Tagebuch April 2021

1. April 2021


Die eine Woche Urlaub in der ersten Osterferienwoche haben wir dazu genutzt, in unserem Garten vorwärts zu kommen. Als erstes haben wir uns an die Hochbeete heran gemacht, diese so vorzubereiten, dass wir dort pflanzen können. Unkraut haben wir entfernt, dann hatten sich an einigen Beeten die Erdbeerpflanzen so ziemlich ausgebreitet. Im letzten Jahr hatten wir die Erdbeeren in die Zwischenräume zwischen den Hochbeeten gepflanzt. Über Ableger hatten sie sich fleißig vermehrt, über so manche Hochbeete hinweg. Einzeln haben wir die Erdbeerpflanzen in Töpfe umgetopft, dabei kamen mehr als siebzig neue Erdbeerpflanzen zusammen. Wenn die Hochbeete zusammengesackt waren, hatten wir diese mit Erde aufgefüllt. Dazu hatte uns der Gärtner, der den Garten beim verstorbenen Schwiegervater hergerichtet hatte, einen Anhänger mit Pflanzerde vor unsere Garage ausgeschüttet. Die Hochbeete, wo im letzten Jahr die Zucchinis gewachsen waren, haben wir vollständig geleert. Die darin enthaltene Komposterde haben wir auf andere Hochbeete verteilt. In die geleerten Hochbeete haben wir nunmehr neuen Kompost aus unserem Komposthaufen gefüllt und darauf die Pflanzerde vor unserer Garage verteilt. Erste Salatpflanzen und ersten Kohlrabi haben wir auf den Hochbeeten gepflanzt. Rechnet man ein normales Wachstum, werden wir wohl Anfang Mai den ersten Salat verspeisen können. Um den Garten wieder in Ordnung zu bringen, ist im Frühjahr sehr viel zu tun, da sich ein wucherndes Wachstum sowie das Unkraut in alle Winkel verteilen. Als nächstes ist das Beet umzugraben, wo der Spitzkohl angepflanzt werden soll.

2. April 2021


Zu lange geschlafen, zu lange gefrühstückt. An dem Feiertag des Karfreitags waren wir die Dinge viel zu langsam angegangen, denn der Tag stand ganz im Zeichen der Anreise unserer Tochter aus Freiburg. Wenigstens das Badezimmer wollte ich geputzt haben, das mehr oder weniger saumäßig aussah. So verblieb am Nachmittag ein Zeitfenster von etwa zwei Stunden zum Putzen, Wienern und Wischen des Badezimmers. Allzu gerne schiebe ich solche Tätigkeiten auf die lange Bank. Allzu gerne fallen solche Putzereien der knappen Zeit zum Opfer, und allzu gerne werden im Kollektiv unserer Familie solche ungeliebten Tätigkeiten nur äußerst sporadisch erledigt. So befasste ich mich nun mit dem Einwirken des Badreinigers und schrubbte die dunklen Ränder aus der Badewanne weg. Ich wischte all die ganzen Restspuren aus der Toilette weg, ich wischte das Waschbecken, sprühte den Glasreiniger auf den Spiegelschrank. Ich wischte in Ecken in Winkel hinein, ich wischte vorbei an all den herum stehenden Utensilien auf dem Unterschrank unter dem Waschbecken. Ich leerte den Mülleimer, stopfte einen neuen leeren Mülleimerbeutel hinein. Ich staubsaugte die Badezimmermatte. Bevor ich den Boden mit dem Aufnehmer wischte, räumte ich den Boden frei und beförderte manches in den Flur. Klobürste, Personenwaage, Mülleimer und so manches andere gaben sich dann im Flur ein Stelldichein. Dabei bekam ich pünktlich die Kurve. Um 18.43 Uhr musste ich unsere Tochter am Hauptbahnhof abholen. Gegen 18 Uhr wurde ich mit der Aktion fertig und das Badezimmer befand sich wieder in einem halbwegs vorzeigbaren Zustand. Kurz darauf war ich raus aus unserem Haus auf dem Weg zum Hauptbahnhof.

3. April 2021


In Zeiten steigender Inzidenzwerte war das Vorhaben einigermaßen kompliziert, eine Shopping-Tour zu organisieren. Ein tagesaktueller Inzidenzwert von 115 bei Inzidenzwerten größer als einhundert an sieben aufeinanderfolgenden Tagen bedeutete, dass die Corona-Notbremse mit Testoption anzuwenden war. Es waren mithin zu organisieren: ein Test, der nicht älter als 24 Stunden sein durfte, und die Terminbuchung in denjenigen Geschäften, deren Besuch geplant war. Shoppen wollten meine Frau und unsere beiden Töchter. Ihre Bedarfe an Anziehsachen waren hoch, da sie vor dem Dauer-Lockdown und den stark eingeschränkten Möglichkeiten des Einkaufens kapituliert hatten. Zunächst buchten sie drei Termine im Testzentrum in der Remigiusstraße, wo ich mich selbst in der Woche davor ebenso hatte testen lassen. Der Testtermin war um die Mittagszeit, danach buchten die drei Damen Termine bei TK Maxx, C&A und Orsay. Dabei buchten sie ein Zeitfenster von einer Stunde in den jeweiligen Bekleidungsketten. Am Abend zuvor erhielten sie eine Absage von TKMaxx, da ihnen die Gesundheit ihrer Kunden wichtiger war als ihr Geschäft offen zu halten. Gegen elf Uhr fuhren die Damen los, indes blieb ich selbst zu Hause, um mich den Gartenarbeiten zu widmen. Es sollte lange dauern, bis die Schar wieder zurück war. Das war gegen siebzehn Uhr, so dass sie fast sechs Stunden in der Stadt verbrachten. Ein Berg von Anziehsachen schleppten sie in unser Haus hinein, und alles habe sich angefühlt wie ein ganz normaler Shopping-Tag. Der Andrang von dem Testzentrum war lebhaft, wobei einige sich ohne vorherige Terminbuchung testen lassen wollten, was aber unmöglich war, da alle Termine ausgebucht waren. Anschließend besuchten die Damen Thalia, wo man ohne vorherige Terminbuchung hinein konnte. Man musste sich in eine Liste eintragen, einen Einkaufskorb nehmen und konnte zwischen den Buchauslagen herum stöbern. Bei C&A und Orsay hatten die Damen das ganze Geschäft so ungefähr für sich alleine. Vereinzelt spazierten andere Kunden herum, und einsam und alleine konnten die drei so lange herum bummeln, wie sie wollten. Einkaufen unter Anwendung der Notbremse mit Testoption. Was allerdings das Einkaufserlebnis hemmte, das war die Verpflegung zwischendurch. Alle Restaurants waren dicht, so dass die Möglichkeiten stark eingeschränkt waren. Auf dem Marktplatz stand allerdings ein indischer Imbiss, der geöffnet war. Dort verköstigten sich meine drei Shopping-Frauen bei einem tagesaktuellen Inzidenzwert von 115.

4. April 2021


Ein Jahr lang hält der Zustand nunmehr an, dass ich im Wintergarten meinen Home-Office-Arbeitsplatz eingerichtet habe. In der winterlichen Jahreszeit passt die Einrichtung an diesem Standort weitgehend, aber nunmehr, im Frühjahr, sind die Lichtverhältnisse bisweilen katastrophal. Bei dementsprechenden Wetterverhältnissen scheint bis Mittags die Sonne hinein, die ein Arbeiten stark behindern. Im Sommer, bei hohen Temperaturen, ist ein Arbeiten unmöglich, da sich der Wintergarten aufheizt. Daher hatten wir bereits seit längerer Zeit anvisiert, den Home-Office-Arbeitsplatz im Gästezimmer einzurichten. Seit Jahreswechsel ist der Schwager dort ausgezogen, sein Bett stand dort noch und ein Sideboard, in dem Unterwäsche, Strümpfe, Hemden und ähnliche aufbewahrt wurden. Nachdem ich mit dem Preis auf dreißig Euro herunter gegangen war, hatten wir nun das Bett über Ebay-Kleinanzeigen verkauft. In Einzelteile zerlegt, standen die Bretter nun an der Seitenwand unseres Gästezimmers. Sie warteten darauf, von dem Käufer aus Rösrath abgeholt zu werden. Hier, in diesem Raum, im einstigen Gästezimmer, würden sich bald neue Bürowelten auftun. Der Computertisch, der noch in der Garage stand, würde bald an dieser Stelle aufgebaut werden. Das provisorische und notdürftige Arbeiten im Wintergarten würde sich in Kürze seinem Ende zuneigen.

