Treffen mit Freunden in Bonn

Im Freien draußen auf dem Friedensplatz sitzend, suchten wir die Wortklauberei auseinander zu nehmen. Bevor ich mich von unseren Freunden verabschieden sollte, hatten wir uns im Außenbereich des Restaurants „Zum Sudhaus“ an einen Tisch gesellt. Wolken hatten sich in der Wärme des Spätsommertags zugezogen, und, nicht unter dem schützenden Dach eines Marktschirms sitzend, warnte uns der Kellner. Seine App hatte in einer Minute Regen vorhergesagt, doch wir verspürten keine Lust, unseren Platz zu wechseln. Das wir richtig so, denn ohne einen Tropfen Regen vom bewölkten Himmel sollten wir unser Essen genießen.

Bei den Speisen, die wir ausgewählt hatten, gelang es uns schlecht, die Speisenbezeichnungen auseinander zu tüfteln. Ich aß Rinderleber nach Berliner Art, unser Freund Hackbraten nach Bonner Art, seine Frau Fisch. Sein Hackbraten war gespickt mit ganzen Champignons in einer Soße, die an Jägerschnitzel erinnerte, meine Rinderleber bedeckten Röstzwiebeln und Ringe von Apfelscheiben. Was war nun typisch Bonn oder Berlin an diesen Speisenzutaten ? Wir bekamen uns keinen Reim darauf gemacht. Dass in Bonn besonders viele Champignons gezüchtet würden oder in Berlin besonders viele Zwiebel wachsen würden, dafür hatten wir keinerlei Indikation. Genauso wenig über die Vorlieben der Ex- und Neu-Hauptstädte über Champignons, Zwiebeln und Äpfel. Egal. Das Essen im Sudhaus war reichlich, es schmeckte ausgezeichnet und bei 11,90 Euro für die Leber nach Berliner Art konnte man nicht meckern.

das Sudhaus auf dem Friedensplatz

Zuvor hatte ich versucht, gegenüber den Freunden aus der Aachener Gegend, ihnen einiges über Bonn zu erzählen, da sie nur sporadisch die Stadt kennen gelernt hatten. Wir hatten uns am Beethoven-Denkmal getroffen, und rasch hatten wir festgestellt, dass wir mit klassischer Musik und Beethoven wenig gemein hatten. Im Musikunterricht in der Schule war Beethoven unvermeidbar gewesen, aber weder Beethoven, noch Mozart, Bach oder Haydn waren bei uns angekommen. Dabei gab es diese Symbiose von Beethoven und Mozart, da sein Vater, der Hofkapellmeister am Hof des Kurfürsten Max Friedrich war, seinen Sohn Ludwig als 16-jährigern nach Wien auf eine Studienreise nach Wien geschickt hatte, um von Mozart unterrichtet zu werden. Da er aber nur drei Monate am Hof in Wien verblieb, ist unsicher, ob er Mozart überhaupt begegnet war. Nach ein paar Jahren Aufenthalt in Bonn verzog es ihn als 22-jährigen dauerhaft nach Wien, wo Mozart inzwischen verstorben war. Obschon Ludwig van Beethoven nach seinem 22. Lebensjahr praktisch nie mehr Bonn gesehen hatte, konnten wir all den ganzen Rummel um seine Person nur als plumpe Marketing-Aktion erklären. Auch so manche andere Stadt trieben suchte Verbindungen, die es eigentlich gar nicht gab – wie zum Beispiel Düsseldorf und Heinrich Heine.

Indes waren wir uns im Musikgeschmack einig. Die klassische Musik war nicht unser Metier, wir bevorzugten härtere Töne wie zum Beispiel die Scorpions, deren fulminantes Konzert ich in im Bonner KUNST!RASEN erlebt hatte. Er sei allerdings nicht gewillt, den Preis von 83 Euro für eine Karte, den ich im Front of Stage-Bereich bezahlen musste, auszugeben. In einer Location in Übach-Palenberg spielten oft Coverbands für wenig Eintrittsgeld, die unser Freund gerne besuchte.

