Tagebuch Juni 2018

1. Juni 2018

Nachdem diese Gewitterwolke es am Vorabend bei einigen schlappen Regentropfen belassen hatte, ging es in den frühen Morgenstunden so richtig los. Formen und Konturen einer Gewitterwolke ließen sich am Vorabend schön studieren: quer über unsere Straße war die die amboßartige Form der Wolke in die Höhe geschossen, dessen Ränder weiß ausgefasert waren und sich scharf von dem stahlblauen Himmel abhoben. Kontinuierlich purzelten Donnerstöße heraus, und die Zelle des Gewitters färbte sich am Ende des Horizonts bedrohlich. Später tröpfelte es ein wenig, doch zum Ende der Nacht wurde es dann Ernst. Der Schlaf war so unruhig, als hätte er Blitz und Donner erahnt. Es war gegen halb 5 Uhr, als das Gewitter mit einem Mal los polterte, und die Wassermassen, die zuletzt so sehr fehlten, schütteten unaufhörlich in unseren Garten. Obst und Gemüse bedankten sich für all die Nässe von oben, doch im Umfeld von Unwettern, möglichen Überschwemmungen oder gar Tornados galt es, wachsam zu sein. Gegen 20 nach sechs, als ich zum Bus ging, sah es nach einer Entwarnung aus: all die Wassermassen hörten auf sich zu ergießen. Feuerwehren waren keine zu hören, nirgendwo war die Hauptstraße überschwemmt oder Bäume waren umgestürzt. Ein ganz normaler Arbeitstag konnte beginnen.

2. Juni 2018

Diese Sträucher, die vor unserem Zaun wuchern, haben es in sich. Sie bergen nicht nur Konfliktpotenziale, was das Zurechtschneiden auf unserem Grundstück betrifft, sondern auch den Stress unserer Nachbarn, die zuletzt, im Februar, stolze Eltern einer zu früh geborenen Tochter geworden sind. Es war die zweite Frühgeburt, muss man genauer formulieren, denn ihre ältere Tochter, jetzt drei Jahre alt, war ebenso zu früh geboren. Der Stress läßt sich nicht vermeiden, denn dem noch kleinen lebendigen Wesen gelingt es, so ausgiebig zu schreien, dass man es als Schreikind bezeichnen könnte. Die Ursachen mögen sehr vielfältig sein und mögen mehr umfassen als Hungergefühle, Stuhlgang oder Blähungen. Dabei zeigt der kleine Wurm eine solche Ausdauer, dass das Schreien gerne eine Stunde andauert. Wenn alle mit dem Vater beisammen sind oder wenn Besuch anwesend ist, bekommen wir durch die zugewachsenen Sträucher hindurch mit, wie sich alle mit dem Nachwuchs beschäftigen. Alle sind zufrieden und es geht vollkommen harmonisch zu, ohne dass längere Exzesse des Schreiens entstehen. Aber wehe, die Mutter ist alleine mit ihrem gerade drei Monate alten Schreikind: dann schwenkt die Mama auf Augenhöhe hinüber zu ihrer Kleinsten. Die Mama schreit zurück, sie schreit ihr eigenes Kind an „Hör auf !!!“ Vollkommen hysterisch versucht sie, die Lautstärke ihres Kindes zu übertönen, der Pegel an Dezibel schwellt in ihrem Garten an. Hilflos hallt dieser Ausruf nicht nur durch die Sträuche an unserem Nachbarzaun hindurch, sondern ihre Hör-Auf-Schreie beschallen die gesamte Nachbarschaft.

3. Juni 2018

Um solch einen Job zu machen, bedurfte es Ausdauer und eines Spaßfaktors. Sommerlich in roter kurzer Hose gekleidet und als Kopfbedeckung eine Kippa tragend, bespaßte ein Mann im besten Alter Kinder, indem er ein Gebilde von Schnürstücken in eine Seifenlösung eintauchte. Die Hände des Kindes in die Richtung des Windes führend, gelang es ihnen im Team, Riesenseifenblasen zu produzieren, die sich auf unvorstellbare Größenordnungen aufblähten, bis sie spät in sich zusammen platzten. Die Prozedur, die sich in ähnlichen Formen sehr häufig wiederholte, konnten wir, das waren unsere kleine Tochter und ich, ausgiebig beobachten. Mitten in der Troisdorfer Fußgängerzone hatten wir es uns in einer Eisdiele gemütlich gemacht bei einem Spaghettieis und einem Kiwi-Becher. hatten es uns gemütlich gemacht. Es war Stadtfest, einmal waren wir die Kölner Straße herauf- und ein Stück wieder herunter gegangen bis zu dieser Eisdiele. Zufälligerweise war ein Einzeltisch an dieser Gelateria frei geworden, während die restlichen Tische und Stühle allesamt belegt waren. Die Gelateria lag an einem Platz, der charakteristisch war für Troisdorf, der Stadt, die aus dem Zustand eines Halbfertigproduktes nie heraus kam, weil ständig irgendwo gebaut wurde. Und genau dieser Platz, wo sich der Mann im besten Alter redlich mit den Kindern und den Riesenseifenblasen bemühte, war von dem halbfertigen Zustand der Stadt umgeben. Ein Bauzaun schirmte den weiteren Zugang über den Platz ab, die Besucher des Stadtfestes mussten sich durch eine schmale Lücke am Rande des Platzes vorbei quetschen. Weiße Baucontainer, die einer Firma Druckluft Mebus GmbH gehörten, ragten aus der abgesperrten Baustelle heraus. Paletten stapelten sich auf den Baucontainern in die Höhe. All dies schränkte den Spaßfaktor nicht ein. Die Kinder hatten ihren Spaß, begeisterten sich für die Riesenseifenblasen, von denen einige sogar ein Stück in die Baustelle hinein geweht wurden.

4. Juni 2018

Noch Anfang 2015, als das Möbelhaus Hausmann auf seinem alten Gelände in unserem Ort abgerissen wurde, sah der Bürgermeister Stephan Vehreschild die Dinge in einem Interview mit dem General-Anzeiger optimistisch. Die Stadt entwickele sich, es tue sich an vielen Stellen der Stadt etwas, darunter wurde das Möbelhaus Hausmann abgerissen, und es sei ihm wichtig, dass die Menschen sich wohl fühlen sollten. Dies bekräftigte er in dem Interview mit dem General-Anzeiger. In der Tat: das alte Gelände von Möbel Hausmann hat der Immobilienkonzern NCC aus Schweden grundlegend umgekrempelt, indem er 24 Reihenhäuser und 27 Wohnungen an dieser Stelle neu gebaut hat. Nicht anders als unser Bürgermeister äußert sich der schwedische Immobilienkonzern NCC – und seine deutsche Tochter Bonava - zum Wohlgefühl auf seiner Homepage: „Bevor wir die Schaufel in die Hand nehmen, stellen wir uns immer die Frage: Wie können wir hieraus ein Wohnumfeld zum Wohlfühlen schaffen ?“ Betrachtet man, wie eng sich die 27 Wohneinheiten und 24 Reihenhäuser zusammen quetschen, wie seelenlos die Formen sind und wie einfallslos in einem Kopiervorgang die Behausungen aneinander gereiht worden sind, dann fragt man sich, was schief gelaufen ist bei so viel geballtem Willen, dass die Menschen sich wohl fühlen sollen. Wahrscheinlich werden weder der Bürgermeister, noch die Manager des Immobilienkonzerns NCC dort wohnen wollen. In einer Welt, in der die Gestaltungshoheit von Wohnen und Wohnumfeld an die unsichtbare Hand des Marktes übergeben worden sind.

