Tagebuch September 2020

1. September 2020


Kollegen kommen und gehen, Chefs kommen und gehen, im Büro geht die Tagesarbeit ihren Gang, und in einer ähnlichen Regelmäßigkeit, wenngleich in längeren Zyklen, kommen und gehen die Umzüge. Die Zeiten, in denen wir rund zehn Jahre in demselben Bürogebäude gesessen haben, sind längst vorbei. Nun ist es wieder soweit. Noch im April letzten Jahres waren wir von Haus 2 nach Haus 4 gezogen, davon innerhalb weniger Monate vom 2. In den 1. Stock, wo wir nun unser Tageswerk verrichten. Nun hat uns ein Kommando wieder zurück beordert. Zurück, eine Etage höher, runter und wieder herauf, ziehen wir nun. Als ob diese Rastlosigkeit etwas Produktives brächte: Kommando zurück auf die alte Perspektive, die dann vielleicht in neuem Gewand neue Fortschritte und neue Erkenntnisse bringt. Zwei Umzugskartons habe ich gepackt, dabei habe ich mich so mancher angeschleppter dienstlicher Dinge entledigt. Akten und Vorgänge habe ich entsorgt, und dies mag auch seine positive Seite haben. Unnützes abstreifen, wegwerfen und loslassen. Das Wandern hat den dienstlichen Rucksack, der stets das Laptop bereithält, längst verschlissen. Wegen des ständigen Gebrauchs sind die Lebenszyklen meiner Rucksäcke ohne sehr kurz. Ihn ordnungsgemäß zu entsorgen, dazu bin ich nicht gekommen. Dies müssen nun die Reinigungstrupps erledigen während der zwei Tage, die wir im Home Office verbringen müssen.

2. September 2020


Wochen voller Anspannung, Verzweiflung, Unverständnis und Wut liegen hinter uns. In der Erbauseinandersetzung waren keinerlei Fortschritte erzielt worden. Bei unserer Vorladung am 30. Juli hatte uns das Betreuungsgericht am Amtsgericht zugesagt, dass wir in rund 14 Tagen mit der Zustimmung rechnen könnten, wobei ein Verfahrenspfleger zur Begutachtung der Geschäftsfähigkeit des Schwagers eingeschaltet wurde. Tage und Wochen vergingen, es vergingen deutlich mehr als zwei Wochen, und in der Post war – nichts vom Amtsgericht. Was die bürokratischen Strukturen und den bürokratischen Apparat betraf, hatten wir stets schlechte Erfahrungen mit dem Amtsgericht gemacht. So hakte meine Frau nach. Nachdem wir bis zur dritten Augustwoche nichts vom Amtsgericht gehört hatten, rief meine Frau bei dem Verfahrenspfleger an, einem Rechtsanwalt. Dieser teilte meiner Frau mit, dass er eine Woche später seine Stellungnahme abgegeben hätte und an das Amtsgericht gesandt habe. Daraufhin wählte sich meine Frau die Finger wund, um das Amtsgericht telefonisch zu erreichen. Sowohl unter der Durchwahl der zuständigen Rechtspflegers beim Betreuungsgericht wie bei der Zentrale des Amtsgerichtes war entweder besetzt oder es hob niemand ab. Wir zogen bereits in Erwägung, unseren eigenen Rechtsanwalt in die Sache einzuschalten, als meiner Frau es dann doch gelang, den zuständigen Rechtspfleger telefonisch zu erreichen. Er war zuletzt in Urlaub und seine Kollegin habe am 18. August den Vorgang an den Notar geschickt. Damit sei für ihn die Sache abschließend bearbeitet. Der darauf folgende Anruf meiner Frau beim Notar war ernüchternd. Das Amtsgericht hätte zwar jede Menge Text geschrieben, ebenso der Verfahrenspfleger, dies sei aber keine Zustimmung. Wir mutmaßten bereits Böses. Das Amtsgericht würde uns bewusst zappeln lassen und hinhalten, da wir dringend auf die Grundbucheintragung warteten, um an das Geld aus der Hypothek heran zu kommen. Da all die Ladungen des Amtsgerichtes stets unerwartete Wendungen zu Folge gehabt hatten, befasste ich mich innerlich bereits mit dem Szenario, dass das Amtsgericht irgendwann die Zustimmung verweigern würde und das ganze Umbauvorhaben zu platzen bringen könnte. Um für Klärung zu sorgen, fuhr ich am Folgetag, bevor ich im Büro erschien, mit dem Rennrad beim Notar vorbei, um mir dort den Inhalt des Vorganges anzuschauen. Im Notariat las mir der Notariatsangestellte den Text vor, den ich nur bruchstückhaft verstand, darunter dass es um eine Finanzierungsvollmacht ging, die der Verfahrenspfleger als gegeben betrachtete. In der Tat stand aber nichts von einer Zustimmung in diesem Schreiben. Um diesen Sachverhalt zu klären, schlug der Notariatsangestellte vor, dies bilateral mit dem Amtsgericht zu klären, was uns sehr lieb war. Am Folgetag erlebten wir eine Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit des Amtsgerichtes, die wir nie und nimmer für möglich gehalten hätten. Per Post erhielten wir nämlich als Zustellungsauftrag die Zustimmung des Amtsgerichtes zur Erbauseinandersetzung. All unsere Verzweiflung und unsere Wut löste sich in Erleichterung auf.

3. September 2020


Ganz so einfach war es mit der Zustimmung des Amtsgerichtes zur Erbauseinandersetzung dann doch nicht. Die Haken und Ösen des Gesetzes greifen zum Nachteil des Bürgers, es ist ein Elend mit der Bürokratie. Wir werden in ein Wechselbad der Gefühle eingetaucht und haben erneut die Nerven blank liegen. Beim telefonischen Nachfragen meiner Frau hat der Notariatsangestellte gesagt, dass ein Stempel des Amtsgerichtes fehlt. Außerdem könne der Beschluss des Amtsgerichtes erst dann umgesetzt werden, bis dieser rechtskräftig sei. Dies sei erst dann der Fall, wenn die Rechtsmittelfrist abgelaufen sei. Dabei ist der Text der Rechtsmittelbelehrung so verwirrend, dass mehrere Fristen genannt werden – von vierzehn Tagen bis zu 5 Monaten. Wir werden also weiterhin hingehalten und müssen warten – diesmal vom Notar. Da uns nicht danach zumute ist, uns mit solchen juristischen Spitzfindigkeiten zu befassen, werden wir die Angelegenheit an unseren eigenen Rechtsanwalt weiterleiten.

