Tagebuch Oktober 2021

1. Oktober 2021


In Dortmund-Sölderholz war es so ähnlich, wie es der eine WG-Bewohner im Haus des verstorbenen Schwiegervater handhabte. Er kam nicht dazu, zu essen, und aß dann hilfsweise Schokolade. Soeben trat ich den Rückweg an, und eine Kleinigkeit musste ich essen, weil sonst der Hunger zu sehr an mir nagte. Für die etwas weniger als zwei Stunden Fahrzeit brauchte ich eine gewisse Grundlage. Daher schritt ich hinein in den EDEKA. Teilchen und Puddingschnecken waren leergeräumt in der Bäckerei, die ich gerne genascht hätte, und so blieb ich bei der Schokolade hängen, eine Tafel Haselnussschokolade, die mich wieder auf Touren für die Rückfahrt bringen sollte. Vor der Rückfahrt war ich noch benommen von einer Küchenpsychologie, die der Vater des Freundes unserer Tochter für sinnvoll erachtete. Die Romane meines einstigen Lieblingsschriftstellers Georges Simenon hatte ich als ausgezeichnet empfunden, was das Sezieren, Auseinandernehmen und Analysieren von Personen und Charakteren betraf. In solch einer Tiefe psychologischer Studien steckte ich allerdings längst nicht mehr drin, weil ich gewechselt war zu den literarischen Genres eines Richard David Precht, Yaoul Noah Harari oder einer Maja Göpel. So traf mich diese Küchenpsychologie etwas auf dem falschen Fuß. Mit seinem Sohnemann und unserer Tochter hätten sie zwei Flaschen Rotwein geleert, und dabei würde man Wahrheiten erfahren. Beide, das Liebespaar, hätten ihre Untiefen, die sie bei etwas Rotwein preis geben würden. Das könnte der beste Psychologe nicht leisten. Einerseits bewunderte ich die Fähigkeit, an Persönlichkeitsschichten heran zu kommen, die uns verborgen blieben. Andererseits hatten wir schlechte Erfahrungen gemacht mit Freunden, die glaubten, uns einen Spiegel vorhalten zu können, wie es um die psychologischen Tiefen mit unseren Kindern bestellt sei. Wir kannten die Problemzonen, und um die Psyche eines Menschen zu verstehen und vor allem zu verändern, daran hatten sich Generationen von Psychologen abgearbeitet – in kleinen und Kleinstschritten. Ich neigte dazu, die psychologischen Studien des Vaters des Freundes unserer Tochter als etwas abwegig zu betrachten. Dies mit einem tiefen Blick in ein Glas Rotwein zu leisten, erschien mir insofern fragwürdig, da ich selbst die besten Ideen und klarsten Einblicke bei klarem Kopf gehabt hatte. Bei mir verwischte der Alkohol die gedanklichen Konstrukte wieder, weil sie nicht vollständig waren, zu sehr hin- und hersprangen und irgendwann in sich zusammen stürzten.

2. Oktober 2021


Kleinhäckseln sei meine Lieblingsbeschäftigung im Garten, das meinte meine Frau. Dazu hatte ich nun reichlich Gelegenheit. Während ich im Haus des verstorbenen Schwiegervaters Brombeeren und Efeu hinter der Terrasse abschnitt, traf meine Frau eine 85-jährige Nachbarin, die einige Häuser weiter wohnte. Nachbarn hatten ihr geholfen, die Thuja-Hecke zu entfernen. In Bündeln hatte sie die Heckenstücke zusammen gebunden, aber die RSAG nahm bei der Müllabfuhr nur eine begrenzte Menge mit. All die ganzen Bündel überstiegen die begrenzte Menge um einiges, so dass meine Frau mich fragte, ob ich die Thuja-Hecke nicht zum Kleinhäckseln gebrauchen könne. Meine Lieblingsbeschäftigung im Garten im Visier, bejahte ich. Die Menge war groß, so dass ich etliche Male mit unserem Auto hin- und herfahren musste. Das Volumen der zusammengebundenen Hecke summierte sich. Ich transportierte die Bündel vor unsere beiden Kompostmieten, wo ich gewöhnlich Äste, Zweige und sonstigen Gartenschnitt sammelte, um ihn mit dem Häcksler klein zu häckseln. In der Tat, war die Menge riesig, und erstreckte sich bis über zwei Hochbeete, wo in diesem Jahr die Kohlrabis kümmerlich gewachsen waren und von Schnecken zerfressen worden waren. Die Nachmittagsstunden verbrachte ich nun nach dem Einkaufen damit, diesen großen Berg abzuarbeiten und in kleinste Stücke zu häckseln. Der Motor des Kleinhäckslers lief, Äste und Zweige schnitt ich zurecht und ab und zu verhedderte sich ein besonders großes Stück zwischen den Messern, die das Geräte dann zum Stoppen brachten. So ungefähr bis es dunkel wurde, häckselte ich durch, und es hatte den Anschein, als sei der Berg, den ich abgearbeitet hatte, nur unwesentlich kleiner geworden.

3. Oktober 2021


Eines von vielen Überbleibseln der Bundesgartenschau 1979: während der damaligen Bundesgartenschau schnitzte der kanadische Kwakiuti-Indianer Chief Tony Hunt vier Monate lang einen Totem-Pfahl, dabei konnten ihm die Besucher der Gartenschau zuschauen. Nachdem er diesen Pfahl fertiggeschnitzt hatte, welcher den Stammbaum seiner Familie in dem beheimateten Indianerreservat in Kanada charakterisiert, übergab er diesen als Geschenk der kanadischen Regierung dauerhaft der damaligen Bundeshauptstadt. In der Rheinaue ist der Totem-Pfahl, der die Chronik der Familie des Tony Hunt erzählt, bis heute zu bestaunen. Oben auf dem Pfahl beschreibt ein Rabe als Wappentier das hohe Ansehen und Prestige der Familie. Darüber hinaus gelten Raben bei den Indianern als gottgleiche Gestalten, die den Lebensraum Erde für Mensch und Tier erschlossen haben. In der Mitte steht „Sisutl“, die doppelköpfige Schlange als Willkommensfigur mit ausgestreckten Händen. Unten wird ein Häuptling aus seinem Indianerstamm mit einer schildförmigen Kupferplatte dargestellt. Mit einer Höhe von 6,5 Metern ist der Totem-Pfahl neben dem japanischen Garten kaum zu übersehen.

4. Oktober 2021


Dauerhaft diskutieren wir heftig über unseren dritten WG-Bewohner, der sich nicht einfügen wollte in die WG-Gemeinschaft. Er verweigerte sich hartnäckig, blieb den ganzen Tag in seinem Bett liegen. Klein waren die Zeitanteile, dass er sich aus einem Zimmer heraus bewegte. Wenn er auf dem Gang oder sonstwo gesehen wurde, dann hatte er ein Stück von dem leibhaftigen Tod. Er zählte just dieselbe Anzahl von Lebensjahren wie ich, die sich polarisierten wie Leben und Tod. Ich selbst bevorzuge die Lebensfreude mit meinen 62 Lebensjahren, er zog es hingegen vor, sich dem Tod anzunähern. In der WG vegetierte er vor sich hin, kapselte sich ab, wollte nichts mit der Außenwelt zu tun haben, er mied jeglichen Kontakt. Seine Verhaltensweisen lieferten einen permanenten Anlass zu unseren Diskussionen. Mittags bekam er das Essen auf Rädern gebracht, doch es bedufte eines langen Insistierens, dass er sein Essen überhaupt aß. Wenn die Metzgerei das Essen brachte, dann öffnete er nicht. So bleibt es über viele Stunden oder einige Tage vor der Haustüre stehen, ohne dass er es aß. Morgens brachte ihm das Rote Kreuz seine Tabletten und fasste nach seinem Essen nach. Viermal in der Woche halfen ihm Betreuer mit sogenannten Fachleistungsstunden beim Einkaufen, Duschen, Putzen und Wäsche waschen. Zeitweise lehnte er diese Hilfen ab, doch mit einer Verzögerung von mehreren Stunden oder auch ganzen Tagen stellten sie ihm das Essen auf den Küchentisch. So wagte er sich bisweilen für einige Schritte aus seinem Zimmer heraus, vorsichtig tappste er Schritt für Schritt voran, wobei man den Eindruck bekam, er habe das Gehen verlernt, weil er sich den ganzen Tag in einer liegenden Position befand. Gestern zeigte er nun mit seinen 62 Jahren erste Anzeichen von Demenz. Stets aß er sein über viele Stunden stehen gebliebenes Essen kalt, was wir an für sich unvorstellbar hielten. Kaltes Essen ? Hätte ich nur einen Bissen im Mund, müsste ich mich auf Anhieb übergeben. Gestern nun schien er seine Gewohnheiten zu ändern. Er löffelte das Essen von demselben Tag von der Aluschale auf einen Teller, deckte diesen ab, stellte ihn in die Mikrowelle, um das Essen aufzuwärmen. Ein adäquates Vorgehen, könnte man meinen. Die Mikrowelle lief und lief, und als das Essen aufgewärmt war, verhielt er sich nicht so, wie man es vermutet hätte. Die Mikrowelle tastete er nicht an, sondern er nahm das Essen vom Vortag. Das war die zweite ALU-Schale auf dem Esstisch mit eben diesem Essen vom Vortag. Wieder würgte er das kalte Essen in sich hinein und achtete gar nicht auf die Mikrowelle, da er wohl so sehr in seinem Trott verhaftet war. Der WG-Bewohner liefert stets Anlässe für lebhafte Diskussionen, wie man so weit sinken kann. Er hatte zwar einen Schlaganfall gehabt, anfangs hatten wir ihn aber in einem vollkommen normalen geistigen Zustand kennen gelernt. Er langsam, aber fit und gut dabei. Sein Alltag bestand nur noch aus wenigen Schritten, die er tat. Aus seinem Bett zum Waschen ins Badezimmer. Aus seinem Bett in die Küche zum Essen seines kalten Essens. Von der Küche auf die Terrasse, um eine Zigarette zu rauchen. Wenn seine Betreuer kamen, halfen sie ihm beim Duschen und kauften mit ihm ein. 62 Jahre und so alt wie ein Greis, der dem Tod entgegen sah.

