verlassen des Totenreiches nicht nach ihr umdrehen. Leider kam dieser Moment, als er ihren Atem nicht mehr spürte, und er kehrte ohne seine Geliebte aus der Unterwelt zurück. Ein anderer spannender Mythos drehte sich um Europa. Zeus hatte sich in Europa, der Tochter des phönizischen Königs verliebt. Er verwandelte sich in einen Stier und schwamm mit ihr durch das Mittelmeer nach Kreta, wo er sich in den Gott Zeus zurück verwandelte. Später kehrte Zeus zu seiner Gattin Hera zurück. Angekommen an der Südostspitze des gleichnamigen Kontinents, wurde dieser Kontinent nach Europa benannt. Mein großes Latinum hatte ich in der Unter- und Mittelstufe des Gymnasiums erlangt, und die beiden Lateinlehrer hatten Latein ganz und gar nicht als tote Sprache gelehrt. Cicero hatte ich mit seiner gewaltigen Schrift „de oratore“ noch vergessen. Das Buch „Rubikon“ des Historikers Tom Holland, das ich derzeit lese, befasst sich weniger mit dem artenreichen Feld der römischen Kultur, sondern mehr mit Schlachten, Kämpfen, Siegern und Besiegten. Folter, Töten, Blut, Gewalt. Es ist mehr ein Abbild der Brutalität des Krieges, wie die Medien tagtäglich über die Ukraine berichten. Die Römer, die uns die Lehrer nahe gebracht haben, waren weitaus interessanter.

19. September 2023


Der Wind gegen die Blockade im Kopf. Das Wochenende, mit der Trennung des einen WG-Bewohners von seiner Freundin, brachte Wallungen von Kopfschmerzen. Das Dauergebimmele des Telefons nervte, Zu Hause verhedderte sich alles in dem Plan, umzuräumen und Zimmer herzurichten, ohne dass wir weiter kamen. Dann gestern Morgen das sehr frühe Aufstehen um 4.25 Uhr, damit unsere Tochter um punkt 6.00 Uhr im Krankenhaus sein sollte. Das war letztlich vergeblich, weil es erst der Mittwoch war. Der Kopfschmerz hatte sich danach festgesetzt, an Konzentration mangelte es gestern im Home Office und heute im Büro. Ich bekam den Kopf nicht frei, der „Flow“ war abhanden gekommen trotz der angenehmen Fahrradfahrt heute vormittag ins Büro nach dem Arzttermin. Würde es dem Wind gelingen, neue Kräfte zu sammeln ? Ich spürte die Notwendigkeit dringender denn je, mich von alledem zu befreien, was auf mich lastete. Gewöhnlich sammelte ich auf dem Fahrrad an der frischen Luft an Stellen wie in Biergärten solche neuen Kräfte. Der Wind wehte unablässig, das zeigte sich an der blau-weißen Fahne mit dem Logo des Hofbräuhauses München. Dies war zweifellos eine meiner Lieblingsorte in dieser Stadt, wo der Rhein hinter der Rasenfläche gemächlich vor sich her floss und all seine Mythen in sich vereinigte. Angenehm temperiert, würden die Jahreszeiten bald wechseln vom Sommer in den Herbst. Die erdrückende Kraft der Sonne hatte merklich nachgelassen, und die Stimmung in diesem Biergarten zeigte all diese Lockerheit, die ich mental etwas vermisste. „Simply the best“ in einer Cover-Version von Tina Turner lief im Hintergrund, was sich viel einfacher anhörte als so manche Alltagssituation: einfach das beste aus den Dingen machen, und ich wollte mich nicht von den Gegebenheiten der Wirklichkeit erdrücken lassen, der Kopfschmerz sollte weichen und den „Flow“ wollte ich wieder finden.