4. September 2020


An Baustellen mangelt es wahrhaft nicht in unserer Gegend – stets stören sie, stellen sich an den falschen Stellen in den Weg, sie ufern aus und kosten Umwege sowie Zeit. Den Drang der Ingenieure nach Selbstverwirklichung fördern sie, die sich an technischen Meisterleistungen abarbeiten können. Ein solches Infrastrukturvorhaben von einer ungeahnten Größenordnung ist der S-Bahn-Bau. Vierspurig wird die Bahnlinie von Troisdorf nach Bonn-Oberkassel ausgebaut, und die Menge an Erdreich für die zwei zusätzlichen Bahngleise sprengt so einige Dimensionen. Diese Baustelle hat es in sich und verspricht Bauarbeiten über eine Zeitspanne von mehreren Jahren. Technische Meisterleistungen kann man dort bewundern, wo Brücken gebaut werden müssen. Der Moment des Brückenschlags dürfte höchst spannend sein, wenn die in Einzelarbeit gefertigte Brücke passgenau neben die vorhandene Brücke gesetzt werden wird. Einstweilen fällt der Blick auf die überdimensionale Baustelle. Die Bahntrasse ist noch zu auszubauen, Baustellenfahrzeuge kurven herum, Strommasten sperren sich gegen die Schäfchenwölkchen, Haufen von Bauschutt haben sich hinter Bauzäunen angesammelt. Die Bauarbeiter sind fleißig und tun ihr bestes, dass es vorwärts geht.

5. September 2020


Eine Dreiecksfahrt am Samstag, bei der wir unterschiedliche Dinge miteinander organisiert bekamen. Tochter und Frau hatten beschlossen, in Bonn einzukaufen. Da unsere Tochter ähnlich talentiert beim Beschlabbern ist wie ich, ist ihr Bedarf an Anziehsachen dauerhaft hoch, was das Motiv für den Shopping-Samstag war. Ich fuhr die beiden mit dem Auto nach Bonn, damit ich währenddessen Abfall aus dem Haus des verstorbenen Schwiegervaters entsorgen konnte. Ich kehrte zurück, und der Klassenkamerad unserer Tochter half beim Verstauen zersägter Türen, alten Bettzeugs, Teppichboden und so weiter. Um die Mittagszeit fuhren wir zum Wertstoffhof der RSAG in Troisdorf, von dort aus weiter zum Troisdorfer Tierheim, um Decken für Hunde und Katzen abzugeben. An diesem Ort überlegte der Klassenkamerad unserer Tochter. Er überlegte, nicht zu uns nach Hause zurück zu fahren, sondern nach Bonn, wo meine Frau und die Tochter zwischenzeitlich in einem chinesischen Restaurant am Marktplatz zu Mittag aßen. Ich rief meine Frau an, wo genau sie sich befanden, ich erfragte den Namen des chinesischen Restaurants, der Mitschüler suchte das Restaurant auf seinem Smartphone. Ich fuhr ihn nach Bonn und setzte ihn an der Bushaltestelle am Marktplatz ab. Zurück fuhr ich einmal um den Hofgarten herum, durch das Koblenzer Tor über die Römerstraße und die Graurheindorfer Straße auf die Autobahn. Als ich zu Hause ankam und mit dem Kochen begann, war es bereits nach 14 Uhr. So zog sich in die Länge, bis wir zu Mittag aßen. Derweil waren Frau, Tochter und Mitschüler startklar, so dass sie anriefen, wie es mit dem Mittagessen aussähe. Mittendrin und vollumfänglich beschäftigt, verzichteten sie darauf, von mir abgeholt zu werden, damit ich die Tomatensuppe zu Ende kochen konnte. Bis hierhin war ich so einiges durch die Gegend gefahren, in einem Niederkasseler-Troisdorfer-Bonner Dreieck. Zu Hause wurden wir erst nach drei Uhr mit dem Essen.

6. September 2020


Zu fünft unterwegs, benötigten wir einige Zeit, bis wir uns auf einen Besuch des verkaufsoffenen Sonntags in Troisdorf einigten. Zunächst schauten wir bei TEDI, was für unsere Katzen im Angebot war. Wir kauften Freßschalen, von denen bei uns zu Hause einige kaputt gegangen waren. Danach trotten wir durch die Fußgängerzone, bummelten hier, bummelten da. Sah man davon ab, dass wir beim Betreten der Geschäfte die Maske anziehen mussten, glaubte man, dass die Dinge in Zeiten von Corona wieder vollkommen normal waren. Den gewünschten Abstand zu anderen Kunden einhaltend, schmökerte ich ordentlich bei Mayers Buchhandlung in der regionalen und lokalen Freizeitliteratur herum. Indes trieb sich unsere Tochter in der Ecke mit den Manga-Comics herum. Alles sah vollkommen normal aus wie an anderen verkaufsoffenen Sonntagen, die wir in Troisdorf erlebt hatten. Es kam uns so vor, als hätten ein paar weniger Geschäfte geöffnet. Lag dies an Corona ? An einem Modegeschäft, das draußen auf Gestellen Hemden im Angebot hatte, stöberten wir herum. Die Auswahl an Hemden für 25 Euro und T-Shirts für 15 Euro war nicht schlecht. Ein Hemd für meinen Schwager und ein Pullover für mich waren das Ergebnis des Einkaufs. Indes schritt die Zeit beim Bummeln fort. Dort lugte ich bereits zum gegenüberliegenden Eiscafé herüber, weil ich Lust auf Eis verspürte, doch draußen tummelten sich an allen Tischen die Eis schleckenden Besucher. Alle Tische waren belegt. Wir schauten bei Eisen Lobert vorbei in der Absicht, Haustürschlüssel nachzufertigen, doch dieses Eisenwarengeschäft war am verkaufsoffenen Sonntag geschlossen. Erfolgreicher waren wir an der nächsten Straßenecke, gegenüber einer Bäckerei, wo ich im Februar diesen Jahres mit meinem Schwager Kuchen gegessen hatte. Draußen war nämlich ein Tisch an der Eisdiele „Adria“ frei geworden. Bei moderaten Temperaturen und bewölktem Himmel schleckten wir das kühle Eis in uns hinein, und der Kiwi-Becher unserer Tochter war mit den grünen Früchten reich garniert. Der Schwager aß einen Schwarzwälder-Kirsch-Becher, und wir waren alle zufrieden.

