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Tagebuch Dezember 2023

1. Dezember 2023


Gestern Treffen mit einem früheren Arbeitskollegen auf dem Kölner Weihnachtsmarkt. In Vor-Corona-Zeiten haben wir uns einmal jährlich auf dem Weihnachtsmarkt getroffen, nach Corona sind daraus zweimal jährlich geworden. Bei der Enkeltochter seiner Lebensgefährtin hat sich ein ziemliches Hickhack entwickelt. 18 Jahre at und bei der Mutter und ihrem Mann auf Mallorca lebend, war sie dort ausgebüxt und zu ihrem leiblichen Vater nach Ibbenbüren zurück gekehrt. Auf Mallorca war sie auf eine Privatschule gegangen, sie war in der Oberstufe eines Gymnasiums, in Ibbenbüren hätte sie die Oberstufe neu beginnen müssen, weil die in Spanien absolvierten Schuljahre der Oberstufe nicht anerkannt wurden. Sie hätte somit die Oberstufe neu beginnen müssen. Daher war sie wieder zurück nach Spanien gegangen, dort war sie aber nicht mit ihrer Mutter klar gekommen. Zuletzt war sie wieder nach Deutschland zurück gekehrt. In Ibbenbüren hatte sie nun einen Platz auf einer Privatschule gefunden, in einer WG hatte sie eine Bleibe gefunden, der leibliche Vater zahlte Unterhalt. Im weiteren familiären Umkreis war die Haussuche erfolgreich gewesen. Die andere Tochter seiner Lebensgefährtin lebte seit zwei, drei Jahren in einer festen Beziehung, die beiden hatten ein Grundstück am Stadtrand gefunden, wo es ländlich war. Dieses Grundstück gehörte einer Erbengemeinschaft, dort wurde ein freistehendes Einfamilienhaus und zwei Doppelhaushälften gebaut. Sie hatten nun das Grundstück mit der noch zu bebauenden Doppelhaushälfte gekauft. Ich sprach den einstigen Arbeitskollegen darauf an, dass in unserem Ort, als wir uns zum SPD-Stammtisch gewagt hatten, für eine Doppelhaushälfte ein Preis von 600.000 Euro genannt worden war. Am Stadtrand von Mönchengladbach wurde dies sogar noch getoppt. Die beiden mussten 700.000 Euro berappen – wahrscheinlich mit diversen Extras und kaum Eigenleistung. Die beiden hatten auch keine Kinder und verdienten möglicherweise gut. Sein Sohn hatte mit seiner Freundin ebenso ein Haus gekauft. Diskussionen gab es im übrigen weniger wegen des Hauskaufs, sondern wegen der Tätowierungen seiner Freundin. Seit einiger Zeit hatte er eine neue Freundin, dessen Tätowierungen einigermaßen umfangreich waren. Weil seine Tochter die Tätowierungen überhaupt nicht mochte, hatte sich eine Feindschaft zwischen den beiden aufgebaut. Es wurde zunehmend schwierig, bei gemeinsamen familiären Anlässen die beiden Damen zusammen zu bekommen. Seine Tochter war ansonsten in eine Art von Torschusspanik verfallen, was eine feste Beziehung betraf. Sie war nun 36, sie arbeitete bei einem Messeveranstalter, dort hatte sie zeitweise eine Beziehung mit einem verheirateten Mann gehabt, die über die familiären Verwirrungen und Verirrungen in die Brüche gegangen war. Strenges Stillschweigen herrschte mit der Tochter über Männer, wobei eine neue Beziehung nicht in Sicht schien. Die gemeinsamen Reisen mit seiner Lebensgefährtin schienen etwas nachgelassen zu haben. Eine Kreuzfahrt von Kiel durch das Nordmeer nach Island hatten sie unternommen. Reikjavik müsse nicht sein, meinte er. In der isländischen Hauptstadt, die sie sich angeschaut hätten, hätten sie nichts nennenswertes entdecken können. Die Schifffahrt an für sich sei aber entspannend gewesen. Darüber hinaus seien sie schwerpunktmäßig im Osten gewesen, namentlich in Thüringen. Auf der Unstrut und der Saale waren sie in einer Gruppe mit dem Schiff gefahren, die Wartburg hatten sie ebenso besichtigt. Ganz toll sei Halle gewesen. Ich fragte ihn nach seinem Alter. Er war 69, seine Lebensgefährtin 65. Nach ihrer Darmkrebsoperation war sie nicht nur eingeschränkt, dass wegen des verkürzten Darms der Stuhlgang sehr plötzlich kommen konnte, sondern auch, dass in den Füßen das Gefühl nachließ. So hatte sie mit ihrem e-Bike kaum noch Strecken zurück gelegt. Froh war allerdings der frühere Arbeitskollege ebenso, dass bestimmte Unternehmungen nachgelassen hatten. So hatte er gerne über den superreichen Freundeskreis ihrer Lebensgefährtin geschimpft, dass er an ihren Unterhaltungen über Geld und Vermögen vollkommen desinteressiert war. Einige von ihnen besaßen Häuser auf Mallorca, und im letzten Jahr waren ihm Zusammenkünfte auf Mallorca erspart geblieben. Ebenso erfreute ihn, dass Silvester nichts konkretes geplant war. Bei solchen Festivitäten hatte er sich stets gelangweilt, er hatte nur weggehört und war froh gewesen, wenn dieses Geplänkel vorbei war. Einen festlichen Anlass musste er allerdings über sich ergehen lassen: das war die Hochzeit eines Sohnes aus dem Freundeskreis seiner Lebensgefährtin auf Schloss Bensberg. Bei dieser Hochzeit war eine Kleiderordnung vorgegeben mit Anzug und Krawatte, die er sogar eingehalten hatte. Wir diskutierten hingegen die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft, wenn solche Superreichen keine Regeln kannten, wenn sie sich absonderten, während bei der arbeitenden Bevölkerung die Inflation durchschlug. Löhne und Gehälter wurden nur dann angepasst, wenn gewerkschaftliche Organisationen greifen konnten. Insbesondere dann, wenn beide Partner im Niedriglohnbereich arbeiteten, und insbesondere bei mehreren Kindern, war ein angemessener Lebensstandard kaum noch zu halten. Solche exklusiven Zirkel von Reichen und Superreichen, die mit Geld nur so um sich schmissen, waren uns beiden fremd. Ein anderes banaleres Thema war die Unzuverlässigkeit der Bahn, worunter wir beide litten. So musste er ein Treffen früherer Postamtskollegen platzen lassen, weil zwei Züge der Bahn hintereinander ausfielen. Im Café am Alten Markt verabschiedeten wir uns, wo wir ein warmes Plätzchen gesucht hatten außerhalb der kalten Witterung auf dem Weihnachtsmarkt dort draußen auf dem Alten Markt.



2. Dezember 2023


Ein sehr ausgefülltes Wochenende, an dem alles gleichzeitig kam. Freitag, Samstag und Sonntag nahm unsere Tochter an einem Geburtsvorbereitungskurs im Krankenhaus teil, wozu am Sonntag meine Frau mitkam. Am Samstag konnten wir in der Grundschule in Troisdorf-Spich einen Kleiderschrank und eine Wickelkommode abholen, die über das Diakonische Werk kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Des weiteren fand an diesem Wochenende der Weihnachtsmarkt im Nachbarort statt, wo ich mithelfen wollte. Dann kam noch das Kegeln des Schwagers am Sonntag hinzu, wohin meine Frau mitfahren wollte. Mit der Geburtsvorbereitung der Tochter hatte ich zwar nichts zu tun, ich fuhr unsere Tochter am Freitag und Samstag allerdings mit dem Auto hin und holte sie wieder ab. Bei der Abholung der Möbel in der Grundschule half ein Freund, da ich mir unsicher war, ob diese denn in unseren PKW hinein passen würden. Zudem war er einiges kräftiger beim Tragen schwerer Teile. Wir konnten auf den Schulhof der Grundschuld fahren, das war ein 1970er Bau in einem Stil, zusammengefügt aus Fertigteilen, im wesentlichen aus Beton und Glas bestehend. Der Bau atmete den Geist einer Schularchitektur ein, der wenig identitätsstiftend war, aber dennoch im Schulbetrieb der dort lernenden Kinder seine eigenen Narrative bereit halten dürfte. Die Möbelausgabe geschah in einem Seitentrakt linkerhand zum Haupteingang. Der Mitarbeiter, der unseren Kleiderschrank und die Wickelkommode ausgab, gab zu erkennen, dass es am heutigen Tag außerordentlich ruhig sei. Wären wir vor einigen Wochen gekommen, hätten wir wesentlich mehr Zeit einplanen müssen. Der zeitliche Ablauf passte insofern sehr gut, weil ich im direkten Anschluss unsere Tochter zur Geburtsvorbereitung nach Troisdorf fahren musste. Dort kam sie rechtzeitig an, während meine Frau arbeiten musste. Indes war die Mithilfe unseres Freundes notwendig, da das eine Paket des Kleiderschranks sehr schwer zu tragen war. Beim Aufbau konnte er allerdings nicht mithelfen, da seine handwerklichen Fähigkeiten im Anschluss von anderen Auftraggebern verplant waren. Währenddessen fuhr ich zum Haus der Dreier-WG, um die gewaschenen Pullover im Keller aufzuhängen. Um die Mittagszeit kehrte meine Frau von der Arbeit zurück, gegen 16 Uhr holte ich unsere Tochter von der Geburtsvorbereitung ab, danach fuhren wir einkaufen, und so schleppte sich der Samstag dahin. Am Sonntag bekam ich es mit unserem Sohn gemeinsam hin, den Kleiderschrank aufzubauen.



3. Dezember 2023


In der 48. Kalenderwoche spürte ich am Ende des Sonntags, dass ich platt war. Mein innerer Akku war leer, am Sonntagmorgen hatte hatten mich Frau und Tochter mit dem Auto zum Geburtsvorbereitungskurs verlassen, und um die Mittagszeit fuhr ich mit dem Bus zum Weihnachtsmarkt im Nachbarort, um dort mitzuhelfen. Der Förderverein für integratives Wohnen, der Gelder für den Bau und den Betrieb des Behindertenwohnheimes sammelte, hatte seit Jahrzehnten dort diesen Stand, wo er Marmelade, Waffeln, Glühwein und so weiter verkaufte. Mittlerweile fanden sich so wenige Helfer, dass der Stand kaum noch betrieben werden konnte. In diesem Jahr befasste ich mich zwei Stunden lang mit dem Spülen, Abtrocknen sowie dem Hin- und Hertragen von Glühweintassen, woraus man auch Kakao trank. Am Nachmittag stand ebenso das Kegeln des Schwagers auf dem Programm, welches weihnachtlich feierlich mit Wichteln gestaltet wurde. Nach der Rückkehr vom Weihnachtsmarkt baute ich mit dem Sohn den Kleiderschrank im Kinderzimmer auf, später durfte ich den Rest der Familie bekochen. Alles in allem war ich platt am Ende des Wochenendes, und den Ausführungen meiner Frau zum Geburtsvorbereitungskurs hörte ich nur noch stückweise zu. Sie erzählte, dass das Stillen weiterhin eine regelrechte ideologische Fragestellung war. Die Hebamme brachte dazu den Begriff „Piranha“ sehr treffend ins Spiel. Das Baby würde sich beim Stillen wie ein Piranha verhalten, es würde wie wild drauf lossaugen und die Mama müsse all die nötige Energie aufbringen, um diesem Bedürfnis des Babys, gestillt zu werden, nachzukommen. Unsere Tpchter wollte stillen, meine Frau hatte früher oder später beim Stillen aufgegeben, unserer Tochter dürfte die Intensität (noch) nicht bewusst sein. Eine breite Diskussion nahm der Vorgang der eigentlichen Geburt ein. Bei unseren eigenen Kindern war es so gewesen, dass sie sich viel bis sehr viel Zeit gelassen hatten bis zur Geburt. Man sollte aber nicht damit rechnen. Die Hebamme erzählte nämlich unter anderem von folgendem Fall: vermeintlich setzten die Wehen ein, und die Eltern brachten das Geschwisterkind noch in den Kindergarten. Dieser Zeitverlust war entscheidend, denn das Baby kam genau während der Autofahrt ins Krankenhaus. Wenn es denn zur Geburt im Krankenhaus kam, erzählte man negativ über die Peridualanästhesie. Die Nebenwirkungen seien zu groß, die Wirbelsäule können Schäden nehmen nach der Betäubung des betroffenen Rückenmarkbereichs. Meine Frau hatte jedenfalls bei all den Geburten die Peridualanästhesie gebraucht, die Wehen wurden dadurch deutlich gelindert. Diskutiert wurde ebenso, die Geburt durch einen Kaiserschnitt zu verkürzen anstelle der möglichen sehr langen Wehentätigkeit. Davon riet die Hebamme ab, da es sich um einen operative Eingriff handele, der unter örtlicher Betäubung gemacht wurde. Das war bewusst gewollt, dass die Mutter den kompletten Vorgang der Geburt mitbekäme. Weil es ein operativer Eingriff war, dauerte zudem die Regenerationszeit länger, bis die Mama wieder fit war. Ein totales Misserfolgserlebnis hatte an diesem Wochenende der eine WG-Bewohner, den seine Eltern besucht haben wollten. Äußerst selten besuchten sie ihn, und extra für ihren Besuch hatte er Kekse und andere Leckereien besorgt. Doch kurzfristig sagten sie ab. Noch tief entsetzt, fragte er meine Frau, ob er anstatt dessen zum Kegeln mitkommen könne. Das war das Paradoxe: selten nahm er an gemeinsamen WG-Unternehmungen teil, und diesmal passte es nicht so wirklich. Beim vorweihnachtlichen Kegeln sollte gewichtelt werden, alle hatten ein Wichtelgeschenk organisiert, und er würde ohne ein Wichtelgeschenk dastehen. So sagte meine Frau ihm ab und nahm ihn nicht mit. Als die Kegelbrüder sich trafen, stellte sich heraus, dass die Anwesenheit irgendwie durcheinander geraten war. Der eine fehlte, der andere hatte kein Wichtelgeschenk mitgebracht. Dann fehlte noch eine, die ich während meiner Hilfstätigkeit auf dem Weihnachtsmarkt getroffen hatte. Sie erwartete Besuch und nahm deshalb nicht am Kegeln teil. Das Fazit war bitter: es hätte überhaupt nichts ausgemacht, wenn der eine WG-Bewohner mitgekommen wäre. Als meine Frau mit dem Auto vom Kegeln zurück kehrte, hatte ein bahnbrechendes Ereignis statt gefunden: es schneite nämlich. Zumindest verhielten sich die Temperaturen so, dass der Schnee bis zum nächsten Morgen liegen blieb.


