Tagebuch September 2021

1. September 2021


Es war schade, dass die Konstellation, wann der Schulunterricht der Tochter begann und dass meine Frau heute arbeiten musste, die Tagesplanungen durcheinander wirbelte. Den freien Tag wollte ich genutzt haben, mit der Bahn nach Krefeld zu fahren und das Rennrad auf der Bahn mitzunehmen. Mit dem Rennrad wollte ich dann die rund 35 Kilometer einfache Strecke nach Venlo hin und zurück radeln. Daraus wurde aber nichts, weil das Zeitfenster immer mehr zusammen schrumpfte. Während meine Frau weg war zur Arbeit, karrte ich unsere Tochter zur Schule, dessen Schulunterricht erst zur zweiten Schulstunde begann. Das Nadelöhr war die Zugverbindung vom Kölner Hauptbahnhof nach Krefeld, da der Zug nur einmal stündlich verkehrte. Nachdem ich am S-Bahnhof in Troisdorf-Spich noch das Anschlussticket und die Fahrradtageskarte NRW gelöst hatte, verpasste ich die S-Bahn knapp, und mit der nächsten S-Bahn, die dann fünf Minuten Verspätung hatte, verpasste ich wiederum den Zug nach Krefeld. Ich überlegte noch, alternativ den Zug nach Mönchengladbach oder Duisburg zu nehmen, doch ich hatte mich auf die Ortschaften Kempen und Wachtendonk fixiert, die in einer solchen Entfernung zu Krefeld lagen, dass sie im Zeitfenster zu schaffen waren. Ein weiteres Nadelöhr war der Streik der Lokführer, so dass es fünf Tage lang quasi unmöglich sein würde, mit der Bahn zu fahren. In jedem Fall spürte ich, dass die Bewegung, unterwegs zu sein, mein Element war. Neue Orte entdecken, bekannte Orte wieder aufleben lassen, Neues aufspüren und den Blick für die Details schärfen. Das Rennrad in der S-Bahn ließ dieses Gefühl des Unterwegsseins wieder aufleben. Ich freute mich auf all die Dinge, die mich an diesen Orten des Niederrheins erwarten würden.

2. September 2021


Ich musste umdisponieren. Von Krefeld nach Venlo war zu weit, und wie sehr ich die Strecke kürzen musste, das bestimmte sich nach dem Aufenthalt in Kempen. Diese Kleinstadt, die ich in wunderschöner Erinnerung hatte, wollte ich unbedingt sehen, und zwar in Ruhe und ohne Zeitnot. Kempen ähnelte Städten wie Linz oder Ahrweiler, die durch den Ausflugstourismus geprägt waren, dahingehend, dass es mittelalterliche Städte waren. Große Teile der Stadtmauer hatten sich erhalten, genauso wie die alte Bausubstanz. Alte Kirchen standen im Zentrum der Stadt, während die Architektur der Häuser unterschiedlich war. Hier, am Niederrhein, war weniger mit Fachwerk gebaut worden, andersartig waren auch die Formen der Häusergiebel. Einige Häuser hatten die in den Niederlanden gängigen Treppengiebel übernommen, andere hatten geschwungene Formen von Bögen. Auf dem Buttermarkt genoss ich es, dort sitzen zu können. Ich trank ein großes Pils und studierte dabei die Landkarte, welche Streckenführung in dem vorhandenen Zeitfenster noch möglich war. Es verblieb eine Strecke über Wachtendonk nach Nieukerk. Mit rund 40 Kilometern Gesamtlänge war die Strecke reichlich abgespeckt, aber dennoch wunderschön. Wachtendonk war ein sehr alter Ort, mit einem unglaublich homogenen Ortsbild mit Häusern aus rostbraunen Mauerziegeln. Es schien so, als sei die Zeit stehen geblieben, und kaum eine Menschenseele war in der frühen Nachmittagszeit auf den Straßen zu sehen. Mitreißend war danach die Fahrt über Nebenstraßen nach Nieukerk. Waldstücke, Wiesen und Felder wechselten einander ab. An manchen Streckenabschnitten säumten Reihen von Korbweiden den Wirtschaftsweg. Brücken querten Bäche und kleine Flüsse, an die sich Feuchtgebiete anschlossen. Angrenzend, verdichteten sich Waldstücke bisweilen zu Auenwäldern. In Nieukerk traf ich auf die Bahnlinie von Kleve nach Krefeld. Vom dortigen Bahnhof aus ging es dann nach Hause zurück, wobei ich in Krefeld umsteigen musste.

3. September 2021


Irgendwo zwischen Krefeld und Kempen, beim Radeln durch die niederrheinische Landschaft, ging mir ein Ausspruch durch den Kopf, was das besondere am Niederrhein sei. Das sei der Horizont, erinnerte ich mich. Ein Endlosblick, dessen Horizont sich ständig neu gestalte und neue Ausblicke liefern würde. Von wem dieser Ausspruch war, das konnte ich nicht mehr recherchieren. Ich suchte nach bei Hanns Dieter Hüsch, dessen Zitate ähnlich klangen, so zum Beispiel: „Die Schönheit des Niederrheins, mein ich immer, dat is nich sone Angelegenheit, so wie man sacht, Gott is die Frau schön. Das geht tiefer. Dat krisse fast gar nich raus, warum dat so is. Auf den ersten Blick schon gar nicht. Muss ja auch nicht sein, sach ich immer, dat wär ja ne langweilige Schönheit. Nein, der Niederrhein will angeguckt werden. Und dann beginnt die große Liebe. Dat is dat Geheimnis des Niederrheins. Un wer einmal am Niederrhein war, der kommt wieder.“ So oder so radelte ich im Flachland des Niederrheins. Die Horizonte und auch die Nutzungsformen der Landwirtschaft wechselten stetig. Mit ganz viel Obst- und Gemüseanbau nutzten die Bauern ihre Felder. Im Spätsommer schauten Köpfe aus Weißkohl kilometerweit aus den Feldern heraus. Sonnenblumen säumten die Ränder der Felder. Die Felder von Erdbeeren waren abgeerntet, und Gänse liefen auf einem großen, eingezäunten Terrain frei herum. Die Veränderung des Horizontes bewirkten auch Windräder, die an diesem windstillen Tag kaum eine Regung zeigten. Ich musste zugeben, dass mich diese Landschaft ergreifen konnte, obschon sie so unspektakulär war. Die Landschaft schärfte den Blick für die Details, weil die großen Hingucker fehlten.

4. September 2021


Thomas von Kempen und was das Denken der Menschen im Mittelalter ausgemacht hat. Auf dem Kirchplatz von Kempen steht das Denkmal des Thomas von Kempen, der bereits im Alter von 13 Jahren seine Heimatstadt verließ und danach niemehr dorthin zurück kehrte. Sein bekanntestes Werk „De imitatio Christi“ schrieb er von 1420 bis 1427 in Zwolle in den Niederlanden, wo er in einem Kloster als Novizenmeister tätig war. Betrachtet man aus der Neuzeit mit den verschiedensten Strömungen der Aufklärung dieses Werk, so ist es ein Rückschritt des Denkens. Die Architektur des mittelalterlichen Denkens war von Gott bestimmt, wohin sich die Nachfolge Christi – so das Werk des Thomas von Kempen – ausrichten musste. Und die Nachfolge Christi sollte es vermeiden, dass das Denken in neue Dimensionen vorstoßen sollte. Das Denken war fest verankert in Gott und bestimmt von Demut, Glauben, Gemeinschaft, Unterwerfung, Leidensbereitschaft, Selbstaufgabe und Passivität. Man sollte sein Leben nicht mit seinen eigenen Händen gestalten, sondern legte es in die Hände anderer. Christus war das Vorbild, dem die Menschen nacheifern sollten, indem sie genau das tun sollten wie er. Als Leitfaden durch das eigene Leben gibt das Werk „De imitatio Christi“ Ratschläge zur Lektüre der Bibel, Warnungen vor Versuchungen, Reflexionen über den Tod und das jüngste Gericht sowie Meditationen über die Hingabe an Jesus Christus. Das Denkmal des Thomas von Kempen mag suggerieren, dass seine Heimatstadt fest mit seinen Ideen verwurzelt ist. Es wird ein großer Denker des Christentums gewürdigt, dessen Denkansätze allerdings sowohl von den großen Denkern der Antike wie der Neuzeit sich längst überholt.

