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Tagebuch Februar 2024

1. Februar 2024


Eile mit Weile: eine Skulptur in der Rheinbacher Stadtmitte, die zwei auseinanderlaufende Menschen zeigt. Der eine Mensch bleibt stehen, er will verweilen und den Augenblick festhalten, der andere strebt in seiner Bewegung nach vorne. Das Innehalten und die Bewegung passen nicht zusammen. Das Motto „Eile mit Weile“ beschreibt in dieser Konstellation eine Unmöglichkeit, diese beiden Stile in ihren Geschwindigkeiten miteinander zu verbinden. Genau in dieser Konstellation finde ich mich im Alltag des öfteren wieder. Gerne pflege ich das Verweilen, ich setze mich in Cafés, ich genieße den Augenblick, lese gerne Bücher, halte inne, reflektiere, denke nach. Das ist mein eigentlicher Lebensstil. Doch später werde ich überrollt von all den To do’s, was zu erledigen ist. Da komme ich nicht hinterher, weil das alles viel zu viel ist, so dass ich von vornherein nur in der Lage bin, eine bestimmte Teilmenge abzuarbeiten. Irgendwann kommt man nicht umhin, solche Dinge wie Hausarbeit, Garten, Aufräumen, das wozu ich handwerklich fähig bin, wegzuarbeiten. Aus einem inneren Verständnis ist das dann dieses Wegarbeiten lästig, man hakt diese Aufgaben seelenlos, funktionell und ohne Freude ab, damit dieser Stapel von Arbeit nicht noch weiter wächst. Dieses Prinzip „Eile mit Weile“ hat im Alltag kein System, es geht unter in zu viel Hetze, Hektik und Termindruck. Es ist nicht machbar. Die Balance und Ausgeglichenheit zwischen Eilen und Weilen fehlt.



2. Februar 2024


Es war einer derjenigen Termine, die ich verdrängt hatte. Bevor ich in der nächsten Woche Urlaub nehmen wollte, hatte ich einen Berg dienstlicher Arbeit abzuarbeiten. Meine Frau hatte mir diesen Termin mitgeteilt, dass – wie im letzten Jahr – im Gartenmarkt, wo sie in der Postagentur arbeitet, der Karnevalsprinz auftritt. Im Home Office kämpfte ich indes mit diesem Zahlenhaufen, ihn zusammenzustellen, zu ordnen und in der gewünschten Struktur rechtzeitig abzuliefern. Dann waren noch ein paar zusätzliche, kleinere Tabellen aufzubereiten, die während meiner Abwesenheit in der nächsten Woche benötigt wurden. Nur noch Zahlen im Kopf, bedurfte er einer SMS meiner Frau sechzehn Minuten vor 18 Uhr, um mich an diesen Termin zu erinnern, den ich sonst glatt vergessen hätte. Also war ich nach dieser SMS sofort los, unser Karnevalsoberteil fand ich in all der Hektik nicht, kurz nach 18 Uhr fand ich mich im Gartenmarkt ein, wo der Prinz mit seiner zahlreichen Begleitung vor dem Eingang wartete. Drinnen, im Gartenmarkt, bevor das ganze Gefolge mit dem Prinzen unter dem Tam-Tam der Karnevalsmusik einmarschierte, fühlte ich mich fehl am Platze wie Falschgeld. Meine Frau hatte noch mit ihrem Kassenabschluss zu tun, so ziemlich einsam und alleine stand ich unter vielen Menschen, wovon mich mit vielen nichts verband. Einige Gesichter, darunter Arbeitskolleginnen meiner Frau, konnte ich noch zuordnen, der familiäre Anhang des Leiters des Gartenmarktes war mir bei anderen Begegnungen suspekt gewesen, viele Gesichter hatte ich bei uns im Ort noch nie gesehen. Der Karneval kam in diesem Jahr wie aus dem Nichts. Als ob der Karneval aus fernen Ländern oder von einem fremden Planeten gekommen wäre, so erzeugte er in diesem Jahr einen Bruch mit den Stimmungen. Erst Beerdigung, dann Geburt, nun dieses Herumgejohle, Geklatsche und diese Stimmungsmacherei. Als der Karnevalsprinz sang „vüür het dorp, de stadt un üch jecke“, fühlte ich mich unfähig, aus dem Nichts in diesen Modus des Frohsinns hoch zu schalten. Indes gelang den anderen Anwesenden dies mühelos, und in bester Stimmung verteilte der Karnevalsprinz Orden an den Inhaber des Gartenmarktes, seine Familie und auch seine Enkelkinder. Dieser wiederum bedankte sich in umgekehrter Richtung mit einem Korb von Blümchen. Nachdem die Geschenke verteilt worden waren, wurde die Karnevalsstimmung wieder aufgedreht. Karnevalslieder tönten aus dem Lausprecher „ich hann de Musik bestellt“, „einmal am Rhein“ oder „jetzt hät dat Schmitze Billa in Poppelsdorf een Villa“, wozu fleißig gesungen und geschunkelt wurde. Danach eröffnete der Inhaber des Gartenmarktes das Büffet, wovon ich es mir nicht nehmen ließ, einige – leckere – Frikadellen zu verspeisen. Das Kölsch floss aus dem Faß heraus, und bei der Auswahl von Frikadellen, kalten Schnitzeln und Brötchen hatte sich der Gartenmarktinhaber Mühe gegeben, für das leibliche Wohl aller zu sorgen. Am Stehtisch gelang es mir langsam, mit den wenigen bekannten Gesichtern rund um meine Frau ins Gespräch zu kommen. Ein junger Kerl, der als Aushilfe im Gartenmarkt gearbeitet hatte, machte mittlerweile eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn in einem Stellwerk. Die Eishockeymannschaft der Kölner Haie waren ein Thema bei den Gesprächen, manche trugen das Trikot der Haie als Verkleidung. Der Inhaber des Gartenmarktes hatte eine Dauerkarte der Haie, der jetzige Auszubildende bei der Bahn fuhr regelmäßig zu den Haie-Spielen in der Kölner Lanxess-Arena, der Lebensgefährte der Arbeitskollegin meiner Frau – der nicht anwesend war – hatte Karten für ein Spiel der Haie in 14 Tagen. Wie innig so einige mit den Haien verbunden waren, zeigte sich, als der Auszubildende bei der Bahn das abendliche Spiel der Haie in Augsburg live über Magenta Sport verfolgte. Derweil rannte die Frau des Gartenmarktinhabers etwas nervös zwischen den Stehtischen herum, weil all die Orden verschwunden waren. „Schau doch mal in diese Kiste herein“ wies ihre Arbeitskollegin sie an. Dort kamen sie prompt zum Vorschein. Weil ihr Spürsinn so treffsicher war, sprach man sie sogleich auf weitere Suchwünsche an. So etwa auf eine Million Euro. Man suche eine Million Euro, und sie solle bitte diejenige Kiste heraus finden, worin sich eine Million Euro verstecken würden. Derweil gab es Jubel an unserem Stehtisch. Der Auszubildende bei der Bahn riss eine Hände hoch und ballte sie zur Faust, denn die Kölner Haie hatten das 1:0 erzielt. Seine Augen waren wie elektrisiert von dem kleinen Display seines Handys, und dieser Stromstoß des Führungstreffers durch zuckte all seine Glieder. Urplötzlich ertönte dann ein Pfiff aus einer Trillerpfeife, den niemand so richtig wahrnahm. Er schien nicht ernst gemeint, denn die Anwesenden quasselten weiter, man trank sein Kölsch, und im Hintergrund präsentierte die Karnevalsmusik Gassenhauer von den Höhnern bis zu den Räubern, als sei nichts geschehen. Genau um 19.16 Uhr war die Uhrzeit, als die Karnevalsstimmung aufbrach und der Karnevalsprinz seinen Abschied ankündigte. Bei der Verabschiedung des Karnevalsprinzen mit seinem Gefolge unterlief dem Gartenmarktinhaber ein Versprecher. Er wollte sich von allen verabschieden, er wählte aber das Wort „verabscheuen“. „Ich verabscheue euch“, anstelle „ich verabschiede euch“, dies war sein Versprecher, den ihm niemand übel nahm. Prinz und Gefolge verschwanden, und unter der Abwesenheit der Hauptakteure des Karnevals fühlte ich mich nicht mehr so ganz fehl am Platze. Kurz darauf verließ ich die Innenräume des Gartenmarktes dennoch, und etwas später folgte mir meine Frau, die separat mit dem Fahrrad zu ihrem Arbeitsplatz der Postagentur im Gartenmarkt gefahren war.



3. Februar 2024


Während der Karnevalsprinz sich mit seinen karnevalistischen Einlagen im Gartenmarkt dem Publikum hingab, veränderte sich die Situation im Krankenhaus signifikant. Unsere Tochter hatte Besuch von der Oma ihres Kindes erhalten, worüber sie sich sehr freute. Allerdings hatte die Oma ein paar negative Botschaften. Der Vater des Kindes in Brandenburg hatte nämlich eine neue Freundin. Sein Werdegang in Brandenburg war dabei nicht ganz geräuschlos abgelaufen. Sein Vater, der einen sehr autoritären Eindruck gemacht hatte, als wir ihn getroffen hatten, hatte ihn zu Hause heraus geschmissen. Sein Sohn brauche eine harte Hand, so hatte er noch bei unserem einzigen Treffen getönt. Da schien es also einen Bruch gegeben zu haben, woraufhin der Vater des Sohnes unserer Tochter zu seiner Freundin gezogen war. Dementsprechend gedämpft fiel der Reaktion des Vaters auf die Geburt seines Sohnes aus. „Ok“ lautete seine Rückantwort auf die Textnachricht unserer Tochter. Er müsse sich etwas zu essen machen, antwortete er kurze Zeit später darauf. Freude darüber, Vater geworden zu sein, sah anders aus. All dies zog unsere Tochter herunter, sie war ziemlich verzweifelt. Ihr war lieb, dass meine Frau bei ihr übernachten sollte. So tat sie es denn auch. Am frühen Abend fuhr sie mit dem Auto ins Krankenhaus, wo sie in einem Familienzimmer mit unserer Tochter übernachten konnte. Das sollte unserer Tochter helfen, sich aufzurichten und stark zu werden. Ihr Stolz auf den neugeborenen Sohn war immer noch stark, weil sie den „Marathon“ der Geburt erfolgreich überstanden hatte. Und weil dieses neue menschliche Wesen in Form ihres Sohnes, den sie zur Welt gebracht hatte, in ihren Gefühlswelten alles überstrahlte. So verbrachte ich denn den Abend alleine zu Hause, während meine Frau sogleich beim Übernachten im Krankenzimmer in die Fänge des Rhythmus ihres Enkelkindes gebracht wurde. Das würde derjenige Rhythmus sein, auf den wir nach Verlassen des Krankenhauses alle gebracht würden. Dies stand unmittelbar bevor, denn am Montag – in zwei Tagen – würde es soweit sein, dass Tochter und Enkelkind das Krankenhaus verlassen würden. 