4. Dezember 2023


Gefühlt endlos war ich mit mir selbst am Ringen nach einer Struktur, was meine Themen waren. Was mich umtrieb, was meine Interessen weckte, was ich beackern wollte und dass ich mich nicht nur mit dem Alltagswahnsinn befassen wollte. Dauerhaft war ich auf der Suche nach einer ausgewogenen Struktur der familiären Anliegen, dem weiteren Umfeld und dem eigenen persönlichen Wunschkonzert. Die Fahrt nach Maastricht war so etwas wie ein Ausbruch aus diesem Alltagswahnsinn, die Suche nach einer Struktur, einem sinnvollen Ganzen, den Verästelungen und den Feinstrukturen, die sich daraus ableiteten. Ein Denken auf einem höheren Niveau, vom Großen zum Kleinen und umgekehrt. Vom Prinzip her bekam ich den Kopf frei, das Denken konnte sich frei entfalten. Es schwenkte über von der historischen zur literarischen zur philosophischen Perspektive, wobei die philosophische Perspektive am wenigsten anschaulich war. Objekte aus der Geschichte wie Kirchen, Klöster, Rathäuser, Denkmale konnte man in einer Überfülle betrachten, während philosophische Gegenstände kaum zu fassen waren. Trotz diverser Verständnisschwierigkeiten von Philosophen wie Kant oder Hegel reizten mich deren Schriften. Nicht unerheblich trug dazu Richard David Precht bei, der diese Kompliziertheit entflechten und allgemein verständlich beschreiben konnte. Zudem war die Philosophie zu wenig präsent in der Öffentlichkeit, so zum Beispiel in Buchhandlungen, gleichwohl war zum Beispiel ein Richard David Precht sehr häufig in irgend welchen Fernsehauftritten präsent. In der Dominikanerkirche in Maastricht, in der als außergewöhnlicher Ort eine Buchhandlung untergebracht war, konnte ich dieses Abbild der Philosophie zurecht rücken. Die Auswahl an philosophischer Literatur in niederländischer Sprache war nämlich sehr vielfältig und befasste sich Querbeet mit antiken Philosophen, Denkern der Aufklärung und auch zeitgenössischer Literatur. Selbst Thalia, wo die Auswahl noch ziemlich am größten war, kam gegen die Regalreihen in der Dominikanerkirche nicht an. In der Philosophie waren die Niederländer wirklich gut aufgestellt, sie mischten das Denken neu auf, brachten ihren Zeitgeist zur Sprache und trugen hoffentlich dazu bei, dass ich aus dieser Stippvisite von Maastricht ein sinnvolles Ganzes erzeugen würde. Unter der reichen Auswahl entschied ich mich für das Taschenbuch „Apocalypsophie“ von Lisa Doeland. Das Buch war auf Niederländisch geschrieben und befasste sich mit den Denkweisen von Umweltbewegungen wie etwa der letzten Generation, die sich in den Niederlanden ähnlich oder anders nennen dürften. Meine Erwartungshaltung war, dass in dem Buch die Ängste aus dem Raubbau und der Zerstörung unseres Planeten mit der Apokalypse in Verbindung gebracht würden. Gespannt auf das Leseerlebnis, freute ich mich insbesondere darauf, das Buch in der niederländischen Sprache lesen zu dürfen. Das Vorhaben, Klarheit in meinen Kopf zu bringen, war in Maastricht halbwegs gelungen. Dazu trug die Struktur in der einzigartigen Buchhandlung in der Dominikanerkirche bei, ebenso die einzigartige Geschlossenheit und Schönheit der Maastrichter Altstadt. Ohnehin fühlte ich mich von alledem magisch angezogen, was niederländisch und belgisch (und natürlich französisch) aussah. Hier war ich in einer anderen Welt angekommen, wo ich mich von allen Zwängen befreien konnte und wo es schöner, hübscher und beschaulicher war.   



5. Dezember 2023


Wann würde ich Maastricht wiedersehen ? Früher hatte ich mir regelmäßig mit dem Rennrad die Zeit genommen, bis Aachen mit dem Zug, dann Maastricht hin und zurück mit dem Rennrad. Das letzte Mal war ich 2019 hier mit dem Zug, hin und zurück, seitdem die Zugverbindung zwischen Aachen und Maastricht wieder hergestellt wurde. Das dauerte aber, eine Stunde mit Bus und Bahn nach Köln, in 35 Minuten mit dem ICE von Köln nach Aachen, dann 48 Minuten mit dem Regionalexpress nach Maastricht. Dieser fiel allerdings heute Morgen aus, anstatt dessen fuhr ich mit einer Regionalbahn nach Herzogenrath, wo ich umsteigen musste in den Zug von Herzogenrath nach Maastricht. Fünf nach halb sieben verließ ich unser Haus, um zehn Uhr kam ich im Bahnhof Maastricht an, der auf der zum Zentrum abgewandten Maasseite lag. Das macht zweieinhalb Stunden Fahrzeit gegenüber anderthalb Stunden mit dem Auto – ohne Stau auf der Autobahn A4. Schlecht standen die Chancen, Maastricht wieder zu sehen wegen des erwarteten Nachwuchses unserer Tochter, was allerdings eine Selbstverständlichkeit sein sollte, solche Freizeitaktivitäten zurück zu stellen. Dementsprechend sog ich die Eindrücke in mich au, um sie zu konservieren. Wach und lebendig wollte ich die Eindrücke halten in einer Stadt, die in der Tat einzigartig war. Ein ähnliches Stadterlebnis gestaltete sich in deutschen Städten schwierig, da viele Städte effektiv ungesellig waren, scheußlich in der Architektur, oftmals zu platt, zweckorientiert und einfallslos. Das Historische und das Schöne musste man suchen, es war aber zu finden. Dazu lag Maastricht im Ausland. Länder wie die Niederlande, Belgien, Frankreich oder auch Spanien haben stets meine Neugierde geweckt, die Menschen gehen dort pfleglicher mit ihrem Kulturerbe und ihrer Architektur um. Das Denken wechselt von dem ergrübelnden In-Sich-Gekehrtsein in eine Offenheit, Schranken des Denkens fallen weg, die Sinneseindrücke werden ungefiltert wahrgenommen. Fremde Sprachen vermitteln neue Denkansätze, die Menschen sind irgendwie anders drauf als hierzulande. Ein solcher Besuch von Maastricht hat dann auch den Zweck, alles umzuwerfen, umzustoßen und neu zu durch denken. Einstweilen werden wir uns ab einem noch ungewissen Datum an dem Nachwuchs unserer Tochter erfreuen. Sicherlich wird dieses noch nicht geborene Menschenleben unser Denken genauso auf den Kopf stellen und die Dinge neu beginnen lassen.



6. Dezember 2023


Termin mit der Tochter in der Diakonie in Siegburg. Wir sind hoch erfreut, aus was für Töpfen die Diakonie unsere schwangere Tochter unterstützt. Diesmal erhielt sie einen Scheck über einen dreistelligen Betrag. Ausgaben für Babyklamotten und Kinderzimmereinrichtung fallen reichlich an, und wir sind dankbar über jeden Euro Unterstützung. Außerdem half ein ehrenamtlicher Mitarbeiter (Herr Bicker) beim Ausfüllen der Antragsformulare für Eltern- und Kindergeld. Das Gesamtkonstrukt der Einnahmen, wozu das Eltern- und Kindergeld gehörte, war durchaus eine knifflige Sache. Hinzu kam ihre Ausbildungsvergütung, die in einer Teilzeitausbildung dementsprechend abgesenkt sein würde, und der Unterhalt des Vaters. Er wollte über einen Nebenjob selbst für den Unterhalt sorgen, auf keinen Fall sollte das Jugendamt über einen Unterhaltsvorschuss beteiligt werden. Dazu mussten wir erst einmal wissen, wie hoch überhaupt der Unterhalt sein würde. Im Internet hatte ich 312 Euro recherchiert, der Mitarbeiter der Diakonie nannte aber einen Betrag von 187 Euro als Unterhaltsvorschuss. Mit diesen Geldbeträgen kamen wir auf eine Summe, nach der unsere Tochter Anspruch auf Bürgergeld haben würde (in einer Größenordnung von etwa 100 Euro). Bei der Beantragung des Bürgergeldes bestand das Jobcenter aber darauf, dass der Vater entweder den Unterhalt zahlte oder dass der Unterhaltsvorschuss beantragt wurde. Der Vater saß also in der Klemme. Beim eigentlichen Formular des Elterngeldes musste der Mitarbeiter diverse Felder frei lassen, so die Steueridentifikationsnummer, die Höhe des Mutterschaftsgeldes oder ob sie Elterngeld 1 (Laufzeit 1 Jahr) oder Elterngeld Plus (Laufzeit 2 Jahre mit dem halben Betrag) beantragen wollte. Beim Kindergeldantrag staunte ich über das Kuriosum, dass das noch nicht geborene Kind bald nach der Geburt eine Steueridentifikationsnummer zugesandt bekommen würde, die dann auch im Antrag anzugeben war. Nachdem unsere Tochter den Scheck in der Sparkasse eingelöst hatte, gingen wir zum gemütlichen Teil in der Siegburger Innenstadt über. Wir hockten uns in den hinteren Teil des Eiscafés am Marktplatz und aßen jeweils eine Waffel mit heißen Kirschen und Sahne. Dort ließen wir es uns lecker schmecken, wir quasselten ein wenig miteinander und verließen um die Mittagszeit die Kreisstadt mit dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt.



7. Dezember 2023


Die Wippe ist derzeit in unserem Haus die Attraktion. Gekauft für das noch nicht geborene Baby, nutzen unsere Katzen lebhaft die Wippe, wo man den Säugling für die ersten Lebensmonate hinein legen kann. Während das Baby schauen kann, können wir Dinge erledigen, oder das Baby schläft. Ein praktisches Ding, solch eine Wippe. Als sehr praktische Liegefläche, die wir mit einem Badehandtuch abgedeckt haben, präsentiert sich die Wippe auch für unsere Katzen.  Momentan hat sich unser Kater Rambo dort niedergelassen. Er kuschelt seinen Körper in der Mulde, nickt seinen Kopf auf die weißen Vorderpfoten, schläft dort und hat seine Augen verschlossen. Nichts kann ihn dort vertreiben, auch keine andere Katze in unserem Haus. Derweil hat sich unser Kater Jumbo auf der Couch niedergelassen, unser Kater Oskar hat sich in seinem Körbchen eingekuschelt. Beide haben sich der Wippe genähert, unser Kater Rambo hält sich aber eisern auf seinem Schlafplatz. Er bewegt sich keinen Millimeter, schnurrt vor sich hin, lebt dort all seine Faulheit aus und weist mit seinem Nichtstun die anderen Katzen ab. Wenn wir Pech haben, werden wir die Belegung unserer Wippe überdenken müssen. Eine Wippe reicht nicht aus für ein Baby plus vier Katzen, so beliebt ist die Wippe bei unseren Katzen. Wir werden uns etwas überlegen müssen.



