Sommerfest im Behindertenwohnheim Am Deich am 11. Mai 2019

Die Begleitumstände waren wie ein Wunder und doch selbstverständlich. Stets hatte das Sommerfest im Behindertenwohnheim Am Deich bei schönstem Sonnenwetter stattgefunden. In den Vorjahren hatte die Sonne vom Himmel gelacht, es war warm, und bei Wohlfühltemperaturen konnte das Publikum das reichhaltige Programm auskosten. In diesem Jahr sollten die Begleitumstände ein bisschen anders aussehen. Den ganzen Morgen hatte es Bindfäden geregnet, es war kühl und ungemütlich. Doch dann, ziemlich pünktlich zu Beginn des Sommerfestes um 15 Uhr, riss der Himmel auf. Blauer Himmel schob die Regenwolken beiseite, und in den wärmenden Sonnenstrahlen konnte man es zeitweise ohne Jacke aushalten.

Die Begrüßung war dementsprechend. Das Glück habe auf der richtigen Seite gestanden, eröffnete die Vorsitzende des Fördervereins, Erika Berchem, das Sommerfest. Die Leiterin des Behindertenwohnheims, Helene Müller-Speer, brachte bei ihren Begrüßungsworten einen ironischen Zungenschlag hinein. Sie hoffe, dass alle ihre Sonnencreme dabei hätten. Sie leitete über zum Rahmenprogramm, das sich wie in den Vorjahren reichhaltig und bunt gestalten sollte. In diesem Programm wurden die Bewohner des Behindertenwohnheims eingebunden, außerdem schauten viele Anwohner und Nachbarn zu, was dem Fest eine besondere Note verlieh.

Es ging los mit einem Chor, der sich „Kopernikus All Stars“ nannte. Als erstes Stück besangen sie eine etwas abenteuerliche Geschichte aus den 1970er Jahren, dessen Titel nicht mehr zeitgemäß war. Das Wort „Skateboard“ wurde erst in den 1980er Jahren geboren, und so besangen sie ein Stück der Bläck Fööss, in dem ganz ominös an einem Rollbrett herum gewerkelt wurde. Die Eltern sahen keine objektive Notwendigkeit, dass der Sohn ein Rollbrett besitzen sollte. Und so zimmerten sich der Sohnemann mit seinem älteren Bruder aus einem Bügelbrett und Rollschuhen ein Rollbrett zusammen. Die Eltern wunderten sich über das Verschwinden, bis das zusammen gewerkelte Rollbrett mit einem Mal auf der Terrasse getestet wurde. Nach dem Stück „I love my live“, in dem Robbie Williams seinem Sohn vermitteln wollte, wie man mit positivem Denken optimal durch das Leben kommen kann, gab sich der Chor mit Stücken der Klüngelköpp und der Höhner heimatbetont.

Eingang zum Wohnhaus Am Deich (oben links), Bürgermeisterin mit der Wohnheimleiterin und der Vorsitzenden des Fördervereins (oben rechts), Chor Kopernikus All Stars (unten links), Vogelhochzeit (unten rechts)

Welche Herausforderung die Integration von Behinderten bedeuten kann, das bewies der nächste Auftritt. Aus dem Wohnhaus des früheren sogenannten „Klosters“ waren viele Rollstuhlfahrer dabei, so viele, dass sie alle zusammen nicht auf der Bühne auftreten konnten. Anstatt dessen standen Rollstuhlfahrer und Behinderte abseits der Biertische, wo die Besucher gespannt zuschauten, lose zusammen. Dort suchten zwei Betreuerinnen die Abläufe des Auftritts zu koordinieren. Das war Schwerstarbeit, Sequenzen und Abfolgen so zu gestalten, dass die Behinderten irgend wie auch mitmachen konnten. Es wurde die Melodie der von Hoffmann von Fallersleben komponierten Vogelhochzeit gespielt. Über vier Akte spannte sich die Vogelhochzeit, das Vogelbaby wurde geboren, das Vogelbaby wuchs auf und ging später in die Vogelschule. Zu Melodien wie „Vöglein, Vöglein tanz mit mir“ schwenkten Rollstuhlfahrer und Behinderte Wimpel. Arme und Körper folgten den rhythmischen Bewegungen, wobei die Betreuer den Text mit dem Mikrofon vorsangen und wenige Behinderte mitsangen.

Es folgte ein Auftritt desselben Chorleiters der „Kopernikus All Stars“, allerdings diesmal mit einem reinrassigen Männerchor, während es sich bei dem Chor zuvor um einen gemischten Männer- und Frauenchor gehandelt hatte. Als „staatse Männer“ begrüßt, sang der Chor zunächst Seemannslieder. Santianos „wenn das Meer uns ruft, fahr’n wir hinein ins Abendrot“ war in das Herz und Blut ihres Gesangs übergegangen. Dann wechselten sie das Genre, zunächst nach Simon and Garfunkel, dann lieferten sie die tiefgründige Erkenntnis, dass man Kölsch nicht nur „schwaden“ konnte, sondern auch trinken. Waren mit dem Lied „Schängelsche vüür schängelsche“, das sie sangen, die Lausbuben aus Koblenz gemeint, die „Schängel“ aus dem französischen Vornamen „Jean“ ableiteten ?