20. September 2023


Das erneute sehr frühe Aufstehen um 4.25 Uhr war ein Kraftakt, damit unsere Tochter pünktlich um 6.00 Uhr im Krankenhaus Bonn-Beuel ihre Arbeitsschicht beginnen konnte. Sie war so früh auf den Beinen, dass die Brötchen um 4.45 Uhr, als sie auf unserer Couch im Wohnzimmer saß, noch gar nicht knusprig genug waren, da musste sie noch 5 Minuten warten. Dennoch wurde es danach arg knapp, sie ließ sich Zeit beim Essen, das Waschen und Fertigmachen im Badezimmer beanspruchte reichlich Zeit, das Anziehen dauerte ebenso, so dass wir ihr noch ins Badezimmer und in ihr Zimmer hinterher rennen mussten. Bei der Fahrt auf der Landstraße hatten wir LKWs und Transporter vor uns, so dass wir schneller hätten voran kommen können, doch es reichte: um 5.56 Uhr stieg unsere Tochter auf dem Parkplatz direkt vor dem Haupteingang des Krankenhauses aus unserem Auto. In welcher Station sie sich einfinden musste, dass wusste sie von vorgestern. An diesem Tag hatte ich sie bereits um diese wahnsinnig frühe Uhrzeit zum Krankenhaus gefahren, wobei sie sich mit dem Tag vertan hatte. Nicht am 18. September, sondern am 20. September hatte sie einen Praxiseinsatz. Nun also am heutigen Tag, an dem sie es pünktlich in die Station schaffen sollte. Die Zeitanzeige mit der Uhrzeit 5.56 Uhr vor Augen, fuhr ich nach Hause zurück, und weil der Tagesablauf sowieso durcheinander geraten war, legte ich mich für eine Stunde auf die Couch, dann erschien meine Frau, ich packte meinen Rucksack und setzte mein Rennrad gegen 7:30 Uhr aus der Garage, um mit diesem ins Büro zu fahren – meine Frau musste an diesem Mittwoch vormittags und nachmittags arbeiten. Ich wollte gerade in den Sattel steigen und losfahren, da erhielt ich eine Nachricht auf mein Handy. „Kannst Du mich abholen ?“ schrieb unsere Tochter. Was denn los sei, fragte ich nach. Kreislauf und Übelkeit, schrieb sie zurück. Also fuhr ich los und sammelte sie ein am Krankenhaus, eine Viertelstunde Autofahrt hin und wieder zurück. Sie erzählte uns, dass man sie nach Haus geschickt habe und Verständnis dafür habe, dass es in ihrem schwangeren Zustand schwierig sei, am heutigen Tag eine geeignete Arbeit für sie zu finden. Wir wussten nicht genau einzuordnen, was wir davon halten sollten. Wir hielten es aber grundsätzlich für entgegen kommend, sie mit Kreislaufproblemen und Übelkeit nach Hause zu schicken. So ging der erste Arbeitstag unserer Tochter mit Praxiseinsatz zu Ende, bevor er überhaupt begonnen hatte.

21. September 2023


Am frühen Abend rief der Schwager meine Frau an, sein WG-Bewohner habe das Bewusstsein verloren und er läge auf der Terrasse. Das hörte sich bedrohlich an, und so war es denn auch. Er war wieder aufgestanden und suchte den Anschein zu wahren, es sei nichts schlimmes passiert. Sein Kinn blutete, und ansonsten fühle er sich normal. Etwas später sollte ohnehin seine Betreuerin kommen. Wie er bewusstlos geworden sei, das konnte er nicht genauer präzisieren, ihm sei schwarz vor Augen geworden. Eigentlich nicht zuständig, ging meine Frau mit ihm zum Hausarzt um die Ecke, wo er gewöhnlich kein Patient war. Die dortige Sprechstundenhilfe schickte ihn nach Hause, weil er seine Krankenkassenkarte nicht mit dabei hatte. Wenn er aber innerhalb der nächsten halben Stunde wieder käme, sei der Hausarzt noch da und er würde ihn behandeln. Dieses Zeitfenster passte, da seine Betreuerin direkt anschließend kam, und sofort suchte sie mit ihm den Hausarzt auf. Er diagnostizierte, dass die Wunde am Kinn genäht werden musste, ebenso blutete er im Mundbereich. Als der Bewohner mit seiner Betreuerin vom nächst gelegenen Krankenhaus in Sieglar zurück kehrten, waren die Wunden am Kinn und im Mundbereich geklebt worden, ein Vernähen war nicht erforderlich gewesen. Also schien alles in Ordnung zu sein, dem war aber nicht so. Mit dem EKG waren Herzrhythmusstörungen im Krankenhaus festgestellt worden. Dagegen bekam er zum einen Medikamente, zum anderen wurde ein Termin im Krankenhaus in der darauf folgenden Woche festgelegt, um ein Reset des Herzens durchzuführen. Schließlich erklärte man ihm, dass das Rauchen Einfluss habe auf den Zustand des Herzens, was ihn zu dem sinnvollen Schritt veranlasste, mit dem Rauchen aufzuhören. Damit endeten auch seine ständigen Bitten am Sonntagabend, ob wir ihm zehn Euro leihen könnten. Diese zehn Euro waren für Zigaretten. Montags bekam er gewöhnlich Geld zum Einkaufen, das er am Sonntagabend noch nicht zur Verfügung hatte. Der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, hatte somit nicht nur direkte Auswirkungen auf seine Gesundheit, sondern auch auf seinen Geldbeutel.


