1ter Rheidter Dorftrödel

Wir diskutierten heiß, unsere Runde schwoll an. Das Ereignis, das solch einen ungeahnten Verlauf genommen hatte, zerlegten und analysierten wir, so wie Fußball-Experten aus den Ergebnissen der Fußball-Bundesliga die Potenziale im Hinblick auf die kommenden Spieltage abschätzen. Gerne nutzten wir die Gelegenheit, uns im Keller dazuzusetzen. Die Rolläden hatten wir im Haus des verstorbenen Schwiegervaters herunter gelassen, die Luftballons und die Schilder zum 1ten Rheidter Dorftrödel hatten wir hängen lassen. Die Geschenkebänder, mit denen wir in Klarsichthüllen unsere Aufschriften des 1ten Rheidter Dorftrödels befestigt hatten, baumelten in der Thujahecke.

Nun hatten wir in die Kellerräume der Martinstraße, wo der Organisator des 1ten Rheidter Dorftrödels wohnte, jede Menge Hunger und Durst mitgebracht. Den ganzen Tag, von 10 bis 17 Uhr hatten wir gestanden und Hausrat verkauft. Das Organisationstalent Ingo Demmer hatte alle, die bei der Trödelaktion mitgemacht hatten, zum Grillen und zu einem Abschlussumtrunk eingeladen. Die weiß gestrichenen Wände mit dem provisorisch anmutenden Flair im Keller waren nicht unähnlich zu unserem Baustellen-Feeling, das unsere Besucher inmitten nackter Bimssteine im Wohnzimmer umgaben, da wir mit den ersten Abrissarbeiten vor der bevorstehenden Umbaumaßnahme begonnen hatten.

Als wir eintrudelten, mussten noch drei Stühle dazu geholt werden, da der Keller vollgestopft war vor lauter unbekannten Gesichtern. Diese scharten sich, mit Grillwürstchen und Getränken gut versorgt, um eine lange Spanholzplatte, die, auf Eisenböcke gelegt, als Tisch diente.

Luftballons zur Begrüßung

Mit Würstchen vom Grill, der vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses stand, und einigen Flaschen Bier betrieben wir eine Nachschau. 175 lautete das amtliche Endergebnis, wie viele Haushalte sich an dem 1ten Rheidter Dorftrödel beteiligt hatten. Ingo, der die Aktion ins Leben gerufen hatte, hatte nie und nimmer damit gerechnet, dass die Aktion sich zum solch einem Selbstläufer entwickeln würde. In der Community der Nachbarschaft hatte er im Juni seine Idee eines Dorftrödels gepostet, wo jedermann in unserem Ort mitmachen konnte. Die Resonanz war so groß, dass die Teilnehmerzahl von Tag zu Tag rasant stieg. Offensichtlich hatten viele Haushalte so viel Hausrat herumstehen, dass sie sich nicht trauten ihn zu entsorgen und sich lieber an ihre Straße stellten, um die gut erhaltenen und voll funktionsfähigen Stücke an einen neuen Besitzer zu übergeben. Da wir den Haushalt des verstorbenen Schwiegervaters aufzulösen hatten, konnten wir den Dorftrödel mehr als gut gebrauchen.

Ihre Häuser hatten die teilnehmenden Haushalte mit Luftballons gekennzeichnet, und so begleiteten bunte Luftballons die Straßenzüge, wo sich Pavillons aufspannten. Tapeziertische breiteten ihr Angebot von gebrauchtem Hausrat aus, in Innenhöfen sammelte sich allerlei Trödel zusammen, in Garagenzufahrten wurden längst vergessene Schätzchen zu neuem Leben erweckt. Das Treiben war bunt, und in manchen Straßen pilgerten die Passanten regelrecht von einem Trödelhaushalt zum nächsten.

viele kauften nichts, aber einzelne kauften ganz schön viel

Allententhalben zog man im Keller das Fazit, dass sich die Aktion gelohnt hatte. Schaute man allerdings auf die Umsätze derjenigen, die teilgenommen hatten, gab es beträchtliche Unterschiede. Ja nach Lage, ob abgelegene Straße am Ortsrand oder Hauptdurchgangsstraße, schwankten die Besucher erheblich. Proportional dazu schwankten die Einnahmen, deren Spitzenwerte einiges über einhundert Euro lagen, während man sich in Randlagen um die zehn Euro begnügen musste. Dabei hatten wir mit unserer Lage gegenüber dem Pfarrheim sicherlich Glück. In der Nähe der Kirche lag das Haus des verstorbenen Schwiegervaters zentral, zudem gab es am Pfarrheim ausreichend Parkplätze.