4. Februar 2024


In der 6. Kalenderwoche sorgte der Schwager mit der Aussage für Verwirrung, er könne bald keine Programme auf ZDF und ZDF Neo mehr empfangen. Dies zeige ein Text unter dem Bild an, er konnte aber allgemein nicht besonders gut lesen. Zum Schwager schaffte ich es nicht hin, ein paar Tage später rief er an, er können nun gar keine Programme mehr auf dem Fernseher empfangen. Also fuhr ich hin, um nachzusehen. Als er den Fernseher einschaltete, lief das erste Programm vollkommen normal. Vorführeffekt, so dachte ich mir, und ich wollte mir die übrigen Programme anschauen. Beim ZDF, das er angeblich bald nicht mehr empfangen konnte, stand unten ein Text, dass er Cookies akzeptieren solle. Dies bestätigte er, danach lief ebenso das ZDF vollkommen normal. Auch all die weiteren Programme hatten einen ganz normalen Empfang. Fehlalarm also, viel Wirbel um nichts. Heute war dann sein Rollator an der Reihe, diesmal ohne Fehlalarm. Seine Bremsen funktionierten nicht am Rollator. Das war auch richtig so. Die linke Bremse funktionierte, die rechte hingegen nicht. Drückte man sie nach unten, so berührte sie nur leicht das Rad. Fuhr der Schwager steilere Stücke bergabwärts, konnte dies gefährlich sein. Den Bremsmechanismus durchschaute ich nicht, ich hatte ohnehin kein Werkzeug mitgenommen. Ob der Sohn oder ich in der Lage sein würden, die Störung zu beseitigen, das mussten wir uns im Detail ansehen, allerdings würde es nach der morgigen Rückkehr von Tochter und Enkelkind aus dem Krankenhaus eine Vielzahl von To do’s geben. A propos Rückkehr aus dem Krankenhaus: für den Zeitpunkt der Rückkehr hatten wir eine vollkommen ungünstige Terminkollosion, denn gleichzeitig fand ein Termin für die künftige Betreuung des Schwagers auf der Hardthöhe statt. Diesen Termin musste meine Frau nunmehr verschieben. Die Dame hatte Verständnis für die Situation, allerdings würde sich die Hilfe des Schwagers beim Putzen, Waschen, Einkaufen und so weiter dementsprechend nach hinten verschieben.


5. Februar 2024


Spannende Momente des Abholens von Frau, Tochter und Enkelkind aus dem Krankenhaus, die sich in die Länge zogen. Noch am Vorabend hatte ich die leidliche Erfahrung gemacht, dass eine vernünftige Befestigung der Liegefläche im Beistellbett nicht möglich war, weil ein Zehner-Maulschlüssel in unserem Hause nicht auffindbar war. Das war essenziell, damit unser Enkelkind im Beistellbett neben dem Bett unserer Tochter schlafen konnte. Als unser Kater Rambo, der etwas schwerer war als unser Enkelsohn mit 3.330 Gramm Geburtsgewicht, sich dort hineingelegt hatte, hatte sich die Liegefläche leicht nach unten gesenkt. So fuhr ich direkt gegen 7 Uhr morgens los, um diesen Maulschlüssel im Baumarkt zu besorgen, um später die Muttern so fest wie möglich zu ziehen. Als meine Frau mir eine Textnachricht geschrieben hatte, dass gegen 10 Uhr die Kinderärztin für die U2-Untersuchung erwartet wurde, die im Krankenhaus durchgeführt werden sollte, befand ich mich so gut wie eine halbe Stunde vorher auf dem Sprung ins Auto. Ich wollte an einem Briefkasten vorbei fahren und anschließend weiter ins Krankenhaus. Doch direkt vor der Abfahrt erreichte mich eine weitere Textnachricht, dass die Kinderärztin erst gegen halb zwei bei unserem Enkelkind sein könne. So musste ich mich denn gedulden, wobei die Auswahl an zu Hause noch zu erledigenden Tätigkeiten groß war. Ich entschied mich dafür, das Badezimmer im ersten Obergeschoss zu putzen, bummelte allerdings, wie so oft in solchen Situationen. Ich hörte Crosby Stills Nash & Young auf Youtube, zappte auf Tiktok hin und her, heftete die neue Festnetznummer der Betreuerin des einen WG-Bewohners ab, ebenso die Rechnungen für den Begräbniskaffee und das Sarggesteck. Dann machte ich mich an die Arbeit, das Badezimmer zu putzen. Zwischendurch fiel mir ein, dass sich unser Sohn um das Mittagessen – eine Hühnersuppe – kümmern wollte, ich erinnerte ihn daran. In meinem ansonsten so üblichen nicht überschnellen Tempo schleppte sich die Zeit so dahin, ich putzte, unser Sohn kochte, ich erledigte diesen und jenen Kleinkram. So gegen viertel nach eins war es schließlich so weit, dass ich die drei abholen konnte. Vor dem Abholen musste ich mich erneut gedulden, denn unser Emil hatte Hunger und musste gestillt werden. So weit, so gut, hörte er auf seine Muttermilch zu trinken, schien auch glücklich und zufrieden, denn er hatte genau diesen strahlenden Gesichtsausdruck auf seinen Wangen. Bis er eine ganze Weile später zu quengeln anfing, er schreite und signalisierte, dass sein Hunger doch nicht gestillt war und dass er mehr wollte. Derweil konnte ich Taschen, Koffer und Stofftaschen, die zahlreich vorhanden waren, ins Auto transportieren. Den Maxi Cosi transportierte ich direkt zurück ins Auto, weil meine Frau unseren Emil lieber eingepackt und eingemummelt in ein Kapuzentuch zum Auto nehmen wollte. Ein Lapsus ereignete sich schließlich, als wir unseren Emil in den Maxi Cosi legen wollten, denn ich hatte die Isofix-Station zum Einrasten des Maxi Cosi nicht mitgenommen. Anstatt dessen hatte ich die Babyschale lose auf den Vordersitz gestellt, so wie wir es bei unseren drei eigenen Kindern im Baby- und Kleinkindalter gehandhabt hatten. Das ginge nicht, meinte meine Frau, und so nahm sie unseren Emil in seinem Kapuzentuch ganz einfach auf ihren Arm. Das funktionierte genauso, und so kamen wir zu Hause mit unserem neuen Erdenbürger an. Und in unserem Zuhause rannten die Katzen teils skeptisch, teils unbeeindruckt zwischen ihrem neuen Gefährten mit zwei Beinen herum.



6. Februar 2024


An diesem Tag stand ein Thema im Vordergrund, bei dem ich als Mann nicht mitreden konnte: das Stillen. Unsere Tochter stillte, im Gegensatz zu meiner Frau, die unsere drei Kinder nur kurzzeitig gestillt hatte. Die Schmerzen waren bei meiner Frau zu groß gewesen, der Rhythmus des Saugens unserer Kinder hatte nicht gestimmt, es kam zu wenig Milch. Anders bei unserer Tochter mit ihrem Sohn Emil, sie stillte, allerdings verlief das Stillen nicht ganz reibungslos. Ihr Sohn trank in mehreren Portionen, das konnte bis zu drei- bis viermal Stillen nacheinander bedeuten, außerdem schmerzte die rechte Brust, während das Stillen an der linken Brust reibungslos funktionierte. Das Stillen wurde so zum Hauptthema, als die Hebamme unsere Tochter besuchte. Unsere Tochter hatte viel zu erzählen von der Geburt, die Hebamme erklärte unter anderem das Einölen des Körpers mit einem Pflegeöl. Sie bewunderte unsere Tochter dafür, dass sie stillen wollte. Sie zeigte ihr die Stellung, wie unsere Tochter ihren Sohn beim Stillen am besten halten sollte. Sie händigte ihr ein Stillhütchen aus, womit das Stillen schmerfreier ablaufen sollte. Sie erklärte ihr, dass das Baby nicht an den Brustwarzen nuckeln sollte, sondern sich regelrecht festsaugen sollte. Mit der Menge, die der Sohn unserer Tochter trank, war sie sehr zufrieden, schließlich war das Geburtsgewicht mittlerweile wieder überschritten. Über das Internet hatte sich meine Frau eine Milchpumpe zuschicken lassen, die Hebamme erachtete das auf der Brustwarze aufliegende Material allerdings als zu hart. Sie empfahl eine Milchpumpe der Marke Medela, womit man gleichzeitig mit einer Brust stillen konnte und von der zweiten Brust die Milch abpumpen konnte. Dies wurde die Übung von Tochter und Frau, eine Milchpumpe von genau dieser Marke in einer Apotheke aufzutreiben. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich herausstellte. In den drei Apotheken in unserem Ort waren Milchpumpen der Marke Medela gar nicht vorrätig. Frau und Tochter lernte bei der Suche nach einer Milchpumpe, dass diese in Apotheken gar nicht verkauft wurden, sondern verliehen wurden. Und dann war da noch das Rezept aus dem Krankenhaus, wonach Krankenkassen die Kosten für Milchpumpen übernehmen würden. Dies galt nur für Ausleihen für eine Woche. Unsere Tochter musste sich nun, um sich eine Milchpumpe für einen Zeitraum von 28 Tagen leihen zu können, ein anderes Rezept ausstellen lassen – vom Kinderarzt oder vom Frauenarzt. Zumindest kehrten Frau und Tochter nach dem Besuch mehrerer Apotheken mit einer Milchpumpe zurück, dessen Funktion sie sich am nächsten Tag von der Hebamme erklären lassen konnten.