Den Wortursprung des „Schängelschens“ konnte ich nicht heraus hören, anstatt dessen war aber im Anschluss die Prominenz unübersehbar. Die Stellvertretende Bürgermeisterin trat stolz auf die Bühne, die wie so viele andere das wahre Wunder lobte, dass nach so viel Regen um Punkt 15 Uhr die Sonne das Kommando übernommen hatte. Samstags sei sie viel unterwegs, das berichtete sie, nachdem sie zuvor bei einer Goldenen Hochzeit ihre Anwesenheit gezeigt hatte. Einen Obulus überreichte sie in einem Umschlag, worauf die Leiterin des Behindertenwohnheims mächtig stolz war.

So eine Art von Höhepunkt des Sommerfestes stellten die Auftritte der Bewohner des Behindertenwohnheims dar. Als erstes tanzten die Bewohner einen Maitanz, bei dem eine Tänzerin im Rollstuhl auf der Mitte der Bühne den Maibaum festhielt. Es folgte ein Zwergentanz, bei dem die Zwerge mit ihren roten Zipfelmützen eindeutig gekennzeichnet waren. Viel Kreativität hatte die Schöpferin des Tanzes walten lassen, indem sie die mit Packpapier verdeckten Leitern als Berge erkennen ließen. Schwungvoll tanzten sich die Tänzer ein, indem das Schornsteinfegerlied „oben auf dem Berg steht ein kleiner Zwerg“ aus den Lautsprechern ertönte. Großer Applaus war den Tänzern sicher, und das Publikum war so begeistert, dass sie um eine Zugabe nicht herum kamen.

Danach schwenkte das Bühnenprogramm von der einen Tanzgruppe zur nächsten über. Nun wurde das Tanzprogramm dargeboten, was man gemeinhin in Tanzschulen so lernt. Ob Foxtrott oder Rumba, langsamer Walzer oder Boogie getanzt wurde, das bekam ich nicht zugeordnet, da meine eigenen Tanzkenntnisse unterirdisch schlecht waren. Es war aber schön anzusehen, wie die Formationstanzgruppe aus Godesberg sich auf der Bühne ins Zeug legte, und einmal tanzten die sechs Tänzer ihre rhythmischen Bewegungen auf Rihannas „Shine bright like a diamond“.

Maitanz der Bewohner des Wohnhauses (oben links), Zwergentanz (oben rechts), Formationstanzgruppe (unten links),

Maikönigspaar aus Troisdorf-Müllekoven mit Anhang (unten rechts)

Der Abschluss des Sommerfestes war fulminant. Ein hübsches Stück Tradition in diesem Gebiet des Rheins, das ich in dieser Form in meiner Ursprungsheimat des Niederrheins so nicht kannte. Unter den beinharten Gitarrenriffs von „Highway to hell“ von AC/DC zog das Maikönigspaar aus Troisdorf-Müllekoven auf die Bühne, wobei alle lernten, dass es Abstufung und eine Unterscheidung gibt. Es gibt einen Maigrafen und eine Maigräfin, dessen Rang ein kleines Stückchen niedriger einzuordnen ist als das Maikönigspaar über ihnen. Der Maigraf und der Maikönig breiteten nebst Partnerin ihren Hofstaat auf der Bühne aus. Dazu gehörte der Rötzchensvater, der mit der Resterampe der weniger begehrten Maibräuten Vorlieb nehmen musste, die niemand so wirklich haben wollte. Und ein Maipolizist scharte sich auf der Bühne, der die Regeln überwachte, die die Tradition der Mainacht ausmachten. Ein Fahnenschwenker gab abseits der Bühne seine akrobatischen Schwenkkünste zum besten. Zwischendurch wurde eine besondere Form des Trinkens geübt, wozu die Vorsitzende des Fördervereins den Vergleich wagte, dass die Art des Trinkens an den Meistertrunk der fränkischen Stadt Rothenburg ob der Tauber erinnerte. War es in Rothenburg ob der Tauber ein ausgetrunkener Glaskrug mit dreieinviertel Liter Wein, der die Stadt im Dreißigjährigen Krieg vor der Brandschatzung verschonte, so war es auf der Bühne das Kunststück, ein Glas Kölsch aus einer langstieligen Holzpfeife zu trinken. Die Kölschstange in dem Endstück der Holzpfeife in dem richtigen Winkel vor den Mund zu halten, damit man das Kölsch auch trinken konnte, bereitete den Jungs sichtlich Mühe. Es klappte aber, ohne dass geschlabbert wurde.

Zu der Melodie von „Rut rut rut sinn de Ruse“ tanzte der Hofstaat des Maikönigspaares den Maitanz. Frohsinn und Feierstimmung unter der Fahne des Junggesellenvereins beherrschte die Bühne. Der letzte Auftritt dehnte sich mit einem Walzer die Länge, und mit ihren Abschiedsworten richteten die Vorsitzende des Fördervereins und die Leiterin des Behindertenwohnheims einen abermaligen Dank an das Wetter aus, dass es punktgenau mit Beginn des Festes zu regnen aufgehört hatte. Die Bierbude leerte sich, das Angebot an Kuchen war auf einen Rest geschrumpft, das Publikum nahm zur Kenntnis, dass die Feier nun vorbei war. Das diesjährige Sommerfest hatte allen Gästen und Anwesenden bestens gefallen.

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