22. September 2023


Was ist der Apfel des vielleicht kommenden Bürgermeisters Wert ? Am 26. November wählen die Bürger unserer Stadt einen neuen Bürgermeister, nachdem der bisherige Bürgermeister aus gesundheitlichen Gründen zurück getreten ist. Der bisherige Bürgermeister hatte auf mich durchaus einen sympathischen Eindruck gemacht, er war nicht aufdringlich, nett und freundlich, gewandt in den Sachthemen und er errichte seine Bürger, wenngleich er der falschen Partei angehörte. Der jetzige CDU-Kandidat war ein bulliger Typ, seine hohe Stirn erhob sich über seiner breiten Gestalt, und in den Lokalblättchen war er bei allen nur denkbaren wichtigen Themen zu sehen. Ein Platzhirsch, unsympathisch, der die Öffentlichkeit an sich riss und an dem niemand vorbei kam. Lokalpolitiker suchen sich ihre potenziellen Wähler beim Einkaufen aus, um ihnen zu begegnen, so auch an derselben Stelle vor dem Eingang des REWE-Supermarktes der SPD-Kandidat vor einer Woche. Er hatte unablässig mit seinen Bürgern geredet, so intensiv, dass es mir nicht gelungen war, ihm meine Fragen zu stellen. Einkaufssituationen scheinen die Gespräche mit den Bürgern zu fördern, und es schien so, als könnten die Bürger all die Themen im Umfeld der Stadt loswerden, die sie berührten. Heute verteilte der CDU-Kandidat Äpfel, jedem vorbei schreitenden REWE-Kunden legte er einen Apfel in den Einkaufswagen. Allerdings ohne diese Ungezwungenheit, ohne die Pflege des lockeren Gesprächs, die der SPD-Kandidat eine Woche zuvor an den Tag gelegt hatte. Wie würde die Aktion, Äpfel zu verteilen, bei den potenziellen Wählern ankommen ? Wohl weniger als ich vermuten würde, da die jetzt an diesem Vormittag einkaufenden REWE-Kunden nur einen Bruchteil des Wählerklientels ausmachen würden. Außerdem folgten die Wähler gerne dem Trend in der Bundespolitik, zudem hatte das Desinteresse der Bürger an der Politik im Zeitverlauf zugenommen mit der Schar von Nichtwählern und Protestwählern. So war jede Wahl eine Mixtur aus Berechenbarkeiten, Unwägbarkeiten und Zufällen. Der SPD-Kandidat war jung, dynamisch, freundlich, aufgeschlossen. Der CDU-Kandidat war eher altbacken, steif, konserativ und mit einem gequälten Lächeln. Die Wähler würden jedenfalls ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen.

23. September 2023


Was die Renovierungsmaßnahmen in unserem Haus betraf, hingen wir weiterhin daran fest, alle Teile für den Zaunbau zum Nachbarn der Dreier-WG zusammen zu haben. Die Steckvorrichtungen für die Pfosten konnten wir abholen, und so fuhren wir samt Sohn und Ehefrau nach ihrem Arbeitsende zum Baumarkt. Die Steckelemente konnten wir zwar mitnehmen, die Zeitplanung, um alle benötigten Teile mitzunehmen, scheiterte aber daran, dass der Schwager zum Geburtstag eingeladen war. Um 17 Uhr musste meine Frau losfahren, um einen Freund einzusammeln und die beiden zur vereinbarten Pizzeria zu bringen. Die Zeitplanung scheiterte zusätzlich, weil die Anzahl der benötigten Schrauben sehr hoch war. Wir kamen auf 384 Schrauben, die in die Winkel mit sechs Löchern oben, unten und in der Mitte auf beiden Seiten der vier Zaunelemente zu verschrauben waren. Passend auf die Winkel als Flachkopfschraube mit dem richtigen Durchmesser, waren keine 384 Schrauben im Baumarkt vorrätig. So nahmen wir wenigstens die Lasur und Pinsel mit, um die Zaunelemente streichen zu können. Unseren ursprünglichen Plan, die Lasur zusätzlich mit einer Farbe zu überstreichen, ließen wir fallen. Offen war noch, ob die Lasur einmal oder zweimal zu streichen war. Zwischenzeitlich war dann mit dem Baumarkt zu regeln, dort die 384 Schrauben in der genauen benötigten Form zu bestellen. Da die Renovierungsmaßnahmen noch nicht so richtig in Angriff genommen waren, hatte meine Frau inzwischen auf eine Blockade umgeschaltet, was gemeinsame Unternehmungen betraf. Keine Theaterbesuche und keine Kabarettbesuche. Ich war mir allerdings gewiss, dass Ausnahmen kommen würden, so in der nächsten Woche bei der Fernsehaufzeichnung von Oliver Geissen.

