Tagebuch Februar 2021

1. Februar 2021


Hochwasser sind vom Prinzip her nichts ungewöhnliches, wobei die schlimmen und verheerenden Hochwasser in den letzten Jahren ausgeblieben waren. Tief eingeprägt haben sich die Hochwasser der Jahre 1993 und 1995, die die Kölner Pegelmarke von 10 Metern überschritten hatten und die Altstadt überflutet hatten. Ähnlich schlimm war es in Bonn, wo Teile von Beuel überflutet waren. 9,30 Meter war eine Hochwassermarke, die für uns zu seiner Zeit bedeutet hatte, dass Grundwasser in die Kellerräume eindrang. Mit den 8,30 Metern Höchstwert waren wir in diesem Jahr ein Stück weit davon entfernt, so dass ich die beschaulichen Seiten des Hochwassers heraus filterte. Der Wasserpegel war massiv angestiegen, teilweise war die Rheinuferpromenade überflutet, die Alleebäume standen aus dem Wasser heraus. Der Radweg verschwand im Wasser, ich musste den Weg verlassen und auf die Rheinaustraße ausweichen. Vor der Friedrich-Ebert-Brücke weiteten sich die Überflutungen zu einer Seenplatte aus. Bis zum Deich standen die Wiesen unter Wasser, die Silberweiden warfen ihr Spiegelbild auf die Wasseroberfläche. Ein Stück oberhalb des Wassers radelte ich auf dem Deich, ich befuhr die Siegbrücke, wo der Biergarten der Siegfähre bis zur Dachkante im Wasser verschwand. Die Felder bei Bergheim standen im Wasser, und eine Viertelstunde später war ich zu Hause zurück.

2. Februar 2021


Ein aufgewühlter Tag mit einer dichten Abfolge von geplanten und ungeplanten Terminen, an dem ich dennoch Ruhe bewahren konnte. Das unterschied mich von der Situation von über einer Woche: die Ausgeglichenheit hatte ich zurückgewonnen, die Ereignisse brachten mich nicht aus der Fassung. Ich konnte abwägen, wann ich was in welchen Zeitfenstern erledigen konnte und dass ich Ungeplantes bereit war anzunehmen. Die Abwehrreaktion hatte ich bereits am frühen Morgen abgelegt, als ich meine Frau zum morgendlichen Termin beim Orthopäden in Troisdorf fuhr. Der Termin war um 7.55 Uhr, weil das Kribbeln und das Taubheitsgefühl an den Fingern des rechten Arms unerträglich geworden waren. Dort gab es weitere Tabletten und die Überweisung, eine Schichtenanalyse des rechten Arms durchführen zu lassen. Die Parallele zu meinem Herzinfarkt bestand darin, dass sich altersbedingt der Körper meiner Frau von selbst abnutzte. Es war nicht zu verhindern und ein zwangsläufiges Gesetz, dass Risiken und Verschleisserscheinungen mit zunehmendem Alter zunahmen. Wir waren noch so rechtzeitig zurück, dass wir die Teilnahme unserer Tochter an der Videokonferenz in Musik um 9.05 Uhr kontrollieren konnten. Die nächste Videokonferenz war um 10.30 Uhr, dazwischen sortierte ich mich mit den Auswertungen des technischen Kundendienstes, die ich im Home Office anstieß. Während meine Frau zum Behindertenwohnheim fuhr, musste ich organisieren, dass ich den Dekorateur in das Haus des verstorbenen Schwiegervaters hinein ließ. Für einen Termin um 11 Uhr in demselben Haus mit dem Metallbauer gelang es, dass unser Sohn den Termin wahrnahm. Die Bedingungen, im Home Office konzentriert arbeiten zu können, waren ähnlich irregulär wie vor über einer Woche, doch irgendwie fand ich besser zu meiner Konzentration, dass ich mein Arbeitspensum herab spulen konnte. Das übliche Hickhack beim Mittagessen, was wir essen sollten und wer was zubereitete. Wir aßen Reste von Rindfleischsuppe, meine Frau Brot mit gekochtem Schinken und Spiegelei, unsere Tochter Linsensuppe aus der Dose. Nachmittags erklärte ich unserer Tochter die Mathe-Hausaufgaben, in denen es um Flächenberechnungen von Rechtecken und Parallelogrammen ging. Selbst hatte ich um 15 Uhr eine Telefonkonferenz, dazwischen schaffte ich ein wenig die Arbeit im Home Office, wobei der Umfang der erledigten Arbeit deutlich kleiner war als am Büroarbeitsplatz. Um 17 Uhr beendete ich meine Arbeit im Home Office, danach half ein Freund, im Haus des verstorbenen Schwiegervaters den Keller zu streichen.

3. Februar 2021


Bei allen handwerklichen Tätigkeiten fehlt mir entweder das know-how, ich stelle mich ungeschickt an, es mangelt an Qualität oder ich bin viel zu langsam. Daher ist es notwendig und ich bin auch dankbar, wenn jemand hilft. Dies ist selbst bei einfacheren Gewerken wie dem Anstreichen der Fall. Den Gemeinschaftsraum im Keller weiß anstreichen, das hatten wir uns vorgenommen, damit der zweite WG-Bewohner dort seine Eisenbahn aufbauen und in Vitrinen unterbringen kann, die man an die Wand hängen kann. Mit einem unserer Freunde, dem das Handwerk im Blut lag, fühlte ich mich sicherer. Wir klebten ab, strichen die großen Flächen mit der Rolle und die Ecken mit dem Pinsel. Das sah nicht direkt anspruchsvoll aus, mit dem Beistand fühlte ich mich aber wohler. Wie bereits erwähnt, war die Herrichtung des Kellerraums für den WG-Bewohner ungeheuer wichtig. Sein absolutes Hobby waren seine Modelleisenbahnen. Unzählige Kartons stapelten sich in seinem Zimmer und im Keller. Nachdem wir die Wände gestrichen hatten, stellten wir fest, dass an der Wand mit der Eingangstüre eingedunkelte Flecken nicht vollständig überstrichen waren. Die Stellen schimmerten dunkel durch, so dass wir nochmals nachstreichen mussten. Weil unser Freund am Folgetag verhindert war, versuchte ich es alleine. Die eine Wand war keine Riesenaktion. Ich fühlte mich sicher genug, dass der Anstrich vernünftig aussehen würde.