5. September 2021


Der Samstag war pickepackevoll, so pickepackevoll, dass ich meine liebste Mühe und Not hatte, alles zu koordinieren. Im wesentlichen standen zwei größere Termine an: am Nachmittag einen Kühlschrank für die WG in Übach-Palenberg holen und am Abend zu den Nobeo-Studios in Hürth zur Fernsehshow mit Günter Jauch, Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger fahren. Meine Frau musste bis 14 Uhr arbeiten, ich musste einkaufen und um als Zuschauer bei der Fernsehshow dabei sein zu können, mussten wir uns negativ auf Covid19 testen lassen, wozu wir einen Termin im Zeitfenster von 11.30 Uhr bis 11.50 Uhr im Pfarrheim bei uns im Ort hatten. Bis zum Mittagessen erledigte ich die Einkäufe und die Covid19-Tests für mich und die beiden WG-Bewohner, danach kamen die etwas engeren Zeitplanungen. Anderthalb Stunden Fahrzeit hatten wir nach Übach-Palenberg einkalkuliert, von 18.00 Uhr bis 18.45 Uhr mussten wir uns an der Kartenausgabe in den Fernsehstudios in Hürth einfinden. Auf der Autobahn A4 war von Köln-Klettenberg bis zur Autobahnraststätte Frechen jede Menge Verkehr, der zäh floss, sich staute und bisweilen nur im Schritttempo voran ging. Spätestens ab Kerpen konnten wir richtig aufs Gaspedal treten. Die Rückfahrt von Übach-Palenberg war staufrei, und in der 3er-WG lieferten wir den Kühlschrank ab. Zu Hause hatte ich noch ausreichend Zeit zum Umziehen, zum Sammeln der Impfnachweise und Negativtest, zum Ausdrucken der Bestätigungsmail der Fernsehshow und um ein Brötchen zu essen. Es sollte alles reibungslos klappen. Wir waren pünktlich zur Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show, die einen hohen Unterhaltungswert hatte. Es wurde weit nach Mitternacht, als wir zu Hause ankamen. An manchen Tagen knubbelten sich halt die Termine und Ereignisse, und ich war froh, alles zeitgerecht geschafft zu haben.

6. September 2021


Die Wahner Heide im Wandel der Jahreszeiten. Zuletzt war ich im Mai dort herum spaziert, als der Ginster blühte und die Heidelandschaft mit seiner Vielzahl von gelben Blüten verschönerte. Nun, im September, wollte ich mir die blühende Heide nicht entgehen lassen. Vom Wanderparkplatz unterhalb des Fliegenberges erkundete ich die Heidelandschaft. Mit den Sandalen tappste ich durch jede Menge Sand, und abseits der Wege bedeckten dichte Büschel von Heide den Erdboden. Darüber bauschten sich die violetten, krautigen Blüten auf, die nicht ganz so spektakulär waren wie die gelben Ginsterblüten im Frühjahr, aber um einiges artenreicher, darüber klärte mich eine Hinweistafel auf. Die blühende Heidelandschaft war so perfekt, dass sich im Hintergrund die Gipfel des Siebengebirges dazu gesellten. Im Vordergrund wechselte die Heidelandschaft mit Baumgruppen ab, die sich zum Aggertal hin zu einem Wald verdichteten. In Zeiten des Lockdowns hatte ich die Wahner Heide regelmäßig erkundet, und ständig gab es Neues zu entdecken.

7. September 2021


Die Angst hat sich festgesetzt und die Angst lebt wieder auf vor einem neuen Lockdown, der uns ab dem Herbst letzten Jahres so viel Lebensqualität geraubt hatte. Werden in diesem Herbst alle möglichen Verzweiflungsaktionen kommen, die das Virus nicht aufhalten können ? Sind wir wieder gezwungen, uns in unseren eigenen vier Wänden zu verkriechen ? Wird dann wieder die einzige Abwechslung darin bestehen, die Fernsehprogramme zu zappen, draußen spazieren zu gehen oder im Supermarkt herum zu stöbern ? Viele Aktivitäten zielen derzeit drauf ab, die Impfquoten zu erhöhen, um die sogenannte Herdenimmunität herzustellen und einen erneuten Lockdown im Herbst zu verhindern. So soll ein mobiler Impfbus Impfwillige ansprechen und die Impfbereitschaft erhöhen. Das ist sicherlich richtig, aber bei rund 61% vollständig Geimpfte scheint zu befürchten, dass all die Appelle und Aufrufe zum Impfen in großen Teilen der Bevölkerung nicht ankommen. Da nun die offizielle Empfehlung der Impfkommission für ab 12-jährige vorliegt, wird wohl noch der eine oder andere Schüler dabei kommen. Darüber hinaus ist wohl davon auszugehen, dass diejenigen, die sich vor einer Infektion schützen wollen, dies mit einer Impfung gemacht haben. Ein bißchen weniger als 34%, die nicht einmal die Erstimpfung erhalten haben, sind entweder Impfgegner oder scheinen eine Infektion billigend in Kauf zu nehmen. Was bei all der Aufbereitung des Zahlenwerks zu Infektionen wenig heraus gearbeitet worden ist: es ist wohl davon auszugehen, dass unter all den Parallelgesellschaften von Migranten die Impfbereitschaft wohl nicht besonders ausgeprägt ist. Mit all den Impfkampagnen muss man diese Bevölkerungsgruppe erreichen, man muss ihre Sprache sprechen, intellektuell müssen sie die Notwendigkeit einer Impfung verstehen. Das ist so wie mit ihren Gewohnheiten. Sind sie dem hiesigen Denken und der hiesigen Kultur aufgeschlossen, so steigt die Chance einer Impfbereitschaft. Bleiben sie in den Traditionen aus ihrem Heimatland verhaftet, so dürfte diese Chance eher klein sein. Ob Zahlen aus Köln-Chorweiler, Köln-Meschenich oder Bonn-Tannenbusch jemals aufbereitet worden sind, ist fraglich. Aber auch Stadtteile wie Köln-Ehrenfeld oder Köln-Nippes sind ein Vielvölkergemisch aus aller Herren Länder. An diese Bevölkerungsschichten heran zu kommen, dürfte ein Dilemma sein.

8. September 2021


Die Heuernte, eine Momentaufnahme. Das Gras auf den Wiesen unterhalb des Rheindamms, die zur Winterszeit bei Hochwasser überflutet werden, war in die Höhe gesprossen. Nachdem es eine gewisse Höhe erreicht hatte, war es zuletzt abgemäht worden. Noch gestern, auf der Fahrradfahrt über dem Rheindamm nach Hause, war mir die Regelmäßigkeit der Struktur aufgefallen. Reihen aufgehäuften Grases waren wie mit dem Lineal gezogen, daneben schaute die abgemähte Grasfläche hervor. Die Reihen abgemähten Grases ergaben eine Struktur, die in ihrer klaren Anordnung schön anzuschauen waren, eingegrenzt zwischen dem Rhein im Hintergrund, dem Rheindamm im Vordergrund und aufgelockert durch alleinstehende Baumgruppen. Bei der Fahrradfahrt heute Morgen hatte sich die saubere Anordnung verändert: einzelne Reihen gemähten Grases waren verschwunden, sie waren zusammengebunden zu runden Strohballen, das war die Momentaufnahme der Heuernte. Weitere Strohballen würden zusammengebunden werden, so dass irgendwann die ebene Fläche gemähter Wiesen übrig bleiben würde. Zumal die Zeit drängte, wenn man den Wetterbericht einbezog. Ab Donnerstag waren mehrere Tage Regenwetter angesagt, und danach musste die Heuernte im Trockenen sein.


9. September 2021

Jede Menge Sonne, Wärme und Rückenwind: das Super-Sonnen-Wetter musste ich ausnutzen, um mit dem Rennrad vom Büro aus zur Fußpflege zu fahren. Das war das erste Mal in diesem Jahr, dass ich die Strecke auf diese Art und Weise bewältigte. Erst das erste Mal, weil Corona und andere Widrigkeiten dazwischen gekommen waren. Lange war das Wetter schlecht gewesen, bis in den Mai hinein, dann hatte sich die Fußpflegerin ausgerechnet den Montag ausgesucht, an dem meine Frau zu Betriebsratssitzungen unterwegs war und mein Schwager von der Behindertenwerkstatt abgeholt werden musste, so dass alles drunter und drüber ging und nicht anders als über Home Office meinerseits machbar war. Gestern konnte ich endlich eine Stunde Fahrradfahrt dazwischen schieben, zwischen meinem Arbeitsende im Büro und dem Termin bei der Fußpflege. Die Fahrt den Rhein entlang, mit diversen Kurvereien durch Tannenbusch sowie durch die etwas amorphen Häuseransammlungen in Roisdorf und Bornheim, tat sichtlich gut. Es war wenigstens ein Stückchen längere Fahrradfahrt auf dem Rennrad, und das Gefühl drang durch, tiefer in die Landschaft eintauchen zu können. Ich atmete die Weite der Köln-Bonner Bucht ein und glitt an Häuserfassaden vorbei, die gleich aussahen, obschon deren Bauweisen höchst unterschiedlich waren. In Bornheim angekommen, platzierte ich das Rennrad mit einem gewissen Stolz vor die Pilgersäule im Zentrum, die sich daran festhielt, dass Bornheim einst auf der Pilgerroute nach Compostella gelegen hatte. Ähnlich stolz zeigte die Säule Kapellen aus dem Mittelalter, die Pilgerstationen gewesen waren und an die sich Herbergen angegliedert hatten. Der Aufenthalt in Bornheim war knapp, gerade, um dieses eine Foto zu machen. Bei der Fußpflegerin angekommen, erfuhr ich, dass mein Timing höchst schlecht gewesen war. Ich hatte es nämlich unterlassen, mir die Taktung der Termine im Detail anzusehen. Ich war um 16.30 Uhr an der Reihe gewesen, danach folgten meine Frau und der Schwager. Ich war aber erst so ziemlich genau um 17 Uhr bei der Fußpflege. Zeitgleich kamen dann meine Frau und unsere Tochter an, die anstelle meines Schwagers mitgekommen war. Da um 18 Uhr der nächste Kunde seine Fußpflege erwartete, hatte die Fußpflegerin nur noch Zeit für zwei Kunden, so dass unsere Tochter auf ihre Fußpflege verzichten musste. Dennoch betrachtete ich die Fahrradfahrt nach Bornheim als rundum gelungen, und als Belohnung genehmigte ich mir an der Eisdiele auf der Hauptstraße im Anschluss ein Eis.