24. September 2023


In der 38. Kalenderwoche hatte meine Frau ein Gespräch in der Behindertenwerkstatt, in dem es um die Potenziale ihres Bruders ging. Von seinen Kollegen würde er sich überwiegend abkapseln, er sei nicht kommunikativ veranlagt und rede wenig. In den Pausen gehe er mit seinem Rollator auf und ab, und seine Arbeitskollegen könnten meinen, er wolle nichts mit ihnen zu tun haben. Hin und wieder rede er mit einem Mädchen, das er von dem einmal monatlichen Behindertentreffe kenne. Mit ihr redete er häufig über Fußball, namentlich über Borussia Dortmund. Darüber wunderte sich meine Frau, nicht, dass er sich mit ihr unterhielt, sondern dass Fußball das Thema war, wofür er sich sonst nie interessierte. Seine Tätigkeit mit den Tackernadeln war monoton, so dass er lieber eine andere Tätigkeit machen wollte. Aber was ? Sein Wunschdenken, LKW-Fahrer in einem Kieswerk sein zu wollen, war realitätsfremd. Zeitweilig hatte er Verpackungsarbeiten durchgeführt, Lollies und Lutscher von Chupa Chups einzupacken, womit er nicht unzufrieden schien. Diese Verpackungsarbeiten fielen aber nicht regelmäßig an, sondern in bestimmten Zeitintervallen. Als man ihn befragt hatte, ob er lieber diese Verpackungsarbeiten machen wolle, hatte er sich dazu nicht geäußert. Derzeit waren solche Verpackungsarbeiten nicht zu erledigen und es war auch nicht absehbar, wann diese wieder anfallen würden. Ein weiteres Thema bei diesem Gespräch war eine weitere Arbeitszeitverkürzung. In seiner Arbeitszeit hatte er den Mittwoch frei, wo sie viele Dinge knubbelten, so das Duschen durch das Rote Kreuz, die Logopädie und die Betreuung. Dies sollte durch eine weitere Arbeitszeitverkürzung entzerrt werden. Die Werkstatt bot konkret eine tägliche Arbeitszeit bis 14 Uhr an, wozu der Abholdienst auch organisiert werden könne. Der Schwager stimmte diesem Vorschlag zu, wobei der Änderungszeitpunkt noch unklar war – wahrscheinlich würde es der 1. November. In dieser Kalenderwoche hatte ich im Autoradio einen klugen Spruch zu Differenzen in der Familie gehört. „Das Problem ist das Problem“ und „fairer Umgang miteinander auf Augenhöhe“ so lauteten die beiden Leitsprüche. Genau dies vermisste ich bisweilen in unserer Familie. Oftmals ging es nicht um das Problem, sondern um eine Person, die dahinter steckte. Und manchmal wechselte der Umgangston in ein Aggressionsverhalten, dass der andere gezwungen war, sich zu verteidigen. Dieser Umgangston war von oben herablassend und nicht auf Augenhöhe. Manchmal und nicht immer und manchmal wohl auch zu Recht. Situationen, in denen diese Leitsprüche anwendbar sein würden, würden sich früher oder später ergeben.


25. September 2023


An diesem Nachmittag saßen wir draußen an dem reservierten Tisch, die Herbstsonne wärmte ordentlich, und zu siebt hatten wir uns in einer geselligen Runde im Restaurant am Marktplatz eingefunden. Von meiner Sitzposition aus, wo ich zwei Weizenbier trank, konnte ich beobachten, wie der Kabarettist Christoph Brüske sein Publikum begrüßte. Wir hatten ebenso Karten für seinen Laachovend, der in dem zum Restaurant gehörenden Saal statt fand. Er begrüßte seine Gäste persönlich mit Handschlag, er plauderte mit ihnen, vertraute Töne wechselten hin und her. Verwurzelt in unserem Ort, hatten wir seine Laachovende seit Vor-Corona-Zeiten stets gerne besucht, bei denen er neben seiner eigenen Person zwei Gäste auftraten. In diesem Jahr hatte er mit der besonderen Herausforderung zu kämpfen, dass einer der beiden Gäste genau um 16.10 Uhr abgesagt hatte, beginnen sollte die Vorstellung um 19.30 Uhr. Hier zeigte sich, dass Kabarettisten untereinander solidarisch sind und sich gegenseitig helfen: ein türkischer Kabarettist aus dem Kölner Süden sprang kurzfristig ein. Und der war richtig klasse. Er hieß Serhat Sohan, vor 20 Jahren war er aus der Türkei eingewandert und in Form eines Tagebuches beschrieb er, wie er Deutschland kennen gelernt hatte. Er war nach München gereist zum Hofbräuhaus, wo er Maßkrüge so beschrieb, dass Kinder darin hätten ertrinken können. Den Karneval hatte er in Köln erlebt, wo ihn die Verkleidungen in Form von Uniformen an Krieg erinnerten. Er scherzte, wenn man Munition in Form von Bonbons in das Volk werfe, dass die Deutschen sich dann nicht wundern dürften, dass sie zwei Weltkriege verloren hätten. Als er an die niederländische Küste fahren wollte, erlebte er nur eines: Stau. Zwei Stunden habe er gebraucht, bis er über die Grenze gefahren sei, und damit meinte er die Stadtgrenze von Köln-Chorweiler nach Dormagen. In den Niederlanden dachte er, alle Niederländer hätten Symptome von Erkältung – wegen der harten Nasallaute. Wir lachten herzhaft über seine Begegnungen mit Deutschland, um so mäßiger war der zweite Gast. Es war eine Mischung von Zauberer und Kabarettist, der aus Essen kam und intensiv die Zuschauer in seine Zaubervorführungen einbezog. Wir saßen zwar weit genug entfernt von der Bühne, doch seine Kombination von Zauberei und Humor war eher dürftig. Christoph Brüske selbst äußerte einige prägende Sätze, in denen er unsere Gesellschaft beschrieb. Die ganze Klimadebatte sei voller Hysterie und überreizt, wozu er die Klimakleber benannte. Als prägenden Begriff nannte er die Nomophobie: das sei die Angst, sein Handy nicht mit dabei zu haben. Die Pole, zwischen denen sich die Menschen bewegten, seien Jammern oder Gereizt-Sein. Einen Gegenentwurf, positiv zu denken oder einfach anzupacken, gebe es nicht. Zur Meinungsfreiheit äußerte er sich ebenso: diese Meinungsfreiheit bedeute für viele eine Rechthabe-Freiheit. Kein Spektrum von Meinungen, sondern eine einzige Meinung, die so stehen zu bleiben habe. Dazu komme eine Respektlosigkeit, als Beispiel dazu nannte er einen Beamtenwitz, den er auf der Bühne gemacht hatte. Das Tempo von Beamten hatte er mit dem Tempo von Schnecken vergleichen. Daraufhin hatte sich ein Verband der deutschen Schneckenbesitzer bei ihm gemeldet, dass sein Witz diskriminierend gegenüber Schnecken gewesen sei. Redefreiheit, Witz und Humor würden so unterlaufen, wenn man es jedem Interessengrüppchen Recht machen wolle. Das sei respektlos. Wie bei den vergangenen Laachovenden, war es ein unterhaltsamer und schöner Abend. Mit einem ausgezeichneten türkischen Kabarettisten, mit einem Zauberer, der ein bißchen Kabarettist enthielt, und mit einigen schlagfertigen Wahrheiten des Gastgebers.