4. Februar 2021


Zurück zu einem Zustand, der zwar nicht normal ist, der aber wenigstens ein Zurück andeutete, wie wir es Mitte November hatten. Mitte November hatte der Lockdown die Gastronomie eingeschlossen, während die Geschäfte noch geöffnet hatten. Nach Mitte November wurde nur noch verschärft, verschärft, verschärft, so dass man meinen konnte, es würde einem die Luft zum Atmen weggenommen. Am besten Wegsperren zu Hause, nur noch in Ausnahmesituationen das Haus verlassen, Hochsicherheitszonen von Abstand zu den Mitmenschen, um die Katastrophe auf den Intensivstationen zu verhindern. Es befreite, wie ich mich auf dem Fahrrad das erste Mal in diesem Jahr ins Büro bewegen konnte. Die Fahrt befreite, genauso der Gang in der Mittagspause durch die Godesberger Fußgängerzone, obschon alles so trist war. Die Geschäfte verharrten in einer Schockstarre und rangen nach einem Minimum, was ihnen Freiräume verschaffte, um vorbestellte Ware verkaufen zu können. Ich wagte nicht, mir auszudenken, wieviele der geschlossenen Geschäfte, Kneipen und Restaurants überhaupt noch öffnen würden, weil sie Pleite gegangen waren, wenn sie denn irgendwann in ferner Zukunft wieder öffnen durften. Dennoch empfand ich diesen Zustand als ein Zurück zu demjenigen Zustand, wie wir ihn Mitte November hatten. Die Sonne schien bedenkenlos vom blauen Himmel, eine winterliche Kälte lag fern, und nichts trübte die unbeschwerte Fahrt auf dem Rennrad. Einen Kaffee konnte man allenfalls „to go“ trinken, das war das höchste der Gefühle. Einen seelischen Rumpf der Fußgängerzone konnte man beobachten, in dem Systemrelevantes überlebt hatte. Der Platz vor dem Godesberger Bahnhof bot Gelegenheit, all die Tristesse des Lockdowns wegzudenken. Der nach der Lindenwirtin Ria Maternus benannte Pavillon beschönigte nichts, sondern hielt seine bauklotzartige Gestalt dem Lockdown entgegen. Diesen Platz zwischen Bahnhof und Pavillon nahm man als gegeben hin, weil er leblos in sich gekehrt wirkte, da konnten auch die umfangreichen Bau- und Umgestaltungsmaßnahmen aus den vergangenen Jahren nichts helfen. In Nicht-Corona-Zeiten langweilten sich wenige Gestalten auf diesem wenig einladenden Platz, und zum heutigen Stimmungsbild war kein Unterschied auszumachen. Der Platz bot freie Bahn, wohin meine Gedanken zirkulieren konnten. Unabhängig von Corona, konnte ich zurück finden zu dem Zustand eines halbherzigen Lockdowns, der halbherzig genug war, um umgekehrt einige Lebensgeister in mir wach zu halten.

5. Februar 2021


Wie wir in die Alterskategorie kommen, dass wir nicht umhin können, gesundheitliche Beschwerlichkeiten und Krankheiten in Kauf nehmen zu müssen. Bei mir ist es die Herzvorerkrankung, bei meiner Frau der Verschleiss von Gelenken. Oder auch die Position von Halswirbeln, welche letztlich ein nervöses Kribbeln in der rechten Hand verursachte, das schier unerträglich war. Zur Ergründung musste meine Frau gleich zu mehreren Arztterminen. All diese medizinischen Fachdisziplinen konzentrieren sich in Ärztehäusern. „Ärztehaus Plus“, diese Aufwertung fasste die Praxen eines Zahnarztes, Kinderarztes, Hals-Nasen-Ohren-Arztes, Augenarztes und Hausarztes neben der Praxis des Orthopäden in Troisdorf zusammen. Heute ging es nach Siegburg, wo sich die Ärzte in einer Gemeinschaftspraxis auf Radiologie, Nuklearmedizin und Mammografie spezialisiert hatten. Eine Schichtenuntersuchung von Halswirbeln sollte bei meiner Frau für Klarheit sorgen, woher denn das unerträgliche Kribbeln in der rechten Hand kommen sollte. Das dauerte. 4x4, 3x1, 2x2 und andere Kombinationen beschrieb mir meine Frau, in welchen Schichtenaufnahmen die medizinischen Spezialisten die Halswirbel unter die Lupe genommen hatten. So wie bei meiner Darmspiegelung, wurden die Ergebnisse im direkten Anschluss mit dem ärztlichen Spezialisten besprochen. Die ganze Prozedur dauerte mehr als zwei Stunden, so dass der komplette Vormittag an meiner Arbeitszeit verloren gegangen war. Das hätte anders organisiert werden können, zumal ich in Zeiten des Lockdowns nicht auf Cafés ausweichen konnte, um über WLAN arbeitsfähig zu sein. So reduzierte sich dieser Vormittag auf die medizinischen Notwendigkeiten. Anschließend einen Kaffee zu trinken, das verwehrte uns Corona. Uns blieb nichts anderes übrig, als unsere Maske anzuziehen, als wir den Weg vorbei am Siegburger Bahnhof über die Wilhelmstraße beschritten.

6. Februar 2021


Eine unliebsame Überraschung, als wir die Pinnwand in der Küche im Haus des verstorbenen Schwiegervaters aufhängen wollten. Die Pinnwand, die wir bei unseren Wocheneinkäufen bei real mit gekauft hatten, sollte eine zentrale Position im Blickfeld über dem Heizkörper erhalten. Zwei Nägel in die Wand, worin die beiden Ringschrauben aufhängt werden sollten, so hatten wir uns das ausgedacht. Doch es funktionierte nicht. Die Nägel, die wir im Ein-Euro-Shop von real gekauft hatten, knickten willenlos bei Hineinschlagen in die Wand um. Wir diskutierten, dass wir Stahlnägel bräuchten, wir fanden aber keine im Haus des verstorbenen Schwiegervaters. Nach dieser Diskussion fiel uns ein, dass die Wand vor der Umbaumaßnahme mit Keramikriemchen verkleidet gewesen war. Über diesem Untergrund war die Wand nun weiß gestrichen worden. Um die Pinnwand überhaupt aufhängen zu können, müssten wir das Kunststück bewältigen, einen Dübel in der Wand zu befestigen, um in einer Schraube die beiden Ringschrauben der Pinnwand aufzuhängen. Daraufhin erzählte uns der zweite WG-Bewohner, dass die Heizungsfirma etwa ein ganzes Arsenal von Bohrern gehabt habe, um an der jeweiligen Stelle das zu bohrende Loch fein zu justieren und so in die Wand hinein zu bohren, ohne dass ein viel zu großes Loch hätte heraus brechen können. Davor mussten wir kapitulieren. Um dieses Vorhaben zu realisieren, dazu mussten wir Zeit und Ausdauer und das richtige Werkzeug mitbringen.