7. Februar 2024


Um viele bürokratischen Themen nach der Geburt zu erledigen, brauchte unsere Tochter eine Geburtsurkunde. Dies würde noch eine Weile dauern, meine Frau hatte unser Enkelkind im Krankenhaus angemeldet, die Bearbeitungszeit betrug in den Standesämtern zehn bis vierzehn Tage, das Krankenhaus würde uns anrufen, wenn die Geburtsurkunden abgeholt werden könnten. So suchte unsere Tochter das zu erledigen, wozu sie keine Geburtsurkunde benötigte. Das dickste Thema war der Unterhalt. Der Vater, wohnhaft in Brandenburg an der nordwestlichen Peripherie von Berlin, hatte Ende September mit ihr Schluss gemacht. Halbherzig hörte er sich an, er wolle Verantwortung übernehmen. Ende August hatte unsere Tochter den Vater des Kindes noch in Brandenburg eine Woche lang besucht, Anfang August hatten wir uns mit dem Vater des Vaters in Köln getroffen, der äußerte, er wollte für den Unterhalt seines Sohn für sein Kind gerade stehen. Die neueren Entwicklungen sahen allerdings so aus, dass sein Vater ihn aus seinem Zuhause heraus geworfen hatte, wieso, wussten wir nicht. Das stellte die ganzen Grundlagen für den Unterhalt auf den Kopf. Obschon unsere Tochter den Vater ihres Kindes eine Woche lang in Brandenburg besucht hatte, hatte sie sich die Adresse nicht gemerkt. Sie hatte keine Adresse, und die Äußerungen aus dem Treffen in Köln wirkten nach, der Vater des Kindes habe neben seiner Schulausbildung einen Nebenjob, woraus er den Unterhalt bezahlen wolle. Das Jugendamt solle daher wegen eines Unterhaltsvorschusses nicht eingeschaltet werden. Genau vor diesem Schritt standen wir nun. Nach längerem Zögern hatte unsere Tochter wegen der Beistandschaft des Jugendamtes angerufen. Diese wurde wiederum benötigt, um die Anerkennung der Vaterschaft durchzusetzen und den Unterhaltsvorschuss zu beantragen. Diese Anerkennung der Vaterschaft konnte nicht in die Wege geleitet werden, weil der Vater es ablehnte, die Kosten für einen Vaterschaftstest zu bezahlen. Daran stockte ebenso, den Unterhaltszuschuss zu beantragen. Heute holte ich beim Jugendamt das Formular ab, womit unsere Tochter die Beistandschaft nach §1712 BGB veranlassen konnte. Anstelle einer Geburtsurkunde musste sie eine Geburtsanzeige beibringen, die sie beim zuständigen Standesamt erhalten konnte. Leider konnten wir dort telefonisch niemanden erreichen, es lief lediglich eine Bandansage, dass alle Leitungen besetzt seien – das häufige Problem der Erreichbarkeit von Behörden. Da werden wir in den nächsten Tag nachbohren müssen. In Summe sind wir am heutigen Tag bei den Themen Beistandschaft und Unterhalt also nicht weiter gekommen. Weiter gekommen ist unsere Tochter hingegen bei der Beantragung der Elternzeit bei ihrem Arbeitgeber. Ebenso ist es ihr gelungen, ihren Sohn über das Internet bei der Familienversicherung ihrer Krankenkasse anzumelden. Um die Mittagszeit kam erneut die Hebamme, sie erklärte ihr das Funktionieren der gestern beschafften Milchpumpe. Wir schauen positiv in die nächsten Tage und Wochen, und sowohl das Stillen wie die bürokratischen Themen wird unsere Tochter meistern. 



8. Dezember 2024


Der Karneval würde in diesem Jahr weitgehend an uns vorbei laufen. Zum einen bekam ich den emotionalen Schwenk von Beerdigung zur Geburt zu der urplötzlichen Fröhlichkeit im Karneval nicht hin, zum anderen beschäftigte uns die Umstellung auf den Rhythmus des Babys unserer Tochter zu sehr. So bekamen wir heute wenigstens unsere Wocheneinkäufe hin, als wir uns von unserer Tochter samt Baby etwa zweieinhalb Stunden entfernten. Der Parkplatz auf dem Einkaufszentrum war wohltuend leer, und ohne nennenswertes Gedrängele konnten wir an Weiberfastnacht bei LIDL und ALDI einkaufen. Im Internet hatten wir zuvor nachgeschaut, dass die Mitarbeiter in den Supermärkten nicht feiern waren, sondern dass die Discounter geöffnet waren. Am Eingang von REWE erlebten wir dann doch einen gewissen Touch von Weiberfastnacht. Die Bäckerei im Eingangsbereich war karnevalsmäßig geschmückt, Luftschlangen hingen an der Bedienungstheke herab, Luftballons baumelten unter Deckenlampen. Die Verkäuferinnen hatten sich einheitlich in Bienenkostüme verkleidet, als Süßes waren Massen von Berliner im Angebot. Schließlich ertönten Karnevalslieder aus Lautsprechern laut und deutlich zum Mitsingen „Ich bin ne Kölsche Jung“ und so weiter. Ob auch Muuze zu haben seien, diesen Dialog bekam ich, in der Nähe zur Bedienungstheke stehend, mit. Nein, sie waren bereits ausverkauft. Beruhigend, entspannend und ausruhend gestalteten sich die Einkäufe bei REWE, die Kundenfrequenz hätte an anderen Einkaufstagen gerne genauso sein können. Keine Warteschlange vor der Wurstttheke, keine Gedrängele vor den Regalen, kein Gewühl von Einkaufswagen, einfach paradiesisch. Zu Hause angekommen, hatte sich unser Enkelkind schön nach unseren Einkaufszeiten gerichtet. Etwa eine halbe Stunde, bevor wir losgefahren waren, war es in seiner Wippe eingeschlafen. Nun war es vielleicht vor einer halben Stunde aufgewacht und wartete darauf, von unserer Tochter gestillt zu werden. Noch war es nicht unruhig, und unsere Tochter beschäftigte sich mit ihrem Emil. So konnten wir in Ruhe unsere Abläufe auf die Reihe kriegen. Unser Auto ausräumen, parallel dazu das Stillkissen bereitlegen, ebenso das Abendessen klären, denn wir wollten gegen 19 Uhr die Gehacktessoße vom Vortag mit Maultaschen essen. Der Karneval ließ uns in diesem Jahr kalt. Erst später, als wir nach unserer Rückkehr in die Gänge gekommen waren, schalteten wir den Fernseher mit einer Sendung über das karnevalistische Treiben in Köln ein.



9. Februar 2024


Als wir mit dem zu reparierenden Rollator des Schwagers bei Rahm im Industriegebiet im Camp Spich waren, dachte ich an den Begriff des negativen Involvements aus meinem BWL-Studium. Der Begriff kam aus dem Marketing, namentlich aus dem Produktmanagement, wo ein Produkt nach den Gefühlen des Kunden gestaltet sein sollte. Diese Gefühlswelten des Kunden sollten einbezogen werden – daher der englische Begriff des Involvements, der sich an das Wort „involvere“ aus dem Lateinischen anlehnte. Üblicherweise üben Produkte wie etwa Autos, Rennräder, Handys, Laptops oder Fernseher eine Begeisterung auf Kunden aus, weil sie schön aussehen, weil man Spaß damit hat und schönes damit erlebt. Ganz anders verhält es sich mit Produkten, die in einer späteren Lebensphase des Alters notwendig werden. Rollatoren, Gehstöcke, Elektromobile oder gar Rollstühle will niemand haben, weil die eigene Mobilität bereits eingeschränkt ist. Daher der Begriff des negativen Involvements, weil die Gefühlswelten des Menschen in Bezug auf diese Produkte negativ geprägt sind. Ähnlich verhält es sich mit Tabletten, Brillen, Zahnersatz oder auch das Spektrum von Versicherungen, wo niemand einen Wohnungsbrand, einen Einbruch oder einen Verkehrsunfall haben will. So nebenher wurde der Mangel am Rollator des Schwagers auch repariert. Die rechte Bremse am Rad des Rollators war defekt, was bei starkem Gefälle gefährlich war. Ein Dreiviertelstunde mussten wir warten, ein Schräubchen war herausgefallen und wurde ersetzt, ebenso wurde der Zusammenklappmechanismus wieder gängiger gemacht. Wir waren froh, den Rollator repariert wieder mitnehmen zu können, ohne dass ein Zeitraum von einem oder mehreren Tagen ohne Rollator überbrückt werden musste. Während der Reparaturzeit schaute ich auf den Monitor, der, in Form einer Werbung gestaltet, die Produktvorzüge eines Rollators und eines Elektromobils anpries. Dazu passte das Motto der Firma Rahm „Wir schaffen Lebensfreude“, als Überschrift über der Theke der Reparaturannehme. Während die Werbung für den Rollator noch steif und bieder wirkte, wurde all die Technik des Elektromobils in einer beeindruckenden Form dargestellt. Zu einem Ausflug ins Grüne nutzte ein rüstiger Rentner, der sein Tablet im Gepäck hatte, dieses Teil. Über befestigte Wege führte seine Fahrt zu einem See. Das Fahrwerk war gefedert, eine maximale Reichweite von 35 Kilometern konnte er zurücklegen, bis zu zehn Stundenkilometer konnte er damit fahren, eine nicht unerhebliche Steigung konnte er damit bewältigen. Das Elektromobil besaß einen großen Korb, worin er außer seinem Tablet viele weitere Utensilien verstauen konnte. Um diese und andere elektronische Geräte zu nutzen, war sogar ein USB-Port vorhanden. Aber nicht nur solche zukunftsorientierten Menschen der älteren Generation nutzten solche Segnungen des technischen Fortschritts, sondern es waren auch die eigenen Familienangehörigen in ihrer letzten Lebensphase. Elektromobile hielten ein Stück Lebenswillen in ihrer schwindenden Mobilität aufrecht. Die Mama und der Schwiegervater kurvten kreuz und quer damit durch den Ort, sie besuchten uns oder Freunde. Sie nahmen am Leben teil dank einer Technik, wie sie in dieser Produktpräsentation über der Theke der Reparaturannahme gezeigt wurde.