8. Dezember 2023


Die Theke im Retro-Look, die Holztische kombiniert mit Plastikstühlen. Der Holzfußboden geht über in mattgraue Fliesen, ganz unkonventionell sind die Leuchten im 1950er-Jahre-Stil: aus runden Kugellampen strömt schummriges Licht, die zusammengefügten Quadrate der Deckenlampe lassen einen an den Bauhaus-Stil denken. Die wechselnden Streifen der Tapete in Farbtönen von Blau bis Schwimmbadgrün ergeben eine logische Verknüpfung des Namens des Cafés: Café Blau. Es ist eines meiner Lieblingscafés in der Innenstadt, obschon ich nicht unbedingt ein Freund des Designs der 1950er Jahre bin. Gleichwohl wirkt die Farbkomposition stimmig und harmonisch, kein Stilbruch, der Widerspruch zwischen der Frische und den blassen Farbtönen passt, die Musik sowieso. An ihr ist nichts konventionell in stilistische Musikkategorien einordenbar. Gängige Musik, nach Jahrzehnten sortiert, 1980er Jahre, 1970er Jahre oder gar das Floer-Power-Jahr 1968 wird man hier vermissen. Sie geht gegen den Mainstream, ein bißchen Soul, ein bißchen Blues, ein bißchen Gitarrenrock, sogar Techno, was mir dieses Café genau sympathisch macht. Die Form ist frei, was genau meine Gedanken kreisen läßt, ohne vorgegebene Denkmuster und ohne Schablone. Das Café verkörpert für mich sogar ein Stück Belgien, Cafés, wie man sie etwa in Lüttich vorfindet. Mein Lieblingscafé ? Beinahe, der Traum von Cafés wird aber weiterhin in unseren westlichen Nachbarländern liegen. 



9. Dezember 2023


Nachdem wir in der Black-Week-Aktionswoche eine neue Waschmaschine bestellt hatten, haben wir in einer ähnlichen Spontanaktion einen Wäschetrockner organisiert. Diesmal allerdings nicht über das Internet sowie nicht als Neuanschaffung, sondern gebraucht. Es war nicht die erste Anschaffung, die meine Frau über die Whatsapp-Nachbarschaftsgruppe getätigt hatte. Seit etlichen Monaten hatte unser Wäschetrockner seinen Geist aufgegeben, er trocknete nicht mehr, so dass wir bis in den Herbst hinein unsere Wäsche -stromsparend – auf der Wäschespinne getrocknet hatten. Mittlerweile ist dies nicht mehr praktikabel, so dass wir unter den Black-Week-Angeboten gleichzeitig nach einem Wäschetrockner geschaut hatten. Unter 700 Euro war unter diesen Angeboten allerdings nichts zu haben, eine tagesaktuelle Suche gestaltete sich nicht anders. So wurde meine Frau denn in der Whatsapp-Nachbarschaftsgruppe fündig, wo ein gebrauchter Wäschetrockner angeboten wurden. Wir schauten uns diesen an, kauften ihn sogleich für einhundert Euro. Schwierig gestaltete sich der Transport sowie der Abtransport des vorhandenen Wäschetrockners im Keller. Sein Gewicht war so schwer, dass wir ihn Stufe für Stufe die Kellertreppe hoch hieven mussten. Unser Sohn hob vorne an, ich hinten. Auf Zuruf packten wir beide an, wir hoben nach oben und setzten wieder ab. Schwierig waren die Ecken des Treppenhauses, wo wir den Wäschetrockner nur stückweise aufsetzen konnten. Nach einer ziemlichen Weile hatten wir das Treppenhaus geschafft, danach schoben wir den Wäschetrockner im Flur über den Boden. Die Prozedur, den gebrauchten Wäschetrockner vom Kofferraum des Autos in den Keller zu transportieren gestaltete sich vergleichsweise einfacher, wenngleich die Äste des Fliederbaums im Hauszugang im Wege standen, so dass ein Ast abbrach. Im Haus war die Kellertreppe einfacher, da wir das Gewicht des Trockners hinunter tragen mussten, die Belastung für Arme und Rücken war dabei nicht so intensiv. Schließlich gelang es uns, den Trockner an seine vorgesehene Stelle zu platzieren, am nächsten Tag mussten wir noch die Füße justieren, damit dieser gerade auf dem Fußboden stand und nicht wackelte.



10. Dezember 2023


In der 49. Kalenderwoche war die Hebamme ein weiteres Mal bei unserer Tochter, dabei konnte sie feststellen, dass ein gewisser Teil an Babyausstattung vorhanden war. Ein Babybett hatten wir organisiert, ebenso ein Beistellbett. Strampler, Einteiler, Wuscheltücher und andere Wäsche hatte meine Frau über die Whatsapp-Nachbarschaftsgruppe organisiert, den Kleiderschrank und die Wickelkommode hatten wir aufgebaut. Was noch fehlte, waren unter anderem die Steckdosen mit Kindersicherung im Kinderzimmer. Einen Maxi Cosi besaßen wir zwar, wir hatten aber nicht heraus bekommen, wie man die Babyschale aus dem Tragegestell für den Kinderwagen gelöst bekam. Indes sind wir mit dem Aufräumen im alten Kinderzimmer unserer Tochter, das zum Gästezimmer werden soll, nicht weiter gekommen. Vor allem ausgemusterte Anziehsachen und allerlei Spielzeug – vor allem Puppen – stehen und liegen dort in totaler Unordnung herum. In der 49. Kalenderwoche ist es uns zwar gelungen, dass uns das diakonische Werk bei den Anträgen zum Eltern- und Kindergeld geholfen hat (die erst nach der Geburt gestellt werden können). Unsere Tochter hatte aber einen Termin beim Frauenarzt und hat dort vergessen, sich eine Bescheinigung des voraussichtlichen Geburtstermins ausstellen zu lassen, um das Mutterschaftsgeld bei der Krankenkasse beantragen zu können. Anscheinend reicht der Krankenkasse der Mutterpass nicht aus. Bereits jetzt ist absehbar, dass unmittelbar nach der Geburt eine Vielzahl von Formularen und Anträgen abzuarbeiten sein werden: Kindergeld, Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Kindergartenplatz, Elternzeit. Dies wird sicherlich eine besondere Energie erfordern, sich gleichzeitig um das Baby zu kümmern, all dieses Papier abzuarbeiten und Termin dazu mit Baby wahrzunehmen.


11. Dezember 2023


Gerne trinke ich in dem Café im Nachbarort gegenüber der Kirche einen Kaffee, diesmal aß ich ein Stück Himbeertorte dazu. Ich hörte der Hintergrundmusik zu. Allerdings befanden wir uns in der Vorweihnachtszeit, so dass diese abschreckende Form von Weihnachtsliedern herunter gespielt wurde. Musik geht mir ja ständig durch die Ohren, momentan ganz viel Jefferson Airplane, aber größer konnte der Gegensatz zu diesen Weihnachtsliedern kaum sein. Überall glaubt man, Weihnachtslieder spielen zu müssen. Ganz schlimm ist dies, wenn man die Weihnachtslieder nicht in der naturgegebenen Melodie spielt, wie man sie etwa aus der Kirche kennt oder im Original, sondern als Popmusik, entfremdet oder in andere Formen gegossen. Wie man Klassiker wie „Let it snow“ oder „Winter Wonderland“ oder „Silent Night“ beinahe unkenntlich machen konnte und erst am Schluss am Refrain erkennen konnte, das war eine Beleidigung für das Gehör. So gerne ich mich ansonsten in diesem Café aufhalte, in der Vorweihnachtszeit igelte ich mich zusammen und wollte mir am liebsten die Ohren zuhalten. Dazu kam all dieser Kitsch, den andere Dekoration nennen. Hier glitzerten Lichter in Sternen, andere Sterne hingen an den Seitentüren. Tannengrün mit einer Lichterkette lag auf der Sitzreihe in der Mitte des Raums. Direkt schaute ich auf den Tannenbaum mit lauter roten Christbaumkugeln. Schokoladennikoläuse zwischen dem Gebäck, Elche aus Stoff, ein Fenster vollgehangen gleich mit einer ganzen Lichterwand. An der Decke dann diese schweren Leuchter, die mir eigentlich gut gefallen, die aber in dem Netz von Lichterketten und den blinkenden Sternen den ganzen Raum überfrachteten. Eine solche Dekoration förderte mein Bestreben, froh zu sein, wenn die ganze Weihnachtszeit vorbei ist. Zum Glück, ist nicht das ganze Jahr Weihnachten.



12. Dezember 2023


In Fetzen hängen die Plakate herunter, Regen hat das Papier durchnässt, noch strahlt das Lächeln der Kandidaten gegen Stürme und Nässe und die Unfreundlichkeit der Witterung. Gestern haben wir das zweite Mal das Wahllokal in der Grundschule gefunden, vor vierzehn Tagen zum ersten Wahlgang der Bürgermeisterwahl, gestern für die Stichwahl der beiden Kandidaten, die auf den Wahlplakaten – noch – sehen sind, bevor diese irgend wann abgehängt werden und der Unkenntlichkeit der Vergangenheit überlassen werden. Gewonnen hat der SPD-Kandidat, der auf mich den viel kompetenteren und sympathischeren Eindruck gemacht hat, worüber sich aber bestimmt streiten läßt. Wählen gehen, damit identifiziere ich mich als Bürger eines demokratischen Staates. Das sind Werte, wofür wir mehrere Jahrhunderte gekämpft haben, während in anderen Ländern entweder gar nicht gewählt wird oder Scheinwahlen abgehalten werden. Wir haben unseren Stimmzettel in die Wahlurne geworfen, während ein weltweiter Konkurrenzkampf um die Werte des Westens mit ihren demokratischen Strukturen im Gange ist. Den neuen Bürgermeister werden diese Grundsatzfragen, ob die Demokratie denn die richtige Staatsform ist, unberührt lassen, auf ihn warten im Rathaus ohnehin dicke Stapel von Arbeit. Mit großen Worten hatte er angekündigt, gestalten zu wollen, diese Gestaltungsspielräume sind allerdings stark eingeschränkt. Gesetze zwängen ihn ein, welche Aufgaben seine Behörde wahrzunehmen hat, die Abläufe sind ebenso durch die Gesetze festgelegt. Den stärksten Zwang stellt das Haushaltssicherungskonzept dar, Schulden abbauen zu müssen, hier werden sich die Bürger und auch die Verwaltung einschränken müssen. Nicht weniger schwierig stelle ich mir vor, die Interessen der Bürger wahrzunehmen. Mit Schrecken stelle ich bei vielen kommunalen Themen fest, dass die Bürger immer wieder in eine Vorgartenmentalität zurück fallen. Sie denken bis zum eigenen Vorgarten, und wenn sie über diese Grenze hinaus durch Baustellen, Schmutz, Dreck, Lärm, Straßenverkehr und so weiter gestört werden, dann wird protestiert. Diskutiert wird dann nicht das Gemeinwohl, sondern das Wohlbefinden einzelner, wenn etwa über Tempo 30-Zonen oder Zebrastreifen geredet wird, wo die kommunalen Instanzen durch gesetzliche Vorgaben stark eingeschränkt sind. Unserem neuen Bürgermeister drücken wir jedenfalls die Daumen, bei den großen Themen (und auch bei den kleinen Alltagsthemen) etwas im Sinne von allen Bürgern unserer Stadt zu bewegen. Bis sich etwas bewegt hat, werden all diese Wahlplakate am Straßenrand längst verschwunden sein.  



