die Weltklimakonferenz ist aus und vorbei

Der rot-weiße Absperrzaun verlief scharf am Straßenrand, und weil die gemächliche Fahrbahn der Straße genug Platz bot, rollte mein Fahrrad das seichte Gefälle zum Rheinufer hinunter. Doch dann stoppte mich eine schneidende Männerstimme in einer gelben Warnweste. „Hier dürften Sie nicht fahren. Die Straße ist abgesperrt.“ Den Kanzlerbungalow zur linken und das einstige Bundesratsgebäude zur rechten Seite, suchte ich mich zu orientieren. Doch dann überlegte es sich die Männerstimme, zu der die glatten Gesichtszüge eines kräftigen jungen Mannes gehörten, anders. „Fahren Sie durch“, hielt er mir ein geöffnetes Absperrgitter entgegen, das er zu schließen beabsichtigte. Ein entgegen kommender Fahrradfahrer am Rheinufer, der die Weisungen gehört hatte, fasste nach. „Ist wegen einer Großveranstaltung abgesperrt ?“ – „Nein, Abbauarbeiten nach der Weltklimakonferenz“, klärte die für Ordnung sorgende Männerstimme auf.

Dass abgebaut wurde, war auf dem Platz der Vereinten Nationen unübersehbar, so unübersehbar, dass dieselben rot-weißen Elemente eines Absperrzauns mich an der Durchfahrt über den Platz gehindert hatten. Was war geblieben von der Weltklimakonferenz ? Der Torso der Halle mit dem Zeltdach stand noch, die Seitenwände fehlten in dem Gerippe von Stahlstützen und Stahlträgern, ein Wachmann spazierte einsam in dem ausgehöhlten Zeltkörper.

der UN-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßt zur Weltklimakonferenz

Nicht alleine das Schreckensbild des amerikanischen Präsident Trump, der das Weltklimaabkommen ablehnte, war verantwortlich dafür, dass die Lage beim Weltklima zerfahren war. Über das Weltklima, das erst relativ spät im letzten Jahrhundert in die Schlagzeilen der Weltpolitik geriet, debattierte man in den 1960er Jahren noch in die entgegen gesetzte Richtung. Seit den 1940er Jahren war die Erdtemperatur gesunken, so dass – aus heutiger Sicht unvorstellbar – überlegt wurde, die Pole mit dunklem Plastik abzudecken oder vermehrt Kohlendioxid zu erzeugen, um einen Temperaturanstieg zu bewirken. In den 1970er Jahren drehte sich dann die Diskussion, in den 1980er Jahren wurde der Klimawandel zum weltweit öffentlichen Thema. Treibende Kraft waren die Vereinten Nationen mit ihren Konferenzen, Berichten und Beschlüssen. Mit jeder Dürreperiode, jedem Rekordsommer und mit der Zerstörungskraft jedes Hurricanes schob sich das Thema Weltklima ganz oben auf die Agenda.

Diese Dringlichkeit den Industrienationen zu vermitteln, die den weltweit größten Anteil an Kohlendioxid in die Luft blasen, kostet bis heute Aufwand und Mühe. Der ersten Weltklimakonferenz in Toronto 1988 folgten viele weitere Tagungen und Konferenzen, bis zur 23. Weltklimakonferenz in Bonn. Alles in allem, waren die Konferenzen ein mühsamer Marsch durch die Etappen, in denen Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, indem Zahlen, Daten, Fakten und Beweise gesammelt wurden. Wegweisend war der vierte Weltklimabericht im Jahr 2007, der feststellte, dass die Treibhausgase Kohlendioxid, Methan und Stickstoffdioxid von 1970 nach 2004 um 70% angestiegen waren. Die Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen dem Weltklima und den Treibhausemissionen waren stets sehr komplex gewesen, die schwierige Rechenmodelle und Simulationen erforderten. In dem vierten Weltklimabericht kamen die Rechenmodelle nun zu dem Ergebnis, dass die Ursache-Wirkungs-Beziehung anzunehmen war. Dies war vorher stets geleugnet worden. Der Bericht warnte vor extremen Wetterereignissen und einem Anstieg des Meeresspiegels. Der fünfte Bericht, der 2014 erschien, prognostizierte eine weitere Erwärmung des Erdklimas um 1,5 bis zwei Grad.