5. Juni 2018

In diesen Tagen, die Fußball-Weltmeisterschaft ist nicht mehr weit, sieht es so aus, als müssten sich viele Dinge des Alltags an dem runden Leder und den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold ausrichten. Insbesondere die Außenwerbung dreht manches zwanghaft in diese Richtung. Irgendwie muss eine Verbindung zum Fußball geknüpft werden. Vorbei sind die Zeiten, als die Deutschlandflagge das deutsche Volk als Symbol deutscher Kultur und deutschen Geistes in Europa verorten konnte. Die Nationalfarben zerbröseln, die Signalfarben von Schwarz, Rot und Gold lösen sich auf in dem Wiedererkennungswert von Verpackungen. Sie trichtern dem Betrachter ein: wer gerne raucht, muss gleichzeitig ein Fan unseres WM-Teams sein. Der Raucher, der sich mit dem qualmenden Glimmstängel in der Hand gerne entspannt, tut dies am liebsten vor dem Fernseher, wenn gerade Jogis Jungen spielen. Fußball als Werbekampagne, die den Verbraucher als unsichtbare Hand lenkt.

6. Juni 2018

Ein Stück Idyll, das sich seine abgemessenen Formen und Proportionen bewahrt hat. Vom umherrauschenden Verkehr ahnt der Betrachter nichts, die nahe Autobahnauffahrt kann ausgeblendet werden. Gerade einige hundert Meter hat sich die Autobahn weggeschlichen, und die Fahrgeräusche des Autoverkehrs läßt der spärliche Wind nicht zerwehen. Roter Klatschmohn mischt die Kulisse farbenträchtig auf. Im Licht der Morgensonne ist das Getreidefeld wie mit dem Lineal gezeichnet, verziert mit den roten Punkten des Klatschmohns. Über der klaren Geometrie schwebt der Dunst im Hintergrund, Baumreihen, zwischen denen die Landstraße von der Autobahn nach Bonn-Beuel unsichtbar daher schwebt. Ein Dunst, dem der ferne Kirchturm von St. Adelheidis in Vilich Festigkeit verleiht. So klar wie die Struktur, reifen die Ähren auf dem Getreidefeld vor sich hin.

7. Juni 2018

Gelegentlich verschlägt es mich in unsere Call-Center, davon hat eines in der Sternengasse in Köln eine wunderbare Lage. Den Blaubach querend, fällt man direkt in die Hohe Straße, das Warenangebot der Geschäfte in der City ist zum Greifen nah. Das Gebäude liegt so zentral, dass man es von allen Seiten gut erreichen kann – zu Fuß über die Hohe Straße, mit der Straßenbahn von Neumarkt oder Heumarkt aus, mit dem Fahrrad bin ich vom Schokoladenmuseum aus über unglaublich ruhige Seitenstraßen geradelt. Eine Oase in der City – so auch im Inneren der Büroräume. Der Lärmpegel des Autoverkehrs ist mäßig und erträglich, und der Ausblick durch die Fenster besticht. Dort zu arbeiten, muss für die Mitarbeiter ein Traum sein. Mit dem Blick auf den Dom könnte der Ausblick kaum schöner sein.

8. Juni 2018

Ein greller Schrei, den ich vorläufig nicht lokalisieren konnte, ein Schrei, der am frühen Morgen etwas Schreckliches signalisierte. Der Schrei kam aus dem Zimmer unseres Mädchen, die nicht einmal angezogen war, geschweige denn, in der Schule. Die Szene, die meine Frau beobachtet hatte, hatte in der Tat Angst und Schrecken eingeflößt. Ein Miauen drang durch das Fenster des Kinderzimmers, denn unser Kater Rambo war aus dem offenen Fenster gesprungen, und vorübergehend hing er an der Dachrinne fest, bis er die etwas mehr als zehn Meter hinunter sprang auf die Holzdielen unserer Terrasse. Augenblicklich begaben wir uns in den Garten, wo er weglief und sich unter der Nachbarshecke zusammen kroch und versteckte. Eine Weile dauerte es, bis wir den Herabgestürzten zu fassen bekamen. Nachdem die Tierärztin im Laufe des Tages eine leichte Verletzung der Zunge und Schürfwunden am Kiefer diagnostizierte, hatte sich unser Kater Rambo, als ich vom Büro zurückkehrte, von dem Schrecken wieder einigermaßen erholt. Wie gewohnt, tappste er mit vorsichtigem Gang durch unser Haus, legte sich faul in seine Kuschelecken und inspizierte zögernd unseren Garten. Wie er das hingekriegt hatte, einen solchen Sturz unbeschadet zu überstehen, grenzte an ein Wunder. Ein Mensch hätte aus einer solchen Fallhöhe bestimmt schwerste Verletzungen davon getragen. In Google habe ich nachgelesen, dass es einen sogenannten Umdrehreflex bei Katzen gibt. Sie schaffen es, sich in der Luft so zu drehen, dass die Füße nach unten zeigen. Wenn sich der vordere Teil der Katze nach links dreht, dreht sich der hintere zum Ausgleich nach rechts. Es ist ein ziemlich kompliziertes Manöver, bei dem auch der Schwanz eine wichtige Rolle spielt. Der Prozess dauert nur Bruchteile von Sekunden, und nach weniger als einem Meter Fallstrecke hat sich die Katze komplett gedreht. Im Hochgeschwindigkeitstempo auf den Erdboden treffend, federn die Pfoten den Sturz ab, außerdem ist das Skelett elastisch und nicht so starr wie beim Menschen. Glück gehabt. Abends lümmelte sich Rambo in unserem Wohnzimmer herum. Wir konnten aufatmen. Trotz der besseren Anatomie von Katzen im Vergleich zum Menschen hätte es auch anders kommen können.

