Nationalpark Siebengebirge

Man achte auf die Feinheiten. In der Nachkriegszeit, in Zeiten einer sich ausweitenden Industrie, galt es als revolutionär, die Schutzwürdigkeit der Natur zu erkennen. Während die Natur hemmungslos für den Straßenbau, Wohnungsbau oder Industriegebiete geopfert wurde, schuf man an anderer Stelle Landschaftsschutzgebiete, die dann wiederum auf einer größeren Fläche zu Naturparken erklärt wurden. In dem Status als Naturpark sollte die Natur gepflegt werden, die Artenvielfalt von Tier- und Pflanzenwelt sollte hoch sein, der Mensch sollte sich dort erholen und regenerieren, das besagt das Bundesnaturschutzgesetz. Durch gekennzeichnete Wanderwege sollte sich die Natur erschließen, kurzum: Naturparks sollten sich in Orte von Ruhe und Glückseligkeit verwandeln.

In seiner weit zurück reichenden Historie als Naturschutzgebiet – seit 1920, dem Entstehungsgedanken des Naturschutzgebietes - wurde 1958 das Siebengebirge als dritte Landschaft in Deutschland und als erste in Nordrhein-Westfalen zu einem solchen Naturpark aufgewertet.

Und es hätte noch schöner kommen können: zunächst Naturschutzgebiet, dann Naturpark, Zukunft Nationalpark. Ein Nationalpark im Siebengebirge – diese im Frühjahr 2007 in der NRW-Landesregierung öffentlich gewordene Idee klang vielversprechend. Die Schutzkategorien eines Nationalparks sind streng und wurden auf internationaler Ebene ausgearbeitet, der sogenannten „International Union for the Conservation of Nature“. Im Kern geht es um den Schutz von Ökosystemen und den Erholungswert der Natur. Im Gegensatz zum herkömmlichen Naturschutzgebiet werden nicht bestimmte Landschaftsformen oder Arten erhalten und gepflegt, sondern der Erhalt der natürlichen Abläufe steht im Mittelpunkt. Was dabei heraus kommt, wenn Flora und Fauna großflächig in Ruhe gelassen werden, das kann niemand vorhersehen. Es kann ein regelrechter Urwald dabei heraus kommen, es können auch ganz neue Pflanzen- und Baumarten Fuß fassen. Zum Beispiel in Brasilien, Südafrika oder Kanada, wo sich das Konzept der Nationalparks bestens bewährt hat.

Anders im Siebengebirge. Als es konkreter wurde, als die Feinheiten von Prozessschutzzonen oder eines Wegekonzeptes diskutiert wurden, geriet dieses Großprojekt in die Kleinarbeit von Auseinandersetzungen zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Politik, Verwaltung und Lobbyinteressen. Wälder gehören in Deutschland meist den Städten und Kommunen – beim Siebengebirge sind es im wesentlichen das Land NRW und die Stadt Bad Honnef als öffentlicher Waldbesitzer, zudem befinden sich ein Viertel des Siebengebirges in Privatbesitz. Wenn der Mensch die Natur weitgehend in Ruhe lassen soll, dann wird an Besitzständen von Waldbesitzern gerüttelt.

Prozessschutzzonen und Wegekonzept – als die Landesregierung NRW ihre Pläne näher erläuterte, wurde es heikel. 75% des Naturparks sollten in den Nationalpark überführt werden, um 20% sollte das Netz von Wanderwegen reduziert werden. Diese Fakten sorgten für Unmut, da einerseits Förster ihre Waldnutzung aufgeben sollten, was Einnahmeausfälle verursachte, und da andererseits Spaziergänger und Wanderer sich in ihren Freiheiten beschnitten fühlten. Es war wie so oft in der Demokratie. Es formierte sich eine Bürgerbewegung, die sich „Freies Siebengebirge“ nannte. Fortan wurde die Debatte stark polarisiert geführt, dabei wurden oft sinnfremde oder an den Haaren herbei gezogene Argumente ins Feld geführt. Es wurde angezweifelt, ob die Nationalparkgröße von 6.000 bis 8.000 Hektar erreicht würde – tatsächlich waren es 4.770 Hektar. Angezweifelt wurde auch, ob man das Wegenetz um 20% ausdünnen könne, da zu viele Ortschaften an der dicht besiedelten Peripherie von Bonn lägen. Ängste wurden geschürt, dass nur noch „Ranger“ oder „Shuttle-Busse“ die Besucher des Siebengebirges zu wenigen Aussichtspunkten bringen sollten. Für den Tourismus sei das Siebengebirge nicht mehr geeignet, da der Besucher nur noch gelenkt würde und Räume für individuelle Nutzung und Erholung fehlen würden. Ein Nationalpark sei klimaschädlich, weil sich in einer urwaldähnlichen Vegetation Methangas bilden würde. Ein Nationalpark würde die Energiekrise verschärfen, da durch den fehlenden Holzeinschlag die Weltenergiepreise steigen würden.

Diese Diskussion, die die Idee des Nationalparks so ziemlich in ihr Gegenteil verkehrte, ging an den kommunalpolitischen Verantwortlichen nicht vorbei. Von ihren Bürgern gewählt, griffen die politischen Parteien die Argumente ihrer Bürger auf. So lehnte Bad Honnef – quer durch alle Parteien inklusive der Grünen – den Nationalpark ab. Der seltenen Einigkeit unter den Parteien suchte die Landesregierung NRW mit Geld entgegen zu treten. Das Land NRW hatte bereits vor dieser Debatte fünf Millionen Euro für den Bau eines Nationalparkzentrums in Bad Honnef angeboten, dazu eine Nutzungsausfallentschädigung von 54.000 Euro pro Jahr für die wegfallende Holznutzung.

Natürlich lehnte die Bürgerbewegung diesen finanziellen Deal ab, weil es ihr um das Prinzip ging, und sie ging noch weiter: sie hatte ausreichend Unterschriften gesammelt, um per Bürgerentscheid über den Nationalpark abstimmen zu lassen, was die Verantwortlichen der Stadt Bad Honnef wohlwollend annahmen. Das Datum für diesen Bürgerentscheid wurde auf den 27. September 2009 gelegt, den Tag der Bundestagswahl. Der Kampf um den Ausgang dieses Bürgerbegehrens nahm Züge eines Wahlkampfs an, der die Frage, wer Bundeskanzler würde, fast noch übertraf: der Kreis, die Kommunalpolitiker, die Bürgerbewegung „Freies Siebengebirge“ oder auch der BUND, der den Nationalpark ablehnte, warfen sich mächtig ins Zeug und freuten sich schließlich über das Abstimmungsergebnis: 61,1% der Bad Honnefer lehnten den Nationalpark ab, eine deutliche Mehrheit.

Seitdem liegt das Projekt auf Eis, und der NRW-Umweltminister Uhlenberg zeigte sich geschockt, weil er mit einem solchen Ergebnis nicht gerechnet hatte. Bad Honnef gehören 730 Hektar der anvisierten Nationalparkfläche von 4.770 Hektar, und ohne Bad Honnef macht eine Fortführung der Planungen keinen Sinn mehr. Eine große Chance für die Natur im Herzen des Siebengebirges ist vertan worden.

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