10. September 2021


Ein Tag, an dem wir gut mit vielerlei Essen versorgt wurden. Da unsere Tochter nach Dortmund abgeholt wurde, hatten wir in der Bäckerei im Supermarkt zwei kleine Riemchen-Apfelkuchen gekauft. Der Vater des Freundes unserer Tochter wollte aber direkt umkehren, aus Zeitgründen, weil er möglichst deutlich vor 20 Uhr zurück sein wollte. So trank er nicht einmal einen Kaffee, geschweige denn, dass er von dem Apfelkuchen aß. So hatten wir die beiden Apfelkuchen übrig, außerdem machte meine Frau Nudelsalat aus einem Rest von Nudeln, den wir zuviel abgekocht hatten vor einigen Tagen. Apfelkuchen und Nudelsalat, etwas später kam dann noch ein Laib Brot dazu. Ein mächtiger Laib Brot, der uns vor Herausforderungen stellte, Brotmahlzeiten über mehrere Tage hinweg einzuplanen, um die Unmasse von Brotschnitten auch aufzuessen. Mein Schwager war der Urheber dieser Mengen von Brot. Er wollte Brot beim Bäcker anstelle im Supermarkt eingekauft haben und brachte zwei solcher Laibe von Brot nach Hause zurück. Anscheinend hatte er das Augenmaß vollkommen verloren, welche Menge von Brot er aß – zumal er am Wochenende morgens kein Brot, sondern Brötchen aß. Nun saß er selbst vor diesen Mengen Brot, alleine, wovon er in wenigen Tagen auf all den ganzen trocken gewordenen Brotscheiben würde herum kauen müssen. Uns ging es zu Hause nicht viel anders, wenngleich wir mit drei Personen am Wochenende und vier Personen unter der Woche mehr aufessen können würden. Es bedurfte aber einer einigermaßen genauen Planung, wer von uns wann wieviel Scheiben essen würde. Gerne aß ich zum Frühstück Brot, aber der Rest unserer Familie ? Mit dem deutlichen Überangebot mussten wir klar kommen, und in welcher Abfolge wir Apfelkuchen, Nudelsalat und Brot aufessen würden, das stand noch in den Sternen.

11. September 2021


An diesem geschichtsträchtigen Tag, 20 Jahre waren es nun her, fragte sich jedermann und jederfrau, wo er denn gewesen sei und wie er denn die Terroranschläge auf das World Trade Center wahrgenommen habe. Ganz viele Sendungen wurden dazu im Fernsehen ausgestrahlt, und ich selbst hatte dazu meine eigene Wahrnehmung. Da läuft ein falscher Film, das hatte ich mir gedacht, kommt der nächste Krieg, das hatte ich mich gefragt, während ich an einer Tagung über einen Bildschirmtarifvertrag in Bonn-Poppelsdorf teilnahm. Das war nun 20 Jahre her, und heute waren wir zu viert ganz anders unterwegs. Ich hatte Karten für das Hänneschen-Theater in Köln organisiert. Mit der Straßenbahn fuhren wir zur Haltestelle Heumarkt, und wir nutzten die kurzen Wege zu Fuß zum Brauhaus Sion, wo wir etwas aßen, und von dort aus zum Hänneschen-Theater, wo um 19.30 Uhr die Vorstellung begann. „War er versprech“, so lautete der Titel des gespielten Stückes, und was es damit auf sich hatte, sollte sich erst relativ spät im Verlauf des Stückes erschließen. Bis dahin war das Stück eine lose Aneinanderreihung von Begebenheiten, Verzällcher, Kölschen Charakteren und jede Menge Gesang im Herzen von Knollendorf. Das Stück begann damit, dass zwei rotzfreche Gören den Tanz von Hänneschen und Bärbelchen störten. Zwischendurch bediente der Wirt Mählwurm zwei alte Gäste in seiner Gaststätte dermaßen langsam, dass sie schlußendlich nichts zu essen bekamen. Speumanes sang indes über all seine Liebschaften, deren Kurzbeschreibungen sich auf Kölner Stadtteile reimten, so wie es Insterburg & Co in den 1980er Jahren besangen hatten. Der eigentliche Inhalt des Stückes offenbarte sich in dem Slogan „Wähl Schäl“ mit einem Kreuz in einem Ankreuzfeld, das über einem Eingang zu einem Innenhof hing. Um gewählt zu werden, umschmeichelte er seine Einwohner von Knollendorf. Nachts spendierte er ein Denkmal von Willi Millowitsch, der auf einer Bank saß, und lud am nächsten Morgen alle zum Freibier in Mählwurms Gaststätte ein. Dabei sangen alle das Lied von Willi Millowitsch „Ich bin ene Kölsch Jong“. Etwas später, verkündete Schäl nach seiner gewonnenen Wahl sein Programm für das Jahr 2022, was gleichzeitig auch das Ende des Stückes war. Zum Finale sangen alle noch einmal ein Lied, wobei die Bühne herunter gelassen wurde, so dass mitsamt den Puppen auch alle Puppenspieler zu sehen waren. Das war grandios. Im Anschluss ließen wir den Abend im Klimperkasten am Alten Markt ausklingen.

12. September 2021


Das breite Band der Autobahn A1, der Bleifuß auf das Gaspedal ab dem Autobahnkreuz Leverkusen, jede Menge Landschaft abseits der sechs Spuren. So kann die mittlerweile regelmäßige Fahrt nach Dortmund sogar Spaß machen, wenn man einmal von dem stauträchtigen Kreuz Leverkusen und dem östlichen Kölner Autobahnring absieht. Am Sonntag waren wir genau diese Strecke wieder unterwegs, um unsere Tochter von ihrer Wochenendbeziehung abzuholen. Was uns allerdings noch nicht gelungen war und was bei mir eine allmähliche Ungeduld erzeugte, das war ein Abstecher jenseits des langen Bandes der Autobahn A1, wenn jede Menge schöne Landschaft vorbei rauschte. Braune Hinweistafeln priesen vor den Ausfahrten touristische Schönheiten wie Hückeswagen oder Burg an der Wupper an. Wir hatten es zwar erwähnt, geplant, diskutiert, anvisiert, irgendwo im Bergischen Land oder auch in Dortmund uns etwas anzuschauen, aber stets waren wir sonntags Morgens effektiv zu spät aus dem Bett gekrochen. Und wir hatten den Fehler begangen, mit dem frühstücken anzufangen. Dann tranken wir eine Tasse Kaffee nach der anderen, wir verquasselten uns, wir besprachen all die wichtigen und unwichtigen Dinge, meine Frau beantwortete Whatsapp-Nachrichten, ich las so manches im Netz nach. Um die Mittagszeit aßen wir noch, weil der Schwager diese Unmassen von Brot eingekauft hatte. Als wir gegen halb 2 losfuhren, suchte ich bei dieser Fahrt nach Dortmund einen regelrechten Abflug von der Autobahn A1, um Neues jenseits der Autobahn zu entdecken. Irgendwo auf dem Kölner Autobahnring hatte meine Frau den Satz ausgespeichert, ob wir nicht noch Zeit hätten, am frühen Nachmittag irgendwo einen Kaffee zu trinken. So fuhr ich in Remscheid ab und hatte die verschieferten und malerischen Häuser von Remscheid-Lennep ins Visier genommen. Daraufhin versuchte meine Frau, unsere Tochter auf ihrem Handy zu erreichen, die sich aber nicht meldete. Zuvor war sie bei der Mutter ihres Freundes gewesen, wo sie nun war, wussten wir nicht, was meine Frau blank und nervös machte. Sie war nicht nur unruhig und zappelte herum, sondern äußerte auch, dass sie mit Remscheid ganz und gar nichts verbinde. Die Ruhe für eine Tasse Kaffee war ihr in Remscheid-Lennep augenscheinlich abhanden gekommen. So kehrten wir die paar Kilometer bei Remscheid wieder auf die Autobahn zurück, wir bretterten durch nach Dortmund, ohne Stau, und standen rund 45 Minuten später vor der Haustüre des Vaters des Freundes unserer Tochter. Anstatt in Remscheid saßen wir nun längere Zeit in Dortmund. Auf diese Art und Weise verlängerte sich der Abschied unserer Tochter von ihrem Freund und wir quasselten einiges mit dem Vater, darunter vieles über Hunde und Katzen.