7. September 2020


Der Dissens zwischen meiner Frau und mir wird wohl dauerhaft bleiben, welchen Stellenwert wir dem Hausrat einräumen, der herum steht und seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr von der Stelle bewegt worden ist. Abstellräume, Stellflächen und Stauräume sind vollgestopft, und es fällt schwer, Hausrat zu identifizieren, der so unnütz ist, dass man ihn entsorgen kann. So entbrannte ein heftiger Streit zu Übertöpfen. Von Zeit und Zeit bekamen wir Geburtstagen oder dergleichen Blumen in Übertöpfen geschenkt. Die Blumen verwelkten irgendwann, wir schmissen sie auf den Kompost, die Übertöpfe blieben. Über Jahrzehnte hinweg hat sich eine große Auswahl von Übertöpfen im Vorratskeller und in der Garage angesammelt, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, die Übertöpfe wieder mit Blumen zu bepflanzen. Dazu kam im Haus des Schwiegervaters eine größere Auswahl von Übertöpfen, der dieselbe Historie hinter sich gebracht haben dürfte wie diejenigen in unserem Haus. Zusammengefasst, ist das Potenzial an Übertöpfen jedweder Machart und Größe groß bis sehr groß, was so bei uns herum steht. Zuletzt hatte meine Frau einen Anlauf gewagt, an die zehn Übertöpfe unterschiedlichsten Designs und Größe an den Mann oder die Frau zu bringen – wie zu erwarten, vergeblich. Rund eine Stunde hatte ich abends damit verbracht, diese Übertöpfe schön sauber zu spülen. Einige davon hatte ich in mehreren Schleifen von Spülvorgängen sauber gespült, weil sie beim ersten Mal nicht ausreichend sauber geworden waren. Als ich am Samstag zum Wertstoffhof der RSAG fuhr, hatte ich es gewagt, an meiner Frau vorbei vier kleinere, weiße Übertöpfe aus unserem Vorratsraum zu nehmen, die unangerührt seit unserem Umzug vor 12 Jahren dort unter einem Regal standen. Gemeinsam mit Holzabfällen, Teppichboden, Resten von Textilien und anderem Hausmüll fuhr ich diese zur RSAG und entsorgte diese dort. Einen Tag später, hatte ich nicht einkalkuliert, dass sich meine Frau solche Nischen und Ecken, was wo herum steht, genauestens eingeprägt hat. Ihr war nämlich aufgefallen, dass dort die vier Übertöpfe fehlten. Abends stellte sie mich zur Rede, was ich denn entsorgt hätte. Zu diesen vier Übertöpfen entbrannte ein heftiger Streit, wieso ich sie nicht befragt hätte. Damit hatte sie sicherlich Recht. Sie verwies auf Erinnerungen, dass man nicht so einfach persönliche Erinnerungen auslöschen können. Die Erinnerungsdiskussion führt aber zu dem Ergebnis, dass diese vier Übertöpfe stehen geblieben wären. Als Bestandteil eines Museums von Erinnerungen wird alles konserviert, alle Ecken sind vollgestopft mit Hausrat. Der kleinere Teil, den wir abgestreift bekommen, ist ein wahnsinnig mühevoller und nervenzehrender Prozess.

8. September 2020


Große und weite Plätze ? Stets kommt es mir so vor, dass wir viel zu wenige davon in unserer Republik haben. Viele Plätze drängen sich in ihrem Karree eng zusammen, sie werden überragt von Bürobauten, mit ihren glattgeleckten Fassaden sind sie viel zu steril oder es mangelt an Cafés oder Gastronomie. Marktplätze, Rathausplätze oder Plätze im Stadtzentrum mittendrin scheinen nicht für Menschen gemacht, sondern müssen sich anderweitigen Funktionen unterordnen. Ein sehr positives und schönes Exemplar eines solchen Marktplatzes habe ich heute in Mayen in der Eifel erlebt. Es gibt sie, solche Städte, die an einem zentralen Punkt zusammen laufen. Von der Höhe grüßt die Genovevaburg, das Rathaus aus dem 18. Jahrhundert fühlt sich am Marktplatz wohl. Viele Straßen aus der Fußgängerzone laufen dort zusammen. Und vor allem verspürt man auf dem trapezförmigen Platz Weite, Länge, Abgemessenheit, Großzügigkeit und eine grenzenlose Freiheit. Cafés und Restaurants gibt es zuhauf, und von der Bäckerei Hoefer aus habe ich die grenzenlose Weite des Platzes genossen. Der Marktplatz in Mayen – ein wunderschöner Flecken zum Verweilen.