13. Dezember 2023


Gestern hatten wir so eine Art Weihnachtsfeier in kleinem Kreis mit der Dreier-WG, als wir in der Frittenbude in unserem Ort essen gegangen waren. Wir aßen Hamburger, Gyros, Jägerschnitzel, Gyros-Pizza und natürlich Fritten. Der Dezember war der Monat von Weihnachtsfeiern, dem wir diese Feier in sehr kleinem Rahmen hinzufügten. Stattgefunden hatte bereits die Weihnachtsfeier der Lebenshilfe, wozu der Schwager nicht eingeladen gewesen war. Man war in einem Lokal essen gegangen und hatte Weihnachtslieder gesungen, dabei hatte sich der eine WG-Bewohner zu Tode gelangweilt. Die Weihnachtsfeier des Behindertentreffs im Nachbarort am letzten Freitag war sehr gesellig gewesen, jeder hatte sein Geschenk überreicht bekommen, Kuchen hatte es satt zu essen gegeben, Weihnachtslieder hatte man auch gesungen, es war aber gestichelt worden. Namentlich gegen den einen WG-Bewohner, der nicht allzu oft bei den einmal monatlichen Treffen anwesend war. Er sei nie da, ließ eine Helferin eine Bemerkung gegen ihn fallen, aber dann, wenn es ordentlich zu essen gebe, dann haue er so richtig rein. Gewichtelt hatte man auf der Weihnachtsfeier in der Kegelgruppe, woran allerdings nur der Schwager teilgenommen hatte. Vielmehr war es ein Schrottwichteln gewesen, wo der Schwager gewöhnlich Gegenstände gewichtelt bekam, die tatsächlich auf den Müll gehörten. Welcher Abfall es in diesem Jahr war, das hatte ich nicht mitbekommen. Noch offen war die Weihnachtsfeier in der Behindertenwerkstatt, die zwei Tage vor Heiligabend statt finden würde. Dazu war der eine WG-Bewohner nicht eingeladen, weil er nicht in die Werkstatt ging. Der andere WG-Bewohner zählte die Jahre auf, die er in der Werkstatt gearbeitet hatte: zwanzig satte Jahre kamen zusammen. Beim Schwager waren es noch mehr Jahre. Während der Corona-Zeiten hatte er eine Urkunde mit seinem 25-jährigen Arbeitsjubiläum erhalten. Wie der Zufall es wollte, hatte die Freundin des einen WG-Bewohners genau an diesem Tag Geburtstag. Wie im letzten Jahr, wollten die beiden an diesem Wochenende im chinesischen Restaurant, das ein sehr leckeres Buffet anbot, essen gehen. Das Gespräch ging hin und her über dieses und nächstes Wochenende. An diesem Wochenende, dem dritten Advent, fuhr er zu seiner Freundin, an dem nächsten Wochenende, dem vierten Advent, übernachtete die Freundin bei ihm. Welches Wochenende das nächste Wochenende sein würde, das entsprach nicht genau meinem eigenen Verständnis. Allgemein waren für die Wochenenden die Brötchen ein wichtiges Thema. Gewöhnlich holte ich beim Bäcker für unsere Familie die Brötchen, in der Bäckerei brachte ich gleichzeitig die Brötchen für die Dreier-WG mit. Wenn der eine WG-Bewohner bei seiner Freundin übernachtete, brachte ich stets fünf Brötchen mit. Acht Brötchen waren es umgekehrt, wenn seine Freundin bei ihm in der Dreier-WG übernachtete, davon entfielen drei Brötchen auf ihn und seine Freundin. Sie hatte eine längere Zahnbehandlung gehabt, so dass ihr das Kauen schwer fiel. Der Zustand ihrer Zähne hatte sich mittlerweile stark verbessert, so dass sie künftig drei Brötchen essen wollte. Plus drei Brötchen für ihren Freund, das machte künftig sechs anstelle drei Brötchen. Geburtstag, wenngleich als Prominenter, hatte genau an diesem Tag ebenso der Sänger Heino, das hatte sich der Schwager gemerkt. Bei meinem Namens- und Zahlengedächtnis stand dies nicht im Focus, der eine WG-Bewohner konnte aber hinzufügen, dass eine Tante in Bad Münstereifel wohne, wo Heino ein Café besaß. Bei der Tante in Bad Münstereifel war er gewesen, aber nicht in Heinos Café. Ein weiterer Geburtstag stand an, das war der Geburtstag des anderen WG-Bewohners am kommenden Sonntag, dem 17. Dezember. Aus finanziellen Gründen konnte er nicht feiern, zuletzt war seine Bankkarte gesperrt worden. Seine Geldbörse war ständig leer, und wenn er neues Geld bekam, gab er es sogleich wieder aus. Auch an diesem Abend. Einen Euro hatte er noch in der Tasche, und diesen einen Euro verspielte er an dem Glücksspielautomaten. Feiern wollte er seinen 26. Geburtstag bei seinen Eltern, die ihn abholen wollten, in seinem Elternhaus sollte bei einem Kaffeeklatsch der Geburtstag gefeiert werden. So wie es seine Art war, artikulierte sich der Schwager zögernd, aber mit diskussionswürdigen Beiträgen. Letztes Wochenende hatte er im Fernsehen den Film „Der Schut“ geschaut, der Anfang der 1960er Jahre im Stil der Karl-May-Filme gedreht worden war. Obschon Lex Barker und Ralf Wolter zu den Hauptdarstellern gehörten, sagte dem einen WG-Bewohner dieser Karl-May-Film mit den Protagonisten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar überhaupt nichts. In einem anderen Punkt knüpfte der Schwager an den WG-Bewohner mit seiner Freundin an. Er fragte nämlich nach, ob bei ihm ebenso jemand übernachten könne. Mir fiel dazu die Couch in seinem Zimmer ein, die nicht ganz optimal zum Schlafen war, und ich dachte an seine Freunde, die ihn allerdings kaum in der Dreier-WG besucht hatten. Er dachte hingegen an eine Bekannte, die er gerne als Freundin gehabt hätte, sie hatte allerdings üblicherweise mehrere Beziehungen gleichzeitig. Einmal hatte sich die Bekannte bei ihm in der Dreier-WG blicken lassen, und es fiel uns nicht schwer, ihm diese Übernachtung auszureden. Schließlich erwähnte der Schwager noch Krippenausstellungen, die er mit seinem Vater besucht hatte, als er noch gelebt hatte. Meines Wissens waren diese Krippen im Westerwald zu verorten. Mich selbst hatten Krippen in Köln fasziniert, so etwa die römisch-äpyptische Krippe im Kölner Dom oder die Krippe aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges im Hauptbahnhof. Ich erzählte dem Schwager davon, doch irgendwie kamen wir nicht übereinander, was genau das Interessante an diesen Krippen war. Wir gingen auseinander, indem wir uns für das Hörspiel am nächsten Tag verabredeten. Wie bei vergangenen Hörspielen, hatte er viele Personen zusammen bekommen, die ihre Beiträge für das Hörspiel „König der Löwen“ aufsprechen sollten. Ich selbst sollte Mufasa, den Vater des Königs der Löwen spielen, aber auch meine Frau und der Schwager waren eingeplant. Elf Rollen hatte er besetzt, so auch mit seinen Betreuern, und Morgen würde das Hörspiel mit unseren Beiträgen ein Stück voran kommen.



14. Dezember 2023


Der Besuch des Siegburger Stadtmuseums half, die Abfolge deutscher Kaiser einzuordnen. Die erste Darstellung beschrieb Kaiser Wilhelm II., den man in Verbindung brachte mit seiner Rede vom 3. August 1914, dass er nur noch Deutsche kennen würde, mit seinem Tod 1941 im niederländischen Exil auf Schloß Doorn und mit seinen etwas wirren Entscheidungen, die Regierende und militärische Befehlshaber zur Verzweiflung brachte. Seinen Großvater, Kaiser Wilhelm I., kennt man von dem Gemälde des Spiegelsaales von Versailles, wo er nach dem Sieg 1870/71 über Frankreich zum ersten deutschen Kaiser gekrönt worden war. Sein Vater wiederum, Friedrich Wilhelm III., war mir bis dato ein Unbekannter. Er war kein Kaiser eines großdeutschen Reiches, sondern war von 1797 bis 1840 König von Preußen. Erst war er Verlierer, dann war er Sieger. Verlierer, da er in Schlachten Napoleon besiegt wurde. Napoleon marschierte in Berlin ein, der preußische Regierungssitz musste weit nach Osten verlegt werden. Zu den Siegern gehörte er, nachdem die anderen europäischen Großmächte Napoleon in Europa zurück gedrängt hatten. Mit dem Friedensschluss des Wiener Kongresses wurden Preußen Gebietserweiterungen zugesprochen, so das Rheinland. Wichtige Reformen, die Einführung der Schulpflicht oder die Abschaffung der Leibeigenschaft, waren bereits eingeführt und er trieb die Reformierung Preußens voran. Die Revolution 1848 sollte er nicht mehr miterleben, wobei er aber der reaktionären Haltung zuzuordnen sein dürfte, die Bestrebungen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aus der französischen Revolution zu unterdrücken. Friedrich Wilhelm III. war gegenüber den beiden Kaisern oder preußischen Königen wie dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. oder gar Friedrich dem Großen keine so schillernde Persönlichkeit. Konserativ ausgerichtet, überstand er die Eroberungen durch Napoleon glimpflich, danach festigte und erweiterte er das preußische Staatsgebiet und schuf so die Grundlage für das deutsche Kaiserreich. Friedrich Wilhelm III., ein Herrscher, auf den das allgemeine Bild einer militärischen Orientierung Preußens mit den Tugenden von Treue, Korrektheit und Gehorsam zutreffen dürfte.



15. Dezember 2023


Das Gemälde „Das Weltgericht“ von Stefan Lochner sollte einen eigentlich erschaudern lassen. 1435 war es gemalt worden, es war Bestandteil des Altars in der inzwischen abgebrochenen Kirche St. Laurenz in der Kölner Innenstadt, das Original hängt im Kölner Museum Wallraf, eine Kopie hängt davon im Siegburger Stadtmuseum. Das Weltgericht beschreibt den jüngsten Tag im Sinne des Johannes-Evangeliums, wonach Christus als Weltenrichter über die Lebenden und die Toten erscheint. Das entspannte, lustige Leben mit all den schönen Dingen nimmt an diesem Tag sein Ende, und Christus richtet über das Leben jedes einzelnen Menschen mit all seinen Sünden oder auch guten Taten. Die linke Seite des Gemäldes zeigt all die Erlösten, umgeben von Engelsgestalten, die in das Paradies eintreten dürfen. Auf der rechten Bildseite ist das Gejammere bei den Menschen groß, die für die Hölle bestimmt sind. Die Menschen blicken in Teufelsgestalten hinein, die sie in den Höllenschlund schleppen. Das Bezeichnende und Typische für das Siegburger Stadtmuseum ist allerdings der Zusammenhang zum Steinzeug, wofür die Siegburger Umgebung bekannt war. Krüge, Becher, Trinkgefäße in unterschiedlichen Variationen sind im Museum ausgestellt, was in der Siegburger Gegend gefunden wurde. Eingekreist ist auf dem Gemälde „Das Weltgericht“ ein Trinkbecher in der Hand eines Menschen vor dem Höllenschlund. Das Schicksal meinte es ironisch, dass kurz vor der Hölle noch einer getrunken wurde. Steinzeug aus Siegburg gewann, weil es mit dem jüngsten Tag in Verbindung gebracht wurde, eine besondere Bedeutung.



16. Dezember 2023


Gerne gebe ich mich den Leckereien hin, so auf dem Weihnachtsmarkt. Auf den Geschmack gekommen war ich zuletzt in einem Siegburger Eiscafé. Süß darf es gerne sein, süß und süffig, das unterscheidet mich in meiner inneren Disziplin, die ich vor einigen Jahren gepflegt hatte. Vor mehr als einer Woche hatte unsere Tochter einen Termin beim Diakonischen Werk, wenige Schritte waren vom Markplatz dorthin in einem mehrstöckigen Bürogebäude. Mit Stapeln von Formularen und einem Scheck über einen dreistelligen Geldbetrag hatten wir den Termin abgearbeitet, anschließend wollten wir den Termin in einem Café sacken lassen. In dem Eiscafé am Marktplatz entdeckte ich auf der Eiskarte die Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne, was für ein Genuss ! Inzwischen kann ich solchen Leckereien nicht widerstehen, und bewusst suche ich nach ihnen. Die süße Leckerei lachte mich an auf der Eiskarte, noch faszinierender war diese, als die Kellnerin mir sie servierte. Unsere Tochter war auf denselben Geschmack gekommen, auch sie aß sich den Stapel von Papier, der mit Eltern- und Kindergeld zu tun hatte, von der Seele. Etwas mehr als eine Woche danach konnte ich auf dem Weihnachtsmarkt nicht widerstehen. Die Freßbuden mit Fritten, Currywurst oder Reibekuchen interessieren mich weniger, dafür waren die Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne hier nach einem besonderen Rezept gemacht. Mächtig und dick waren die Waffeln, der Teig war zart, er schmeckte verführerisch und zerging auf der Zunge. Dazu die heißen Kirschen mit ihrem fruchtigen Aroma, obendrauf der reichliche Klecks von Sahne. Es war ein Festessen auf dem Weihnachtsmarkt, eine Gaumenfreude, der ich mich aus vollem Herzen hingab. Nachdem ich mich an dieser Schleckerei erfreut hatte, stapste ich weiter durch die Fußgängerzone.



