Urlaubstagebuch Freiburg - an der Dreisam und Rundgang durch die Innenstadt zur Touristen-Informatio

Der Tag versprach heiß zu werden. Dreißig Grad oder mehr sollten uns den Schweiß auf die Stirn treiben, so dass wir beschlossen, Freiburg vom Wasser aus kennen zu lernen. Mit Meer und Strand konnte Freiburg wahrlich nicht aufwarten, Freiburg war nicht einmal eine Stadt an einem bedeutenden Fluß. Wer kennt schon die Dreisam ? Während anderen Städten Flüsse den Reichtum gebracht hatten, der Rhein, die Donau, die Elbe, die Maas oder die Schelde, waren es in Freiburg die Handelswege über Land. Obschon kein einziges Schiff die Dreisam befahren konnte, war ihre Bedeutung nicht unerheblich.

Von der Quelle im Schwarzwald bei Kirchzarten sich 30 Kilometer daher windend, kannten wir die Dreisam im wesentlichen aus dem Blickwinkel des Autobahnzubringers der Bundesstraße B31, bevor wir über die Anschlussstelle Freiburg-Mitte auf die Autobahn A5 abbogen. Kanalisiert, in sein Flussbett gesteckt, war der Anblick auf die Dreisam wenig inspirierend. Das Flüsschen war designed auf eine stromlinienförmigen Form, als wolle man den Fluss eliminieren und seine überflüssigen Formen weg rationalisieren. Dieser Flussverlauf bis zur Mündung in den Rhein übte somit keinerlei Reize auf uns aus, um uns mit seinen Wassern gegen die Hitze abzukühlen.

Um zur Natürlichkeit der Dreisam zurück zu kehren, mussten wir einmal die Stadt durchqueren, wo die Dreisam sich an die Hänge des Schwarzwaldes anschmiegt, renaturiert und in keine Kanalröhre hinein gesteckt. Im Stadtgebiet lag dies irgendwo zwischen Littenweiler und Ebnet.

an der Dreisam, Schwarzwaldstadion des SC Freiburg (oben rechts)

Wir mussten einmal quer durch das Freiburger Baustellenchaos. Vor der Kreuzung mit der Kronenstraße hakte es. Einspurige Verkehrsführung auf der Bundestraße B31. An die 20 Minuten standen wir im Stau, während die Vormittagshitze voll aufdrehte. Dann erbarmte sich aber der lahmende Verkehr, indem es doch noch vorwärts ging. An Schlangen von LKWs vorbei, über das Nadelöhr der Schwarzwaldstraße, Linksabbiegung in den Stadtteil Littenweiler. Am Stadion des SC Freiburg, das hatte ich mir gemerkt, mussten wir einmal links abbiegen, über die Brücke der Dreisam, dann noch einmal links bis zur Jugendherberge, wo wir in einer schattigen Parkbucht parkten.

Hier ließ es sich aushalten. Horden von Schülern, die mit einem Spendenlauf Geld einsammelten, kamen uns entgegen gerannt. In diesem Abschnitt hatte man die Dreisam aus ihrem kanalisierten Flussbett wieder befreit. Dazu waren die Uferbefestigungen beseitigt worden, Böschungen waren abgeflacht worden, Kiesflächen waren freigelegt worden, Steinwälle hatten Querbauwerke in der Flusssohle ersetzt. Ohne diesen eingezwängten Strömungsverlauf, soll nun die Dreisam ein neues, Schleifen formendes Flussbett entwickeln, das einmal doppelt so breit werden soll. Durch die Verringerung der Fließgeschwidigkeit soll sich zudem die Artenvielfalt erhöhen, unter anderem sollen sich der Atlantische Lachs und andere Wanderfischarten wieder ansiedeln.