9. Juni 2018

Um diesen Job sind die beiden hübschen Damen auf der Kölner Schildergasse bestimmt nicht zu beneiden. Misst man ihren Erfolg daran, wie viele neue Kunden sie für Unity Media dazu gewonnen haben, dann werden sie am Ende des Tages nicht allzu gut da stehen. In ihrem sportlichen Einheitsoutfit von Unity Media, weiße Adidas-Turnschuhen mit den berühmten drei Streifen, schwarze Hose, grüne Trainingsjacke und dem violetten Luftballon, auf den sich ein Fußball hinein gemogelt hat, werden sie all ihren Charme darauf verwenden, aus der Laufkundschaft diejenigen Kunden heraus zu fischen, die ihre Unterschrift unter ein Papier setzen wollen, welches neue, zukunftsträchtige Verbindungen mit Unity Media knüpfen soll. Betrachtet man den Vorgang der Kundeansprache näher, so wendet sich die Laufkundschaft eher ab. Zum einen ist es das regnerische Wetter, das vom Bummeln durch die Fußgängerzone abhält. Und dann machen Passanten eher einen großen Bogen um Unity Media und wollen nicht wirklich etwas von der zukunftsträchtigen, lang andauernden Geschäftsbeziehung mit dem Telekommunikationskonzern wissen. Und wenn es den beiden hübschen Damen trotzdem gelingt, Kunden anzusprechen, dann dürfte dies keine anregende Unterhaltung auf dem hohen Niveau sein, miteinander über alles und jedes zu plaudern und sich gegenseitig wertzuschätzen. Es ist eher das zwanghafte Niveau einer Unterhaltung, die gelenkt ist, weil Gesprächselemente des Verkaufs enthalten sein müssen. Neukunde ja oder nein, diese existenzielle Frage schwebt unter den beiden Regenschirmen, womit die beiden hübschen Damen die Stellung halten. Eine ganze Menge Frustrationstoleranz werden sie benötigen, an ihren Verkaufszahlen gemessen zu werden, wenn an einem solch verregneten Tag wie heute nicht wirklich ein Kundenklientel in Sicht ist, welches so richtig heiß darauf ist, nach Unity Media zu wechseln.

10. Juni 2018

Wir dachten, wir hätten unserer Tochter eine Freude bereiten können, wenn wir zum Heißballon-Festival in die Bonner Rheinaue gefahren wären. Sie verneinte überraschend, während wir uns auf einen gemeinsamen, erlebnisreichen Nachmittag gefreut hatten. Daraufhin boten wir Alternativen an, die Auto-Oldtimer-Veranstaltung in unserer Stadt, ein Bummel durch Ahrweiler, Botanischer Garten, Wahner Heide, doch anscheinend war ich mit meinen Vorschlägen viel zu kulturell und bildungsorientiert unterwegs. Wir bekamen keinen Zugang, durchgängig lehnte sie alles ab. Ihr war nach Gesellschaftsspielen zumute. Wieso nicht ? Wir spielten Mensch-Ärgere-Dich-nicht, und dieses Spiel hielt sogleich jede Menge Ärger bereit. Das erste Spiel verlief gegen jede gängige Statistik. Die Wahrscheinlichkeit einer Sechs beim Würfel betrug nach dem statistischen Gesetz 1:6. Doch diese Sechs umkurvte mein Würfel so sehr wie die krummen Bahnen, die er auf unserem Wohnzimmertisch zog. Die Sechs weigerte sich stringent zu kommen, bis unsere Tochter mir eine aus ihrer reichen Sammlung all ihrer gewürfelten Sechsen anbot. Der nächste Ärger war vorprogrammiert, da dies naturgemäß dies nicht lange gut ging. Rasch wurde ich hinaus gewürfelt, und erneut musste ich schmachten, bis mir endlich meine erste, aus eigener Kraft gewürfelte Sechs gelang. Hoffnungslos landete ich beim ersten Spiel am Schluss, während es die Tochter in unserer Vierergruppe einiges besser machte. Sie hatte an diesem Nachmittag ihren Spass, gerade weil wir unseren Ausflug zum Heißluftballon-Festival abgeblasen hatten.

11. Juni 2018

Willy Millowitsch oder Trude Herr, Konrad Adenauer oder Kardinal Frings, Willy Ostermann oder Heinrich Böll: Köln ist reich an Persönlichkeiten, die die Stadt geprägt haben und unvergessen bleiben. Es haben aber nicht nur Persönlichkeiten der Gegenwart, sondern aller Zeitepochen die Stadt Köln geprägt. So habe ich eine Persönlichkeit des Mittelalters, der die Stadt Köln seine Universität zu verdanken hat, zuletzt in Form seines Sarkophages bestaunen können. Dieser Sarkophag in der Krypta der romanischen Kirche St. Andreas, nicht unweit vom Dom entfernt, beherbergt den Leichnam von Albertus Magnus, einer der bedeutendsten Denker und Philosophen im 13. Jahrhundert. Als Pilgerstadt war Köln zu dieser Zeit mächtig und reich geworden, nachdem Kaiser Friedrich Barbarossa 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Könige aus Mailand überlassen hatte. 1248 legte Köln den Grundstein für den Dom in den heutigen Dimensionen, 1259 mussten mit dem Stapelrecht alle Schiffslieferungen auf dem Rhein zum Kauf angeboten werden. Albertus Magnus, 1200 in Lauingen an der Donau geboren, studierte ab 1223 an der Universität von Padua die Freien Künste. Er trat in den Dominikanerorden ein und vertiefte seine Studien als Novize in Köln, in Freiburg und an der Sorbonne in Paris. Genau mit dem Gründungsjahr des Domes, 1248, kehrte Albertus Magnus nach Köln zurück und baute ein Generalstudium der Dominikaner auf – daraus entwickelte sich die Universität Köln. Als einer der großen Denker des Mittelalters hat er die Lehren der Theologie mit der Philosophie des Aristoteles aus der griechischen Antike verbunden. Mit mehr als siebzig Werken war er ungeheuer produktiv, er kommentierte die Schriften des Aristoteles, reflektierte diese aus der Sichtweise von Symbolen, Wundern und Göttlichem in der Theologie. Auf seinen Spezialgebieten der Astronomie und Astrologie reicherte er neues Wissen an. Er analysierte Substanzen, trennte sie, vermischte sie miteinander. Mit seinen Versuchen mit Chemikalien war er einer der ersten Denker des Mittelalters, der die neue Wissenschaft der Chemie ins Leben gerufen hat – ohne dass es ihm dabei gelang, Gold herzustellen. In welche Relationen er die Denkansätze des Aristoteles zu denjenigen der Theologie stellte, musste er sich allerdings gründlich überlegen. Andere Philosophen des Mittelalters, die die aristotelische Metaphysik über die göttliche Offenbarung stellten, oder Erkenntnisse aus der Naturforschung über christlichen Glauben, drohten als Ketzer verfolgt zu werden. 1280 starb Albertus Magnus hochbetagt in Köln.

