Wiedersehen mit Lüttich

Lüttich in einem Begriff zusammen fassen ? Das ist ungeheuer schwer, das sagten mir frühere Erfahrungen und frühere Tagestripps nach Lüttich. Von ihrer Faszination hatte die Stadt überhaupt nichts eingebüßt. Im Gegenteil: der Drang, sich zu verändern, war – wie in vielen anderen belgischen Städten – gemäßigter, dosierter und auch pointierter. Deutsche Städte haben ja gerne etwas zwanghaftes an sich, dass alles geregelt sein muss. Alles muss seine Ordnung haben, alles muss einem Ziel und einer Zweckbestimmung dienen. Allen voran: diese Zweckbestimmung verkörpert gerne das ökonomische Prinzip, so dass in den Innenstädten – aber auch auf dem Land – Pfade des Konsums angelegt werden, die anderweitige Blickwinkel auf die Stadt versperren.

Konsumenten in Belgien werden auch einkaufen, aber der Blick in die Innenstädte ist einiges offener – und zwangloser. Lüttich hatte ich stets geschätzt wegen seiner breiten Auswahl an Cafés, dass man sie so schräg belassen hat, was die Bausubstanz für die Innenräume hergibt. Daran hat sich nichts geändert, auch nicht an diesem Konglomerat von Stadt, an dem deutsche Stadtplaner graue Haare bekämen, was die Einhaltung von Bauvorschriften oder etwa den Brandschutz betrifft. Konsumtempel haben wenig Fuß fassen können in dem viereckigen Muster von Gassen und Gäßchen, das kleinteilige Strukturen von Läden und Geschäften beherbergt, die sich nur wenig aus der Vogelschauansicht von Merians „Topographia Germaniae“ aus dem Jahr 1647 haben befreien können. Vieles ist so geblieben, wie es war. Obschon sich am Rande des place St. Lambert Strukturen von Einkaufszentren etabliert haben, ist das Erscheinungsbild im Vergleich zu Fußgängerzonen in deutschen Städten grundverschieden. Was in deutschen Innenstädten nicht mehr wegzudenken ist, Warenhäuser, überdimensionierte Einkaufszentren, Billigketten, Auswahl an Modeläden ohne Ende, Cafés in Form von Selbstbedienungs-Bäckereien, Drogenjunkies an den Rändern der Innenstädte, das wird man in Lüttich kaum vorfinden.

Lüttich in einem Begriff zusammen fassen ? Mit seiner reichen Vergangenheit, mit seinen Baudenkmälern und all seinen Kirchen ist Lüttich zu groß, zu komplex, um die Stadt in ihrer Ganzheit überschauen zu können. Lüttich ist kleiner mit der Anzahl seiner Einwohner, doch das Konglomerat von Stadt erinnert etwas an Köln, das zu unübersichtlich ist, so dass nur Stück für Stück tiefere Einblicke ermöglicht werden. Lüttich hat keinen Dom, aber so viele wichtige und schöne Kirchenbauwerke, die sich, obschon sie in späteren Epochen erbaut worden sind, auf Augenhöhe mit den großen Kölner Kirchen bewegen.

Lüttich:

in der Friterie "la Frite" / Glasfassade (oben)

Kathedrale St. Paul / am Marktbrunnen (darunter)

Heiligenschrein St. Lambert / im Café "Delft" (darunter)

„Topographia Germaniae“ aus dem Jahr 1647 / Abfahrt am Bahnhof (unten)

Ein Erlebnis hatte ich mitgenommen, das in Lüttich unverwechselbar und in Deutschland unerreichbar ist. Das war ziemlich einfach und auch in einem Wort zusammenfassbar: Fritten. Wir Deutsche geben uns ja beste Mühe, den Geschmack original belgischer Fritten zu kopieren. Geschmeckt habe ich dies zuletzt zum Beispiel in der Mönchengladbacher Fußgängerzone. Die Fritten schmeckten gut, herzhaft, lecker. Aber an den Geschmack, wie ich die Fritten heute in Lüttich gegessen hatte, kamen sie nie und nimmer heran. Dabei war es in der Lütticher Innenstadt nicht so ganz einfach, eine Friterie zu finden. Ganze viele Läden mit Leckereien gibt es in Lüttich: gaufres (Waffeln), Chocolaterien; futés génioses, baisers in Bäckereien, Imbisse aus aller Herren Länder, für jeden Geschmack ist etwas dabei. An vielen Ecken der Stadt duftet es, der Geschmack all der Leckereien hängt in der Luft, aber Friterien: Fehlanzeige. Zufälligerweise passierte ich die rue de la cité, um vom Maasufer zur Kathedrale zurück zu gelangen. Das Schild „la frite“ an einer Durchreiche am Fenster ignorierte ich zunächst, weil ein Gemütlichkeit versprechendes Café direkt nebenan lag. Nachdem ich den Kaffee getrunken hatte, indem ich Café-Atmosphäre wahrhaft in mich aufgesogen hatte, signalisierte mir meine anschließende Inaugenscheinnahme, dass es sich den Ziegelsteinbau mit dem Schild „la frite“ wirklich um eine Friterie handelte.

Wie einfach: es war der Inhaber Laurent Halleux, den ich später auf dem Kassenzettel wieder fand, der seine Friterie ganz einfach „la frite“ genannt hatte. War es wirklich Laurent Halleux, der mit seiner Mitarbeiterin, beide Mitte bis Ende zwanzig, hinter der Klapptheke seine Kunden bediente ? Egal. Auf der Schaufensterscheibe stand ebenso ein Maurice, und beide übten die traditionelle Zubereitungsform der Fritten in Belgien aus, nämlich die Zubereitung in zwei Frittiervorgängen. Aus frischen Kartoffeln hergestellt und nach einem ersten Frittieren auf einem Abtropfblech liegend, wanderten die Fritten nunmehr ein zweites Mal in das Frittierfett, wenn Kunden wie ich sie orderten. Die goldgelb frittierten Stäbchen aus Kartoffeln bekam ich in einer rechteckigen Pappschale serviert, daneben die Mayonnaise – oft selbst gemacht in Belgien – diesmal in einer separaten Plastikschale. Der Biss in die erste Fritte offenbarte direkt den Unterschied: der Geschmack zerfloss im Mund, und wie konserviert, drang der wahre Geschmack nach Kartoffeln durch. Außen kross, sättigten die Fritten nach und nach, als ob ich ein vollwertiges Drei-Gänge-Menü verspeisen würde.

Der Rückweg zum Bahnhof, ein Fußweg von bestimmt zwanzig Minuten, war gefährlich. Zu vieles, was am Wegesrand lag, wartete auf die Entdeckung. So verweilte ich lange in der Kirche St. Denis, die ein Westwerk wie eine Festung besaß. Im Inneren bestaunte ich romanische Kapitelle, ein Gemälde des Heiligen Dionysius aus dem 16. Jahrhundert und einen Schnitzaltar, in den von oben bis unten reichhaltige Figuren geschnitzt waren, wie ich ihn vor mehreren Jahren in ähnlicher Form in einer Kirche in der Euskirchener Fußgängerzone gesehen hatte. Ich wandelte über Seitenstraßen, die in jedem Winkel Unbekanntes und Neues zeigten. Nur knapp erreichte ich den ICE in Richtung Köln, und das letzte Stück musste ich sogar rennen, um den Zug nicht zu verpassen.

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