9. September 2020


Dass sich Basaltlava-Kreuze in größerer Anzahl hinter der Mayener Genovevaburg versammeln, ist kein Zufall. Die Kreuze sind alt, sehr alt, und reichen bis um 1600 zurück. Sie beeindrucken durch ihre Schlichtheit und ihre filigrane Verarbeitung. Steinmetze haben feine und eine kunstvoll gestaltete Arbeit geleistet. Die Steinkreuze wurden geschaffen zum Andenken an Verstorbene oder Verunglückte, sie stellen Sühnezeichen dar, sie wurden errichtet als Dank für eine Rettung aus Notlagen oder einfach nur zur Ehre Gottes. Die frommen Stifter der Kreuze hofften, dass Vorübergehende ein Gebet für die Stifter sprechen würden. In ihrer sehr unterschiedlichen Gestaltung spiegeln sie den Zeitgeschmack, aber auch die Finanzkraft der Stifter. Solche Basaltlava-Kreuze finden sich an vielen Orten der Vulkaneifel, doch Mayen ist ein besonderer Ort. Die Mühlsteinbrüche am Stadtrand von Mayen lieferten das Material für viele Wegekreuze in der Vulkaneifel bis in den Kreis Ahrweiler. Diese Basaltlava-Kreuze sind somit in direkter Nähe beheimatet.

10. September 2020


Die Plattform der Kommunalwahl haben wir genutzt, damit Kommunalpolitiker zuhören. Auf den Wahlplakaten lächeln ja alle schön drein, sie putzen sich heraus, der Unterschied zu Werbeplakaten verschwimmt. In Gruppenfotos wollen alle Parteien nur das Beste für ihren Bürger, in hohlen Phrasen versprechen sie vieles. Dass die Wahl zur Werbeveranstaltung ausartet, dem haben wir entgegen gewirkt, indem wir auf die Kommunalpolitik zugegangen sind. All unsere Nöte und Sorgen zu unserer Erbauseinandersetzung haben wir formuliert, unsere Wut über Bürokratie und Behörden haben wir kanalisiert. Von Schwerfälligkeit und Bürokratie werden die Bürger regiert. Beamte, die unfähig sind, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, sind in ihren Vorschriften gefangen. Der Bürgermeisterkandidat in unserem Ort, Matthias Großgarten, hat zugehört. Wie so viele andere, bestätigte er das Trauerspiel der Vorgehensweisen. Die Bürokratie läßt den Bürger zappeln, sie beharrt nur auf Gesetzen, Vorschriften und Richtlinien und zeigt keinerlei Auswege. Derzeit sind wir gefangen in diesem Konstrukt, das uns nur sehr allmählich und sehr stark zeitverzögert voranschreiten läßt. Der SPD-Kandidat, Matthias Großgarten, hat meiner Frau zugehört.

11. September 2020


Dass im Wahlkampf nicht nur hohle Phrasen gedroschen werden, da werden wir auf Wahlplakaten selten eines besseren belehrt. Auf der Ebene von Kommunalwahlen drohen diese unterzugehen, wenn Umgehungsstraßen, die Sanierung des Kanalnetzes, neue Kindertagesstätten oder offene Ganztagsschulen anderenorts niemanden interessieren. Identitätslos stehen die Bewerber für die Stadträte auf Wahlplakaten alleine oder beisammen. Ihr verzweifelter Versuch, mit einem Lächeln den einheitsgrauen Hintergrund aufzuhübschen, läuft in die Leere der Betrachter. Eher selten gelingt es den Kommunalpolitikern, griffige Streitthemen aufzugreifen und damit Denkanstöße in Gang zu setzen. Den Linken ist dies auf dem Radweg am Beueler Rheinufer gut gelungen. Auf dem Wahlplakat ist der Neubau auf dem Beueler Rathausplatz zu sehen, über dessen postmoderne Architektur sich trefflich streiten läßt. Zu kalt, zu nüchtern, zu abstoßend, so mein eigenes Geschmacksurteil. Der Gebäudeklotz läßt den Rathausplatz seelenlos erscheinen, diese Wortwahl prägt die Überschrift. „Mehr Seele in der Stadtentwicklung“. Dieser Slogan umreisst vieles, was in der Stadtplanung schief läuft. Wie unsere Städte aussehen, orientiert sich nicht an den Menschen, die dort wohnen, sondern an einem Gemengelage aus Stadtplanern, Architekten, Bauherren, Investoren und was aus dem Kapital erwirtschaftet wird. Eine Stadtplanung wird nicht gemacht, damit Menschen sich wohlfühlen. Anstatt dessen bedarf es einiger Phantasie, wegzuschauen und sich dorthin zu begeben, wo an anderer Stelle der Wohlfühlcharakter zu finden ist.

12. September 2020


Man wagt sich und tastet sich langsam heran, was in Zeiten von Corona machbar möglich ist. Abstände können variabel definiert sein, und Namenslisten ermöglichen eine Rückverfolgung von Infektionsketten. In Sälen kann eine reduzierte Anzahl von Besuchern an den Tischen die Plätze besetzen. Die Fenster kann man öffnen und lüften, so dass Feste und Veranstaltungen unter geänderten Rahmenbedingungen statt finden können. Wenn Oktoberfeste gefeiert werden können, ist alles beinahe schon wieder normal. Alle hoffen, dass sich die Zeiten von Corona in einer neuen Normalität dem Ende zuneigen.


13. September 2020


Am Tag der Kommunalwahl haben wir einen Garagenflohmarkt durchgeführt, um einige Wähler zu der Auswahl unseres zu verkaufenden Hausrats zu locken. Lange Zeit gelang dies mehr schlecht als Recht. Nur wenige Wähler schauten herein. Die meisten Wähler grüßten freundlich, schritten aber gemessenen Schrittes vorbei. Um die Mittagszeit herrschte gähnende Leere, nachdem wir gegen 10 Uhr immerhin das Set aus einer Kinderbank mit Stühlen und einen Puppen-Schlitten verkauft bekamen. Ich schaute in den azurblauen Himmel hinein, nichts ereignete sich, während Frau samt Schwager zu Hause zu Mittag aßen. Nachdem wir uns abgelöst hatten und ich selbst zu Hause Miracoli aß, war es im Grunde genommen die Nachbarin neben dem Haus des verstorbenen Schwiegervaters, die den Garagenflohmarkt rettete. Sie kaufte sperrige Teile wie eine Truhe, dazu Ersatzteile für Vorwerk-Staubsauger, die wir in einer Klappbox gesammelt hatten, aber noch einiges mehr.