7. Februar 2021


Während der Umbaumaßnahme im Haus des verstorbenen Schwiegervaters hatten wir noch die Befürchtung, dass es meinem Schwager dort nicht gefallen könnte. Mehr auf sich selbst gestellt, in räumlicher Entfernung zu uns, bei Hilfebedarf musste er eine zeitlang warten, unter diesen Rahmenbedingungen hatten wir Angst, dass er früher oder später wieder zu uns zurück kehren wollte. Momentan sieht es überhaupt nicht danach aus, im Gegenteil. Die neuen Strukturen der Tagesabläufe haben sich heraus gebildet, und Hilfestellungen haben wir organisiert. Stundenweise kommt zweimal in der Woche abends jemand vorbei, der Einkäufe zusammen erledigt, der beim Putzen hilft, beim Wäschewaschen oder beim Kochen. Als meine Frau letzten Samstagmittag vorbei schaute, war das Glücksgefühl vollkommen. Eine Mitt- bis Ende-Zwanzigerin hatte beim Einkaufen geholfen, und sie hatten Zutaten für einen Kuchen eingekauft. Als meine Frau hinein schaute, waren die beiden damit beschäftigt, den Kuchen zu backen. Dabei lief Musik von Helene Fischer, worüber sich die junge Dame ebenso begeisterte. Mein Schwager sang mit auf der Melodie von Helene Fischer, während der Teig sich formte und in den Backofen geschoben wurde. Aus vollem Herzen war mein Schwager begeistert. In der letzten Zeit hatten wir ihn zunehmend lachend und fröhlich erlebt. Ein solcher Zustand des Glücks lag bei ihm extrem lange zurück.

8. Februar 2021


Ein spektakuläres Wochenende mit einer spektakulären Wetterlage, die so selten war, dass man diese nur alle paar Jahrzehnte erleben durfte. So beschrieben es gleich mehrere Meteorologen, die geradezu schwärmten von der Schnee-Wetterlage. Der Meteorologe Donald Bäcker verglich die Wetterlage gar mit dem Winter 1978/1979, als die Schneekatastrophe ganz Norddeutschland im Griff gehabt hatte. Es kam schlimm, wenngleich nicht ganz so schlimm wie bei der Schneekatastrophe 1978/1979. Der Wetterbericht nannte am Samstag Abend konstant eine Linie vom südlichen Niederrhein über das Bergische Land zum Sauerland mit Eisregen, ab wo die Schneezone mit mehr als 40 Zentimetern Neuschnee beginnen sollte. Ruhrgebiet, Niederrhein, Westfalen und alles nördlich und östlich davon versank im Schnee. Bei uns gab es am Samstag nur Regen, am Sonntag ein paar Schneeflocken, wovon nichts liegen blieb, weil die Temperaturen immer noch wenige Grade über Null lagen. Derweil erfuhren wir über das Radio, dass es ab dem Niederrhein und dem Ruhrgebiet so viel geschneit hatte, dass die Schneedecke vierzig Zentimeter und dicker war. Besonders schlimm war das Schnee-Chaos in Westfalen, im südlichen Niedersachsen und östlich davon. Bei uns dauerte es bis zum Montag Morgen, dass sich wenigstens ein bißchen Schnee in unserem Garten zeigte. Dünn war die Schneeschicht auf den Autokarrosserien, zart angehaucht war das Weiß in unserem Garten, leicht angezuckert das Weiß auf den Wegen zwischen den Beeten. Einerseits waren wir froh, dass der Winter uns nicht mit einer solchen Wucht erwischt hatte. Andererseits hätte es ein bißchen mehr sein können, so dass bei der klirrenden Kälte etwas mehr Schnee die Straßen, das Dach auf unserem Haus sowie unseren Garten verschönert hätte.

9. Februar 2020


Das Ringen um Abwechslung in einer Zeit, in der die Möglichkeiten der Abwechslung stark eingeschränkt sind. Die Alternativen sind minimal: Spaziergang an der frischen Luft, die Fernsehprogramme durchzappen, neue Webseiten im Internet kennen lernen, den Hausputz intensivieren – und Einkäufe für den täglichen Bedarf zählen nicht zu denjenigen Beschäftigungen, die statt finden dürfen. Damit all die Verbote und Einschränkungen einen nicht vollends vereinnahmen, suchen wir diese zu variieren, dass nicht ständig dieselben Einkaufswege zurück gelegt werden. Obschon die Geschäfte außer denjenigen für den täglichen Bedarf geschlossen sind, sind wir in das HUMA-Einkaufszentrum gefahren, damit wir einmal etwas anderes sehen. Der real ist noch einiges größer als der REWE, das Angebot an Haushaltswaren ist größer, es gibt eigene Abteilungen mit Drogerieartikeln und Anziehsachen. Die Laufwege sind anders, die Warenauslagen sind anders sortiert. Das sind alles Dinge, die mich in Nicht-Corona-Zeiten nicht angesprochen und nicht interessiert haben. Weil aber nun alles ständig gleich ist, weil wir uns eingesperrt fühlen und aus dem inneren Gefängnis heraus wollen, haben diese Dinge nun eine neue Bedeutung. Indem wir hier einkaufen, sehen wir etwas anderes. Alles in allem ein Verzweiflungsakt, die Dinge neu zu entdecken aus anderen Blickwinkeln.