5. April 2021


Zum forstbotanischen Garten in Köln-Rodenkirchen war ich alleine unterwegs, weil das wechselhafte Wetter mit Schneeschauern den Rest der Familie abgeschreckt hatte. Dieses nasse, wechselhafte Wetter richtete sich dann aber genau nach meinen Wünschen des Osterspaziergangs, mich von der aufblühenden Natur im Kölner Grüngürtel verzaubern zu lassen. Das entsprach meinem Gemütszustand, einfach nur die schönen Dinge sehen zu wollen, die Digitalkamera griffbereit zu haben und die einzigartigen Momente der Natur in einem Foto festhalten zu wollen. Das Wetter machte mit, weil sich am Parkplatz vor dem forstbotanischen Garten eine ganz große Wolkenlücke auftat. Als die Sonne prächtig schien, tat ich mich indes schwer, den richtigen Eingang zum forstbotanischen Garten zu finden. Am Wochenende waren nämlich die Nebeneingänge geschlossen, und ein schier endloses Stück musste ich mich den Zaun zum Haupteingang entlang hangeln. Mich beeindruckten vor allem die Heideflächen, die ganzjährig blühten, aber auch die Zierkirschen oder die Magnolienbäume. Ich erkundete nicht alle Ecken und Winkel des Parks, sondern bewegte mich dorthin, wo der Frühling all seine Blütenpracht ausschüttete. Auf der Rückfahrt, im Auto, konnte ich dann auf WDR2 einen genau passenden Beitrag zum Osterspaziergang mithören. In der Ostersendung mit Marco Schreyl war im härtesten Radioquiz der Welt der Osterspaziergang von Goethe gesucht worden. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, Durch des Frühlings holden, belebenden Blick, Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück“, so lauteten die ersten Verse in Goethes Faust. Diese Verse entsprachen ziemlich gut meiner eigenen Stimmungslage, und insbesondere auf dem Weg mit den japanischen Zierkirschen hatte ich das grünende Hoffnungsglück gespürt. Nachdem das Rätsel im härtesten Radioquiz der Welt gelöst worden war, fügte Micky Beisenherz in seiner Kolumne noch einige Gedanken zum Osterspaziergang hinzu. Naturgemäß wurde alles von Corona dominiert, und da bekam der Osterspaziergang eine ganz andere Wendung. Angesichts hoher Infektionszahlen waren die Möglichkeiten an Ostern so sehr eingeschränkt, dass nur noch der Osterspaziergang blieb. Und wenn man sich dann wiederum auf den einen Osterspaziergang konzentrierte, nahm die Faszination und die Einzigartigkeit stetig ab. Abgestumpft auf einem Niveau der Langeweile.

6. April 2021


Wann hat es dies das letzte Mal gegeben, dass es direkt nach Ostern geschneit hat ? Dass das Schneegestöber so dicht war, dass der Schnee liegen blieb ? Und dass sich über Nacht Schneeflächen auf Dächer, in Gärten und auf den Karrosserien von Autos gebildet hatten ? Wir schreiben nun den 6. April, der Winter ist offiziell seit mehr als vierzehn Tagen vorbei, und die Wechselspiele bei den Temperaturen sind gewaltig. Konnten wir uns in der letzten Woche bei richtig warmen Frühlingstemperaturen im Garten nach Herzenslust austoben, so war es heute bei pfeifendem Wind und einsetzendem Schneegestöber eine Tortur, sich vor die Haustüre zu wagen. So traf uns heute all die Ruppigkeit des Wetters, als ich unsere Tochter zum Bonner Hauptbahnhof brachte. Auf dem Weg vom Parkhaus zum Hauptbahnhof froren uns die Finger ein, die Schneeflocken fegten in unser Gesicht, wo der hochgezogene Schal und der Mund-Nasen-Schutz keinen Schutz bieten konnte. Bevor der Eurocity um 9.14 Uhr abfuhr, war das Warten auf dem Bahnsteig eisig und fürchterlich. Froh, den Bahnsteig wieder zu verlassen, ging es vom Parkhaus nach Hause. Dicht an dicht tanzten die Schneeflocken, und ich musste überlegen, wann es um diese Jahreszeit, am 7. April, solch ein Schneegestöber und solch eine geschlossene Schneedecke gegeben hatte, die am Nachmittag daher schmelzen sollte. Ich musste mich zurück erinnern in die 1980er Jahre, als ich als Fußball-Schiedsrichter Sonntags Morgens ein Fußballspiel wegen Unbespielbarkeit des Platzes absagen musste. Oder ich musste mich an meine Schulzeit zurück erinnern, als ich als Messdiener für die Ostermesse üben musste. Auf dem Weg zur Kirche war solch ein starker Schneeschauer herunter gekommen, dass der Schnee liegen geblieben war. Von Klimawandel wird da so mancher nichts mehr wissen wollen. Dabei schaute ich nach vorne, dass es in den nächsten Tagen mit 18 Grad wieder wärmer werden sollte.

7. April 2021


Es war ein Akt der Überrumpelung, der mir sozusagen nicht ungelegen kam. Fast anderthalb Jahre hing der Wunsch im Raum, dass meine Mutter uns noch einmal einen Besuch abstatten wollte. Das war mit gewissen Befindlichkeiten bei meiner Frau verbunden, weil wir es nie schafften, für Ordnung zu sorgen. Aber nicht nur die Ordnung, auch die Sauberkeit stellte ein zeitliches Problem für uns dar. So wären bei sinnvoller Planung mehrere Zyklen von Aufräumen und Putzen einzukalkulieren gewesen. Das war Zeit, die uns an allen Ecken und Enden fehlte. Dass das Vorhaben schwierig zu bewerkstelligen war, lag aber auch an anderen Umständen. Am vorletzten Weihnachtsfest hatte sich meine Familie angekündigt, doch dann hatte meine Mutter sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen, so dass sie über Weihnachten im Krankenhaus lag. Dann kam Corona dazwischen. In den Herbstferien hatte sich erneut meine Mutter angekündigt, doch wir hatten uns irgendwie wegen zu großer Unordnung heraus gewunden. Weihnachten war wieder Corona. Corona war jetzt zwar nicht vorbei, aber in den Osterferien wollten mein Bruder und meine Mutter den Besuch irgendwie realisieren. Das hatten wir so ins Auge gefasst, als ich das letzte Mal im März im Elternhaus war. Als mein Bruder in der letzten Woche anrief, konkretisierten wir den Besuch auf diesen Mittwoch oder diesen Donnerstag. Danach hörten wir nicht mehr – bis gestern. Es bliebe bei Mittwoch oder Donnerstag, so telefonierte ich mit meinem Bruder. Als ich telefonisch ein frohes Osterfest gewünscht hatte, war nur noch sehr vage von dem Besuch die Rede, weil mein Bruder unterwegs war. Es war ziemlich genau um 17 Uhr, als heute mein Bruder anrief, dass er jetzt losfahren würde. Ich betätigte mich derweil noch im Home Office, während sich meine Frau gerade mit der Vorbereitung des Abendessens beschäftigte. Hühnersuppe sollte es zum Abendessen geben, wozu das meiste Gemüse noch vorzubereiten war, ebenso war das Fleisch noch kleinzuschneiden. Ein Anruf zu einem sehr ungünstigen Moment, der aber umgekehrt passte, weil all die Aktivitäten zum Saubermachen und Aufräumen nur zu einem Minimum möglich waren. Ich half mit bei der Essenszubereitung, jede Menge Geschirr war an der Spüle wegzuspülen. Ein wenig räumte ich den Flur frei, ein bißchen räumte ich aus dem Wohnzimmer weg. Die Suppe stand gerade auf dem Herd, als es klingelte und meine Familie angekommen war. In einem Akt der Überrumpelung gesellten sich die beiden Familienmitglieder an den Esstisch, der so ungefähr die einzige verfügbare Ecke im Wohnzimmer war. Ich goß Mineralwasser in die Gläser, unsere Tochter kam aus ihrem Kinderzimmer herunter, sie setzte sich dazu, und meine Frau pendelte zwischen der Küche und der Essecke. Spontan, überrumpelt und ungeplant wirkte das Beisammensein wie improvisiert. Aber wenigstens hatten wir den Besuch nach mehr als anderthalb Jahren Planung zustande bekommen. Die Gesprächsthemen waren aus dem Alltag gegriffen. Im Alter von 85 Jahren verliert sich die Alltagsgestaltung in einer Monotonie, weil die Mobilität stark eingeschränkt ist. Viel Fernsehen, weniger Lesen, weil die Sehkraft und das Lesevermögen mit zunehmendem Alter schwinden; mit dem Rollator ab und an die Seitenstraße hinauf- und hinuntergehen. Gestern waren sie in einem Bekleidungsladen in Hückelhoven gewesen, wozu meine Mutter ihre neue schwarze Jacke zeigte. Zunehmend sei sie verwirrt, das meinte mein Bruder. Als sie die Autobahn verlassen hatten, äußerte meine Mutter, dass sie Impfzelte sähe. Tatsächlich waren es aber Schneereste in den Baumkronen. Naturgemäß redeten wir über Corona, wann denn nun alles wieder normal würde. Dabei schimpfte mein Bruder ganz anders über den Lockdown. Als Beamter bei der Post hätte er sich nämlich gewünscht, dass alle Postagenturen geschlossen wären. Das war aber nicht so, weil die Dienstleistungen der Post als systemrelevant eingestuft wurden. In den Osterferien hatten sie geplant, ein paar Tage Urlaub zu machen. Wegen Corona wurde daraus nichts, es hätte aber auch schlecht zum Schichtenplan seiner Frau gepasst, die über die Osterfeiertage mehrere Nachtschichten hatte. Nicht allzu viel hatte uns als Brüder verbunden, aber mit zunehmendem Alter gaben sich die Differenzen. Wir stellten fest, dass die bevorzugten Krimis im Fernsehen denen meines Schwagers entsprachen – wie etwa SOKO, Notruf Hafenkante oder die Rosenheim-Cops – und weniger meinen Geschmäckern. Meinem Bruder war aufgefallen, dass unsere Cousine Elke, die nun an der Nordsee wohnte, regelmäßig vorbeikam und sich angeregt unterhielt, was früher nie der Fall war. Im Keller hatte mein Bruder alte Schulzeugnisse unseres Vaters aus den Kriegsjahren gefunden. Der Besuch meiner Familie dauerte relativ kurz und fiel genau in die Essenszeit der Abendessens hinein. Die Hühnersuppe mitessen wollte keiner von den beiden, so dass sie das Haus wieder verließen, als wir zu essen begannen. Das war so ungefähr eine Stunde Aufenthalt, wozu die beiden mehr als zwei Stunden mit dem Auto unterwegs waren. Wären wir den Besuch geplanter angegangen, wäre der Aufwand zum Putzen und zum Aufräumen um ein Vielfaches höher gewesen.