17. Dezember 2023


In der 50. Kalenderwoche haben wir es an diesem Sonntag geschafft, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, nachdem uns dies im letzten Jahr nicht gelungen war. In den Jahren davor hatten wir den Tannenbaum geschmückt, der in unserem Garten vor dem Wintergarten stand. Es war also das erste Mal seit mehreren Jahren, dass wir zusammen den Baum in der Anpflanzung vor dem Sportplatz ausgesucht haben, was uns so ziemlich schnell gelang. Klein, handlich und viel Grün sollte er haben, und im Wintergarten stellten wir fest, dass er viel größer geraten war, als wir es uns vorgestellt hatten. Machte nichts, aber schlimm war, dass wir die Beleuchtung nicht parat hatten. Demontiert hatte ich das letzte Mal die Beleuchtung, nach dem Stecker musste ich im Keller suchen, bis ich ihn fand, und schließlich war die Kette auf der Rolle falsch herum aufgerollt. Solche Probleme, womöglich eine neue Lichterkette für den Weihnachtsbaum besorgen zu müssen, konnten wir überhaupt nicht gebrauchen. Was die Geschenke betraf, hatte meine Frau zwar einiges über das Internet bestellt, mir selbst fehlten aber Geschenke für unsere ältere Tochter und unseren Sohn. In der Dreier-WG gab es am Sonntag einen Geburtstag zu feiern. Der eine WG-Bewohner wurde 26 Jahre alt. In seinem Familienkreis lief der Geburtstag kurz und knapp ohne großartige Feier ab. Seine Mama hatte zwei Kuchen gebacken, die seine Eltern um Mittagszeit bei ihm vorbei brachten. Da sein Vater erkältet war, fuhren seine Eltern direkt nach Hause zurück, ohne auch nur eine Tasse Kaffee zu trinken. Als Geschenk hatten sie ihrem Sohn eine runde Teigplatte zur Herstellung von Crepes mitgebracht. Der Abend fügte sich so, dass wir ihn zu dem Laachovend von Christoph Brüske einladen konnten, weil einer unserer Freunde wegen Corona abgesagt hatte. In der Pause signalisierte er aber, dass er bei den Witzen kaum habe lachen können, so dass wir ihn wieder nach Hause brachten. Er war aber hungrig und hatte zu Hause nichts gegessen, so dass er bei der Vorstellung ein Jägerschnitzel mit Fritten aß. In der Dreier-WG hatte sich indes merkwürdiges getan. Als die drei eingezogen waren, hatte meine Frau ein ganzes Set von zwanzig Abtrockentüchern bei real von dem Geld des Schwagers gekauft. Aktuell waren zwei Abtrockentücher in der Küche in Gebrauch, darüber hinaus waren aber keine weiteren Abtrockentücher auffindbar. Meine Frau stellte die ganze Küche auf den Kopf, sie suchte ebenso im Zimmer ihres Bruder, aber nirgendwo tauchten die Abtrockentücher auf. Der Schwund war höchst merkwürdig, und alle WG-Bewohner wussten nichts über den Verbleib.

  

18. Dezember 2023


„Vamos derechos a Bethlehem“ – folgen wir dem Stern und gehen nach Bethlehem, das waren die negativen Erinnerungen des Kabarettisten Matthias Bordowy, der als einer der beiden Gäste bei Christoph Brüskes Laachovend an diesem Abend in unserem Ort auftrat. Seine negativen Erinnerungen bezogen sich auf ein Krippenspiel, an dem er als elf- oder zwölfjähriger Schüler teilnehmen durfte. Alle Rollen waren verteilt worden, und er hatte die Rolle des spanischen Hirten abbekommen, die nur mit Mühe in der Bibel zu finden war. Aus den letzten Ecken der iberischen Halbinsel innerhalb des römischen Weitreiches muss dieser spanische Hirte sich nach Palästina verirrt haben, dabei muss er seine Identität so sehr verborgen haben, dass er alleine zu dem Satz fähig war „vamos derechos a Bethlehem“. Die anderen Schüler mussten weitaus mehr Sätze zu dem Krippenspiel beitragen, während sich bis heute dieser eine spanische Satz bis in sein tiefstes Inneres eingegraben hatte. In seinem Lebenslauf war er Kabarettist geworden, und mit sehr viel Poesie spielte er am Klavier und sang dabei. Der Nachrichtensprecher verkündete in der Tagesschau, dass am nächsten Tag um eine ganz bestimmte Uhrzeit ein Meteorit einschlagen würde. Menschliches Leben würde ausgelöscht, und am nächsten Tag sah man eine Stunde vor dieser Uhrzeit in der Ferne einen Ball mit einem Feuerschweif, der sich immer mehr näherte. Wozu würde er diese letzte Stunden nutzen ? Den beiden anderen Kabarettisten von heute Abend zuhören ? Und was geschah ? Entgegen der Prognose des Tagesschausprechers flog der Meteorit an der Erde vorbei, und Matthias Brodowy konnte weiterhin als Kabarettist sein Publikum erfreuen. Der zweite Gast des Laachovends war Ralf Senkel, ein Kabarettist aus Swisttal-Heimerzheim, den Christoph Brüske als Best-Gekleideten Kabarettisten bezeichnete, denn er trat in einem Trainingsanzug auf mit der Aufschrift eines Vereins aus Swisttal-Heimerzheim. Vieles formulierte er in seinem rheinischen Dialekt aus Swisttal-Heimerzheim, der etwas härter klang als der Dialekt aus unserem Ort. Da er sich unsicher war, ob denn auch alle seinen Dialekt verstanden, übersetzte er bestimmte Satzteile ins Hochdeutsche. Ralf Senkel glänzte mi Persönlichkeiten aus seinem Ort, deren Geschichten er in seiner langsamen und behäbigen Art erzählte. Er nahm an, dass das Publikum dieselbe Vertrautheit dieser Personen adaptierte. In dem dörflichen Kosmos von Swisttal-Heimerzheim erschien die Komik der handelnden Personen noch deutlicher, noch schriller und noch exponierter. So erzählte er von einem Elektriker, der aus dem Osten kam. Sein Freundes- und Bekanntenkreis hatte ihn vom Rechtsextremismus abgehalten, und als eine Frau ihn verlassen hatte, sprach er dem Alkohol zu, was sich auf die Qualität sei Arbeiten maßgeblich auswirkte. Die Lacher hatte der Kabarettist auf seiner Seite, als er beschrieb, wie der Elektriker einen Treppenlift in einem Pflegeheim installierte: in fünf Sekunden wurden die Pflegbedürftigen vom Erdgeschoss in das oberste Stockwerk transportiert. Das Hauptthema des Gastgebers Christoph Brüske war der neue SPD-Bürgermeister, der mit einer klaren Mehrheit in der Stichwahl gegen den CDU-Kandidaten gewonnen hatte. Genossinnen und Genossen sprach er das Publikum an, SPD-Größen wie August Bebel oder Willi Brandt kamen ständig vor, und selbst den im Publikum anwesenden noch amtierenden CDU-Bürgermeister bezeichnete er als Genosse. Er wetterte gegen die Bahn, indem er sich als Autofahrer profilierte, der im Jahr rund 40.000 Kilometer zurücklegte. Er hielt nichts von Weltuntergangsszenarien der letzten Generation, öffentliche Verkehrsmittel mied er, weil ihm die Fahrt zu lange dauerte, schließlich könne er als Kabarettist nicht zu spät als Akteur auf der Bühne erscheinen. Ein anderes ihm wichtiges Thema war die PISA-Studie, wonach die Mathematikkenntnisse von Viertklässlern schlecht waren wie nie. Auf einem Plakat zeigte er die Flächenberechnungen eines Vielecks auf, dass man versucht habe, die Aufgabenstellungen im Laufe der Jahre an das Lernvermögen der Schüler anzupassen. Zuerst hatte man das Vieleck auf ein Rechteck reduziert, dann hatte man den Lösungsweg in der Aufgabenstellung beschrieben, die Länge mit der Breit auszumultiplizieren. Als dies nichts gefruchtet hatte, war man zu Multiple-Choice-Aufgaben übergegangen. Zunächst hatte man aus vier auszuwählenden Zahlen drei Zahlen unsinnig hoch oder niedrig dimensioniert, als letzter Aufgabenschritt war nur noch eine Zahl in der Kreuzchenauswahl enthalten, neben den drei übrigen Kreuzchen standen unsinnige Begriffe, die keinerlei Sinn ergaben. Wir verbrachten einen unterhaltsamen Abend mit Christoph Brüske und seinen Gästen, und für das nächste Jahr, dem zwanzigsten Jubiläumsjahr, kündigte er noch mehr Gäste an und sogar einen Auftritt des allseits geschätzten Jürgen Becker.



19. Dezember 2023


Den Telefonanruf, den ich in der Einkaufsgalerie erhielt, die in der 1900er-Jahrhundertwende gestaltet war, kippte den Tag. Ich musste abbrechen. Es war einer meiner Spontan-Tripps, wozu ich mir Zeit frei geschaufelt hatte, die mein Leben bereicherten. Diesmal war es nach Lüttich gegangen. Lüttich, wo ich im Jahr 2018 das letzte Mal gewesen war. Langsam erreichten wir die Phase, dass die Geburt des Enkelkindes kommen könnte, und die Geburt würde ohnehin unseren Alltag komplett auf den Kopf stellen. Inwieweit in dieser neuen Zeitenrechnung Abstecher in andere Städte, Wanderungen durch die Eifel, geschweige denn, Fahrten nach Belgien oder in die Niederlande, möglich sein würden, das war erst abzuwarten. Insofern ärgerte ich mich über diesen Anruf, dass wir einen Tierarzttermin um 16.45 Uhr mit unserem Kater Oskar hatten. Meine Frau musste arbeiten, unsere Tochter hatte mich angerufen, sie hatte um 16.45 Uhr diesen Termin bei der Tierärztin gemacht. Um die Mittagszeit, gegen 12 Uhr erreichte mich der Anruf. Ich sagte kurz, ja, dass wir den Termin um 16.45 Uhr bei der Tierärztin wahrnehmen wollten. Zeitweise atmete unser Kater schwer, und am Vortag hatten wir besprochen, dass man eigentlich mit ihm zum Tierarzt gehen müsse. Erst danach überlegte ich, ob es denn überhaupt möglich war, von diesem Ort der Einkaufsgalerie in Lüttich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die 150 Kilometer entfernte Tierarztpraxis zu gelangen, wobei weitere Zeit für die Ankunft zu Hause, das Auffinden unseres Katers und das Hineinsetzen in die ungeliebte Tragebox einzukalkulieren war. Da es noch mehr als vier Stunden bis zu den Tierarzttermin waren, war die Fahrt zu schaffen, allerdings mit dem ICE um 13.15 Uhr, eine Stunde später fuhr ein Thalys, wofür ich keine Fahrkarte lösen konnte. Ich ärgerte mich darüber, dass kaum mehr als eine Stunde verblieb, um Eindrücke dieser wahnsinnig interessanten Stadt einzusaugen. Der Gang vom Bahnhof Guillemins in die Innenstadt war noch depressiv gewesen. Grau in grau waren die Fassaden, viel zu viel Autoverkehr und die Baustelle der Straßenbahn, deren Baufortschritt so sehr zu wünschen übrig ließ, dass mir die Inbetriebnahme im nächsten Jahr fraglich erschien. Ein Kaffee in einem Café am Platz der Kathedrale St. Lambert, der belegte, dass ich Frankreich näher denn je war. Mein Sitznachbar fragte mich, ob ich ein „mouchoir“ hätte. Er gestikulierte, dass er sich die Nase putzen wollte, was ich dann auch verstand, leider hatte ich aber kein Papiertaschentuch. Über dem Durchgang zur Toilette hing ein Fernseher, der jede Menge französische Chansons daher spielte. Zeitgenössische, aktuelle Chansons, die wirklich großartig waren. Soeben im französisch-sprachigen Teil Belgiens angekommen, erreichte mich dann dieser verheerende Telefonanruf, dass ich diesen Tag in Lüttich nicht auskosten durfte, sondern abbrechen musste. Ich überlegte, was ich in diese etwas mehr als eine Stunde hinein gequetscht bekam. Lüttich war weihnachtlich, so dass Weihnachtsmärkte von Deutschland aus in die Nachbarländer importiert worden waren. Dieser Lütticher Weihnachtsmarkt war wirklich klasse. Allen voran das gastronomische Angebot. Kein Fast Food auf deutsche Art wie Bratwurst, Currywurst oder Reibekuchen, anstatt dessen fand man Frikandel, Hot Dog oder auch asiatische Imbisse. In der verbleibenden, sehr kurzen Zeit suchte ich Fotos zu machen von dem, was typisch für Lüttich war: das Denkmal des Goerges Simenon hinter dem Rathaus, das Café „le petit Paris“ in der Nähe des Perrons, die Erinnerungstafel an der Oper an die Revolution 1830. Leider fehlte die Zeit für das Viertel Outremeuse, für eine Portion Fritten oder auch für weitere Cafés. So sehr ich in unsere Katzen vernarrt war, diesmal schimpfte ich über unseren Kater Oskar, für den ich den Aufenthalt in dieser begeisternden Stadt abbrechen musste.