13. September 2021


Ich musste überlegen: es war das erste Mal seit Mitte Juni, dass ich mich in einem Biergarten niedergelassen hatte. Mitte Juni war es Troisdorf-Bergheim zusammen mit meiner Frau gewesen, nun war es der ungleich schönere Biergarten „Zum blauen Affen“ oberhalb des Rheins. Der Blick auf den Fluss beflügelte, die Lebensader der Binnenschifffahrt inspirierte. Ich konnte beobachten, wie ständig alles in Bewegung war. Der Strom des Rheins und seine Lastschiffe, Fußgänger und Radfahrer auf asphaltierten Wegen, das Kommen und Gehen im Biergarten. Menschen gesellten sich zusammen oder saßen – so wie ich – alleine vor ihrem Getränk und ließen es sich gut gehen. Wie sehr alles in Bewegung war, das konnte ich am Nachbartisch mithören. Zwei junge Männer - so um die vierzig – hatten einen Jungen und ein Mädchen mitgebracht, die beiden Kinder hatten ein Alter Ende Grundschule, dabei drehte sich alles um Sport. Das Mädchen hatte eine Trainingsjacke in einem solche pinken Farbton übergezogen, der an Barbiepuppen erinnerte. Das Mädchen spielte Tennis, denn die Jacke trug die Aufschrift des Tennisclubs „Blau-Gelb“. Der Junge mit der fettumrandeten Brille, der ein blaues Kapuzenshirt über den Kopf gezogen hatte, war nicht weniger sportlich, denn er erzählte davon, dass er vorhin 300 Meter gelaufen sei und noch außer Atem sei. Einen vollkommen fitten und durch trainierten Eindruck machten die beiden Herren, die anscheinend nicht die Väter der beiden Kinder waren. Der eine, dessen T-Shirt mit dem Aufdruck „Take a deep breath“ seine ausgewogene Atemtechnik belegte, joggte regelmäßig. Er erzählte, dass seine Laufrunde den Berg rauf und runter ginge, was so ziemlich in Richtung des Siebengebirges gelegen haben dürfte. Mittwochs würde er in der Laufgruppe joggen, und er fragte den Jungen, während er den unter dem Biertisch angeleinten Hund kraulte, ob er denn nicht Lust habe, das nächste Mal mitzulaufen. Der Junge verneinte, weil er mittwochs Tennistraining habe. Sie diskutierte aber nicht nur über Sport, Tennis und Joggen, sondern dem Mädchen fiel auch ein, dass sie noch Mathe-Hausaufgaben machen müsste. Die weiteren Abläufe waren traumhaft für alle Eltern. Sie trug einen Rucksack bei sich, und aus dem Rucksack packte sie ihr Mathe-Buch aus, sie schlug es auf, holte dann ihr Mathe-Heft heraus und begann mit den Hausaufgaben. Sie musste Berechnungen vervollständigen, dabei hörte ich den Term x-y heraus. Die Vierergruppe beratschlagte sich und ergänzte den Term x-y in der richtigen Mathematik. Derweil kraulte der zweite Mann, der einen Vollbart und einen Zopf trug, einen zweiten Hund unter dem Tisch, wobei ich den Namen „Milo“ heraus hörte. Dabei unterhielten sich die beiden Männer über – was konnte es anderes sein – Sport. Gesprächsgegenstand waren diesmal nicht die eigenen sportlichen Aktivitäten, sondern es war die Champions League. Bayern München spielte am Abend in Barcelona, und sie spekulierten über das Abschneiden des FC Bayern. Die Aussichten sahen sie so positiv wie die strahlende Nachmittagssonne oder die Harmonie über dem sacht daher fließenden Rhein. Irgendwann war ich dann doch weg und verließ diese bestechende Harmonie, weil ich zum Abendessen zu Hause sein wollte.

14. September 2021


Das Gefühl, dass in einer gewissen Entfernung, die Zeitaufwand kostet, um dorthin zu kommen, so viel zu entdecken ist, dass es nicht zu schaffen ist. Und dass in der kürzeren Entfernung sich die Wege so sehr wiederholen, dass die Gefühlswelten genau umgekehrt abgestumpft sind und Neues nicht mehr wahrgenommen wird. Ganz schlimm war dies in Zeiten des Lockdowns, als wir das Haus auf ganz wenigen definierten Wegen verließen. Neues zu sehen und Unbekanntes zu entdecken, war für die Sinnesorgane eine Herausforderung, überall herrschte nur Einöde, Langeweile, Eintönigkeit, Abgedroschenheit, Niedergeschlagenheit, Ermattung. Die Sinnesorgane brauchen solche Anregungen, die eingelaufenen Pfade zu verlassen und in neue, unentdeckte Gebiete vorzustoßen. Das funktioniert auch in dem Mikrokosmos von Stadt und Landschaft, wenn man die Blick nicht ständig auf dasselbe richtet. In der Ferne ist dieser Blick auf die Details und größeren Zusammenhänge aber einfacher, weil die Dinge grundlegend anders aussehen. Im Inneren reise ich daher ständig mit dem Finger auf einer Landkarte, was es wo zu sehen gibt, was wo zu entdecken ist und wie die Rückkopplungen zur eigenen Persönlichkeit aussehen. Die große Landkarte der übergeordneten Dinge, die Landkarte von Werten, Einstellungen, eines geistigen Überbaus und eines Gedankengebäudes fehlt aber noch. Dazu benötige ich Freiräume, um die Dinge zusammen knüpfen zu können. Freiräume, die ich in dieser Woche gehabt habe und für Besuche von Cafés und Biergärten genutzt hab. Heinrich Böll hatte einmal von einem „genius Loci“ gesprochen. Das waren Orte, an denen Einsichten kamen und die Ideen nur so sprudelten. Der gestrige Biergarten „Zum blauen Affen“ war ein solcher Ort. Oder auch das Café Extrablatt, das ich nicht nur in Bonn, sondern auch in anderen Städten wie Koblenz, Krefeld, Köln oder Bergisch Gladbach schätzen gelernt hatte.

15. September 2021


Es bedurfte einer großen Ausdauer, um unsere Tochter zu überzeugen. Als sie im Grundschulalter in der Kinderklinik war, musste man ihr Blut abnehmen. Bei der eigentlichen Blutabnahme war meine Frau gerade nicht anwesend, doch als sie von einem gewissen Örtchen zurück kehrte, bot sich ihr ein Bild des Schreckens. Unsere Tochter hatte Angst gehabt vor dem Pieckser, und weil sie zurück wich und die Blutabnahme verweigerte, wurde sie von vier Personen festgehalten. Mit Gewalt war ihr die Nadel in den Arm hinein gedrückt worden, und danach stand sie unter Schock. Sie zitterte am ganzen Leib, als meine Frau sich an den Ort des Geschehens begab. Seitdem bergen Arzttermine unserer Tochter ein instabiles Risiko, wenn gepickst, gestochen oder gar Blut abgenommen wird. Es bedurfte stets hoher Überzeugungskraft, dass die Blutabnahme notwendig sei, unumgänglich für die Gesundheit oder gar gefährlich, wenn man sie unterlassen würde. Nach der Freigabe des Impfstoffs für Jugendliche ab 12 Jahre redeten wir gegen eine Wand, weil unsere Tochter mit einem kategorischen Nein antwortete. Da war nichts zu machen, wobei die Diskussionen äußerst langatmig waren und ihre Argumente nicht stichhaltig. Die Linie änderte sich etwas, als ihr Freund davon erzählte, dass ihm zwei Großeltern an Corona verstorben waren. Sie wurde zugänglicher, es blieb aber vorerst beim Nein. Erst zuletzt, in den letzten Wochen, kam der Sinneswandel. Womöglich, weil in ihrer Schulklasse immer mehr Schülerinnen und Schüler geimpft worden waren. Nun war es soweit bei ihrem Kinderarzt. Meine Frau hatte einen Termin gemacht. Der Mittwochnachmittag, wenn die Praxis ansonsten geschlossen war, war nun für die Impflinge reserviert. Kurz und schnell war die Prozedur des Impfens über die Bühne gegangen, aber noch einige Stunden später klagte sie über Schmerzen an der Einstichstelle. Selbst am nächsten Tag klagte sie noch über Schmerzen, so dass sie einen weiteren Tag krank der Schule fernblieb. In sechs Wochen würde dann die Zweitimpfung folgen, und ich war stolz auf unsere Tochter, dass sie sich zu diesem Schritt entschlossen hatte.


16. September 2021


Das Gefühl war höchst ungewohnt, seit Corona war es komplett abhanden gekommen. Mit einem Kollegen und einer Kollegin wollte ich mich in unserem Bürogebäude abgesprochen haben, und wie der Zufall es wollte, waren beide in unserem Großraumbüro anwesend. Ich war so sehr eingefahren in die Regelmäßigkeit, dass allgemein keine persönlichen Meetings mehr durchgeführt wurden, sondern nur noch Telefonkonferenzen. Als wir zu dritt zusammen standen, war die Idee eigentlich ganz normal, aber in Zeiten der Pandemie war sie geradezu revolutionär. Wir beschlossen, uns in den Besprechungsraum zu setzen und die Fragestellungen gemeinsam zu besprechen. Kritisch prüfend waren die Fragestellungen, ob wir geimpft waren. Zwei waren vollständig geimpft, eine war genesen. Wir redeten miteinander, von Gesicht zu Gesicht, von Auge zu Auge, von Zahl zu Zahl, von Gesprächssequenz zu Gesprächssequenz. Es war ungefähr ein Gefühl, als wären wir als Menschen zusammen neu geboren worden. Corona hatte uns dressiert, Begegnungen zu vermeiden und Kontakte zu digitalisieren in ein Nichts, wo alle Züge der Persönlichkeit verloren gingen. Auf dem Bildschirm flackerten die Zahlen auf, die wir diskutierten. Das Gefühl war geradezu revolutionär, uns anschauen zu können, ins in die Augen sehen zu können, Mund und Lippen zu beobachten, wie wir miteinander sprachen. Mimiken und Gesten zu studieren und an den Gesichtszügen abzulesen, wie der andere auf die Interpretation des Gemengelages von Zahlen reagierte. Die Besprechung im Besprechungsraum war eine Bereicherung. Wir hatten uns so sehr an den Zustand von Corona gewöhnt, dass die Zeiten, dass man sich persönlich gemeinsam austauschen konnte, vorbei seien. So wie im privaten Bereich, dass wir uns erst daran gewöhnen mussten, dass die Kontaktbeschränkungen weggefallen waren, so würde dies auf dem Büroarbeitsplatz ebenso eine größere Zeitspanne in Anspruch nehmen. Wir mussten wieder zurückschalten von der Telefonkonferenz zum Präsenzmeeting. Und das war gar nicht so einfach.