10. Februar 2020

In diesen Tagen vermag einen wenig aufzumuntern. Ein Gang durch die Fußgängerzone reicht, um in die Albträume von Corona einzutauchen, so in der Troisdorfer Fußgängerzone. Nur wenige Passanten verirren sich, und die wenigen wissen auch nicht wohin, weil sie in Zeiten von Corona vertrieben werden, am besten nach Hause zurück. So öde, so verlassen, so leergefegt, läuft vor den Augen der Geschäftsinhaber in der Fußgängerzone ein Horrorfilm ab. Die Schaufensterauslagen geben das Bild einer Maskerade ab, einige wenige haben Schlupflöcher durch die Eingangstüren organisiert, wo die Kunden über das Netz vorbestellte Ware abholen können. Die Eiseskälte, die der Wintereinbruch herbei geführt hat, setzt sich im Einkaufszentrum fort. Die vereinzelten Gestalten, die das Zuhause-Herumhocken satt haben, sind in der Fußgängerzone der Corona-Maßnahmen überdrüssig. Sie beachten die AHA-Regeln, tragen aber mit einem apatischen Gesichtsausdruck ihre Maske. Die Maske als Synonym für die latente Bedrohung: das Virus könnte überall sein und an jeder Ecke könnte man sich infizieren. Als sei es nicht genug, bekommt man alle paar Meter auf Plakaten die Maskenpflicht eingehämmert. Verscheucht, ziellos umher irrend, sind die Orte rar, wo man hineingelassen wird. Vor dem Drogeriemarkt warten die Kunden regungslos. Nicht mal ein „Coffee to go“ ist im Einkaufszentrum zu haben, die Bäckerei hat seit dem Lockdown in Frühjahr dicht gemacht. Ein kleines Stückchen Leben regt sich im Kiosk. Allenthalben blickt man aber in eine Trostlosigkeit, die auflegt auf einem grauen und harten Steinpflaster. Die Troisdorfer Fußgängerzone – in Zeiten von Corona ein Albtraum.

11. Februar 2020


Dass militärische Orden durchaus nachgefragt werden, dass konnte ich beim Gang durch die Troisdorfer Fußgängerzone in Augenschein nehmen. Über die Nachfrage nach solchen militärischen Orden hatte ich mich gewundert beim Dorftrödel und beim Garagenflohmarkt, als wir von einer Reihe von professionellen Händlern darauf angesprochen wurden. Wer sollte Interesse an militärischen Orden bekunden ? Militärische Orden verband ich mit der Kaiserzeit, als Feldherren in einer Schlacht eine strategische Bedeutung zukam. Soldaten formten eine Einheit, und der entscheidende Beitrag eines Soldaten zum Gewinn einer Schlacht oder eines Krieges konnte mit einem Orden ausgezeichnet werden. Aber wie weit waren wir in der Zeit von Massenvernichtungswaffen weg von einer solchen Zeit ? Der Kaiser hatte längst abgedankt, und militärische Orden verband ich eher mit Neonazis oder Reichsbürgern, die sich einen Führer, eine starke Hand oder einen Kaiser zurück wünschten. Kaufinteressenten für Orden gab es anscheinend auch außerhalb von Neonazis oder Reichsbürgern. Menschen beschworen die Sehnsucht nach dem allzeit Vergangenen, weil mit dem verklärten Blick auf die Vergangenheit vieles besser wirkte. Derweil wendete ich mich ab von dem Schaufenster mit den militärischen Orden in der Troisdorfer Fußgängerzone. Das Kreuz wiederholte sich als Symbol auf den Orden, das die besonderen Verdienste in sich vereinigte. Meine Grundgesinnung war eher pazifistischer Natur. Nie wieder Krieg, und Europa in ein militärisches Schlachtfeld zu verwandeln, dürfte eine Horrorvision sein.

12. Februar 2021


Ein Abend mit heißen Diskussionen, was das Vorhaben meines Bruders betraf, im Garten meiner Eltern neu bauen zu wollen. Vor etwas mehr als 5 oder 6 Jahren hatte es bereits einen gescheiterten Versuch gegeben, dass mein Bruder mit seiner Familie im Elternhaus eingezogen war. Oma und Schwiegertochter kamen miteinander nicht klar, und die Streitigkeiten hatten so sehr zugenommen, dass mein Bruder mit seiner Familie wieder ausgezogen war in eine Mietwohnung. Nun, kurz vor Weihnachten im vorletzten Jahr, hatten sie sich wieder entschlossen einzuziehen. Die Wogen hatten sich in zwei voneinander getrennten Hausständen wieder geglättet, es herrschte bestes Einvernehmen und alle waren wieder froh, unter einem Dach vereinigt zu sein. Dies war verbunden mit mehr oder weniger großen Umbaumaßnahmen, ein Badezimmer wurde renoviert, das Treppenhaus tapeziert, im Elternschlafzimmer ein neuer Parkettboden verlegt, neben der Garageneinfahrt wurden Bäume für neue Parkplätze gefällt. Der Aufwand war nicht unerheblich, und der Anruf meines Bruders mit seinem Plan versetzte uns in großes Erstaunen. In demselben Haus sei es mit unserer Mutter nicht mehr auszuhalten, alle wollten nur noch raus. Der Neubau eines Einfamilienhauses sei die perfekte Lösung, und da man für ein Grundstück erst einmal ordentlich Geld hinlegen müsse, wäre die Kosteneinsparung erheblich, das im Garten des Elternhauses vorhandene Grundstück zu nehmen. Ich war so verblüfft, dass ich die Antwort gab, dass ich darauf herum denken müsse. Da aber unsere Mutter mit ihren stolzen 85 Jahren noch lebte, schlussfolgerten wir, dass mein Bruder um sie nicht herum kommen würde, weil der Erbfall noch nicht eingetreten war. Vom Prinzip konnten wir uns zurück lehnen, und wie die beiden Hausstände miteinander klar kommen würden und was die beste Lösung sei, dass mussten diese untereinander ausregeln. Eine heftige Nebendiskussion hatten wir zusätzlich wegen des irgendwann eintretenden Erbfalls. Lang Zeit war die Mutter gebetsmühlenartig unterwegs mit einem Betrag von 45.000 Euro, denn mein Bruder an mich auszuzahlen hätte und womit der Erbfall erledigt sei. Über diesen Euro-Betrag hatte sie etwas Testaments-ähnliches beim Amtsgericht hinterlegt, welches im Erbfall sicherlich klärungsbedürftig sein würde. Den Euro-Betrag von 45.000 Euro hatte ich indes als zu wenig reklamiert. Da es bei Erbauseinandersetzungen häufig geschieht, Erbteilsansprüche zu umgehen oder dass Geschwister sogar komplett leer ausgehen, hatte ich mir vor einem Jahr einen Grundbuchauszug zukommen lassen, der nicht direkt Anlaß zur Sorge bot. Es war nichts überschrieben, und an diesem Abend schlossen sich heiße Diskussionen mit meiner Frau an über den Wert von Grundstück und Gebäude, was im allgemeinen Umfeld stark gestiegener Immobilienpreise zu betrachten war.