20. Dezember 2023


Der Weihnachtsbaum stand, und in diesem Jahr hatten wir parallel die Weihnachtsvorbereitungen und die Herrichtung des Gästezimmers zu bewältigen. Unsere große Tochter, die am Freitag mit dem Zug zu uns kommen würde, sollte dort schlafen. Gestern waren wir im toom-Baumarkt, wo wir Steckdosen für das Kinderzimmer gekauft hatten, einen Plisseevorhang, Aufbewahrungsboxen für den Keller, diverse Leuchten sowie Muttern für das Beistellbett. Wir schauten nach Weihnachts-Deko und einem Geschenk für meine Mama, doch wir wurden nicht fündig. Nachmittags holten wir aus einer Geschäftsschließung in unserem Ort ein Regal ab, das wir anschließend im Gästezimmer aufbauten. Dabei reduzierten wir ein wenig das Chaos im Gästezimmer, indem wir Anziehsachen wegräumten und aussortierten für den Kleidercontainer und die Mülltonne. Heute war der 20. Dezember ein entscheidendes Datum, denn die Mutterschutzfrist begann bei unserer Tochter. Wenige Tage zuvor hatten wir entsetzt bemerkt, dass unsere Tochter noch nichts bei der Krankenkasse veranlasst hatte, um das Mutterschutzgeld zu beantragen. Sie benötigte eine Bescheinigung des Frauenarztes, um das Antragsverfahren in Gang zu setzen. Die wichtigste Tätigkeit dieses Tages bestand darin, dieses vorgefertigte Formular beim Frauenarzt abzuholen. Da die App nicht funktionierte, um die Bescheinigung an die Krankenkasse zu übermitteln, klärte unsere Tochter dies telefonisch mit der Krankenkasse. Sie schickte die Bescheinigung auf dem Postweg – über die Postagentur als Prio-Sendung. Morgens hatte ich die neuen Steckdosen im Kinderzimmer montiert sowie einen neuen Lichtschalter, damit war ich allerdings nicht ganz zufrieden, da die Abdeckung wackelte und sich nicht vollständig feststecken ließ. Außerdem hatte ich unterhalb des Lichtschalters ein Stück Tapete nach unten gerissen, so dass der Riss in der Tapete sichtbar war. Nachmittags bauten wir das Hochbett im Gästezimmer ab, so dass unsere Tochter dort auf einer üblichen, niedrigen Höhe schlafen konnte. Auf der rechten Seite des Gästezimmers standen nun die Kartons mit den Anziehsachen halbwegs geordnet, die linke Seite mit Ordnern der Abendschule meiner Frau und mit Schulsachen unserer großen Tochter versank im Chaos, hinter der Türe hatten wir den Schreibtisch wieder aufgebaut, der als provisorischer Home-Office-Arbeitsplatz diente. Insgesamt herrschte noch reichlich Chaos und es war noch viel aufzuräumen.



21. Dezember 2023


Bei all der Orientierungslosigkeit im Gästezimmer klammerte sich meine Frau an einen blauen Ordner. Dieser Aktenordner enthielt die Unterlagen ihres Projektes, das sie in der Abendschule gemeinsam mit zwei Mitschülern durchgeführt hatte. Die drei hatten Ausgaben der Lebenshilfe für Lebensmittel zusammen gestellt, analysiert und Handlungsempfehlungen daraus abgeleitet. Die Projektarbeit hatten die drei in der Abendschule vorgetragen und übergeben an die Geschäftsführung der Lebenshilfe. Genau diesen blauen Ordner suchte sie nun auf der linken Seite des Gästezimmers, wo noch totales Chaos herrschte. Und der Ordner wollte einfach nicht auftauchen. Ordner für Ordner blätterten wir durch, in meiner Frau lebten viele Unterrichtsstunden mit den unterrichteten Fächern auf, aber ein blauer Ordner war nicht dabei. Das Chaos wurde vervollständigt durch Schulunterlagen unserer ältesten Tochter, penibel hatte sie ganz viele alte Schulhefte und Klassenarbeiten – selbst aus der Grundschule – aufbewahrt. Die meisten Ordner meiner Frau entsorgten wir, ihre eigenen Unterlagen musste unsere Tochter sichten, wenn sie am morgigen Tag kommen würde. Und am Ende des Tages sollten wir ein Stück weiter aufgeräumt haben. Zumindest so weit, dass sich die Kartons sortiert stapelten und die Unterlagen unserer Tochter in einer Ecke halbwegs sortiert bereit standen.



22. Dezember 2023


Dass Fahrten mit der Bahn in ein unbestimmtes Chaos mit ungewissem Ausgang führen können, diese Erfahrung hatte ich selbst einige Male gemacht. Zwei Tage vor Heiligabend wollte unsere ältere Tochter mit der Bahn von Freiburg zu uns kommen, und die Erlebnisse unserer Tochter sollten ähnlich verlaufen. Eine böse Vorahnung gaben die Stürme in der Nacht, wo ein Gewitter dem nächsten gefolgt war. In der Nacht hatte es bei uns mächtig gestürmt, und genau dieses Unwetter hatte sich an diesem Tag in der Schweiz ausgetobt, was direkte Auswirkungen auf die Bahnfahrt unserer Tochter haben sollte. In den Bergen der Schweiz waren Bäume auf Gleise und Oberleitungen gestürzt, so dass keine Fernzüge aus Basel kamen. Außerdem war im weiteren Verlauf die Bahnstrecke zwischen Mannheim und Lorsch wegen Vandalismusschäden gesperrt. Also keine guten Vorzeichen für die Bahnfahrt, so dass der um 14.09 Uhr ab Freiburg gebuchte Zug prompt ausfiel. Weitere Züge fielen ebenso aus, aber nicht alle. Anderthalb Stunden später fuhr ein ICE ein, womit sie bis Frankfurt hätte fahren können und dort umsteigen können. Sie hatte sich bereits in den Zug hinein gequetscht, doch dann kam eine Durchsage, dass der Zug aus Sicherheitsgründen nicht überfüllt sein dürfte. Eine gewisse Anzahl von Zugreisenden musste wieder aussteigen, wozu auch unsere Tochter gehörte. Weitere Züge fielen wieder aus, unsere Tochter wollte wieder in ihre Wohnung zurück, doch dann fuhr unverhofft doch noch ein ICE um 16.33 Uhr ein, wo sie einen Stehplatz fand, den sie wegen Überfüllung nicht wieder räumen musste. Ja, der Zug fuhr ab, er sammelte aber weitere Verspätungen an wegen des Vandalismusschadens zwischen Mannheim und Lorsch. In Frankfurt stieg unsere Tochter um, in Siegburg holte ich sie schließlich ab, wo der ICE um 21.39 Uhr (pünktlich !) einfuhr. Mit dieser Einfahrt war die wahre Odyssee einer Zugfahrt zu Ende gegangen, an dessen Anfang Stürme und Unwetter in der Schweiz gestanden hatten. Bei uns zu Hause angekommen, waren wir froh, alle wieder beisammen sein zu können und diese Zugfahrt überstanden zu haben.



23. Dezember 2023


Wo stehen wir an diesem Weihnachtsfest ? Dass ich über all die Weihnachtslieder im Café in unserem Nachbarort gemeckert habe, mag zwar auf die spezifische Situation zutreffen, aber nicht im allgemeinen. Weihnachtslieder in der christlich ausgeprägten Stilart mag ich durchaus, ebenso vieles, was in Hitparaden rauf und runter gespielt worden ist. „Driving Home for Christmas“ von Chris Rea etwa, „Merry Christmas everybody” von Slade oder “Step into Christmas” von Elton John. Ich mag es hingegen nicht, wenn absolut weithin bekannte Weihnachtslieder vollkommen bis zur Unkenntlichkeit entfremdet worden sind. Gestern Abend ist nach einer langen Bahnreise unsere große Tochter eingetroffen, was im familiären Verband unsere Weihnachtsvorbereitungen gelassener erscheinen läßt. Das Gästezimmer, wo sie schläft, ist in dem einigermaßen aufgeräumten Zustand kaum wiederzuerkennen. Wenn sie uns nach dem Weihnachtsfest verlassen haben wird, wird dort die große Betriebsamkeit weitergehen. Indes ist der Bauch ihrer kleinen Schwester immer größer worden, und wir freuen uns alle auf den Nachwuchs. So gut wie jeden Abend hatte meine Frau Geschenke über das Internet bestellt, für die Tochter und den Sohn klingelten ebenso Paketzusteller an der Haustüre. Spät abends packte meine Frau die Geschenke ein, gesammelt haben wir all die Geschenke im noch nicht bewohnten Kinderzimmer. All die Hektik, Stress und auch der Stress untereinander sind mir in dieser Vorweihnachtszeit weniger ausgeprägt vorgekommen wie in den Vorjahren. In manchen Jahren hatten mich die To do-Listen gestört, was noch alles zu erledigen war, und in manchen Jahren hatte ich mich von all den Erledigungen überrollt gefühlt. Heute Morgen, bevor ich einen Gutschein im Modeladen besorgt hatte sowie Katzenstreu bei Fressnapf, hatte ich mir den Podcast von Precht und Lanz über das Weihnachtsfest und das Beschenken angehört. Precht verabscheut es, wenn man eine große Familie mit Pflichtbesuchen am Weihnachtsfest hat (er erwähnte lediglich einen Bruder). Er versucht, sich Gedanken zu machen über den zu Beschenkenden, wobei er Gutscheine und Geld  - die beliebtesten Geschenke – meidet. Dazu zitierte er seinen Vater, der seiner Mutter stets Geld schenkte, weil sie am besten wisse, was ihr gefalle. Interessant waren auch die Ausführungen der beiden, dass es im 17. Jahrhundert Bewegungen gegeben habe, das Weihnachtsfest abzuschaffen, namentlich die Puritaner wollten dies durchsetzen. Im Endeffekt gelang es ihnen nicht, diese Abschaffung führte aber zu Unruhen und auch zum Bürgerkrieg. Heute, am Samstag vor Heiligabend, werden wir schauen, ob wir alles eingekauft haben, insbesondere unsere große Tochter wird wohl das eine oder andere benötigen. Dies sollen dann die Damen – meine Frau muss bis heute Mittag arbeiten – untereinander ausmachen. Morgen, am Heiligabend, wird sich unser Sohn um das Essen kümmern. Momentan sieht es so aus, als würden wir ohne großen Druck die morgige Bescherung auf uns zukommen lassen können.   


24. Dezember 2023


Am Vortag, dem Samstag, als die Geschäfte noch geöffnet waren, hockte ich mich in ein Café, um einen Tag des Tagebuchs herunter zu schreiben. Während meine Frau arbeitete und solange die Geschäfte noch geöffnet waren, dachte ich soeben an den Gutschein für meine Frau und das Katzenstreu, den Rest vergaß ich. Bis zwölf Uhr hätte ich die Tierärztin anrufen sollen, wie es unserem Kater Oskar ging – erst gegen halb eins ging mir dieser Anruf durch den Kopf. Um Kopfsalat hätte ich mich kümmern sollen – dies erledigten Frau und Töchter am Vortag um die Nachmittagszeit bei REWE. Um einen Roséwein hatte ich mich ebenso nicht gekümmert. Ich machte den Vorschlag, bis 22 Uhr im Supermarkt in unserer Nähe einen Roséwein zu besorgen, trotzig bekam ich die Rückantwort, wir sollten einen Wein trinken, die wir im Hause hätten – die Auswahl von süffigen Rotweinen und trockenen Weißweinen war nicht unbedingt klein, aber außer mir schmeckten niemandem diese Weine. So manches hatte ich nicht erledigt, der Heiligabend fiel in diesem Jahr auf einen Sonntag, so dass die Geschäfte geschlossen waren. Bevor unser Sohn mit dem Heiligabendessen loslegte, wischte ich noch den Boden in der Küche sauber, und mit dem Zeitpunkt, dass unser Sohn Entenbrust und Gänsebrustfilet aus dem Gefrierschrank zubereitete, kam ich nicht umhin, die Beine hochzulegen. Mengenmäßig fiel die Bescherung so aus, dass unsere kleine Tochter gleichzeitig für ihren noch nicht geborenen Sohn mit beschenkt wurde, so dass ihre Geschenke in der Anzahl relativ hoch waren. Strampler, Einteiler, Babybekleidung, eine Wickeltasche gehörten zu den Geschenken, aber auch ihre Schwester schenkte ihr Pantoffeln mit einem Plüschüberzug in Form eines Gesichtes, weil sie keine Pantoffeln besaß, ihr Bruder schenkte ihr eine beheizbare Lunchbox, damit sie sich nach Fortführung der Ausbildung Essen an ihren Arbeitsplatz mitnehmen konnte. Aber nicht nur unsere kleine Tochter, wir alle wurden reich beschenkt, wobei ich selbst wahrscheinlich die wenigsten Geschenkideen hatte, weil ich Geld oder Gutscheine verschenkte. Es war ein schöner Heiligabend so harmonisch, vertraut und heimelig, wie man es sich wünscht.