Wir trotteten auf dem gut befestigten Schotterweg zur Dreisam, querten den Fluss über eine Fußgängerbrücke und suchten auf dem geradlinigen Weg, dem in Sichtweite das Schwarzwaldstadion des SC Freiburg gegenüber lag, ein schattiges Plätzchen. Auf einer Sitzbank breiteten wir unsere Rucksäcke aus, Handtücher, Mineralwasser, Sonnencreme. Unsere kleine Tochter war die einzige, die ihre Badesachen angezogen hatte, so dass ich ihr zögernd in meinen Halbschuhen an das Ufer folgte. Flink wie ein Wiesel, kroch sie über die klumpigen und großen Steine und hielt sich in gebückter Stellung daran gegen die Strömung fest. Während sie im Handumdrehen das gegenüber liegende Ufer erreicht hatte, kroch ich tastend, in meiner kurzen Hose und mit meinen nackten Füßen, vorwärts über die klotzige Gestalt der Steine, die sich meinem Profil der Füße überhaupt nicht anpassen wollten. Bei der nächsten Gelegenheit fand ich einen passenden, abgerundeten Stein, wo ich mich nieder setzen konnte, weil er aus dem Wasser heraus ragte. Mitten in der Dreisam, ruhte ich so in mir selber, umspült von der Strömung, die mir ein nasses, weiches und angenehmes Gefühl der Abkühlung verschaffte. Derweil war unsere Tochter in eine etwas intensivere Form der Abkühlung eingetaucht. Die Beine unter Wasser, im Flussbett sitzend, ihr Gesäß im Wellenspiel, mit den Händen in der Dreisam herum plantschend, ließ sich unsere Tochter von der Mittagssonne bescheinen. Wir hätten wahrscheinlich nichts bemerkt, dass die Stunden dahin gestrichen wären, wenn nicht unserer Tochter irgend wann ein roter Fleck am großen Zeh aufgefallen wäre. Tatsächlich, es war Blut, als sie ihren Zeh aus dem Wasser heraus tauchte. Zögernd und leicht quoll das Blut, ein mitleidiger roter Fleck bedeckte unermüdlich den Zeh. Also mussten wir den Flusslauf der Dreisam verlassen. Ein Pflaster beendete unsere erfrischende Episode in der Dreisam. Wir trockneten uns ab, nahmen die Sitzstellung auf der Bank ein, tranken Mineralwasser, träumten vor uns her, während Fahrradfahrer lebhaft den Schotterweg längs der Dreisam frequentierten. Spätestens jetzt waren wir an den Ufern der Dreisam in unseren Urlaubsgefühlen angekommen. Die Horden von laufenden Schülern vereinzelten und verschwanden an der Biegung zur Jugendherberge.

Abkühlung in der Dreisam

Wir beschlossen, dass eine halbe Stunde Herumträumerei auf der Sitzbank genug waren. Im Schatten hatte die Sonne unsere Haut längst abgetrocknet, und um unseren weiteren Tagesablauf in der Innenstadt zu gestalten, fuhren wir im Anschluss in unser Lieblings-Parkhaus, das war die Schlossberggarage. Klar und übersichtlich in seinen Parkbuchten, schätzten wir die kurzen Wege aus dem Parkhaus, die uns dann über eine Seitenstraße zum Münsterplatz geleiteten.

Wir wollten wir uns orientieren. Freiburg, diese Stadt, die uns das Medizinstudium unserer großen Tochter beschert hatte, hatte uns stets fasziniert. Oft war uns die Stadt auf ausgetretenen Einkaufspfaden begegnet, meist aber nur am Rande, wenn wir anlassbezogen in der Stadt verweilten: dann waren es Umzüge oder Transporte, die im Endeffekt an Umzüge gekoppelt waren. Viele Nischen und Ecken und Winkel der Stadt waren uns so verborgen geblieben. Stets hatte uns die Ruhe gefehlt, in das Innenleben der Stadt einzudringen. Und dies wollten wir in unserem Urlaub nachholen.

Der Schlossberg, an dessen Fuß das Parkhaus lag, führte mitten in die Geschichte von Freiburg hinein. Anfangs regierten die Herzöge von Zähringen von derjenigen Burg aus, von der heute kaum noch Überreste im gleichnamigen Stadtteil von Freiburg erhalten sind. Um 1100 befand der mächtig gewordene Berthold II., der sich nach dem Tod seines Vaters Herzog von Zähringen nannte, dass seine alte Behausung in Zähringen nicht mehr standesgemäß sei, und ließ sich auf dem heutigen Schlossberg über dem Dreisamtal ein neues Schloss bauen, das an Prunk alles übertroffen haben soll, was es im Lande an Herrensitzen gab. Zwar sind von diesem Schloss nur Spuren übrig geblieben, aber um 1120 war es der Sohn Bertholds II., Konrad, der der Ansiedlung unterhalb des Schlossbergs das Marktrecht verlieh. Dieses Datum wird gemeinhin als das Gründungsdatum der Stadt Freiburg angenommen. Dabei hatte bereits Berthold II. den Siedlungsnamen „Freiburg“ unterhalb des Schlossbergs genannt, da der deutsch-römische Kaiser Heinrich IV. ihn ermächtigt hatte, in seinen Stadtgründungen und Besitzungen „königliches“ oder „freies“ Recht auf seiner Burg ausüben konnte.