10. Februar 2024


Unsere große Tochter, die am Vorabend angereist war, durfte miterleben, wie ihr Neffe zum ersten Mal gebadet wurde. Im Gegensatz zu Weihnachten klappte diesmal die Anreise mit der Bahn ohne Komplikationen. 15 Minuten betrug die Verspätung am Hauptbahnhof, und gegen 22 Uhr traf sie bei uns zu Hause ein, nachdem ich sie abgeholt hatte. Unsere große Tochter war eine stolze Tante. Den ganzen Samstag verweilte sie bei uns, und nach dem Mittagessen machten die drei Damen mit dem Enkelkind im Kinderwagen einen Spaziergang. Es war erst das zweite Mal, dass unser kleiner Schatz im Kinderwagen an die frische Luft kam. Dieser Spaziergang hatte den Zweck, einen Eimer für den Badevorgang zu besorgen. Das Baden sollte im Wohnzimmer geschehen, wo wir die Badewanne im Gestell aufstellen wollten. Obschon der Spaziergang lang war und unser Enkelkind schlafend viel frische Luft im Kinderwagen einatmen konnte, war der geplante Kauf des Eimers im Supermarkt erfolglos, die passende Größe war nicht zu finden. So machte sich meine Frau und unsere große Tochter nach Beendigung des Spazierganges alleine auf den Weg nach dm, die andere Tochter plus Enkelkind blieben indes zu Hause. Kaum waren die beiden weggefahren, klingelte es an der Haustüre, die Hebamme war eingetroffen. Viel zu früh war sie, weil wegen Karnevalszügen in einigen Orten kein Durchkommen war. Da in unserem Ort der Karnevalszug erst am nächsten Tag statt finden würde, hatte sie unseren Termin vorgezogen und war etwa eine Stunde früher bei uns. Wie es sich so ergeben hatte, begann unsere Tochter mit dem Stillen, wozu es regelmäßig Diskussionsbedarfe gab. Danach schleppte sich die Zeit dahin, und wir überlegten, wie wir mit dem Baden des Enkelkindes verfahren wollten. Uns war lieber, wenn die Frau und die große Tochter dabei gewesen wären. Ich rief sie während des Einkaufens an, dass sie Hebamme viel zu früg gekommen war. Und tatsächlich hatten die beiden ihre Einkäufe abgeschlossen, danach dauerte es vielleicht zehn Minuten, dass sie wieder zu Hause waren. Hiermit konnte der Badevorgang beginnen. Unser Enkelkind schaute ein wenig irritiert, wie er nackt ausgezogen wurde und dass es in solches nasses flüssiges Element gab, worin sein Körper eingetaucht werden sollte. Das erste Eintauchen von Bauch und Popo verschreckte ihn. Er schrie wie wild drauflos, die Hebamme bewegte seinen Körper leicht hin und her, dabei beruhigte er sich. Mit dem Schnuller im Mund hörte sein Schreien auf. Mit einem Lappen wusch die Hebamme seinen Körper, das schien ihm zu gefallen. Das Wohlfühlgefühl in dem nassen Element nahm zu. Wir erinnerten uns an unsere drei eigenen Kinder. Das Geschrei unserer ältesten Tochter beim Baden hatte nie aufgehört, während die anderen beiden Kinder sich sauwohl gefühlt hatten beim Baden. So ungefähr war es auch bei unserem Enkelkind. Geschrei beim Eintauchen in das Badewasser, erneutes Geschrei beim Herausnehmen aus dem Wasser, dazwischen herrschte Badefreude. Und unsere große Tochter genoss diese Momente. Diese Momente mochten ihr kurz erscheinen, denn am nächsten Morgen reiste sie bereits wieder ab.  



11. Februar 2024


In der 7. Kalenderwoche hatten ich und meine Frau Urlaub, um uns vollständig auf die Unterstützung von Tochter und Enkelkind zu konzentrieren. Ihn zu stillen, klappte bislang gut. Mama, Enkelkind und Ehefrau schlüpften nachts in unser Ehebett, derweil fand ich auf der Couch in unserem Wohnzimmer meinen Schlaf. So zwischen zehn Uhr und Mitternacht war es meistens so weit, dass unser Enkelsohn eingeschlafen war. So ziemlich tief in der Nacht weckte mich in den Nächten das Babygeschrei, ich schlief aber rasch wieder ein. Zumindest, was meinen eigenen Schlaf betraf, bekam ich soviel, dass ich tagsüber ausreichend wach war. Allmählich sollte sich ein Tages-Nacht-Rhythmus einstellen, das war aber noch Zukunft, was nach etwa drei Monaten erreicht werden sollte. Geburtsurkunden hatten wir noch nicht, das Standesamt brauchte dazu etwa vierzehn Tage, das Krankenhaus würde uns anrufen, wenn diese dort abzuholen wären. Nach Erhalt der Geburtsurkunden sollte unsere Tochter diversen Papierkram erledigen können wie die Beantragung von Kindergeld, Erziehungsgeld, die Beantragung eines Kindergartenplatzes oder den Berechtigungsnachweis beim Diakonischen Werk für die Zuschüsse. Bereits vor der Geburt hatte meine Frau weniger Zeit für ihren Schwager gehabt, als Ausgleich ließ ich mich dort mit meiner Person häufiger blicken. Ich brachte ihm die Einkäufe vorbei, die Dosen- und Fertiggerichte umfassten, und ich verabreichte ihm gelegentlich abends die Augentropfen. Wir führten ein Novum ein, dass wir die Brötchen für die Dreier-WG am Wochenende nach Vorkasse beschafften. Bislang wurde dies mit dem Schwager verrechnet, dass im Endeffekt aus seiner Kasse alle Brötchen, die ich beim Bäcker eingekauft und vorbei gebracht hatte, verrechnet wurden. Diese Abrechnung aus seiner Kasse hörte in dieser Kalenderwoche auf. An diesem Wochenende wollte ich mir Zeit genommen haben, mit dem Schwager und dem einen WG-Bewohner den Karnevalszug in unserem Ort anzuschauen. Es kam aber komplett anders. Am Vortag hatte sich ein früherer Klassenkamerad unserer Tochter sowie eine Freundin von uns gemeldet, ob wir uns den Karnevalszug anschauen würden. Wir sagten zu und vereinbarten einen Treffpunkt um 13 Uhr – der offizielle Beginn des Karnevalszuges war um 12.11 Uhr. Erst am Tag darauf fiel mir wieder ein, dass ich mich eigentlich mit den beiden von der Dreier-WG um 12 Uhr verabredet hatte, um mit ihnen zusammen von deren Zuhause zum Karnevalszug zu schreiten. Dies besprach ich um 11 Uhr mit meiner Frau und wir riefen den Schwager an. Er fragte nach, wann ich kommen würde, sein WG-Mitbewohner läge aber noch im Bett. Wir sagte ihm zum einen, dass er seinen Mitbewohner bitte wecken sollen, zum anderen würde ich später als 12 Uhr kommen – da der offizielle Zugbeginn um 12.11 Uhr sich stets massiv verspätet hatte. So ging ich denn gegen 12 Uhr von uns zu Hause los, etwa 15 Minuten Fußweg brauchte ich bis zur Dreier-WG. Kurze Zeit, nachdem ich los marschiert war, rief mich meine Frau an. Der Schwager hätte den anderen WG-Bewohner noch gar nicht aus dem Bett geholt, er schlafe noch und ich solle erst dann mit den beiden losgehen, wenn sein Mitbewohner gefrühstückt habe. Als ich an der Dreier-WG ankam, waren die beiden WG-Bewohner spurlos verschwunden. Ich suchte mich dumm und dusselig im ganzen Haus, bis mir schließlich der dritte WG-Bewohner draußen entgegen kam. Der eine WG-Bewohner, der verschlafen hatte, war alleine ohne den Schwager in die Richtung des Karnevalszuges losgegangen, mein Schwager habe lange vor der Haustüre gestanden und sei sehr viel später alleine in dieselbe Richtung gegangen. Reichlich irritiert darüber, dass die beiden unfähig waren, miteinander zu reden und zu warten, ging ich nach Hause zurück, indes war der eine Besuch von uns eingetroffen, der zweite Besuch traf wenige Minuten später ein. Mit unserem Enkelkind passte das Timing sehr gut. Er wurde gestillt, und etwas später fuhren wir mit ihm in der Richtung des Karnevalszuges im Kinderwagen, wo er rasch einschlief. Danach gab er uns viel Zeit, uns den Karnevalszug an zwei unterschiedlichen Stellen auszuschauen, wo er trotz absoluten Lärms und dröhnender Bässe eines Karnevalswagens, der den Nachtclub Moulin Rouge darstellte, weiter schlief. Noch etwas später fing es an zu regnen, und als es nicht aufhören wollte, beschlossen wir wegen des langen Fußweges zurück zu kehren. Als wir auf dem Rückweg am Haus der Dreier-WG vorbei kamen, beschloss ich, dort zu dem dritten WG-Bewohner einzukehren, um meine Rolle als Vater des Königs der Löwen auf seinen Kassettenrekorder zu sprechen, ich empfand diese Rolle als lästig und hatte dies immer wieder verschoben. Den Text, den ich aufzusprechen hatte, war kurz: gestorben und unter den Toten verweilend, sollte ich dem Sohn mitteilen, dass er mein Erbe des Vaters antreten solle und zum König der Löwen werden sollte. Die Textpassage war kurz gehalten, ich kannte aber den Zusammenhang nicht, und der WG-Bewohner machte bisweilen ein zerknirschtes Gesicht, dass der Erzählstrang womöglich nicht richtig auf den Gesamtinhalt aufbaute. Jedenfalls war ich danach froh, diesen Teil des Hörspiels erledigt zu haben, während meine Frau und mein Schwager mit ihren Rollen noch fehlten. Zu Hause angekommen, rief prompt der Schwager an, der zuvor im Hause der Dreier-WG noch gefehlt hatte. Er hatte sich alleine den Karnevalszug angesehen, ohne seinen WG-Mitbewohner, der zuvor bei meiner Vervollständigung des Hörspiels auch noch nicht im Hause der Dreier-WG anwesend gewesen war. An zwei Stellen hatte er sich den Karnevalszug angesehen, dabei hatte er jede Menge Süßigkeiten eingesammelt, und an der zweiten Stelle hatte er bei entfernten Verwandten an der Straße gestanden. Er war also sehr gut alleine klar gekommen. Insofern war es also nicht zwingend notwendig gewesen, dass ich mit den beiden zusammen zum Karnevalszug gegangen war. Von dem anderen WG-Bewohner wussten wir bis dahin nicht, wo er geblieben war. Und es hatte mich verstört, dass die drei WG-Bewohner Einzelindividuen waren, die außerstande waren, miteinander zu reden.   


12. Februar 2024


Begegnung eines viel zu milden Winters mit dem Hochwasser. Weltweit war das letzte Jahr genau 1,5 Grad zu warm im Vergleich zum Referenzzeitraum von 1991 bis 2020, so dass man das gesetzte Ziel einer Erderwärmung um 1,5 Grad als verfehlt betrachten kann. Zweistellige Temperaturen sind bei uns im Westen der Regelzustand, die Schneeglöckchen sprießen aus dem Boden, und ausgedehnte Regenfälle haben den Rhein leicht über die Ufer treten lassen. Was geschieht ? Nicht allzu viel. Unser Verkehrsminister lässt fleißig Autobahnen bauen, zum Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs fehlt Personal, die Pünktlichkeit der Bahn ist katastrophal. Das Thema Mobilität ist ein einziges Herumgedruckse und Herumgemurkse mit der Stoßrichtung, dass alles beim alten bleiben solle. Hier ein bißchen e-Mobilität, dort ein paar Fahrradstraßen. Das Auto dominiert und steht im Stau, so wie bereits vor vielen, vielen Jahren. Der Fleischkonsum ist weiterhin auf hohem Niveau, Gletscher schmelzen und Permafrostböden tauen auf. Das Umdenken auf eine CO2-verringernde Lebensweise geschieht viel zu langsam, wenn überhaupt. Schneeglöckchen im Februar und häufige Hochwasser, daran werden wir uns gewöhnen müssen. Aus den frühlingshaft anmutenden Temperaturen kommen wir nicht mehr heraus. Welches sind die nächsten Schritte der Klimakatastrophe ? Wir können uns vorkommen wie in einem Auto, das vor eine Wand fährt. Während der Autofahrt haben die Verantwortlichen so viel Spaß an der Technik, dass sie beschleunigen und die Technik ausreizen wollen. Vor so viel Faszination an der Technik vergessen und leugnen sie, dass es diese Wand gibt. Mit dem Unterschied, dass die Klimakatastrophe nicht in einem Crash eintritt, sondern in Wellen, Etappen und einzelnen Schritten, die immer dichter aufeinander folgen.