8. April 2021


Im nachhinein, als meine Familie uns verlassen hatte, entspannen sich lebhafte Diskussion über Kontaktbeschränkungen. Wir könnten nicht über andere schimpfen, dass sie wegen der Missachtung der Kontaktbeschränkungen Schuld seien an der Verbreitung des Corona-Virus, wenn wir selber die Vorgaben missachteten. Tatsächlich waren wir sechs Personen aus zwei Haushalten gewesen, die sich getroffen hatten, bei fünf Personen hatte die Obergrenze laut Corona-Schutzverordnung des Landes NRW gelegen. Da Begegnungen mit meiner Familie oftmals etwas Hochpolitisches hatten, war ich zuerst froh, dass der Besuch überhaupt zustande gekommen war. Er versprach eine gewisse familiäre Ruhe über mehrere Monate hinweg. Meine Frau zeigte bei der Missachtung der Kontaktbeschränkungen aber auch auf unseren Nachbarn. Seine Kinder im Kindergartenalter spielten mit einem Mädchen, dessen Mutter dabei anwesend war, regelmäßig in dessen Garten. Zuletzt waren noch weitere Personen zu hören, die Kinder spielten fleißig, so dass die Obergrenze von 5 Personen aus 2 Haushalten klar überschritten war. Unsere Diskussion nahm an Schärfe zu, dass wir alle wegen stark gestiegener Inzidenzzahlen zu leiden hätten. Wenn es andere gäbe, die die Kontaktbeschränkungen einfach ignorierten, dann müsse man konsequent handeln. Also die Nachbarn verpfeifen, anschwärzen, denunzieren. Das Ordnungsamt einschalten, die Polizei holen oder was auch immer. Diese Diskussion war womöglich ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, dass die Nerven blank lagen. Ein Jahr Pandemie hatte Spuren in unserer Gemütsverfassung hinterlassen.

9. April 2021


Obschon es nach genau 14 Tagen die erste Fahrradfahrt ins Büro war, war die Fahrt uninspiriert und auch anstrengend. Die Leichtigkeit fehlte nach 14 Tagen ohne moderaten Ausdauersport, dazu kam der Gegenwind, so dass ich mich ausschließlich auf die Fahrt konzentrierte und weniger um all die Natur drumherum. Ich spürte, wie mein Herz ackern musste, ein Zustand, in dem ich die koronare Herzerkrankung und den nötigen moderaten Ausdauersport zu trennen versuchte. Bei Gegenwind zeigten sich gewisse Erschöpfungssymptome, wenngleich das stetig schlagende Herz bei der Fahrradfahrt auf Touren gekommen war. In der Fußgängerzone überwogen schließlich die wechselnden Perspektiven in der Corona-Pandemie. Das Gefühlsleben war verkümmert, weil es kaum noch etwas gab, worauf man sich freuen konnte. Abgestumpft von den ständig gleichen Wegen zu Hause und all den vermiedenen Kontakten, blieb nichts anderes als Genügsamkeit. In der Fußgängerzone gab es zwar nichts Aufregendes zu entdecken, aber das Banale und ganz Gewöhnliche sah ein wenig anders aus. Wenigstens war ich aus dem Käfig von Home Office und der Gleichartigkeit der Wege heraus gekommen. Sich vierzehn Tage damit zu arrangieren, war zu lang. Es mangelte an Ausgewogenheit, und in den unbelebten Seitenstraßen in der Fußgängerzone hatte ich dann doch einen oder anderen Gedanken, der eine Ideenwelt eröffnete, wie ich sie zu Hause nicht kannte. Die Pandemie hatte ihre eigenen Geschichten, die mehr Tragik als Hoffnung brachten. Der Tod wartete überall, und der Alltag im Angesicht eines potenziellen Infektionsrisikos stellte alles auf den Kopf. Nichts wurde mehr herbei gesehnt wie eine Normalität, sich frei zu bewegen und dass man seine Mitmenschen wieder in den Arm nehmen konnte. Darauf bauten sich all meine Gedankengänge auf, weg von irgendwelchen Lockdown-Szenarien und losgelöst von der verkrampften Fixierung auf irgendwelche Inzidenzzahlen. Das Gefängnis begann sich aufzuweichen, meine Sinne konzentrierten sich auf all die kleinen Dinge. Diese Wahrnehmung im Kleinen, die Corona noch zuließ, während das große Ganze menschlicher Begegnungen auf ungewisse Zeit in die Zukunft verschoben worden war. Diesen kleinen Ausschnitt konnte ich nun entdecken auf der Fahrradfahrt am Hofgarten vorbei ins Büro. Nach meinem Büroalltag war nun diese Perspektive auf die kleinen Dinge sofort wieder präsent, als ich durch die Rheinaue radelte. Jede Masse Volk war auf der rechten Rheinseite unterwegs. Schaute man auf die Abstände, dürften den Gesundheitsbehörden die Haare zu Berge gestanden haben. Als ich mich auf eine Bank auf dem Rheindamm setzte, wurde mir bewusst, dass der Frühling neue Facetten und Varianten zu bieten hatte. Das war nicht nur die blühende und aufsprießende Natur, sondern auch das längere Tageslicht. Das war zwar nicht der große Befreiungsschlag gegen Corona, aber der Corona-Blues milderte sich ein wenig ab. Fühlte es sich im Winter in der dunklen Jahreszeit schlimm an, eingesperrt zu sein, so nahmen nun die Anstöße zu, sich nach draußen zu bewegen. Das drückte nicht mehr so sehr auf die Stimmung. Ein klein wenig konnte ich mich so befreien, wenngleich ein Normalzustand noch in sehr weiter Ferne lag.