25. Dezember 2023


Ausschlafen, stark zeitverzögert frühstücken, viel miteinander reden und noch mehr Netflix. Irgendwie kannte unsere große Tochter die Serie Lupin, die in mehreren Staffeln auf Netflix gezeigt wurde. Den Hauptdarsteller Omar Sy kannte ich aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“. Ein genialer, nebenher schwarzer Schauspieler, der in eine noch genialere Rolle eines Gauners schlüpfte, wo er etwa ein Collier der französischen Königin Marie Antoinette aus einem Museum stahl. Er perfektionierte seine Verbrechen, war nicht greifbar und gleichzeitig unglaublich sympathisch. Abends hatte ich einen Tisch in einem chinesischen Restaurant zwei Orte weiter reserviert. Bei der Autofahrt hatten wir das Problem zu lösen, dass wir sechs Personen im Auto nicht befördern konnten. So hatten wir auf der Hinfahrt Stress, da ich den Schwager vorab dorthin fuhr. Dabei hatte ich die Fahrzeit von etwa einer Viertelstunde einfache Fahrt schlecht kalkuliert, nicht nur, weil ein Parkplatz nur mit großer Mühe und einem langen Laufweg zu finden war. Für 18 Uhr hatte ich den Tisch reserviert, und zehn Minuten kamen wir zu spät. Welche Zeitdauer hatte das Restaurant eingeplant, wie lange wir essen würden ? Die Zeit reichte locker, den Tisch mussten wir nicht räumen für die nachfolgenden Restaurantgäste. Wie üblich, war das Büffet reichhaltig und lecker. Unsere älteste Tochter hatte Probleme, etwas Vegetarisches zu finden. Unser Sohn fand, für seine relativ kleine Menge, die er aß, sei der Preis zu hoch. Dennoch fand ich das Essen ausgezeichnet und das Familienerlebnis verband. Das Problem, dass sechs Personen nicht in unser Auto passten, lösten wir auf der Rückfahrt mit Hilfe von öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Schwager und ich nahmen den Bus. Der Fußweg zur Bushaltestelle war kurz, und lediglich zehn Minuten mussten wir auf den Bus warten. Zu Hause waren wir wieder alle miteinander vereinigt, danach unterhielt uns der Fernseher mit der nächsten Staffel von Lupin.



26. Dezember 2023


Wie gewohnt seit sehr vielen Jahren, fuhren wir am Zweiten Weihnachtsfeiertag zu meiner Mama. Da all unsere Kinder mitkommen wollten, fuhren wir zu fünft in unserem Auto los. Für den Schwager, der ebenso gerne mitgekommen wäre, war somit kein Platz mehr in unserem Auto, er musste zu Hause bleiben. Eine Grundsatzfrage war von vornherein gewesen, ob mein Bruder anwesend sein würde. Für seine Frau und seine Tochter war nicht mehr davon auszugehen, da die beiden inzwischen ausgezogen waren. Er selbst hatte einen Nebenjob, indem er Behinderte von deren Wohnheim zur Werkstatt fuhr. Für die Weihnachtsfeiertage hatte er sich für die Bereitschaft gemeldet. Diese Bereitschaft wurde für den zweiten Weihnachtsfeiertag in Anspruch genommen, so dass er damit beschäftigt war, Behinderte von deren Wohnheimen zu den Angehörigen oder anderswohin zu fahren. Somit war er nicht zu Hause, und damit sich alle zurechtfinden würden, informierte er uns per SMS, dass wir die Kaffeemaschine nur noch einzuschalten hätten, wo die Geschenke an die Kinder zu finden waren und dass auf dem Wohnzimmertisch reichlich Kuchen stand. So unterhielten wir uns denn mit meiner Mama, die mit ihren 87 Jahren einen stetig verwirrteren Eindruck machte. Sie brachte die Namen der Kinder durcheinander, das war allerdings schon seit längerer Zeit so. Sie meinte das Enkelkind meines Bruders, nannte aber den Namen unserer Tochter und umgekehrt. In einer anderen Gesprächssequenz verwechselte wohl die Person, die aus der Familie meines Vetters einen Gehirntumor hatte. Bei der Beerdigung meines Onkels hatte der Vetter erzählt, dass es seine Tochter gewesen sei, bei der der Tumor bereits einmal entfernt worden sei, nun war dieser Tumor wieder gekehrt. Meine Mama erzählte nun, bei einem Enkelkind des Vetters sei der Tumor aufgetreten. Wir redeten ebenso über ihren Sturz, dass sie die Kellertreppe herab gefallen war, dies hatte sie am Telefon bereits erzählt. Mein Bruder war nicht zu Hause gewesen, über ihren Notruf hatte sie den Malteser-Hilfsdienst herbei gerufen. Ohne dass dieser ein Röntgenbild gemacht hatte, wurde die Aussage getroffen, dass nichts gebrochen sei. Sie wollte weder zu einem Facharzt noch ins Krankenhaus, um einen Knochenbruch auszuschließen. Wir redeten über die Verwandtschaft, über Onkel und Tanten und über Cousinen und Cousins. Der Bruder meiner Mama, inzwischen 91 Jahre alt, war ebenso zunehmend verwirrt. Seine eine Tochter wohnte in der Eifel, die andere in Luxemburg. Die Tochter aus Luxemburg wollte in die Eifel ziehen, beide hatten ihn nunmehr in ein Pflegeheim in der Nähe von Jünkerath geholt. Da unsere Kinder lediglich eine Cousine hatten – die Tochter meines Bruders – zählten meine Frau und ich unsere Cousinen und Cousins auf, wir kamen auf die Anzahl von dreizehn, was die Anzahl von eins bei weitem überstieg. Eine Cousine – die Tochter meiner Tante mütterlicherseits – hatte vorbei geschaut und ihr frohe Weihnachten gewünscht. Sie wohnte mittlerweile an der Nordsee und sie wollte sich um ein Geschenk für das zu erwartende Urenkelkind kümmern. Dieses zu erwartende Urenkelkind war ein wesentlicher Treiber der Motivation meiner Mana. Anfangs war sie erbost über den Vater, dass er unsere Tochter hängen gelassen habe. Diese Schimpfereien waren nun Hoffnung und Optimismus gewichen über den noch nicht geborenen neuen Erdenbürger. So war sie voller Freude, dass wir erschienen waren, und voller Freude auf das baldige Urenkelkind.



27. Dezember 2023


Seit etwa einer Woche verfügen wir über die Segnungen von Netflix, das wir auch rege nutzen. Gerade unsere beiden Töchter schauen abends gerne Netflix, Lego Batman, die Serie eines schwarzen Gauners Lupin und so weiter. Wir selbst haben „der Junge muss an die frische Luft“ über die Kindheit von Hape Kerkeling geschaut, ein erfrischender und witziger Film über Hape Kerkeling als Grundschüler in Recklinghausen der 1970er Jahre, der mich insofern erschrak, dass seine Mutter Selbstmord begangen hatte. An einer anderen Stelle war der Humor in einer Szene erfrischend, als Hape Kerkeling in der Grundschule in einem Theaterstück die Rolle eines Nachbarn spielte, der sich über den Lärm von Kindern beschwerte, die seine Mittagsruhe störten. Heute Morgen haben wir im Eiscafé gefrühstückt, wo zum einen prompt das Rote Kreuz bei meiner Frau anrief, wo sich denn der Schwager aufhalte. Er war beim Frühstück im Eiscafé dabei, meine Frau hatte aber nicht daran gedacht, dass wir heute Mittwoch hatten, und mittwochs morgens kam das Rote Kreuz, um ihn zu duschen. Egal, nun war der Schwager bei uns im Eiscafé. Zum anderen fiel uns bei Frühstück auf, dass ständig Mütter und Väter mit Säuglingen und kleinen Kindern zur Eingangstüre des Kinderarztes schritten. Offensichtlich muss es massive Fehlinformationen gegeben haben. Obschon an der Eingangstüre des Kinderarztes ein Zettel darüber informierte, dass die Praxis zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen war und auf die geöffneten Kinderarztpraxen in Troisdorf und Königswinter hinwies, waren diese Informationen bei den Eltern vorher nicht angekommen. Möglicherweise konnte man diese Informationen nicht aus dem Internet entnehmen. Der Andrang von Eltern mit ihren kranken Kindern war groß, deren Anzahl bestimmt an die fünfzehn bis zwanzig, so dass die Kinderarztpraxen in Troisdorf und Königswinter wahrscheinlich total überfüllt sein dürften. Zu Hause vom Frühstück im Eiscafé zurückgekehrt, ließ sich Netflix nicht vermeiden. In einem anderen Zusammenhang hatte ich geäußert, wieso der Film „Im Westen nichts Neues“ nicht im Kino zu sehen sei, sondern nur über Netflix. Nun, da wir über Netflix verfügten, definierte man den Mehrwert von Netflix dahingehend, wann ich denn den Film „Im Westen nichts Neues“ schauen wollte. Über die Weihnachtsfeiertage wies ich dies ab, da ein solcher Kriegsfilm nicht zum Weihnachtsfest passen würde. Nun war aber Weihnachten vorbei, so dass die Grausamkeiten von Blut und Toten des Ersten Weltkriegs eher zu ertragen waren. Unsere kleine Tochter suchte den Film, und ich ließ es mir nicht nehmen, mich vor den Fernseher zu setzen. Indes fuhr meine Frau gegen 14 Uhr zur Arbeit, während ich all die Kampfszenen ertrug. Die Arbeit, die ich mir vorgenommen hatte, blieb liegen. Während der Film über den Bildschirm lief, teilte mir unsere kleine Tochter mit, dass ich ebenso einplanen müsse, sie vor 16 Uhr zum Friseur zu fahren, denn dann hatte sie einen Friseurtermin. In dem Film „Im Westen nichts Neues“ war inzwischen der Friedensvertrag in dem Eisenbahnwagon in Compiègne unterzeichnet worden, die Soldaten marschierten zurück von der Front, doch die Kampfszenen gingen weiter. Zuerst drangen deutsche Soldaten in einen Bauernhof in Nordfrankreich ein, wo ein Bauer einem deutschen Soldaten in den Bauch schoß. Dieser Soldat schaffte es mit einem zweiten Soldaten an eine Landstraße, wo gleich mehrere LKWs mit heimfahrenden Soldaten vorbei fuhren. Doch niemand nahm den verwundeten Soldaten mit, so dass dieser schließlich starb. Eine Weile lenkte ich mich auf meinem Smartphone ab, dann wurden Kampfszenen gezeigt, als sei der Erste Weltkrieg noch in vollem Gange, ohne dass Frieden geschlossen war. Eine Szene war mir zu brutal, als ein Soldat versuchte, den Feind mit seinem Gesicht im Schlamm zu ersticken. Sehr, sehr lange hielt er seinen Mund in die wässrige Masse von Schlamm hinein, doch er zappelte noch und schlug schließlich mit einem Stein zurück. Das war mir dann doch zu viel Krieg, wobei die zeitlichen Abfolgen im Film durcheinander geraten waren, denn nach dem Frieden Compiègne setzten sich die Kriegshandlungen im Film fort. Ich war genervt, schaltete den Fernseher aus und ärgerte mich über den verpatzten Nachmittag, der mich von den Erledigungen im Haus abgehalten hatte.  



