Tagebuch Juni 2020

1. Juni 2020


Die Start- und Landebahn im Tiefschlaf, die Flugzeuge in der Parkposition, der Tower in einer Corona-bedingten Untätigkeit, nahm die Rennradtour rund um den Köln-Bonner-Flughafen an dieser Stelle, wo es flach war oder leicht bergab ging, üblicherweise Fahrt auf. Wie sonst, beschleunigte ich, doch der erneute Schmerz in der Brust riss Herzschlag und Atmung auseinander. Kerzengerade auf dem Sattel sitzend, hielt ich das Tempo, welches den Schmerz überwand, aber den Atem immer kürzer werden ließ. Ich ersehnte die nächste Verkehrsampel, wo ein Fahrradweg geradeaus durch ein Waldstück führte und wo es Sitzbänke gab, um etwas zu trinken und meinen Körper zur Ruhe kommen zu lassen. Dort ruhte ich, doch die gewünschte Erholung von Atem und Herzschlag blieb aus. Im Gegenteil: die Atemzüge wurden so kurz, dass ich Angst hatte zu ersticken. Um mein Rennrad zu der Ampel zurück zu schieben, kostete es einige Mühe, und von dort aus rief von meinem Handy die 112 an. Es dauerte weniger als zehn Minuten, bis der Notarzt kam. Im Inneren des Rettungswagens bekam ich irgendeine Infusion, die bewirkte, dass die Schmerzen in der Brust und das Erstickungsgefühl nachließen. In nochmal weniger als zehn Minuten folgte ein Arzt, der das EKG als auffällig interpretierte und Kontakt mit der kardiologischen Abteilung aufnahm. In der Notfallaufnahme des Krankenhauses Köln-Porz stand eine Gruppe von Ärzten und Pflegpersonal sogleich handelnd bereit. Es fiel das Wort „Herzinfarkt“, und jede Minute und jede Stunde würden über Sein und Nichtsein entscheiden. So ging alles wahnsinnig schnell, dass ich mich vielleicht eine halbe Stunde später in einem Operationssaal wieder fand, wo ich in einer örtlichen Betäubung über die Leistengegend einen Herzkatheter gesetzt bekam. Ein Kontrastmittel wurde gespritzt, welches ein Blutgerinnsel in einer Hauptarterie der Herzvorderkammer erkannte. Der operierende Arzt erzählte, was er genau machte, wie zufrieden er war und wie sehr sich sein Gebaren in den Verästelungen meines Herzens lohnte, alles während meines vollen Bewusstseins. Über den Katheter arbeitete der operierende Arzt mit sogenannten Ballons, deren Druckblasen das Blutgerinnsel Stück für Stück entfernen. Die Engstelle wurde wieder frei, stabilisiert von einem sogenannten „Stent“, der Puls wurde in kontrollierte Bahnen gelenkt, das Blut floß durch die Kammern des Herzens. Zweieinhalb Stunden, länger als mir lieb war, dauerte die Aktion, weil noch ein weiteres, kleineres Blutgerinnsel in einer Nebenader beseitigt wurde. Überstanden hatte ich alles, als man mich in die Intensivstation verlegte. Unter der Totalüberwachung von Monitoren, eingezwängt zwischen Bündeln von Kabeln, gepieckst alle vier Stunden wegen einer Blutprobe, Ärzte und Pflegepersonal schwärmten ständig ein und aus, hatte ich ein Gefühl der Erleichterung, wie ich es noch nie gekannt hatte. Der Schmerz in meinem Brustkorb hatte deutlich nachgelassen, und die Taktungen von Puls und Atem begannen wieder zusammen zu passen.

2. Juni 2020


Die weiße Wand und die Kapelle. Das allererste Mal, dass ich jemals in einem Krankenhaus liegen sollte, konnte ich mir nicht aussuchen. Als Patient hatte ich ein Krankenhaus noch nie von innen gesehen, und ein Stückchen Lokalpatriotismus konnte ich nicht verbergen, dass das Porzer Krankenhaus auf Kölner Stadtgebiet lag. Obschon ich nur sechs Jahre in Köln gewohnt hatte, fühlte ich mich von Köln stärker angezogen als von jeder anderen deutschen Stadt. Sicher, der Anlass hätte schöner sein können. Aber die Abschottung in den sterilen weißen Wänden, die Kompetenz der Ärzte und die Freundlichkeit des Pflegepersonals in einem Krankenhaus auf Kölner Stadtgebiet förderten die Genesung. 48 Stunden ertrug ich die Überlast der Apparaturen in der Intensivstation, dann verlegte man mich in die „Normalstation“ der Kardiologie. In Corona-Zeiten war alles anders, weil ich keinen Besuch empfangen durfte, nicht einmal aus meiner Familie. Doch die Isolation hatte auch ihre positiven Seiten. Die weiße Wand blendete die Dinge des Alltags aus. Ich konnte rekapitulieren, dass ich viel Glück gehabt hatte, so der Oberarzt bei der Visite. Nur zeitweise, zur Tagesschau oder den Heute-Nachrichten, schaltete ich den Fernseher ein. Auf meinen Wunsch hatte meine Frau mehrere Exemplare der FAZ-Woche und drei Taschenbücher des Philosophen Ernst Bloch an der Rezeption hinterlassen. Ich hatte Zeit zum Lesen, so dass ich äußere Reize nur in dem Maß auf mich einwirken ließ, wie ich sie verarbeiten konnte. Die weiße Wand in meinem Zweibettzimmer war genutzt worden, um die historischen Akzente von Köln-Porz zu zeichnen. Es gab eine Michaelskapelle nicht nur unterhalb der Bonner Godesburg, sondern auch in Köln-Porz. Genauer gesagt, im Ortsteil Zündorf, oberhalb des alten Rheinarms der Groov. Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, werde ich mir die Kapelle auf der weißen Wand, dessen Entstehungszeit in das 11. Jahrhundert zu datieren ist, gerne ansehen. Ich verbinde mit ihr all die positiven Umstände der Genesung im Porzer Krankenhaus und ich werde eine Kerze anzünden, dass alles gut verlaufen ist.

3. Juni 2020


Unter den Begleitumständen von Normalität zu reden, verbot sich von selbst. Dennoch normalisierte sich so einiges auf der Normalstation. Nach dem dauergeschäftigen Dauerbetrieb auf der Intensivstation schlief ich in den Nächten durch, bis sich gegen 7 Uhr die ersten Krankenschwestern und Krankenpfleger blicken ließen. Das Essen entsprach nicht den miserablen Vorstellungen, die ich vom Krankenhausessen gehabt hätte, sondern es war durchaus genießbar. Zwischen drei Essen konnte man auswählen, und einmal gab es leckeren Backfisch, ein anderes Mal Reibekuchen. Ganz ruhig und so langsam, als ob eine Schnecke aus ihrem Schneckenhaus kriechen würde, ging ich den Tag an. Ich genoss es, vom Rest der Welt in den vier Wänden des Zweibettzimmers abgeschottet zu sein. Mein Zimmergenosse war höchst angenehm. Er hieß Stefan, kam ursprünglich aus Rumänien. Ende 60, hatte er bis zu seiner Rente im Krankenhaus Köln-Deutz als Physiotherapeut gearbeitet. Seine Krankengeschichte war der meinigen nicht unähnlich. Er war mit seiner Frau mit dem Fahrrad zu Freunden nach Zündorf gefahren. Dort hatten sie gegrillt, dabei hatte er eine Zigarette geraucht und Bier getrunken. Während er rauchte, traten dieselben Symptome auf wie bei mir. Da sich die Beschwerden mit dem drückenden Schmerz auf den Brustkorb konkretisierten, riefen sie den Notarzt. Beim Herbeirufen des Notarztes lief allerdings schief, dass Stefan nicht direkt vom Rettungswagen ins Krankenhaus transportiert wurde, sondern dass mit einem Hubschrauber ein Defibrillator herbei geschafft werden sollte. Das dauerte wiederum, und in dieser Zeit wurde Stefan bewusstlos. Erst dann geschah der Transport mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, und er erwachte erst dann wieder im Krankenhaus, als die Stents bereits gesetzt waren. Stefan war bereits in den 1990er Jahren nach Deutschland gekommen, und er erzählte so manches über seine Jahre hier. Erste Ahnungen, dass künftig das Leben von Grund auf neu gedacht werden musste, ereilten mich am Krankenbett. Leben mit einem Infarkt – so manches würde sich ändern müssen. Das erste sichtbare, für die Zukunft relevante Indiz, waren Tabletten. Morgens bekam ich mein Tageskontingent an Tabletten, dessen Anzahl nicht unerheblich war. Noch vor mehreren Wochen, vor der Darmspiegelung, war ich stolz darauf zu verneinen, dass ich irgendwelche Medikamente nehmen würde. Diese Zeiten sind nun grundlegend vorbei. Gleich sechs Tabletten muss ich bis auf weiteres nehmen, davon fünf morgens und eine abends. Zwei Tabletten zur Blutverdünnung, eine zur Cholesterinabsenkung, eine gegen Bluthochdruck und so weiter. Vor dem Frühstück benötige ich zuerst eine Flasche Mineralwasser, um die Tabletten mit viel Wasser den Mund herunter spülen zu können. Routine, Tabletten zu schlucken, wird wohl nie einkehren können. Pillen, Tabletten, dieses leblose Stück Materie, welche das Leben im menschlichen Körper von Grund auf verändern können, werde ich nicht vermeiden können. Mit Tabletten leben und umgehen lernen.