10. April 2021

Der Schock saß tief an diesem Tag angesichts eines Corona-Todesfalles im Kreis der Behinderten. „Ich will nicht, dass das so nahe kommt“, meinte meine Frau. Ein guter Freund unseres Schwagers war verstorben, ein Freund, der langjährig bei Geburtstagen des Schwagers anwesend war. Noch vor einigen Wochen hatte er im umgebauten Haus des Schwiegervaters vorbei geschaut, um sich anzusehen, wie der Schwager wohnte. 62 Jahre war er alt geworden, und er arbeitete in derselben Behindertenwerkstatt wie mein Schwager. Man tat sich schwer, ihm seine Behinderung anzusehen. Vor Jahrzehnten hatte er epileptische Anfälle gehabt, welche Medikamente dauerhaft verhindern konnten. Diese Anfälle hatten Auswirkungen dahingehend im Gehirn hinterlassen, dass seine geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt waren. Mit einem anderen Freund und einem dritten Bewohner wohnte er in einer WG zusammen. Dieser andere Freund hatte sich mit dem Corona-Virus infiziert, als dieser turnusmäßig in der Behindertenwerkstatt getestet worden war. Da die WG wegen des Infektionsrisikos nahezu nicht ihre Wohnung verlassen hatte, ist höchst unklar, wo sich der Freund infiziert haben könnte. In Frage kommen nur Einkäufe oder die Behindertenwerkstatt selbst. Daher kann nur vermutet werden, dass infizierte Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt das Virus eingeschleppt haben. Da die beiden Freunde in Behindertenwerkstätten an unterschiedlichen Standorten arbeiten, wird der eine Freund das Virus auf den anderen Freund in der WG übertragen haben. Die Dreier-WG musste sich daraufhin in Quarantäne begeben, wo der eine Freund keinerlei Symptome hatte, und der andere, später verstorbene, eher geringfügige Erkältungssymptome. Als die Zeit der Quarantäne fast vorbei war, erlitt der andere, später verstorbene Freund einen epileptischen Anfall, was jahrzehntelang nicht mehr geschehen war. Nach der Einlieferung ins Krankenhaus folgten die schweren Symptome: es setzte Atemnot ein und er musste künstlich beatmet werden. Bei uns allen saß der Schock tief. Angesichts all dieser Regeln, Abstand zu halten, Kontakte zu vermeiden oder sich auf möglichst wenigen Wegen in die Öffentlichkeit zu wagen, herrschte ein blankes Unverständnis, dass man noch so vorsichtig sein konnte und sich dennoch infizieren konnte.

11. April 2021


Seit einigen Wochen bestimmen Versteigerungen in Ebay den Alltag. Den Schwerpunkt der Versteigerungen umfasst meine Vinylplattensammlung vom Dachboden meiner Eltern, die ich zu uns nach Hause transportiert habe. Es sind insgesamt vier Plattenständer, so dass eine große Menge von Vinylschallplatten zu versteigern sind. An die sieben bis acht Vinylplatten stelle ich pro Woche in Ebay ein, und die Nachfrage ist durchaus groß. Begonnen habe ich mit der Kategorie Hard Rock und Heavy Metal, die ich durchgängig verkauft bekommen habe. Gleich die ersten beiden Platten von den Doors brachten einen hohen Verkaufserlös, nämlich 27,50 Euro. Dafür brachten andere Platten gerade einmal eine Einnahme von 1 Euro. Es lohnt sich also durchaus. Zum Versenden habe ich mir ein großes Paket von Spezialkartons zusenden lassen, wo die Vinylplatten gut hinein passen. Gerade am Wochenende gehört es zu unserer Tagesbeschäftigung, in Ebay zu sichten, was verkauft worden ist, den Zahlungseingang zu prüfen, die Paketscheine zu drucken und die Vinylplatten zu verpacken. Da können gewisse Stapel von Verpackungen zusammen kommen. Montags bringe ich diese Stapel dann im Hermes-Paketshop vorbei, wo der Versand einiges günstiger ist als bei der Deutschen Post.

12. April 2021


Ein im Grunde genommen trauriger Geburtstag unserer Tochter, den sie zum zweiten Mal in Folge wegen Corona nicht feiern konnte. In der Realschule hatte sie nunmehr Freunde gefunden, mit denen sie bestimmt gerne gefeiert hätte. Dazu konnte sie heute nicht einmal in die Schule, so dass Mitschüler ihr hätten persönlich gratulieren können, da die Landesregierung Distanzunterricht angeordnet hatte. Nichts feiern, nichts unternehmen, keine Freunde treffen, nicht einmal in einem Restaurant essen gehen können. So musste sich unsere Tochter zu ihrem 16. Geburtstag damit bescheiden, dass sie ihr Lesetagebuch in Deutsch fortführte. Ihre Aufgabe bestand darin, dass sie zwei Personenbeschreibungen aus ihrer Deutsch-Lektüre anhand von Kriterien in einer Tabelle erstellen musste. Damit mühte sie sich ab, las die relevanten Passagen nach, fand die eine oder andere Charaktereigenschaft und füllte die Tabellen mit Inhalten. Als sie nachmittags ihre Freundin besuchen wollte, mussten wir ihr dies wegen Corona verwehren. So wie wir, musste auch sie Kontakte vermeiden, das Infektionsgeschehen war einfach zu hoch. Meine Frau führte eine lange und traurige Diskussion vor dem Hintergrund, dass es im Freundeskreis meines Schwagers einen Todesfall infolge Covid19 gegeben hatte. Wieso sollte es unserer Tochter anders ergehen als uns ? Wir hatten nichts mehr, worauf wir uns freuen konnten. Die schönen Momente, die wir erleben durften, schrumpften auf ein Minimum. Lustlos arbeiteten wir unser Pensum ab, weil die Abwechslungen außerhalb dieses Hamsterrades gering waren. So flüchtete sich unsere Tochter in unsere Vierbeiner hinein. Unsere drei Kater waren stets präsent in unserem Haus und verlangten nach Streicheleinheiten. Unser Kater Oskar erhielt diese ausgiebig von unserer Tochter. Die Ausdauer unserer Tochter war groß, ihn in ihre Arme zu nehmen. Das war allerdings nur ein kleiner Ersatz demgegenüber, wenn sie ihren Geburtstag ihre Freundin besucht hätte.

13. April 2021


Haben Corona und der Klimawandel etwas miteinander zu tun ? Nach dem Sauwetter in der letzten Woche mit einem Schneeschauer nach dem anderen scheint nun zwar die Sonne vom Himmel, aber die Temperaturen kommen nicht aus dem Keller heraus. Der Nordwind treibt einige Wolken vor sich her, nachts reißt der Himmel auf und es friert ordentlich. Mehr Home Office, weniger Mobilität, Reduzierung von Kontakten: Corona erzeugt ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren. Zeigt sich dies nun bei den stark gedämpften Temperaturen im April ? Alles sehnt sich nach dem Frühling, der sich nach ein paar warmen Tagen in der vorletzten Woche verabschiedet hat. Wir wollen Wärme, nach draußen, in unseren Garten. Wir wollen umgraben, die Beete vorbereiten, um unseren Garten zu bepflanzen. Bei den äußerst kühlen Temperaturen mit ständigem Frost dazwischen ist dies allerdings nicht zielführend, da Salat und Gemüse zu schützen sind. So blieb uns nichts anderes übrig, als das Vließ aus unserer Garage heraus zu holen und unseren zarten, frisch gepflanzten Salat und Kohlrabi, damit abzudecken. Es war schon paradox: wir alle wollten wärmere Temperaturen, da sich erwiesenermaßen dann das Virus weniger verbreitete. Aber möglicherweise bewirkte gerade dieses Virus, dass die Temperaturen nach unten gedrückt wurden. Das war einerseits eine gute Botschaft, was den Treibhauseffekt betraf, aber andererseits schlecht für die Neuinfektionen.