13. Februar 2021


Ein Umzugstransporter ist aufgefahren, und die Zweier-WG wird bald zu einer Dreier-WG anwachsen. Möbel und Hausrat des dritten WG-Bewohners sind von St. Augustin zu uns transportiert worden, und die fleißigen Helfer tragen und schleppen und benutzen dabei die Hauseingangstüre. Bett, Couch, Wohnzimmerschrank und andere Möbel sind in das Obergeschoss gewandert, so dass alles Mobiliar vorhanden ist, was zum Wohnen benötigt wird. Woran die Einrichtung des Zimmers scheitert, das sind die Kapazitäten der Umzugshelfer. Am heutigen Tag fehlt ihnen die Zeit, alles aufzubauen. Dies soll dann in einer Woche geschehen. Der Bewohner kommt aus einer Zehner-WG und verbessert sich nun auf eine Dreier-WG. In der einen Woche, nachdem er aus der Zehner-WG ausgezogen ist, soll er bei seinen Eltern wohnen. Danach wird er die Zweier-WG vervollständigen.

14. Februar 2021


Wie so vieles andere, fand der Karneval in Zeiten von Corona nicht statt. Ein bißchen Rest von Karneval versucht ein Auto-Korso hochzuhalten, in dem die Karnevalisten hupend durch die Oberstraße fuhren. In diesem abwesenden Karneval spazierten wir durch den Ort bis zum alten Rheinarm der Laach. Das Hochwasser hatte sich zurückgezogen, der Rhein war in sein Flußbett zurück gekehrt. Die Überschwemmungen hatten in der Frostperiode der vergangenen Woche Eisflächen hinterlassen, die zu Eisschollen aufgebrochen waren. Sie klammerten sich an die Uferböschungen, schräg stehende Platten von Eis, die von Pappeln überragt wurden. Der Steg über dem Rheinarm der Laach war trockenen Fußes wieder begehbar, und am Sonntagnachmittag tummelten sich die Spaziergänger in der Sonne. Das Wellenspiel glitzerte in prallem Sonnenschein, das Eis glitzerte am Ufer, die Sonnenstrahlen rieselten, sauber zerlegt, durch das kahle Geäst. Ein Karnevalssonntag mit einem Alternativangebot in Zeiten von Corona. Der Karneval war aus dem Programm gestrichen worden, neu im Angebot stand ein Spaziergang bei Sonne und frostklarer Luft.

15. Februar 2021


Erstaunlich, welche Fähigkeit zum Hellsehen Menschen entwickeln können. Die neue Zahl der Inzidenz von 35 hat die Diskussionen um Lockerungen erstickt, doch es gibt die Ausnahme: das Friseurhandwerk. Nachdem ich Mitte Dezember vor den Geschäftsschließungen keinen Friseurtermin zustande gebracht habe, sehe ich dementsprechend wüst aus. Mehr als dringend habe ich einen Haarschnitt nötig, und genau in diesem katastrophalen Zustand hat mich wohl die Friseuse beobachtet, wie ich auf dem Fahrrad durch den Ort gefahren bin. Ich muss so sehr ihr Mitleid erregt haben, dass sich mich ganz vorne gesehen hat bei denjenigen Kunden, denen die Haare geschnitten werden müssen. Allgemein laufen wegen der Öffnungen zum 1. März die Telefone heiß in Friseurgeschäften. Friseurtermine sind so sehr gefragt, dass man entweder nicht durch kommt oder dass man sich mehrere Wochen gedulden muss. Also hat das Friseurgeschäft uns von sich aus angerufen, und meine Frau hatte den Anruf entgegen genommen. Gleich einen Tag nach der Wiedereröffnung, am 2. März, bekam ich einen Termin. Das notierte meine Frau auf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ich zufälligerweise auf unserem Esstisch ausgebreitet hatte.

16. Februar 2021


Das Ende der Forstperiode kam jäh und ein bißchen plötzlich. Der gemeldete Eisregen blieb aus, und dünne Tropfen von Regen hüllten den klammen Tag des Wetterwechsels ein, an dem die Temperaturen vom eiskalten in den wohligen Bereich springen sollten. In den Zeiten des Frostes war das Hochwasser zurück gewichen, ausgedehnte Eisflächen hatten sich gebildet, aus denen Baumreihen wie Pfeiler heraus ragten. Nun schmolz das Eis, und dennoch waren die Schollen von Eis so dick, dass sie den milden Temperaturen trotzten. Das Eisfläche war groß, wie ein regelrechter See, den das Hochwasser zwischen Kopfweiden und dem Straßenrand hinterlassen hatte. In die Höhe gesprossene Pappeln grenzten die Felder ab, wo sich der Verkehrslärm auf der Autobahn seinen Weg hindurch bahnte. Der beträchtliche Rest von Eis zog die Menschen an. Niemand schürte die Schlittschuhe, anstatt dessen wagte man sich auf Schuhsohlen auf das daher schmelzende, aber noch dicke Eis. Niemand hatte Angst, auf der Eisfläche einzubrechen, und trotz der winterkahlen Vegetation war das Gesamtbild fröhlich, bunt gemischt waren die Menschen, die sich auf der Eisfläche tummelten. Das Schauspiel der Natur zog die Menschen nach draußen.

17. Februar 2021


Man muss ja so vieles managen. Hauptsächlich Home Office, dazu Home Scooling, so ziemlich viele Telefonate mit meiner Frau, die mit der Dreier-WG zu tun haben, Arzttermine meiner Frau, wohin ich sie fahren soll, dazu meine eigenen Arzttermine. Als Ü60 nehmen die Arzttermine zwangsläufig zu – so die Blutabnahme alle drei Monate und die Besprechung der Auswertung der Blutwerte. Üblicherweise geschieht die Blutabnahme vor der Sprechstunde beim Hausarzt, die um 9 Uhr beginnt. Saß ich beim letzten Mal zwischen 8 und 9 Uhr noch einsam und alleine im Wartezimmer, um Blut abnehmen zu lassen, so war die Situation diesmal komplett anders. Das Wartezimmer war richtig voll. Dort warteten nicht nur ältere Menschen, sondern die Wartenden verteilten sich über alle Altersschichten. Fünf Personen waren vor mir an der Reihe, die sich geduldeten, starr vor sich her schauten, das Display ihres Handys rauf- und runterscrollten und die Dinge erwarteten, die auf sie zukamen. Ungeduld regte sich, weil mein Zeitfenster eine halbe Stunde betrug, da ich meine Frau anschließend zum nächsten Arzttermin kutschieren musste. Das Zeitfenster sollte reichen. Die Sprechstundenhilfe, die das Blut abnahm, wähnte sich im Modus eines Massenbetriebs. Die Blutabnahmen spulten sich ab in einem Maß an Routine, welche in schlafwandlerischen Sicherheit die Nadeln in die Venen setzte, das Blut abzapfte und in Ampullen abfüllte. Es dauerte vielleicht zwanzig Minuten, dass die fünf vor mir wartenden Personen abgearbeitet waren. Zum nächsten Arzttermin mit meiner Frau kamen wir pünktlich.