13. Februar 2024


So relativ urplötzlich holte mich die Situation ein, im Home Office zu arbeiten und gleichzeitig das schlafende Enkelkind im Blick zu behalten. Die Tochter war unter der Dusche, die Frau wollte im Ort etwas erledigen, währenddessen war ich alleine mit dem schlafenden Enkelkind. An für sich war die Situation unspektakulär, ich hätte die Wippe mit dem schlafenden Enkelkind auch auf den Boden stellen können, ich hätte das schlafende Enkelkind ins Bett legen können und das Babyphon einschalten können, ich hätte mich sozusagen befreien können davon, um gänzlich ungestört im Home Office weiter zu arbeiten. Aber die Anwesenheit zeigte, dass jemand von uns drei das Baby im Auge behalten musste. Die Konzentration teilen zu müssen, daran würde ich mich ab sofort gewöhnen müssen. Was momentan noch harmlos, harmonisch und idyllisch aussah – Wippe mit Baby neben dem Laptop – würde künftig einiges mehr an Aufmerksamkeit erfordern. Ab August kam dazu, dass unsere Tochter wieder in Teilzeit ihre Ausbildung aufnehmen wollte. Dann mussten wir uns aufteilen, wer wann das Enkelkind im Auge behalten wollte. Dann würde unser Emil auch mobiler werden, er würde sich an Möbeln hochziehen und laufen lernen wollen. Er könnte stürzen oder sich irgendwo stoßen. Das waren diejenigen Monate, die ich als am schwierigsten bei unseren drei Kindern in Erinnerung hatte. Einerseits war es wie ein Wunder, solche kleinen menschlichen Wesen groß werden zu sehen. Andrerseits waren es Phasen voller Sensibilität und Verantwortung, der wir in vollem Umfang nachkommen mussten. Das war genau das, was die Zeit neu definierte. Eine neue Zeitenrechnung würde beginnen, dies hatte ich mir mit der Geburt des Enkelkindes ausgemalt. Nun war die neue Zeitenrechnung angebrochen.



14. Februar 2024


Wir wissen nicht, ob der Bürgerbund die Perspektive der Klimadebatte für seine Sichtweise heran gezogen hat. Dieses Nein zu Bauverdichtung und Bauversiegelung greift die Argumente der Klimabewegung direkt auf: neu gebaute Wohnungen erzeugen einen hohen CO2-Ausstoß, zudem ist der Verbrauch an Baustoffen immens. Alleine die Herstellung von Zement verursacht acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, das ist die doppelte Höhe des Ausstoßes wie der Flugverkehr. Vorhandene Immobilien zu sanieren und instand zu setzen ist demnach einem Abriss und Neubau vorzuziehen, so wie dies hierzulande oft praktiziert wird. Ein Nein zu Bauverdichtung und Bauversiegelung ist schön, aber wie sollen denn die hunderttausende von Wohnungen, die in Ballungsräumen fehlen, gebaut werden ? Menschen, die verzweifelt eine Wohnung suchen, leiden. Die Regierung hat versprochen, diese Wohnungen zu bauen. Nur ein kleiner Teil dieser Wohnungen ist gebaut worden, so dass die Regierung unter Druck steht. Unter diesen Rahmenbedingungen tritt die Klimadebatte in den Hintergrund. Die Parolen des Bürgerbundes scheinen nichts als Wunschdenken zu sein. Die Klimaaktivisten und der Bürgerbund dürfen sich hinten anstellen.



15. Februar 2024


Heute hatten sich gleich mehrere Kräfte miteinander verbündet, um den Arbeitstag im Büro verhindern zu wollen. Zuerst ließ mich die Meldung im Autoradio aufhorchen, der öffentliche Personennahverkehr würde bestreikt, als ich mich auf dem Weg zum Bäcker befand. Es war tatsächlich so, die Stadtwerke Bonn streikten, ebenso die Kölner Verkehrsbetriebe, so die Schlagzeile unter den Meldungen des Rheinlandes. Von diesem Plan zu streiken hatte ich am Vortag überhaupt nichts mitbekommen, wir hatten allerdings im Fernsehen auch keine aktuelle Stunde im WDR geschaut. Obschon ich an der Bushaltestelle einige Busse fahren sah, beschloss ich, dass eine Busfahrt keinen Sinn machen würde, weil in Bonn keinerlei Straßenbahnen fahren würden. Bereits am Rosenmontag hatte ich überlegt, mit dem Fahrrad zu fahren, ich hatte dies allerdings verworfen, da es bei der Abfahrt noch dunkel gewesen wäre. So wollte ich die Busfahrt umdisponiert haben auf eine Fahrradfahrt. Ich zog mich um, pumpte das Canyon-Rennrad auf, montierte Vorder- und Rückbeleuchtung und fuhr los. Doch nach drei bis vier Kilometern, an der Ampel an der großen Verkehrskreuzung im Nachbarort, verbündeten sich erneut geheime Kräfte, die den Bürotag verhindern wollten. Das Vorderrad hatte nämlich sichtbar an Luft verloren. Platt war es noch nicht, es war aber absehbar, dass ich bei einer Weiterfahrt die Felgen bald auf die Fahrspur stoßen würden. Also pumpte ich das Vorderrad auf, kehrte um und fuhr die drei bis vier Kilometer nach Hause zurück. Dort stand ein zweites Rennrad der Marke Scott in der Garage. Auch dieses Fahrrad musste ich aufpumpen, das Montieren der Beleuchtung ersparte ich mir, da es gegen viertel vor acht zwischenzeitlich ausreichend hell geworden war. Dieses Fahrrad ermöglichte mir schließlich den Arbeitstag im Büro, die Luft hielt im Vorder- und Hinterreifen. Und an der Straßenbahnhaltestelle kurz vor dem Büro stellte ich fest, dass bei den Straßenbahnen tatsächlich nichts mehr ging. Die Hinweistafel zeigte den ganztägigen Streik an und keine einzige Straßenbahn war zu sehen.



16. Februar 2024


Vierzehn Tage nach seiner Geburt hat unser neuer Erdenbürger Post bekommen. Die Verdatung macht selbst vor solchen Menschen, die soeben erst das Licht der Welt erblickt haben, nicht Halt. Diese aus Daten bestehende Welt, die scannt, erfasst, nummeriert, abgleicht und in Systeme der Datenhaltung überführt, ist nun um eine weitere Zahl reicher geworden. Unser Enkelkind hat nämlich Post vom Bundeszentralamt für Steuern erhalten. Als Steuerzahler, der in sehr ferner Zukunft über Einkommen verfügen wird und Steuern zahlen wird, hat er eine Steueridentifikationsnummer erhalten. Dies mag sehr fiktiv klingen, wenn man über einen Zeithorizont von 16, 18, 20 Jahren oder einem sehr viel längeren Zeitraum bei einem Studium redet, hat aber auch eine praktische Bewandnis. Diese Transformation von Menschen zu Zahlen und Daten wird nämlich für den Kindergeldantrag benötigt. In diesem Kindergeldantrag ist nicht nur die Steueridentifikationsnummer der Antragstellerin, unserer Tochter, anzugeben, sondern auch diejenige unseres Enkelkindes. Es muss alles seine Richtigkeit und seine Ordnung haben. Der Antrag auf Kindergeld muss vollständig sein. Als Checkliste, werden die Bearbeiter prüfen, ob alle persönliche Daten eingetragen sind. Unser Rechts- und Sozialstaat kann nur so funktionieren.



17. Februar 2024


Ich muss ja zugeben, dass in meinem tiefsten Inneren das Rest-Stück eines Autofahrers übrig geblieben ist. So begrüße ich den geplanten Weiterbau der Umgehungsstraße an unserer Stadt vorbei. Das Thema Verkehr ist in unserer Stadt sowieso eine Katastrophe, und die großen Ortskerne in unserer Stadt leiden an einer chronischen Verstopfung. Stoßstange steht an Stoßstange auf der Hauptdurchgangsstraße in der Rush-Hour, man braucht Geduld. Dies wird sich wohl ändern, wenn denn die Umgehungsstraße weitergeführt werden wird, so der Ausbauplan in zwei Jahren. Mich wundert allerdings der Anachronismus. Planfeststellungsverfahren dauern ohnehin überproportional lang, den Zeitversatz zwischen dem ersten und dem zweiten Bauabschnitt vermag ich allerdings überhaupt nicht zu begreifen. Ich erinnere mich nämlich sehr genau, dass der Abschnitt eröffnet worden war in dem Jahr, als unsere kleine Tochter geboren wurde, das war im Jahr 2005. Kurz vor der Corona-Pandemie, es muss im Jahr 2018 oder 2019 gewesen sein, wurden zwei Kilometer bis zur Marktstraße in unserem Ort weitergebaut. Während der Corona-Pandemie, im Jahr 2020, folgte der nächste Bauabschnitt bis zum Sportplatz. 2025 soll das nächste, etwa fünf Kilometer lange Stück, gebaut werden. Dazu sind bereits Sträucher gerodet worden, Erdreich ist auf einem Haufen zusammen geschaufelt worden. Die Blickrichtung auf das Siebengebirge lässt erahnen, in welche Richtung die Trasse der Umgehungsstraße führen soll. Die Frage bleibt offen, was alles zwischen den Jahren 2005 und 2018 geschehen ist. Man vermutet, dass viele Menschen etwas gegen den Weiterbau einzuwenden hatten und geklagt haben. Bürger und Verbände sind anzuhören, die Abweisung von Klagen kann sich in die Länge ziehen. Aber dreizehn Jahre Stillstand ? Man wirft unserer Demokratie gerne Handlungsunfähigkeit vor, sie sei schwerfällig und blockiere sich selbst. Was die dreizehn Jahre Stillstand verursacht hat, wissen wir nicht genau. Beim nun geplanten Weiterbau geben die gerodeten Sträucher zu Optimismus Anlass, dass wir nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten müssen. Was an Klagen auf dem Tisch gelegen hat, ist abgewiesen worden. Der Beschluss zum Weiterbau liegt vor, Gelder sind vorhanden. Hoffen wir, dass alle daran arbeiten werden, dass das geplante Fertigstellungsjahr 2025 auch eingehalten werden wird.  