17. September 2021


In Zeiten des Bundestagswahlkampfs huschen die Wahlplakate mehr oder weniger unterschiedslos vorbei. Dabei suche ich nach Botschaften unserer Politiker. Botschaften, die ich als große Chance unserer Demokratie begreife, anzupacken und die Dinge zu verändern. Meist sind all die Plakate allerdings arm an Botschaften, was ich durch das Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner zu widerlegen versuchte. „Verbote bringen uns nicht weiter … verordneter Verzicht auch nicht“ mit diesem Slogan meckerte er den Staat an, der seine Bürger mit einem Wust von Vorschriften und Bürokratie gängelte. Gerne hätten wir einen Christian Lindner vor den Karren gespannt, wenn wir auf unsere Erfahrungen mit dem Amtsgericht und dem Landschaftsverband bei der Erbauseinandersetzung schauten. Als wir dort mit dem Betreuungsgericht zu tun hatten, fühlten wir uns in eine andere, irreale Welt versetzt, in eine Steinzeit der Bürokratie, wo wir uns in die Gegebenheiten des Kaiserreichs zurück versetzt fühlten. Mauern der Kommunikation wurden aufgebaut. Staat und Bürger misstrauten einander, und so wie der Schuhmacher Voigt in dem Roman „Der Hauptmann von Köpenick“ hatten wir Angst, in das Räderwerk der Bürokratie dazwischen zu geraten. Das Betreuungsgericht war eine abgeschottete Welt, die in der Regel nur schriftlich auf dem Postweg erreichbar war. Dann, plötzlich wie aus dem Nichts erhielten wir Vorladungen, bei denen der Anlass nur in diffusen Begriffen umrissen war. Das Ergebnis waren schriftliche Anordnungen, wogegen wir keine Rechtsmittel eines Widerspruchs einlegen konnten. „Befreien wir uns von bürokratischen Bremsen und kleinteiligen staatlichen Detailvorgaben“, so umreisst Christian Lindner seine Vision eines Staates, der sich am Bürger ausrichtet und flexibel auf die Kundenbedürfnisse reagiert. Bezogen auf das Betreuungsgericht, müsste sich dieses um 100% wandeln. Gerade dort saßen die großen Bremser und Verhinderer. Bürokraten, die im Papier erstickten und allen Schriftwechsel per Postzustellungsauftrag mit einem Vorblatt und einer Unzahl von Anlagen zugeschickten. Die Reaktionszeiten waren weltfremd und drohten unser Vorhaben, das Haus der verstorbenen Schwiegervaters zu einer Behinderten-WG umzubauen, zu kippen. Woher kam die Vorschrift, dass nur ein öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter ein Gutachten über unsere Immobilie erstellen konnte ? Wieso musste ein Verfahrensbetreuer eine Stellungnahme darüber abfassen, dass der Schwager den Inhalt des Erbauseinandersetzungsvertrags nicht verstand ? Wieso musste ein Rechtskraftsvermerk den Beschluss des Amtsgerichtes zusätzlich absichern ? Dass sich das Amtsgericht stur an solche unsinnigen Vorschriften hielt, da sollte ein Christian Lindner bitte einmal mit dem Holzhammer drauf hauen. Die FDP habe ich nie gewählt, aber wenn diese Partei diesen gordischen Knoten durch schlagen sollte, wäre sie mir mit einem Mal sehr sympathisch.

18. September 2021


Zuletzt hatten wir unseren Garten allzu sehr vernachlässigt. Buschbohnen in einem von zwei Hochbeeten hatten wir erst gar nicht geerntet, und zwei Zucchinis, die riesengroß gewachsen waren, hatte ich vollkommen aus den Augen verloren. Nach rot-gereiften Tomaten schaute ich erst gar nicht – es waren aber nur wenige in einer kümmerlichen Größe gereift. Das Unkraut sproß sowieso, vor allem die Disteln hatten sich ausgebreitet. Da sich das, was wuchs, in die Hochbeete sortiert hatte, sah unser Garten alles in allem doch nicht so chaotisch aus. Die Struktur war nicht abhanden gekommen, und es zeigte sich allenthalben, dass man viel Arbeit hinein stecken musste, um das Areal draußen um das eigene Haus herum in Ordnung zu halten. Immerhin kam ich an diesem Tag dazu, die Kartoffeln zu ernten. Ganz intelligent hatte meine Frau dazu die Kartoffeln in Form eines Kartoffelturms gepflanzt. Schichtenweise, von unten nach oben, hatte sie die Kartoffeln in die Kompostmiete gepflanzt. Da die Kartoffeln übereinander wuchsen, sparte dies Anbaufläche. Die Ernte war nicht schlecht. So einen halben Gartenkorb aus Weide füllten die Kartoffeln, große und kleine, es waren auch richtig dicke Kartoffeln dabei. Dem Zeitmangel war es geschuldet, dass die Ernte in diesem Jahr weniger üppig ausfiel. Bei der Kartoffelernte waren wir aber gut dabei.

19. September 2021


Es war ein Spaziergang, bei dem wir eine entscheidende Vision entwickelten. Die Vision kam über dem Rhein, wohin wir einmal quer durch die Stadt Linz spaziert waren. Auf eine Bank hatten wir uns gehockt, denn der Biergarten, wohin uns ein Hinweisschild gelockt hatte, war nur sehr ausgedünnt vorhanden. Über dem hohen Gemäuer über dem Rhein verirrten sich nur wenige Tische mit Stühlen, die zu einem Eiscafé gehörten. Da anfangs keinerlei Kellner zu sehen war, nahmen wir Vorlieb mit der Bank, da wir weder Lust auf Kaffee noch Lust auf Eis hatten. Die Fähre im Blickfeld, fassten wir den Stand zusammen, was die Ferienwohnung am Ort unserer Tochter in Staufen betraf. Ich hatte die Ferienwohnung für den Zeitraum vom 17. Bis 23. Oktober reserviert, und ich wollte noch eine Rückmeldung an den Vermieter geben. Bei unserer Tochter in Staufen war unsicher, ob sie mit ihrem Freund wegfahren wollte. Nicht weniger unsicher war bei meiner Frau, ob sie in dem Zeitraum arbeiten musste. Bei unserer kleinen Tochter war zu klären, was mit ihrem Freund in Dortmund in den Herbstferien war. Eventuell könnten auch die beiden mitkommen – oder auch nicht. Während die Fähre manövrierte und auf Remagen-Kripp zusteuerte, stellten wir fest, dass ich selbst und der Schwager übrig blieben, die einen Tapetenwechsel benötigten. Selbst wenn wir beiden alleine übrig bleiben sollten, wüssten wir bestimmt etwas in Staufen und Umgebung zu unternehmen. Und wenn die Tochter mit ihrem Freund verreisen sollten, wäre dies bestimmt nicht für den gesamten Zeitraum, den wir in Staufen verweilen würden. Unser Anruf stand noch aus, die Reservierung zu bestätigen, und dies würde ich dann am heutigen Abend erledigen. Sechs Tage würden wir demnach in den Herbstferien in Staufen im Markgräfler Land in Baden-Württemberg verbringen. Als die Fähre am gegenüberliegenden Rheinufer angelegt hatte, spazierten wir zurück durch die Stadt Linz. Die Schleife, die der Rhein mit den Brückenstümpfen der Remagener Brücke rheinaufwärts drehte, verschwand. Wir wandten uns ab und tappsten die Treppenstufen unter der kombinierten Bahn- und Bundesstraßenunterführung hinab. Linz hatte sich seit Corona gewandelt, verändert, mit einem anderen Gesicht. Die Geschäftsaufgaben waren unübersehbar. Die zentralen Plätze, unten vor dem Stadttor und auf dem Marktplatz, waren weiterhin belebt. Es waren aber Lücken gerissen worden in die Fußgängerzone. Restaurants hatten dicht gemacht, Bäckereien ebenso. An der Ecke des Marktplatzes waren gleich mehrere Geschäfte nebeneinander leergeräumt, eine Folie verrammelte die Schaufenster. Die Häuserzeile gegenüber bot den Anschein einer Großbaustelle. Eine Kneipe am Marktplatz, wo ich bei meinen Rennradtouren gerne eine Pause eingelegt hatte, existierte nicht mehr. An der Häuserreihe daneben deckten Staubschutzwände die Fassade ab, es wurde gewerkelt, die Geschäfte hielten ihren Betrieb aber aufrecht. Linz, so wie wir es in Vor-Corona-Zeiten kennen gelernt hatten, hatte seine Intensität des Erlebnisses gedrosselt. Linz lebte noch auf, aber eine Stufe herunter geschaltet mit etwas mehr Leerraum dazwischen. Über den Buttermarkt verließen wir das Stadtzentrum von Linz. In Stein gemeißelt war dort das Denkmal der Marktverkäuferin. Um ihr Obst und Gemüse auf dem Buttermarkt anzubieten, mussten die Marktverkäuferinnen einst einen Fußweg von über 20 Kilometern aus dem Westerwald zurück legen mussten, was die in Stein gehauene Obstschale dokumentieren sollte. Ein kurzer Fußweg hinaus aus dem mit Fachwerkhäusern umstandenen Platz in der Fußgängerzone – und schon waren wir zurück in dem Parkhaus und machten uns in unserem Auto auf den Nachhauseweg.