26. September 2023


Das nehmen, was kommt, auf die Bahn ist ohnehin kein Verlass. Um 9.59 Uhr hätte der RRX in Richtung Koblenz kommen sollen, die Verspätung am Bahnhof UN Campus wurde aber immer größer. Waren es bei der Abfahrt im Büro noch 10 Minuten, so wurden daraus beim Warten am Bahnhof 35 Minuten. Ursache sei eine Baustelle, darüber informierte eine Ansage. Egal. Mit dieser Verspätung im Gepäck bewegte sich der RRX in Richtung Koblenz, zwischendurch Warten hinter Sinzig, weil er einen ICE vorbei lassen musste. Diese Verspätung summierte sich so sehr auf, dass in Andernach Endstation war. Nach Koblenz hätte ich mit dem irgend wann folgenden Bummelzug fahren müssen. Ungewollt entschied ich mich für Andernach, man muss das nehmen, was kommt, auf die Bahn ist ohnehin kein Verlass. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich Ende August gemacht, als ich ursprünglich mit dem Fahrrad von Erkelenz nach Venlo geradelt sein wollte. Es kamen aber keine Züge über Köln Hauptbahnhof oder Köln-Ehrenfeld, sondern sie verkehrten über eine andere Strecke. Auch bei dieser Reise musste ich den Zug nehmen, der kam, das war in diesem Fall der Regionalexpress nach Hamm. Auf solchen Umwegen änderte sich die Fahrradtour von Duisburg nach Krefeld anstelle von Erkelenz nach Venlo. Nun, heute war also in Andernach Schluss. Eigentlich eine schöne, historisch geprägte Variante zu Koblenz mit einer kürzeren Fahrzeit der Bahn, allerdings mit dem Nachteil, dass die wenigen Stellen in der Stadt mit WLAN instabil waren. Oder es waren Hotspots von Vodafone, die nicht öffentlich zugänglich waren. Historisch weisen Linz und Andernach Ähnlichkeiten auf, wobei Andernach verwinkelter ist, die Stadtmauer ist besser erhalten. Kneipen, Restaurants und Cafés sind vielfältiger, so dass es in Summe mehr zu sehen und zu erkunden gibt. Dieses Sehen und Erkunden trat allerdings heute in den Hintergrund. Eine große Kirmes hatte sich in das historische Stadtzentrum hinein gepflanzt, so ein Autoscooter mitten in den Marktplatz hinein. Riesenrad und andere Fahrgeschäfte hatten sich jenseits der Stadtmauer platziert, ein Vielerlei von Marktständen schlängelte sich die Haupteingangsstraßen entlang. So tat ich mich mit der Schönheit der Stadt schwer, die mit ihren Hausfassaden aus dunklem Lavagestein eine etwas strenge Form hatte, auf denen Verzierungen und Stuckarbeiten aber gut zur Geltung kamen. Um mich von den allgegenwärtigen Vodafone-Hotspots zu befreien, musste ich suchen. Zuerst trank ich an den Eifeler Backstuben einen Kaffee, der WLAN-Zugang mit dem Kürzel MYK verschwand aber irgend wann. Dann suchte ich ein Eiscafé in der Stadthausgalerie, wo ich mit dem Zugang von C&A ins Netz gehen konnte. Zwei etwas umfangreiche dienstliche Themen arbeitete ich ab, dann musste ich die Stadt wieder verlassen, von der ich diesmal wenig gesehen hatte, allenfalls gewährte das Kaffeetrinken an der Eifeler Backstuben einen Blick auf das alte Rathaus. Ein paar Hingucker links und rechts des Weges zum Bahnhof, wo der RRX diesmal pünktlich kam. Zurück nach Bonn, wo ich mir ebenso ein paar Freiräume gestalten wollte.