4. Juni 2020


Erste Ahnungen, dass künftig das Leben von Grund auf neu gedacht werden musste, ereilten mich am Krankenbett. Leben mit einem Infarkt – so manches würde sich ändern müssen. Das erste sichtbare, für die Zukunft relevante Indiz, waren Tabletten. Morgens bekam ich mein Tageskontingent an Tabletten, dessen Anzahl nicht unerheblich war. Noch vor mehreren Wochen, vor der Darmspiegelung, war ich stolz darauf zu verneinen, dass ich irgendwelche Medikamente nehmen würde. Diese Zeiten sind nun grundlegend vorbei. Gleich sechs Tabletten muss ich bis auf weiteres nehmen, davon fünf morgens und eine abends. Zwei Tabletten zur Blutverdünnung, eine zur Cholesterinabsenkung, eine gegen Bluthochdruck und so weiter. Vor dem Frühstück benötige ich zuerst eine Flasche Mineralwasser, um die Tabletten mit viel Wasser den Mund herunter spülen zu können. Routine, Tabletten zu schlucken, wird wohl nie einkehren können. Pillen, Tabletten, dieses leblose Stück Materie, welche das Leben im menschlichen Körper von Grund auf verändern können, werde ich nicht vermeiden können. Mit Tabletten leben und umgehen lernen.

5. Juni 2020


Unter dem phänomenalen Ausblick vom Krankenhaus Köln-Porz auf den Rhein und die zu Porz gehörenden rechtsrheinischen Stadtteile, die den Dom und die Kölner Innenstadt verdeckten, stimmten die Messwerte. Monumentaler hätte der Verlauf des Stroms durch die mehr als 2000 Jahre alte Römerstadt kaum sein können. Der geschlängelte Verlauf lag zu Füßen, unterquerte die Rodenkirchener Autobahnbrücke und schlich sich an dem Häusermeer der Innenstadt vorbei. Die Messwerte waren perfekt, um entlassen zu werden. Der Blutdruck lag bei 120/80, die Pulsfrequenz bei 70, ein Langzeit-EKG war aufgezeichnet worden, mehrfach waren Blutproben genommen worden. Die Kontraktionsfähigkeit des Herzens lag bei 51%, das hatte eine Ultraschalluntersuchung ergeben. Der Referenzwert, wieviel Blut bei einem Herzschlag ausgepumpt wurde, betrug 60%. Dabei waren die 51% als gut bis sehr gut zu betrachten, weil der Infarkt erst wenige Tage zurücklag. In geringfügigem Umfang waren Vernarbungen der Blutgefäße zu erkennen, so dass die 51% sich weiter verbessern würden, aber im Zeitverlauf nicht mehr ganz die 60% erreichen würden. Ich verspürte keinerlei Schmerzen, meinen Herzschlag empfand ich als vollkommen normal, also war vom Prinzip her alles in bester Ordnung. In vierzehn Tagen hatte man eine ambulante REHA-Maßnahme ins Auge gefasst, bei der man mir helfen sollte, nach dem Infarkt zu dem machbaren Aktivitätsniveau des Herzens zurück zu finden. Ein Kardiologe, den mir das Krankenhaus nannte, sollte künftig im Halbjahreszyklus den Zustand meines Herzens proaktiv beobachten. Nach fünf Tagen Krankenhausaufenthalt stand meiner Entlassung nichts entgegen. Mein persönlicher Dank gilt den Ärzten und dem Pflegepersonal, die wahnsinniges geleistet haben, die stets für meine Belange als Patient da waren und bei denen ich mich wohl und sicher aufgehoben gefühlt habe.

6. Juni 2020


Testen, was geht. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, sollte ich eine Woche lang nichts schweres heben. Also vorsichtig sein beim Einkaufen, keine Getränkekästen tragen, in Baumärkten keine Säcke Blumenerde, Pflanzerde, Rindenmulch und so weiter tragen, mit dem Fahrrad nur kleine Strecken fahren, Gartenarbeit nur in Maßen. Das Unkraut aus den Hochbeeten herauszupfen, das sah ungefährlich für meine Herztätigkeit aus. So begann das üppig wuchernde Unkraut, den Porree, die Buschbohnen, den Sellerie, und die Möhren in unseren Hochbeeten zu überwuchern. Über den Hochbeeten brauchte ich mich überhaupt nicht zu bücken, und wegen der flachen Wurzel war der Kraftaufwand beim Herauszupfen minimal. Das funktionierte, indem mein Herz gleichmäßig weiter schlug. Null Schmerz, kein Herzrasen, kein falscher Rhythmus. Hochbeet für Hochbeet konnte ich mich vorwärts tasten und Gemüse und Salat von der Bürde des Unkrauts befreien. Mal sehen in den folgenden Tagen, was sonst noch klappt.

7. Juni 2020


Street Food Festival als Drive In – ein Experiment. Zwei Jahre lang war das Street Food Festival in unserer Nachbarstadt ein großer Erfolg. Wir hatten es besucht, da unsere Freundin Thita dort mit ihrem Imbisswagen, der thailändische Küche anbot, präsent war. Ihre Speiseauswahl hatte uns stets bestens geschmeckt. Wie sonstwo, ist in Zeiten von Corona alles anders. Mit den Abstandsregeln und den Hygienekonzepten, die nicht einzuhalten sind, sind solche Street Food Festivals durchweg abgesagt worden, was die Anbieter von Street Food quasi in den Ruin treibt. In unserer Stadt haben die Organisatoren nach Auswegen gesucht, um das diesjährige Street Food Festival nicht ausfallen zu lassen. Im Drive-In-Trend von Autokinos hat man die Laufkundschaft, die sich in den vergangenen beiden Jahren auf dem Marktplatz getummelt hat, in ihre PKWs verfrachtet. In Zeiten von Corona war dies immer noch befremdend, aber immerhin praktikabel. Auf dem Parkplatz neben dem Sportplatz unserer Nachbarstadt parkten die Kunden in ihren Autos. In Fünfergruppen lotste man die Kunden auf die im Kreis verlaufende Straße des nahen Industriegebietes. Dort erwarteten sechs Street-Food-Trucks ihre Kunden, die sich in ihren Autos vor deren Imbisswagen verteilten. Durch das Schiebefenster gaben wir unsere Bestellung durch, wir plauderten ein wenig mit unserer Freundin Thita, wir bezahlten und verstauten die thailändischen Streed-Food-Spezialitäten in einer Kühltasche in unserem Auto. Das war immerhin eine Alternative, um das Street Food Festival nicht ausfallen zu lassen. Dennoch stellte sich im Innenraum unseres VW Golf nicht unbedingt das Wohlfühlgefühl eines „richtigen“ Street Food Festivals ein. Dazu war der zwischenmenschliche Kontakt zwischen Lenkrad und Beifahrersitzes zu sehr auf Abstand geschoben. Um die Gaumenfreunden der thailändischen Küche zu genießen, mussten wir warten, bis wir an unserem Esstisch zu Hause die Spezialitäten mit den Bezeichnungen Yjam Wuni Senn, Giau Tordt und Pad Thai verspeisten. Street Food Festival auf Abstand.

