der Kabarettist Jürgen Becker im Kölner Senftöpfchen-Theater

Volksbegehren – unter dieser Überschrift hatte ich mir etwas anderes vorgestellt als. Volksbegehren, das klang nach Politik, ich hatte spekuliert, dass vielleicht Volksentscheide damit gemeint sein könnten, Bürgerforen oder Bürgerbeteiligungen bei öffentlichen Vorhaben, oder neue Ansätze von direkter Demokratie erwartet, wie sie etwa in der Schweiz gehandhabt werden. Doch es war kein außergewöhnliches Thema, dazu ein Tabuthema: es ging um Sex und das Fortpflanzungsverhalten, und so kriegte Jürgen Becker es hin, dass er reichlich Stoff rund um Sex gesammelt hatte. Dabei stieg er in die thematischen Untiefen des Sex ein – geschichtlich so weit zurück, wie es ging: beim Beginn der Menschheitsgeschichte, als es den Menschen noch gar nicht gab. Jürgen Becker ließ keinen Zweifel daran, dass Sex ein dominantes Thema war, denn nach einer Studie dachten 60% der Männer täglich an Sex. Und in seiner pointenreichen Art fügte er hinzu, dass die übrigen 40% auf den Fußball entfielen. Er untersuchte das Paarungsverhalten von Blattläusen, deren Weibchen gar keinen Partner zur Vermehrung benötigten. So konnten Blattläuse im Jahr 80 Millionen Tiere als Nachwuchs zeugen, was der Bevölkerungszahl von Deutschland entsprach. Ein Kalender illustrierte, wie lange die Urgeschichte und Menschheitsgeschichte zurück lag, bis der Mensch auf der Bildscheibe erschien. Die Blattläuse mit ihrem Fortpflanzungsverhalten datierte er auf den Mai, den Tyrannosaurus Rex auf den Oktober, und den Homo Sapiens, dem ersten Menschen, schlussgenau auf den 31. Dezember. Der Bogen rund um Sex von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zur Gegenwart war naturgemäß nicht zu übertreffen. So holte Jürgen Becker ganz weit aus, indem er von seinem Laptop Fotos aus allen geschichtlichen Epochen auf der Leinwand zeigte. Viele Philosophen aus der griechischen Antike kramte er hervor, Pythagoras, Hippokrates, Platon, und er lästerte über die Xantippe, die dem Sokrates jegliche Lust am Sex genommen hätte. Ein römischer Soldat mit einem überlangen Geschlechtsteil wurde zum Gegenstand seines Humors. Er entwickelte eine Vorliebe für Malerei aus der Renaissance, für Rubens, der eine lustvolle Szene mit Samson aus dem Alten Testament gemalt hatte, und mehrere Portraits der Venus aus der flämischen Malerei. Auf Ganymed, der Zeus geliebt hatte, setzte er seine ausführlichen Darlegungen über die Homosexualität auf. Auf dem Fries eines indischen Tempels zeigte er Szenen, die eindeutig Geschlechtsverkehr darstellten.

So wie wir ihn kannten, war Jürgen Becker mit seinen Sprüngen aus längst vergangenen Zeiten in die Gegenwart genial, so ein Ausflug in die Sex-App-Tinder, der Vergleich mit bayrischen Politikern, wovon viele fremdgegangen oder geschieden waren, oder mit sexuellen Vorlieben des Orients, die er dann in Gummersbach lokalisierte. Und mit seiner schlagfertigen Art im Kölner Zungenschlag war er genauso genial. Einen Rekord hatte er ausfindig gemacht, dass in Russland eine Frau 69 Kinder gebar – wovon etliche Geburten Mehrfachgeburten waren. Er befasste sich mit Sex bei Tieren – Bienen brechen etwa den Penis ab oder Maulwürfe schmieren nach dem Geschlechtsakt das Geschlechtsteil der Frau mit einer klebrigen Masse zu. Jürgen Becker ließ es sich nicht nehmen, an manchen Stellen politisch zu werden. Er teilte Seitenhiebe an die AfD aus, er stellte fest, dass unser deutsches Staatsbürgerrecht um einiges strenger ist als etwa in den USA, Frankreich oder in den Niederlanden. Die Niederländer kamen bei ihm nochmals vor, und zwar im Zusammenhang mit Klimaflüchtlingen. Mit steigenden Meeresspiegeln und Inseln im Pazifik, die im Meer versinken, wird es zu einer zunehmenden Anzahl von Klimaflüchtlingen kommen, die aus diesem Grunde Asyl beantragen werden. Wird es dazu kommen, dass die Niederländer, die genauso von steigenden Meeresspiegeln bedroht sind, irgend wann bei uns Asyl beantragen werden ? Intellektuell wurde Jürgen Becker, als der den Bogen von Philipp Blom, einem deutschen Historiker, zu den politischen Strömungen unserer Zeit spannte. Aus seinem Buch „Was auf dem Spiel steht“, das ich selbst ebenso gelesen hatte, arbeitete er den liberalen Traum und den autoritären Traum heraus. Das waren Bewegungen in der Geschichte, die als liberaler Traum im Form von Demokratie, Marktwirtschaft, Pluralismus, Meinungsfreiheit aus unserer Gegenwart wegzudenken sind. Es gibt aber auch die Gegenbewegung, den autoritären Traum, welcher die Sehnsucht nach Stärke verkörpert. Die Menschen beginnen wieder, einem Führer hinterher zu rennen, sie erkennen die positiven Seiten eines Erdogan, Putin oder Donald Trump. Diese Strömung des autoritären Traums findet sich genauso hierzulande – nicht nur in Form der AfD. Unser Modell der Demokratie zersetzt sich, und die Menschen müssen Widerstand gegen den autoritären Traum zeigen. Am Ende des Programms von Jürgen Becker hatten wir sehr viel gelacht, und wir waren um einiges schlauer geworden. Ganz zum Schluss war es so, wie wir Jürgen Becker vor fast zehn Jahren erlebt hatten. Er spendierte eine Runde Kölsch für alle. Kellner bedienten in runden Kölsch-Kränzen die Gäste, auch Jürgen Becker ließ es sich nicht nehmen, mitten im Publikum seine Zuhörer zu beköstigen. Ein großartiger Abend, und das Kölsch ließen wir uns schmecken.

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