27. September 2023


Ein zweiter Termin in der Pränataldiagnostik mit ähnlich schönen Ultraschallbildern wie beim ersten Termin. Die Ärztin durchleuchtete mit ihrem Super-Ultraschallgerät Kopf, Beine und Arme und vermaß diese: Länge, Breite und Umfang des Kopfes, Gewichtsberechnung. Es war eine Technik, die bei den drei Schwangerschaften meiner Frau noch nicht so ausgereift war. In einer Feineinstellung konnte man die Körperteile so sehen, als wäre das Kind im Mutterleib bereits geboren. Von den wichtigen Körperteilen machte die Ärztin Fotos und schickte diese auf das Handy unserer Tochter. Nach Kopf, Beinen und Armen schaute sich die Ärztin Organe wie Leber und Niere an. Beeindruckend waren die vier Herzkammern, wo man erkennen konnte, wie das Blut von der einen Kammer in die benachbarte gepumpt wurde. Alles sei am Kind dran und alles sei bestens ausgeprägt, so fasste die Ärztin zusammen. Keine Unregelmäßigkeiten seien zu erkennen. Und doch gab es bei all den fein gestochenen Fotos eine Unzulänglichkeit, der Junge war nämlich ganz schön lebhaft und hampelte zu sehr herum. Es war so lebhaft, dass ein Foto vom Gesicht des Jungen nicht gemacht werden konnte. Irgendetwas, entweder die Beine oder die Arme, verdeckte ständig das Gesicht. Ein Hampelmann, meinte die Ärztin dazu. Dennoch zufrieden damit, was die Fotos hergaben, konnte unsere Tochter in zwei Monaten sich nochmals von der Ärztin der Pränataldiagnostik untersuchen lassen. Es seien zwar keine Unregelmäßigkeiten zu sehen, aber bei einer Schwangerschaft in solch einem zarten Alter von 18 Jahren sollte man genau hinschauen. Und so wird sich unsere Tochter wohl in zwei Monaten in dieser Arztpraxis wieder einfinden.