Münsterplatz

Münsterkirche (oben links), Weinstube Oberkirch (oben rechts),

historisches Kaufhaus (unten links), Alte Wache (unten rechts)

In seinem Inneren bewahrte der Schlossberg ein Bauwerk, das die Geschicke der Stadt nicht weniger lenken sollte als die Verleihung der Stadtrechte: einen Tunnel. Da Brunnen wegen der Kiesschichten über den Ufern der Dreisam tiefer und aufwändiger gebohrt werden mussten, entschied man sich für ein anderes System der Wasserversorgung, das bis heute maßgeblich das Stadtbild von Freiburg bestimmt. Oberhalb der Stadt zweigte man einen Kanal aus der Dreisam ab, in der Stadt grub man einen Tunnel unter den Schlossberg, von dort aus fließt der Seitenkanal zum Schwabentor, wo das Wasser in das System der Bächle eingespeist wird. Die oberen Bereiche der Innenstadt unterhalb des Schlossbergs wurden aufgeschüttet, damit das System der Bächle, das sich über eine Länge von 15,5 Kilometer erstreckt, ein ausreichendes Gefälle in Richtung Nordnordwest besaß. Diese Art der Wasserversorgung, nahezu einzigartig in Deutschland, ist nicht viel jünger als die Stadtgründung. Bereits in einer Urkunde aus dem Jahre 1238, die den Dominikanern ihrem neuen Klostergebäude in Unterlinden die „Nachlassung des Hofstättenzinses“ gewährte, heißt es über die Lage des neuen Klosters: „zwischen den zwei Bächen wo die Prediger wohnen“.

Der Ausgang des Parkhauses führte uns geradewegs auf die Münzgasse, wo wir sogleich an der südländischen Atmosphäre dieser südbadischen Metropole schnuppern konnten. Von vielerlei Seiten zog die Stadt Menschen an, und allen voran war es das Dreiländereck, das den Puls des Lebens gleich höher schnellen ließ. Zwischen wieder aufgebauten und alten historischen Fassaden wanderten Wortfetzen in Französisch oder Schweizer Deutsch hin und her, sie mischten sich unter die hiesige Bevölkerung, und auch die junge, dynamische Gruppe der Studenten belebte maßgeblich das Stadtbild.

An kleinen Geschäften, badischen Weinen, einer Stoffgalerie, einer Rappelkiste voller Kinderbekleidung schlenderte das Menschengemisch in der Münzgasse vorbei, wo die Stadt Freiburg schon früh die Rechte zum Prägen von Münzen bewilligt bekam. Dieser Machtzuwachs markierte allerdings einen Wendepunkt in der Stadtgeschichte, da die Epoche der Grafen von Freiburg zu Ende ging. Schulden und Pfandlasten waren gestiegen, und zwischen dem Grafen Egino III., dem Sohn Konrads II., und den Stadtherren kam es zu dauerhaften Streitigkeiten, die die Handlungsfähigkeit lahm legten. 1367 siegten Freiburger Ritter und Edelknechte in der Schlacht von Endingen am Kaiserstuhl und vertrieben das Heer der Grafen aus der Stadt. Ein Jahr später, 1368, schloss sich die Freiburger Bürgerschaft dem Bund der Habsburger an. Mit der Urkunde vom 8. Mai 1368, in der die Herzöge Albrecht und Leopold von Österreich der Stadt Freiburg Schutz versprechen, erließen diese gleichzeitig ein eigenes Recht zur Münzprägung in Freiburg und den umliegenden Grafschaften.