12. Juni 2018

Ehrlich gesagt, kriege ich den Dissens nicht ganz auf die Reihe. Einen Dissens, den die Handvoll Protestierenden vor dem Global Media Forum der Deutschen Welle anprangert, welches im ehemaligen Deutschen Bundestag statt findet. Auf diesem Global Media Forum will die Deutsche Welle dem iranischen Politologen Sadegh Zibakalam den sogenannten Freedom-of-Speech-Preis verleihen, weil er die Regierung im Iran kritisiert, demokratische Strukturen und eine freie Meinungsäußerung einfordert. Zibakalam soll die Massen angestachelt haben, auf die Straße zu gehen, um gegen die Wirtschaftspolitik und das gesamte politische Establishment zu demonstrieren. Nachdem er in einem Interview mit der Deutschen Welle zuletzt demokratische Reformen forderte, droht ihm nun im Iran eine Gefängnisstrafe. So weit, so gut eine nachvollziehbare Preisverleihung. Der heute 70-jährige widerspricht sich allerdings selbst, dass er sich gleichzeitig regierungstreu und loyal verhalten will. So äußerte er sich vor ein paar Wochen auf dem Web-Portal Iranwire: „Mit Leib und Seele werde ich die Existenz des Regimes im Iran verteidigen. Ich gehe sogar einen Schritt weiter und sage, wenn dieses Regime bedroht wird, gestürzt zu werden, und wenn ich Regime sage, meine ich das islamische Parlament, den obersten religiösen Führer (Ali Khamenei), den Wächterrat, die Zeitung Keyhan und so weiter, wenn also dieses Regime in Konflikt geraten sollte oder bedroht wird, gestürzt zu werden, sei es durch die Revolution von Menschen im Iran oder durch Angriffe der USA oder Israel – tut mir leid für euch und alle Menschen im Iran, ich werde mit Leib und Seele dieses Regime verteidigen. Ich hasse Waffen und Munition, aber wenn es nötig ist, werde ich mich bewaffnen und diese Regime so verteidigen, dass es nicht gestürzt wird.“ Genau dies bringt die Demonstranten auf die Barrikaden, da sie ihn auf Augenhöhe mit der fundamentalisitschen Variante des Islams sehen. Außerdem soll Zibakalam ein Jahr nach der Revolution Zibakalam nicht als Tourist nach Kurdistan gereist sein, sondern Teil einer Truppe von Khomeinis Pasdaran gewesen sein – die verantwortlich waren für die Ermordung zahlreicher Kurden nach der Revolution. Daher verlangen die Protestierenden, ihm den Preis nicht auszuhändigen. Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt dargestellt worden, äußert sich Zibakalam. Er habe lediglich gemeint, dass die gegenwärtige Lage im Iran und in der Region zum Zusammenbruch unseres Landes und unserer Heimat führen könnte. Wie dem auch sei, die Anzahl der Demonstranten war nicht riesig, dennoch waren sie mit der Lautstärke ihres Mikrophones nicht zu überhören. Und sie zogen die Neugierde der Passanten an.

13. Juni 2018

Dass wir uns an dieser Stelle des alten Rheinarms der Groov auf einstigem Hafengebiet befinden, läßt sich nur ganz blass erahnen. Es waren Trickserei und Schummelei, Machtkämpfe zwischen Kölnern und Düsseldorfern und die Lage am Rhein, die den Stadtteil von Zündorf am Stadtrand von Köln zu Reichtum und Blüte verhalfen. Reichtum und Blüte, davon zeugen die vielen schönen Fachwerkhäuser am Markt, der sich hinwendet zum alten Rheinarm der Groov, wo einst Hafengebiet war. Reichtum und Blüte kamen den Herzögen von Berg zugute, die Düsseldorf zu ihrer Hauptstadt auserkoren hatten und auf Schloß Burg an der Wupper residierten. Anfang des 13. Jahrhunderts hatten sie Zündorf als eine Stadt gegründet, die von Köln aus gesehen rheinaufwärts liegt. Zuvor war 1259 den Kölnern das Stapelrecht verliehen worden, so dass alle Waren in Köln ausgeladen werden mussten und zum Verkauf angeboten werden mussten. Genau dieses Stapelrecht wollten die Grafen von Berg elegant umgehen, damit die auf dem Rhein transportierten Waren auch in Düsseldorf ankommen sollten. Dazu bauten sie einen Hafen, an dieser Stelle in der Groov, wo die Schiffe ihre Ware ausluden. Auf dem Landweg transportierten Pferdefuhrwerke dann die Waren bis nach Mülheim, welches ebenso den Grafen von Berg gehörte. Vom dortigen Hafen aus gingen die Waren dann auf ihren Schiffen nach Düsseldorf. Kölner und Düsseldorfer – es sind Geschichten von einer rheinischen Zwietracht, die bis heute anhält.

14. Juni 2018

Im näheren Umkreis um unsere Stadt dürfte jederfrau und jedermann dieses Haus kennen. Eine Miniaturlandschaft mit einer Windmühle vor dem Mehrfamilienhaus, und der Zaun zum benachbarten Autohaus wird dazu genutzt, Hinweistafeln zu befestigen und wichtige Ereignisse anzukündigen. Das können lokale Veranstaltungen sein, Kirmes, Feuerwehrfest, Kunstausstellung, aber auch weltumspannende Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft. An diesem Tag ist es dann soweit. Ziemlich genau einen Monat wird sich alles um den Fußball drehen. Der Lauf des Tages wird dann bestimmt von dem runden Leder, von Mannschaften aus aller Welt, von Anstoßzeiten, von Siegen und Niederlagen. Schaffen Jogis Jungs den herbei gesehnten fünften Stern ? Fußball-Fans und die Mannschaften sind heiß auf die WM, und an diesem Tag um 17 Uhr wird der Pfiff aus einer Pfeife ein Großereignis starten, auf das die ganze Welt gewartet hat. Russland und Saudi-Arabien werden den Ball ins Rollen bringen.

15. Juni 2018

Markt-Café, so hieß das Café mit Außengastronomie am Marktplatz in Linz, wo ich auf meiner Rennradtour eine Pause einlegte. Ein Kristallweizenbier sollte meine Kräfte, die mir all die Anstiege durch das Siebengebirge geraubt hatten, wieder auffrischen. Hier konnte man es gut aushalten. Einen Platz am Rande, halb im Schatten, halb in der Sonne, hatte ich erwischt, und die Temperatur war genau richtig, denn die Sonne brannte kaum, während eine leichte Brise erfrischte. Ein Ehepaar, vielleicht Mitte 60, gesellte sich an den Tisch nebenan, und aus dem einigermaßen spärlichen Speiseangebot fanden sie genau das Richtige. Sie wählte einen Salatteller aus, er Kartoffelsalat mit einer Brühwurst. Ich hörte sie über Boppard reden, über den Mittelrhein, und dass all die Städte am Rhein im Detail doch ein bißchen anders aussähen. Ich dachte vor mir her, dass meine These, dass deutsche Städte nicht allzu reich seien an gemütlichen und großen Plätzen, dass in Deutschland sich auf solchen Plätzen mehr Geschäfte breit machen würden als Cafés, hier in Linz nicht aufrecht zu erhalten war. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus hatten sich nur ein paar kleinere Geschäfte eingenistet, eine Buchhandlung oder ein Laden für Schmuckdesign. Cafés, Restaurants, Imbisse waren hingegen zahlreich vertreten. Gegen dreizehn Uhr war es soweit, dass ich die Pause für beendet erklärte. Dann öffnete die St. Martins-Kirche, ein wahres Highlight in Linz, wie sich heraus stellen sollte.