18. Februar 2024


Am Sonntag in der 8. Kalenderwoche habe ich es seit sehr langer Zeit geschafft, mit dem Schwager im Nachbarort im Café einen Kaffee zu trinken, dazu hatte er ein Stück Kuchen gegessen. Das letzte Mal, meine ich, wäre dies im September letzten Jahres gewesen gemeinsam mit dem einen WG-Bewohner. Dazwischen hatten wir Kinder- und Gästezimmer gemacht, ganz viel hin- und hergeräumt, Sachen transportiert, Kinderzimmer eingerichtet, damit alles so schön stand für unser Enkelkind, wie es jetzt war. Diejenigen Zeitanteile, in denen wir uns mit dem Schwager beschäftigen konnten, waren stark geschrumpft. Am Wochenende drehte er alleine seine Runden mit dem Rollator, meist konnten wir nur kurz vorbei schauen, wenn wir ihm Augentropfen verabreichten oder Kästen Mineralwasser vorbei brachten. Regelmäßig nahm ich diese Tätigkeiten wahr, da meine Frau allumfassend mit dem Enkelkind beschäftigt war. Während wir den Kaffee tranken, speicherte er einige aktuelle Themen aus. Die Oma einer Freundin aus der Werkstatt hatte Krebs, sie war ins Krankenhaus eingeliefert worden. In der Werkstatt packten seine Kollegen Tassen und Wein ein, die über das Internet bestellt worden waren. Da die Gegenstände ihre individuelle Verpackung hatten, mussten seine Teamleiter so ziemlich aufpassen. Sie mussten kontrollieren, Arbeitsfehler häuften sich. Der Schwager wurde nicht mit diesen Verpackungstätigkeiten betraut, er musste seine Tackernadeln abarbeiten. Die Qualität des Essens war stark unterschiedlich in der Werkstatt, zumal er einigermaßen viele Gemüsesorten nicht mochte. Allen voran Pilze, Blumenkohl, Rosenkohl, Broccoli, Kidneybohnen und so weiter. So waren häufig Speisen dabei, wo er diese nicht schmeckenden Bestandteile aussortieren musste. Bei einem seiner Grundprobleme konnte ich ihm nicht helfen, weil mir effektiv die Zeit dazu fehlte. Er konnte nämlich keine Privatsender mehr auf seinem Fernseher empfangen, da die Freischaltung verschlüsselter Sender abgelaufen war. Für eine neue Freischaltung benötigte ich mein Laptop sowie seine Bankverbindung. Um dies zu erledigen, rutschten mir abends die verfügbare Zeit zu sehr nach hinten, so dass es mir abends ständig zu spät wurde. Wenn dies allerdings sein Hauptproblem war, nur noch öffentlich-rechtliche Fernsehsender empfangen zu können, konnte es um seinen Allgemeinzustand nicht schlecht bestellt sein. Wann würde das nächste Mal sein, mit ihm gemeinsam einen Kaffee zu trinken ? Wir mussten schauen, denn unsere Zeit mit dem Enkelkind war nun weniger planbar geworden.


19. Februar 2024


Wie viele Beiträge im Monatstagebuch hatte ich im Jahr 2022 zum Krieg in der Ukraine verfasst ? Von März bjs Mai 2022 waren es drei Beiträge pro Monat, in denen ich die Angst in meinem Inneren zum Ausdruck brachte vor Leid, Zerstörung und Tod durch diesen Krieg, dem ersten Krieg auf europäischem Boden seit den Zerfallskriegen im ehemaligen Jugoslawien. Im letzten Tagebucheintrag aus September 2022 zeichnete sich eine Patt-Situation ab, dass ähnlich wie im Ersten Weltkrieg die Front stillstand, allerdings mit verheerenden Verlusten für beiden Seiten im Stellungskrieg. Nun, fast genau zwei Jahre nach Beginn des Ukraine-Krieges, steht die Front zwar weiter still, dies könnte sich aber in baldiger Zukunft ändern. Vermehrt wird in den Medien darüber berichtet, dass der Ukraine bald die Munition ausgehen wird, wenn der Westen diese nicht liefert. Seitdem Russland seine Produktion auf eine Kriegswirtschaft umgestellt hat, rollen die Panzer an die Front, zudem verstärkt sich der Dauerbeschuss mit Mörsern, Granaten und Artilleriefeuer. Gleichzeitig sieht es so aus, als könnte das Kalkül Putins aufgehen: wegen seiner demokratischen Strukturen spaltet sich der Westen auf, die Militärhilfen der USA stocken, so dass in der Gesamtsumme der westlichen Staaten ungewiss ist, wann militärische Ausrüstung und Munition in der Ukraine eintreffen werden. Die Kriegsdiktatur ist dem Westen überlegen inklusive der Rüstungsfabriken, die im Westen in einem weitaus geringeren Umfang beheimatet sind. Die Aussichten sehen somit düster aus. Dennoch ist die Solidarität mit der Ukraine ungebrochen, die blau-gelben Flaggen wehen weiter. So als stünde die Ukraine nicht alleine auf der Landkarte, werden Kriegsängste durch weitere Krisenherde befeuert. Neben dem Krieg der Israelis gegen die Palästinenser schickt der Westen nun Kriegsschiffe in das Rote Meer, um Angriffe der Huthi-Rebellen auf Handelsschiffe abzuwehren. Die Krisenherde verflechten sich miteinander, die Angst vor einem Flächenbrand wächst. Als Gesellschaft in Summe betrachtet, nehmen die unterschwelligen Ängste zu. Wir müssen damit umgehen lernen. Verdrängen hilft nichts, ignorieren genauso wenig. All dies drückt auf eine Zukunftsperspektive nach vorne.



20. Februar 2024


Lange waren wir ratlos, wie wir uns um die noch zu besorgende Geburtsbescheinigung unseres Enkelkindes kümmern sollen. Bis unsere Tochter die Geburtsurkunden im Krankenhaus abholen konnte, sollte zwei bis drei Wochen dauern. Als unsere Tochter letzten Dienstag beim Standesamt wegen einer Geburtsbescheinigung angerufen hatte, um diese einem Antrag auf Beistandschaft des Jugendamtes beizufügen, konnte die Geburtsbescheinigung am Folgetag, also am Mittwoch, im Krankenhaus abgeholt werden. Seitdem beschäftigte uns alle das Enkelkind so sehr, dass wir es nicht auf die Reihe bekamen, zum Krankenhaus zu fahren. Etwa alle zwei Stunden stillte unsere Tochter ihren Sohn, und zwischen diesen Stillphasen schrie unser Enkelkind häufig, wegen Blähungen, die Pempers war nass oder voller Kot. Wir alle waren pausenlos beschäftigt, mit Stillen, das Kind beruhigen, wenn es schrie, es beschäftigen, wenn es wach war, es sauber machen und ganz viel Wäsche waschen, dann die Wäsche falten oder bügeln. Gestern, als ich einen Büroarbeitstag einlegte, bewältigten Frau und Tochter die große Herkules-Aktion, ins Krankenhaus zu fahren. Unser Enkelkind schrie bei diesem Ausflug viel, neben der Abholung der Geburtsurkunden schaffte es die Tochter sogar in die Praxis des Frauenarztes, die sich im Krankenhaus befand, um bei ihr nach dem Rechten zu schauen. Mitgebracht nach Hause haben die drei die Geburtsurkunden. Nun können all die bürokratischen Dinge wie Kindergeld, Elterngeld, Beistandschaft des Jugendamtes, Kindergartenplatz und so weiter erledigt werden.



21. Februar 2024


Heute fand die Kick-off-Veranstaltung der Geschäftsführung Finanzen statt, die ich vorzeitig verließ, um mich um Tochter und Enkelkind kümmern zu können – meine Frau musste heute Nachmittag arbeiten. Zwei hoch interessanten Vorträgen mit anschließendem Talk durfte ich beiwohnen, genauso hoch interessante Inhalte dürfte ich für den Rest der Agenda verpasst haben. Die Beiträge der Geschäftsführer Finanzen auf der Deutschland- und der Segmentebene durfte ich mit erleben. Drei Kernbotschaften blieben bei mir hängen. Die erste Botschaft des Geschäftsführers Finanzen: er war extrovertiert. Er hielt nichts davon, sich sein Wissen introvertiert aus Büchern und im stillen Kämmerlein anzulesen, er musste auf Menschen zugehen. Einen Großteil seines Wissens schöpfte er aus den Kontakten mit anderen Menschen. Seine zweite Botschaft: das Team ist besser als die Summe der Einzelmenschen. Man kommuniziert miteinander, tauscht sich aus, Defizite kann man durch das Wissen anderer ausgleichen. Es gibt einen Netzwerkeffekt, so dass das Leistungspotenzial im Team größer ist, als wenn man dieses Potenzial in der Summe der Einzelpersonen zusammen zählt. Die dritte Botschaft kam von dem anderen Geschäftsführer: ausgehend vom Thema Rechtspopulismus und Hass, wurde er nach Trends befragt, die er in unserer Gesellschaft sieht. Er antwortete, dass er ein große Umverteilungsdebatte wahrnehme. Diese würde von allen Schichten der Gesellschaft geführt, ob nun die Reichen zu reich seien oder die Armen zu arm. Niemand würde aber über die Grundgesamtheit diskutieren, was zu umzuverteilen sei. Denn im Umfeld von Inflation, Lohnerhöhungen und Niedriglohnsektor sinkt diese Grundgesamtheit. Die Menschen hätten nur noch das Gefühl, es würde abwärts gehen, und genau dieser Abwärtstrend fördere den Rechtspopulismus. Leider verpasste ich die übrigen Vorträge und Diskussionen. Es hatte sich in jedem Fall gelohnt, für diesen Teil mit dabei sein zu können.