Gedenktafel an den 27. November 1944

Der Fußweg über die Münzgasse, der Schusterstraße und die Buttergasse zum Münsterplatz war praktisch und kurz. Nebenher bestaunten wir die Plangeometrie der Bächle, die, eingefasst in Granitplatten, still vor sich daher plätscherten. Der Lauf der Bächle verlangte ein Minimum an Konzentration, da man nicht verträumt in die Luft schauen durfte. Man musste hinschauen, wohin man trat. Dies führte dann so weit, dass sich Gerichte mit den Bächle beschäftigen durften. Im Jahr 1964 war nämlich einem Mann dieses Minimum an Konzentration abhanden gekommen, mit einem Fehltritt stürzte er in ein Bächle hinein und brach sich ein Bein. Dieser Mann forderte dann vor dem Amtsgericht Freiburg Schadensersatz. Zum einen lehnte der Richter die Schadensbegleichung ab, da der Nicht-Freiburger bereits einen Tag in der Stadt verweilt habe. Zum anderen argumentierte das Gericht: „ … die Freiburger Bächle sollten als einprägsame städtische Spezialität erhalten werden. Gerade in der augenblicklichen Zeit der Uniformierung und der schematischen Modernisierung sollte eine Stadt wie Freiburg solange wie irgend möglich an einer so kennzeichnenden, schönen und hygienischen Eigenart, wie sie die Stadtbächle darstellen, festhalten.“

Aus der engen Häuserschlucht der Buttergasse traten wir plötzlich in die großzügige Weite des Münsterplatzes. Unser Entschluss stand augenblicklich fest, dass wir beim Brauhaus Ganter eine Pause einlegen wollten, bestärkt dadurch, dass Schwarzwälder Kirschtorte im Angebot war. Getränke, Kaffee, Kuchen und Eis erwartend, ließen wir uns verzaubern von der Schönheit des Münsterplatzes, eine Schönheit in der Geschlossenheit des Platzes, die einzigartig in Deutschland war. Nachdem die Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte, betrachteten wir von einer Eckbank des Brauhauses Ganter die akkurate Linie der Häuserreihe, aus der die dekorative rotfarbige Fassade des historischen Kaufhauses mit ihrer Pracht heraus ragte. Von der Fassade schauten die Habsburger Kaiser Maximilian I., Karl V., Ferdinand I. und Philipp II. herab, die Flanken schmückten sechseckige Erker, die hohen Staffelgiebel kletterten bis zum Dachfirst hinauf. Neben dem Kaufhaus, zur Westseite des Platzes, döste die Weinstube Oberkirch vor sich hin, deren grüne Fensterläden genauso matt waren wie der gelbe Anstrich. Daneben hatten wir es uns in der Außengastronomie des Brauhauses Ganter, das in der Nachkriegszeit das „Haus zum großen Eber“ am Münsterplatz bezogen hatte, gemütlich gemacht. Auf der blank gewetzten Holzplatte der Biertischgarnitur hatten wir unsere Arme ausgebreitet. Da die Marktschirme die Hitze fern hielten, konnten wir es bei Getränke, Kaffee, Kuchen und Eis gut aushalten. Dem Brauhaus Ganter folgte auf der Häuserreihe ein Tee- und Schokoladenladens, daneben zwängte sich ein schmaler Andenkenladen, hinter dessen zweiflügeliger Eingangstüre Bollenhüte schemenhaft zu sehen waren. Das daran angrenzende Gebäude, das Erzbischöfliche Palais, war groß und breit. 1765 als Ständehaus der Breisgauer Ritterschaft erbaut, ragte aus der etwas nüchternen und blassen Barockfassade der schmiedeeiserne Balkon heraus, und über dem Mittelfenster umgaben die verspielten Gestalten von zwei Putten das rot gekreuzte Wappen der Freiburger Erzbischöfe. Auf der anderen Seite des historischen Kaufhauses schwenkte unser Blick auf das palaisartige Haus „Zum schönen Eck“, in dem das Stadtmuseum untergebracht war, und auf die ehemalige Stadtwache, dessen Arkadengänge die Wachsoldaten einst vor Wind und Wetter geschützt hatten.

Verkaufsstand mit Bächlebooten (oben), Kinder mit Bächlebooten (unten)

Bei näherem Hinsehen auf die Häuserfassaden zog sich ein Datum wie ein roter Faden durch die komplette Innenstadt, das war der 27. November 1944. Lange hatte Freiburg gehofft, von großen Kriegszerstörungen verschont zu bleiben, zumal der Schwerpunkt des Bombenkrieges Rhein und Ruhr heimsuchte und zumal in und um Freiburg herum keine kriegswichtigen Industrien beheimatet waren. An jedem 27. November 1944 warfen dann 292 Lancaster-Bomber, von denen nur einer abgeschossen wurde, in der Operation Tigerfish an die 15.000 Bomben über der Innenstadt von Freiburg ab. Dabei starben 2.900 Menschen, viele historische Gebäude wurden zerstört. Betrachtet man die Kriegszerstörungen, so gleichen sich diese in Köln und Freiburg auf eine verblüffende Art und Weise: der Dom und die Münsterkirche waren fast unzerstört, während ringsum alles in einer einzigen Trümmerwüste untergegangen war. An vielen wieder aufgebauten Gebäuden findet sich somit das Zerstörungsjahr 1944, außerdem findet sich vor der Münsterkirche eine zentrale Tafel. Was die Freiburger in der Wiederaufbauphase geleistet haben, ist immens. Viele historische Gebäude wurden nach Originalplänen wieder aufgebaut, der platte Nachkriegsstil der 1950er Jahre ist eher zurück haltend vertreten.