16. Juni 2018

Ganz schön schräg, dass ein mittelalterliches Gemälde in solch einem super-modernen Kircheninnenraum in Linz am Rhein hängt. Schaut man genauer hin, so trennen ziemlich genau 600 Jahre die Entstehungsdaten des Gemäldes und des Kirchenbaus. Da die gegenüberliegende katholische Pfarrkirche St. Martin zu klein geraten war, wurde 1967 die super-moderne Kirche St.Marien geweiht. Das dreiflügelige Gemälde – ein sogenanntes Tryptichon – kann man der Kölner Malerschule zuordnen, die sich die Technik der Ölmalerei angeeignet hatte, die Anfang des 14. Jahrhunderts in Flandern entwickelt worden war. Die Ateliers der Kölner Malerschule, die sich gewöhnlich nach ihren Lehrmeistern benannten. gruppierten sich um die Schildergasse. Dort führten die Ateliers mit ihren Teams von Malern Auftragsarbeiten für die Kirche aus, darunter der Meister der Lyversberger Passion, der um 1460 sein Atelier eröffnete. Tilman Joel aus Linz, Gesandter des Kölner Erzbischofs und Legat des Papstes, war der Auftraggeber an den Meister der Lyversberger Passion für einen Marienalter mit diesem Tryptichon, welche in der 1462 erbauten Ratskapelle auf dem Marktplatz standen. Nach 1818, als die Ratskapelle abgebrochen worden war, wanderten der Marienaltar plus Tryptichon in die nahe mittelalterliche Kirche St. Martin. 1967 schließlich fand das Tryptichon seinen Platz in dem super-modernen Altarraum der neu gebauten Kirche St. Marien. Trotz des unangemessen nüchternen Hintergrundes ist das Gemälde, auf dem sich die Jahreszahl 1463 wieder findet, sehr schön anzuschauen.

17. Juni 2018

Nicht einmal zehn Jahre dauerte die Herrschaft in Königswinter, und dennoch haben die Herzöge von Berg ihre Spuren hinterlassen. Die Spuren sind bedeutend, denn die rund zehn Jahre Herrschaft während der Ära Napoleons erscheinen auf Augenhöhe mit den rund 800 Jahren, in denen, im Schatten des Drachenfelses, die Kölner Erzbischöfe regierten. Eine höchst seltsame Kombination von Kölnern, im Namen des regierenden Erzbischofs, und den Düsseldorfern, dem Herrschaftssitz der Herzöge von Berg. Das Stadtwappen von Königswinter spricht jedenfalls eine deutliche Sprache, dass die 800 Jahre Herrschaft der Kölner mit den weniger als zehn Jahre Herrschaft der Düsseldorfer eng nebeneinander stehen. Während man im unteren Teil des Königswinter Wappens die Stadtmauern erkennen kann, begegnen sich auf einem Schild im oberen Teil die Herzöge von Berg und der Kölner Erzbischof auf Augenhöhe. Auf der linken Seite symbolisiert ein roter Löwe mit einer blauen Krone die Herzöge von Berg, indes repräsentiert das schwarze Kreuz auf weißem Untergrund den Kölner Erzbischof. Obschon die Symbolik des Wappens aus dem Mittelalter stammt, ist die Geltung des Wappens sehr jung. Erst 1972 erklärte der Kölner Regierungspräsident dieses in seiner heutigen Gestalt zum offiziellen Stadtwappen von Königswinter.

18. Juni 2018

Diese Schwemme von gelben Blüten hat sich mehr oder weniger unkrautartig verbreitet, und wir haben sie in unserem Garten gewähren lassen. Die gelben, kelchartigen Blüten gehören zu der Nachtkerze, welche die Eigenart hat, dass sie ihre Blüten erst in den Abendstunden öffnet. Danach locken sie nachtaktive Insekten an, so Schwärmer oder Motten, die mit ihren langen Rüsseln die Pflanzen bestäuben. In der Dunkelheit, im Schatten des Mondes oder in der Schwere der Nacht entfalten sie dann all ihre Schönheit. Am nächsten Morgen ist das große Aufblühen vorbei. Die Blütenkelche schließen sich oder fallen in sich zusammen, bis am folgenden Abend das Spektakel von vorne beginnt.

19. Juni 2018

Irrtümer der Menschheit geschehen im Großen wie im Kleinen. Die Geschichte lehrt immer wieder, dass die Planungsverantwortlichen sich überschätzen, dass sie Planungsgrößen vernachlässigen, ganz übersehen, dass sie unwichtiges für wichtig halten oder umgekehrt. Solche Irrtümer der Menschheit können im Großen Katastrophen auslösen. So wurden die Schiffsbauer der Titanic eines besseren belehrt, dass ihre technische Meisterleistung absolut sicher sei und nicht sinken könne. Im Kleinen sind nicht unbedingt Menschenleben gefährdet. So hatten in unserem Nachbarort die Planungsverantwortlichen angenommen, dass sich Boule zum Volkssport entwickeln würde. Dieser in Frankreich sehr beliebte Freizeitsport sollte dem uninspirierten und wenig ansehnlichen Platz in unserem Nachbarort neues Leben einhauen, indem sich im Schlepptau der daher rollenden Kugeln ein neues Kommunikationszentrum heraus kristallisieren sollte, welches auf eine Seite des Platzes mit Geschäftslokalen flankiert wurde. Seit 1991 wohnen wir im Nachbarort, und einmal jährlich, zum Weihnachtsmarkt und gleichzeitig statt findenden Weihnachtslauf blüht der Marktplatz auf. Das einzige, was man an den übrigen 360 minus 2 Tagen im Jahr vorfindet, sind die Blechkarossen parkender Autos und eine gähnende Leere. Niemals, seitdem wir 1991 im Nachbarort wohnen, habe ich irgendeine Menschenseele auf diesem Platz Boule spielen sehen. Niemand denkt daran, in der Vertiefung, wo inzwischen Unkraut auf dem Boden sprießt, auch nur eine Kugel in die Hand zu nehmen, um sich diesem kommunikativen Freizeitsport hinzugeben. Dass sich das verlassene Schicksal des Platzes nicht fortsetzen kann, ist inzwischen bei den Planungsverantwortlichen der Stadt angekommen. Um den Planungsfehler vor rund dreißig Jahren zu korrigieren, soll Geld in die Hand genommen werden. Die Vertiefung, wo Boule hätte gespielt werden sollen, soll eingeebnet werden. Einhunderttausend Euro soll das Gesamtprojekt der Umgestaltung des Platzes kosten, darunter verbirgt sich mit einer Kostenposition die Einebnung der Vertiefung. Glaubt man den Plänen, die die Geschäftsleute bevorzugen, dann wiederholen sich die kleinen Irrtümer der Menschheit unverdrossen. Weitere Blechkarossen parkender Autos sollen die neue Fläche bevölkern. Trübe Aussichten für einen Platz, auf dem sich außerhalb des Weihnachtsmarktes nie eine Menschenseele wohl gefühlt hat.