28. September 2023


Beerdigung des Onkels in der Heimatstadt am Niederrhein. So rein zufällig kamen mein Bruder mit der Mama sowie wir beide gleichzeitig an. In den Parktaschen an der Zufahrtsstraße zur Kirche hatten wir geparkt, genau in diesem Moment fuhren der Bruder, die Mama im Rollstuhl schiebend, vorbei. Das war das erste Mal, dass ich sie im Rollstuhl sah. Diese Endstation, zum selbstständigen Gehen nicht mehr fähig zu sein, war deprimierend anzuschauen. Der Bruder schob den Rollstuhl, der all die Gebrechlichkeit des Alters mit den 87 gelebten Lebensjahren in sich zusammenfasste. Dieses Fortbewegungsmittel des Rollstuhls hatte zudem zu Streit geführt: es sollte ein zusammenklappbarer Rollstuhl sein, der anscheinend sofort in einem Sanitätshaus in Viersen verfügbar war. Mein Bruder hatte keine Zeit, die 20 Kilometer mit dem Auto nach Viersen zurück zu legen. Als die Mama ihn dennoch drängte, hatte der zusammenklappbare Rollstuhl eine Lieferzeit. Mein Bruder war sauer, da man dies auch telefonisch hätte erledigen können. Das Thema des Rollstuhls hatten wir diskutiert, da sollte die Beerdigungsmesse in fünf Minuten beginnen, und wir schritten zu den Bänken in der Kirche. Die Kirche im Stadtteil Beeck war nach einem etwas seltenen aus Spanien stammenden Heiligen Vinzenzius benannt. Ähnlich wie der Heilige Laurentius, gehört er zu den frühchristlichen Märtyrern, die wegen ihres christlichen Glaubens gefoltert wurden, und ähnlich wie Laurentius starb er auf einem glühenden Metallrost. Ein paar Dinge erzählte der Priester über den verstorbenen Onkel, die mir so nicht bekannt waren. Bekannt war mir, dass er den Bauernhof seiner Eltern übernommen hatte. Unbekannt hingegen, dass er im Alter von 41 Jahren eine Schlosserlehre gemacht hatte und danach in einem mittelständischen Betrieb des Maschinenbaus in derselben Stadt gearbeitet hatte. Er war so aktiv in der Schützenbruderschaft tätig, dass er einmal als Schützenkönig den Vogel abgeschossen hatte. Kegeln war ein Hobby, mit dem er eine Unzahl von Pokalen angesammelt hatte. Im Ruhestand war er viel auf dem Fahrrad unterwegs, gerne machte er Urlaub am Bodensee. Bis ins hohe Alter von 84 Jahren fuhr er mit dem Auto in den Urlaub, so auch an den Bodensee, wo er die Räder mitnahm und viel Fahrrad fuhr. Ein Hüftleiden, das einige Bewegungen unmöglich machte, zwang ihn bis zu seinem Tod im Alter von 92 Jahren ins Bett. Der Friedhof, wohin sich die Trauergemeinde nach dem Gottesdienst bewegte, lag am Ortsrand dicht am Grenzlandring. Dort überraschte eine Cousine aus Bayern mit ihrer Anwesenheit. Wegen der mehr als 600 Kilometer weiten Anreise hatte niemand mit der Verwandtschaft aus Bayern gerechnet, dort lebte die Schwester des Verstorbenen mit ihren Kindern. Einsam und alleine hatte sich Claudia, so hieß die Cousine, mit ihrem Auto auf den Weg gemacht. Mit Spitznamen hatten wir sie immer „Mä“ für Mädchen genannt, und sie übernachtete in einem Hotel in der Stadt. Zum Begräbniskaffee wurde in das Beecker Brauhaus geladen, dessen Namensgebung irreführend war, weil es keine eigene Hausbrauerei gab. Über Nebenwege betraten wir von der Rückseite das Brauhaus, wobei zwei Stufen den Zugang für die beiden Rollstuhlfahrerinnen erschwerten. Neben meiner Mama musste meine Tante, die Witwe des Onkels, im Rollstuhl geschoben werden, sie hatte ein Alter von 85 Jahren erreicht, sie hatte eine stark gebeugte Haltung und einen Nerv der Wirbelsäule eingeklemmt. Fest zupackend musste man sie aus dem Rollstuhl heraus nehmen und an den Armen festhalten, damit sie aufrecht gehend die beiden Stufen bewältigen konnte. Beim Begräbniskaffee wechselten wir die Sitzpositionen, um uns mit Vettern und Cousinen zu unterhalten. Da alle in kleinerer oder größerer Entfernung voneinander wohnen, hat es sich zuletzt leider so ergeben, dass Beerdigungen die wesentlichen Treffpunkte gewesen waren, um miteinander zu reden. Anfangs redete mein Bruder viel mit der Cousine aus Bayern. Vor einigen Jahren hatte er sich ein Wohnmobil gemietet, womit er auch nach Bayern gefahren war, um Onkel, Tante, Cousinen und Cousins zu besuchen. Von München aus hatte er es bis zu Onkel und Tante in Neumarkt St. Veit geschafft, das Zeitfenster für den einen Cousin im Ort Gangkofen war viel zu klein geraten, so dass er kaum zwei Stunden dort verweilt hatte. Im Januar hatte ich die Cousine bei der Beerdigung des Onkels getroffen, als ich mi dem ICE nach Bayern gefahren war, aber auch hier hatte ich die wesentlichen Gespräche mit anderen Verwandten geführt. Von dem Cousin, der Sohn des verstorbenen Onkels war, war mir relativ wenig bekannt. Er hatte zwei Söhne und eine Tochter sowie eine Pflegetochter, alle waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die jüngste Tochter war die erste, die Nachwuchs bekommen hatte, insgesamt 5 Enkelkinder hatte seine Familie inzwischen. Große Angst hatte er um seine Tochter, weil bei ihr ein Gehirntumor festgestellt worden war. Vor zwei Jahren war dieser entfernt worden, nun war dieser kürzlich wieder gekehrt. Einer seiner Söhne machte bei der Bahn in Duisburg eine Ausbildung in Leittechnik und Signaltechnik, neben der Ausbildung suchte er gleichzeitig ein Studium zu absolvieren. Morgens fuhr er mit dem Auto zum Bahnhof in Erkelenz, von wo aus er entweder mit der Bahn nach Duisburg zur Ausbildung oder nach Aachen zum Studium an der RWTH fuhr. Zu Urlauben und Kurzurlauben war der Cousin gerne unterwegs. Bayern war seine bevorzugte Urlaubsgegend, was nicht unbedingt meinen eigenen Vorlieben entsprach. Als Schüler hatte ich einmal mit meinen Eltern in Berchtesgaden Urlaub gemacht. Wir hatten ausschließlich vollkommen überlaufene Stellen wie den Königssee, die Ramsau, Schloß Herrenchiemsee oder den Watzmann bereist, seitdem hegte ich eine Abneigung gegen die Alpen oder die Berge in Bayern und machte dort nie mehr Urlaub. Alleine im Legoland in Günzburg waren wir Jahr für Jahr mit unseren Kindern gewesen. In Bayern war der Cousin oft im Allgäu oder in der Umgebung von Garmisch-Partenkirchen gewesen. Der Cousin liebte aber auch den Rhein, er war in Remagen, Andernach oder Koblenz gewesen, besonders schwärmte er vom Mittelrheintal und von Bingen. Des weitere erzählte er, dass sie zuletzt im Kreis seiner Kinder und Enkelkinder vier Ferienwohnungen auf dem Bauernhof in der Vulkaneifel gemietet hatten. Die Enkelkinder waren glücklich gewesen, toben zu können und mit so vielen Tieren spielen zu können. Er selbst arbeitete als Industriemechaniker in demselben Betrieb, wo sein Vater gearbeitet hatte, und in zwei Jahren hoffte er, mit 64 Jahren in Rente gehen zu können. Beim Abschied führten wir noch ein Gespräch mit der Cousine aus Bayern, bei dem es um die Schulabschlüsse unserer Kinder ging. Ihre beiden Jungs und ihre Tochter hatten den Realschulabschluss, mal besser, mal schlechter. Etwas schwierig sei ihr jüngerer Sohn gewesen, er habe nämlich in der Grundschule keine Hausaufgaben gemacht. Anfangs hatte sie sich hartnäckig hinzugesetzt, später habe sie ihn in die Ganztagesschule geschickt, wo Hausaufgaben gemacht worden seien. Da habe es mit den Hausaufgaben funktioniert. Ansonsten dürfe man die Kinder nicht mit Erwartungen überfordern, ein Mittelmaß sei vollkommen in Ordnung, selbst wenn fünfen mal dabei seien. Noten dürfe man nicht zu sehr als Maßstab anlegen. Ruhe und Gelassenheit habe ihr in der Schulzeit ihrer Kinder geholfen. Schließlich verabschiedeten wir uns alle. Wir fragten uns, ob die nächste Beerdigung der Anlass eines Wiedersehens sein würde oder vielleicht doch eine andere Gelegenheit.