Nachdem wir Eis und Kuchen aufgezehrt hatten, führte uns der Fußweg auf die Münsterstraße, wo wir an dem Verkaufsstand mit den Bächlebooten vorbei schritten. Der Verkaufsstand, eine feste Institution, gehörte so ungefähr wie die Münsterkirche oder das historische Kaufhaus in das Stadtbild. Bächleboote gab es als Piratenboot, in den Vereinsfarben des SC Freiburg, als Prinzessinnenboot in Pink, mit der Tiara des Papstes als papa-aqua-mobil, auf chinesische Art als Shanghai-social-edition oder, ganz einfach, in der Standardform mit rotem, straff gespannten Segel. Wie oft hatten wir gesehen, dass Kinder ihren Spass mit den Bächlebooten hatten. Auf den Bächle zogen sie diese hinter sich her, der Schiffsbauch dümpelte im Wasser, das seichte Wellenspiel floß träge dahin. Einmal im Jahr wurde sogar ein Rennen mit Bächle-Booten organisiert. Wie beim richtigen Rennen, wurden in einem Qualifying die Endteilnehmer ermittelt. In der Endausscheidung ließen dann die Kinder in Sichtweite der Münsterkirche ihre Boote um die Wette schwimmen. Das Bächleboot-Rennen organisierte übrigens der Reha-Verein, dem auch der Verkaufsstand mit den Bächlebooten gehörte. Die Bächleboote werden ausnahmslos in Behindertenwerkstätten auf der Berliner Allee in Freiburg sowie in Emmendingen hergestellt.

Großbaustelle auf der Kaiser-Joseph-Straße

Um von der Münsterstraße zur Franziskanerstraße zu gelangen, mussten wir die Baustelle auf der Kaiser-Joseph-Straße überqueren. Freiburg war in diesen Zeiten ein Phänomen, Großbaustellen zu produzieren. Das war nicht nur hier so, sondern auf dem Friedrichring, am Rotteckring oder auf der Bundesstraße B31. Ganze Fahrbahnen waren nicht befahrbar, der Autoverkehr quälte sich. An dieser Stelle war die Kaiser-Joseph-Straße voll gesperrt. Man erneuerte die Gleise der Straßenbahn, Bagger wühlten im Erdreich herum, Arbeiter gruben mit Schaufeln, Pflastersteine lagen lose herum. Der Anlass sei die Neunhundertjahrfeier, so erklärte man mir später. 1120 hatte Konrad der Zähringer Freiburg die Marktrechte verliehen, so dass im Jahr 2020 dieses Großereignis gefeiert werden konnte. Nicht nur die Baustellen sorgten im Vorfeld für Unmut, sondern auch die Kosten. Statt Schuldentilgung muss die Stadt Freiburg für den Doppelhaushalt 2017/2018 etwa 80 Millionen Euro neue Schulden aufnehmen. Doch das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein, denn für die Jahre 2019/2020 fehlen möglicherweise weitere 40 Millionen. So manchem Freiburger ist damit die Feierlaune verdorben worden. „Wenn das Geld so knapp ist, bietet sich ein Verzicht auf eine ganzjährige Feier an. Oder man beschränkt sich auf einen Tag, das sollte ja wohl reichen“, so hören sich die Kommentare im Netz an.