22. Februar 2024


Wie sehr man den Prozentsatz der tödlich verlaufenden Herzinfarkte unterschätzen kann, das ist mir erst im nachhinein bewusst geworden. Harald Welzer, der selbst einen Herzinfarkt erlitten hatte, hatte in seinem Buch „Nachruf auf mich selbst“ einen Prozentsatz von 40 Prozent genannt. Im Internet werden ein bißchen weniger, nämlich ein Drittel, genannt. Ob nun 33 oder 40 Prozent einen Herzinfarkt nicht überleben, das ist eine heftige Zahl. So etwas zwischen Leben und Tod mag auch in mir selbst vorgegangen sein, als der Brustschmerz den ganzen Körper vereinnahmt hatte bis zu dem Zeitpunkt, dass das Setzen der Stents die vollständige Durchblutung der Herzgefäße wieder hergestellt hatte. Da muss man sich existenziell glücklich schätzen, zu den 60 bis 67 Prozent gezählt zu haben, die einen Herzinfarkt überlebt haben Harald Welzer definiert sein Leben danach als einen Neubeginn mit einem Rückblick vom Tod aus, indem er einen Nachruf auf sich selbst verfasst. Obschon bei mir die Zäsur groß gewesen ist, geht im Alltag vieles seinen normalen Gang mitsamt des Essverhaltens, tendenziell zu süß und zu fett zu essen. Die Probleme des Alltags schieben sich über die gesundheitlichen Empfehlungen, und bei gewissen Todesnachrichten kommt die Thematik wieder hoch. So war zuletzt der WM-Held von 1990, Andi Brehme, der das entscheidende 1:0 geschossen hatte, an einem Herzinfarkt gestorben. 63 Jahre alt, muss es ein plötzlicher Tod gewesen sein, so wie in unserem Ort ebenso Todesfälle bekannt sind. So zum Beispiel der Lebensgefährte unserer Tierärztin. Er hatte einen Arzttermin, saß im Wartezimmer. Dort atmete er schwer, bis er zusammenbrach und auf der Stelle verstarb. Ich sehe die Dinge ein wenig wie Harald Welzer: das Leben nach dem Herzinfarkt ist eine geschenkte Zeit, die man nicht damit verbringen sollte, sich über Dinge, die schief laufen, aufzuregen. Man sollte auch nicht daran arbeiten, Menschen verbessern oder ändern zu wollen. Man sollte sich auch keine Aufgaben vornehmen, die nicht zu schaffen sind. Die Welt sollte man nicht bitterernst nehmen. Anstatt sind Gelassenheit gefragt, Demut vor dem Leben oder positives Denken. Meine Solidarität gilt solchen Menschen wie Andi Brehme, Dirk Bach oder Rick Parfitt, die es nicht überlebt haben.



23. Februar 2024


Bei mir selbst stelle ich gerne fest, dass ich bei alledem, was historisch ist, allzu gerne zurückblicke. Mittelalterliche Burgen, in den Himmel wachsende Kathedralen, romanische Kirchen, Barockschlösser faszinieren. So krallt sich die Perspektive gerne an der Vergangenheit fest, wie die Dinge einmal waren. Die Vergangenheit wird verklärt, sie erscheint in einem positiven Licht, die Schönheit von Kirchen und Schlössern überstrahlt Bauten aus unserer heutigen Zeit. Beim heutigen Gang durch die Innenstadt von Sinzig stieß ich auf genau dieses Phänomen: eine Schaufensterauslage war dicht gespickt mit Fotos von Sinzig aus den 1950er Jahren. Fotos in schwarz-weiß von Gebäuden, die noch nicht abgerissen waren, oder von Gebäuden, die umfangreiche Verzierungen und Ornamente aus der Epoche der Vorkriegszeit trugen. Diese Schnappschüsse ließen einen zurück blicken und die Vergangenheit konservieren. Während mein eigenes Interesse historischen Themen gilt, meide ich den Blick in die Gegenwart, noch weniger schaue ich in die Zukunft hinein. Florence Gaube, dessen Buch „Zukunft – eine Bedienungsanleitung“ ich momentan lese, leitet dieses Verständnis von Vergangenheit und Zukunft aus der griechischen Mythologie ab. Prometheus und Epimetheus waren Brüder, wovon der eine, Prometheus, nach vorne dachte und den Menschen das Feuer und die Künste brachten. Der andere, Epimetheus, dachte hingegen nach hinten zurück und brachte der Menschheit über die Büchse der Pandora alle nur erdenklichen Übel. Über alle Tagebucheinträge hinweg dominiert die historische Sicht. Die Inhalte sollen aber nicht nur in die Richtung gehen, was gewesen ist, sondern auch dorthin, was ist und was kommen wird.



24. Februar 2024


Um die genaue Stelle finden zu können, musste ich recherchieren. Ich hatte im Internet nachgeschaut und den Suchbegriff „Mumie von Sinzig“ eingegeben. Und so stand ich nun in der Kirche St. Peter im Herzen von Sinzig und schaute auf dieses Eisengeflecht, das mir die Suche im Internet ausgeworfen hatte. Diese höchst seltene und aufsehenerregende Attraktion von Sinzig war also in der Versenkung verschwunden hinter diesem Eisengeflecht, das nahezu keinen Blick durchließ. Jawohl, es gab eine Mumie in Sinzig zu bestaunen. Dass Verstorbene als Mumie einbalsamiert wurden, um sie nach dem Tod zu konservieren, war eine Vorgehensweise, die bei Pharaonen im antiken Ägypten praktiziert wurde, aber auch in der Neuzeit bei Staatsmännern wie Mao-Tse-Tung oder Lenin. In Sinzig war es weder ein Staatsmann noch ein bedeutender Fürst oder Herzog, der mumifiziert wurde, sondern ein Landvogt von mäßiger Bedeutung. Im 17. Jahrhundert verwaltete er im Auftrag der Herzöge von Jülich die Güter in Sinzig und kümmerte sich unter anderem um Steuern und Abgaben, die nach Jülich abzuführen waren. 1691 verstarb der Vogt von Sinzig, 1797 entwendeten französische Revolutionstruppen die Mumie, 1815 kehrte diese nach Sinzig zurück. Die Aufschrift vor dem Eisengeflecht, dass es sich um den Vogt von Sinzig handelte, signalisierte mir, dass ich den richtigen Aufbewahrungsort gefunden hatte. Durch das Eisengeflecht war aber so gut wie nichts zu erkennen. Die Stäbe des Eisengeflechts waren dicht miteinander verschränkt, mit etwas gutem Willen konnte man die Konturen des leblosen Körpers erkennen. Den Verwesungszustand des Leichnams konnte ich mir in seiner Hülle ohnehin schlecht vorstellen. Das war eine ähnliche Vision, als sich ein Leben nach dem Tod vorzustellen. Mit den Überbleibseln des noch vorhandenen Leichnams wurde der Tod vielleicht greifbarer, plastischer, anschaulicher. Aber auch total verschwommen, weil der Blick, den der Leichnam zuließ, zusammen schwand. Das wunderbare Innere der romanischen Kirche St. Peter überstrahlte das Eisengeflecht bei weitem. Die Vision des Christentums mit ihrer Kirchenarchitektur hatte für mich stets etwas wunderbares verkörpert.



25. Februar 2024


In der 9. Kalenderwoche hatte sich bei unserem Enkelkind der Tages- und Nachtrhythmus noch nicht wirklich eingependelt, er war allerdings gerade einmal drei Wochen und wenige Tage alt. In solch einem zarten Lebensalter verlängerten sich die Schlafphasen in der Nacht etwas, allerdings nur in einer Nacht so sehr, dass er gegen zehn Uhr abends einschlief und morgens um sechs Uhr gestillt werden musste. In der letzten Nacht zum Beispiel musste unsere Tochter ihn um Mitternacht stillen, dann um zwei Uhr nachts und wieder um sechs Uhr morgens. Auf der Couch im Wohnzimmer verschlief ich indes die Stillphasen um zwei Uhr und um sechs Uhr. Am Wochenende drängten sich gleich mehrere Ereignisse. Zuerst gab es Ärger in der Dreier-WG. Dieser Ärger resultierte aus einer nächtlichen Ruhestörung des einen WG-Bewohners mit seiner Freundin. In der Nacht von Freitag auf Samstag war die Freundin so laut gewesen, dass mein Schwager erst gegen zwei Uhr nachts eingeschlafen war. Als Gegenreaktion lehnte der Schwager es ab, das Geschirr des WG-Bewohners zu spülen. Morgens nahm er all sein Geschirr aus der Spülmaschine heraus und ließ die Spülmaschine ohne sein Geschirr laufen. Tagsüber wurde die Freundin des WG-Bewohners erneut laut, daraufhin rief er seinen Bruder an, der vorbei kam. Er lud die Freundin in sein Auto ein und fuhr sie nach Hause zurück. Sonntags drängelte sich bei uns einiges. Morgens war im Pfarrheim bei uns im Ort Kindersachenbasar, wo Frau und Tochter diverse Anziehsachen für das Enkelkind kauften, ebenso einen Fläschchenwärmer. Nach dem Mittagessen hatte sich mein Bruder angekündigt, um ein Geschenk der verstorbenen Urgroßoma vorbei zu bringen. Wie das Schicksal es gewollt hatte, verstarb sie wenige Wochen vor der Geburt, das Geschenk hatte sie aber bei meiner Cousine in Auftrag gegeben. Sie hatte auch noch handschriftlich eine Glückwunschkarte ausgefertigt. Das Geschenk war ein größerer, brauner Teddybär, den man in einer Mikrowelle oder im Herd aufwärmen konnte. Wir redeten über die praktischen Dinge, so etwa darüber, was alles an Papierkram nach dem Tod zu erledigen war. Versicherungen, Nebenkosten und so weiter waren umzuschreiben, und in Summe fehlte ihm der Überblick, was alles zu bezahlen war. Viel zu viel stand herum, und in Summe war die Beerdigung ein viel zu schwer lastender emotionaler Kraftakt gewesen. Dem Amtsgericht hatte er die Erben mitgeteilt, auf die Testamentseröffnung warteten wir beiden noch. Er erzählte etwas von seiner neuen Lebensgefährtin, 48 Jahre alt, zwei Söhne im Erwachsenenalter, der Ehemann war gestorben, selbst war sie schwerbehindert aufgrund eines Blinddarmdurchbruchs im Kindesalter. Wir redeten noch über jenes und welches, bis bald meine Frau zur Kegelgruppe des Schwagers fahren wollte. Ich fuhr die beiden dorthin, und im Anschluss wollte mein Bruder zum S-Bahnhof Porz-Wahn gefahren werden, um mit dem Zug nach Hause zu fahren. Zwei Stunden später, holte ich Frau und Schwager vom Kegeln ab. Im Haus der Dreier-WG gesellten wir uns zu dem einen WG-Bewohner, der seine Freundin nach Hause hatte befördern lassen. Für ihn war die Welt so in Ordnung. Am nächsten Wochenende würde er zu ihr fahren, und er hoffte, dass sich ihr Verhältnis miteinander wieder einpendeln würde. Derweil hatte seine Freundin pausenlos versucht, uns zu Hause zu erreichen. Wir hatten aber nicht abgehoben, sporadisch hatten wir den Anrufbeantworter abgehört. Im Zimmer des WG-Bewohners vervollständigten Schwager und Ehefrau ihre Beiträge zum Hörspiel „König der Löwen“. Der WG-Bewohner machte einen zufriedenen Eindruck und kündigte an, dass das nächste Hörspiel das Dschungelbuch sein würde. Dass seine Freundin so laut gewesen war, war an diesem Abend ein Randthema. In Zyklen kochte die Lautstärke zwischen ihm und seiner Freundin hoch, sie ebbte wieder ab und schlug dann um so größere Wellen. Es wurde jedenfalls nie langweilig im Haus der Dreier-WG, wo die drei ständig Stoff lieferten für Widersinnigkeiten, Konflikte und Anachronismen.