14. September 2020


Möwen, ein Phänomen bei Niedrigwasser auf dem Rhein. So ähnlich wie Raben oder Elstern es tun, rotten sie sich zusammen, sie vereinigen sich in Schwärmen, sie fliegen gemeinsam durch die Luft, alles in direkter Rheinnähe, am Ufer oder dicht über der Wasseroberfläche. Führt der Rhein ausreichend Wasser mit sich, ist mir das Phänomen der Möwen weniger aufgefallen. Gezielt lassen sie sich auf Landzungen oder Inseln nieder, die bei Niedrigwasser aus dem Rhein heraus ragen. Ihre Flügelschläge holen weit aus, ihr Gekreische ist ähnlich durchdringend wie das Geschnattere von Enten, aber die Tonlage ist höher und weniger intensiv. Kurzum, ein durchaus angenehmes Geräusch von angenehmen Begleitern bei der Fahrradfahrt entlang der Rheinuferpromenade.

15. September 2020


Wir schreiben den 15. September, und der Klimawandel verblüfft mit immer neuen Temperaturrekorden. 34,9 Grad wurden an einem 15. September gemessen, wobei mir die Hitzetemperaturen weniger schweißtreibend vorkamen als an einem Hochsommertag in den vorherigen Monaten. Etwas schräger über dem Himmel stehend, hatte die Strahlkraft der Sonne ein wenig nachgelassen. Die schattigen Stellen hatten zugenommen, so dass man die Hitze besser aushalten konnte. Die Trockenheit hatte aber ebenso zugenommen, so dass sich die Blätter an den Bäumen so sehr verfärbten, als hätten wir bereits Herbst. Das Ufer der Sieg belebte sich wie an einem heißen Hochsommertag. Die Badenden kühlten sich ab, sie tappsten mit den Füßen im Wasser herum oder tauchten ihren Körper in das kühlende Nass hinein.

16. September 2020


In diesen Tagen sieht es so aus, als würde die Grundbucheintragung und die Bereitstellung von Geldern aus dem Hypothekendarlehen Fortschritte machen. Der Bestätigungsvermerk des Amtsgerichtes, dass der Beschluss zur Zustimmung zum Erbauseinandersetzungsvertrag rechtskräftig ist, ist an den Notar abgesandt worden. Der Notar wird dann die benötigten Unterlagen an das Grundbuchamt zwecks Überschreibung des halben Erbanteils an meine Frau weiterleiten. Wo genau der Zeitpunkt dazwischen hängen wird, dass die Gelder zur Bezahlung der Handwerkerrechnungen ausgezahlt wird, das können wir nicht genau abschätzen. Es geht aber voran. Derweil hat meine Frau eine rege Kommunikation mit den Handwerkern, um den Einzugszeitpunkt 1.1.2021 zu gewährleisten. Naturgemäß läuft nicht alles glatt bei den Handwerkern. Fliesenleger, Heizungsinstallateur und Elektriker sind dennoch derzeit voll in Aktion.

17. September 2020


Ein Lüpertz bürgt für sich, seine Kunst und seine Skulpturen haben sich in der Stadt infiltriert, so als ob eine Spritze in den menschlichen Körper eindringt. Mit einer Vielzahl von Kunstwerken ist Lüpertz im Rheinland eine prägende Größe. Eine elf Tonnen schwere Statue in Duisburg, sieben bemalte Kirchenfenster in der Kölner romanischen Kirche St. Andreas, eine 2,70 Meter hohe Bronzeskulptur von Ludwig van Beethoven im Bonner Stadtgarten: kurzum, in der Kunstszene kommt man an ihm nicht vorbei, außerdem hat er in Bonn ein weiteres Monument geschaffen. Vor dem Posttower wurde 2007 die Statue des Mercurius enthüllt, wobei Skulpturen einen Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit darstellten. Mit dem Mercurius spannt er den Bogen auf von der Post zur Logistik und zum Handel, dann zu römischen Göttern. Griechische und römische Götter wurden gerne in Analogie betrachtet. Was unter den griechischen Göttern Hermes, der Götterbote, der Gott des Handels, war, das war bei den Römern Mercurius, dessen Wortbildung auf „merx“, die Ware, zurückgeht. Bei den Römern galt er als Beschützer des Kornhandels, und im Jahr 495 weihten ihm die Römer einen ersten Tempel. Als Gott des Handels erscheint er gelegentlich auf der Rückseite von Münzen. Der Zusammenhang, den Mercurius am Fuße des Posttowers aufzustellen und zu enthüllen, erscheint also nicht abwegig. Lüpertz verbindet also die Moderne eines weltweiten Logistikkonzern mit den antiken Mythen des Handels.

18. September 2020


Ein Blick von der Rheinfähre voller Romantik. Das erste Mal nach meinem Herzinfarkt bin ich mit dem Rennrad zur Fußpflege nach Bornheim gefahren, dann zurück über die Rheinfähre nach Hause. Ein phänomenaler Sonnenuntergang, den ich aus vollem Herzen genoss. In der Langsamkeit der Bewegung der Fähre senkte sich die Sonne in weniger als im Zeitlupentempo herab. Zwischen den Baumreihen schien sie hindurch, ihre Strahlen zerflossen, so wie der Wasserspiegel des Rheins, wo sich die Baumreihen spiegelten. Die Fähre fuhr so langsam, dass der Sonnenuntergang wie konserviert und angehalten schien. Dabei dachte ich vorausschauend an die nächsten Monate, dass die Tage immer kürzer würden.