8. Juni 2020


Die Namensgebungen von Industriegebieten hatten mich durcheinander gebracht. Nach welchen technischen Pionieren die Straßennamen in Industriegebieten benannt sein konnten, das hatte mich in der Vergangenheit nie interessiert. Karl Benz, Gottlieb Daimler, Nikolaus Otto, Rudolf Diesel, Felix Wankel: hierzulande entstammen die Tüftler und Ingenieure häufig der Automobilindustrie, es konnten aber auch andere Industriezweige sein. Wie nun der Physiker Otto Hahn einzuordnen war, das hatte mich konkret durcheinander gebracht. In unserer Stadt verteilten sich größere und kleinere Industriegebiete. Ein Street Food Festival verband ich mit dem größeren Industriegebiet. An der Feuerwache vorbei, Sammelpunkt Sportplatz, von dort sollte der Convoi mit mehreren Fahrzeugen in das Industriegebiet Otto-Hahn-Straße fahren. Ich fuhr zu der Feuerwache in dem einen Nachbarort, wo das größere Industriegebiet mit den Straßennamen Robert-Bosch-Straße oder Felix-Wankel-Straße ganz in der Nähe lag. Wegen einer Baustelle war die Zufahrt zum Sportplatz gesperrt, und so war ich vollkommen desorientiert, als nix von einem Street Food Festival zu sehen war. Die direkte Nachbarschaft von Feuerwache, Sportplatz und dem Straßennamen Otto-Hahn-Straße brachte schließlich die Auflösung. Es war unsere Nachbarstadt und nicht der andere Nachbarort, wo das Street Food Festival stattfand. Mein Physikunterricht lag lange in meiner Schulzeit zurück, und Otto Hahn, der Erfinder der Kernspaltung, war längst in den Niederungen meines Gehirns verstaubt. Wie ein Street Food Festival ein bißchen Physikkenntnisse wieder auffrischen kann, obschon ich in Physik nie schlecht in der Schule gewesen bin.

9. Juni 2020


Krankheits-bedingt hatte ich zuletzt nicht den genauen Blick in unseren Garten werfen können, wie ich es sonst getan habe. Während ich im Krankenhaus verweilte, ist vieles gewachsen, gegrünt und gereift. Gemüse und Salat machen sich auf unseren Beeten/Hochbeeten prächtig. Besonders beeindruckt hat mich das Tempo, wie alles wächst, bei den Kartoffeln. Noch vor meinem Krankenhausaufenthalt hatten wir zwischen den Reihen einen Weg aus Kleingehäckseltem geebnet, um die Kartoffeln zu gießen und begutachten zu können. Nun sind die Kartoffeln so sehr in die Höhe gewachsen, dass von dem Weg aus Kleingehäckselten nur noch ansatzweise etwas zu sehen ist. Sie sind so sehr gereift, dass die Reihen auf der rechten Seite über dem Blattwerk Blüten geformt haben. Blüten, die ein Indiz dafür sein dürften, dass die Knollen auch im Erdreich wachsen und größer werden.

10. Juni 2020


Bin hilflos, was ich essen darf und was ich nicht mehr essen soll. Ich hatte einen Termin beim Hausarzt, der mir eröffnet hatte, dass es direkte Zusammenhänge zwischen der Cholesterinproduktion und dem Herzinfarktrisiko gibt. Dazu hat er mir eine Herzampel mitgegeben. Es gibt gute und schlechte Cholesterine, und der Höchstwert von 100 für die schlechten Cholesterine habe ich mit dem Wert von 113 überschritten. Die Tendenz geht in die Richtung: auf vieles, was ich gerne gegessen habe, soll ich verzichten, und so manches, was mir überhaupt nicht schmeckt, soll ich essen. Fett produziert Cholesterine, und Fett soll ich somit weitgehend meiden. Also keine Chips mehr, keine Fritten, keine Bratwurst, keine Salami, keine Bratkartoffeln, keine Soßen und so weiter. Süßes ist ebenso tabu. Anstatt dessen soll ich jede Menge Obst, Rohkost, Nüsse oder gekochte Kartoffeln essen. Dies wird mir weniger schmecken, während ich Gemüse und Salat, die auch auf den Speiseplan sollen, gerne mag, da diese zurzeit aus unserem eigenen Garten kommen. Fleisch sollen wir grillen anstatt braten, und bei der Auswahl der Käsesorten ist der Gang durch die Supermarktregale zur Wissenschaft ausgeartet. Edelpilzkäse oder Camembert sind tabu, während bei all den Frischkäse- oder Holländerkäsesorten der Fettgehalt zu studieren ist. Dieser kann riesig schwanken zwischen weniger als ein Gramm pro einhundert Gramm Käse und an die fünfzig Gramm. Wurst ist genauso verwirrend. Vieles wie Fleischwurst, Leberwurst oder Blutwurst sollte gemieden werden, während gekochter Schinken oder Geflügelwurst erlaubt sind. Einen Ausweg aus dem Dilemma könnten Fischgerichte sein. Fisch mag ich grundsätzlich gerne, und eine Reihe von Fischarten wie Lachs, Forelle, Kabeljau oder Barsch signalisieren die freie Genuss-Fahrt mit einer grünen Herz-Ampel. Meine Frau dürfte indes bei der Neugestaltung des Essensplanes dem Wahnsinn nahe sein. Alle Geschmäcker in unserem Fünf-Personen-Haushalt unter einen Hut zu bekommen, ist bereits jetzt nicht mehr zu handhaben. Stets gibt es jemanden, der bestimmte Gemüse-, Fleisch-, Fisch-, Salat- oder Beilagenarten nicht mag. Um die Anforderungen der Herzampel in bezug auf meine Person zu erfüllen, dies würde den Rahmen des Machbaren sprengen. Dies wäre wohl nur zu schaffen, wenn wir irgendwann zu einem Restaurantbetrieb übergehen, dass jeder individuell nach seinen eigenen Essensvorlieben bekocht wird.

11. Juni 2020


Ein Wiedersehen gab es heute mit dem Krankenhaus Köln-Porz, um mein Rennrad abzuholen. Ein Freund hatte mich mit seinem Kleinwagen abgeholt, in dem er am Vortag noch eine neue Lichtmaschine montiert hatte. Bei drei Flaschen Bier hatte er bis zehn Uhr abends herum gewerkelt und sich darüber geärgert, dass er zur Montage Teile der Befestigung der Motorhaube abnehmen musste, was zeitraubend war. Das war eine knappe Angelegenheit, um mit mir nach Porz zu fahren. Den Herzinfarkt hatte ich auf dem Rennrad erlitten, so dass das Krankenhaus Köln-Porz sich darum bemüht hatte, das kostbare Stück diebstahlsicher unterzubringen. Mit einem Fahrradschloss verschlossen, war das Rennrad in einem abschließbaren Fahrradkäfig untergebracht, wo die Mitarbeiter des Krankenhauses ihre Fahrräder abstellen konnten, wenn sie damit zur Arbeit kamen. Die Abholung des Rennrades gestaltete sich so unkompliziert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nachdem ich mir den Zutritt über die in Zeiten von Corona notwendigen Zutrittskontrollen verschaffte hatte, äußerte ich an der Besucherinformation mein Anliegen. Die Damen telefoniert mit dem technischen Dienst, wovon ein Mitarbeiter einen Schlüssel für den Fahrradkäfig bereithielt. Von außen musste ich einmal um das Krankenhausgebäude herum laufen, und vor dem Zugang zu einem Verwaltungsgebäude beherbergte der Fahrradkäfig, der nicht überdacht, sondern im Freien lag, einen Raum mit Fahrradgestellen und ganzen drei Fahrrädern, die dort hinein gestellt waren.