Die Stadtgeschichte hangelten wir uns mit Hilfe eines Bronzemodells auf dem Münsterplatz entlang, welches die Stadt zum Ende des 18. Jahrhunderts zeigte. Eine Stadtbefestigung umgab das Modell, wuchtige Kirchenbauten ragten heraus, von denen zwei während der napoleonischen Besatzungszeit abgerissen wurden. Das Stadtmodell grenzten das kurfürstliche Schloss und der Rhein ein. Eine abgerissene Kirche, die Martinskirche mit ihrem Ursprung aus dem 8. Jahrhundert, wurde auf einer Fotomontage auf dem Bauzaun der zurzeit renovierten Münsterkirche wieder zu neuem Leben erweckt.

Sonntags Nachmittags unterwegs, spazierten wir über die Remigiusstraße, um zum Universitätshauptgebäude zu gelangen, da der Durchgang, von der Fürstenstraße kommend, sonntags verschlossen war. So trotteten wir über den Marktplatz, wo jede Menge los war. Stände der Caritas, von Sportvereinen oder Jugendorganisationen tummelten sich auf dem Marktplatz. Die Maus von der Sendung mit der Maus tanzte auf der Bühne vor dem Rathaus, und der Anlass des Festes, dass heute der Weltkindertag war, blieb uns nicht verborgen. Auch ein Stand mit Masken und Schnitzereien aus Afrika war präsent. Die Ehefrau unseres Freundes aus Madagaskar hatte auf dem Stand eine Holzschnitzerei mit der Inselform von Madagaskar entdeckt, und am liebsten hätte sie das Stück mitgenommen.

Stadtmodell in Bronze (oben links), Beethoven-Denkmal (oben rechts), Zeichnung der Martinskirche auf dem Bauzaun (Mitte links), Zeppelin (Mitte rechts), Denkmal Ernst Moritz Arndt (unten links), Blick auf das Siebengebirge vom Alten Zoll (unten rechts)

Wir schlenderten am Rathaus vorbei, passierten die Durchfahrt unter dem Universitätshauptgebäude. Ich erzählte über den Werdegang des Wittelsbacher Adelsgeschlechtes und wie dieses Adelsgeschlecht insgesamt sechs Kölner Kurfürsten hervor brachte, die in Personalunion die gleichzeitige Funktion des Kölner Erzbischofs wahrnahmen. Speziell der Kurfürst Clemens August verschlang Unsummen an Geld, indem er im Stil eines absolutistischen Herrschers ein Prachtschloss nach dem anderen beauftragte, von denen es das Brühler Schloss zum Weltkulturerbe gebracht hatte. 1705 wurde die Schloßanlage im Bonner Stadtzentrum fertiggestellt, ab 1815 gründeten die Preußen, denen nach dem Wiener Kongreß das Rheinland zugeschlagen wurde, in dem Schloß die Bonner Universität. Dabei ordneten sie die Universitäten in ihrer Rheinprovinz grundlegend neu, indem sie die Duisburger und Kölner Universität schlossen, während die Bedeutung der Bonner Universität dementsprechend zunahm.

Wir schritten zum Alten Zoll, wo der phänomenale Ausblick auf den Rhein und das Siebengebirge von einem Zeppelin begleitet wurde, der mit seiner Aufschrift anscheinend von SWR3 gesponsert wurde. Vom Flugplatz in Hangelar kommend, orientierte er sich mit seiner Flugperspektive, genauso wie wir mit unserem Ausblick, an dem langen Band des Rheins, der an dieser Stelle die sehr heterogenen Stadtgebilde von Bonn und Beuel trennte. Ich erzählte unseren Freunden vom Bröckemännche und Bröckeweibche auf der Beueler Rheinseite, welche den Dissens zwischen den beiden Stadtteilen verkörperte, die in ihrer Entstehungsgeschichte wenig gemein hatten. Ich erzählte ihnen von der Festung als Bastion aus dem 17. Jahrhundert, wovon der Alte Zoll als einziger und mächtiger Rest übrig geblieben war, von Ernst Moritz Arndt auf seinem Denkmal, der 1848 als Abgeordneter der preußischen Rheinprovinz in die Nationalversammlung in die Frankfurter Paulskirche entsandt wurde. Ich erzählte von der neuen Anatomie Friedrich Schinkels, der derselbe Architekt war, der den Elisenbrunnen in Aachen entworfen hatte. Wir besichtigten die römischen Badeanlagen im Collegium Albertinum, und nachdem ich über die Bekanntheit des Hofgartens über die Friedensdemonstrationen in den 1980er Jahren erzählt hatte, war es Zeit für eine Pause bei einer Tasse Kaffee, die wir am Kaiserplatz einlegten.