14. April 2021


So sehr wie wir mental am Boden sind, so genau trifft das Gekritzele auf der Sperrholzwand unsere innere Gemütsverfassung. Die Zeitspanne hat sich nunmehr auf etwas mehr als ein Jahr aufsummiert. Mehr als ein Jahr, dass das Virus unseren Alltag auf den Kopf gestellt hat und uns nicht mehr losläßt. „Anno Corona Jahr 1 nach der Krönung“, dieser wirre Schriftzug spiegelt unsere angeknackste Psyche wieder, uns im Zuhausebleiben, in der Selbstisolation, der Kontaktvermeidung, der Askese und im Verzicht auf viele schöne Dinge, die das Leben lebenswert machen, zu üben. Lockdown vor einem Jahr, über die Sommermonate Lockerung, ab November ein Dauer-Lockdown mit ein klein bißchen Lockerung, das drückt erheblich auf unsere Gemüter. Die Unruhe und die Nervosität des Schriftzugs „Anno Corona Jahr 1 nach der Krönung“ färben ab: nicht nur bei den Politikern, deren Aktionismus sich vor den Infektionszahlen beugen muss, sondern auch bei uns allen, dass alle Appelle nach mehr als einem Jahr gar nicht mehr ankommen. Die Frustration sitzt tief in unseren Köpfen. Seit November befinden wir uns nunmehr in einem Lockdown – der zuletzt ein bißchen gelockert wurde. Die Logik ist stets dieselbe. Wir können uns verhalten, wie wir wollen. Wir können noch so streng darauf achten, dass wir Kontaktregeln und Kontaktbeschränkungen beachten. In der Konsequenz steigen die Infektionszahlen, egal, wie wir uns verhalten. Die Frustration sitzt tief. Nach mehr als fünf Monaten Dauer-Lockdown seit November fehlt der Glaube an diesen einen harten Lockdown, der alles zu Ende bringen wird. Die Ironie eines Krönungsaktes streckt uns nieder. „Anno Corona Jahr 1 nach der Krönung“, dieser Schriftzug drückt all die Macht aus, einem Krönungsakt gleich, dass das Virus mehr als ein Jahr über uns herrscht, dass wir die Fesseln angelegt bekommen, indem ganze Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens lahm gelegt werden. Wir müssen äußerste Vorsicht walten lassen, uns nicht zu infizieren. Wir alle wollen nur noch, dass es vorbei ist. Wir möchten unsere Hilflosigkeit heraus schreien, so wie es das Gekritzele auf der Sperrholzwand vor der Bonner Münsterkirche tut.

15. April 2021


Die Corona-Krise verdeutlicht, wie fragil doch die Geschäftsstrukturen des Einzelhandels sind. Nur wenig ist dort von Dauer, die Existenz von Geschäften hängt ab von den Konsumgewohnheiten der Verbraucher, die mit den Lebenszyklen von Produkten rasch wechseln können. Die Verbraucher sparen Zeit ein, wenn sie über das Internet kaufen, dazu sind mit der Bebauung des früheren „Bonner Loches“ großflächige Einzelhandelsflächen entstanden. Die Mieten sind hoch, der Konkurrenzdruck ebenso, und mittenhinein in diese fragilen Strukturen ist nun Corona geplatzt. Im Winter war ein Anteil genannt worden, dass bundesweit rund ein Achtel der Geschäfte würden schließen müssen, ein Anteil, der nun weiter gestiegen sein dürfte. Und die Abwärtsspirale der Verödung der Innenstädte dauert an. Modeketten wie Adler, H&M oder Esprit haben Corona nicht überlebt und mussten Insolvenz anmelden. Es geht an die Substanz, und es werden weitere Räumungsverkäufe wegen Geschäftsaufgabe folgen. Allenthalben wird hierzulande auf die Corona-Toten sowie Stress und Überlastung in den Intensivstationen geschaut. Aber ist nicht pure Existenznot, mit leeren Händen und einem Berg von Schulden dazustehen, ein nicht mindestens genauso schwerwiegender Stressfaktor ? Ein Gang durch die Fußgängerzone kann als Ringen um diese Existenz begriffen werden. Das ist gewollt in unserer Marktwirtschaft. Mit der Vorgehensweise, dass mit einem negativen Corona-Test Shopping-Termine vereinbart werden können, sucht sich der Einzelhandel ein wenig über Wasser zu halten, wenngleich dies die Umsätze immer noch deutlich drücken wird. Click and Meet oder Click and Collect bauen Hürden auf, die der Einzelhandel erst einmal schlucken muss. Sollte Corona irgendwann vorbei sein, wird es der Einzelhandel schwer haben, wieder auf die Beine zu kommen. Und ziemlich viele werden dies wohl nicht überleben.

16. April 2021


Bisweilen schaue ich auf das andere Ende der Infektionskette bewusst nicht hin: das sind die Krankenhäuser mit der Auslastung ihrer Intensivstationen. Das kann daran liegen, dass ich vor fast einem Jahr nach meinem Herzinfarkt selbst auf einer Intensivstation gelegen habe. Und das kann daran liegen, dass ich mir meine eigene These der Erkrankungen in Corona-Zeiten zurecht gebastelt habe: was durch die Corona-Maßnahmen auf der einen Seite an Erkrankungen und auch Toten reduziert wird, verschiebt sich in andere Ausprägungen von Krankheiten. Siehe mein Herzinfarkt, der nach meiner These unter normalen Nicht-Corona-Bedingungen nicht entstanden wäre. Andere Beispiele sind häusliche Gewalt, Depressionen, Existenznöte wie etwa beim Einzelhandel, psychische Schäden, Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeitergeld. Diese Gegenrechnung macht niemand auf. Wie dem auch sei: hätte ich ein Jahr später, genau jetzt, einen Herzinfarkt erlitten, wäre die Aufnahme in einer Intensivstation in einem Kölner Krankenhaus mehr als kritisch gewesen. Wäre kein Bett in einer Intensivstation frei gewesen, hätte ich nicht gewusst, wie es weiter gegangen wäre. In unserem eigenen Interesse, da wir vielleicht doch von einer Covid19-Erkrankung mit einem schweren Verlauf betroffen sein könnten, sollten wir auf die Stimmen der Mediziner hören. So etwas mache ich mir nicht unbedingt bewusst, da ich an diesem Krankenhaus am Rande der Rheinaue oftmals vorbeifahre. Nicht nur in den Intensivstationen, ist der Job der Krankenhausmitarbeiter natürlich sehr wichtig und kann nicht genug wertgeschätzt werden.

17. April 2021


So ein paar Restarbeiten waren im Haus des verstorbenen Schwiegervaters noch zu erledigen. Terrasse, im Garten war noch nicht alles fertig, zu den Restarbeiten gehörten ebenso zwei Spiegelschränke für die Badezimmer, die aufzuhängen waren. Bei den Spiegelschränken war es eine gewisse Aktion abzuwarten, bis meine Frau einen Termin im Baumarkt reservieren konnte (davor kam man erst gar nicht hinein in den Baumarkt). Wieder durfte unser Freund aushelfen, alleine wäre ich überfordert gewesen wegen der genauen und richtigen Positionierung beziehungsweise, weil im Badezimmer im Erdgeschoss durch darunter liegende Fliesen zu bohren war. Dort war viel Kleinarbeit bei der richtigen Ausrichtung der Spiegeltüren zu leisten. Die Feinjustierung dauerte, und selbst unser Freund schimpfte über die Art der Befestigung der Spiegeltüren. Der andere Spiegelschrank war größer und die Montage war um einiges einfacher. Dass die Türen des dreiteiligen Spiegels keine glatte Fläche ergaben, sondern ein Stück versetzt waren, ergab ein irres Bild. Beim Hineinschauen in den Spiegel konnte man sich gleich dreimal sehen. Die dreifache Spiegelung verstärkte den Effekt. Diesen Spiegelschrank hatte meine Frau toll ausgesucht.

18. April 2021


Man muss sich mal etwas gönnen. Mit unserem Winzer aus der Pfalz hatte ich begonnen, Weißwein nicht im Supermarkt zu kaufen, sondern mit der Post liefern zu lassen. Bei Rotweinen bevorzuge ich nicht diejenigen aus der Pfalz oder sonstwo aus Deutschland, sondern zum Beispiel aus Frankreich oder auch aus Spanien. Zu den Weinen aus Spanien hatte ich vor einigen Monaten in unserer Fernsehzeitung eine Anzeige mit einem günstigen Probierpaket gesehen. Das waren sechs Rotweine aus Weinanbaugegenden quer durch Spanien, die meine Neugierde geweckt hatten. Ich bestellte und sie schmeckten prächtig. Www.vinos.de heißt die Internetseite, die ständig Probierpakete, Angebotsaktionen oder Weine des Monats bereithält. Geliefert wurden heute neun Flaschen des Rotweins „Petit Obsesion“ aus der Gegend von Valencia. Ein Rotwein mit einem kräftigen und fruchtigen Geschmack, den ich mir gerne abends oder zwischendurch genehmige. Der Geschmack beflügelt, er treibt meine Gedanken an und versetzt mich in neue Welten, die irgendwo in Spanien oder auch sonstwo auf der Welt liegen.