Dabei hatten sich die ersten Interessenten ziemlich einsilbig in unser Haus gewagt. Armbanduhren oder Schmuck – darauf hatten sie es abgesehen, diese Gegenstände suchten gleich mehrere Besucher hintereinander. Das waren professionelle Händler, die mit ihren Autokennzeichen aus AC oder AW von weiter angereist waren. Dies konnte man aber auch positiv sehen. Weil sich 175 private Anbieter vor ihre Häuser gestellt hatten, entstand eine Art von Sogeffekt. Mit deren Anzahl vervielfachten sich die Besucher, wenngleich wir deren Nachfrage nach Armbanduhren, Schmuck, alten Postkarten oder militärischen Orden nicht bedienen konnten. Den professionellen Händlern folgten die Privatleute, von denen viele sich nur umschauten und später dann doch größere Mengen oder größere Stücke kauften.

Ein professioneller Händler, der sich auf Möbelankäufe spezialisiert hatte und der später das Schlafzimmer der verstorbenen Schwiegereltern kaufen wollte, brachte eine Haushaltsauflösung treffend auf den Punkt. Erfahrungsgemäß gäbe es ein 90:10-Verhältnis. 90%, zu denen Porzellan, Gläser, Vasen, Blumentöpfe, Taschen oder Unterhaltungselektronik gehörten, seien entweder nicht oder nur mit hohem Aufwand verkäuflich. Bei einer professionellen Haushaltsauflösung landeten sie rasch in einem Container oder im Restmüll, wobei der Kunde draufzahlen müsse. Die restlichen 10% seien verwertbar, weil sie selten wären, wirklich sehr alt oder weil sie häufig gebraucht würden.

das Organisationstalent Ingo Demmer beim Beisammensein im Keller (unten rechts),

Verkauf von Hausrat in und vor dem Haus (übrige Fotos)

Wir verzichteten lieber darauf, dass die 90% im Endeffekt auf den Restmüll oder in einem Container auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Genau genommen, lag das Verhältnis bei uns rund 80/20, was unter anderem daran lag, dass gelegentliche Erfolgserlebnisse den Verkaufstag beflügelt hatten. Darunter gehörte, dass wir zwei hohe Stapel von Puzzles, die bis zur Decke reichten, verkauft bekamen. Für zehn Euro an den Mann gebracht, hatten wir dieser Unmasse von Puzzlespielen im allgemeinen Trend des Zeitvertreibs an Smartphones und an Computerspielen keinerlei Chancen eingeräumt.

In Stoßzeiten war das Wohnzimmer mit seiner Baustellenatmosphäre rappelvoll. Viele Besucher kauften nichts, aber umgekehrt kauften einzelne Besucher ganz schön viel. Ein rund 30-teiliges Disney-Geschirr wechselte den Besitzer, eine Puppenwiege, eine Milchkanne, eine Perrücke, ein alter Schulranzen und auch zwei wuchtige Bilder mit einem runden Rahmen und religiösen Motiven von Jesus und der Muttergottes. Für zehn Euro wurde ich eine Sammlung von Sonderpostwertzeichen der Deutschen Bundespost los, und die Zeit, die die Besucher die 60-70 Stück Vinylplatten durchstöberten, war sehr lang. Bei der Ansammlung von Volksmusik, deutschen Schlagern und Stimmungsmusik waren es allerdings nur Einzelexemplare, die gekauft wurden. Am Ende des Tages konnte man dann doch erkennen, dass die Masse an Hausrat sich verkleinert hatte, wenngleich das Volumen einen immer noch erschlug.

Das Meinungsbild unter den Versammelten im Keller, dass Ortsansässige nicht trödeln, konnten wir nur bedingt teilen. Mehr als dreißig Jahre in unserem Ort beheimatet, zählte sich meine Frau zu den Ortsansässigen. Auf der Straße, wo wir wohnten, hatten Ortsansässige ihre Stände aufgebaut, ebenso Freunde und Bekannte, die seit Ewigkeiten im Ort wohnten.

Im Keller floß das Bier und spülte all den Stress der vergangenen Tage herunter. Wild zusammen gewürfelt, suchte die traute Runde ihre Verbindungen. Irgendwann und irgendwie bei irgendeiner Gelegenheit hatte man sich gesehen. Aber wo ? Die ungefähre Siebzigerin, die neben mir saß, aus einer Seitenstraße zu unserer Straße, hatte früher Tupperware verkauft. Es war eine Tupperparty, von woher sie ihre Sitznachbarin kannte. Jahrzehnte später, saß man nun zusammen und hatte sich mit den liebgewonnenen Schätzen und Schätzchen im eigenen Haushalt befasst, die einen Tag lang einen Hauch von Flohmarktatmosphäre verbreitet hatten.

Dieser Stress ging am Folgetag noch in eine weitere Runde, denn gleichzeitig zum im Pfarrheim statt findenden Kindersachenbasar wollten wir all unseren Hausrat erneut anbieten.

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