5. Oktober 2021


Ambivalent, dieser Begriff trifft meine Einstellung zum einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck, der einerseits nach zwei Kriegen die jahrtausendelang zersplitterte deutsche Nation geeinigt hatte, indem Kaiser Wilhelm I. 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt worden war. Andererseits gründete er ein großdeutsches Reich im Zentrum Mitteleuropas, das mit dem deutschen Kaiser einen Patriotismus und Nationalismus unter das Volk brachte, seine Herrschaftsambitionen überschätzte und den Militarismus vorantrieb, so dass die Kräfteverhältnisse zwischen den europäischen Großmächten außer Kontrolle gerieten. Mit Denkmälern von Kaiser Wilhelm I., Kaiser Wilhelm II. oder dem König Wilhelm IV. von Preußen ist unsere Republik geradezu zugepflastert, anders verhält es sich hingegen mit den Denkmälern des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Diese unterscheiden sich von denjenigen deutscher Kaiser oder Könige dadurch, dass es im eigentlichen Sinne keine personifizierten Statuen von Bildhauern sind, sondern Türme, die in unserer Republik weitaus seltener vorkommen als die Kaiser-Wilhelm-Denkmäler. Diese Verehrung des ehemaligen Reichskanzlers, die bereits vor seinem Tode im Jahr 1898 entstand, ging von den bürgerlichen und studentisch-akademischen Schichten aus. Diese Türme waren häufig als Feuersäulen konzipiert, wo auf einer Plattform Befeuerungseinrichtungen für brennbare Materialien angebracht wurden. In unserer Umgebung muss man nicht allzu lange suchen, um einen solchen Bismarckturm aufzuspüren. Zwei davon stehen auf Bonner Stadtgebiet, einer in Bad Godesberg und der andere so ziemlich mittendrin in der Rheinaue, zwischen dem Veranstaltungsgelände des Kunstrasens und dem Rhein. Abgeschnitten als Säule, erhebt sich in der Rheinaue der Turm aus Basaltlava auf einem zweistufigen Podest. Die Steinquader aus Basaltlava sind so schwarz wie man sie in der Vulkaneifel rund um Mendig oder Mayen vorfindet. Auf der Turmspitze wurde eine Feuerschale angebracht, um an nationalen Gedenktagen im gesamten deutschen Reich nach Einbruch der Dunkelheit Feuer zu entzünden, wobei die versammelte Menschenmenge patriotische Lieder singen sollte. Solche Bismarcksäulen wie in der Rheinaue wurden in einer Art von Serienproduktion durch denselben Architekten gestaltet. Zum Bau der Bismarcksäule in der Rheinaue hatte die Bonner Studentenschaft 1899 einen Wettbewerb ausgerufen, bei dem der Entwurf des Turms „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis übernommen wurde, der insgesamt 47 mal im damaligen deutschen Reich verwirklicht wurde. Die Kosten von 20.300 Goldmark wurden durch Spenden finanziert. Am 21. Juni 1900 wurde der Grundstein gelegt, am 18. Januar 1901 fand im Fackelschein mit viel nationalem Pathos unter der Anwesenheit von 350 Studenten, das war damals ein fünftel der Bonner Studenten, die Einweihungsfeier statt. Das sind Ereignisse, die einen aus heutiger Sicht erschaudern lassen. Der Gedanke eines sich einigenden Europa war damals noch nicht gedacht worden. Bismarck ist für mich bis heute ambivalent.

6. Oktober 2021


Die Fragestellung derjenigen Frau, die mir gegenüber saß, sollte mich erahnen lassen, wieviel vergeudete Zeit ich hier verbringen sollte. Der restliche Tag sollte mir hierdurch vollends durcheinander geraten. Im Büro bekam ich kaum etwas erledigt, die Abwesenheiten waren zu hoch. Die dringenden Themen musste ich aufschieben, am nachfolgenden Tag würden die Termine sich knubbeln, wichtige Fragen würde ich nicht beantworten können. Ich saß im Wartezimmer des Gastroenterologen. Die mir gegenübersitzende Frau fragte mich, ob ich denn einen Termin hätte. Ja, den hatte ich um 11.10 Uhr. Die Frau hatte hingegen keinen Termin, sie wartete seit 9 Uhr mittlerweile mehr als 2 Stunden lang, denn es ging auf 11.10 Uhr zu. Als sie zum Arzt gerufen wurde, hatte sich ihre Wartezeit auf zweieinhalb Stunden summiert, und so langsam wuchs meine Wartezeit parallel an. Fünfzehn Minuten, dreißig Minuten, fünfundvierzig Minuten, eine Stunde. Um die Zeit totzuschlagen, hatte ich nicht allzu viel mitgenommen. Ein Buch über Bonn von Detlef Arens, ein Miniführer über die Doppelkirche in Schwarz-Rheindorf – das war es. So fing ich an, in den ausliegenden Zeitschriften herum zu blättern, obenliegend der SPIEGEL. Ich las eine Reportage über Sarah Wagenknecht, die wirklich glänzend geschrieben war. Ich überflog die übrigen Texte, während sich die Warterei weiter in die Länge dehnte. Sporadisch wurden andere Patienten aufgerufen, wobei ich mich wunderte, wie viele Wartende in dem anderen, zweiten Wartezimmer ausharrten. Eineinviertel Stunden, anderthalb Stunden, allmählich näherte ich mich der Marke, welche die mir anfangs gegenübersitzende Frau erreicht hatte. Ich verfluchte, dass ich den dicken Schmöker von Hans Jürgen Balmes „Der Rhein – Biografie eines Flusses“ im Büro gelassen hatte, denn von den insgesamt 498 Seiten hätte ich jede Masse gelesen bekommen. So starrte ich nun die Wände an, schaute in die anderen bleichen wartenden Gesichter, schaute zum Fenster hinaus auf den Venusberg mit dem Sendemast, wo sich zwischen den tänzelnden Regentropfen eine Wolkenlücke auftat. Ich schaute auf dieses eine Gemälde mit der zischenden Dampflokomotive, das im Stil des Expressionismus gemalt war. Dieses Gemälde hatte die Urgewalten einer technischen Revolution gezeichnet, Urgewalten, die die Verbindung zu Menschen suchten und sein Umfeld vereinnahmten. Die Lokomotive konnte ein Symbol sein für die Größe der Technik, wie der Mensch zu ihr hinauf schaute und nutzte, um seinen Alltag neu zu gestalten. Die Warterei war zäh, sehr zäh. Die Wartezeit sollte sich nicht so viel anders entwickeln als bei derjenigen Frau, die mir anfangs gegenüber saß, und sich auf etwas mehr als zwei Stunden aufsummieren. Wenn es um die eigene Gesundheit ging, sah es aber auch so aus, dass die Warterei kein Maßstab mehr sein konnte.

7. Oktober 2021


Der Dialog, dem ich in der S-Bahn zuhörte, befremdete mich. Das Paar, das sich nach Patchwork anhörte, war um die 50, in den Herbstferien wollten die beiden nach München reisen und den Sohn mitnehmen, dem dann wiederum der nicht originäre Vater Englisch erklären wollte. Von seinem Glück, im Zug mit Englisch behelligt werden, wusste der Sprößling allerdings noch nichts, Begeisterung würde die Englisch-Lektion bestimmt nicht auslösen. Das Paar unterhielt sich über das, was sich über viele Kilometer hinweg an die Lärmschutzwände entlang der Bahnlinie gepinselt hatte. Das allgemeine Geschmacksurteil über diese entartete Kunst – ein aus dem Geschichtszusammenhang heraus gegriffener Begriff – fiel sicherlich negativ aus. Es waren phantasielose Gebilde auf der Lärmschutzwand, Krakeleien auf dem Niveau eines Vorschulkindes, ein Gepinsele ohne jeglichen Sinn und Inhalt. Darauf schauend, wagte das Ehepaar die Aussage, Graffitis seien wie eine Welle aus den USA herüber geschwappt. Anfangs hätte man diese neue Form der Kunst abgelehnt, sukzessive habe man sich aber daran gewöhnt, dass Graffitis flächendeckend Städte und Landschaften penetrieren würden. Lärmschutzwände seien beliebte Flächen, gezielt würden Graffitis zum Beispiel auf Verteilkästen der Stadtwerke gelenkt. In einer diffuseren Verbreitung fänden sich diese gerne auf Häuserwänden wieder. Da blechern, metallisch und unterschiedslos in der Oberfläche, hätte das Paar ihr Garagentor für einen Anziehungspunkt für Graffitis gehalten. So weit kam es dann doch nicht. Bis heute blieb ihr Garagentor von Schmierereien und Graffitis verschont. Mal schauen. Es hörte sich geradezu so an, als würden sie sich danach sehen, dass irgend jemand sich mit einer Spraydose nach allen Regeln der Kunst dort austoben würde.

8. Oktober 2021


Reisen mit der Deutschen Bahn – ein Abenteuer mit Ungewissheiten, ob und wie man sein Ziel erreicht. Etwas unerwartet hatte sich die Familie des Freundes unserer Tochter entschlossen, dass er mit der Bahn zu unserer Tochter fahren sollte. In der Nähe zu Dortmund gelegen, hatte der Vater den Freund unserer Tochter zum Bahnhof Holzwickede gefahren, ausgestattet mit einer Fahrkarte von Holzwickede zum Kölner Hauptbahnhof. So weit, so gut. Einmal stündlich fuhr der Regionalexpress 7 über den Kölner Hauptbahnhof nach Krefeld, doch diesmal fiel er aus, angeblich wegen Bauarbeiten. Was tun ? Mit Hochdruck recherchierte ich Im Internet. Angeblich käme drei Minuten später ein Ersatzzug, doch davon war keine Spur. Zwanzig Minuten später kam ein Zug nach Düsseldorf, worin der Freund unserer Tochter dann auch einstieg. Er musste umsteigen, das fanden wir ziemlich schnell heraus. Aber in welchen Zug ? Er wollte ab Wuppertal in den ICE einsteigen, doch wir mussten ihn aufklären, dass seine Fahrkarte nicht den ICE einbezog. Wir fanden schließlich heraus, dass er in Wuppertal in eine Regionalbahn umsteigen konnte. Das tat er dann auch, während eine ganz Serie von Whatsapp sich zwischen unserer Tochter und ihm interagierte. Schließlich sollte es klappen, Bahnfahren als Aufreger und Nervenkitzel, ob die Züge auch kommen, wie man mit Verspätungen umgeht und wie man sich auf Bahnsteigen zurecht findet. An diesem Tag sollte es klappen. Auf dem Bahnhof Köln/Messe-Deutz sollten sich die beiden Teenager in den Armen liegen.

9. Oktober 2021


Der Termin beim Gastroenterologen sollte nach sich ziehen, dass die Größenordnungen der Tabletten ein neues Ausmaß annehmen sollten. Bislang hatte ich die Erkrankung des Darmtraktes mehr oder weniger ignoriert. Mit den Mitteln, die in meiner Hand lagen, Bewegung, Apfelschorle anstelle Kaffee, ab und zu wandern und Fahrradfahren, hatte ich die Symptome lange hinaus zögern können. Die Beeinträchtigungen waren so geringfügig, dass ein normaler Alltag möglich war. Dies hatte so sich ungefähr in den Sommerferien geändert. Der Gastroenterologe wusste zu helfen – mit weiteren Tabletten. Diese steigerten die tägliche Dosis von Tabletten auf nunmehr acht Tabletten, zweimal in der Woche waren es sogar neun Tabletten. Und das war noch nicht das Ende der Fahnenstange: die acht Tabletten sollten sukzessive auf neun und zehn erhöht werden, bis sich nach einem Behandlungszeitraum von drei Monaten die Tablettenzahl wieder auf sieben abgesenkt werden sollten. Das hätte ich mir niemals träumen lassen, dass Tabletten in einem solchen Umfang den Alltag bestimmen würden. Samstags abends war derjenige Wochentag, an dem ich bislang die Wochenration von Herztabletten sortiert hatte. In diese Wochenration musste ich nun die weiteren Tabletten unterbringen. Drei Tabletten musste ich außerhalb der Wochenration unterbringen, was Disziplin verlangte, keine Tablette zu vergessen. Das war ein Problem des Handlings. Bei solch einer Größenordnung verlor man schnell den Überblick.