Wir schritten weiter auf der Franziskanerstraße zur Touristeninformation im Alten Rathaus. Von den Franziskanern, dem ältesten Klosterorden in Freiburg, der sich 1832 aufgelöst hatte, ist ungefähr nichts mehr übrig geblieben, außer der Straßenbezeichnung der Franziskanerstraße. 1807 wurde die Klosteranlage auf dem heutigen Rathausplatz abgerissen, gleichzeitig wurde die Klosterkirche, die heutige Pfarrkirche St. Martin, grundlegend umgebaut. Genau auf der Franziskanerstraße, gegenüber der Pfarrkirche St. Martin, bewunderten das schönste Bürgerhaus aus der Gotik, das Haus zum Walfisch, das sich der Generalschatzmeister des römisch-deutschen Kaisers Maixmilian I., Jakob Villiner von Schönenberg, 1516 bauen ließ. Auf der sandsteinroten Fassade bestaunten wir das Schmuckwerk des Portals und den als Baldachin überwölbenden Erker. Von 1529 bis 1531 hatte Erasmus von Rotterdam nach seiner Flucht aus Basel darin gewohnt, später auch der römisch-deutsche Kaiser Ferdinand I.

Freiburger Stadtwappen

über dem Alten Rathaus (oben links und unten rechts),

Wappen aus dem 14. Jahrhundert auf einem Kanaldeckel (oben rechts), Stadtwappen auf Kieselpflaster (unten links)

Das Alte Rathaus, ein weiterer Renaissancebau, 1559 fertig gestellt, wurde wie viele andere Freiburger Innenstadtgebäude nach seiner Kriegszerstörung originalgetreu wieder hergestellt. In der Touristeninformation im Alten Rathaus besorgten wir uns diejenigen Informationen, die wir zur weiteren Urlaubsgestaltung benötigten. Uns orientieren in Freiburg ? Dazu kauften wir einen Stadtplan. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ? Diese standen im offiziellen Stadtführer. Stadtführungen in Freiburg ? Das war etwas kritisch mit Rollator, da die Stadtführungen anderthalb Stunden quer durch die Innenstadt dauerten. Man empfahl uns aber eine Führung durch die Münsterkirche, die eine Stunde dauerte und deren Wegstrecke deutlich kürzer sei. Öffentlicher Personennahverkehr in Freiburg ? Eine Eintageskarte für fünf Personen kostete zwölf Euro. Für das komplette Stadtgebiet von Freiburg inklusive aller Vororte. Ein Touristenticket ? Ja, es nannte sich „Welcome Card“, es galt ebenso für das Stadtgebiet von Freiburg, die Schauinslandbahn war im Preis mit dabei, und wir mussten rechnen. Das war kein Sammelticket für mehrere Personen, sondern pro Person waren es 24 Euro, allerdings mussten wir dieses Ticket an drei aufeinander folgenden Tagen ausnutzen. Die Berechnung verwarfen wir schließlich, weil außerstande waren, im voraus so genau mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu planen. Um einiges über die Münsterkirche zu erfahren, kaufte ich mir einen Führer. Weiteres Prospektmaterial über Sehenswürdigkeiten in Freiburg, dem Schwarzwald, am Oberrhein und im Markgräfler Land nahmen wir mit.

An dem Rathaus, einem stolzen und selbstbewussten Bau, konnten wir Wappenkunde betreiben. Die Anfänge des Wappens von Freiburg markierte eine empfindliche Niederlage. Nachdem sich Freiburg unter die Herrschaft der Habsburger in Vorderösterreich begeben hatten, rumorte es im Zentrum der heutigen Schweiz. Luzern wollte sich von Vorderösterreich loslösen und dem Bündnis der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden anschließen. 1386 kam es zu einer Schlacht in der Nähe des Vierwaldstätter Sees, welche das Vorderösterreicher Heer verlor und die Eigenständigkeit Luzerns bestätigte. In der Schlacht kämpfte der Freiburger Ritter Malterer auf der Seite Vorderösterreichs, der das Freiburger Stadtbanner mit dem Georgskreuz, wie wir es heute kennen, voran trug. Die Luzerner erbeuteten die Fahne, die bis heute im Luzerner Zeughaus aufbewahrt wird. Das rote durchgehende Kreuz auf weißem Untergrund symbolisiert das Georgskreuz, das viele Kreuzritter unter dem Beistand des Heiligen Georg auf ihren Schilden führten. Der Heilige Georg, Schutzpatron von Freiburg, findet sich mit der Kreuzform des Wappens ebenso auf der britischen Flagge, wovon der Heilige Georg ebenso Schutzpatron ist. Ein noch älteres Wappen ist das 1218 eingeführte Stadtsiegel, das drei Türme über der Stadtmauer mit drei offenen Toren zeigt. Darauf befinden sich zwei Wächter, die ein Horn blasen. Dieses Wappen ziert ziemlich viele Kanaldeckel in der Innenstadt. Mit der Gebäudefront des Rathauses im Rücken, kam uns der Rathausplatz als Füllwerk in einer Anordnung von Gebäuden vor, bei der sich die St. Martins-Kirche, die romanischen Ursprungs war, wuchtig in den Platz hinein schob. Dennoch strahlte der Platz eine behäbige Gemütlichkeit aus. Im wohltuenden Schatten des Eiscafés Lazzarin schauten die Besucher in die gedrungene Form des Platzes hinein. Berthold Schwarz, ein Alchimist aus Freiburg, der 1353 das Schießpulver erfunden haben soll, schaute auf dem Zentrum des Platzes klug und mit erhobener Hand von seinem Denkmal herunter.