20. Juni 2018

Ecken von Köln, ganz im Zentrum, die ich noch nie gesehen habe. Von außen ist die Kirche St. Kolumba schwer auszumachen, und man meint anstatt dessen, dass es sich um ein ungeschickt daher geklatschtes Bürogebäude handelt. Doch rasch fallen Rundbogenfenster an der Fassade auf, alte Gemäuer aus Ziegelstein, Säulen, Kapitelle, Friese. Auf den Rumpf einer Kirche ragt eine Fassade aus Beton in die Höhe. In dieser Kombination nehmen die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges unnahbare Formen an, wenn auf der Kriegsruine von St. Kolumba der aufgesetzte, schnörkellose, glatte Stil die steinalten, noch erhaltenen Gemäuer vereinnahmt. Ungläubiges Staunen im Inneren, welches man durch den Museumseingang betreten kann. Römische Ausgrabungen, die noch kleinteiliger und verzweigter sind als etwa im Prätorium. Hier stand kein Statthalterpalast, sondern es war eine ganz normale Wohnbebauung innerhalb der römischen Stadtmauer. Die verschachtelten Stile und Epochen in der Ausgrabungen zu unterscheiden, fällt schwer. Die Heilige Kolumba, die der größten Pfarrei im mittelalterlichen Köln ihren Namen gab, hatte sich als Christin nach einer Legende geweigert, den Sohn eines heidnischen Herrschers zu heiraten. Als das römische Reich in den letzten Atemzügen lag, wurde die Heilige Kolumba durch den Kaiser Aurelian in Frankreich enthauptet. Eine erste Kapelle entstand an dieser Stelle im 7. Jahrhundert, die in den nachfolgenden Epochen der Romanik und der Gotik bis zu einer fünfschiffigen Kirche kontinuierlich ausgebaut und erweitert wurde. Um Gottesdienste feiern zu können, hat man den Neubau einer Kapelle in das Ausgrabungsfeld hinein gebaut. Bezeichnenderweise nennt sich die Kapelle „St. Maria in den Trümmern“.

21. Juni 2018

Eiskalt erwischte mich der Anruf. Auf der Breiten Straße in Köln, kurz an der Nord-Süd-Fahrt, war es kurz nach 16 Uhr, als ich in dem Café einen Kaffee trank und nach meinem Handy griff. Es war meine Mutter, mit der ich bereits morgens gegen halb 10 telefoniert hatte. Meinem Vater ginge es überhaupt nicht gut. Seine Schluckbeschwerden hätten sich so sehr verschlechtert, dass er gar nicht mehr schlucken könne. Zu Hause in seinem Krankenbett wurde er über Infusionen, die der Hausarzt über Schläuche einträufeln ließ, ernährt. Bei einer Tasse Kaffee war ich gerade dabei, meine Eindrücke der Kirchenruine von St. Kolumba zu reflektieren, als meine Mutter mir die Todesnachricht überbrachte. Mein Vater war gegen 15.15 Uhr verstorben, als sie versucht hatte, ihm Flüssigkeit über die Schnabeltasse einzuträufeln. Kurze Zeit später erlitt er einen Hustenanfall, bei dem er erstickte. Noch gegen halb drei war der Hausarzt dagewesen, um ihm eine neue Infusion zu verabreichen, ebenso eine Spritze, um die Verdauung anzuregen. Wenn ein gewisses Alter erreicht ist, wenn mehrere Krankheiten gleichzeitig zusammen kommen, wenn der Gesundheitszustand einen kritischen Pfad beschrieben hat, wenn die Krankenhausaufenthalte zahlreicher waren als die Zeiten zu Hause, als er in halbwegs wachen und gesunden Zustand war, dann muss man für einen solchen Todesfall gewappnet sein. Nun war es soweit, dass sein Organismus zusammen gebrochen war. Kopflos schritt ich zur U-Bahn-Haltestelle Appellhofplatz, meiner Frau schrieb ich eine SMS mit der Todesnachricht, die U-Bahn beförderte mich zur S-Bahn-Haltestelle, von der aus ich nach Haus fuhr. Zu Hause telefonierte ich mit mit meiner Mutter, dass mein Bruder telefonisch gar nicht erreichbar war. Aus dem Internet suchte ich Rufnummern von Beerdigungsinstituten heraus, und kurz darauf meldete sich auch mein Bruder. Ich aß zu Abend, und die Fahrt zum Elternhaus terminierte ich so, dass ich bis 21.30 Uhr zu Hause war, als das Beerdigungsinstitut den Vater abholte. Vorher nahmen wir alle Abschied, ein deprimierender Anblick in seinem Krankenbett, der reglose, kalte, tote Körper, der aufgerissene Mund, dem das Gebiss fehlte. Ich scheute mich hinzuschauen, Weinen und Tränen waren nicht so riesig schlimm, vielleicht überwog ein Gefühl der Erleichterung, da der Aufwand für die Pflege ganz viel Kraft und Energie gekostet hatte. Es lenkte ab, dass die Fußball-WM in vollem Gange war. Auf dem Sideboard im Wohnzimmer hatte mein Bruder einen großen Flachbildschirm aufgestellt, damit unser Vater die Fußball-WM schauen konnte – obschon er nicht mehr so riesig viel davon wahrgenommen hatte. Nun spielte Kroatien gegen Argentinien. Ein Hammer-Spiel, das Kroatien 3:0 gewann. Danach kam das Beerdigungsinstitut, zwei junge und sehr freundliche Herren, die die Trauer augenblicklich dämpften. In seinem Spannbetttuch nahmen sie den Leichnam des Vaters aus seinem Bett, legten ihn auf eine Bahre und trugen diese in den Leichenwagen. Sie meldeten sich für den nächsten Morgen um halb 10 an, um die weiteren Formalitäten zu besprechen. Als es an diesem längsten Tag des Jahres noch ein wenig hell war, machte ich mich mit unserem Auto auf den Weg nach Hause.