10. Oktober 2021


Im Gegensatz zu den vergangenen drei Dorftrödeln war es diesmal eine höchst maue Aktion. Es war überhaupt nichts los, die Passanten tröpfelten so dahin, wenige begaben sich zu unserem Flohmarktstand und noch weniger wurde gekauft. Bei den vergangenen Dorftrödeln hatte das ganz anders ausgesehen. Bei diesen Dorftrödeln wurde viel herum gestöbert, die Kinder hatten ihren Spaß, die Spielsachen für sich zu entdecken, so manche Frau bewunderte das angebotene Geschirr und Porzellan, vielerlei Geschmäcker konnten wir mit unserem Angebot bedienen, und wir führten so manches nette Gespräch. Dass es heute so viel gedämpfter zuging, mochte an den Herbstferien liegen, das vermuteten viele. Am Wetter konnte es jedenfalls nicht liegen, denn die Sonne lachte ununterbrochen vom Himmel und wärmte ordentlich. Dass so mancher ausgebliebene Besucher bereits ab in den Urlaub verreist war, das mochte zutreffen, ebenso, dass in Troisdorf Herbstmarkt war und in Bonn verkaufsoffener Sonntag. Ich selbst vermutete zusätzlich, dass eine Häufung von Dorftrödeln, die mittlerweile in Hülle und Fülle alle mögliche Nachbarorte erfasst hatten, eine weitere Ursache war, dass die Bewohner mit Trödel- und Flohmärkten gesättigt waren. Das Ergebnis konnte nicht zufrieden stellen: ganze vier Gegenstände hatten wir verkauft bekommen, was den Aufwand nicht rechtfertigte, sieben Stunden am Flohmarktstand zu verbringen zuzüglich des Zeitaufwandes für Auf- und Abbau, das Schleppen von Kartons oder Aus- und Einpacken. Das Ergebnis war am Ende des Tages nicht nur frustrierend, sondern erlahmte und ermattete gleichermaßen. Viele Kontakte mit den Passanten hatten gefehlt, Gespräche mit Menschen aus unserem Ort. Anstatt dessen hatte ich ganz viel in den blauen Himmel gestarrt, die Kondensstreifen ferner Flugzeuge am Himmel beobachtet und den Holzstuhl so hin- und hergerückt, dass ich ein Stück Sonne abbekommen hatte.

11. Oktober 2021


Der enttäuschende Ergebnis, dass nur vier Gegenstände auf dem Dorftrödel den Besitzer gewechselt hatten, verschlechterte sich nochmals durch eine eigentlich gut gemeinte Initiative einer Nachbarin. Sie hatten Katzen gestickt und geknüpft, die wirklich hübsch aussahen mit ihren buschigen Körpern und ihren Augen, die aus Knöpfen gemacht waren. Die Nachbarin verkaufte die Katzen auf dem parallel statt findenden Herbstmarkt in Troisdorf, aus dem Verkaufserlös führte sie zehn Euro pro Katze an die Hochwasseropfer an der Ahr ab. Fünf dieser Exemplare hatte sie uns überlassen mit der Option, die zehn Euro nicht an die Hochwasseropfer, sondern an die Behinderten-WG abzuführen, um das Geld ihnen zugute kommen zu lassen. Doch der Verkauf der Katzen bewegte sich in dem Trend, dass der Dorftrödel ausgesprochen schlecht gelaufen war. Die Besucher waren ausgeblieben, es wurde wenig herum gestöbert, noch weniger verkauft, und so lag der Verkauf der Katzen bei Null. Das machte unsere Bilanz sogar negativ. Auf fünf Katzen waren wir sitzen geblieben, vier Gegenstände hatten wir verkauft, unseren Hausrat hatten wir mithin – unmittelbar nach dem Dorftrödel – um ein Stück sogar vermehrt. Die Klärung stand allerdings aus, was mit den Katzen geschehen würde. Zurückgeben ? Oder selber verkaufen ? – ein allerdings sehr schwieriges Unterfangen. Einstweilen haben die fünf Katzen ein hübsches Plätzchen gefunden. Im Haus des verstorbenen Schwiegervaters stehen sie nun auf einem Sideboard im Flur zusammen, sie kuscheln sich gegenseitig und haften ihre Gesichter an den Spiegel. Vollkommen harmonisch, möchte man kaum auf diese einträchtigen Gestalten verzichten.

12. Oktober 2021


Der erste Urlaubstag, ein Tag voller Besorgungen, was wir sonst nicht erledigt bekamen. Als wir so ziemlich spät beim Frühstück zusammen saßen, diskutierten wir ein relatives Chaos. Unser Sohn hatte für 11.25 Uhr über das Internet einen Termin eingestellt, um bei der Stadtverwaltung seinen neu ausgestellten Personalausweis abzuholen. An diesem Morgen suchte er nach seiner Terminbestätigung – vergeblich. Vor mehreren Wochen bereits war sein Termin eine Stunde nach der Einstellung des Termins gelöscht worden. Unser Sohn war verzweifelt, weil der Vorlauf drei Wochen und länger betrug. Schließlich gelang es ihm doch, um 11 Uhr einen neuen freien Termin zu buchen, den er dann auch wahrnahm. Ich fuhr unseren Sohn zur Stadtverwaltung, und seinen neuen Personalausweis konnte er im Empfang nehmen. Kurz danach um die Mittagszeit, ereilte uns das nächste Ereignis. Über das defekte Schloss an unserer Haustüre hatte ich mich längst geärgert, und diesmal sprang das Ärgernis auf unseren Sohn über. Mir selbst gelang es nicht mehr, dass Schloss mit meinem Haustürschlüssel öffnen zu können, unserem Sohn nur noch mit Mühe, und weil das Mühsal ihn diesmal so sehr nervte, baute er den Schlosszylinder aus, um dem Übel auf den Grund zu gehen. Die Schliessfunktion passte bei mehreren Schlüsseln nicht mehr, so dass wir einen neuen Schlosszylinder beschaffen sollten. Ich fuhr nach HIT in Troisdorf-Sieglar, wo meine Frau diverse Schlüssel für das Haus des verstorbenen Schwiegervaters hatte nachmachen lassen. Beim dortigen Schlüsseldienst fragte ich nach. Der Mitarbeiter suchte fleißig nach Schlosszylindern, doch das genau benötigte Exemplar war nicht mehr vorhanden. Es musste bestellt werden. So weit, so gut, ich stimmte zu und hinterließ unsere Handynummern für einen Anruf, wenn die Bestellung eingegangen sein würde. Dass wir warten mussten auf den neuen Schlosszylinder, das sollte eine ziemliche Aktion verursachen, um den alten Schlosszylinder wieder in das Haustürschloss einzubauen. Herausgenommen, passte er nicht wieder hinein, so dass unser Sohn mit allerlei Metallfeilen die Einfassung des Schlosszylinders abschleifen musste, was eine ganze Zeit lang in Anspruch nahm. Es ging bereits auf drei Uhr nachmittags zu, als wir endlich unser Mittagessen zu uns nahmen. Vom Vortag hatten wir noch Quiche, belegt mit Porree, Champignons und Paprika, übrig, unser Sohn aß Maultaschen mit einem Rest Gulasch. Danach drängte mich erneut die Zeit, weil ich um 16.30 Uhr den Fußpflegetermin in Bornheim hatte. Um das Rezept für Herzmedikamente beim Hausarzt abzuholen, um dann die Medikamente in der Apotheke zu besorgen und um schließlich am Geldautomaten Geld abzuheben, das erledigte ich mit dem Fahrrad. Nachdem ich die Runde mit dem Fahrrad durch den Ort gedreht hatte, war es schon beinahe 16 Uhr, so dass ich losfahren musste zur Fußpflege. Zuvor hatte ich bei den Blutdrucktabletten „Ramipril“ noch die Erfahrung gemacht, dass sie ausverkauft waren und nicht mehr zu haben waren. Nur in einer größeren Dosierung, so dass ich die Tabletten teilen müsste, was mir dann schließlich die Apothekerin verkauft hatte. Zur Fußpflege war ich pünktlich, danach drehte ich eine kleine Schleife über die Höhen des Vorgebirges bei Roisdorf, von wo aus ich einen wunderschönen Blick auf die gesamte Köln-Bonner-Bucht hatte. Zu Hause warteten dann die nächsten Erledigungen. Wir hatten uns entschlossen, Schlemmerfilet im Backofen zu machen, dazu Steakhouse-Frites ebenso im Backofen. Als das Schlemmerfilet soeben im Backofen schmorte, fiel meiner Frau ein, dass unsere Tochter bis 19 Uhr noch Unterlagen in der Fahrschule abgeben musste. In einer Ad-hoc-Aktion musste unsere Tochter sich anziehen, was sich verzögerte und zusätzliche Hektik hinein brachte. Schließlich fuhren die beiden Damen los, während der Backofen das Abendessen vorbereitete und die Unterlagen für den Fahrschule dann hoffentlich vollständig vorlagen.

13. Oktober 2021


Ein kurzer Abstecher auf den Höhenzug bei Roisdorf. An der großen Kreuzung, wo rechterhand ein parkähnliches Gelände lag, bog ich nach rechts ab, und von dort aus schlängelte sich die schmale Straße konsequent den Berg herauf. Die Steigung war heftig, und ich dachte erst gar nicht daran, solch einen Anstieg mit dem Rennrad zu bewältigen. Die Straße wurde immer schmaler, es hätten keine zwei Fahrzeuge aneinander vorbei gekonnt, wobei ich mich an der Richtung zum Sportplatz orientierte. In unbekanntes und ungewisses Gelände stieß ich vor, Wiesen breiteten sich aus und noch blieb mir der mögliche Fernblick verwehrt, weil sich dieser in meinem Rücken auftat. In Kurven ging es immer höher hinaus, und auf dem Bergkamm an einer Wegekreuzung von Wirtschaftswegen wendete ich. Ein kurzes Stück zurück, und dann öffnete sich dieser geniale Weitblick auf die gesamte Köln-Bonner-Bucht. Seitlich des Teerweges fuhr ich nach links heran, um diesen Weitblick einzuatmen. Von dieser höheren Position aus glaubte ich, über den Dingen zu stehen, die vollkommen transparent und einsehbar waren. Die Großstädte Köln und Bonn lagen zu Füßen, Häusermeere ballten sich zusammen. Von oben aus war sichtbar, wie sehr sich alles im Tal zusammen drängelte. Geografische Gegensätze schaukelten sich auf, das Siebengebirge kontrastierte mit der Ebene diesseits und jenseits des Rheins. Die Topografie formte diesen Talkessel, wo bei Wesseling die Schornsteine in die Höhe wuchsen. Der Moment des Innehaltens dauerte viel zu kurz, wo all die Weite ganz unten in sich begrenzt war.

14. Oktober 2021


Romantische Stimmung beim Sperrmüll. In einer Kellerecke im Haus des verstorbenen Schwiegervaters stand einiges Holz herum, größere Spanplatten, die ich noch zerteilen und kleinsägen musste, Streifen von kleineren Spanplatten, dünnere Holzplatten, ein alter Bilderrahmen ohne Bild, größere Holzreste am Stück. Eine Palette hinter der Garage, Bretter auf der Brüstung der Terrasse, dazu etwas Unrat hinter der Terrasse, der nicht aus Holz bestand. Ich schleppte alles vor die Betonmauer an der Straße, doch dann durften wir alles umräumen. Alles anders, das hatte mir meine Frau zuvor erzählt, und so sortierten wir den Sperrmüll um in die Garageneinfahrt. Wenige Gegenstände hatte ich zuviel an den Sperrmüll gestellt, aus den Kellerräumen fehlte aber auch etwas. Zugegeben, der Himmel vereinigte engumschlungen eine perfekte Romantik, die in ein zartes rosanes Licht getaucht war. Hell schimmerte die herbstliche Kraft des Sonnenlichtes durch, was die romantische Stimmung beim Sperrmüll vollendete. Sperrmüll, der letzte Abgang von vergessenen Holzabfällen. Ein Abgesang, welcher untermalt wird mit diesem wahnsinnigen Abendrot.