Bertoldsbrunnen heute (oben)

Bertoldsbrunnen 1807 gebaut (unten, Quelle: Peter Kalchtaler, kleine Freiburger Stadtgeschichte)

Wir bogen ab auf die Bertoldstraße, folgten dem Verlauf der Straßenbahn und gelangen kurz darauf zum Bertoldsbrunnen, dem zentralen Verkehrsknotenpunkt in der Freiburger Innenstadt. Gleich fünf Straßenbahnlinien kreuzten sich unter dem Denkmal. Kaufhof, Sportarena, Markthalle: der Bertoldsbrunnen war nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern scharte auch die begehrtesten 1a-Lagen um sich herum. Die Kriegszerstörungen sind Schuld daran, dass der Bertoldsbrunnen nicht mehr die Gestalt eines Brunnens hatte, sondern die etwas schlankere Form eines Sockels angenommen hatte, der sich vier Meter in die Höhe reckte. „Den Herzögen von Zähringen – Gründer der Stadt Freiburg im Breisgau“, diese Inschrift auf dem Sockel wies abermals auf das Jahr 1120 und passte auch zu dem 1807 gebauten Brunnen, der eine Zeitenwende markiert hatte. Ein Brunnen als Geburtstagsgeschenk. Wie so manche andere europäische Nation, war das Habsburger Reich, in den Koalitionskriegen, die Napoleon im Schlepptau der französischen Revolution geführt hatte, überrannt worden. Das Bündnis mit Habsburg hatte sich aufgelöst, und anstatt dessen wurde Freiburg 1806 dem Großherzogtum Baden zugeordnet, welches sich nach Frankreich orientierte und dessen Staats- und Verwaltungsstrukturen übernahm. Fortan ging alle Macht von Karlsruhe aus. Freiburg, seit 1120 eine freie und mit vielerlei Rechten ausgestattete Stadt, befürchtete einen Machtverlust. Im Mai 1807 begab sich eine Delegation zum Kurfürsten Karl Friedrich nach Karlsruhe und trug diejenigen Rechte und Institutionen vor, die die Freiburger bewahren wollten: die Beibehaltung von Universität, Schulen und Stiftungswesen, das Niederlassungsverbot für Juden, die Beibehaltung der Standorte für die Verwaltung und einer Garnison. Diese Initiative war von Erfolg gekrönt, denn der Kurfürst aus Karlsruhe stimmte zu und bestätigte drei Hauptzentren im Großherzogtum Baden: Karlsruhe, Mannheim und Freiburg. Zum Geburtstag des Karlsruher Kurfürsten Karl Friedrich am 22. November 1807 ließ dann die Stadt anstelle des Fischbrunnens den ersten Bertoldsbrunnen errichten. Auf dem Brunnen stand Graf Konrad, alias Berthold III., als Ritter mit Schild und erhobener Lanze, der 1120 Freiburg das Marktrecht zugestanden hatte. Dabei beschrieb der 1807 gebaute Bertoldsbrunnen auf seinem Sockel die gemeinsamen Wurzeln zwischen den Herrschaftshäusern Baden und Zähringen: „Karl Friedrich dem Großherzog von Baden, aus dem Stamme der Herzoge von Zähringen entsprossen, dem Ältesten der Besten der Fürsten, weihet dieses Denkmal Freyburgs dankbare Bürgerschaft im Jahre 1807“.