19. April 2021


In diesem Jahr dauerte es, bis wir in unserem Garten voran kamen. Letztlich hatte das kühle Wetter so einiges verursacht, dass der Fortschritt Stückwerk war. Vor einem Jahr hatte ich gestöhnt, dass zu vieles ineinander überging, darunter die Gartenarbeit nach getaner Home-Office-Tätigkeit. Nun hat das winterliche Nachosterwetter unsere Gartenarbeit zum Erliegen gebracht, und in dieser Woche tut sich das eine oder andere Zeitfenster auf, um die Hochbeete herzurichten. Salatpflanzen und Gemüse stehen bereit, welche wir am letzten Freitag im Toom-Baumarkt gekauft haben. Allmählich kommen wir in die Gänge, diese kostbaren Dinge einzupflanzen. Zum Teil haben wir unseren Rhythmus gefunden, jeden Tag ein Stück zu beackern. Jeden Tag ein Hochbeet, die Komposterde raus bis zu den Ästen und Holzstämmen, schichtenweise neu auffüllen, zuerst mit Kleingehäckseltem, dann mit Erde, die uns ein Gärtner geliefert hat, dann wieder die Komposterde zurück, schließlich die Pflanzen einpflanzen. Die Hochbeete sind ein gewisses Kernstück unseres Gartens, wo Salat und Gemüse prächtig heran wachsen. Stück für Stück arbeiten wir uns vorwärts, und wir freuen uns auf den Kopfsalat, das Gemüse, auf Paprika, auf Auberginen und viele Tomaten, die bei den letzten heißen Sommern besonders prächtig gewachsen waren.

20. April 2021


Wenn schon die Gastronomie auf unabsehbare Zeit geschlossen ist, dann muss man sich anders behelfen. Gerne habe ich in Vor-Corona-Zeiten Cafés aufgesucht, um vor oder nach meinen Büroarbeitszeiten meinen Laptop auszupacken. Gerne habe ich mich von meinen Ideen beflügeln lassen, ich habe mich inspiriert gefühlt und konzentriert gearbeitet. Seit dem Lockdown im November letzten Jahres sind solche Schübe von Kreativität obsolet geworden. Man muss sich anders behelfen und nach Ersatzlösungen suchen. Seitdem die Temperaturen ein Frühjahrsniveau erreicht haben, gibt es draußen so einige Möglichkeiten, auch ohne die Atmosphäre eines gemütlichen Cafés. Den Kaffee oder andere Getränke muss man sich selbst mitnehmen, und die Rheinaue inspiriert abseits des Büroalltags. Unter einem Holzpavillon habe ich mich mit meinem Laptop im japanischen Garten ausgebreitet, dabei lasse ich den Fluss der Dinge unterhalb der Wacholderreihen vor dem Teich mit dicken, umherschwimmenden Fischen auf mich wirken. Da ich keine Thermoskanne dabei habe, vermisse ich den Kaffee. Anstatt dessen hat die Parkanlage mit den japanischen Ziergewächsen, deren Namen mir verborgen sind, allerlei Annehmlichkeiten zu bieten. Ein paar Kumuluswolken zeigen sich am Himmel, die Frühjahrssonne wärmt, die Blätter sind an den Ziersträuchern zögernd ausgetrieben, mein Rucksack ruht vor dem Schilfgras am Rande des Teiches. Die satten, grünen Farben des Frühlings motivieren. An solch einem Ort kann man es gut aushalten.

21. April 2021


Die Stadt im Hochinzidenzgebiet. Der Inzidenzwert ist auf über 180 angestiegen, und im Umfeld der vom Bundestag zu beschließenden Notbremse mussten die Geschäftsinhaber kapitulieren. Auswege und Hintertürchen wurden dicht gemacht. Der Law-and-Order-Staat wähnt sich auf der Gewinnerstraße. Das Schlupfloch wurde oder ist bereits geschlossen, dass man mit einem negativen Coronatest weiter fleißig shoppen kann. Erlaubt ist nunmehr nur noch das Click-and-collect-Verfahren, das sieht die bundesweite Notbremse vor. Termine zum Shopping können nicht mehr vereinbart werden, anstatt dessen nur noch Vorbestellung und Abholung an einer vereinbarten Abholstelle. Das ist die Rückkehr zu der Form des Einkaufens, dass der Einzelhandel zu einer Hochsicherheitszone erklärt wird, dass jeder Kontakt vom Kunden zum Verkäufer eine potenzielle Infektion nach sich ziehen kann. Wie die Übergabepunkte sich abschotten, ähnelt einem Kontakt zu einem Gefängnis, wenn Häftlinge von Besuchern besucht werden. Dieser Veränderung musste sich auch die Buchhandlung am Marktplatz beugen. Konnte man bis vor einigen Tagen noch mit einem negativen Covid19-Test in die Buchhandlung hinein gelassen werden, so bleibt der Einlass nunmehr strikt versperrt. Was bleibt, ist der Übergabepunkt an der Eingangstüre. Hermetisch abgeriegelt, können dort die bestellten Bücher übergeben werden. Notbremsen können häßlich und menschenunwürdig sein.

22. April 2021


Allgemeine Verwirrung am Boys Day/Girls Day. Unsere Tochter hatte sich angemeldet für ein virtuelles Programmierprojekt an der RWTH Aachen. Vorher sollte sie über ihren E-Mail-Account informiert werden über Abläufe, Zeiten und Voraussetzungen. Eine Voraussetzung war eine Datenschutzerklärung, die wir als Eltern unterschreiben mussten. Per SMS hatte ich bereits eine Datenschutzerklärung bestätigt, so dass ich weghörte, als unsere Tochter etwas von einer Datenschutzerklärung erwähnte, die in ihrem E-Mail-Account stand. Einen Tag vor dem Boys Day/Girls Day wollten wir dann etwas über die Abläufe wissen, worauf unsere Tochter die Zeiten nannte und auf ihren E-Mail-Account verwies. Am Tag des Boys Day/Girls Day zeigte sie uns all ihre Mails, darunter eine, in der wir die besagte Datenschutzerklärung unterschreiben mussten. Ohne Datenschutzerklärung kein Boys Day/Girls Day. Da war nix mehr zu machen. In solch einem Fall sah der Wochenplan vor, dass Aufgaben zur Berufswahlvorbereitung zu bearbeiten waren. Im Internetportal der Realschule unserer Tochter zum Distanzlernen, genannt Logineo, fanden wir dazu nichts. Erst, nachdem unsere Tochter zu ihrer Freundin gefahren war, fanden die beiden unter „Organisatorisches“ die zu lösenden Aufgaben im Fach Berufswahlvorbereitung. Das war jede Menge. So viel, dass die beiden zu nichts anderem kamen als zu diesen vier zu lösenden Aufgaben. Und diese Aufgaben waren gleich am nächsten Tag bei der Klassenlehrerin abzugeben. Bis abends gegen acht Uhr schafften die beiden drei der vier zu lösenden Aufgaben. Ein Mammutprogramm. Was solch eine Datenschutzerklärung doch ausmachen kann. Die Teilnahme am Boys Day/Girls Day wäre bis gegen Mittag gewesen. Die Nichtteilnahme verursachte ein erhebliches Durcheinander, und an diesem Tag verfluchten wir, dass wir nicht hartnäckig wegen der Datenschutzerklärung nachgebohrt hatten.

23. April 2021


Schaut man auf die Anwesenheit im Büro, dann unterscheidet sich die Situation doch nicht so riesig wie diejenige vor einem Jahr. Galt vor einem Jahr eine Home-Office-Pflicht, so ist es derzeit eine Home-Office-Empfehlung. Wir alle sollten möglichst von zu Hause aus arbeiten, es sei denn, die Voraussetzungen oder Möglichkeiten eines Home-Office sind zu Hause nicht gegeben. Gemeinsam mit zwei oder drei Kollegen hangeln wir uns in den Büroräumen und nehmen die Ausnahmeregelung in Anspruch. Für meinen eigenen Fall begründe ich die Ausnahme damit, dass ich nach meinem Infarkt moderaten Ausdauersport betreiben soll, was mit der Fahrradfahrt ins Büro ermöglicht wird. Da sehr viele Kollegen die Home-Office-Empfehlung beachten, sieht es in der Tiefgarage dementsprechend leer aus. Die morgendliche und nachmittägliche Fahrt durch die Tiefgarage ähnelt somit einer Geisterfahrt. Die spärlichen Autos verlieren sich im Untergrund. Der Beton erdrückt die Stimmung unter den Großraumbüros und lastet um so schwerer auf den Säulen, deren Tragfähigkeit beeindruckt. Der Schlund der Tiefgarage kommt mir vor wie ein riesiges Loch, wo die Anwesenheit von Menschen stört. Die Tiefgarage, ein Ort, der sich mit Corona verbündet hat. Menschen werden weggetrieben an andere Orte, möglichst nach Hause, was dann aber wiederum ein Ort ist, wo sich bei weitem die meisten Menschen infizieren.