15. Oktober 2021


Längere Zeit hatten wir diese Arbeit aufgeschoben. Eine Arbeit, dessen Umfang im Zeitverlauf zugenommen hatte, weil uns auch die Zeit dazu gefehlt hatte. Über den Sommer hinweg hatten wir die Klettertrompete wachsen lassen, die im Spätsommer die schöne rote Trompetenform der Blüten gebildet hatte. Gleichzeitig kam uns das dichte Blattwerk entgegen, weil es Schatten warf und die Sonne abschirmte. Neben der Klettertrompete wuchs ein hoher Strauch, der überwuchert wurde, daneben wuchs wiederum ein Buchsbaum in die Breite und noch energischer in die Höhe, dahinter wiederum ein weiteres Klettergewächs. So hatten sich mehrere Gewächse des Fensters bemächtigt, wo sich der Einfall des Sonnenlichtes deutlich verkleinert hatte. Unsere Hausfassade war sichtlich zugewuchert, sie grünte üppig und blühte zeitweilig, und diesen Zustand wollten wir nun beenden. Im Herbst hatte die Strahlkraft der Sonne nachgelassen, wir konnten wieder mehr Licht in unser Haus hinein lassen, das gewucherte Grün wollten wir kürzen und zurecht schneiden. Von der rechten Seite der Hausfassade wollten wir uns nach links vorarbeiten. Die rechte Kletterpflanze hatte ich bereits radikal kurz geschnitten, die linke Seite würde alsbald folgen, wobei wir die nach oben ragenden Triebe stehen lassen wollten. Bald würde wieder eine Struktur der Fassadenbegrünung erkennbar sein.

16. Oktober 2021


So einfach und mit so wenig Komplikationen hatte ich mir das Kofferpacken nicht vorgestellt. So fühlte sich unser Kater Rambo sauwohl in meinem Koffer, er hatte sich auf meinen T-Shirts eingekuschelt und ruhte sich auf den molligen Fasern meiner T-Shirts aus. Aufmerksam schaute er dem Treiben zu, wie die Koffer im Wohnzimmer gesammelt wurden. Die Box hatte sich mit allerlei Kleinkram wie Kaffee, Filtertüten, Marmelade, Gefrierbeutel, Kamillentee oder FFP2-Masken gefüllt, zwei Sixpacks von Mineralwasser standen bereit. Äpfel hatte ich eigentlich nicht zu kaufen brauchen, weil gleichzeitig die Frauen vom Behindertentreff eine Packschale mit Äpfeln vorbeigebracht hatten, die mein Schwager kaum verzehren würde. Bei vergangenen Urlauben war das Kofferpacken unter Umständen ein schwieriges Unterfangen, jedenfalls hatten wir im letzten Sommer bis mitten in die Nacht damit zu tun, bis in die späten Abendstunden war meine Frau mit dem Bügeln wichtiger Wäschestücke befasst, und voller Nervosität hatte ich mitten in der Nacht ein volles Glas Rotwein über unseren Esstisch ausgeschüttet. Solche chaotischen Zustände blieben uns in diesem Jahr erspart. Jeder packte seinen Koffer für sich und trug damit die Verantwortung, ob die Wäsche vollständig war. Nur in einem Punkt zog ich den Zorn meiner Gattin auf mich. Sie musste mir gleich mehrfach die Medikamente der Tochter und des Schwagers erklären. Bei der Tochter, wann sie welche Medikamente gegen die Blasenentzündung nehmen musste, obschon ich es mir aufgeschrieben hatte, und bei meinem Schwager, wo sie seine Medikamente hingelegt hatte, weil ich mir nicht hatte merken können, dass sie sich bei uns zu Hause befanden und nicht bei ihm zu Hause. Ein paar Covid19-Selbsttests kamen noch in die Box hinein, sämtliche Medikamente wurden in einem Kulturbeutel gesammelt, wir druckten das negative Testergebnis des Schnelltests aus unserem Pfarrheim aus. Ein bißchen Panik gab es zwischendurch, weil der Schwerbehindertenausweis des Schwagers unauffindbar war, doch dieser tauchte dann rasch in unserem Haus wieder auf. Gegen 11 Uhr fuhren wir von zu Hause los, eine Stunde später, als wir ursprünglich anvisiert hatten, doch das war nicht weiter schlimm.

17. Oktober 2021


Alles easy, entspannt, leichtfüßig, so fuhren wir über die Autobahnen A565, A61 und A5 in Richtung Staufen los. Von Staus war kaum etwas zu sehen – wenn man das Einfädeln auf der A61 am Kreuz Meckenheim ausließ sowie von einem Stau zwischen Bruchsal und Karlsruhe-Nord absah. Es herrschte freie Fahrt unter einer zähen, tief hängenden Wolkendecke, die erst kurz vor Freiburg aufriss. Gegen 17 Uhr erreichten wir Staufen, wo wir uns glücklich schätzten, uns in unserer geräumigen Ferienwohnung niederlassen zu können. Wir verteilten uns auf die beiden Doppelzimmer, räumten unsere Koffer aus und unsere Wäsche in die Kleiderschränke ein, deponierten unsere Medikamente, um die Einnahme nicht zu vergessen, räumten unsere Essenssachen in den Kühlschrank ein und ließen das meiste in unserer Box stehen. Gegen 20 Uhr eiferten wir dem Wiedersehen mit unserer großen Tochter und ihrem Freund entgegen, mit denen wir uns in einer Pizzeria, wo mehrere große Kegelbahnen dazu gehörten, verabredet hatten. Angesichts des gehobenen Niveaus der Gastronomie in Staufen war die Wahl des Restaurants gut gelungen. Es gab große Pizzas mit leicht gehobenen Preisen, eine Reihe von Nudelvariationen, aber auch Schnitzel, Geschnetzeltes oder auch Käsespätzle. Mein Schwager konnte jede Menge erzählen über seine WG-Bewohner, dass eine Betreuerin zuletzt ihren Hund mitgebracht hatte oder dass er jetzt selbstständig beim Metzger einkaufte. Wir redeten über unsere Katzen, über die Katze des Freundes unserer Tochter, über die etwas überhöhten Preise in der Gastronomie in Baden, über Änderungen auf dem Freiburger Wochenmarkt und über die unerträglichen Zeiten des Lockdowns. Bei zwei leckeren Gläsern Gutedel schmeckte mir die Pizza Pescatore mit jede Menge Fisch drauf bestens. Leicht beschwipst, trat ich den Rückweg an in die Behaglichkeit unserer Ferienwohnung.

18. Oktober 2021


Eine Stadtführung durch Freiburg, die sich in einer etwas anderen Konstellation ergeben hatte als wir geplant hatten. Mit dem Schwager nahm ich an der Stadtführung teil, indes bummelten unsere Tochter mit ihrem Freund für sich. Die Stadtführerin verteilte Geräte mit Ohrstöpsel, so dass wir sie über die Ohrstöpsel hören konnten, sie voranschreiten konnte und die Teilnehmer besser Abstand halten konnten. Die Führung war kurzweilig und voller Anekdoten. Über die Universität erzählte sie, dass bis in das 19. Jahrhundert hinein nur 200 Studenten studierten, heute machten hingegen die Studenten rund 10% der Einwohner aus, das waren etwa 22.000 Studenten. Bis um die 1900er-Jahrhundertwende durften keine Frauen dort studieren. An dem Haus zum Walfisch erzählte sie über Erasmus von Rotterdam. Er war Katholik und in Basel gelandet. Da dort die Reformation im Gange war, gewährten ihm die Freiburger Exil. Er lehrte an der Freiburger Universität, fühlte sich aber in Freiburg unwohl. Er schrieb über die Tischsitten. Man solle zum Beispiel Messer und Gabel bestimmungsgemäß benutzen und sich nicht mit der Gabel auf dem Kopf kratzen. An dem Erker des Hauses war ein Männchen zu erkennen, dessen Gesicht ähnlich wie dasjenige von Donald Trump aussah. In Wirklichkeit sollte die Krankheit eines Kropfes gezeigt werden. Damals kannte man nicht die Zusammenhänge, dass Jodmangel einen Kropf verursachen konnte. Durch die Darstellung des Kropfes sollte die Krankheit ausgetrieben werden. Aus der Stadtgeschichte erzählte sie, dass zur Zeit der Herzöge von Freiburg die Stadt in einem Stillstand verharrt hatte. 1368 ging die Herrschaft an die Habsburger über, und danach begann eine Blütezeit. Eine zentrale Straße in Freiburg, die Kaiser-Joseph-Straße, war nach dem römisch-deutschen Kaiser Joseph II. benannt, dessen Krönung 1765 statt fand. Bevor die Habsburger die Macht übernommen hatten, gab es aber auch Schauriges zu erzählen. Im tiefen Mittelalter waren hier Hexen verbrannt worden, darunter eine Anna Schweizer im Jahr 1546. Mit der Namensgebung der Schweiz hatte die Führerin weiter recherchiert. In der Schweiz gab es noch Hexenverfolgungen bis in das 19. Jahrhundert, während diese in Freiburg wesentlich früher endeten. Naturgemäß gab es viel über die Münsterkirche zu erzählen, dessen Besichtigung wir vor dem Portal unter dem Hauptturm begannen. Vorbild war das Straßburger Münster gewesen, und die Bauzeit von 313 Jahren sei vergleichsweise kurz gewesen, was die großen Kirchenbauten betraf. Auch sei eine solche Größe der Kirche ungewöhnlich gewesen, da Freiburg erst seit 1800 Bischofssitz war. Auf dem Portal unter dem Hauptturm war unter anderem das Gleichnis von den sieben törichten und sieben klugen Jungfrauen dargestellt, außerdem die sieben Künste der Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Mathematik, Geometrie, Musik und Astronomie. Die Vorderseite des Portals dokumentierte die Ursprünge des Wochenmarktes aus dem Mittelalter. Mit den Jahreszahlen waren die Maße eingeritzt, wie groß die zum Verkauf angebotenen Brote zu sein hatten. Verstießen die Bäcker mehrfach dagegen, so wurden drastische Mittel angewendet – wie zum Beispiel die Bäckertaufe. Im Inneren der Kirche bestaunten wir die Kirchenfenster, die allesamt aus dem Mittelalter erhalten waren. Im Zweiten Weltkrieg hatte der Pfarrer sie ausbauen lassen und unterirdisch gelagert, so dass sie unbeschadet den Krieg überstanden hatten. Die Kirchenfenster dienten dem Repräsentationsbedürfnis der Zünfte. Die Führerin erläuterte die meisten Fenster. So priesen die Schneider ihre Kleider an, das Symbol der Brezel verwies auf die Bäcker oder das Symbol des Stiefels auf die Schuhmacher. Gleich auf mehreren Fenstern fand sich die Heilige Katharina von Alexandrien, die anscheinend in Freiburg eine besondere Bedeutung erlangt hatte. Beim Tryptichon über dem Altar verwies die Führerin auf die skeptische Haltung des Malers Hans Baldung Grien gegenüber der Kirche, was man an dem Motiv erkennen könne, wie schief und schräg Petrus mit dem Schlüssel gemalt war. Wieder auf dem Marktplatz angelangt, wandte sich die Führerin dem historischen Kaufhaus zu, sie referierte über die vier Kaiserfiguren der Habsburger und davon insbesondere über deren Gattinnen und deren Eheschließungen, die weltpolitische Bedeutung erlangten. Ihre Ausführungen erinnerten mich an das, was ich aus meinen eigenen Geschichtsunterricht behalten hatte: dass die Habsburger ein meisterhaftes Geschick darin besessen hatten, ihr Reich nicht durch Kriege, sondern durch Hochzeiten zu erweitern. Sie nannte die Hochzeit mit einer Herzogin von Burgund, die Hochzeit Karls V. oder auch die Hochzeit Philipps des Schönen mit Johanna der Wahnsinnigen, die zwar auch zur Erweiterung des Habsburgerreiches beigetragen hatte, die aber an Schizophrenie litt und nach dem Tod ihres Ehemannes wahnsinnig wurde. Die Anlehnung an Burgund erläuterte die Führerin nicht nur anhand der Technik, Ornamente aus Kieselsteinen zu gestalten, sondern auch bei den Dachschindeln an der Erkerspitze am historischen Kaufhaus. Die grün-goldene Gestaltung war aus Burgund übernommen worden, was in der Zeit geschehen war, als sich Habsburg durch das Herzogtum Burgund erweitert hatte. Als wir auf die Konviktstraße, die vorbildlich in den 1970er Jahren saniert worden war, voran schritten, erzählte die Führerin Unheimliches. So wohnte einst hier der Henker von Freiburg. Das Haus des Henkers sollte aber nicht gesehen werden und möglichst unkenntlich gemacht werden. Dafür musste eine schwarze Katze herhalten, der man ebenso nicht über den Weg laufen sollte. So sollte die schwarze Katze über dem Hauseingang dazu dienen, sich fernzuhalten und möglichst dem Henker nicht zu begegnen. Wir schritten weiter zum Schwabentor, das eines der beiden erhaltenen Stadttore war. Dieses Stadttor war zum Schwarzwald gewandt, wo eine Ost-West-Route des Handels verlief, die heutige Bundesstraße B31 nach Titisee. In früheren Zeiten war dies eine äußerst schwierige und gefährliche Transportroute mitten in die Höhen des Schwarzwaldes hinein. Transportiert wurde vor allem Salz, daher auch die Straßenbezeichnung „Salzgasse“ unmittelbar am Schwabentor. Wenn die Fuhrwerke das Schwabentor passiert hatten, waren sie in Sicherheit und brauchten weder den gebirgigen Streckenverlauf noch Wegelagerer zu fürchten. So wurde die Einkehr im Gasthaus „Zum roten Bären“ zur Erlösung, wo die Ankunft gefeiert wurde und mit reichlich Alkohol begossen wurde. Ab hier bewegten wir uns außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, hinein in das frühere Gerberviertel, wo aber auch Badehäuser gelegen hatten. In Zubern wurde gebadet, bevor Badeanstalten, wie wir sie heute kennen, im 20. Jahrhundert gebaut wurden. Ein Zuber war ein Holzbottich, der die Form einer Badewanne hatte. Das Wasser im Zuber wurde aber nicht, wie beim heutigen Baden in der eigenen Badewanne, bei jedem Bad gewechselt. So verdreckte sich das dreckige Badewasser nach jedem Baden immer mehr. Das ging so weit, dass zum Schluss ein Weiterbaden vollkommen unhygienisch war. Aus diesem Zusammenhang stammte die Wortschöpfung „Ausbaden“. Mit dem Baden war Schluss, und er allerletzte konnte nur noch ausbaden, also das Wasser aus dem Zuber ausschütten und den Zuber sauber machen, er konnte aber nicht mehr weiterbaden. Die Führung endete auf dem Augustinerplatz, der durch die Bauzäune und die Bauarbeiten am Augustinermuseum beherrscht war. Die Führerin erzählte über das nächtliche Treiben und dem Lärm auf dem Augustinerplatz. Eine Lärmsäule war dort angebracht worden, um den Lärmpegel messen zu können und die Feierlaune in den Griff zu bekommen. Je nach Dezibel-Wert war an dieser Lärmsäule eine Ampel installiert worden. Wenn die Ampel rot war, griffen die Ordnungsbehörden ein, bis wieder Ruhe war. Die Führung war höchst unterhaltsam gewesen, kurzweilig und voller interessanter Details, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Den höchst interessanten Nachmittag setzten wir fort, als wir uns nach zwei Stunden vor dem alten Rathaus zu viert wiedertrafen.