28. Dezember 2023


Kurz vor neun Uhr verließ uns unsere große Tochter und fuhr mit dem Zug nach Freiburg zurück – diesmal ohne Bahnchaos und ohne allzu große Verspätungen. Der eigentlich vorgesehene Zug war zwar ausgefallen, es fuhr aber ein Ersatzzug, das war ein ICE anstelle des vorgesehenen Eurocitys, der sogar pünktlich einfuhr. Kurz und knapp verlief der Abschied auf Gleis 3, während sich die Tochter noch orientieren musste und die Schaffnerin fragen musste, ob denn der ICE der richtige Zug sei. Danach tranken wir im Café Extrablatt einen Kaffee, und bei der Frage, ob wir denn noch Geschäfte aufsuchen wollten, redeten meine Frau und ich aneinander vorbei, weil ich keinen Bedarf sah und mich durchsetzte, während meine Frau bummeln wollte. Den Rest des Tages beschäftigten wir uns mit allerlei Kleinkram, was im Kinderzimmer noch herzurichten war. So gelang es uns, das Plissee fertig zu montieren. Da die Wickelkommode genau vor dem Fenster stand, war die Position allerdings ungünstig, das Plissee auf der linken und rechten Schiene auf- und ab zu bewegen. Nicht so ganz gelang uns, zwei Lampen in Form einer Wolke an der Wand anzubringen. Um Bohrlöcher in der Wand zu vermeiden hatten wir Montageband zum Verkleben gekauft. Damit hatten wir die eine Lampe fest auf die Wand gedrückt. Anfangs hielt die Verklebung, später fiel die Lampe dann doch herab auf den Boden. Beim zweiten Versuch, die Lampe auf dem Montageband mit UHU-Alleskleber auf der Wand zu verkleben, hielt diese bis heute. Die zweite Lampe hielt beinahe einen Tag, danach verschwand sie ebenso von der Wand und fand sich auf dem Boden wieder. Da wird dann ein zweites Mal der UHU-Alleskleber ran müssen.



29. Dezember 2023


Der Fußboden im Keller war uneben, so benannte unser Freund die Ursache, dass der Schrank im Keller nicht gerade stand. Dies zeigte die Wasserwaage an, die wir oben auf dem Schrank auflegten. Dass der Schrank im Keller schief stand, äußerte sich so, dass auf der linken Seite kein Abstand zwischen Türen und Schubladen war, so dass diese aneinander rieben. Auf der rechten Seite hingegen öffnete sich eine große Lücke zwischen Türen und Schubladen. Zu viel Gewicht in Form von Kartons lastete auf dem Schrank – die wir zunächst wegstellen – das stelle unser Freund fest. Links mittig und rechts mittig unterlegte er den Schrank mit jeweils einer Latte, dies sorgte dafür, dass die Wasserwaage oben auf dem Schrank wieder in die Waagerechte kam. Vorläufig hatte nach diesen Korrekturen der Schrank seine richtige Position wieder erlangt. In zwei bis drei Wochen wollte er nochmals die Tiefe des Schranks korrigieren. Von links nach rechts stand er nun in seiner Breite richtig, die Tiefe war aber noch leicht zu korrigieren. Im Gespräch ließ er anklingen, dass er von einem Freund gekommen sei, der eine Solaranlage besäße, die 30.000 Euro gekostet hatte. Bei der Größenordnung von 30.000 Euro erstarrte ich, wobei das Problem bestand, dass die Heizungsanlage nicht richtig an die Solaranlage gekoppelt war und keinen Strom bekam. Wir redeten über die letzte Generation, dass der Konflikt zwischen jung und alt unter dem Oberbegriff der Klimakrise auch durch solche Beträge verursacht wurde. Wenn wir beide, Anfang 60, eine Solaranlage von 30.000 Euro kaufen würden, dann würden sich die Kosten niemals in unserem Leben amortisieren. Wir zahlten 100 Euro an Stromkosten pro Monat, kumuliert über eine Restlebenszeit von 20 Jahren machte dies 24.000 Euro. Und im Winter und dann, wenn die Sonne nicht schien, ließ sich zudem nichts einsparen an Stromkosten. Diese wackelige Rechnung wurde besser, wenn man jünger war. Ein Neubau oder Umbau mit gleichzeitiger Solaranlage wurde viel schneller im Laufe des eigenen Lebens rentabel. Uns war zwar die Klimaproblematik bewusst, aber vor solch einer Größenordnung von 30.000 Euro erschreckten wir. Uns beherrschte das kaufmännische Vorsichtsprinzip, und wir hofften, an anderer Stelle unsere Beiträge zur Verringerung des CO2-Ausstoßes leisten zu können.



30. Dezember 2023


Null Bewegung über die freien Tage, da spürte ich den Drang hinaus in die Natur. Seit dem Frühjahr war ich nicht mehr durch die Wahner Heide gelaufen, und so fuhr ich mit unserem Auto bis kurz hinter der Autobahnausfahrt des Flughafens. Nach der Abbiegung an der Ampel reihten sich mehrere Parkplätze hintereinander, wovon in diesmal den zweiten größeren wählte. Ich spazierte auf einem Stichweg, der zu dem eigentlichen Wanderweg mit dem markierten Symbol eines Vogels führte. Zeitweilig durchquerte Matsch die beiden Gehspuren, was angesichts der Regenfälle der vergangenen Tage nicht verwunderlich war. Birken hatten sich am Wegesrand ausgebreitet, Totholz schlummerte dazwischen im Gras, bewachsen von Moos, das sich wie ein dickes Fell um das vor sich her modernde Holz schmiegte. Gras, Birken, wenige Laubbäume, Totholz: die Vegetation zeigte genau diejenige Abwechslung, die mich bei früheren Spaziergängen in der Wahner Heide begeistert hatte. Hier atmete ich die frische Luft in der Natur ein, wovon ich an diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr so wenig bekommen hatte. Kurz bevor der Stichweg auf den Wanderweg abbog, hoch oben inmitten des kahlen Geästs von Birken und Laubbäumen, wurde es unvermittelt laut. Nicht so weit weg vom Gelände des Flughafens, ließ sich der Fluglärm vom Prinzip her nicht vermeiden. Auch am Samstag vormittag landeten Flugzeuge und hoben ab. Wenige Kilometer weiter unterquerte die Landstraße und Start- und Landbahn, aber auch die Spur dieses Wanderwegs lag offensichtlich im Dunstkreis der Einflugschneise. Fluglärm kann nervend und betäubend sein, doch die Corona-Zeiten wirkten insofern nach, dass die Wahner Heide mit Fluglärm weitaus gewohnter klang als ohne denselben. So hallte ein dumpfes Kreischen der Turbinen durch die Luft, das auf hohem Niveau anhielt und schwer über der Natur lastete. Mit einem Mal verstummten die Turbinen dann doch, und die Natur wurde ihrer Idylle wieder selbst überlassen. Mich wieder bewegen zu können, hatte seine Faszination. Nach rechts bog ich ab auf den Wanderweg, der zu meiner Überraschung allen Matsch abgeschüttelt hatte. Er war trocken, als habe es kaum geregnet, und bald wechselten die Baumarten von Birken zu Kiefern. Der Weg schlängelte sich im Zickzack durch den unförmigen Bewuchs, die Baumkronen der Nadelbäume reckten sich in die Höhe, und zwischen der aufgerissenen Wolkendecke fanden keine Sonnenstrahlen hindurch. Die Baumwurzeln formten Buckel, Brombeeren kringelten sich im Gras. Schließlich marschierte ich zurück, als ich zu sehr beim Wandern gebummelt, beobachtet und fotografiert hatte. Zu Hause wartete jede Menge Arbeit auf mich.



31. Dezember 2023


Noch am frühen Abend hatten wir mit dem Schwager die Diskussion, ob er denn zu uns kommen wollte. Er war mutterseelenalleine, seine beiden WG-Mitbewohner feierten anderswo, und er hatte keinen Sekt, um beim Jahreswechsel anzustoßen. Mit dem Rollator hätte er zu uns kommen können, ich verspürte aber andererseits keine Lust, um ihn nach Mitternacht mit dem Rollator im Auto nach Hause zurück zu fahren. Zu Fuß im Dunkeln zurück zu laufen, danach war ihm nicht zumute, so dass er es vorzog alleine zu Hause zu bleiben. Dort ließ er sich vom Fernsehprogramm berieseln, er trank Weizenbier anstelle Sekt, womit er sich gut arrangieren konnte. Ohne seine Anwesenheit verlief unser Silvesterabend vollkommen unspektakulär. Wir blieben für uns alleine, einen gewissen Teil des Abends verbrachten wir mit der Zubereitung des Hirschgulaschs, die sich zeitlich nach hinten verschoben hatte, weil wir das Plissee im Kinderzimmer justiert hatten. Das Fernsehprogramm unterhielt uns an diesem Abend mit der Netflixserie „Suite“, die aufregend gemacht war. Das Herz dieser Serie schlug in einer Anwaltskanzlei, die sich mit schwergewichtigen Fällen des Wirtschaftsrechtes befasste. In dieser Staffel ging es um die Anmeldung eines Patentes, dem eine andere Firma mit einem vergleichbaren Patent zuvor gekommen war, weil sich das Ausfüllen der Unterlagen in der Kanzlei verzögert hatte. Dem versuchte die Kanzlei durch eine einstweilige Verfügung vor Gericht entgegen zu wirken. Die einstweilige Verfügung wäre chancenlos gewesen, wäre da nicht die Affäre der Ehefrau des entscheidenden Richters mit einem Mitarbeiter der Anwaltskanzlei. Die Staffel war spannend gemacht, stets ging es um ganz viel Geld, die handelnden Personen verkörperten viel Macht und Einfluss, das Ergebnis der einstweiligen Verfügung bekam ich allerdings nicht mit. Gegen halb zwölf schalteten wir auf die öffentlich-rechtlichen Programme um, um das Herunterticken der Uhr im alten Jahr mitzuverfolgen. Dieses Herunterticken der Uhr verband ich in den letzten Jahren mit einem persönlichen Jahresrückblick. Im Vordergrund stand sicherlich die Schwangerschaft unserer Tochter, die vom Prinzip her gut verlief, das sagten die Frauenärzte. Ein Glücksfall für unsere Tochter war, dass sie die Ausbildung begonnen hatte. Ihr Arbeitgeber, die GFO Kliniken, tat alles dafür, dass ihre Ausbildungsvergütung gesichert war, das Beschäftigungsverbot stellte Mutter und Kind seit Ende Oktober unter einen allumfassenden Schutz. Zusätzlich hatte sie Hilfen des diakonischen Werkes erhalten, so dass sie finanziell erst einmal gut dastand. Das alte Jahr war geprägt von vier Krankenhausaufenthalten in unserer Familie, zwei akute Krebserkrankungen hatte es in unserem Freundeskreis gegeben, daraus hatten wir gelernt, dass die Gesundheit das wichtigste Gut im neuen Jahr sein würde. Dagegen zu halten hatte ich eine gewisse Rest-Fitness, da mir meine Kondition bei den Wanderungen nach Maria Laach und Niederzissen keine Probleme bereitet hatte. Außerhalb der Geburt des Enkelkindes würden die Herausforderungen im neuen Jahr groß sein. Das Gästezimmer wollten wir renovieren, das Treppenhaus war zu streichen, während mein unzureichendes Tempo und meine nicht vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten ständig bemängelt wurden. Dazu kam dann noch der Garten, und wie dies alles zu schaffen sein würde, war mir ein Rätsel. Trotz all dieser ungünstigen Rahmenbedingungen, suchte ich meinen Optimismus zu wahren. So goß ich nach halb 12 unseren Chardonnay-Sekt von ALDI in die Sektgläser, um Mitternacht stießen wir auf das neue Jahr an, Tochter und Sohn tranken Apfelsaft. Draußen wurde so viel geböllert, wie wir es in den Vorjahren – in den Zeiten vor Corona – nicht in Erinnerung hatten. Schon gegen 22 Uhr war so viel geschossen und geböllert worden, dass wir froh waren, unsere Katzen im Haus halten zu können. Während draußen die Rauchwolken der Raketen in der Luft hingen, stellten wir drinnen nüchtern fest, dass der Nachwuchs unserer Tochter keine Frühgeburt mehr sein konnte. Der 1. Januar lag nun genau einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin, so dass wir bei dieser Zeitspanne kein Krankenhaus mit einer Station für Frühgeburten aufsuchen mussten. Das hieß, auch die Krankenhäuser in Troisdorf oder Sieglar hatten „normale“ Entbindungsstationen. Mit dieser neu gewonnenen Lockerheit, setzten wir uns wieder vor den Fernseher und folgten einem Best-of der ultimativen Chartshow mit Oliver Geissen auf RTL. Bei dem Stück „Girl you know it’s true“ von Milly Vanilly war ich sogar selbst mit dem Schwager bei der Fernsehaufzeichnung dabei gewesen, in der Menge des Publikums konnte ich uns allerdings nicht wiederfinden.



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