Allerheiligen

Friedhöfe sind nicht mein Ding. Das Sterben wird aus unserem Bewusstsein ausgeklammert, der Tod ist tabu. Um Gräber und die hinterbliebenen menschlichen Seelen habe ich einen Bogen gemacht. Anders herum, habe ich eine Schwärmerei um berühmte Friedhöfe nie verstanden. Obschon wir mit unserem damaligen VHS-Kurs zweimal in Paris waren, haben wir um Père Lachaise in Paris einen großen Bogen gemacht. Für so manchen Touristen ist dieser prominente Friedhof eine Art von Muss, der bei der Paris-Tour nicht ausgelassen werden darf. Mich würde dies indes nie und nimmer reizen. Ich finde die Musik des bei Drogenexzessen verstorbenen Jim Morrison von den Doors geil, aber sein Grab würde ich ebenso wenig aufsuchen wie diejenigen anderer Größen wie Oscar Wilde, Frédéric Chopin oder Edith Piaf.

Ähnlich der Kölner Melatenfriedhof, wo Kölner Originale wie Willi Millowitsch oder Willi Ostermann begraben sind: die Ästhetik von Gräbern, Grabstätten und Bepflanzungen ist teilnahmslos an mir vorbei gegangen. Gräber als Gesamtkunstwerke von Klassizismus über Neorenaissance bis hin zum Neobarock sind mir entgangen. Anders gestalten sich die Verhältnisse an Allerheiligen, nicht nur, weil wir in diesem Jahr durch Sterbefälle persönlich betroffen sind. Beim Gang über den Friedhof in unserem Ort wird man pompöse Grabsteine vermissen, und der Tag des Gedenkens an die Toten birgt eine schweigende und besinnliche Stimmung in sich, zumindest in denjenigen Bundesländern mit einer mehrheitlich katholischen Glaubensrichtung, in denen Allerheiligen ein gesetzlicher Feiertag ist.

Ein Tag der Lichter – meine persönlichen Eindrücke lassen sich in all den brennenden Grabkerzen und Öllichtern zusammen fassen. Lichter reihen sich entlang einer Zeitreihe auf, einer Zeitreihe durch die dunkle Jahreszeit, wozu Allerheiligen den Wendepunkt markiert. Nachdem die Uhren zur Winterzeit umgestellt worden sind, ist die dunkle Jahreszeit aus ihren Startlöchern gekrochen. Die Lichter setzen sich fort bei den Martinsumzügen mit den Martinsfeuern. Lichterketten und Weihnachtsbeleuchtungen bestimmen danach die Weihnachtszeit.

Sorgsam haben wir unsere sechs weißen Grablichter entlang der Grabumrandung aufgestellt. Bei flauem Wind gelang das Anzünden der Kerzen mühelos. Die Flammen züngelten auf die durchsichtige Plexiglasabdeckung. Die Kränze hatten wir hoch gestellt. Unverwelkt, hatten die Blumenschalen ihr schönes Aussehen bewahrt. Wir hielten inne, nahmen Kontakt mit der Welt der Toten auf. Das Totenreich versammelte sich mit all seinen Lichtern auf dem Friedhof. Auf den Grabsteinen ließ ich all die Geburts- und Sterbedaten Revue passieren. Die Grabsteine, deren scharfkantige Umrisse sich in der Dunkelheit abhoben, waren voller klarer Eleganz. Allerheiligen, ein Tag voller Würde.

Vom Grab des Verstorbenen schritten wir weiter. Lebensschicksale hatten Namen auf den Grabsteinen hinterlassen, Namen, von denen mir viele bekannt vorkamen, aber nur ganz wenige bekam ich als Zugezogener mit Name und Person zugeordnet. Auf diese Art und Weise wurde der Friedhof zugleich anonym und persönlich: die Lichter auf den Gräbern verschwammen mit Biografien, die von der Stille und allen anwesenden Angehörigen und Freunden der Toten überdeckt wurde. Wir wandten uns dem Grab unseres früheren Nachbarn zu, der im Winter 1993/1994 in einem Alter von Mitte 70 verstorben war. Bei der Beerdigung hatte Schnee gelegen, und einige Wochen später sollte die Geburt dem Tod folgen: unser Sohn wurde geboren.

Carpe diem, das schloss ich aus den stetig vor sich her brennenden Lichtern. Pflücke den Tag. Oder auch: memento mori. Erinnere dich daran, dass das Leben vergänglich ist. Diese Essenzen habe ich von Allerheiligen mitgenommen.

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