19. Oktober 2021


Es war einer von all denjenigen Urlaubstagen, wo das Glück ganz dicht zusammen lag. Kaum etwas war planbar, Pläne wurden über den Haufen geschmissen und wurden sofort wieder revidiert. Nichts war stabil, außer dass man aus dem Moment spontan entscheiden musste. Der Ursprungsplan lautete, nach Straßburg zu fahren. Im Kontext der Blasenentzündung sowie der Periode unserer jüngeren Tochter erschien dieses Ziel zu weit, daher formulierte ich gestern ein gemeinsames und einfacheres Ziel, nämlich in den James Bond-Kinofilm zu gehen. Doch dieses mussten wir heute gleich mehrfach abändern. Gegen elf Uhr gelang es unserer jüngeren Tochter, dass sie eine Urinprobe in den vorgesehenen Becher abfüllte. Mit dieser Urinprobe war ich zum Kinderarzt, wozu die Sprechstundenhilfe mir das unbedenkliche Ergebnis mitteilte, dass infolge der Periode nur Blut, aber keine Bakterien im Urin seien. Als wir dann nach Freiburg zum James Bond-Film losfahren wollten, signalisierte unsere Tochter, dass sie lieber in der Ferienwohnung bleiben wolle. Daraufhin disponierte ich dahingehend um, dass ich mit dem Schwager auf die Staufener Burgruine aufstieg, eine reizvolle Unternehmung, die bislang zugunsten anderer Aktivitäten ausgelassen worden war. Die Burgruine von Staufen lohnte sich. Es ging mitten durch die Weinberge hindurch, mit zunehmendem Anstieg öffneten sich fulminante Ausblicke. Staufen breitete sich mit seiner Häuseransammlung vor unseren Füßen aus, das Gebirge des Schwarzwaldes türmte sich auf in Berggipfeln, die unvermittelt aus der Ebene aufstiegen. Weinberge lockerten die Abfolge von Bergen und Tälern auf, und oben auf dem Plateau vor der Ruine war über dem Geländer der Weitblick in die Ferne vollkommen frei. Dieser Weitblick überflog das Markgräfler Land, schwebte bis zu den Hängen der Vogesen, klebte an der Oberrheinischen Tiefebene, deutete die Hügel der ab Basel beginnenden Schweiz an. Und die stehen gebliebenen Mauern der Burgruine waren mächtig und übermächtig, sie zeugten von Jahrhunderten der Verteidigung, welches das Abwehrbollwerk geleistet hatte, bis es irgendwann zerstört worden war. Die Überreste beeindruckten, waren Zeugnis der einstigen Macht und blickten stolz von der Höhe aus hinab. Nachdem wir den Abstieg von der Ruine hinter uns gelassen hatten, genossen wir in der Besenwirtschaft des Weinguts Landmann jeweils einen trockenes und einen liebliches Glas Weißwein, dazu aßen wir Käsewürfel. Währenddessen erreichte mich ein Anruf der Praxis des Kinderarztes: um 18.30 Uhr hatte unsere Tochter dort einen Termin, um nach ihrer Blasenentzündung zu schauen. Eigentlich hatten wir um 18.30 Uhr einen Termin in Bad Krozingen wegen eines Covid19-Schnelltests, welcher nun in der Kinderarztpraxis durchgeführt werden konnte. Bei angenehm milden Temperaturen saßen wir draußen, süppelten unseren Wein und ließen es uns gut gehen. Ein wenig besäuselt, schritten wir anschließend durch die Fußgängerzone und schauten auf das Treiben in Geschäften, Lokalen und Restaurants. Das angenehme Wetter hatte bei bewölktem Himmel so manche Passanten in die Cafés gelockt, wodurch der Stadtkern voller Leben steckte und alle Eindrücke, Wahrnehmungen und Beobachtungen sich vervielfachten. In der Faust-Buchhandlung schnappte ich zu, als ich Lieblingsplätze im Markgräfler Land, eine Gebrauchsanweisung für den Schwarzwald und Freiburg sowie eine Wanderkarte kaufte. Das war wieder so viel Lesestoff, der zeitlich schwer zu schaffen sein würde. Die Caféauswahl, um einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen, führte uns zum Café Decker direkt am Flüsschen Neumagen, wo wir ein ausgezeichnetes Plätzchen auf der Brücke direkt über dem Fluss fanden. Der Platz war genial, das Plätschern des Baches, die umspülten Steinbrocken und den geraden Flusslauf beobachten zu können, während ich mein Laptop auspackte und in den Büchern herum schmökerte. Dementsprechend lange klebten wir an diesem idyllischen Flecken fest, wobei ich an viele trostlose Cafés zu Hause dachte, deren Ausblicke sich auf Parkplätze an Supermärkten beschränkte und deren Phantasielosigkeit nicht übertroffen werden konnte. Nach mehr als einer Stunde Verweildauer kehrten wir zurück zum Parkplatz unseres Autos, dann in die Ferienwohnung. Bis zum Termin um 18.30 Uhr in der Kinderarztpraxis blieb noch ausreichend Zeit, die Beine etwas hochzulegen und die stressfreien Urlaubsmomente vorbeistreichen zu lassen. An solchen Tagen, an denen nichts planbar war und die Momente gegriffen werden mussten, lag das Glück ganz dicht beisammen. Den Termin um 18.30 Uhr beim Kinderarzt arbeitete unsere Tochter ab, und danach gingen wir im indischen Restaurant in Norsingen essen.

20. Oktober 2021


Der Europa-Park in Rust warf die Frage auf, was mit einem Freizeitpark anzufangen war. Zuerst war er Familienerlebnis, Fahrgeschäfte gestalteten eine neue Form des Erlebens der Dinge, Achterbahnen sorgten für einen ungeahnten Nervenkitzel, in Gondeln zusammengeführt hatte man als Familie zusammen Spaß. Tiefsinnige Gedanken suchend, entzogen sich diese Erlebniswelten einer Ursachenforschung oder eines Philosophierens über die letzten Dinge. Es war heute so wie eigentlich immer bei unseren Besuchen: der Europa-Park war überreich an Details, die Verantwortlichen hatten sich bei der Gestaltung wahnsinnig viel Arbeit gemacht, man konnte hier und dort Gedankenanstöße entnehmen, so wie man dies in Städten wie Köln oder Bonn oder auch bei aufmerksamen Beobachtungen in der Natur machen konnte. Hausformen der Gotik im Schwarzwald waren nachgebildet worden, es wurden Märchen im Märchenwald erzählt. Das Vielvölkergemisch repräsentierte typisches aus europäischen Staaten, wozu auch die Gastronomie gehörte. Die Nachbarstaaten zeigten ihre kulturellen Errungenschaften, so Jeanne d’Arc, das Petit France aus Straßburg oder den Flammkuchen als Spezialität aus dem Elsass. Den Europa-Park konnte man schnell als Überflug der geistigen Väter eines geeinten Europas verstehen, was auf dieser Ebene positivere Impulse geben könnte als im politischen Tagesgeschäft der EU. Es fehlten die osteuropäischen Staaten, Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, namentlich die widerspenstigen und sperrigen Staaten, die im politischen Tagesgeschäft querlagen, das war mir heute aufgefallen. Viel schönes war heute in den Vordergrund getreten: all die Verzierungen mit Kürbissen und Figuren, die aus Kürbissen gestaltet worden waren. So zog sich der Herbst wie ein Leitmotiv durch den Europa-Park. Mit dem Schwager zusammen hatte ich gezielt die unsterblichen Legenden gesucht und gefunden, das war eine Musik-Show auf der Freilichtbühne mit nachgesungenen Stücken der Cranberries, von Udo Jürgens, Georges Michael, Freddy Mercury und Michael Jackson, dazu eine weitere Show im Teatro, die sich mit viel Artistik und Tanz an die 1920er-Jahre anlehnte. Dieses Showprogramm alleine lohnte sich, darüber hinaus verlor ich mich schnell in all den filigranen Darstellungen von Details und landestypischen Gegebenheiten der europäischen Staaten, die sich letztlich aufbauschten mit irgendwelchen Achterbahnen, was ja auch der Sinn und Zweck des Freizeitparks war. Wie in den vergangenen Jahren, hatten wir unser gemeinsames Familienerlebnis. Zu einer etwas ungewöhnlichen Jahreszeit im Herbst, als es längst dunkel war, als wir mit unserem Auto in dem endlosen Stau standen, weil alle Besucher gleichzeitig den Europa-Park verlassen wollten.

