der Post-Tower und die Lücke

Es war eine Fahrradfahrt auf der Konrad-Adenauer-Brücke, die unterschiedliche Blickwinkel auf den Post-Tower mit sich spielen ließ. Das Wellenspiel des Rheins plätscherte leise vor sich hin, die Schiffe schoben ihre Lasten vorwärts, die Häusermasse der Bonner Innenstadt baute sich zaghaft an der geknickten Linie des Flusses auf. Über einem wolkenlosen Himmel senkte sich die Sonne herab, noch unwillig, sich über der Rheinaue und dem früheren Regierungsviertel zu verabschieden. Sonnenbeschienen, den ausklingenden Winter und Frühjahrstemperaturen in sich vereinigend, erhob sich die Parklandschaft der Rheinaue munter und gelassen über den Ufern des Rheins.

All mein Geschimpfe und Gemeckere über den viel zu klobig geratenen Post-Tower wandelte sich in diesem Moment. In der Gelassenheit des späten Nachmittags fügte sich der Post-Tower während der Fahrradfahrt über die Konrad-Adenauer-Brücke harmonisch ein. Zunächst betrachtete der Gang der Sonne das 162 Meter hohe Hochhaus aus der Distanz, dann strich die Scheibe der Sonne mit all ihrer Eleganz über die Hochhausfassade. Als die Sonne den Post-Tower überdeckte, stachen ihre Strahlen exakt in das Herz hinein. Schließlich setzte die Sonne ihr Schauspiel über den Langen Eugen und den Würfel des WCCB fort, nachdem ich die Konrad-Adenauer-Brücke mit meinem Fahrrad verlassen hatte.

Exakt ausgezirkelt war derjenige Punkt, wo die Sonnenstrahlen sich in der Mitte des Post-Towers fest gebissen hatten. Es war die Suche nach einer Lücke im Hochhaus, die von der Distanz der Brücke aus weder zu sehen noch zu erahnen war. Ein Spalt, der das Gefüge aus Stahl und Glas zerteilte und nur aus der Nähe oder im Inneren des Hochhauses sichtbar war. Und um diese Lücke drum herum strahlte der Leuchtkegel der Sonne mit all ihrer geballten Kraft. Dieser Kegel spiegelte sich auf dem Rhein, zerfaserte das Spiegelbild des Hochhauses und löste die Elemente der Hochhausfassade im Flussverlauf des Rheins in sich auf.

Die Lücke: um die Gliederung des Post-Towers zu erfassen, musste man genau hinschauen, wenn man davor stand. Von der Ferne aus wie ein einzelner homogener Turm aussehend, teilte sich der Turm faktisch in zwei Hälften auf, dem Nord- und dem Südturm. Beide Türme, die spiegelbildlich angeordnet waren, umfassten zwei ellipsenförmige Baukörper, die etliche Meter gegeneinander versetzt waren. Die beiden Türme standen aber nicht isoliert voneinander, sondern die Stahl-Glas-Konstruktion der beiden Ellipsen wurden zusammengehalten durch übergreifende Andreaskreuze auf jedem neunten Geschoss.

Es war eine Gewissheit, dass die Lücke klaffte. Dass die Lücke einen Zwischenraum von 7,20 Meter öffnete, diese Breite überraschte in der hindurch stechenden Sonne des späten Nachmittags vom Blickwinkel der Konrad-Adenauer-Brücke aus. Das visionäre Bauwerk des Post-Towers fasste glänzende Momente des Sonnenlichts in dieser Lücke zusammen, die so schnörkellos von oben nach unten verlief wie der dahinter liegende Sendemast auf dem Venusberg. Eine Rheinromantik, die Dichter und Denker im 19. Jahrhundert inspiriert hatte, in einer neuen Verpackung. Auch Hochhäuser konnten verzaubern.

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