19. September 2020


Allmählich schreiten die Arbeiten im Haus des verstorbenen Schwiegervaters voran, so dass nicht ausbleibt, dass das eine oder andere zu entsorgen ist. Der Balkon ist neu gefliest worden, und dabei haben die Fliesenleger das Balkongeländer abgerissen. Da gleichzeitig die Terrasse einen neuen Fliesenboden erhalten hat, sammelt sich aller Schutt und Abfall im Hof hinter dem Gartentor. Dabei ist das alte Balkongeländer besonders sperrig. Unzerlegt, nimmt es die komplette Länge des Hofbereiches ein und stellt sich dem Laufweg entgegen. Im ersten Schritt haben wir die Kunststoffverstrebungen entfernt, und mit anderen Holzabfällen haben wir diese zur Wertstoffannahme der RSAG gefahren. Um das Metallgeländer zu zerlegen, muss ich noch eine dementsprechende Trennscheibe für unsere Flex im Baumarkt besorgen.

20. September 2020


Heute haben wir uns spontan entschlossen, vom Köln-Bonner Umland in das extraterrestrische Ausland nach Düsseldorf zu fahren. Beheimatet zwischen Köln und Bonn, müssen wir uns stets zurechtfinden, um in die Düsseldorfer Normalität einzutauchen. Das stets unsichere Terrain der Landeshauptstadt von NRW haben wir von hoch oben erkundet. Der Ausblick vom Restaurant des Fernsehturms war wirklich phänomenal. Bei einer bestechend klaren Fernsicht und bei wolkenlosem Himmel konnten wir bis nach Köln zum Siebengebirge schauen. Wir bestaunten die lang ausholenden Schleifen des Rheins, die in unserem Flussabschnitt viel begradigter waren. Der Blick in die andere Richtung ging bis zum Ruhrgebiet, wo wir die Städteansammlungen von Duisburg, Oberhausen oder Essen nicht zuordnen konnten. Die Altstadt lag glasklar zu Füßen mit ihren glatt aneinander stehenden Häuserreihen. Hinter Neuss rauchten die Kühltürme der Braunkohlekraftwerke in die Höhe. Nachdem der Fahrstuhl uns mit einer irren Geschwindigkeit auf den Boden zurück beförderte, schlenderten wir die Rheinpromenade entlang, wo bei blendendem Sonnenschein und warmen Temperaturen viel Volk unterwegs war. In einem Brauhaus ganz in der Nähe des Rathauses aßen wir eine Kleinigkeit.

21. September 2020


Es gibt so einige Dinge im Leben, da wähnt man sich spät. Wieso haben wir es nie gemacht ? Seit 2004 gibt es den Laachovend in unserem Ort, gerne hätte ich den Laachovend besucht, aber ständig und dauerhaft hatten wir nie die Zeit gehabt, wir hatten etwas anderes geplant oder wir hatten den Besuch depriorisiert. Heute nun war es doch soweit. Endlich haben wir es nach Christoph Brüske geschafft, und es hat sich gelohnt. Die Atmosphäre im Saal war vertraut, Christoph Brüske schritt durch den Saal zur Linde und begrüßte viele Gesichter, die er aus unserem Ort kannte. Er erzählte, dass er lange Zeit in der Springmaus seine Vorstellungen gegeben habe. Ziemlich lange sei er selbstständig und stünde selbst auf der Bühne. Wir haben viel gelacht, und zwei Gäste hatte er mitgebracht. Das war Hastenraths Hans aus Heinsberg und ein Künstler aus der Springmaus, der auf seinem Klavier mit Worten und Begriffen, die ihm das Publikum zurief, Musik improvisierte. Es war ein schöner Abend mit Christoph Brüske und seinen Gästen, den wir gerne wieder besuchen werden.

22. September 2020


Unser vorgestriger Düsseldorf-Besuch hatte einen negativen Beigeschmack. Schon auf unserem Weg, vom Parkplatz unter dem ausgebauten Zubringer zur Rheinkniebrücke zum Fernsehturm, war uns das Großaufgebot an Polizei aufgefallen. Kolonnen von Mannschaftswagen waren geparkt, Polizisten in Uniform und Springerstiefeln patroullierten, einige Polizisten trabten auf Pferden. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen, in der überwachten Hochsicherheitszone von Düsseldorf, wo nichts darauf hindeutete, dass Staat und Recht und Ordnung gebraucht würden. Schlauer wurden wir, als wir von unserem Bummel vom Fernsehturm zur Altstadt zurück kehrten. Mit einem Paukenschlag hämmerte Musik aus nicht lokalisierbaren Lautsprechern über den Platz vor der Rheinkniebrücke, der nach dem einstigen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau benannt war. Der Beton der Brückenpfeiler stemmte sich gegen den brüllenden Sound, der den Refrain „Antifa Hooligans“ in die Atmosphäre schrie. Das Gebrüll ohne jeglichen Rhythmus und ohne Melodie widerte uns an, während Demonstranten der Corona-Gegner über die Brücke voran schritten, unter ihnen lasen wir Transparente wie „Corona-Rebellen“. Es war skurril, welche Verdrehungen unsere Demokratie vollzog. Weithin fügt man sich AHA-Regeln der Corona-Maßnahmen, und sehr viele üben sich im Verzicht, was äußerst schmerzlich ist. Es ist ein Verzicht für die Solidargemeinschaft, die Schwachen nicht anzustecken und im extremen Verlauf der Erkrankung das eine oder andere Leben zu retten. Was Karnevalisten, Schausteller, Kulturschaffende, Künstler oder kleine Theater durchleben müssen, geht wahrhaft an die Substanz. Demokratie hin, Demokratie her, die Freiheit des Demonstrationsrechtes trieb unter den Corona-Rebellen in Düsseldorf seltsame Blüten. Dass Abstand in der Demonstration gehalten wurde, davon war wenig zu sehen. Masken trug niemand. Der Zug der Demonstranten war sehr lang und schob Schilder aus ganz NRW vor sich her, darunter konnten wir die Städte Aachen oder Krefeld heraus lesen. Es herrschte ein Zustand der Anarchie, dass sich die Corona-Rebellen über all das hinweg setzten, worauf Karnevalisten, Schausteller, Kulturschaffende, Künstler oder kleine Theater verzichten mussten. Reihenweise werden deren Veranstaltungen abgesagt, während die Corona-Gegner sich ihre Freiheiten herausnehmen. Uns widerte das an, so wie der Refrain der „Antifa Hooligans“, wenngleich die Teilnehmer zivil gekleidet waren ohne Reichsflaggen und ohne den martialischen Look der rechten Szene.