21. Oktober 2021


An diesem Tag hielt sich unsere Tochter nicht an den Zeitplan und brachte damit ihre Verweigerungshaltung zum Ausdruck. Nachmittags wollte ich mich um 16 Uhr mit einem Arbeitskollegen in Ruhestand in Breisach treffen, unsere Tochter und ihren Freund wollte ich mitgenommen haben, und um in einem Restaurant essen zu können, hatte ich um 15 Uhr einen Corona-Schnelltest in Breisach arrangiert. Bevor ich losfahren wollte, hatte ich mit meinem Schwager in Staufen noch einen Kaffee getrunken, er aß außerdem ein Stück Apfelkuchen. Das war um halb 2, und um die Zeitschiene zu halten, drängte ich meinen Schwager sich zu beeilen. Das tat er dann auch, und mit unserer Rückkehr in die Ferienwohnung war es so ungefähr Zeit, in Richtung Breisach loszufahren. Als ich in unserer Ferienwohnung lauschte, traute ich meinen Ohren nicht. Unsere Tochter stand unter der Dusche, und in Kürze wollte ich losgefahren sein. Zuerst war es 14.15 Uhr, um 14:30 Uhr stand sie immer noch unter der Dusche, erst gegen 14.50 Uhr wagte sie sich heraus. Damit hatte sich erledigt, dass die beiden mitfuhren. Ärgerlich war, dass ich den Schwager zuvor gedrängt hatte, seinen Kaffee zu Ende zu trinken und den Kuchen aufzuessen. Das hätten wir viel gemütlicher angehen können. So ließ ich die Uhr weiter verstreichen und fuhr um 15.15 Uhr los. Breisach war sehr schön und den Arbeitskollegen mit seiner Frau kennen zu lernen, war höchst angenehm. Auf dem Platz vor der Münsterkirche pfiff der Wind, da war der Sturm aus der Nacht wenig abgeflaut. In der St. Stephans-Kirche bestaunten wir den Kirchenschrein und den Hochaltar mit seinen filigranen Holzschnitzereien, die blassen und freigelegten Wandmalereien verrieten eine Herkunft aus dem Mittelalter. Wir schritten einmal herum um die Münsterkirche und genossen den Ausblick auf den Rhein in all die verschiedenen Richtungen. Wir schritten weiter zum Radbrunnenturm und zum Tullaturm, den wir ein Stück aus der Ferne mit der Freilichtbühne betrachteten. Danach ging es hinunter zum Rheintor, wo mich die zum Rhein gewandte Seite besonders interessierte, die die Franzosen nach dem 30-jährigen Krieg umgebaut hatten. Der Weg zum Restaurant „Elsässer Hof“, wo mein Arbeitskollege einen Tisch reserviert hatte, führte von unten um die Stadt herum, ohne dass wir weder das tückische Kopfsteinpflaster beschreiten mussten und den Berg hoch laufen mussten. Den Arbeitskollegen mit seiner Frau beim gemeinsamen Essen weiter kennen zu lernen, war höchst anregend und angenehm. Er aß Schweinefilet mit Spätzle, einer Sahnesoße und Salatteller, seine Frau nur einen Salatteller. Ich selbst aß Würstchen, die irgendwo zwischen Brüh- und Mettwurst lagen, mit Bratkartoffeln. Mein Schwager aß Wiener Schnitzel mit Fritten, die so reichlich waren, dass er die Fritten kaum aufgegessen bekam. Kurz nach 19 Uhr fuhren wir wieder in unsere Ferienwohnung zurück, und das Kennenlernen war sehr schön gewesen.

22. Oktober 2021


Ich bedauerte es, dass ich nicht früher darauf gekommen war, die Gegend wandernd zu erkunden. Dazu war die Lage von Staufen, an den Hängen des Schwarzwaldes, übergehend in die Weinberge des Markgräfler Landes, in dem Seitental des Neumagens, geradezu phänomenal. Die Landschaft überwältigte, und beim Autofahren flog die Landschaft doch allzu schnell vorbei. Fahrradfahren war (noch) zu schwierig, und wandernd konnte das Eintauchen und die Wahrnehmung all der Fülle viel intensiver geschehen. Wir entschieden uns heute allerdings nicht für Staufen, sondern für den Nachbarort Münstertal, wo die Berge des Schwarzwaldes noch viel näher gerückt waren, wo die Berggipfel noch greifbarer waren und die Weinberge verschwunden waren. So fuhren wir mit der Bahn von Staufen nach Münstertal, bis zur Endstation, wo wir uns vorgenommen hatten, eine rund fünf Kilometer lange Rundwanderung bis zum Kloster St. Trudpert zu unternehmen. Der Weg, den wir uns ausgesucht hatten, stieg sogleich vor dem Rathaus an. Der Anstieg die Schwarzwaldhänge hinauf war so massiv, dass mein Schwager gleich zweimal längere Pausen einlegen musste. Als die Pausen beendet waren, legte sich die Erschöpfung und belohnte anstatt dessen mit einem fulminanten Ausblick auf den Ortskern von Unter-Münstertal und dem Panorama dahinterliegender Berge, die in ihrer Höhe geradezu aufschossen. Auf der Höhe angekommen, tauchte der Wanderweg sogleich in dichten Wald ein. Die Anstrengungen waren verschwunden, als der Weg sich seicht hinab schlängelte. Die Nadelbäume standen dicht an dicht, bis sich das Gefälle wieder in einen Anstieg verwandelte. In der Ferne war der Blick für ein kurzes Stückchen freigewesen auf das Kloster St. Trudpert, das unser Ziel war. Wir schauten auf Häuser, die Hauptstraße, fahrende Autos, dessen Motoren in den Morgenstunden verhallten. Doch dann wurde der Weg unerwartet etwas schwieriger, weil er sich verengte. In der Enge stieg der Weg erneut an, dicke und unförmige Steine stellten sich den Tritten in den Weg, der Berghang fiel steil ab. Meinen Schwager musste ich an der Hand führen, vorsichtig musste er Schritt für Schritt voran schreiten. Diese enge und unübersichtliche Wegepassage dauerte lange, viel zu lange an. Es passten kaum zwei Wanderer aneinander vorbei. So fühlten wir uns schließlich erlöst, als wir wieder festen Boden in Form eines Teerweges unter den Füßen hatten. An diesem Punkt zogen wir es vor, die Hauptstraße entlang zu gehen anstelle des fortgeführten Wanderwegs. Das Kloster näherte sich aber rasch. Und mit dem Kloster näherte sich gleichzeitig ein Gasthof, der genau an der Zufahrt zum Kloster lag und vor allem geöffnet war. Nach dem letzten Stück des Wanderweges, der extrem unsere Konzentration beansprucht hatte, war eine Pause genau das richtige. Zunächst waren wir ganz alleine in dem Lokal, und wir wunderten uns, dass man bereits mittags Kuchen essen konnte, was wir dann auch taten. Wir aßen Käsekuchen und Sachertorte, wir ruhten uns dabei aus und ließen es uns gut gehen. Mit den geblümten Tischdecken und der Bestuhlung in hellem Holz kam uns der Schwarzwälderische Charakter der Einrichtung etwas bieder vor, der Kuchen schmeckte auf jeden Fall bestens. Nach einer ausgiebigen Pause erkundeten wir die Klosterkirche, die keinesfalls bieder, sondern sehr üppig aussah. Im dreißigjährigen Krieg war die Kirche zerstört worden und später im Stil des Barock wieder aufgebaut worden, mit protzigen Deckenmalereien und noch protzigeren Altären, die in einer Vielzahl in den Seitennischen standen. Das war des Überschwangs und des sakralen Reichtums ein bißchen zu viel, und so wendeten wir uns danach der etwas schlichteren Wegeführung zu, wo auf der Rückseite des Klostergeländers Neugierige darauf hingewiesen wurden, dass das Kloster in Privatbesitz war und dass es nichts zu besichtigen gäbe. Der Weg kroch eine Anhöhe hoch, und als es etwas später steil nach unten ging, erreichte mich ein Anruf meiner Frau auf meinem Handy. Was denn mit dem Medikament für unsere Tochter gegen die Bläschen im Mund sei. Die eitrigen und aufgeblähten Bläschen im Mund taten irre weh, so dass sie nichts essen konnte, und am Vortag hatte unsere große Tochter das Medikament „Pyralvex“ genannt, was dagegen helfen würde. Gestern war ich nicht losgezogen wegen des Medikamentes, also musste ich dies heute erledigen. Nachdem das kräftige Gefälle nachgelassen hatte, orientierte sich der Weg am Verlauf eines Baches, so dass wir diesem nur noch zu folgen brauchten. Der Rückweg war somit weitaus weniger spektakulär, aber nicht langweilig. Wir liefen an den Sportplätzen der Spielvereinigung Untermünstertal vorbei und an dem Gasthof „Zum Belchenblick“, wo wir abends verabredet waren. Wir studierten die Speisekarte, stapften in den Ortskern von Untermünstertal, wo sich neben dem Rathaus eine Apotheke befand. Sie war allerdings bis 14.30 Uhr geschlossen, und dies war genau die Abfahrtszeit des Zuges nach Staufen, den wir nehmen wollten. So besorgten wir „Pyralvex“ in einer Apotheke in Staufen, nachdem der Zug in Richtung Bad Krozingen losgefahren war. Abends fuhren wir dann mit dem Auto erneut nach Münstertal, zum Treffen im Gasthof „Zum Belchenblick“ mit der Bloggerin, die wir im Jahr 2017 persönlich kennen gelernt hatten.