Gemessen an diesen Rahmenbedingungen, war der Erwartungshorizont an die Bonner Weltklimakonferenz eher dürftig. Von Anbeginn war es den Nationen schwer gefallen zu begreifen, dass es eine Welt ist. Es gibt keinen Plan B, wenn unser Planet scheitert. Neben negativen Effekten, die überwogen, lieferte die Erderwärmung auch gegenläufige Effekte, nämlich einen geringeren Heizbedarf oder die Möglichkeit zum Abbau von Rohstoffen in bislang vereisten Gebieten. Weltweit, war eine Diskussion nicht zu kontrollieren und lief aus dem Ruder. In der Allokation von Wohlstand und wirtschaftlichen Reichtum, umgaben sich die Industrienationen lange Zeit mit einer Festung, dass Klima-basierte Geschäftsmodelle mit einer gerechteren Verteilung der Ressourcen ganze Branchen in den Ruin treiben könnten.

Ein Meilenstein der Weltklimakonferenzen war diejenige im winterlich-frostigen Kyoto 1997. Wirre Verhandlungen in endlosen Sitzungen wurden auf Betreiben des US-Präsidenten Bill Clinton und seines Vizepräsidenten Al Gore zu einem Ergebnis gebracht. 2005 trat das Kyoto-Protokoll in Kraft, mit dem sich die Industrienationen verpflichteten, ihre Treibhausgasemissionen zwischen 2008 und 2012 um 5,2% gegenüber dem Stand von 1990 zzu reduzieren. Das Protokoll sah die Möglichkeit vor, einen Emissionshandel zu betrieben, um den Ausstoß an Treibhausgasen einzusparen. Dabei konnten Aufforstungen angerechnet werden und klimawirksame Maßnahmen dort umgesetzt werden, wo sie am kostengünstigsten waren. Aber gerade dieser Handel und die Einsparungen entzogen sich der Überprüfbarkeit. Und dann war da noch die USA. Der Senat stellte sich quer, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren, was bis zur heutigen Ära Trump niemals geschah. Damit das Kyoto-Protokoll eine völkerrechtlich bindenden Wirkung erzielte, bedurfte es einiger Klimmzüge, dass Russland als Großmacht 2004 das Protokoll unterzeichnete. Mit Kanada, China oder Japan fehlen weitere wichtige Industrienationen mit einer hohen Emission an Treibhausgasen. Allmählich wurde 2015 nach dem Pariser Abkommen, das die Ziele des Kyoto-Protokolls neu formulierte, der Kreis der unterzeichnenden Länder größer, wobei zu diesen Ländern auch die komplette EU dazugehört.

BULA-Zone in der Rheinaue (oben links und unten rechts),

BLUA-Zone im UN-Campus (unten rechts), Segelschiff "planet earth first" von Greenpeace (unten links)

Was in Bonn vierzehn Tage lang veranstaltet wurde, war ein Riesenspektakel. Die frühere Bundeshauptstadt hatte sich auf der Weltbühne zurück gemeldet. Alte Zeiten lebten auf, wenngleich nicht mit der Fülle hochrangiger Staatsgäste von einst, aber immerhin war es die deutsche Bundeskanzlerin, ihre Umweltministerin, der kalifornische Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger oder der Ex-US-Vizepräsident Al Gore, die der Veranstaltung internationalen Glanz und Bedeutung verliehen.

An Dramatik mangelte es freilich nicht. Der Präsident der 23. Weltklimakonferenz Frank Bainimarama, der Premier Minister der Fidschi-Inseln, stand im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Halse. Die Fidschi-Inseln liegen zu großen Teilen unterhalb des Meeresspiegels und drohen unter dem Klimawandel abzusaufen. Der Meeresspiegel steigt, Dörfer müssen umgesiedelt werden, dazu kommen Zyklone, die an Heftigkeit zunehmen und in diesem Jahr 45 Tote nach sich gezogen haben.

Dass sich die Dramatik nicht beruhigen wird, dafür werden Wetterextreme sorgen, die längst bei den Industrienationen angekommen sind. Hurricanes sind über Florida und Texas hinweg gefegt, Dürrezonen in Spanien drohen sich in Wüsten zu verwandeln, in Deutschland sind im vorletzten Sommer ganze Dörfer am Inn durch Hochwasser zerstört worden. Gewitterwolken ungeahnten Ausmaßes setzen ganze Landstriche unter Wasser, andererseits bedarf es vielerorts Kunstschnee, um Wintersportveranstaltungen in den Mittelgebirgen Europas aufrecht erhalten zu können.