12. Juni 2020


Ein Schreckensmoment beim Abschneiden des Heidebrotes. Zum Mittagessen aßen wir ein Maggi-Fertiggericht mit Broccoli – aus unserem eigenen Garten ! – und dazu wollte ich ein paar Scheiben dunkles und knuspriges Heidebrot essen, das ich morgens frisch beim Bäcker gekauft hatte. Mitten als wir am Mittagstisch saßen, ging ich in die Küche, um mir mit dem Brotmesser einige Scheiben von dem Brot abzuschneiden. Dabei hielt ich mit der linken Hand das Brot so unglücklich fest, dass ich mit dem Brotmesser in der rechten Hand über meinen linken Zeigefinger schnitt. Natürlich tat dies nicht nur weh, sondern es begann auch zu bluten. Da ich blutverdünnende Medikament nahm, blutete die längliche Wunde über der Fingerkuppe besonders stark. Zuerst klebte meine Frau ein Pflaster über die Wunde, welches den Fluss des Blutes nicht stoppen konnte. Wie verrückt blutete es weiter, dicke Tropfen rannen auf den Fliesenboden. Es kam etwas Panik auf wegen der blutverdünnenden Medikamente, ob wir die Blutung stoppen könnten. Schließlich griff meine Frau eine Mullbinde, die sie so einfach mal um die vier Finger der linken Hand – Zeigefinger bis kleiner Finger – wickelte. Sie wickelte weiter und weiter, die vier Finger im Paket. Das war zwar ungelenk und ungeschickt für meine linke Hand, aber dies hatte immerhin den Erfolg, dass auf dem Gewebe des Verbandes ein langer Streifen von Blut trocknete und kein frisches Blut nachfloss. Nachdem diese Aktion unser Mittagessen unterbrochen hatte, aßen wir zu Ende. Danach befasste sich meine Frau in Ruhe mit dem Verband. Sie entfernte ihn wieder und begutachtete den Zeigefinger mit der getrockneten Wunde über der Fingerkuppe. Schließlich legte sie einen fachmännischen Mullverband an, zerschnitt das Ende mit einer Schere und band diese Enden zusammen. Eine kleinere Aufregung war entstanden, die allerdings die geplanten Wocheneinkäufe durcheinander bringen sollte.


13. Juni 2020


Dass ich meine Ernährung auf mehr Salate und Gemüse umstellen soll, dabei hilft unser Garten. Aus unseren Beeten versorgen wir uns bestens mit unserem 100%-igen ökologischen Anbau, der weit mehr „Bio“ ist als man im hiesigen Handel kaufen kann. Alles ist mit null Chemie und Pflanzenschutzmitteln, liebevoll gehegt und gepflegt, in Eigenproduktion, gut gegossen in Trockenheitsperioden, so auch der selbst gemachte Krautsalat. Gut gereift ist der Spitzkohl, dessen Blätter meine Frau in schmale Streifen geschnitten hat. Möhren, Paprika, Zwiebeln, Gürkchen hat sie hinzugefügt, die Rezeptur hat sie sich aus dem Internet besorgt. Der Geschmack des Krautsalats aus dem Supermarkt ist himmelweit entfernt von dem Selbstgemachten, den es heute zum Abendessen gegeben hat.

14. Juni 2020


Wie Anfang und Ende, ist die Festlegung der Abschnitte des Rheins eine Sache der Definition. Der Rhein beginnt in Graubünden in der Schweiz, nach 1.233 Kilometern mündet er bei Rotterdam in die Nordsee, aber welcher Flusslauf liegt dazwischen ? Gängigerweise unterteilt man den Rhein in Ober-, Mittel- und Niederrhein. Wo genau die Grenze zwischen Mittel- und Niederrhein zu ziehen ist, das haben wir bei einem Spaziergang an der Siegmündung gelernt. Die Hinweistafeln des Grünen C haben uns darüber aufgeklärt, dass man gemeinhin eine Grenze zieht an der Mündung der Sieg in den Rhein. Es sind geografische Übergänge vom Mittelrheintal zum Niederrhein, oder von den Mittelgebirgslandschaften von Eifel/Hunsrück/Westerwald/Taunus zur norddeutschen Tiefebene. Im Kleinen, sind es die Übergänge von den Hängen des Siebengebirges bei Bonn, die dem Mittelrhein zuzuordnen sind, zu der Auenvegetation im Mündungsbereich der Sieg, die dem Niederrhein verwandt ist. Fließt der Rhein im Abschnitt des Mittelrheins durch das eng hinein gezwängte Tal, so werden Städte und Ansiedlungen im Abschnitt des Niederrheins hier durch eine Barriere von Deichen gegen Hochwasser geschützt. Zudem verdichtet sich rheinaufwärts die Bebauung, so dass Deiche überlebensnotwendig werden. Verortet man allerdings etwa die Ortschaften von Niederkassel an den Niederrhein, so wird man auf Kopfschütteln und Unverständnis stoßen. Den Niederrhein verortet man eigentlich weiter rheinaufwärts bei Düsseldorf und westlich davon bis zur niederländischen Grenze. Wie so oft im Leben, ist dies eine Sache der Definition. Die Informationstafel des Grünen C bedient sich nicht der Geschichte, der Herrschaftsverhältnisse, des Sprachraums oder der Topografie, sondern der Geografie. Und diese kennt nur die mittelgebirgsartigen Einkerbungen des Rheintals und den Flussverlauf in der flachen Ebene.

15. Juni 2020


Rechtswert 2576071 und Hochwert 5626537, so ordnen sich die Ziffernabfolgen im Naturschutzgebiet an der Siegmündung in die Koordinaten ein, die der dicke Findling benennt. Wie rechts und wie hoch stehen die Ziffernabfolgen ? Die Welt zu vermessen und in den Modellen der Mathematik darzustellen, das war das Lebenswerk der deutschen Mathematiker Karl Friedrich Gauß und Johann Heinrich Louis Krüger. Diese Übung, die Kugelgestalt der Erde in ein Koordinatensystem zu übertragen, war dabei nicht so einfach, wie es schien. Zwar hatten sich 1769 die Astronomen und Mathematiker der wichtigsten Nationalstaaten in Europa auf das System von Längen- und Breitengraden geeinigt, wie wir es heute kennen. Um aber ein Koordinatensystem für Zwecke der Kartografie verwenden zu können, mussten die Längen- und Breitengrade in horizontale und vertikale Achsen übergeleitet werden, die ein Gitter aus Rechts- und Hochwerten bildeten. Um die Krümmung der Erdkugel zu eliminieren, musste die beiden Mathematiker, von denen der erste so manchem Mathematikschüler bekannt sein dürfte, den durch Greenwich verlaufenden Nullmeridian neu festlegen. Dies taten sie durch Zu- und Abschläge auf die Längengradzahl des Hauptmeridians, um diese als Gitternetz für Landkarten zugrunde legen zu können. Der Äquator als Referenzwert für den Hochwert blieb stehen. Durch all die Korrekturen, Zu- und Abschläge liegen die Werte des Gauß-Krüger-Koordinatensystems auf dem Findling an der Siegmündung ziemlich weit weg von den Längen- und Breitengraden. So mancher, der Landkarten studiert oder mit seinem NAVI unterwegs ist, wird kaum auf die Koordinaten achten. Die Dimension ist auch eine andere: Längen- und Breitengrade werden in Grad gemessen, die Rechtswerte und Hochwerte sind die Entfernungen in Metern (oder Kilometern) vom Referenzwert. Nicht ganz so kompliziert gestaltet sich auf dem Findling die Höhe über Normal-Null: achtundvierzig Meter liegt die Mündung der Sieg über dem Meeresspiegel – ohne große Berechnungen und mathematische Ableitungen.