23. September 2020


Wie ich derzeit zum Objekt des Kapitalismus am Arbeitsplatz werde. Von Ausbeutung will ich nicht reden, da ich mir selbst meine eigenen Freiheiten am Arbeitsplatz genommen habe. Mein Arbeitgeber meint, ich verdiene zu viel. Weil ich mir gelegentlich meine Freiheiten heraus genommen habe, wird mein Chef und mein Chefchef in dem einen oder anderen Punkt Recht haben. Was ich an Output erbringe, entspricht nicht meiner Bezahlung, so die These. Als Mensch werde ich in den Dienst des Kapitalismus übergeben. Ich werde bezahlt, und so soll ich als wirtschaftendes Subjekt in meiner Firma ebenso einen Profit erwirtschaften, das meint mein Arbeitgeber. Diesen Kreislauf des Profitdenkens habe ich längst versucht zu verlassen. Ich leugne es, profitabel sein zu wollen, aus Spaß an der Freude mache ich meinen Job. Stets habe ich Sinn und Inhalt darin gesehen, mit Zahlen zu hantieren, all die kundenbezogenen Kontakte damit zu begleiten und den Bezug zur Basis, den Mitarbeitern in den Call-Centern und den Kunden, herzustellen. Nach diesem Gespräch wird alles auf den Kopf gestellt. Ich muss grübeln und in mich kehren.

24. September 2020


Eine der letzten warmen bis sehr warmen Sommertagen hatten wir erwischt, als wir uns mit meinem Facebook-Freund Wim de Vries getroffen hatten. An der Siegfähre hatten wir uns getroffen, er hatte seine Frau mitgebracht, und es war gut, dass er einen Tisch reserviert hatte, denn draußen waren die Tische voll besetzt. Wir plauderten über nicht sehr viel konkretes. Seine Enkelin, die in der Kindergarten ging, hatte sich einem Corona-Test unterziehen müssen, der glücklicherweise negativ ausgefallen war. Bei seinen Fototouren kam seine Frau Gaby oftmals mit, allerdings nicht, wenn es die wahnsinnig frühen Aufstehzeiten bei Sonnenaufgängen waren. Zuletzt waren beide in Finnland gewesen, ansonsten waren sie Corona-bedingt weniger im Ausland unterwegs. Ihr Auto hatten sie in Bergheim geparkt, um noch ein Stück zu Fuß laufen zu können. Naturgemäß erzählte meine Frau ausführlich von unserem sich endlos in die Länge ziehenden Umbauvorhaben. Nachdem wir einmal das Treffen mit Wim verschoben hatten, war es um so schöner, dass es diesmal geklappt hatte.

25. September 2020


In Zeiten von Corona sollte man annehmen, dass Bäckereien zu den krisenfesten Betrieben gehören, da Brot und Brötchen ständig gekauft werden und da Bäckereien während des Shut-Downs wie gewohnt geöffnet hatten. Schaut man genau hin, sehen die Verhältnisse eher umgekehrt aus. Große Bäckereien haben in der Vergangenheit kleine aufgekauft, und es herrscht ein Glaubenskampf zwischen von Hand hergestelltem und industriell gefertigten Brot. Die Ketten von Großbäckereien haben zugenommen, die untereinander in einen Konkurrenzkampf getreten sind. Wahrscheinlich ist während Corona weniger Brot gegessen worden, die Cafés mussten ein ganze Zeit schließen, was in unserer Stadt die Bäckereikette Lubig nicht verkraftet hat. Genau während des Shut-Downs sind alle Filialen geschlossen worden. Genauso hatte es Oebel in Troisdorf erwischt, die Konsolidierungswelle bei Großbäckereien schreitet also voran.

26. September 2020


Es kommen immer neue Dinge zum Vorschein und müssen irgendwo hin. Obschon wir einiges auf Flohmärkten verkauft haben, ist der Rest an Hausrat nicht unerheblich, der im Keller, in Kartons und sonstwo herum steht oder vergeblich ins Internet gestellt worden ist. Diese Wanduhr erinnert an die Gewerkschaftszugehörigkeit des Schwiegervaters, der als Maurer Mitglied der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden gewesen ist. Beim Dorftrödel in diesem und im letzten Jahr hatte die Wanduhr auf unserem Tapeziertisch zum Verkauf ausgelegen, ohne dass irgend ein Kaufinteressent nachgefragt hätte. Beim Garagenflohmarkt vor vierzehn Tagen haben wir die Wanduhr erst gar nicht ans Tageslicht geholt, weil sie verstaubt war. Zum Entstauben fehlt die Zeit, und nun haben wir sie wieder schön sauber gemacht. Das Arrangement, so wie es sich am Ende unseres Esstisches befindet, könnte man als Stilleben verstehen. Meine Flasche Fassbrause habe ich ausgetrunken, während die Uhr vor sich hertickt. Der Uhrzeiger steht nicht still, die Zeit schreitet unaufhaltsam voran. Unser Kater Rambo sieht das gelassen. Er schaut weg, ihn geht das gar nichts an, er hat seinen massigen Körper auf der Tageszeitung ausgebreitet. Unumstößlich ruht er in sich und läßt seine wachen Momente auf sich zukommen.