Dass Großbaustellen Freiburg heimsuchen, ist kein neues Phönomen. Sind es heute neue Konsumtempel, Einkaufszentren oder Ladenpassagen, so waren es früher die Moderichtungen von Baustilen. Um die 1900er-Jahrhundertwende wurde breitflächig in Europa der Jugendstil beliebt, der Blumenmuster, verschlungene Formen, exotische Pflanzen und hohe Bögen betonte. Nicht viel anders wie in heutigen Marketing-Kampagnen, wollte Freiburg in der Kaiserzeit weltoffen sein und die Strömungen der Zeit aufnehmen. Die zum Teil spätbarocke und biedermeierliche Architektur wurde abgelöst durch neue, zeitgemäße Baustile. Die Brüder Kapferer, die eine Bank an der Straßenkreuzung betrieben, wo der Bertholdsbrunnen steht, kauften 1905 drei angrenzende Eckhäuser dazu. Als der Architekt Billing aus Karlsruhe beauftragt wurde, den Gebäudekomplex an der Ecke der Kaiser-Joseph-Straße zur Salzgasse neu im Jugendstil zu bauen, wuchs an dieser Stelle eine Großbaustelle. Fotografien um 1910 zeigen die Martinstraße in einem schönem Ensemble aus Historismus und Jugendstil zum Martinstor hin.

Heute steht an dieser Stelle das Modehaus Fabel, das nach den Kriegszerstörungen des Jahres 1944 in einem schlichten, glatten und nüchternen Baustil der 1950er Jahre wieder aufgebaut wurde. Dass die Ursprünge viel früher liegen, daran erinnert eine Gedenktafel an der Hausfassade. Seit 1776 hatte Franz de Paula Kapferer, der aus Tirol nach Freiburg gezogen war, auf diesem Flecken eine Bank betrieben. Ein Student, der Georg Hauger hieß, bewohnte über der Bank eine Studentenwohnung und baute in der umgekehrten Richtung Verbindungen auf. Seit 1808 an der Freiburger Universität eingeschrieben, machte sich der Freiburger Student, der seine Berufung weniger in seinem Studium sah, auf nach Tirol und lernte dort Andreas Hofer kennen. Nachdem die Bayern Tirol besetzt hatten, probte das unterdrückte Tiroler Volk den Aufstand, weil Adelsprivilegien abgeschafft werden sollten, Kirchen säkularisiert werden sollten oder eine Kopfsteuer eingeführt werden sollte. 1809 gelang Georg Hauger das Meisterstück, in seinem Freiheitskampf für ein unabhängiges Tirol die Festung der Lienzer Klause gegen eine zwanzigfache Übermacht von Franzosen und Italienern erfolgreich zu verteidigen. Später, das war am 1. November desselben Jahres, kippten die Machtverhältnisse, als die Tiroler Freiheitskämpfer samt Andreas Hofer bei Innsbruck entscheidend geschlagen wurden. Andreas Hofer floh, der Freiburger Georg Hauger schloß sich nach unterlegenem Freiheitskampf der Habsburgischen Armee an. So verknüpft die Tafel auf der Fassade des Hauses Kapferer die Geschichte des Bank- und Warenhauses mit derjenigen Geschichte des Georg Hauger: „In diesem Hause verbrachte seine Jugend Georg Hauger (1792 bis 1858) ein Mitkämpfer von Andreas Hofer dessen Gebeine er 1823 von Mantua nach Innsbruck entführte, wo er in der Hofkirche heute neben ihm ruht.“

Kaiser-Joseph-Straße im Jugendstil

(um 1900, oben, Quelle: Peter Kalchtaler, kleine Freiburger Stadtgeschichte),

Gedenktafel an Franz de Paula Kapferer und Georg Hauger (unten)

Von der Kaiser-Joseph-Straße bogen wir ab auf die Schusterstraße, die einst zum Freiburger Handwerkerviertel gehörte. Die Schuster waren in dieser Straße allerdings immer tätig. Lange Zeit hieß die Straße „Wambeschergasse“, die nach denjenigen Handwerkern benannt wurde, die die Lederwamse der Ritter anfertigten. Erst im 19. Jahrhundert siedelten sich dort die Schuster an. Über die Münzgasse gelangten wir dann zurück in die Schlossberggarage.

Derweil flossen die Bächle ruhig vor sich. Unaufgeregt schob sich das Wasser zwischen den Granitblöcken. Schritte staksten an den Bächle vorbei, Einkaufstaschen mit sich schleppend, und das eine oder andere Bächle-Boot schwamm leise vor sich hin. Indes empfing uns der Kassenautomat im Parkhaus Schlossberggarage, von wo aus wir einstweilen die Freiburger Innenstadt verließen.

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