26. Februar 2024


Unter unzumutbaren Bedingungen, unter großen Unwägbarkeiten und unter diversen Unsicherheiten hat meine Frau die Mietbescheinigung für den einen WG-Bewohner ausgefüllt. Für den Monat Februar war noch keine Miete eingegangen, was mit der fehlenden Weiterbewilligung des Wohngeldes zusammenhing. Diesen Weiterbewilligungsantrag hatte die gesetzliche Betreuerin des WG-Bewohners an die Stadt losgeschickt, der Antrag war aber liegen geblieben, weil die zuständige Mitarbeitern nicht mehr bei der Stadt beschäftigt war. Dass der Vorgang bei der Stadt nicht in der Versenkung verschwand, darum kümmerte sich die gesetzliche Betreuerin. Es fehlte aber auch noch eine Mietbescheinigung, die wir auszufüllen hatten. Diese Übung wurde zu einem Kraftakt, diverse Unmöglichkeiten aus dem Weg zu räumen. Um das Zahlenmaterial in der Bescheinigung zu befüllen, dazu hätten wir die komplette Nebenkostenabrechnung erstellen müssen. Das war bei all den Kümmerertätigkeiten rund um das Enkelkind, das bis spät abends schrie und in den Arm genommen werden musste, einfach nicht machbar. So kam es dazu, dass Rechnungen über Strom, Wasser, Grundsteuer, Versicherungen für das Haus der Dreier-WG herum lagen, nichts war sortiert und abgeheftet. Es bedurfte großer Kreativität meiner Frau, die Mietbescheinigung zustande zu bringen, um überhaupt der gesetzlichen Betreuerin eine Rückantwort zu geben. Sie beließ die Nebenkosten auf dem Niveau des Vorjahres, und teilte diese auf die vorgesehenen Rubriken auf, mit einer Ausnahme: im Vorjahr war eine Nachzahlung fällig geworden, die das Wohnungsamt mit 180 Euro monatlich viel zu üppig berücksichtigt hatte. Diese reduzierte meine Frau auf einen zweistelligen Betrag, die übrigen Beträge schrieb sie aus dem Vorjahr ab. Nach 23 Uhr, zu einer Uhrzeit, als wir viel zu müde waren, befassten wir uns mit der Mietbescheinigung, wobei ich selbst nur noch wenig aufnahmefähig war. In den nächsten Tagen stand uns eine weitere Prozedur bevor, die längst überfällig war. Für den Schwager mussten wir genauso die Weiterbewilligung des Wohngeldes beantragen, da Zahlungen stets für einen Einjahreszeitraum beschieden wurden. Mir graute bereits jetzt vor all den Feldern, die auszufüllen waren sowie den Bergen von Papier, womit sich die Mitarbeiter der Stadt befriedigen wollten. Und mir graute vor den unzumutbaren Bedingungen, dies zu sehr späten Unzeiten erledigen zu müssen, weil es nicht anders zu schaffen war.



27. Februar 2024


Gleich zu Beginn sollten sich die wesentlichen Akzente der Wanderung zeigen: das war der Felten-Turm, der auf einem Bergvorsprung weithin sichtbar war am Ende der Fußgängerzone, wenn man auf den Kreisverkehr zuging, wovon eine Straße in die Richtung von Remagen abbog. Der Sinziger Touristik-Unternehmer Josef Felten, der eine Kette von Reisebüros betrieb, setzte sich ein Denkmal mit diesem Turm. Er hatte davon geträumt, Sinzig für den Tourismus aufzuwerten. Ein Gedanke, der nicht zwingend nötig gewesen wäre, weil die Stadt Sinzig sympathisch ist, weil sie so ist, wie sie ist. Es ist nichts aufgemotzt oder gekünstelt. 1972 wurde der Turm gebaut, der Tourismus-Unternehmer verstarb im Jahr 1995. Zum Turm hin ging es mächtig den Berg hinauf, der Weg dorthin strengte an, was ich aber brauchte, da eine längere Wanderung im November letzten Jahres zurück lag. Der Treppenaufgang zur Aussichtsplattform war nicht unbedingt hübsch anzusehen, jedermann und jederfrau glaubte sich dort, mit irgendwelchen Schmierereien verewigen zu müssen. Der Aufstieg belohnte aber mit einer bewundernswerten Aussicht. Vor einem liegt die Häuseransammlung von Sinzig mit der Kirche St. Peter, auf der gegenüberliegenden Rheinseite sticht der Felsen der Erpeler Ley hervor, das Siebengebirge verschwimmt etwas im Hintergrund. Etwas weiter rechts sticht das Stadtgefüge von Linz hervor, in der anderen Richtung reihen sich die Ortsteile Westum und Löhndorf aneinander. Der Rest der Wanderung war mit dem Höhenprofil nicht so exponiert wie die beiden Wanderungen im Herbst letzten Jahres in der Eifel, das Wandererlebnis faszinierte dennoch. Dichter Wald wechselte mit Feldern ab, die Ausblicke auf das Ahrtal waren genial, die Ortschaften Löhndorf und Westum waren hübsch. Gerade die Felder waren wohl strukturiert, Schafherden weideten, die Bachläufe waren gesäumt von Baumreihen, Aussiedlerhöfe besaßen ganz viel Fachwerk. Mit dreizehn Kilometern hatte die Wanderung zudem eine Länge, die passte. In den nächsten Tagen wollte ich mit dem Fahrrad wieder ins Büro fahren, und dazu würde ich nicht zu erschöpft sein.



28. Februar 2024


Bei der Wanderung rund um Sinzig war mir bewusst geworden, dass all das Beten und Flehen nach Frieden nichts bringt. Der russische Präsident rückt nicht ab von seiner militärischen Spezialoperation, und während die russische Dampfwalze von Panzern, Granaten, Mörsern und Gewehren weiter rollt, werden all die Stimmen eines Friedens für die Ukraine nicht gehört. Nicht anders ist es mit dem Krieg im Nahen Osten. Menschen wollen hassen, Israelis und Palästinenser finden Spaß daran, sich gegenseitig umzubringen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, der strategische Erfolg bemisst sich an der Anzahl der gegnerischen Kriegsopfer. So erscheint das Friedenslicht aus Bethlehem vor dem Altar in der Kirche St. Georg im Ortsteil Löhndorf weltfremd, deplatziert und absurd. Die israelischen Soldaten werden in baldiger und in ferner Zukunft ihre Ziele nicht erreicht haben, die Palästinenser suchen nach Vergeltung. Die beteiligten Kriegsparteien werden nicht aufhören, sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen, wobei die Israelis in ihrer Angreiferposition alles niedermachen werden. So schaut die Friedenstaube denn auch dumm und naiv drein, einen Frieden zu fordern. Die Kerzen mit den Friedenslichtern sind erloschen, keine Friedensgebete werden erhört werden. Der Frieden hat keinen Plan, so wie die israelischen Kriegstreiber keinen Plan haben, und das unendliche Leid der Zivilbevölkerung wird weitergehen. Frieden ist in unseren heutigen Zeiten ein höchst zerbrechliches Gut. Im Herzen von Europa leben wir seit 79 Jahren im Frieden, und dies möge bitte so bleiben.



29. Februar 2024


Der Termin beim Kinderarzt als Kraftakt für die Familie. Um 8 Uhr war der Termin für Emils U3-Untersuchung, das war eine Herausforderung, um pünktlich zu sein. Im Endeffekt klappte alles, es entstand allerdings eine nicht unerhebliche Hektik, bis die drei im Auto saßen und um 7.50 Uhr losfuhren. Zunächst kam ich nicht aus meinem Schlafplatz auf der Couch heraus. Für 6 Uhr hatte ich den Wecker gestellt, erst um 6.15 Uhr erhob ich mich und stand auf. Um 6.20 Uhr weckte ich die drei in unserem Ehebett, danach Katzen versorgen, Toilette, zum Bäcker fahren. Um 6.50 Uhr war ich erneut am Bett, wo unser Enkelkind so aufgewacht war, dass es gestillt werden wollte. Plötzlich, mit einem Mal hatte sich die Zeit verkürzt, dass die drei in einer Stunde losfahren mussten. Die Mama des kleinen Emil war gestresst – um 1 Uhr und um 2 Uhr nachts musste ihr Sohn gestillt werden, dazwischen war er nass und musste sauber gemacht werden – so dass sie nicht sofort bei der Stelle war, um ihn zu stillen. Meine Frau rechnete mir vor, ich hätte eine Stunde gebraucht, um beim Bäcker Brötchen zu holen. Und darüber hinaus sei eine Viertelstunde länger im Bett liegen bleiben, so wie wir vereinbart hatten, in Ordnung, aber eine Stunde für Brötchen zu holen sei zu viel. Damit unsere Tochter gleichzeitig stillen und frühstücken konnte, brachte ich ihr ein Tablett ans Bett mit einer Laugenbrezel und einem Kaffee. Derweil stellte ich meiner Frau die Sachen zum Frühstücken an den Esstisch im Wohnzimmer, Kaffeetasse, Brettchen, Messer, Brötchen, Zwiebelmettwurst. Doch als sie kaum eine Minute lang an ihrem Kaffee genippt hatte, meinte sie, das Brötchen zu essen sei nicht zu schaffen, so dass ich die Sachen wieder wegräumte. Während die Zeit davon lief, hatte unsere Tochter ihren Sohn gestillt, sie kleidete sich anschließend an und bewegte sich ins Badezimmer. Derweil machte sich meine Frau daran, unser Enkelkind auf der Wickelkommode anzuziehen, das waren eine schicke Hose und ein Oberteil, damit er sich in einem wunderbaren Outfit beim Kinderarzt präsentieren konnte. Eine Tasse Kaffee reichte ich meiner Frau an die Wickelauflage, wo sie nach dem Ankleiden die Wickeltasche vervollständigte mit Ersatz-Anziehsachen. Schließlich packten die drei es dann doch pünktlich um 7.50 Uhr mit dem Auto loszufahren zum Kinderarzt. Zuvor hatte unser Enkelkind, im Kindersitz auf der Rückbank sitzend, erst interessiert nach draußen aus dem Auto in unseren tristen Vorgarten hinein geschaut. Dann war ihm der Ausblick doch langweilig geworden, so dass er mich angeschrien hatte. 

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