24. April 2021


In diesen Zeiten des Dauer-Lockdowns tragen die schönen Dinge des Alltags um so mehr die Zeichen der Vergänglichkeit. Alles fixiert sich auf den Zeitpunkt in der Zukunft, wenn alles wieder vorbei ist, wenn eine gewisse Normalität wieder erreicht sein wird. Bis dahin wollen alle nur raus, weg von der Obsession auf Inzidenzzahlen und von der eigenen Furcht, vielleicht zu denjenigen zu gehören, die irgendwann auf Intensivstationen liegen und beatmet werden müssen. Bei diesem Tunnelblick fällt es schwer, die schönen Dinge des Alltags wahrzunehmen, obschon man auf die kleinen Dinge hin gelenkt wird, weil die großen Ereignisse ausfallen müssen. So schaue ich bei der Kirschblüte in bestimmten Straßenzügen nur flüchtig hin. Sie ist ohnehin vergänglich, weil die Blütenpracht über mehrere Wochen andauert. Die Zeitpunkt sind nicht mehr konform und driften auseinander. Raus aus der Pandemie, das wird ein Zeitpunkt der Herdenimmunität sein, der hoffentlich irgendwann im Sommer liegt. Die Kirschbaumblüte liegt jetzt, zeitlich vorgelagert im Frühjahr. In diesem Bewusstsein, dass die Vergänglichkeit noch vergänglicher geworden ist, wecken die schönen Bilder nur noch wenige Emotionen und unaufgeregt gleite ich vorbei.

25. April 2021


Es gibt Dinge im Leben, da kommt man effektiv zu spät. Als eine der wenigen positiven Facetten von Corona können wir unsere gemeinsamen Spaziergänge durch die Wahner Heide verbuchen, da Spaziergänge eine der wenigen erlaubten Freizeitbeschäftigungen darstellen. Immer neue Winkel und Ecken, Orte wunderbarer Natur, haben wir in der Wahner Heide für uns entdecken können. Lohnenswerte Orte, von denen ich heute Troisdorf-Altenrath ausgewählt habe, um von dort aus zur tausendjährigen Eiche zu wandern. Mit dem Natur- und Kulturführer und seinen neun Rundwanderwegen in der Hand, ging ich – diesmal alleine – auf Entdeckungstour. Das Stimmungsbild war am Sonntag Morgen phänomenal. Die Luft war glasklar, der Himmel azurblau, und die weißgestrichene Altenrather Kirche lieferte mit ihren akkuraten Reihen von Steinkreuzen einen perfekten Hintergrund ab. Ich schritt die sogenannte Hühnerbruchtour entlang, auf dessen Wegemarkierungen keinerlei Hühner zu finden waren, sondern Steinkrüge. Im 17. Jahrhundert waren Kannenbäcker aus des Westerwald hier seßhaft geworden und hatten das Kunsthandwerk der Töpferei in die Wahner Heide mitgebracht, das zum Ende des 17. Jahrhunderts bereits wieder ausstarb. Schroff führte der Rundwanderweg in eine Talsenke hinab, wo der Weg über eine lange Kehre Fischteiche passierte. Die Talsenke verließ ich in einem kurzen Anstieg durch ein geschlossenes Waldgebiet, wo die Baumarten fleißig gemischt waren. Ein langes Stück verlief der Waldweg schnurgeradeaus, dann knickte er nach links ab, wo sich eine Bundeswehr-ähnliche Baracke mit einem grünen Zaun abschottete. Das Ziel, die tausendjährige Eiche, lag nicht mehr weit entfernt. Die Enttäuschung war allerdings groß, als ich das tausendjährige Relikt erreichte. Tausend Jahre hatte das Naturdenkmal überlebt, und nun schlummerten seine umgestürzten Überreste im Wald. Es gibt halt diese Dinge im Leben, da kommt man effektiv zu spät. Die Auflage des Natur- und Kulturführers, die ich studiert hatte, stammte aus dem Jahr 2011. Diese Auflage war durch die Ereignisse im Jahr 2019, als die tausendjährige Eiche zusammen gestürzt war, überholt worden. Davor war die Eiche bereits marode und im inneren Stamm ausgehöhlt, so dass sie ein Betonkorsett tragen musste. Der Dürresommer des Jahres 2018 dürfte der Eiche den Rest gegeben haben. Unwiederbringlich sind solche Monumente der Natur verloren gegangen, zu spät ist man auf sie aufmerksam geworden und zu spät ist das Interesse geweckt worden. Das ist jammerschade, aber das Totholz gibt in all seiner Länge immer noch ein bemerkenswertes Erscheinungsbild ab. Tausend Jahre Vergänglichkeit haben so viel übrig gelassen, was ein Menschenleben um ein vielfaches übersteigt. Beeindruckt durch diese tausend Jahre, kehrte ich auf demselben Rückweg nach Troisdorf-Altenrath zurück.

26. April 2021


Mit den Bäumen ist das so eine Sache. Ohne sie wäre es draußen allzu kahl und allzu öde. Die Struktur wäre platt, würde sich auf ein paar mickrige Gehölze beschränken und es gäbe nichts, was in der Natur nach einer wahren Größe streben würde. Daher kommt so mancher Gartenbesitzer auf die Idee, der Einöde aus einem kleingehaltenen Rasen, mickrigen Sträuchern und pflegeleichten Bodendeckern dadurch abzuhelfen, Bäume zu pflanzen. Bäume, die in ihren Stadium des Kleinwuchses noch hübsch aussehen und stolz im Garten nach oben ragen. Bäume, die in dieser Phase leicht unterschätzt werden. Jahrzehnte später stellt sich dann der Widersinn solcher Baumpflanzungen heraus. Es hat an Vorstellungsvermögen gefehlt, welche Größen Bäume erreichen können. Diese Unkenntnis hat sich in unserer Nachbarschaft so ziemlich verbreitet. Bäume schießen hoch, wie hoch, darum hat sich niemand so wirklich Gedanken gemacht. An manchen Stellen werden Bäume so dick und wachsen so sehr in die Höhe, dass man meint, sie würden zu einem Wald gehören. Solch eine Liebe zu einer stämmigen Buche haben die Besitzer des Mehrfamilienhauses auf unserem Nachbargrundstück empfunden. Diese Buche ist längst zum Leid der anderen geworden. Den Bewohnern des dahinter liegenden Mehrfamilienhauses fehlt es massiv an Licht. Die Baumkrone greift so sehr um sich, dass sie das Sonnenlicht verdeckt. Tageslicht ist Mangelware, die Räume des Mehrfamilienhauses sind dauerhaft dunkel, so dass die Stimmen der Nachbarn sehr laut wurden, die Buche zu fällen. Um dieses Vorhaben umzusetzen, hatte der Gärtner, der das Nachbargrundstück pflegt, einen Termin mit der Stadt. Es ging darum, ob das Fällen der Buche erlaubt war. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die im Bundesnaturschutzgesetzt genannten Größen und Umfänge entschieden darüber, ob Bäume gefällt werden durften. Und diese waren bei der Buche auf unserem Nachbargrundstück überschritten. Es half nichts. Wohl oder übel, mussten sich die Bewohner nunmehr dauerhaft mit den unzureichenden Lichtverhältnissen arrangieren. So etwas kann dabei herauskommen, wenn zu kurz gedacht wird und es vermieden wird, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