29. September 2023


Wie letzten Montag, wiederholte sich die Unzuverlässigkeit der Bahn, so dass drohte, dort nicht anzukommen, wohin ich wollte. Rechtsrheinisch wollte ich nach Koblenz, in Neuwied war aber bis auf unbestimmte Zeit Schluss, weil die Polizei die Strecke gesperrt hatte. Ein Suizidgefährdeter wollte sich wohl vor den Zug werfen. Anstatt auf unbestimmte Zeit im Zug ausharren zu müssen, entschied ich mich, auszusteigen und in Neuwied das am Laptop zu erledigen, was ich schaffen wollte. Keinerlei Ahnung, was in Neuwied zu erkunden war, spazierte ich vom Bahnhof aus das durchaus lange Stück bis zur Stadtmitte. Die große Attraktion auf dem Marktplatz war das gläserne Studio von SWR1, aus dessen Lautsprechern unüberhörbar die Top1000-Hitparade ertönte. Die WLAN-Anbindung passte ebenso, so dass ich die Septembermengen auswerten konnte, was ich mir vorgenommen hatte. In der Stadt lernte ich, dass Neuwied eine schachbrettartig angelegte Stadt war – wie etwa Mannheim oder Düsseldorf. Der historische Teil der Stadt lag in der Nähe des Rheins, während die Straßenzüge zum Bahnhof hin das eher nüchterne Erscheinungsbild einer normalen Fußgängerzone zeigten. Zum Rhein hin hatten die Grafen von Wied ein Barockschloss gebaut, wohin sie ihren Herrschaftssitz vom Westerwald an den Rhein verlegt hatten. Somit war Neuwied eine barocke Stadt, wo zum Rhein hin auch einige schöne erhaltene Straßenzüge mit historischen Bauten existierten. Die Rheinpromenade war ebenso hübsch mit einem Biergarten und der Aussicht auf eine Rheinbrücke, das war rheinaufwärts hinter Bonn die nächste Brücke über den Rhein. Mittags aß ich zum günstigen Preis von fünf Euro Reis mit Hühnerfleisch in einem chinesischen Imbiss, dazu konnte ich irre Stücke wie „Smoke on the Water“, „Supper’s Ready“ von Genesis oder „do kanns zaubere“ von BAP hören. Die Rückfahrt mit der Bahn gestaltete sich nicht so unzuverlässig wie die Hinfahrt.

30. September 2023


Blick von Neuwied aus über den Rhein. Vom Bahnhof aus war ich in das Stadtzentrum gelangt, von wo aus der Rhein überraschend gekommen war. Das Schachbrettmuster, in dem die Barockstadt angelegt war, endete geometrisch und viereckig am Rhein und schloss genau ab mit der Mauer, die zu der Deichanlage gehörte. Durch ein Tor in der Mauer konnte man zum Rhein schreiten, dessen Ausblicke stets so verschieden sind. In Bonn begeistert das Panorama des Siebengebirges, in Köln besticht der Postkartenblick mit der Altstadt und dem Dom, in Duisburg überwiegen Industrieanlagen mit dem Hafen, in Neuwied bestimmt die Topografie des Neuwieder Beckens den Ausblick. Eingekesselt zwischen den Hängen der Eifel, sammelt sich in dem Becken ein Hafen und ein Stahlwerk. Nicht so aufdringlich wie in Duisburg, die Industrie tritt hier nicht so massiv auf, aber die Grundelemente bestehen aus Stahl und einem Hafen in einer weitaus ländlicheren Umgebung. Der Andernacher Hafen, der größte Hafen am Mittelrhein, gleitet sachte in die andere Rheinseite hinein und verbirgt die ansteigenden Hänge des Andernacher Trichters. Die Romantik des Rhein macht in diesem Abschnitt eine Pause, Industriebetriebe des Mittelstandes haben sich hier angesiedelt, dazu Thyssen-Krupp mit dem Stahlwerk Rasselstein, das mehr als ein Jahrhundert Weißbleche herstellt. Rheinaufwärts, in Richtung Koblenz, öffnet sich der Blick auf die nächste Rheinbrücke hinter Bonn: eine Hängebrücke mit einem Brückenpfeiler auf einer Insel, die auf einer Bundesstraße die Rheinüberquerung ermöglicht. Die Rheinpromenade kann man in Neuwied aus durchaus schön bezeichnen. Sie ist weitläufig, nicht betoniert, der Blick auf das Neuwieder Becken ist offen und frei, Industrieanlagen verstecken sich. Neuwied ist ausgewogen proportioniert, zwischen Geschichte, der Moderne und ein bißchen Industriearchitektur.

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