16. Juni 2020


Was man jahrelang vor sich herschiebt, wird nun mit einem Mal erledigt. Bevor die REHA beginnt, ist es nötig, einen Überblick zu erhalten über meinen Kleiderschrank. Da dieses Projekt jahrelang nicht in Angriff genommen wurde, ist sehr vieles auszusortieren. Von den langen Hosen bleiben nur wenige übrig, weil die meisten Hosen mir zu eng geworden sind. Bei den kurzen Hosen ist das Verhältnis sehr ähnlich. Ein heilloses Durcheinander herrscht bei den Schlafanzügen. Zu den Hosen fehlen die Oberteile und umgekehrt. Ich besitze Unmengen von Anzügen und Sakkos, die ich nur zu seltentsten Gelegenheiten anziehe. Ein bißchen Ordnung herrscht bei der Fahrradbekleidung. Oberteile habe ich reichlich, Fahrradhosen wenige. Fahrradhosen benötige ich allerdings nicht für die REHA, sondern Turnhosen – vor allem kurze Turnhosen wegen der sommerlichen Jahreszeit. Die T-Shirts sind schlecht sortiert und einige sind auch verschlissen. Nachdem wir vieles ausgeräumt und aussortiert haben, ist der Kleiderschrank nicht mehr wiederzuerkennen. Alles ist dort schön fein in bester Ordnung. Ein Zustand, auf den wir mehr als ein Jahrzehnt warten mussten.


17. Juni 2020


Willkommen REHA. Naturgemäß war am ersten Tag alles ziemlich ungewohnt. Ganz viele unbekannte Gesichter, von denen eine Teilmenge eine ganz ähnliche Krankengeschichte aufweisen sollte wie die meinige. Es gab aber nicht nur Herzpatienten, sondern auch welche mit Krebserkrankungen, mit neurologischen Erkrankungen oder auch Gelenkserkrankungen, die operiert worden waren. Jedenfalls fielen mir auf Anhieb eine größere Anzahl von REHA-Teilnehmern auf, die besser oder schlechter mit ihren Krücken zurechtkamen. In diesem Mischmasch von unterschiedlichen Erkrankungen bekamen wir vieles über Örtlichkeiten erzählt, wo was zu finden war, dass die Tagesabläufe über Therapiepläne strukturiert waren und dass in dem Bistrot für das leibliche Wohl gesorgt wurde. Rucksäcke, Taschen und dergleichen konnten gegen ein Pfand von 20 Euro in einem Schließfach abgeschlossen werden. Viele, darunter ich, waren mit VW-Bussen zu Hause abgeholt worden und in das REHA-Gebäude gekarrt worden, welches aus einem Alt- und einem Neubau bestand, das erzählte uns eine der vielen freundlichen Mitarbeiterinnen – die Mitarbeiter waren genauso freundlich und hilfsbereit. Es gab Gruppenräume und Ärztebereiche, es gab auch ein kleineres Schwimmbecken für Wassertherapien, die allerdings in meinem persönlichen Therapieplan nicht vorkamen. Anstatt dessen fand so manches Open Air unter freiem Himmel statt. Das Dachgeschoss, das sich in einen Nord- und Südteil aufteilte, beherbergte neben Gruppenräumen Fitness-Studios. Freiräume, die der erste REHA-Tag nach dem Kennenlernen der Kardiologin ließ, nutzte ich dazu, um im Außenbereich des Bistrots eine Tasse Kaffee zu trinken. Von dort aus hinderten Industriebauten den direkten Blick auf den Hennefer Bahnhof, man sah aber die Züge entweder ein- und ausfahren oder am Bahnhof stehen. Im Außenbereich meine Tasse Kaffee vor mir her schlürfend, wurde ich nicht Zeuge, aber Beobachter eines wahren Krachers. Ein kleinerer LKW hatte eine Lagerhalle verlassen und hinter dem vielleicht 7,5-Tonner lag ein Motorroller auf dem Bürgersteig. So ungefähr in dem Moment, als ich dies sah, ertönte ein Martinshorn und ein Rettungswagen näherte sich. Sanitäter mit einer Bahre waren erkennbar, der Blick auf den Verletzten war allerdings verdeckt. Es folgte ein weiterer Rettungswagen, ein Arzt in einem weiteren Fahrzeug und ein Polizeiwagen. Lange Zeit waren alle mit den Verletzten beschäftigt, die Polizisten machten jede Menge Fotos und zeichneten mit Kreide auf dem Boden den Unfallort ein. Viel Aufregung und die Hoffnung, dass die Verletzungen nicht allzu schlimm waren, begleiteten das Vormittagsgeschehen am ersten REHA-Tag. Weniger aufregend und bereits mit einer gewissen Routine klang der erste REHA-Tag aus. Im Fitness-Studio durfte ich mich auf dem Fahrradtrainer aufwärmen. Atemübungen auf der Sonnenterrasse, wo sich in der schwülen Luft und in einem milchigen Wolkenschleier Gewitter für den Abend ankündigten, beendeten die Übungseinheiten für den ersten Tag.

18. Juni 2020


Fast wäre die Stockrose in Vergessenheit geraten. In Vergessenheit, dass wir am Rande zu unserem Nachbarszaun eine Stockrose stehen haben. Nie hat sie geblüht, sie stand im Schatten zu einem heftig in die Höhe geschossenen Strauch. Wir hatten bereits vermutet, dass sie von so wenig Sonnenlicht bestrahlt wird, dass sie nie blühen wird. Zweijährig ist die Stockrose, aber sie kann wohl auch mehrjährig. Fast vergessen, blüht sie jetzt mit einem Mal auf. Im schönsten Pink.

19. Juni 2020


Es war eine derjenigen Anstöße, die ich mir in der REHA erhofft hatte. Der Gruppenraum war groß, die Stühle verloren sich im Kreis, die Gymnastikbälle lagerten vor der Wand. Was würde passieren ? Wir warteten zu zweit, die Größe des Gruppenraums erdrückte uns, bis schließlich eine junge und dynamische Mitarbeiterin durch die offene Türe hinein hoppste und für richtig befand, dass sie dem exklusiven Kreis von uns beiden QiGong beibringen wollte. Sie erzählte, dass QiGong ein chinesischer Kampfsport sei. In seinen Bewegungen sollte man zu sich selbst finden und mit dem Inneren seines Körpers eine Einheit bilden. Die Bewegungen, die wir nachmachen sollten, waren dann äußerst langsam, quasi im Zeitlupentempo. Die Bewegungen von Armen und Händen bildeten stets einen Kreis, wir verlagerten Gewichte auf die Fußflächen, streckten die Arme über den Rücken und formten ein Hohlkreuz. Den ganzheitlichen Ansatz, den QiGong versprach, las ich später im Internet nach. …. QiGong wirkte auf den menschlichen Körper, identifizierte Energieströme, die den Körper umflossen, und kanalisierte die menschliche Energie, um diese positiv zu nutzen. Dadurch sollte der Mensch Lebenskraft entwickeln, Widerstandsfähigkeit nach außen aufbauen, ja zu seinem eigenen Ich sagen. Die Persönlichkeit des Menschen sollte in den Makrokosmos der Natur eingebunden werden, innerhalb des Mikrokosmos sollte jeder Mensch die Wirkungsmechanismen in seinem eigenen Inneren verstehen lernen. Ich suchte nach den Verbindungen zur abendländischen Philosophie, zum Mehrwert, zu welchen tieferen Einsichten QiGong imstande war. Ich kam zu dem Schluss, dass diese neue Lehre aus China das Verhältnis zum eigenen Körper neu definierte. Die Lehre zeigte einen direkten Weg auf, sein eigenes Selbst zu verändern, während die abendländische Philosophie – gerade in der Neuzeit – allzu sehr theoriegeladen war. Von politischen Theorien über ökonomische Theorien, der Suche nach den letzten Dingen, den Ursprüngen der Naturwissenschaften oder existentialistische Perspektiven war die Vielfalt geradezu unerschöpflich. Es war alles denkbar, so dass die Theorien und Denkansätze ausuferten. Ableger von Naturwissenschaften oder der Psychologie wuchsen mit ihren Bergen von neuem Wissen ständig an. QiGong versuchte sich zu reduzieren, zu focussieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es wird sich noch herausstellen, ob QiGong eine von vielen weiteren Weltbildern darstellen oder ob es wirkungsvoll bestehende Sichtweisen ergänzen kann.