18. Februar 2021


In diesen Tagen schaut ganz Deutschland ganz gebannt auf das Zahlenwerk, das uns – möglicherweise – wie seit November letzten Jahres schwer enttäuschen wird. Perspektivlos dämmern wir vor uns hin, in einem Dauer-Lockdown werden wir abserviert, wir treffen uns nicht mit Freunden, wir vermeiden Umarmungen, wir feiern keine Geburtstage. Bis vor einigen Tagen sah der Ausweg so aus, als wäre er zum Greifen nahe. Es wird aber verschoben und verschoben, es wurde verschärft und verschärft, nichts oder nichts wesentliches wurde gelockert. Nun schauen wir auf die Inzidenzzahlen, die sich seit mehreren Tagen stur geradeaus bewegen. Auf dem Wert 57 harren sie fest, was noch ein gutes Stück entfernt ist vom Zielwert der 35. Man muss auf die Nachkommastellen schauen, das lehrte uns das heutige Morgenmagazin. Schaut man auf die vergangenen Monate, so herrscht die Skepsis und der Pessimismus vor. Wir können nirgendwo hin, wir sind in unseren eigenen vier Wänden eingesperrt, nur auf wenigen definierten Wegen verlassen wir unser Haus. Der Rückhalt der Politik in der Bevölkerung schwindet, der stille und verdeckte Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen nimmt zu. Die Einsicht, dass die Maßnahmen richtig sind, wechselt zu einem Gefühl der Bevormundung, dass der Staat irgendwelchen Unsinn vorschreibt, den es zu boykottieren gilt, weil der Unsinn nichts bringt. Sofern dieser Wert von 57 sich geradlinig nach vorne fortschreibt, kann die Zahl 35, die möglicherweise nicht erreicht wird, die Wut eines ganzes Volkes gegen sich aufbringen. All die angestaute Perspektivlosigkeit, dass alternativ Schäden an einer ganz anderen Ecke entstehen, kann dann die Corona-Verlierer mobilisieren. Deren Argument wird sein, dass die Verantwortlichen die alternativen Kollateralschäden nicht richtig zusammenzählen oder schlichtweg vergessen. Diese Heerscharen der Corona-Verlierer werden einiges größer sein als die schweren Verläufe der Covid19-Infizierten, die der Staat an der anderen Ecke schützen will.

19. Februar 2021


Die Besprechung des Ergebnisses der Blutprobe signalisierte, dass alles in Ordnung war. Wieso sollte es auch anders sein ? Die Medikamente richteten die Blutwerte: gegen zu hohen Blutdruck nahm ich Blutdrucksenker, das Cholesterin senkte ein Medikament soweit herab, wie es bei normalem Fettstoffwechsel nie erreichbar war. Nicht nur Cholesterin oder Blutzucker, sondern die lange Auflistung von Messwerten lag komplett im grünen Bereich. Ich war mir allerdings unsicher, welche Schlüsse ich daraus ziehen sollte. Abends aß ich mittlerweile die eine oder andere Tüte Chips, Bratwurst oder Leberkäse standen ganz normal auf dem Essensplan, als Snack zwischen den Mahlzeiten gönnte ich mir gerne einen Schokoriegel. Was ich aß, war mittlerweile komplett anders als noch kurz nach meinem Herzinfarkt. Die Messwerte waren ja in bester Ordnung. Ich wusste allerdings nicht, was ich von meinen Essgewohnheiten halten sollte. Die koronare Herzkrankheit schritt voran und bildete sich nicht zurück, das hatten wir während der REHA gelernt. Das war sicherlich schön, dass ich mir die eine oder andere Leckerei gönnen konnte, obschon Ernährungspropheten den Verzicht geraten hatten. Einerseits erhöhte das die Lebensqualität, dennoch sollte ich mit der Ernährung aufpassen.

20. Februar 2020


Abends war ich erschlagen vor so viel Regalbrettern im Keller, so viel Modelleisenbahn und der Unmöglichkeit, die eigene Welt der Modelleisenbahn angemessen in der Dreier-WG unterbringen zu können. Der eine Bewohner, der sich in seinem Hobby der Modelleisenbahn häuslich in seiner vorherigen Wohnung in Leverkusen ausgiebig ausgebreitet hatte, war mit seinem Bruder nach Leverkusen gefahren, um den dort noch vorhandenen Hausrat herüber zu transportieren. Bislang standen Unmassen von Kartons mit Modelleisenbahnen sowie vier Vitrinen in seinem Zimmer und im Keller. Wir waren davon ausgegangen, dass er sich in seiner Welt der Modelleisenbahn einrichten konnte, wenn die vier Vitrinen aufgehängt wären. Weil er tagsüber in Leverkusen war, konnten wir nur die eine Vitrine aufhängen, weil er uns vor der Abfahrt nach Leverkusen die genaue Position gezeigt hatte. Auf Untertischen und Regalen hatte er seine Eisenbahnen aufgebaut gehabt. Mit der Ladekapazität des PKWs seines Bruders schafften die beiden nur die Regalbretter, Töpfe sowie Pfannen und weitere Eisenbahnen herüber. Selbst wenn unser Freund mithalf, war die Menge aufzubauender Regale beträchtlich. Inzwischen war auch die Menge an Kartons im Keller mächtig angewachsen, die sich in der Mitte des Kellerraums aufeinander stapelten. Im Zimmer des WG-Bewohners sah es nicht besser aus. Fünf Wochen nach seinem Einzug war alles vollgestellt mit Kartons mit Modelleisenbahnen. Wie man dort für Ordnung sorgen könnte, erschien mir unmöglich.