22. Juni 2018

Sterben, Bürokratie und Papierkram. Da meine Frau ganztägig das Auto benötigte, radelte ich in aller Herrgottsfrühe gegen 6.30 Uhr los mit meinem Rennrad zur S-Bahn-Station nach Troisdorf-Spich, um mit der S-Bahn zum Kölner Hauptbahnhof zu gelangen, dort stieg ich um in die Regionalbahn nach Mönchengladbach, vorher stieg ich aus in Hochneukirch, von wo aus ich noch eine Strecke von 20 Kilometer mit dem Rennrad zu bewältigen hatte. Da der Gegenwind mächtig blies, war dies so beschwerlich, dass ich mich zu dem Termin um 9.30 Uhr verspätete, zu dem sich das Beerdigungsinstitut angekündigt hatte. Als ich das Elternhaus über den Terrasseneingang betrat, waren bereits wichtige Entscheidungen gefallen, die die Folgetage mächtig durcheinander wirbeln sollten. Es ging um das Beerdigungsdatum, das auf den folgenden Montag, also vier Tage nach dem Tod, festgelegt worden war. Als ich eintrat, war dieses Datum nicht ganz unwiderruflich. Eine Frist von zehn Tagen hatte das Gesundheitsamt vorgegeben, so dass das Beerdigungsinstitut zunächst den Donnerstag vorgeschlagen hatte, doch dies passte meinem Bruder nicht. Zufälligerweise war er bis Montag krank geschrieben, und anscheinend war es bei der Deutschen Post, wo er arbeitete, ein massives Problem, wegen einer Beerdigung frei zu bekommen. Also der Montag, und so telefonierte der freundliche Herr vom Beerdigungsinstitut im aalglatten Anzug zunächst mit dem Friedhofsamt und dann mit der Pastorin, die als zur Ruhe gesetzte frühere Bürgermeisterin der Stadt Wegberg ehrenamtlich tätig war. Um aus dem Leben des verstorbenen Vaters erzählen können, erforderte dies ein Trauergespräch mit der Pastorin. Der Zeitpunkt von 17 Uhr an demselben Tag, wozu mein Bruder sich emotional nicht in der Lage fühlte teilzunehmen, lag äußerst ungelegen, da sich der Tag mit meiner Anwesenheit im Elternhaus extrem in die Länge zog. Eine Rückkehr auf dem Fahrrad mit dem Zug wurde somit erst zum späten Abend ermöglicht. Die beiden freundlichen Herren vom Beerdigungsinstitut halfen aber auch, den Papierkram zu bewältigen. Im Standesamt holten sie die Sterbeurkunden ab, sie informierten die Krankenkasse über den Tod. Sie wiesen uns darauf hin, dass wir innerhalb von 14 Tagen nach dem Todesdatum einen Antrag auf Witwenrente beim Rentenamt stellen mussten, ansonsten wurde innerhalb des sogenannten Sterbevierteljahres drei Monate lang die Rente des Vaters weiter gezahlt. Sie telefonierten mit der Rheinischen Post und dem Super-Sonntag wegen der Todesanzeige, mit uns stimmten sie den Text der Todesanzeige ab. Dabei flechtete meine Mutter ein Zitat der griechischen Sängerin Nana Mouskouri ein, die mein Vater gerne gehört hatte. Anstelle der Zeitungsanzeige sparten wir uns persönliche Traueranzeigen, die wir an Freunde und Verwandte hätten verteilen müssen. Das Beerdigungsinstitut organisierte Sargträger, ein Holzkreuz für das Wiesengrab und Gedenkzettel für den Opfergang. Reichlich makaber fanden wir es, einen Sarg aussuchen zu müssen. Wir wählten die untere Preiskategorie und nahmen Kiefernholz. Bevor die beiden Herren uns nach etwas mehr als einer Stunde verließen, überschlugen sie den Komplettpreis für die Beerdigung, welcher bei rund 7.500 Euro alles inklusive lag. Darunter kostete das Wiesengrab 3.800 Euro, welches für einen Zeitraum von 30 Jahren angelegt wurde und eine Grabstelle für unsere noch lebende Mutter beinhaltete. Im Anschluss erledigten wir die Dinge, die noch zu organisieren waren. Wir gingen zum Bauernhof auf der Hauptstraße, um Blumenschmuck für den Sarg zu bestellen, Rosenblätter als Hineingabe ins Grab sowie einzelne Rosen an unseren Sitzplätzen in der Kirche, Rosen, die wir später im Trauerzug zum Grab mitnahmen und dann in das Grab warfen. Indes kontaktiere mein Bruder das Sanitätshaus, um das Krankenbett des Vaters abzuholen. Das war kritisch wegen des kurzfristigen Zeithorizonts bis zur Beerdigung, doch es fand sich eine Lösung über die Wochenendbereitschaft. Nach der Bestellung des Blumenschmucks begab ich mich zur Metzgerei, wo ich nach mehreren Jahrzehnten den Metzgermeister wieder sah, den ich sehr gut von früher dem Tromnmlercorps kannte. Bei ihm bestellte ich Schnittchen, die in der Menge vollkommen überdimensioniert waren, wie sich heraus stellen sollte. Lange Zeit diskutierten wir zu Hause, dass wir uns entschieden hatten, den Begräbniskaffee zu Hause abzuhalten. Ob der Platz dafür reichen würde, ob wir genügend Tische und Stühle hätten, erörterten wir kontrovers. Ob die Schwester aus Bayern mit ihrem familiären Anhang anreisen würde, konnten wir nicht einschätzen, ebenso nicht, welche Vettern und Cousinen dabei sein sollten. Frühere Arbeitskollegen wurden von vornherein ausgeschlossen, das fanden wir nicht unbedingt richtig. Mit meinem Bruder trug ich einen nicht zusammen klappbaren Tisch aus dem Keller hoch, was in der Enge des Treppenhauses ein Kraftakt war. Als wir dies alles erledigt hatten, schloss sich eine Zeitspanne an, die nicht wirklich ausgefüllt war, bis die frühere Bürgermeisterin zum Trauergespräch anrückte. Nachbarn von der gegenüberliegenden Straßenseite statteten uns einen Besuch ab. Ich fuhr mit dem Fahrrad nach Wegberg, hob Geld am Geldautomaten ab, um die Rückfahrt bezahlen zu können. Bei Netto besorgte ich einzelne Flaschen Cola, Fanta und Tetrapacks Orangensaft. Zurück zu Hause, lief die Fußball-WM auf dem Fernseher. Bei dem Trauergespräch glänzte dann doch mein Bruder durch Anwesenheit. Das Gespräch offenbarte ein paar Seiten meines Vaters, die mir bis dahin gar nicht bewußt gewesen waren. Seine Einstellung zum Fußball hatte nicht nur Borussia Mönchengladbach geprägt, sondern er hatte selbst Fußball gespielt. Ähnlich in der Schützenbruderschaft: er hatte sich nicht nur den Schützenzug von der Straße aus angesehen, sondern er war regelmäßig selbst mitgegangen. Als ich nach 45 Minuten signalisierte, dass ich meinen Zug in Hochneukirch erreichen wollte, zeigten alle Verständnis für meine Abreise. Mit den gewohnten gestörten Betriebsabläufen und Verspätungen der Bahn gelang es mir schließlich, gegen 21 Uhr zu Hause zu sein.

23. Juni 2018

Wocheneinkäufe und Essensplan organisieren, das erforderte an diesem Wochenende Improvisation. Naturgemäß waren die gewohnten Abläufe über den Haufen geworfen worden, dazu war einiges zusätzliche zu erledigen. Das fing an bei unserer Tochter, die vorher in der Schule gar nicht richtig Bescheid sagen konnte, dass sie am Montag wegen der Beerdigung fehlen würde. Ebenso konnte ich dies meinem Arbeitgeber lediglich per Mail mitteilen. Mit meiner zerzausten und viel zu langen Frisur wäre ich gerne zum Friseur gegangen, doch kein Termin war frei. Bereits einen Tag zuvor hatten wir die Notwendigkeit kontrovers diskutiert, ob es erforderlich sei, angemessene Trauerbekleidung zu kaufen. Ich selbst hatte jedenfalls nichts vernünftiges im Kleiderschrank, nur irgendwelche Schlabberklamotten, die zunehmend verschlissen und abgetragen waren. Die Sichtweise meiner Mutter war, dass das Outfit zur Beerdigung gleichgültig sei. Bei meiner Frau war die Auswahl verfügbarer Kleidungsstücke geringfügig besser, und so wir zogen es vor, in Bonn Boutiquen, Modeläden und Kaufhäuser aufzusuchen. Dies geschah nach dem Mittagessen, wo wir in der Bonner Fußgängerzone bei H&M, Bonita, New Yorker und TK Maxx herum stöberten. Dabei brachte ich mein Outfit mit einer schwarzen Stoffhose, einem weiß gepunkteten Hemd und einer kurzärmeligen Weste auf Vordermann. Meine Frau fand bei Bonita, was sie brauchte, und unsere Tochter, deren Bekleidungsnöte am geringsten waren, fand bei TKMaxx eine schicke Armbanduhr. Längere Zeit verbrachten wir bei Köchling, wo wir uns durch die Reihe mit neuen Schuhen ausstatteten. So manchen Euro haben wir an diesem Nachmittag ausgegeben, und bis heute habe ich es nicht gewagt, im Online-Banking auf unser Kreditkartenkonto zu schauen. Die nächste Abrechnung kommt bestimmt.