20. Juni 2020


Wie kontraproduktiv die Gestaltung des Essensplans sein kann. Ich soll meine Ernährung umstellen, weniger Fett und weniger Cholesterin, was unserer Essensplanung bisweilen zuwider läuft. Für abends hatten wir Fleischspieße und Fritten im Backofen eingeplant, und extra für mich machte meine Frau eine Quiche, weil die im Fett gebratenen Fleischspieße zu fetthaltig waren. Den Fertigteig für die Quiche hatten wir bei unseren Wocheneinkäufen bei REWE entdeckt, und das hatte uns neugierig auf Quiche-Rezepte gemacht. Im Internet suchte meine Frau und wurde fündig, und gegen halb fünf, als ich mit unserem Sohn zum Garten des Hauses des verstorbenen Schwiegervaters abfuhr, begann meine Frau mit der Essenszubereitung für die Quiche. Gegen halb acht kehrte ich mit unserem Sohn zurück, und unser Abendessen lag in den letzten Zügen, gar zu werden. Dies waren dann neben der Quiche die Fleischspieße, die Fritten im Backofen und selbst gemachter Krautsalat. In Summe hatte meine Frau mithin drei Stunden lang mit dem Essen zu tun gehabt. Nachdem wir zurückgekehrt waren, gab es die üblichen Probleme mit der Koordination des Abendessens. Ob die Soße des Krautsalats richtig abgeschmeckt war. Unsere Tochter ließ von unserem Kater nicht ab, obschon sie unsere drei Katzen füttern sollte. Dann verschwand sie, und ich holte sie von ihrem Zimmer zurück. Zeitversetzt war das Essen fertig, und alles lief vollkommen unkoordiniert ab. Ein Teil des Abendessens stand auf dem Tisch, ein anderer Teil fehlte. Ich hatte nur zwei Teller auf den Tisch gestellt, für die Quiche, die bereits fertig gebacken war, die ich gemeinsam mit unserer Tochter essen wollte, während die Fleischspieße auf dem Herd vor sich her bruzzelten, welche der Rest unserer Familie essen wollte. Unmut und Ärger erregte sich, als ich die Quiche mit dem Messer auf der Kuchenform kleinzuschneiden begann. Damit könnte ich die Kuchenform deformieren, dies entzündete den Zorn meiner Frau. Wir stritten und fuhren uns gegenseitig an, was kontraproduktiv war. Meine Frau hatte es gut gemeint, denn die Quiche, belegt mit Champignons und Zwiebeln, garniert mit crême fraîche und Kräuter-Frischkäse, war wirklich vorzüglich. Aber nach drei Stunden Kochen am Herd stritten wir uns, so heftig, dass ich erstmal schlagartig unsere Essecke nach draußen verließ, damit Ruhe einkehrte. Wir brauchten etwas Distanz, und erst während des Abendessens wurde die Stimmung ausgeglichener und ruhiger, so dass sich das Niveau unserer Erregung beruhigte.

21. Juni 2020


In Zeiten von Corona wurde es im Eiscafé ein wenig kompliziert. Wir wollten uns im Inneren des Eiscafés hinsetzen. Durch die eine Türe ging es hinein, durch die andere Türe hinaus. Wir fragten nach, und im Innenbereich waren noch ausreichend Sitzplätze frei. Diese waren exakt vermessen, so dass der Anderthalbmeter-Abstand zwischen den Stühlen gewahrt blieb. An mehreren Tischreihen fehlten die Stühle, dort, wo der Mindestabstand nicht sichergestellt war. Ganze Sitzreihen waren mit ihren gegenüberliegenden Plätzen gesperrt, so dass das Platzangebot stark begrenzt war. Nur auf rund der Hälfte der Tische und Stühle konnte man sich hinsetzen, es reichte allerdings für uns. Dabei hatten wir Glück, denn alle Plätze wären besetzt gewesen, wenn wir eine halbe Stunde später gekommen wären. So wie wir es vom Café im Nachbarort kannten, mussten wir auf einem Zettel unsere Anschrift mit Rückrufnummer hinterlegen. Die Eiskarte wurde nicht wie gewöhnlich gereicht, sondern das Angebot von Eisbechern stand in Form eines Ankreuzformulars auf einem zweiten Zettel. Ich stellte fest, dass wir uns mittlerweile an die Zeiten und an die Formvorschriften gewöhnt hatten. Nur ein oder mehrere zusammen gehörende Kunden waren gleichzeitig im Eiscafé. All diese Kunden trugen brav ihre Maske. Draußen warteten die Kunden geduldig in einer mehr oder weniger langen Warteschlange. Ein Stück Normalität in ungewöhnlichen Zeiten.


22. Juni 2020


Schon die Anfahrt stand ganz im Zeichen unseres westlichen Nachbarlandes. In die Belgische Allee mündeten die Seitenstraßen der Genker Straße, der Lütticher Straße und der Brügger Straße, und hinter dem Kreisverkehr sortierten sich all diejenigen Firmen, welche in dem Industriegebiet des Camps Spich ihren Standort hatten, das in den Jahren 2004 bis 2008 entstand. Nur noch wenig erinnerte an die Metamorphose, die die ehemaligen Kasernen der belgischen Armee durchlaufen hatten. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte das Besatzungsstatut der Alliierten Siegermächte geregelt, dass neben den Alliierten Belgische Streitkräfte im Süden der Britischen Besatzungszone zu stationieren waren. Schwerpunkte in NRW waren neben Köln, Aachen und Siegen Troisdorf, wo große Teile der Wahner Heide den Belgiern ab 1951 als Truppenübungsgelände überlassen wurden und zwei neue Kasernenanlagen, das Camp Spich und das Camp Altenrath, gebaut wurden. Rund fünfzig Jahre waren belgische Soldaten fester Bestandteil des Rheinlandes, bis sie sich im Jahr 2002 in Troisdorf-Spich verabschiedeten. Zu einem großen Teil wurden die Kasernengebäude abgerissen, ein Industriegebiet wurde erschlossen, so dass nur noch wenige Gebäude an die militärische Vergangenheit erinnern. Eine große Ausnahme findet sich am Übergang zur Wahner Heide dicht neben dem Mauspfad. Die freundliche Fassade des eingeschossigen Baus läßt nur schwer militärischen Drill und Befehlsgewalt erahnen. Ebenso wenig, dass unterirdisch auf dem Gelände bis zum Ende des kalten Krieges Atomwaffen gelagert wurden. Im Eingangsbereich des ehemaligen Kasernengebäudes, dem jetzigen Restaurant Camp Spich, grüßt eine Marmorstatue des belgischen Königs. Zweisprachig als „roi Baudouin“ und „koning Boudewijn“ verbindet sich sein Name auf dem Sockel mit dem Camp. Vierzig lange Jahre, bis 1993, überschnitt sich seine Herrschaftszeit mit der Nutzung der Kasernenanlage durch die Belgier. Die Kaserne hatte er sogar persönlich kennen gelernt. Im Jahr 1990 hatte er gemeinsam mit der belgischen Königin Fabiola der Kaserne einen Besuch abgestattet. Im Jahr 2002, beim hoch feierlichen Abschied der belgischen Truppen, war es dann sein Nachfolger, König Albert II., der der Zeremonie beiwohnte.