20. September 2021


Auf der Suche nach der Mentalität des Rheinländers kann man bisweilen fündig werden an Hausfassaden. In Linz, bei unserem Bummel quer durch die Altstadt, haben wir uns die Fachwerkhäuser genauer angeschaut. An den Fachwerkhäusern, die mehrere hunderte Jahre alt sind, haben die Bewohner dokumentiert, was zeitlos ist, was die Menschen vor mehreren hunderten von Jahren gedacht haben und was ihren Alltag geprägt hat. Sprüche und Weisheiten zieren das Fachwerkgebälk. Eingerahmt von den Balkenkonstruktionen, auf den Putz der Hausfassade, haben die Menschen nieder geschrieben, was ihnen im Leben wichtig gewesen ist. Wichtig ist den Menschen unter anderem Heiterkeit, Frohsinn und eine positive Grundeinstellung gewesen. „Mach es wie die Sonnenuhr – zähl die heiteren Stunden nur“, diese Einstellung zu seinem eigenen Leben erzählt uns ein Fachwerkhaus in der Nähe des Buttermarktes in Linz. Da wir uns in Linz im Rheinland befinden, kann man diese Haltung auch als Unterpunkt des Rheinischen Grundgesetzes betrachten. „Do laachste dich kapott“ … oder so ähnlich.

21. September 2021


Ein Gespräch mit dem Chef, das Klarheit geschaffen haben sollte, wie es mit dem Thema Ruhestand weiter gehen soll. Derzeit kann ich mich noch nicht damit anfreunden. Finanziell würde einiges wegfallen, die Fahrt auf dem Fahrrad ins Büro würde ich vermissen, ebenso das Umfeld der Stadt Bonn, das vielerlei Gedankenanstöße gibt. Und die vierzehn zusätzlichen freien Tage, die ich ab diesem Jahr habe, kann ich für eine Auszeit vom Büro nutzen. Für nächstes Jahr kann man sich nur noch auf eine Nachrückerliste setzen lassen, wobei höchst ungewiss ist, ob man noch zum Zuge kommt. Davon war in wenigen Tagen das Kontingent derjenigen erschöpft, die vom engagierten Ruhestand profitieren konnten. Nächstes Jahr werde ich also weitermachen, doch danach soll Schluss sein. Der Querschnitt soll um rund 30% reduziert werden, das erzählte mir mein Chef, und diese Arbeitsverdichtung wäre mir wohl zu viel. Mehr als 40 Jahre bin ich nun bei der Firma und irgendwann ist genug. Der Ruhestand wäre demnach im Jahr 2023 und bis dahin werde ich das, was ich mache, so langsam ausklingen lassen.


22. September 2021


In Ruhrort lernte ich, dass in Duisburg die Stadtteile eine ganz andere Gewichtung ausmachten. Nicht wie in Köln oder Bonn: ein Zentrum, wo sich alles Historische und Kulturelle wiederfand, und die Stadtteile drum herum waren ein bißchen Beiwerk, sozusagen nebensächlich und unwichtig. Das Geflecht von Stadtteilen über viele Ruhrgebietsstädte hinweg war um einigen vielfältiger als in gewöhnlichen Städten wie Bonn, Köln, Aachen oder Koblenz. All diese Stadtteile scharten sich dann wiederum um Großfabriken, einstige Zechen, einstige Stahlwerke und was sonst alles im Ruhrgebiet produziert wurde. Oder auch, wie in Ruhrort, scharte sich das Konglomerat von Stadtteilen um den Duisburger Hafen. Dabei war Duisburg flächenmäßig einiges größer als etwa Bonn, zudem gingen die Ruhrgebietsstädte mit den dazugehörenden Stadtteilen nahtlos ineinander über: Duisburg, Oberhausen, Mülheim an der Ruhr und so weiter. Neben der Horst-Schimanski-Gasse saß ich in der Gaststätte „Zum Hübi“, die, wenn man dem Internet glaubt, weit und breit die einzige Hafenkneipe war. Eine Viergruppe von Rentnern saß am Nachbartisch und wetterte über die Bundestagswahl am nächsten Sonntag, dass die Politiker nicht mehr das waren, was sie einst gewesen waren. Die Hafenpromenade mit dem Ruhrorter Pegel war nicht schlecht gewesen. Das Erlebte von der Hafenrundfahrt vor einigen Wochen rückte wieder ins Bewusstsein. Der Rhein wand sich in sachten Schleifen, zwei Rheinbrücken querten den breiten Strom, der hier noch mehr Platz zu haben schien als in unserer Gegend. Eines der großen Hafenbecken mündete kurz hinter Ruhrort in den Rhein, ich schaute auf eine größere Chemieanlage am anderen Rheinufer. Ein Stück dahinter, konnte ich die Mündung des nächsten Hafenbeckens erkennen, welche die Rückseite des Kopfes des Poseidon markierte. Diese mächtige, viele Meter hohe Skulptur, war uns bei der Hafenrundfahrt vor mehreren Wochen begegnet. Auf diesem Platz in diesem Café, wo die Rentner am Tisch nebenan über ein Neckermann-Gehalt spotteten, ließ es sich gut aushalten.

23. September 2021


In Duisburg kam die Erkenntnis, dass die Binnenschifffahrt nicht am Rhein endete. Dieses Weltbild, das sich nach dreißig Jahren eingeprägt hatte, in denen wir in der Nähe des Rheins wohnten, musste ich revidieren. So ein paar Schiffe befuhren die Mosel oder den Main – und das war es. Denkste, das hatte ich auf der Hafenrundfahrt gelernt. In Duisburg mündete die Ruhr in den Rhein, und genau diesen Abschnitt vor der Mündung erwanderte ich heute. Der Flusslauf der Ruhr teilte sich flussaufwärts auf, begleitet von der Landstraße nach Mülheim an der Ruhr, wo ich wiederum auf dem Fahrradweg der Route Industriekultur entlang spazierte. Über dem Gebilde, das ich als Schleuse identifiziert hatte, querte der Fahrradweg die Ruhr. Es war aber keine Schleuse, sondern eine Staumauer. Unter dem letzten Turm der Staumauer hörte man Wasser hinab stürzen. Es sah so aus, als würde Strom an diesem Wehr produziert. Erst dahinter, als der Radweg ein Stück anstieg, folgte die Schleuse. Das war so, wie ich es vermutet hatte, dass Tore aus Stahl geöffnet und geschlossen werden konnten. Schiffe konnten hinein- und hinausfahren, Wasser konnte auf- und abgesenkt werden. Rückwärtig schloss sich ein Kanal an, das war der Rhein-Herne-Kanal. Mit dieser Schleuse musste ich mein Weltbild revidieren, dass die Binnenschifffahrt an dieser Stelle weiterging.

24. September 2021


Die Silhouette von Duisburg über dem Innenhafen: über der Promenade des Innenhafens prägen die Türme des Rathauses und der Salvatorkirche das Stadtbild, ein harmonisches Stadtbild, das mit dem Speicherhaus ergänzt wird, welches das Stadtmuseum beherbergt. Der Kirchturm der Salvatorkirche vereinigt Jahrtausende von Geschichte, die vor dem Rathaus in einem fränkischen Königshof und einer Königspfalz ihre Anfänge genommen hatte. Schaut man genauer hin auf diese historische Kulisse, so fällt ein Architekturelement auf, das vollkommen aus der Harmonie heraus fällt: das ist das stählerne Skelett des Turms der Stadtwerke, der die Höhe die Salvatorkirche sogar überragt. Er sollte sogar abgerissen werden, was dem historischen Gesamtgefüge der Silhouette sicher gut getan hätte. Aber es sollte nicht so kommen, was vielleicht damit zu tun hat, dass die Duisburger die Relikte ihrer Industriekultur bewahren wollten. Die ursprüngliche Funktion des Turms bestand darin, die Rauchgase eines Heizkraftwerkes in den Himmel zu blasen. Als 2012 das Heizkraftwerk stillgelegt worden war, ging diese Funktion verloren. Einem Abriss dieses nicht unbedingt hübschen Stahlkorsetts stand somit nichts entgegen. Doch dagegen regte sich Protest wegen der nächtlichen Beleuchtung in mal poppig-bunten, mal abgestuften und mal schillernd grünen Farbbildern, was den Duisburgern gefiel. Die Entscheidung gegen den Abriss mochte auch der MSV Duisburg beschleunigt haben mit seinen beiden Aufstiegen in die Erste Fußball-Bundesliga. 2005 und 2007 leuchtete er nachts weiß-blau in den Farben der Zebras, und alle Fußballfans waren da hin und weg. Der Stadtwerketurm musste also bleiben – und so steht er heute noch da. Freilich kann sich der Blick auf den Turm daran gewöhnen. Denkt man sich das Gemäuer drum herum, könnte man sich mit ganz viel Phantasie einen mittelalterlichen Belfried in Flandern ausmalen.

