Legoland, Günzburg, Heimatgefühl

Die Suche nach der Heimat, zu Hause, einem festen Bezugspunkt, der Rückzug auf die eigenen vier Wände, läuft in meiner Psyche nicht ganz reibungslos ab. Nachdem ich mich längst vom Heimatort meiner Kindheit entfernt habe, nachdem die Kristallisationspunkte im Leben sich verlagert haben, nachdem naturgemäß die Familie, die Kinder und deren Wohl feste Bezugspunkte gesetzt haben, fällt mir dennoch eine Verortung schwer. Das liegt vor allem am Erscheinungsbild unseres Wohnortes, der als Schlafstadt zwischen Köln und Bonn oftmals seine platte und einfallslose Seite herauskehrt. Eine identitätslose Verschiebemasse, dessen Gebäudearchitektur sich schwer tut, persönliche Merkmale auszustrahlen. Monotone Reihenhausreihen dominieren, und was Alter und Stil trägt, wird abgerissen.

Legoland:

Kirche Maria Vesperbild bei Günzburg (oben links), Rathaus Augsburg (oben rechts), Schloss Neuschwanstein (unten links),

Marktplatz Günzburg (unten rechts)

Der Arbeitsplatz in Bonn, die Großstadt Köln in der Nähe, hat mich schon immer der Drang heraus aus dieser Schlafstadt geprägt. Dazu kamen Urlaube in Gegenden, die ganz andere Dimensionen von Schönheit, Eleganz und Ursprünglichkeit offenbarten: Bodensee, Mosel, Pfalz, aber auch Tagesausflüge in die Nachbarländer Belgien und Niederlande. Doch all diese Urlaube und Tagesausflüge hat die Regelmäßigkeit überragt, mit der wir das Legoland besucht haben. Nach der Eröffnung des Legolands im oberschwäbischen Günzburg im Jahr 2002 sind wir zum Dauergast geworden. Nachdem wir 2003 erstmals das Legoland besuchten, haben wir uns – mit Ausnahme des Jahres 2008 – mindestens einmal pro Jahr und mindestens für ein Wochenende von den Steinen, die die Welt bedeuten, verzaubern lassen. Die Ruhelosigkeit und Rastlosigkeit, in schöneren und hübscheren Gegenden zu verweilen, hatte sich fortan das neue Leitbild des Legolandes hinzugefügt. Zu den Wunschbildern wie Bodensee, Mosel, Pfalz, Belgien, Niederlande kam nun die Hügellandschaft Oberschwabens hinzu.

Als Mensch, den die Neugierde antreibt, liegen die schönsten Flecken stets anderswo. Hektik und Stress zu Hause hilflos ausgeliefert, finde ich Ruhe und Entspannung in diesem Anderswo. Neue Gegenden inspirieren, neue Horizonte spannen sich auf, das Denken begibt sich abseits der ausgetretenen Pfade, die Fesseln des Alltags eisen sich los. Die Dinge erscheinen klarer, die Hügellandschaft Oberschwabens sticht hervor. Die Ferien- und Familienregion Günzburg stellt sich auf, die Landkarte des Landkreises ist gespickt mit Sehenswürdigkeiten. Wald und Wiesen wechseln sich ab, urige Dörfer scharen sich in Tälern und auf den Hügeln. Zwiebelförmige Kirchtürme ragen heraus, von denen manche wahre Schatzkammern des Barock sein dürften.

So haben wir die Familien- und Ferienregion Günzburg wahrgenommen, eingerahmt von den größeren Städten Ulm und Augsburg. In den ersten beiden Jahren hatte uns Ulm mit seiner fulminanten Münsterkirche imponiert, aber auch Günzburg mit seinem geselligen Marktplatz und seinen kleinräumigen Altstadtgassen, die uns Jahr für Jahr verzaubert haben. Anfangs waren wir bei Ichenhausen, einer fein sortierten Kleinstadt, in einer Ferienwohnung untergekommen, später in einer anderen Ferienwohnung der Schwiegertochter in Leinheim, einem Vorort von Günzburg.

Der Plan, in der Familien- und Ferienregion Günzburg ein neues Gefühl von Heimat zu verorten, ist nie aufgegangen. Wir fokussieren uns auf die drei, vier, maximal fünf Tage Legoland und kosten dies dementsprechend aus. Unser gemeinsames Familienerlebnis verläuft so optimal, und das ist auch richtig so.

Anfangs, in den ersten Jahren, hatte ich noch davon geträumt, dort mit dem Rennrad meine Touren drehen zu können. Zwischen Ulm und Augsburg liegen geschichtsträchtige Orte, so das Lechfeld, wo im Jahr 955 Otto I. die entscheidende Schlacht gegen die Hunnen schlug. Danach herrschte die Dynastie der Ottonen für rund ein Jahrhundert über ganz Europa. Während das Lechfeld ein Traum blieb, haben wir es in einem Jahr nach Neuschwanstein geschafft, mit unserer kleinen Tochter im Kinderwagen, die erst zum Ende der Führung aufwachte. Augsburg war eine persönliche Enttäuschung, weil wir es gerade in das Museum der Puppenkiste geschafft hatten, in einer Erwartungshaltung, einen möglichst großen Anteil der verbleibenden Tages im Legoland verbringen zu wollen. Es wurde nichts daraus, das historische Rathaus aus dem Jahr 1624 zu Gesicht zu bekommen, den um 1400 erbauten Dom oder die Fuggersiedlung. Ebenso war München ein reines Hirngespinst, das uns als Idee vorschwebte, die wir nie realisierten.

Leinheim:

Kirche St. Blasius (oben links), Zehntscheune (oben rechts), Sonnenuntergang (unten links),

Blumen zum Selberschneiden (unten rechts)

So bleibt uns der Mythos des Legolandes, eine Art von Ritual, das wir Jahr für Jahr wiederholen. Und all die schönen, idyllischen Orte, die in all ihrer Harmonie ein Wohlfühl-Gefühl erzeugen. So habe ich in diesem Jahr die kleinen Abstecher und Momentaufnahmen von Leinheim gemacht. Gerne verliebe ich mich in die Details, die den Ort so ursprünglich und bodenständig aussehen lassen, wie man es in der Peripherie zwischen Bonn und Köln nicht kennt. Man spürt die Mühe der Anwohner, ihr eigenes Umfeld aufzuhübschen und schön zu gestalten. Alte Höfe werden nicht abgerissen, sondern ihre Bausubstanz in einer geänderten Funktion erhalten. Die St. Blasius-Straße passt sich in ihrem geschwungenen Verlauf der historischen Bebauung an. Überragt wird der Ort von der St. Blasius-Kirche, dessen altes Gemäuer den Ursprung aus dem 16. Jahrhundert andeutet. Mehrere Jahrhunderte lang musste der Anteil von einem Zehnten an die Kirche abgegeben werden, das belegt nicht nur die Straßenbezeichnung „Am Zehntfeld“, sondern auch das große Scheunengebäude neben dem Schützenhaus, das einst diese Funktion wahrgenommen hatte. Von dieser Anhöhe aus, wo die Kirche hinauf ragt, beeindruckt der Sonnenuntergang zwischen den Häusern. Einmal habe ich Leinheim umkurvt, um den Sonnenuntergang aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, vom Waldrand aus, an der Landstraße in Richtung Burgau, an der Einmündung in den Ort.

Wunderschön. Das Heimatgefühl neu zu definieren, ist ein ständiger Prozess.

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