23. Juni 2020


Helichrysum Italicum – hinter diesem lateinischen Wortgebilde, welches dem Mittelmeerraum entstammt, verbirgt sich ein Gewürzkraut, das nicht nur in Italien wächst und gedeiht, aber weltweit zu den bekanntesten und beliebtesten Gewürzen gehört. Manch eine Speise – so die Currywurst – wäre nicht das, was sie ist, ohne Curry. Überraschend einfach war es, dieses im Gartenmarkt erhältliche Currykraut in unserem Garten anzupflanzen. Einen warmen und sonnigen Platz auf einem unserer 25 Hochbeet haben wir ausgesucht, wobei die jetzige Hitzewelle genügend Wärme und Sonne anzubieten haben. Vor den Kartoffelreihen fängt das Currykraut an, gelbe Blüten zu bilden, die noch zögern sich zu öffnen. Wir sind gespannt auf die Ernte, deren krautige Blätter im Hochsommer besonders aromatisch sein sollen. Wir freuen uns darauf, einigen Kochrezepten mit diesen Curry-Gewürzblättern eine besondere indische oder fernöstliche Note verleihen zu können.

24. Juni 2020


Wie viele Jahre war er jünger als ich ? Es müssen zwei, drei Jahre gewesen sein, und im Alter von 58 oder 59 Jahren ist er gestern verstorben. Die Freundschaft hatten wir nicht gepflegt, wir hatten uns beinahe aus den Augen verloren, es lag allerdings auch die Entfernung nach Wolfsburg dazwischen. Zu meinem 50. Geburtstag war er extra aus Wolfsburg angereist, und was uns verband, war eine gemeinsame Radtour durch Belgien, Nordfrankreich und die Niederlande. Wir hatten viel gelacht und viel erlebt bei dieser Radtour. In den Ardennen hatten wir im Kuhstall übernachtet, weil die Übernachtungen allesamt ausgebucht waren. In West-Flandern gab uns in einem Café ein Opernsänger ein Konzert. In Nordfrankreich ging die Tour zu bedeutenden historischen Städten mit Belfrieden und Glockentürmen: Arras und Lille. Die Abende ließen wir bei ganz viel Trappistenbier ausklingen. Kennengelernt hatten wir uns 1983 bei einer vom Jugendherbergswerk organisierten Radtour. Ab Mitte 50 war es mit seiner Gesundheit bergab gegangen, als er ein künstliches Hüftgelenk bekommen hatte. Es folgten relativ viele Krankenhausaufenthalte, und seit dem letzten Jahr hatten wir wieder Kontakt aufgenommen. Zum 50. Geburtstag seiner Schwester wollte er uns in diesem Jahr besucht haben, doch dann kam Corona dazwischen. Zuletzt war bei ihm Krebs festgestellt worden, der bereits gestreut hatte. Gestern ist er verstorben, nachdem er zuletzt auf der Palliativstation war.


25. Juni 2020


Eine Woche REHA sind nun vorbei, und ein Satz anderer Herzinfarktpatienten hat sich besonders eingeprägt: dann wäre es vorbei gewesen. Es waren REHA-Patienten dabei, denen ein Bypass gelegt werden musste, weil die Anzahl der Blutgerinnsel zu hoch war; manche hatten das Bewusstsein verloren, andere hatten bereits den dritten Schlaganfall erlitten. Viele hatten das Problem gehabt, ihn als solchen zu erkennen und rechtzeitig den Notarzt zu rufen. Höhepunkt aller Übungseinheiten und Vorträge war derjenige der Kardiologin über den Herzinfarkt. Sie zeigte die Kanüle mit dem Stent, der durch die Blutbahn gesetzt worden war. Selbst wenn alles gut und unkompliziert überstanden war, waren die Zahlen alarmierend. Bei rund einem Drittel aller Herzinfarkte folgte früher oder später ein weiterer Infarkt, dessen Heilungschancen deutlich niedriger waren. Um dies zu vermeiden, waren Essgewohnheiten anzupassen: vor allem wenig Fett, weil dies die Ablagerung von Cholesterin förderte, dazu möglichst wenig Zucker und wenig Alkohol. Diese Botschaft war nicht neu, gewann aber im Vortrag der Kardiologin an Nachdruck. Jedes Herzschicksal der Anwesenden war verschieden. In den Köpfen bildete sich die Vorstellung, wie weit denn dieser Punkt entfernt war: dass es vorbei gewesen wäre. Und selbst in meinem Fall, wo dieser Punkt der Vorbei-Seins einigermaßen weit weg lag, rückte er dennoch in Sichtweite. Wenn es nicht genauso abgelaufen war, wie es geschehen war, sondern anders, an anderer Stelle, mit anders gearteten Symptomen oder mit einem anderen Zeitfenster.

26. Juni 2020


Gestern ein Vortrag, den ich als bahnbrechend empfand, da die Übersicht wie ein ganzheitliches Konzept aussah: die Ernährungspyramide. All die ganzen Botschaften und Weisheiten zur richtigen Ernährung wurden nun aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, und die Ernährungspyramide trennte die richtige von der falschen Ernährung in ihrer Dreiecksstruktur. So revolutionär, wie ich dachte, war die Ernährungspyramide überhaupt nicht, das diskutierte ich abends vor dem Fernseher mit meiner Frau. Bereits in der Grundschule stünde die Ernährungspyramide auf dem Lehrplan, ja, selbst im Kindergarten gehöre die richtige Ernährung zu den Top-Themen, da anscheinend viel zu viele übergewichtige und Süßigkeiten essende Kinder den Kindergarten besuchten. Das schlossen wir jedenfalls aus der hohen Priorisierung des Themas, dass die richtige Ernährung all unseren drei Kindern in Schule und Kindergarten wie Glaubenssätze formuliert worden waren. Dabei waren die Botschaften der Ernährungspyramide eigentlich trivial. Möglichst kein Fast Food oder Süßigkeiten, viel trinken, aber keine Limonaden oder Fruchtsäfte, erst recht kein Alkohol. Viel Obst und Gemüse, weniger Eiweiß aus tierischer Ernährung. Fisch ist im Gegensatz zu Fleisch gesünder. Vollkornprodukte sollten bevorzugt werden. Der Vortrag war nicht revolutionär, aber durchaus informativ, da er den spezifischen Blickwinkel auf die Fette aufriss, welche Fette gut und schlecht waren, wie die Wechselwirkungen aussahen zum Cholesterinspiegel und den Ablagerungen in den Blutgefäßen. Den Kindern im Kindergarten und in der Grundschule die richtige fettarme Ernährung auf ihren Lebensweg mitzugeben, war anscheinend einfacher, als dies auf dem täglichen Speiseplan umzusetzen. Mathematisch ausgedrückt, sollte dies eine Aufgabe sein mit ganz vielen Restriktionen und Lösungen, wofür es innerhalb unserer Familie keine gemeinsamen Schnittmenge mehr geben sollte. Der Speiseplan war von Fleisch nach Gemüse zu verschieben. Fleisch sollte dann, was quasi bereits unmöglich war, nicht mehr in Margarine angebraten werden. Trans-Fette, der Turbo-Beschleuniger unter den Cholesterinen, waren so zu vermeiden. In einem Verhältnis von ungefähr zwei zu drei war Gemüse durch Obst zu ergänzen. Fertiggerichte waren zu streichen. Parallel zum Gemüse war Fleisch zum Fisch zu verlagern, allerdings nicht in der Zubereitungsform, dass der Fisch in Margarine gebraten wurde. Öle, die reich an Omega3-Fettsäuren waren, waren zu ergänzen, wie Olivenöl, Rapsöl oder Leinöl. Alles, was industriell hergestellt wurde, war von vornherein schlecht. Keine Miracoli mehr, keine Fischstäbchen oder keine Eier-Ravioli. Das war hart und führte zu den Ursprüngen der Essenszubereitung zurück, nämlich möglichst alles selber machen. Dann weiß man genau, was im Essen drin ist.