23. Oktober 2021


Der Urlaub war nun zu Ende, wir traten die Rückfahrt an, und es hatten fünf volle Tage an unserem Urlaubsort Staufen hinter uns gelegen, an denen unsere Tochter mit ihrem Freund ganz viel im Bett gelegen hatte. Der Schwager war stets neugierig und unternehmungslustig gewesen. Sein ziemlich langsamer Takt kam mir sehr gelegen, weil ich selbst die Dinge im Urlaub langsam angegangen sein wollte. Sah man davon ab, dass der Arzttermin unserer Tochter am zweiten Urlaubstag einiges über den Haufen geschmissen hatte, konnte ich mich in aller Geruhsamkeit gut erholen, weil die Zeitfenster ausreichend bemessen waren. Für Termine hatten wir ausreichend Zeit eingeplant, wodurch wir Hektik und Stress vermeiden konnten. Dass wir häufig essen gingen, entlastete uns von der Kocherei, der ich an Urlaubsorten abgeneigt war. All die Schönheiten der Landschaft des Markgräfler Landes hatte ich eingeatmet, wir waren in Freiburg gewesen, das persönliche Kennenlernen mit dem Arbeitskollegen in Breisach hatte geklappt. Manches hatten wir nicht geschafft, so die Tagestour nach Straßburg, anderes wie Ottmarsheim oder Fessenheim hatten wir hingekriegt. Das Fazit war durchweg positiv, so dass ich mit einem wehleidigen Auge auf den scheidenden Breisgau zurück blickte. Unsere große Tochter setzte ich noch in Freiburg ab, weil sie in der Universitätsklinik ein Zeitfenster für ein Mikroskop reserviert hatte. Hinaus ließ ich sie auf der Friedrichstraße, nicht unweit vom Hauptbahnhof, wo der Abschied von ihr dann kurz und knapp ausfiel. In Herdern tankte ich, über die Bundesstraße B3 fuhr ich bis Emmendingen, dann ging es an der Auffahrt Teningen auf die Autobahn A5 in Richtung Karlsruhe. Vollkommen ohne Stau kamen wir durch, und an der Ausfahrt Waldlaubersheim aßen wir gegen 16 Uhr bei Mc Donald’s, weil der Hunger inzwischen Überhand genommen hatte.

24. Oktober 2021


Eine etwas ungewöhnliche Entdeckungsreise an einen Ort, der normalerweise nicht mein Ding ist. Friedhöfe erzeugen ein beklemmendes Gefühl, weil es die einzige Gewissheit des Lebens ist, sich früher oder später dort wieder zu finden. Heute war ich war nach Rhöndorf gefahren, um das Grab eines großen Staatsmannes der Bundesrepublik Deutschland aufzusuchen. Mit der Nachkriegs-Ära habe ich mich immer wieder befasst, aber nicht so wirklich mit dem politischen Wirken des einstigen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der sicherlich Großes geleistet hat, was den Aufbau der Demokratie in der Nachkriegszeit betrifft, die Einbindung in den Westen, den Wirtschaftsboom in den 1950er Jahren, die deutsch-französische Freundschaft und vieles, vieles mehr. Konrad Adenauer ist auf dem Waldfriedhof in Rhöndorf begraben, und der Weg dorthin führte an viel filigraner Fachwerkarchitektur vorbei, dessen putzige Fassaden so manche Künstler beherbergt haten. Es ging weiter an den am Hang gelegenen Schützenhaus der St. Hubertus-Schützenbruderschaft und dort, wo der Wanderweg mit dem Kennzeichen RV mitten in den Wald wies, befand sich die Eingangspforte zum Waldfriedhof von Rhöndorf. Nachdem ich diese durchschritten hatte, musste ich meine abweisende Haltung gegenüber Friedhöfen revidieren. Der Friedhof fügte sich harmonisch in das Landschaftsprofil des Siebengebirges ein. In den 1920er-Jahren konzipiert, folgten die Gräbern stufenweise dem ansteigenden Landschaftsprofil des Siebengebirges. Begrüßt wurde der Besucher von einer sogenannten Totenleuchte, dessen Mitte eine Vielzahl von Lichtern in einer Kammer unter einem Kreuz bereithalten konnte. Der Übergang zum Wald geschah fließend, und Baumwipfel und Baumkronen hängten sich wie ein willkommener Schutz über die Gräber. Treppen führten hinauf, um den nicht unerheblichen Anstieg des Geländes zu bewältigen. Parallel dazu war das Wegenetz sichelförmig angelegt, um barrierefrei die Gräber zu erreichen. Sauber beschildert war der Weg zum Grab des ersten Bundeskanzlers unserer Republik, dazu waren die blau-weißen Wegepfeile ständig präsent. Das Grab war als Familiengrab konzipiert. Seine Mutter Helene und sein Vater Konrad, die zuvor auf dem Kölner Melaten-Friedhof bestattet waren, waren auf Wunsch von Konrad Adenauer dort exhumiert worden und nach Rhöndorf überführt worden, ebenso seine erste Ehefrau und sein Patenonkel. Sein zweiter Sohn, ein Pfarrer, war in dieser Familiengrabstätte ebenfalls begraben. Bei dieser etwas ungewöhnliche Entdeckungsreise fühlte ich mich auf dem Friedhof geborgen, der als Gartendenkmal seit 2011 unter Denkmalschutz steht. Der Rückweg führte mich nicht nur über viele Treppenstufen, sondern auch an der alten Friedhofskapelle aus Bruchsteinen in einem düsteren und beinahe melancholischen Grau vorbei. Daneben hatte sich der Bildhauer Karl Menser, der den Waldfriedhof entworfen hatte, mit seiner 1929 selbst geschaffenen Büste verewigt. Ich hielt noch einmal inne und besann mich auf große Politiker wie unseren einstigen Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hatte. Seine verstorbene Seele weilte hier als eine unter vielen anderen Verstorbenen im Totenreich, welches mir aus meiner Schulzeit in der Sage von Orpheus und Eurydike in Erinnerung geblieben war.

25. Oktober 2021


„Ist es verwunderlich, dass der herrliche Gottesgarten, in dem unsere Stadt sich dehnt, gerade auf Maler seine starke Anziehungskraft nicht verfehlt?“, so formulierte der Honnefer Heimatforscher August Haag das Aussehen der Löwenburgstraße. Die Straße in dem Bad Honnefer Stadtteil Rhöndorf, eingefasst in die beginnenden Hänge des Siebengebirges, übte mit ihren verspielten Fassaden einen Reiz auf Künstler aus. Die Straßenführung war eng, Fachwerkgebälk ragte bis dicht an die Straße heran, die Häuser waren durch An- und Umbauten reich gegliedert, Höfe und Hinterhöfe gaben angenehme Aufenthaltsorte ab, der Übergang vom Rhein in die Gebirgslandschaft war reich an Motiven. Mit den Künstlern verband man allerdings nicht die ganz großen Namen, die man in den großen Gemäldegalerien der hiesigen Museen wiederfindet. Isabella Hannig, Günter Hansing, Philipp Reissdorf, Jakob Thiesen oder Wilhelm Redeligx, die hier gelebt hatten, dürfte wohl kaum jemand kennen. Der bemerkenswerteste Künstler, Jakob Thiesen, teilte sein Schicksal mit August Macke. 1884 geboren, war Jakob Thiesen der Düsseldorfer Schule zuzuordnen und beeinflusst vom Stil des rheinischen Expressionismus. In den ersten Kriegswochen des Ersten Weltkrieges starb er auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich. Er fiel im September 1914 in den Argonnen, August Macke erwischte es fünfzig Kilometer weiter westlich in der Champagne.

26. Oktober 2021


Spaziert man durch Rhöndorf, so fühlt man sich unmittelbar in Weinorte versetzt in typischen Weinanabaugebieten, die vielleicht an der Mosel, der Deutschen Weinstraße oder im Kaiserstuhl liegen könnten. Es sind gleich mehrere Weinstuben, die aufeinander folgen. So wie man es von anderen typischen Weinanbaugebieten kennt, ranken sich Weinstöcke die Hausfassaden hoch. Schilder von Weintrauben hängen über den Häusereingängen, und die Weinstuben bieten lokale Weine in ihrem Ausschank an. Es ist nicht soviel anders als in den anderen, weitaus bekannteren Weinanbaugebieten, außer dass vielleicht die Speisekarten hier eher rheinisch geprägt sind und die Anzahl der Weinstuben doch nicht ganz das Niveau der Spitzenlagen erreicht. Dafür kann sich der Anstieg der Weinberge unterhalb des Drachenfelses mit den Steillagen – wie etwa an der Mosel – durchaus messen lassen. Nordrhein-Westfalen wird nicht ganz mithalten können mit Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg, aber die Winzer geben hier ihr bestes. Schließlich ist es am Rhein eine der nördlichsten Weinlagen, wenn man von denjenigen auf Bonner Stadtgebiet absieht. Die Weinstuben im Schatten des Siebengebirges können es jedenfalls mit anderen, hochprämierten Lagen aufnehmen.

27. Oktober 2021


Man kann es durchaus als eine Art von Schockzustand beschreiben. Der Schock saß tief nach dem Lockdown, in den Sommermonaten mussten wir uns befreien aus diesem Zustand, nichts machen zu können, Kultur und Veranstaltungen hatten brach gelegen, man konnte keine Freunde treffen, nirgendwo einen Kaffee trinken, der Stillstand des Alltagslebens drohte, ein psychisches Trauma zu hinterlassen. So ziemlich genau vor einem Jahr hatte der Dauer-Lockdown begonnen, wovon vieles willkürlich war, unsinnig und lange Zeit ohne jegliche Wirkung. Maskenpflicht auf Friedhöfen, Maskenpflicht auf Parkplätzen, Maskenpflicht in Innenstädten, Schließung von Bibliotheken, Schließungen von Museen, die Schließung der Gastronomie, während Geschäfte geöffnet blieben: bis in den Sommer hinein wirkte der Schockzustand nach, die Verantwortlichen könnten bei einem Ansteigen der Fallzahlen wieder alles schließen und wieder dicht machen. Die Fallzahlen steigen zwar ganz ähnlich wie vor einem Jahr, aber nach Schließungen und einem Lockdown sieht es nun glücklicherweise nicht aus. Etwas unsicher dürfte noch die Entwicklung der Impfdurchbrüche sein oder die Auslastung der Intensivbetten, aber die Verantwortlichen scheinen eingesehen zu haben, dass ein Lockdown nicht mal eben so nach Belieben als allererste Stellschraube angewendet werden sollte. So stimmt es positiv, dass der Kulturbetrieb wieder in Gang gekommen ist. Sieht man ab von Großveranstaltungen, haben die Veranstaltungen in kleinen Hallen, in Theatern oder kleinen Sälen wieder ein breit gefächertes Programm, was ich zufrieden feststelle, wenn ich mit dem Fahrrad unter der Autobahnunterführung auf dem Weg ins Büro hinweg fahre. Die Plakate haben einen gewohnten Umfang angenommen – wie in Vor-Corona-Zeiten. Die Veranstaltungshallen freuen sich, dass dort Künstler auftreten. Dicht gestaffelt, stehen die Termine untereinander, die nicht nur die Herbst- und Wintermonate ausfüllen, sondern bis ins nächste Jahr reichen. Der Kulturbetrieb hat wieder an Fahrt aufgenommen. Nach einem neuen Lockdown sieht es wirklich nicht aus – den Impfungen sei dank. Derzeit herrscht ein Optimismus, den ich mir im Frühsommer noch nicht hätte vorstellen können.