21. Februar 2021


Wenn das Fernsehen die wichtigste Freizeitbeschäftigung darstellt, dann tritt ein „worst case“ ein, wenn er kaputt ist. In der WG beim Schwager war er an diesem Tag so richtig kaputt, er gab keinen Muckser mehr von sich. Anfangs hofften wir, es sei ein Wackelkontakt am Verbindungsstecker oder die Batterien in der Fernbedienung hätten ihren Geist aufgegeben. Doch dem war nicht so. Als die Firma kam, war die Diagnose eindeutig. Die Stromversorgung und die Bildschirmauflösung waren hinüber, und am sinnvollsten war in der Tat ein neuer Fernseher, der kurz darauf geliefert wurde. Das Fernsehparadies war im Handumdrehen wieder perfekt. Mit der Lieferung hatte der Schwager wieder alles, was er in seinem Zimmer rund um sich benötigte. Der Bildschirm war größer und schöner, die Firma hinterließ eine Übersicht, auf welcher Nummerierung welcher Fernsehsender zu finden war. Mit dem neuen Komfort ließ es sich in der WG noch besser leben.

22. Februar 2021


Ein höchst intelligenter Umzug mit einem Lastenaufzug. Nachdem ihr Mann verstorben war, verkaufte unsere Nachbarin ihre Panorama-Wohnung im Dachgeschoss, die an die 150 Quadratmeter groß ist. Da die Wohnung im dritten Obergeschoss liegt, war der Lastenaufzug eine sehr intelligente Lösung. Er wurde gleich über mehrere Tage benötigt. Schränke, Tische, Möbel, Kühlschrank, Geräte, Pflanzen und vieles mehr brauchten nicht über das Treppenhaus geschleppt zu werden, sondern wurden über Seile in die Höhe gehievt. Der Lastenaufzug war im Dauereinsatz, Umzugsgut für Umzugsgut wurde in die Höhe transportiert. Später sollten wir erfahren, dass ein junges Ehepaar, Ende zwanzig bis Anfang dreißig, dort einziehen würde. Sie kam aus unserem Stadtgebiet, ihr Ehemann kam aus Linz. Sie waren nach Linz gezogen, doch sie zog es in ihre Heimat zurück, und ihr Ehemann folgte ihr mit ihrer kleinen Tochter.

23. Februar 2020


Das übliche ? So begrüßte mich die schwarze Verkäuferin bei Merzenich gegenüber dem Hauptbahnhof. Wehleidig schaute ich in den Caféraum hinüber, der durch querstehende Stühle abgesperrt war. Gemeinsam mit der Verkäuferin hoffte ich auf bessere Zeiten, die momentan allerdings nicht absehbar waren. Über den Winter hinweg, war es das erste Mal seit längeren Zeiten, dass ich morgens dort mein Röggelchen kaufte, weil ich mit dem Rennrad ins Büro unterwegs war. Ein Röggelchen und ein Coffee to go bildeten den Auftakt in diesen Tag, der wenigstens mit seinen angenehmen Temperaturen einen Rahmen bot, um auf einer Bank meinen Coffee to go zu trinken. In Zeiten von Corona muss man sich bescheiden, wenn man überall nur weggetrieben wird in eine Kontaktvermeidungsstrategie, niemandem zu begegnen und sich vom Rest der Welt zu isolieren. Jeder sucht für sich selbst nach Schlupflöchern, was noch erlaubt ist. Freiheiten, die einem nicht genommen werden, Bevormundungen, denen man sich still widersetzen kann. Sich auf eine Bank in der Fußgängerzone hinzusetzen und einen Coffee to go zu trinken, war ein solcher Schritt. Der Dauerzustand von Home Office und Homescooling nagten an der Psyche, genervt mussten wir alle dieses Schicksal erdulden, nirgendwo hin zu können und sich in eine Quarantäne menschlicher Nähe begeben zu müssen. Die Schlücke heißen Kaffees ebneten den Weg in dieses winzige Stückchen Freiheit. Selbst wenn die Fußgängerzone trostlos, verlassen und leer war, spürte ich, wie kleines Stückchen Optimismus in mir aufkam.

24. Februar 2020


Zuverlässig, kollegial, Super-Team, menschliches Lexikon; immer da, wenn man Hilfe braucht; witzig, liebenswürdig; so beschreiben die Wimpel die Teams in unseren Großraumbüros, die wohl auch wirklich so gut zusammenpassen, wie es die Kategorien von Charaktereigenschaften ausdrücken. Die Idee, solche Wimpel anzufertigen, entstand anläßlich des sogenannten Living Culture Day. An diesem Tag im September des letzten Jahres wurde eine Mitmach-Aktion veranstaltet, bei der die einzelnen Bereiche und Teams eine Wimpelkette bastelten, um sich untereinander Wertschätzung zu vermitteln. Da infolge von Home Office nur wenige Arbeitskollegen an ihren Arbeitsplätzen sind, kann ich all diese überaus liebenswerten Arbeitskollegen in deren Mehrzahl leider nicht erleben. Wären sie hier, dann würde mich ihre Anwesenheit sicherlich beflügeln, weil ich eigentlich mit niemandem schlecht zurechtkomme. Jede hilft jedem, so gut er kann, und das Arbeitsklima ist stets ausgezeichnet gewesen. Was nette Arbeitskollegen doch so ausmachen.

25. Februar 2021


Die Inzidenzzahlen sinken, und als Ausweg aus der Corona-Krise klopfen die Politiker allenthalben große Sprüche. Durch Impfen kann man die Krise überwinden. In den letzten Tagen des letzten Jahres ist mit dem Impfen begonnen worden, zu diesem Zweck sind Impfzentren aufgebaut worden. Wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, komme ich – je nach Route – an dem Impfzentrum am Platz der Vereinten Nationen vorbei. Doch jedesmal musste ich feststellen, dass den großspurigen Worten der Verantwortlichen nur wenige Taten folgten. Das Impftempo muss beschleunigt werden, aber zu sehen ist am Impfzentrum genau das Gegenteil. Vor dem Eingang zum Impfzentrum herrscht eine totale Ruhe. Über die Wendeschleife fährt kein einziges Auto. Das Sicherheitspersonal hat die Hände in den Hosentaschen, sie drehen Däumchen und langweilen sich. Kein Impfling geht ein und aus, denn es mangelt an Impfstoff. Das ist nicht der große Wurf, das ist vielmehr eine desaströse Fehlplanung und Fehlsteuerung. So werden wir nicht die Corona-Krise überwinden können. Bei dem Impfkonzept muss sich grundlegend etwas ändern.