27. April 2021


Als ich in Cochem ankam, war ich reichlich erschöpft. Den sogenannten EZA-Tag hatte ich dazu genutzt, mit der Bahn nach Kaisersesch zu fahren und von dort aus nach Cochem zu wandern. Die Wanderung war phänomenal, allerdings schmerzten in Cochem meine Füße nach den gelaufenen 14 Kilometern allzu sehr. Ich trug meine Turnschuhe, womit ich sonst Fahrrad fuhr, dessen Fußsohlen so ziemlich abgelaufen waren. Auf manche Abschnitte des Wanderwegs war grober Schotter geschüttet, der irgendwann auf die Fußsohlen durch drückte. Cochem im Lockdown war keineswegs deprimierend. Der Inzidenzwert lag unter 100, die Geschäfte waren geöffnet. Da allerdings Restaurants, Kneipen, Cafés und Weinstuben den Mix der Geschäfte bestimmten, war der Gesamteindruck öde und wie ausgestorben. Das fand ich keineswegs schlimm, weil die Abwesenheit der Touristen der Moselstadt ihre Ruhe und Beschaulichkeit wiedergaben. Nach den 14 Kilometern fehlte mir zwar die Energie, aber ich konnte ungestört durch die engen Gassen der Altstadt spazieren, die Moselpromenade entlang und mich am Marktplatz auf einer Bank ausruhen. Um die Reichsburg hoch zu laufen, dazu war ich zu müde. Rund eine Stunde verbrachte ich in Cochem. In einem Eiscafé besorgte ich mir ein Eis auf die Hand, bei strahlendem Sonnenschein hockte ich mich auf eine Bank an der Mosel, ich schaute auf ein untätiges Ausflugsschiff, das an seiner Anlegestelle bleiben musste, und ich verfolgte der abknickenden Flusslauf der Mosel, die flussaufwärts ihre spektakulären Schleifen ziehen würde. Mit der Bahn ging es dann über Koblenz nach Bonn zurück.

28. April 2021


Im Grunde genommen, könnte die Rechnung ganz einfach sein. In der Corona-Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Betätigungsfelder verschieben sich. Die Kulturbranche liegt komplett am Boden, während alles rund um Corona und Gesundheit boomt. Wäre da nicht die Verschiedenartigkeit der Betätigungsfelder, könnte man auf den Gedanken kommen, die in diesen Bereichen tätigen Menschen zu verlagern und ihnen eine neue Perspektive zu bieten. Zumindest in räumliche Hinsicht ist dies in der Oper geschehen. Wie bei allen anderen kulturellen Veranstaltungen, finden bei einem Bundes-Inzidenzwert von 155 keine Aufführungen in der Oper statt. Da die Innenräume leerstehen und vorübergehend nicht genutzt werden, werden diese für einen anderweitigen Zweck verwendet. Seitdem die Verantwortlichen geregelt haben, dass jedermann einmal pro Woche kostenlos auf Corona getestet werden kann, werden die Test-Center lebhaft genutzt. Die Bürger wollen Gewissheit, dass sie – hoffentlich – nicht infiziert sind. Ein solches Testzentrum hat sich nun in der Oper etabliert. Dass man Opernsängern oder anderen Akteuren mit einer solchen Tätigkeit des Testens eine neue Perspektive bieten könnte, wird allerdings eine Idee bleiben. Da dürfte die Hoffnung überwiegen, dass irgendwann vielleicht doch wieder in diesem Gebäude Opern aufgeführt werden.

29. April 2021


Zwischen den Bänken sieht es so aus, als wäre eine wilde Orgie gefeiert worden. Der Müll hat sich angesammelt, ist zusammen gestopft worden. Ein zusammen geklappter Pizzakarton verdeckt eine zerknickte Plastikverpackung, leere Pappbecher hängen in der Tiefe. Das Fassungsvermögen des Mülleimers ist erschöpft, der Müll platzt aus allen Nähten. So oder so ähnlich sieht es an vielerlei Stellen aus, wo Bänke auf Rasenflächen oder in Parkanlagen stehen. Wieso soll es auch anders zugehen in Zeiten von Corona ? Die Gastronomie ist dauerhaft dicht, Restaurants lassen nur noch Essen zum Mitnehmen zu. Damit das Essen beim Verzehr noch schön warm ist, muss es gut genug verpackt werden, ohne dass an Verpackungsmaterial gegeizt wird. Also reichlich und viel Verpackung, und wenn Essen dann mitgenommen wird, muss man es auch irgendwo verzehren. Bänke sind im Freien begehrt und rar, so dass man das Verspeisen von den Innenräumen eines Restaurants auf solche Orte verlagern muss. Das ist nicht nur ungemütlich und provisorisch, es wird auch kaum die Infektionszahlen verringern, aber es produziert ein Nebenprodukt in überproportionalem Umfang: Müll. Dass es so oder so ähnlich auf Bänken in der Stadt aussieht, dazu fehlen uns freilich die Alternativen, wenn die gepflegte Atmosphäre einer Gastronomie dauerhaft abhandengekommen ist. Wir können nicht anders, während die Stimmung in der Bevölkerung den Widersinn und die fehlende Akzeptanz der Corona-Maßnahmen wahrnehmen.

30. April 2021


Ein Tag, der durch den Umstand bestimmt wurde, dass der Maifeiertag auf einen Samstag fiel. Am Samstag konnte man nicht einkaufen, so dass sich die Einkäufe auf den Freitag knubbelten. Dies geschah in einer ziemlich gereizten Atmosphäre. Bis kurz vor 16 Uhr arbeitete ich im Home Office. Mittendrin beim Erstellen der Thinkcell-Charts musste ich abbrechen, zum Herunterschreiben eines Einkaufszettels kamen wir nicht. Morgens hatte mich meine Frau mehrere Male gefragt, was wir kochen sollten, und darauf hätte sie gern ihren Einkaufszettel aufgesetzt. Die Fragestellung der Speiseplangestaltung überforderte mich allgemein, so dass ich keine Antwort gegeben hatte. So waren wir gegen 16 Uhr blank. Kein Einkaufszettel, kein Plan. Ein flinker Gang durch unseren Vorratsraum überflog, welche Einkäufe wir in den Focus zu nehmen hatten. So mussten wir unsere Wocheneinkäufe unserem Blick und keinem Einkaufszettel überlassen, nachdem wir unser Auto auf dem vollends vollgestopften Parkplatz beim REWE-Einkaufszentrum in der hintersten Ecke abgestellt hatten, weil nahezu keine Parkplätze mehr verfügbar waren. Diese Dichte setzte sich beim Eintritt bei REWE fort: es war mir schlichtweg zu voll, ständig standen Kunden im Weg, das Zirkulieren mit dem Einkaufswagen gestaltete sich mühselig. Die Suche fiel mir vor versperrten Regalen schwer. Die Einkäufe bei REWE waren holprig. Ich war genervt, und an manchen Positionen des nicht vorhandenen Einkaufszettels war die Verbindung zu meiner Frau abgebrochen, was sie nun wirklich am suchen war. Als wir nach draußen ins Freie traten, waren wir überrascht, was für eine Warteschlange sich vor der gläsernen Schiebetüre zum Eingang formiert hatte. Wir hatten noch Glück gehabt, dass wir gegen 16 Uhr zur Erledigung unserer Wocheneinkäufe losgefahren waren. Wären wir später gewesen, hätten wir uns sogleich in dieser hoffnungslosen Warteschlange anstellen müssen, um die Obergrenze der Kundenfrequenz in Zeiten von Corona einzuhalten. Obschon wir davon nicht mehr berührt waren, stieß dies unsere Reizimpulse nach oben. Vor ALDI, wohin wir wegen des Katzenfutters hinein gelangen wollten, hatte sich eine ähnliche Länge der Warteschlange zusammen gefädelt. Diese Einkäufe ließen wir wegen der Corona-Warteschlange ausfallen, dafür sah es bei dm besser aus. Ohne Warteschlange konnten die Kunden bei LIDL ebenso hinein kommen, aber der Zustand wegen der gereizten Atmosphäre blieb. Die Einkäufe zogen sich in die Länge. REWE, dm. LIDL, danach das Futterhaus wegen des Katzenfutters, das so ziemlich zur Neige gegangen war. Danach bretterten nach Hause ab, aber das Bild des Versorgungsnotstandes, den man aus der Länge der Warteschlange vor dem Eingang hätte schließen können, blieb in unseren Köpfen hängen. Die Gereiztheit setzte sich nach Hause fort. Zum Abendessen aßen wir Reste, und wie wir die Reste aufteilten und was von den Resten wiederum übrig blieb, das entartete zu einer politischen Diskussion.


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