28. Oktober 2021


Office Home – unter diesem Slogan, der die Home-Office-Welt begrifflich umkrempelt, werden unsere Mitarbeiter wieder in die Büroarbeitswelten zurück gelockt. Ich selbst bin gerne in das Großraumbüro zurück gekehrt, weil ich persönliche Kontakte schätze und gerne zuhöre, was die Kollegen themenmäßig so umtreibt. Nur die Hälfte der Arbeitsplätze kann besetzt werden, so dass langsam an bestimmten Tagen ein gewisses Gedrängele eingekehrt ist, wer wo an welchem Arbeitsplatz sitzt. So wie heute, muss ich breitflächiger ausweichen, weil in dem eigentlichen Bereich, wo die Teams sitzen sollen, kein Platz mehr frei ist. Dreimal pro Woche ist der Richtwert, dass ich im Büro bin. An den anderen Tagen schätze ich aber ebenso, im Home Office zu Hause zu arbeiten. Das hat auch etwas für sich, privates mit dem Arbeitsplatz verbinden zu können. Die Belange der Familie lassen sich so besser unterbringen. Das ist sicherlich eine der wenigen positiven Seiten von Covid19, dass der Arbeitgeber das Arbeiten von zu Hause aus freizügiger sieht.

29. Oktober 2021


Als der Schwiegervater noch gelebt hatte, ging es noch ziemlich geregelt zu, was die Grabpflege des Grabes der verstorbenen Schwiegermutter vor Allerheiligen betraf. Dann waren wir bereits im Oktober nach Breuer gefahren, in den Herbstferien hatten wir das Grab zurecht gemacht, das waren mehrere Wochen vor Allerheiligen. In diesem Jahr berichtete mir meine Frau über breit gefächerte Aktivitäten anderer Angehöriger vor Allerheiligen, die sich um die Gräber kümmerten. Nicht so bei uns. Noch vor den Herbstferien hatten wir Heidepflanzen und lilane Herbstblumen bei ALDI, doch sie standen einfach nur herum, weil uns die Zeit zum Bepflanzen fehlte. Dieselbe Zeitnot plagte uns in den Herbstferien, davon waren wir eine Woche weg zu unserer Tochter. So verschob sich die Bepflanzung kurz vor Allerheiligen. Die Herbstblumen waren halb verwelkt, so dass meine Frau in dem Blumenladen bei REWE neue Herbstpflanzen kaufte. Da die Zeit immer mehr drängte, machten wir uns heute an die Bepflanzung des Grabes. Wie bei ähnlichen Situationen, kam es zwischen mir und meiner Frau zu der einen oder anderen Irritation. Die Erika sollte ich ihr reichen, meinte meine Frau, ständig wiederholte sie „die Erika“, weil ich ihr alle möglichen Pflanzen reichte, aber keine Erika. Dann wurde sie deutlicher. Ich sei doch so oft in der Wahner Heide gewesen, dabei sei ich so begeistert gewesen, wenn ich von den Naturschönheiten der Wahner Heide geschwärmt hätte. Da begriff ich endlich. Die Heidegewächse konnte ich identifizieren, das waren allerdings krautige Einheitsgewächse, die kaum eine Miniaturausgabe von Heidebüschen und Heidesträuchern in der Wahner Heide abgaben. Eine schlechte Kopie, womit wir das Ganze der Bepflanzung zusammenstellten und welche ich dann auf der linken Seite vor dem Grabstein einpflanzte. Insgesamt sah die Neubepflanzung in jedem Fall nicht schlecht aus. Wir waren auch nicht die einzigen auf dem Friedhof, die sich um die Gräber ziemlich kurz vor Allerheiligen kümmerten. Bevor das Wochenende begann, hatten wir etwas höchst wichtiges erledigt.

30. Oktober 2021


Zum dritten Mal haben wir uns Anka Zink angeschaut. Eine Kabarettistin, die mich immer wieder aufs Neue begeistert und die ich bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen habe. Das erste Mal war vor rund fünf Jahren in der Springmaus, das zweite Mal zu meinem 60. Geburtstag und das dritte Mal heute. Neu war bei der heutigen Vorstellung, dass es eine Premiere war. Ihr neues Programm hieß „Gerade noch mal gut gegangen“, und manche Stellen ließen erahnen, dass sie an dem einen oder anderen Punkt noch herum feilen würde. Der erste Teil ihres Programms wirkte vor der Pause nicht so ganz geschliffen und pointiert wie wir sie sonst kannten. Dafür riss der zweite Teil mit, dabei kamen wir aus dem Lachen kamen kaum heraus. Sie brillierte damit, Gegebenheiten und Alltagsgeschichten aufzubereiten, ihren Humor zwischen den Zeilen wirken zu lassen, all dies mit ganz viel Verstand und einem Fingerzeig, wo was schiefläuft und nicht in Ordnung ist. Ganz viel ritt sie auf den Weltraumflügen herum, die ein Jeff Bezos mit Hilfe einer privaten Raumstation im Weltall organisierte. Es sei dunkel und das Hauptargument greife gar nicht, wie toll man die Erde aus dem Weltall sehen könne. Sie stellte die Sinnfrage, stichelte in der Notwendigkeit herum und mäkelte nebenher über die Hinterlassenschaften und den Müll vergangener Weltraumflüge herum. Als Oberbegriff zu dem Thema „Gerade noch mal gut gegangen“ waren Risikosituationen auszumachen. Sie leitete ein mit dem Alltagsproblem, das viele Familien kennen, wenn sie in den Urlaub fahren, ob das Bügeleisen ausgeschaltet ist. Selbst das Grillen könne gefährlich werden, wenn etwa ein Gasgrill explodiere. Und ebenso könne ein Techtelmechtel mit einem Pizza-Boten ein unkontrolliertes Risiko bergen, womöglich schwanger zu werden. Den Bogen zu vorherigen Passagen zurück zu spannen, das beherrschte sie mit hoher Intelligenz. So kramte sie diesen Pizza-Boten sehr viel später wieder heraus, als sie von einer Bekanntschaft im Netz mit einem Geschäftsmann aus New York erzählte. Das große Schlussfinale, dass die Dinge gerade noch mal gut gegangen waren, gab der Besuch ihrer Schwester ab, die ein Ferienhaus in Südfrankreich besaß. In einer Gruppe wanderte sie in den Pyrenäen, wobei ihr der Aufstieg in steile Höhen allzu viel abverlangte. Die Höhen waren so schwindelerregend, dass sie nie nach links oder rechts, geschweige denn, nach unten schaute. „Gerade noch mal gut gegangen“, so kommentierte sie das Etappenziel, das sie erreicht hatten. Und kein Stück weiter solle es gehen, das fügte sie hinzu, noch in Angstzuständen verharrend, dass sie es überhaupt so weit gebracht hatte. An diesem Punkt endete ihr Bühnenprogramm, offen lassend, wie nun der Abstieg oder die Wanderung in den Pyrenäen weiter gegangen waren. Der Abend war höchst unterhaltsam, gespickt mit lauter intelligenten Erzählungen, Anekdoten, Anmerkungen, Bemerkungen, Seitenhieben und Pointen. Wir freuen uns auf die nächsten Vorstellungen von Anka Zink.

31. Oktober 2021


Ein Wochenende mit viel Fahrerei mit unserem PKW. So einiges an Kilometern und Autobahn-Kilometern haben wir hinter uns gebracht, und es gab auch zeitlich so einiges zu disponieren. Nach Dortmund ging es diesmal mit unserer Tochter nicht am Freitagnachmittag nach der Schule, sondern früh morgens am Samstag. Das hatte den Vorteil, dass das Leverkusener Kreuz frei war, so dass die Fahrt nach Dortmund gänzlich ohne Stau begleitet war. Dort unterhielt ich mich längere Zeit mit der Mutter des Freundes unserer Tochter sowie ihrem Lebensgefährten, über unseren Urlaub in Staufen, über deren Urlaub, wovon sie viel in deren Umgebung gewandert waren, über die kommenden Weihnachtsmärkte in Zeiten der Pandemie und dass ein Durcheinander herrschen müsste, die 3G-Regeln zu überprüfen. Nach einer ausgiebigen Tasse Kaffee und nachdem ich unsere Tochter bei ihrem Freund belassen hatte, fuhr ich die Autobahnen A1, A3 und A59 zurück in Richtung Heimat, reibungslos und ohne Stau, wo ich so ziemlich genau um die Mittagszeit um 12 Uhr ankam. Nachmittags diverse Einkäufe erledigen, danach fuhren wir um 18.30 Uhr nach Zündorf, um mit der Straßenbahnlinie 7 zum Heumarkt zu fahren. Von dort aus liefen wir ein Stück zu Fuß zum Senftöpfchen-Theater, wo um 20.15 Uhr Anka Zink mit ihrer Premiere „Gerade noch mal gut gegangen“ auftrat. Weit nach Mitternacht waren wir zu Hause, vor dem Fernseher genehmigte ich mir noch einige Gläser Rotwein, so dass ich spät einschlief und mich noch später am nächsten Morgen aus dem Bett erhob. Per Whatsapp hatte sich inzwischen unsere große Tochter gemeldet. Sie hatte mit dem Zug eine Freundin in Zürich besucht, hatte sich auf den Rückweg gemacht und wollte uns besuchen. Um 18.50 Uhr sollten wir sie am Bonner Hauptbahnhof abholen. So tat sich ein Zeitfenster auf, dass ich nachmittags bei meiner Familie am Niederrhein vorbei schauen konnte. Zuletzt hatte ich es in den Sommerferien hin gekriegt, meine Mutter und meinen Bruder in den Sommerferien zu besuchen. Etwa zwei Monate später sollte dies nun heute gelingen. Ein wenig mussten wir noch sauber machen und putzen, das Mittagessen, das meine Frau zubereitete, musste ich absagen. So ging es über die Autobahnen A555 bis Köln, A4 bis zum Kreuz Kerpen, A61 bis zum Dreieck Holz und der A46 bis zur Anschlussstelle Erkelenz-Süd, von dort aus über Landstraße bis Wegberg. So eine Stunde blieb uns zum Unterhalten, viel zu wenig, würde man normalerweise denken, aber mittlerweile hatten die Gespräche inhaltlich an Wert verloren. Bisweilen war das Verhältnis zwischen meinem Bruder und unserer Mutter angespannt, das bekam ich in einer Diskussion hautnah zu spüren. Dazwischen hing die Schwägerin, wodurch mein Bruder zwischen die Fronten geriet, da sich meine Mutter und die Schwägerin unter einem Dach schlecht verstanden. Und dann war da noch das Erbe, das wir ganz weit in die Zukunft verschoben, weil wir hofften, dass unsere Mama noch sehr lange leben würde. „Ihr sollt Euch gut verstehen“, so flehte sie uns an, bevor ich nach Hause zurück fuhr. Vor solchen Situationen zog ich mich lieber zurück, weil sie mit ihrem Testament ihren Teil dazu beigetragen hatte, nicht zu entspannen, sondern Spannungen aufzubauen. Ich warf lieber dieses Thema erst gar nicht auf. Der Besuch war ein verbales Gemengelage von Smalltalk, unterdrückten Spannungen, der Verstocktheit einer 85 jährigen Frau und einer familiären Harmonie, der die Erlebnisse und die Substanz abhanden gekommen waren. Wenngleich man berücksichtigen musste, dass die Mobilität unserer Mama mit ihren 85 Jahren eingeschränkt war und die Einschränkungen im Haus ebenso zunahmen. So war ich dann doch wieder froh, lange Zeit auf der Straße unterwegs zu sein. Dieselben Autobahnen zurück nach Hause, A46, A61, A4, A555 und ein kleines Stück A565. Von meinem Zuhause hatte ich mich effektiv sehr weit entfernt. Die Verbindungen dorthin aus der Kindheit, der Schulzeit oder zu Vereinen waren längst gekappt worden. Als ich nach Hause zurück gekehrt war, ging es eine halbe Stunde später weiter, um unsere große Tochter vom Bonner Hauptbahnhof abzuholen.



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