Wir aßen eine Waffel mit heißen Kirschen, schlürften unseren Kaffee und Cappuccino herunter, wir trödelten hier, trödelten da. An der Dauerbaustelle des Hauptbahnhofs konnten wir immerhin feststellen, dass die Geschäftshausbebauung und die unterirdische Einkaufspassage inzwischen fertiggestellt worden war. Etwas ziellos bummelten wir weiter durch die Fußgängerzone, und hinter der Münsterkirche hatte ich die entscheidenden Momente verpasst. Mir fiel ein, dass ich unseren Freunden an der rückwärtigen Seite der Münsterkirche gerne den mittelalterlichen Kreuzgang gezeigt hätte. Er war ein Juwel, gleichzeitig eine Oase der Ruhe mitten in der Stadt, und suchte mit seinem vollständig erhaltenen Zustand aus dem 13. Jahrhundert seinesgleichen in Deutschland und darüber hinaus. Doch er hatte nur bis 16.30 Uhr geöffnet, und die Uhrzeit war längst bis weit nach 17 Uhr fortgeschritten.

So beschlossen wir, den Tag allmählich ausklingen zu lassen. Unser Freund musste am nächsten Tag gegen 5 Uhr morgens aufstehen, so dass das Zeitfenster einigermaßen eng war. Gegen 19 Uhr wollte er Bonn verlassen, um in die Aachener Gegend zurück zu kehren. So suchten wir gezielt das Sudhaus am Friedensplatz auf, wo es mir stets gut geschmeckt hatte. Über den Friedensplatz hatte ich nichts besonderes zu erzählen, außer dass man sich bei ihm – im Gegensatz zu anderen Orten in der Innenstadt – wenig Mühe gegeben hatte, ihn nach den Kriegszerstörungen stilgerecht wieder aufzubauen. Er funktionierte ausschließlich – im wesentlichen als überdmensionierte Bushaltestelle. Dass die Nationalsozialisten ihn in den Adolf-Hitler-Platz umbenannt hatten, verschwieg ich lieber.

Rinderleber nach Berliner Art und Bonner Hackbraten im Sudhaus

Nachdem wir gegessen hatten, zeigte mir Marie-Thérèse, die Ehefrau aus Madagaskar, Strandfotos aus Madagaskar. Ein unberührter Sandstrand, der vom Tourismus nicht erschlossen war. Keinerlei Hotels und nicht zugebaut, nur die Einheimischen hatten in Strandnähe niedrige Häuser gebaut, von denen eines ihren Geschwistern gehörte. 6-8 Wochen im Jahr schaffte sie es zumeist, bei ihren Geschwistern in Madagaskar zu verweilen, und unser Freund begleitete sie gerne dorthin, wenngleich nicht über die gesamte Dauer. Die Fotos auf ihrem Smartphone waren wunderschön, und sie wünschte es sich, dass es unsere Familie irgendwann auch einmal nach Madagaskar schaffen würde. Der Flug dorthin war allerdings umständllich und nicht gerade günstig. Direktflüge gab es keine, und in der Vergangenheit waren sie von den Startflughäfen in Frankfurt, Paris oder Brüssel geflogen. Beim diesjährigen Flug von Brüssel mussten sie in Addis Abeba in Äthiopien umsteigen.

Bis zum Bertha-von-Suttner-Platz, wo wir uns trennten, verquasselten wir uns noch etwas. Ich zeigte in die Richtung des Beethoven-Hauses, worin ich nie hinein gefunden hatte. Die Stände des Weltkindertages waren auf dem Markplatz in der Auflösung begriffen. Der Blick auf den vom Kurfürsten Max Friedrich beauftragten Obelisken auf dem Marktplatz war nun frei. Ich erwähnte, dass in der Seitenstraße der Brüdergasse die Remigiuskirche lag. 1806 war die Kirche vom Heiligen Ludwig in den Heiligen Remigius umbenannt worden, nachdem die Remigiuskirche, die auf halbem Weg zur Münsterkirche gelegen hatte, abgerissen worden war. Am Bertha-von-Suttner-Platz war es dann soweit, dass wir uns trennen mussten. Die Wege unserer Freunde führten in das Parkhaus der Stadtwerke Bonn, während ich auf den Schnellbus wartete.

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