26. Februar 2020


Der Lockdown war Schuld für die Lieferverzögerung. Kurz vor dem Lockdown, Anfang Dezember, hatten wir bei Möbel Porta zwei Garderoben und eine Sitzcouch bestellt. Die Lieferfristen waren lagen bei sechs bis acht Wochen, und sie sollten sich nach dem Lockdown weiter verzögern. Die Möbelhäuser mussten schließen, das war anders als im Lockdown im Frühjahr dieses Jahres. Die Lieferketten reagierten sensibel, weil Möbel rund um den Globus bezogen wurden. Viele Wochen hörten wir nichts von Möbel Porta, deren Mitarbeiter im Home Office arbeiten mussten. Dann meldete sich der Mitarbeiter, der unseren Auftrag entgegen genommen und im IT-System eingegeben hatte. Er habe Druck gemacht, früher als Ende Februar zu liefern, dabei konnte er aber kein früheres Datum erzielen. So blieb es bei Ende Februar, und vor einigen Tagen hatte sich ein Mitarbeiter gemeldet, dass die Lieferung für heute anvisiert sei. Dabei blieb es, so dass wir heute Möbel wegräumen mussten, um die beiden Garderoben und die Sitzcouch aufstellen zu können. Die Sitzcouch war ein optimaler Blickfang. Zentral positioniert zwischen dem Fernseher und dem Bett, war die Sitzcouch ein zentraler Aufenthaltsraum in der Mitte des Zimmers des Schwagers. Einerseits verdeckte die Sitzcouch elegant das Bett, andererseits konnte man von dort aus direkt auf den Fernseher schauen. Das Warten hatte sich gelohnt.

27. Februar 2021


Wir fühlten uns gefangen, die Gestaltung der Modelleisenbahn ausregulieren zu müssen, weil sich niemand anders darum kümmerte. Dabei stieg bei uns allmählich Unmut auf, weil wir uns mehr um die Belange der Modelleisenbahn kümmern mussten als um unsere eigenen Belange. Der Keller stand nun rappelvoll mit Kartons von Modelleisenbahnen. In seiner vorherigen Modelleisenbahnwelt in seiner Leverkusener Mietwohnung hatte er sich im Keller eingerichtet gehabt. Er konnte seine Eisenbahn im Kreis fahren lassen. Mehrere Schreibtische hatten als Unterstand gedient, darauf hatte er die Regalbretter aufgebaut, wo er Kisten mit Eisenbahnmobiliar verstaut hatte, Transformatoren, Steuerungselemente und was man sonst braucht, damit eine Modelleisenbahn fahren kann. Es gab aber keine Fotos, auf welche Art und Weise alles angeordnet war. Die Regale waren restlos zerlegt, so dass uns die Vorstellung fehlte, wie das Gesamtkonstrukt zusammen gebaut gewesen war. Wir kehrten erst spät, sehr spät gegen 17 Uhr vom Einkaufen zurück. Wir hängten eine Vitrine auf, danach rätselten wir. Meine Lust schwand, uns Samstag für Samstag mit Modelleisenbahn zu befassen, während vieles zu Hause liegen blieb. Wir bekamen wenig Licht ins Dunkel, wie wir weiter vorgehen wollten. Als wir nach Hause zurück kehrten, waren wir frustriert, was für ein Zeitfresser die Modelleisenbahn war, ohne dass wir nennenswert vorwärts gekommen waren. Wir waren in eine Rolle hinein geraten, die wir lieber anderen überlassen hätten. Um das Abendessen zubereiten zu können, war es längst viel zu spät geworden. Am Ende des Tages schimpfte ich darüber, wie sehr sich in die Nachtstunden verlagerte, was wir alles zu erledigen hatten.

28. Februar 2021


Ein No-go erlebten wir in meinem Elternhaus. Ein No-go, das, als ich nach Hause zurückgekehrt war, sogleich zu Verstimmungen mit meiner Frau führte. Man outete sich im Elternhaus, alle deplazierten sich selbst und warfen Fragen auf, wie man zukünftig miteinander umgehen sollte. Doch eines nach dem anderen. Ich hatte einen Besuch ins Auge gefasst, dabei hatte unsere Tochter geäußert, dass sie noch einmal zu ihrer zwei Jahre jüngeren Cousine wollte. Extra zu diesem Zusammentreffen rief ich einen Tag vorher an, ob die Cousine zu Hause sei. Dies bejahte mein Bruder für den Vormittag, während sie nachmittags unterwegs sei. Bei uns wurde es ziemlich spät, nämlich um die Mittagszeit, dennoch trafen wir rechtzeitig genug ein, dass die Cousine noch im Hause war. Wie es zu erwarten war, wollte unsere Tochter prompt zu ihrer Cousine. Dies verneinte aber mein Bruder, weil sie noch mit Hausaufgaben beschäftigt sei. Eine Zeitlang ließen wir die Cousine mit ihren Hausaufgaben gewähren. Als sie sich im Wohnzimmer nicht blicken ließ, schlug ich vor, dass unsere Tochter in ihr Zimmer hochgehen könne und sie begrüßen könne. Dies lehnte aber mein Bruder ab, weil „dicke Luft“ herrsche. Über mehrere Tage hinweg habe es Differenzen und Verstimmungen gegeben, und die Kontaktaufnahme zwischen den beiden Mädchen könne das sprichwörtliche Faß zum Überlaufen bringen. Unsere Tochter hielt sich an die Bitte meines Bruders. Brav saß sie bei meinem Bruder und meiner Mutter, sie suchte sich an den Gesprächen zu beteiligen, sie trank Kaffee, aß einige Schokoriegel und wartete ab. Sie zeigte kaum Anzeichen von Missmut, in welchem Zeitrahmen ihre Cousine mit den Hausaufgaben beschäftigt war und unsere Tochter vollkommen depriorisierte. Nach anderthalb Stunden kam dann der große Moment des Erwartens, dass ihre Cousine mit meiner Schwägerin in der Küche erschien, nachdem die Hausaufgaben fertig waren. Das Erscheinen in der Küche begrenzte sich allerdings auf ein Minimum. Schwägerin und Cousine verschwanden sofort wieder. „Wir haben Termin“ begründete die Schwägerin das Verschwinden. Ein kurzer Blickkontakt zwischen unserer Tochter und der Cousine. Es waren wohl Machtkonstellationen, in die unsere Tochter hinein geraten war. Wer darf über die Freizeit der Cousine verfügen. Als wir abfuhren, waren wir zwar nicht deprimiert, aber wir wagten uns zum Grab des vor zwei Jahren verstorbenen Schwagers, um unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Unsere Tochter sprach ein langes Gebet vor dem Grab. Auch ich hielt inne, weil ich dort lange nicht mehr gewesen war. Es lag unterhalb unserer Würde, die Cousine als Subjekt zu betrachten, an dem die Beteiligten aus den Blickwinkeln der Macht wahllos herum zerren konnten.


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