25. September 2021


Wie gut, dass ich keine besonderen Erwartungen an die Fahrt mit dem Zug nach Schwerte geknüpft hatte. Anstatt im Stau vor dem Leverkusener Kreuz gestresst zu werden, hatte ich die Bahnfahrt nach Schwerte vorgezogen, damit unsere Tochter ihre Wochenendbeziehung in Dortmund pflegen konnte. Damit nichts schief lief, war ich diese erste Bahnfahrt mitgefahren. Die richtige Fahrtkarte lösen, Umsteigen am Kölner Hauptbahnhof, den richtigen Zug finden, Aussteigen am Zielbahnhof in Schwerte, da war ich mir zu unsicher, ob unsere Tochter dies alles auf die Reihe kriegen würde. So fuhr ich mit, was unsere Tochter nicht so ganz akzeptierte. Auf dem Kölner Hauptbahnhof knubbelten sich die Menschenmassen zusammen. Zehn Minuten Verspätung hatte der Regionalexpress 7, der nach Rheine fuhr und in eine Stunde elf Minuten in Schwerte sein würde, wenn er denn auf der Weiterfahrt keine weitere Verspätung haben würde. Der blau-weiße Zug des Eisenbahnbetreibers „National Express“ fuhr so weit nach vorne auf dem Bahnsteig, dass sich vor den Eingangstüren ein irres Menschengedrängele bildete, während in den vorderen Zugabteilen kein Mensch den Zug betrat. So schritten wir schrittweise zu den vorderen Zugabteilen, wo wir mit Mühe zwei Plätze fanden. Während der Fahrt über die Bahnhöfe Opladen, Solingen, Wuppertal, Schwelm, Gevelsberg, Hagen summierte sich die Verspätung auf fünfzehn Minuten. Unsere Tochter studierte während der Bahnfahrt Animé-Comics, außerdem erzählte sie mir, dass sie Schulsachen in Biologie und Mathematik mitgenommen hätte, um – mal schauen, ob es so kommen würde – zu lernen. In Schwerte angekommen, fielen sich die beiden Teenager erst einmal in die Arme. Ich quasselte etwas mit dem Vater des Freundes, der die Bahnfahrt vollkommen locker sah, dass unsere Tochter auch alleine nach Schwerte gefunden hätte. Er erzählte, dass sein als 14-jähriger mit der Bahn nach Potsdam gefahren sei, wo seine Mutter bzw. Ex-Frau verweilte. Er traf sie aber nicht an und begab sich voller Verzweiflung in den Schlosspark. Später wurde er von der Polizei aufgegriffen, die ihn dann wiederum anrief. Er könne seinen Sohn in Potsdam abholen, was er dann auch tut. Das bedeutete eine Autofahrt von vier Stunden hin und dasselbe zurück, also acht Stunden mitten durch die Nacht hindurch. Nachdem er dies erzählt hatte, registrierte ich, dass mir der Fahrplan gut gesonnen war, was die Rückfahrt betraf. 25 Minuten Zeit hatte ich noch, das reichte gut, um die Fahrkarte zu lösen und ein Stück in die Stadt zu laufen. „Hansestadt Schwerte“, so großspurig kündigte die Informationstafel die Stadt an, wo unsere Tochter abgeholt wurde und wo mir dann doch zu wenig Zeit verblieb, um die Stadt zu erkunden. Der große und vollgepflasterte Bahnhofsvorplatz, wo sich erste schräge Typen mit Bierflaschen in der Hand versammelten, machte einen abweisenden Eindruck. Und der Gang in die Stadt war effektiv zu weit, um herauszufinden, was es mit der Hansestadt auf sich hatte. So schaffte ich es gerade bis zum Stadtpark, dessen Fläche aber viel zu klein war, um einen hervorzuhebenden Baumbestand erkennen zu können. Viel zu früh musste ich umkehren zum Bahnhofsvorplatz, wo sich in seiner Weite ein Netto-Discounter und wenige Geschäfte verloren. An Schwerte hatte ich keine besonderen Erwartungen gehabt, also konnte ich auch nicht enttäuscht werden.

26. September 2021


Nachdem wir das Treffen einige Male verschoben hatten, kam es nun doch zustande. Über Facebook hatten wir Wim und seine Frau kennen gelernt, und zuletzt war es ein Meerschweinchen, das unser Treffen verhindert hatte. Ein Meerschweinchen der Enkeltochter war verstorben, als Ersatz hatten sie sich ein neues Meerschweinchen angeschafft, aber die beiden Meerschweinchen vertrugen sich nicht. Sie fetzten sich so sehr, dass bei einem Meerschweinchen eine Wunde aufgerissen war, die genäht werden musste. Nun, heute, trafen wir uns, und selbstverständlich hatten wir Verständnis dafür, wie hoch der Stellenwert von Haustieren war. Treffpunkt war der Biergarten Schlimgen, ein Novum für uns, da wir nur drinnen, aber nicht draußen im Biergarten gewesen waren. Wim und Gabi waren von Tannenbusch aus drei Kilometer zu Fuß gelaufen, wir selbst waren die Strecke mit dem Fahrrad gefahren. Über dem Rhein war der Biergarten ein wahrhaft schöner Ort, und unter Linden- und Kastanienbäumen aßen wir zweimal Schweineschnitzel und zweimal Käsespätzle. Nachdem wir uns das letzte Mal vor dem Lockdown im letzten Jahr gesehen hatten, plauderten wir über dies und das. Wim und Gabi hatten in den Sommerferien Urlaub in Hamburg gemacht, dabei hatten sie keine Karten für das Miniatur-Wunderland in der Speicherstadt bekommen können. Karten für das Opernfestival in der Arena di Verona, das Corona-bedingt auf den Oktober dieses Jahres verschoben worden war, hatten sie zuletzt zurückgegeben und den Preis auch erstattet bekommen. Bei Wims Facebook-Posts war mir die Zeche Zollverein in Essen aufgefallen. Nach Essen waren sie im Zusammenhang mit Corona gekommen, weil ihre Tochter nur in Essen einen Impftermin erhalten hatte. Gleichzeitig hatten sie sich dort die Zeche Zollverein angeschaut. Wir erzählten von unseren eigenen Unternehmungen, dass wir nach dem Corona-Lockdown einen immensen Nachholbedarf gehabt hatten. Als wir von Wilfried Schmickler in Kölner Senftöpfchen-Theater erzählten, trafen wir genau ihren Geschmack. Bei den Mitternachtsspitzen im WDR-Fernsehen hatten sie ihn sehr gerne gesehen, und sie bedauerten, dass Jürgen Becker nicht mehr diese Kabarett-Sendung moderierte. Am meisten redeten wir über Corona, das irgendwie allgegenwärtig war. Die Zeit des Lockdowns war für alle schrecklich gewesen. Als ab Mitte Mai mit den sinkenden Inzidenzzahlen alles gelockert wurde, wollte man es gar nicht wahrhaben. Der Weg zurück in eine Normalität war begleitet von einer Angst, die Verantwortlichen könnten bei wieder steigenden Inzidenzzahlen wieder alles schließen und dicht machen. Danach sah es momentan nicht aus, wenngleich es beim Anteil der vollständig Geimpften noch jede Menge Luft nach oben gab. Nachdem die Glocke der nahen Laurentiuskirche sechs Uhr geschlagen hatte, verabschiedeten wir uns. Über die Rheinfähre ging es für Wim mit seiner Frau nach Bonn-Tannenbusch zurück, wir suchten das Schloß unserer abgestellten Fahrräder wieder aufzuschließen.