27. Juni 2020


Hatte es mit dem Infarkt zu tun oder waren es allgemeine Erscheinungsmerkmale mit zunehmendem Alter ? Nachdem wir den Bauschuttcontainer im Haus des verstorbenen Schwiegervaters beladen hatten, war ich am Ende des Tages erschöpft. Einige Hilfe hatte ich organisiert, wir waren zu viert, so dass ich mich selbst zurücknehmen konnte. Wegen des hohen Bauschuttbergs auf der Terrasse waren zwei Schubkarren im Einsatz, jede Menge Baueimer, die Schaufel war ständig in Aktion. Die Personenzahl und die Gerätschaften passten zu dem Berg von Schutt, und nachdem der Garten etwas ordentlicher aussah, versuchten wir auf der Terrasse für Ordnung zu sorgen. Die Übersicht gewann die Oberhand, der Berg von Bauschutt schmolz dahin. Langsam bekam ich strukturiert, was in welcher Abfolge in welchen nächsten Schritten weggeschafft werden konnte. Am Ende des Tages war ich dennoch platt, das Abendessen schob sich bis nach acht Uhr nach hinten. Ich musste vor dem abendlichen Spülen eine Pause einlegen und ich hätte mich glatt geweigert, beim Garten-Gießen zu helfen, wenn es nötig gewesen wäre. Erst nach neun Uhr saß ich vor dem Fernseher und konnte vor meinem Laptop allmählich den Tagesablauf resümieren.

28. Juni 2020


Ein Sonntag, der ereignislos ablief, ohne dass ich vor die Haustüre kam. Es war das allgemeine Problem der Zeitplanung an den Sonntagen. Wir schliefen lange, saßen bis halb 11 am Frühstückstisch. Der Sonntag war diesmal ein Waschtag. Die Waschmaschine lief mehrere Male hintereinander, die Wäschespinne war vollgehangen im Garten. Drinnen war ich so ungefähr der einzige in unserem Haushalt, der nicht beim Wäschefalten half. Ich rannte die Treppen rauf und runter, um T-Shirts und Sportbekleidung in meinen Wäscheschrank zu bringen. Während meine Frau mit der Wäsche beschäftigt war, befasste ich mich mit Arztrechnungen und den Erstattungen der Krankenkasse. Ich öffnete Post, wälzte Papier, heftete die Erstattungen ab und verglich sie mit den eingereichten Arztrechnungen. Lieber hätte ich mich mit dem römischen Köln befasst, aber meinen Nachmittag bestimmte dieser Aktenordner voller Bürokratie und voller Papier. Gegen 17 Uhr verließen meine Frau und mein Schwager das Haus, um zu kegeln. Derweil saß ich ein wenig am Laptop, ich kochte und goß mit den Kindern den Garten. Nichts besonderes an einem Sonntag wie so viele andere.

29. Juni 2020


Hennef – die Stadt der Wiederholungen. Drei Wochen lang werde ich in die Wiederholungszyklen dieser Stadt gekarrt, um in meiner ambulanten Reha gesundheitliche Wegweisungen für die Zukunft vermittelt zu bekommen. All die Therapeuten und Sporttherapeuten geben sich reichlich Mühe – mit einem Tagesprogramm, das mit reichlich sportlichen Aktivitäten ausgefüllt ist. Als einer der relevanten Einflussgrößen nach einem Herzinfarkt hat die Bewegung ihren berechtigten Stellenwert, so dass der Fahrradtrainer mit EKG-Aufzeichnung, die Stationen des Fitnessstudios, die Therabandgruppe oder Gymnastik täglich abgespult werden – sowie die tägliche Walking-Runde zum Hennefer Kurpark. Der eine oder andere Vortrag kommt dazu, ab und zu eine Jetmassage auf dem Wasserbett, doch die Walking-Runden zum Hennefer Kurpark bieten die Gelegenheit, ein paar Schritte mehr vor das Gebäude der Sieg-Reha-Klinik auf der Rückseite des Hennefer Bahnhofs zu setzen. Die Krankheitsgeschichten, die Symptome und die Verläufe ähneln sich. Manche Krankheitsgeschichten erschrecken allerdings, in welch jungen Jahren schlanke und gut gebaute Menschen, die weder übergewichtig noch Raucher sind, von solch einem Infarkt erwischt worden sind – der Jüngste war gerade 38 Jahre alt. So beeindruckt uns bei unseren Runden weniger die Schönheit des Hennefer Kurparks, der in seiner Existenz ein Koriosum ist, weil Hennef nie eine Bäderstadt gewesen ist, sondern seine Daseinsberechtigung in den Kaltwassertherapien gemäß der Gesundheitslehre des Sebastian Kneipp erhalten hatte. Wir drehen unsere Runden vorbei an dem 1984 geschlossenen Kurhaus, vorbei an der Volière, an den Teichen, an dem Labyrinth, an der Minigolfbahn und an den Trimm-Dich-Stationen. Oftmals treffen wir uns an der Wandertafel wieder, wenn wir in Gruppen die Runden auf unseren Spazierwegen beendet haben. Von dort aus gehen wir gemeinsam zurück zu dem dreigeschossigen Bau der Sieg-Reha-Klinik. Die täglichen Walking-Runden durch den Hennefer Kurpark mögen stumpf klingen, aber der Teilnehmerkreis wechselt, so dass jeden Tag neue Krankengeschichten und Einzelschicksale zu hören sind.

30. Juni 2020


Ein Notartermin, der einen Knoten zum Platzen brachte. Ein Meilenstein war geschafft. Es war ein Moment, auf den wir mehr als ein halbes Jahr gewartet hatten. Unter Anwesenheit des Ergänzungsbetreuers wurde der Erbauseinandersetzungsvertrag unterschrieben. Nun haben wir die Perspektive, dass aus dem Hypothekendarlehen Geld fließen wird, wenn die neuen Eigentumsverhältnisse im Grundbuch eingetragen sind, so dass die Umbaumaßnahmen im Haus des verstorbenen Schwiegervaters fortgesetzt werden können. Bis die Unterschriften geleistet wurden, waren es allerdings noch anspannenden Momente im Besprechungszimmer des Notars. Rund zehn Minuten saßen wir alleine ohne den Notar mit dem Ergänzungsbetreuer zusammen, der uns vor die Nase gesetzt worden war, um Interessenskonflikte bei uns zu vermeiden. In seiner Tätigkeit hatte er wenig Hilfestellung geleistet, anstatt dessen hatte er uns jede Menge Kopfzerbrechen bereitet, und dafür würde er ein sattes, noch zu bezifferndes Honorar verlangen. Wir rangen nach Small Talk-Themen, um alte Konfliktthemen nicht erneut aufzuwerfen. Um diese Konfliktthemen zu lösen, hatten wir uns einen eigenen Rechtsanwalt genommen, der dann wiederum ebenso ein sattes Honorar kosten würde. Um das eisige Schweigen zu brechen, dafür mussten die Fallzahlen von Corona herhalten. Sie waren niedrig bis sehr niedrig und hingen in NRW ausschließlich an den Tönnies-Schlachthöfen. Wir resümierten mit dem Ergänzungsbetreuer, dass die Situation inzwischen sehr entspannt sei. Selbst in größeren Städten wie Köln oder Bonn sei unter Beachtung der AHA-Regeln ein normales Alltagsleben wieder möglich. Als der Notar eintrat und sich an den schweren Holztisch setzte, löste sich die eisige Atmosphäre. Als der Ergänzungsbetreuer den Erbauseinandersetzungsvertrag unterschrieb, hatten wir einen ganz wichtigen Meilenstein bei unserem Umbauvorhaben abgearbeitet.


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