27. September 2020


Bisweilen suche ich nach Punkten der Ruhe, in aufgewühlten Zeiten, in denen eine bedeutungsschwere und spannungsgeladene Woche bevorsteht. Wie in vielen Situationen, ist der Rhein ein vereinigendes Band, an dem man sich orientieren kann. Er ist ein wiederkehrendes Motiv, das mit den leise daher tuckernden Schiffen Ruhe ausstrahlt, eine Ruhe, die ich in den Zeiten von Hektik und Stress mehr denn je gebrauchen kann. Die Woche wird es in sich haben. Nach der barschen Kritik meiner Vorgesetzten an meinem Arbeitsstil und meiner Arbeitsqualität werde ich mir eine Antwort einfallen lassen müssen. Dann habe ich zu einem Umtrunk anlässlich meiner 40-jährigen Dienstjubiläums eingeladen, wozu ich ganz schön nervös bin, wer denn kommt, wer gratuliert, wie die Ansprache abläuft und wie die Bewirtung klappt. Ein weiteres epochales Ereignis steht bevor, da sich am nächsten Wochenende meine Familie samt meiner 84-jährigen Mutter angekündigt hat. Eine solche Fülle an Ereignissen fällt schwer, von vornherein zu verarbeiten. Der Nervosität in mir steigt. In dem stetigen Flussverlauf des Rheins suche ich meine Ruhe.

28. September 2020


In Zeiten von Corona hat sich so vieles verändert, so dass bei vielen Dingen die Grundlagen neu zu definieren sind. Grundlagen sind obsolet geworden, sie zerfallen, sie müssen sich neu sortieren oder in ihrer Gestalt verändern. Eine solche Obsoleszenz der Grundlagen durfte ich erleben, als ich mit dem Rennrad über die Verkehrsknotenpunkte ins Büro fuhr. Seit mehreren Jahren gab es noch einmal einen Streik öffentlichen Dienst. Was sich von Streiks in vergangenen Jahren nicht unterschied, das waren die Ankündigungen in der Presse. Betroffen war vor allem der öffentliche Personennahverkehr, also Busse und Straßenbahnen. Rundfunk und Fernsehen beschworen ein Chaos hervor, wenn die arbeitende Bevölkerung nicht mit Bussen und Bahnen an ihre Arbeitsplätze gelangen konnte, ebenso wenn die Schüler mit ihren Schulbussen nicht fahren konnten. Auf meiner Rennradfahrt ins Büro registrierte ich zwar, dass ungefähr keine Linienbusse zu sehen waren, von Verkehrschaos konnte aber ganz und gar keine Rede sein. Ja, es staute sich. Der Zeitaufwand auf der ausgebauten Landstraße nach Bonn war sicherlich höher als normal, aber nicht in einem solchen Umfang, dass die Wartezeit im Stau Ewigkeiten dauerte. Auf der Autobahn war der Stau dann spätestens vorbei. Der Autoverkehr floss, langsamer als normal, aber kein Stau. Es ging vorwärts. In Zeiten von Corona verlieren Streiks ihre abschreckende Wirkung. Ob das Auswirkung auf die noch zu erzielende Gehaltserhöhung im öffentlichen Dienst hat ? Die Position der Arbeitgeber verbessert sich hierdurch. So könnten die Mechanismen des Marktes besser greifen, begünstigt durch Corona, da sich die Arbeitswelten von Grund auf verändert haben.

29. September 2020


Dass in Zeiten von Corona alles anders ist, das ist keinerlei neue Erkenntnis. Vielerlei Feste und Feierlichkeiten haben vor Corona kapitulieren müssen, was auch einen dienstlichen Anlass zum Feiern betroffen hat. In diesem Jahr bin ich nämlich meinem Arbeitgeber 40 Jahre treu gewesen – genau am 1. Juni hatte ich mein 40-jähriges Dienstjubiläum. Dabei war der 1. Juni ein sehr denkwürdiges Datum, denn diesen Tag hatte ich in der Intensivstation des Krankenhauses Köln-Porz verbracht, nachdem mein Herzinfarkt erfolgreich durch eine Stent-Operation überwunden werden konnte. So habe ich stark zeitversetzt meine Arbeitskollegen in unserem Großraumbüro zu einem Umtrunk eingeladen. Etwas mehr als drei Monate später, habe ich in einer Bäckerei ein Backblech Pflaumenkuchen organisiert und dazu einige Hefeteilchen. Da ich leidenschaftlich gerne Fassbrause trinke, habe ich drei Six-Packs der Sorten Zitrone, Rhabarber und Mango besorgt. Von dem Kuchen und der Fassbrause haben die Arbeitskollegen soviel gegessen und getrunken, dass kaum etwas übrig geblieben ist. Es war schön, dass an die fünfzehn Kollegen gratuliert haben. Zwischen den Arbeitsplätzen des Großraumbüros haben wir sogar so weit auseinander gestanden, dass die AHA-Regeln weitgehend beachtet wurden. Mein Chef hat mir die Urkunde unseres Personalvorstands überreicht, und ganz besonders habe ich mich über die Flasche Sekt aus dem Weinanbaugebiet der Ahr gefreut, die mir die Kollegen geschenkt haben.

30. September 2020


Feel your feelings – ein Gefühl von Freiheit, das sich auf der blanken Wand auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle verewigt hat. Nicht nur Schmierereien, sondern auch ein Hauch von Wahrheit hat sich auf die Wand gekleckert, in schmierigen Schriftzügen, vor den hinab gleitenden Treppenstufen, die eine Botschaft innerhalb des ansonsten funktional geprägten Designs beinhalten. Die Gefühle des Menschen sind nicht so einfach kaputt zu kriegen in dieser kalten und seelenlosen Umgebung, wo die Menschen wie Uhrwerke ticken. Spätestens, nachdem die U-Bahn die Menschen ans Tageslicht befördert hat, wachen die Gefühle wieder auf und wirken auf die Psyche des Menschen wieder ein. Darunter gibt es Menschen, die fühlen bewusst. Sie geben ihnen Raum zur Entfaltung „feel your feelings“. Da nichts Großes ohne Leidenschaft vollbracht werden kann, sind ihre Antriebe und Beweggründe größer als die technische Kälte, die den Fortschritt und unser Wissen voran bringt. Gefühle gestalten, sie sind wahr, sie führen in unser Inneres und setzen Menschen über Räderwerke hinweg, in denen wir gefangen sind. Man könnte die Botschaft als Nachklang der 68er-Generation begreifen als große Befreiung aus den Fesseln unserer Gesellschaft.


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