Daher ist davon auszugehen, dass es auf der Weltklimakonferenz nicht zugegangen ist wie bei einem Kaffeeklatsch. Dafür haben auch die 1.200 Demonstranten, die mit ihren Fahrrädern von Köln nach Bonn geradelt waren, mit ihren Forderungen nach einem Kohleausstieg gesorgt. Greenpeace hatte ein Segelschiff am Rheinufer mit dem Motto „Planet earth first“ ankern lassen. Dürren, Überflutungen oder der Untergang von Inseln bei steigendem Meereswasserspiegel führen gerade in der Dritten Welt zu Flucht und Vertreibung, was keinen Fluchtgrund im Sinne der UN-Menschenrechtskonvention darstellt. Allgemein werden die Stimmen nach einem Paradigmenwechsel von einer fossilen zu einer nicht-fossilen Gesellschaft lauter. Das kohlenstoffbasierte Weltwirtschaftsmodell wird für nicht zukunftsfähig gehalten, weil es die Stabilität des Klimasystems gefährdet und künftigen Generationen die Existenzgrundlage entzieht. Notwendig wäre ein umfassender Umbau von Mobilität, Infrastrukturen, Produktionsprozessen, Regulierungssystemen und Konsumgewohnheiten.

Unterbleibt dieser Umbau, dann werden die Maßnahmen irrwitziger. Raketen könnten ins Weltall schießen und Folien in 1,5 Milliarden Entfernung aufspannen, um das Sonnenlicht abzudunkeln. In nicht so irrwitzigen Größenordnungen, könnten Folien Sonne von der Sahara fernhalten. Ideen gibt es auch zu Hauf, Kohlendioxid unterirdisch abzuleiten und in klimaneutralen Kalkstein zu verwandeln. Dieses Szenario will heute niemand herauf beschwören, weil Risiken und Gefahren nicht einschätzbar sind.

das BULA-Zelt auf dem UN-Campus wird abgebaut

Anstatt dessen hoffen alle auf eine Besinnung, dass die Welt an einem Strang zieht. Das Ergebnis der Weltklimakonferenz kann in Form von Papier gemessen werden, das nicht unbedingt aufsehenerregend ist. 260 Seiten umfasst das Regelwerk, das den Pfad beschreiben soll, wie 1,5 Prozent erreicht werden sollen und wie sich die Nationen bei all ihren Anstrengungen vergleichen können. Gekürzt und auf seine Kerninhalte reduziert, soll das Papier beim nächsten Klimagipfel 2018 in Polen beschlossen werden.

Die Bonner werden die vierzehn Tage der Weltklimakonferenz in positiver Erinnerung behalten, Gastgeber gewesen sein zu dürfen. Die Hotel-und Bettenkapazitäten hatten ausgereicht, um alle 25.000 Teilnehmer unterzubringen, die Pendelbusse der Stadtwerke hatten 20.000 Kilometer zurückgelegt und dabei 120.000 Fahrgäste befördert. 1.300 Polizeibeamte waren im Drei-Schicht-Betrieb im Sondereinsatz gestanden, 10.000 Personen mussten polizeiliche Sicherheitsüberprüfungen über sich ergehen lassen, Gewalt- oder Diebstahlsdelikte waren am Rande der Weltklimakonferenz fast nicht zu vermelden, Demonstrationen verliefen friedlich. Den Feuerwehrleuten und Rettungsdiensten blieben größere Einsätze erspart. Nur die Abschleppdienste mussten wegen einer Hundertzahl von Falschparkern eingreifen.

Die grün-weißen COP23-Schilder sind längst demontiert. Aus der BULA-Zone, was in der Landessprache der Fidschi-Inseln so viel heißt wie „hallo“ oder „herzlich willkommen“, haben sich die Gäste aus der ganzen Welt verabschiedet. In den Tagen nach der Weltklimakonferenz ist es windstill, klamme Wolken hängen ohne Regen am Himmel. In die Rheinaue ist wieder Ruhe eingekehrt.

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