27. September 2021


Der Tag der Bundestagswahl, der für vielerlei Gesprächsstoff sorgte. Noch am Vortag bekam ich vor dem REWE-Supermarkt den Kugelschreiber geschenkt und den Flyer mit Olaf Scholz aufs Auge gedrückt. Kugelschreiber können wir immer gebrauchen, während Flyer zur Wahl schnell in der Versenkung verschwinden und das Gesicht des Olaf Scholz genau diejenige Seriösität ausdrückt, das die SPD auf die Kanzlerschaft hoffen läßt. Der Wahltag schallte schnell durchs Autoradio, als ich die Brötchen holte. Eine Familienpsychologin meldete sich in WDR2 zu Wort. Wahlen boten ein Thema, worüber man in der Familie reden konnte. Gespräche wurden gefördert, was sich positiv auf das Familienleben auswirkte. Es war aber auch genau das Gegenteil denkbar – wenn die Debatten ideologisch aufgeladen waren und womöglich extreme Parteien gewählt wurden. Nach dem Frühstück zu Hause machte sich meine Frau zu meinem Bruder auf den Weg, der seit sehr vielen Jahren wieder wählen durfte. Bereits im Vorfeld hatten wir vor mehreren Monaten diskutiert, dass der Staat Behinderte diskriminiert hatte. Jahrzehntelang waren Behinderte vom Wahlrecht ausgeschlossen worden, wenn sie unter einer gesetzlichen Betreuung standen. Diese Vorschrift, die wir für diskriminierend hielten, hatte die europäische Union aufgehoben. Sie erließ eine Rahmenvorgabe, dass auch Behinderte in das Wahlrecht einzuschließen waren. Alles war also wieder gut, wenn meine Frau nicht den Launen ihres Bruders ausgeliefert wäre. Er war bockig und hatte keine Lust zu wählen. Zwischenzeitlich hatten wir uns zu Hause die Köpfe heiß geredet – und mit seinen Launen warf der Schwager so einfach alles über den Haufen. Vor dem Mittagessen wählte unsere Familie in den Wahlräumen der Grundschule, danach aßen wir. Und danach gelang es meiner Frau endlich, ihren Bruder zum Wählen zu überreden. Der übrige Nachmittag plätscherte vor sich dahin, bis irgendwann, ziemlich spät und ziemlich genau mit der Schließung der Wahllokale, unsere Tochter aus Dortmund wieder kehrte. Als wir mit dem Vater ihres Freundes Kaffee tranken, zeigte er uns auf seinem Smartphone die allererste Hochrechnung, wonach die CDU und die SPD mit genau 25,0% gleich auf lagen. Der Wahlabend versprach noch so manche Spannung und eine lange Wahlnacht. Nachdem die beiden Dortmunder uns verlassen hatten, dividierten sich die Wahlergebnisse der beiden großen Parteien so langsam auseinander. Die SPD überholte die CDU, und gegen Mitternacht lag die SPD um 1,7% vor der CDU.

28. September 2021


Im Grunde genommen, wiederholen sich die Fotos. Wenn Baustellen in unserer Stadt eingerichtet werden, muss man Angst haben, dass sie an neuralgischen und ganz empfindlichen Stellen entstehen und den Verkehr vollends lahm legen. Nun wird die Hauptstraße zu unserem Nachbarort neu asphaltiert. Die Baustelle dauert und dauert, und während der Bauzeit quetscht sich der Autoverkehr über die Umgehungsstraße. Hinter der Ampel an der großen Kreuzung fahren die Autos dicht an dicht, kaum eine Lücke ist frei zwischen der Autoschlange. Auf beiden Spuren, in beiden Richtungen reißt die Autoschlange nicht ab. Das ist ein Horrorszenario, wenn man die Straße überqueren muss oder links abbiegen muss. Aber auch die Ampel an der großen Verkehrskreuzung gewährt Einblicke, was den Baustellencharakter eines ganzen Ortes betrifft. Überall wird irgendwo gebaut, es wird abgerissen, Baustellenschilder blockieren die Weiterfahrt. Baustellenschilder formieren sich, stellen sich nebeneinander auf und signalisieren den Autofahrern die Gebote und Verbote, dem sie sich zu fügen haben. Ein Ende der Baustelle ist nicht in Sicht. Ich war erschrocken über den Baufortschritt. Hinter dem Ortausgangsschild war der Fahrradweg abgerissen worden. An der Fahrbahn hatte sich noch nichts getan.

29. September 2021


Die Deutschen hätten nichts mit den Kreuzzügen zu tun, das hatte ich stets gedacht. Die Kreuzzüge hatte ich vielmehr nach Frankreich verortet, wo der Papst Urban II. 1095 sich auf den Feldern von Clermont in der Auvergne wort- und redegewaltig an das Volk der Franzosen gewendet hatte: „Franzosen“, so begann er seine Rede, „Ihr die Gott liebt und auserwählt hat, wie dies eure vielen Taten zeigen, ihr nehmt wegen der besonderen Lage eures Landes, dank eurem katholischen Glauben und der Auszeichnung durch die heilige Kirche unter allen anderen Völkern einen besonderen Platz ein“. Quer durch Europa vergrößerte sich sein Heer, das auf Schiffen das Mittelmeer überquerte und im Jahr 1099 Jerusalem eroberte. Belgien brachte ich ebenso mit den Kreuzzügen in Verbindung, als Gottfried von Bouillon in den Ardennen ein Heer sammelte und 1096 von der gleichnamigen Stadt über den Balkan in das gelobte Land eindrang. Italien identifizierte ich als nächstes Land der Kreuzritter, als Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1147 von Sizilien aus zum Zweiten Kreuzzug aufbrach. Und Deutschland ? Dieses virtuelle Gebilde aus Kleinstaaten, Herzogtümern, Erzbistümern, Grafschaften hielt ich einfach für zu schwach, den Sog ins Heilige Land nach Jerusalem voran zu treiben und richtungsweisende Schlachten zu schlagen. Dass dem nicht so war, das musste ich zuletzt in der Kirche St. Maria und St. Clemens in Schwarz-Rheindorf erkennen. Es waren nicht nur Frankreich, Belgien oder Italien, die in dem Gemengelage europäischer Staaten mitmachten, sondern auch Arnold von Wied, der Kölner Erzbischof von 1151 bis 1156. Bevor er zum Erzbischof geweiht worden war, hatte er als Vertrauter des römisch-deutschen Kaisers Konrad III. von 1147 bis 1149 am Zweiten Kreuzzug teilgenommen. Die Kreuzritter hatten sich unter Konrad III. in Regensburg gesammelt, dabei stießen die Hauptheere, die durch den französischen König Ludwig VII. verstärkt wurden, über die Donau und den Balkan nach Konstantinopel vor. Nach mehreren empfindlichen Niederlagen und nach der gescheiterten Belagerung von Damaskus zog sich Kaiser Konrad III. nach Deutschland zurück, und Arnold von Wied folgte ihm. Nach dem fehl geschlagenen Kreuzzug wurde Arnold von Wied Kölner Erzbischof, sein Grab befindet sich in der Kirche von Schwarz-Rheindorf. Seine sterblichen Überreste ruhen unterirdisch in einer Edelstahlkassette in einem Sarkophag, der von einer gusseisernen Grabplatte bedeckt ist. Die letzten Zeilen auf der Grabplatte „vir honestus, sueque ecclesie reperator“ hatte der Chronist Otto von Freising in seinen Schriften notiert. Übersetzt: ehrenwerter Mann, Erfinder der Kirche und seiner selbst. Am Hof des Kaisers Konrad III. dürften sich die beiden Kirchenmänner persönlich gekannt haben.

30. September 2021


Ungewöhnliche Motive, ungewöhnliche Szenen aus der Bibel. In Kirchen wiederholen sich normalerweise die Szenen auf Altarbildern, Gemälden, Skulpturen, Mosaiken, steinernen Tafeln. Überall wird man eine Kreuzigung finden, häufig eine Maria mit Kind, die Apostel, das Abendmahl, die Geburt, die Himmelfahrt oder das Spektrum von Heiligen, die die Kirche aufzubieten hat. Die Doppelkirche in Schwarz-Rheindorf wartet mit seltenen Motiven auf. Die Deckenmalereien auf den Gewölben sind alt, sehr alt und sind ab dem 12. Jahrhundert entstanden. Unter den Malereien findet man zwar die Kreuzigung oder die Reinigung des Tempels, aber die Darstellungen aus dem Buch Ezechiel im Alten Testament sind höchst selten. Darunter zeigen die Gewölbekappen des Joches im unteren Bereich das sogenannte „Haargericht“. Im wahrsten Sinne des Wortes klingt diese Geschichte „an den Haaren herbei gezogen“, und mancher Friseur dürfte sich dabei die Haare raufen. Die dazugehörigen Kapitel erzählen, dass ein Prophet aufgefordert wird, sich Haare und Bart abzuschneiden. Mit Hilfe einer Waage sollen die Haare in drei Teile aufgeteilt werden, wobei die Haare die sündigen Bewohner Jerusalems symbolisieren. Nun wurde der Prophet angewiesen, ein Drittel der Stadt zu verbrennen und ein zweites Drittel mit dem Schwert zu zerschlagen und um die Stadt zu verteilen. Das letzte Drittel sollte er in den Wind streuen, denn dieses würde vom Schwerte Gottes geschlagen. Einige wenige Haare sollte der Prophet retten, die er in seinen Gewandsaum binden sollte. Der obere Bereich der Gewölbekappen zeigt die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor, die den Evangelien des Lukas, Matthäus und Markus entnommen wurde. Mir selbst ist diese Geschichte unbekannt, wahrscheinlich habe ich aber auch schlecht in den Gottesdiensten aufgepasst. Jesus nahm die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes auf den Berg Tabor, um dort zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß, indem er von überirdischem Licht überstrahlt wurde. Dabei strahlte sein Antlitz wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Nun erschienen die Propheten Moses und Elias, die die Gesetzesordnung des alten Bundes verkörperten, und sprachen mit ihm. Zusätzlich erschien eine Wolke, aus der eine Stimme rief: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Diese Geschehnisse können als Bekundung des Glaubens interpretiert werden. Gerade aus dem Buch Ezechiel erzählt die Kirche in Schwarz-Rheindorf weitere Passagen. Vermutlich dürfte dies eine ähnlich schwere Kost sein wie das Haargericht.


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