24. Juni 2018

An diesem Tag schimpfte ich über die Dinge, die fast nicht mehr organisierbar waren, weil die Beerdigung in eine Hau-Ruck-Aktion ausgeartet war. Es war nach 14 Uhr, als sich die Planbarkeit mit einem Schlag veränderte. Noch am Vormittag hatte ich mit meiner Mutter telefoniert und eine Uhrzeit von 17 Uhr verabredet, dass wir uns in den Abschiedsräumen des Beerdigungsinstitutes von unserem Vater und Ehemann im aufgebahrten Sarg verabschieden wollten. Mit einem Schlag wurde diese Uhrzeit zunichte gemacht, weil unser Schwiegervater vorbeischaute und meinte, wie es mit dem Kegeln des Schwagers aussähe. Daran hatte niemand gedacht. Ein heftige Diskussion entbrannte, wie wichtig das gemeinsame Kegeln im Kreis der Behinderten sei und dass ohne Auto eine Anwesenheit des Schwiegervaters nicht möglich sei. Und ich schimpfte darüber, wie unflexibel der Zeitplan war im Umfeld der kurzen Abfolge von Teilereignissen, die zum Tod und der Beerdigung gehörten. Also fuhr ich sofort los, ohne dass ich von dem soeben gedeckten Tisch mit dem zubereiteten Mittagessen etwas essen konnte. In Erkelenz musste ich noch tanken, so dass die verbleibende Zeit zum Abschiednehmen am Sarg knapp war. Doch dies war wichtig, super-wichtig. Der Anblick des Toten war abweisend, aber schön. Leise Musik summte, im Hintergrund erhellte ein Schwarz-Weiß-Foto mit Bäumen und ihren kräftigen Stämmen, in das Sonnenlicht hinein flutete, die Szenerie. Ein würdiger Rahmen, um Abschied zu nehmen. Eine Viertelstunde des Abschieds, eine weitere Viertelstunde des gemeinsamen Redens, dann hieß es wieder: mit dem Auto dieselbe Strecke zurück fahren. Zu Hause musste ich die Ereignisse erneut sacken lassen, indem ich mir das höchst unterhaltsame WM-Spiel zwischen Japan und dem Senegal anschaute, das unentschieden 2:2 endete.

25. Juni 2018

Familiäre Ereignisse habe es gerne an sich, dass sie sich schwer in Worte fassen lassen. Das ist etwa so bei Hochzeiten. Oder unsere Kinderkommunion vor vier Jahren, wozu ein halber Roman nicht einmal ausgereicht hätte, um alle Geschehnisse zusammen zu fassen. So auch bei der Beerdigung, wo es einfach schön war, einen großen Teil der Verwandtschaft wieder zu sehen. Feierlichkeit und Trauer hatten die Rahmenbedingungen festgelegt, die Kommunikation war unter allen intensiv. Solch ein Begräbnis ist schwer in Worte zu fassen, und schon wie am Altarraum der Sarg aufgebahrt war, wie er mit roten Rosen geschmückt war, so wie ein weißes Schild nichts von einer Beerdigung wissen wollte, sondern die Überschrift für eine Abschiedsfeier war, so sehr erhellte die positive Grundstimmung das tragische Ereignis, von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Die Worte der ehrenamtlich tätigen Priesterin schufen einen würdigen Rahmen, ebenso wie der Blumenschmuck der roten Rosen, die in den vordersten Bänken unserer trauernden Familie lagen. Die Messe dauerte länger als ein Wortgottesdienst, da nur die Wandlung und das Abendmahl in der Messliturgie wegfielen und sogar eine Kommunion ausgeteilt wurde. Diese Zeitdauer übertraf unsere Kalkulation von einer Stunde für Messe plus Beerdigung, da wir eine Stunde nach Beginn der Messe die Lieferung der Schnittchen eingeplant hatten. So ergab es sich, dass die Schwägerin gar nicht zur Beerdigung auf den Friedhof mitkommen konnte, da sie den Hausschlüssel hatte und bei der Lieferung der Schnittchen anwesend sein sollte. Bis der Sarg in den Erdboden eingelassen wurde, dehnte sich in die Länge, da die Priesterin den feierlichen Rahmen hoch hielt und immer wieder würdigende Worte über den Verstorbenen an die Familie richtete. Nach der Beerdigung auf dem Friedhof und dem Begräbniskaffee zu Hause kehrten wir auf unserer Heimfahrt nach Hause auf den Friedhof zurück. Wir nahmen all die Schönheit von Kränzen, Gestecken und Blumenschalen wahr. Die positive Grundstimmung blieb. Obschon der Gang sehr schwer war, von einem geliebten Menschen Abschied zu nahmen, hatte der würdige und verzierende Rahmen seinen Beitrag geleistet, über all die Trauer hinweg zu kommen.

26. Juni 2018

An diesem Tag gab es diesen Knall, an dem alles vorbei war. Das letzte, das allerletzte, das Ende, die Linie des Todes war überschritten. Der Übergang vom Zustand des Lebens in einen neuen Zustand nach dem Leben, der nach der Lehre des Christentums in das ewige Leben übergeht. Die vergangenen Tage waren voller Anspannung, in einer extrem kurzen Taktung, wofür der nicht zu glaubende Umstand den Ausschlag gab, dass es für meinen Bruder bei der Deutschen Post wohl extrem schwer war, für eine Beerdigung dienstfrei zu bekommen. Der Dauerstreß vom Donnerstag, dem Tag des Todes, bis Montag, dem Tag der Beerdigung, war nun dabei, sich aufzulösen. Diesen Tag mit dem Urknall, an dem final alles gelöst war, brauchte ich, um mich mental wieder auf ein Normalniveau zurück zu bewegen. Im Wartezimmer des Hausarztes wartete ich, und die extrem lange Wartezeit verbrachte ich, indem ich den STERN mehrfach von vorne bis hinten durch blätterte, die Textformen studierte, die Kombination Bildern und Text reflektierte, einige Reportagen las, in einem solch ausgiebigen Zeitfenster, wie es mir sonst nie zur Verfügung stand. Bis gegen elf Uhr ließ mich der Hausarzt warten, dass er mich für den heutigen Tag krank schrieb. Ob er mich länger krank schreiben sollte, verneinte ich, da ich glaubte, am Folgetag mental und emotional stabil zu sein. Als ich gegen Mittag nach Hause zurück kehrte, ließ dieser Tag des Urknalls alles innerlich in mir zusammen sacken. Wie im Zeitraffer lief der Film der letzten Tage unsichtbar vor meinem Augen ab, ohne dass mich ein Gefühl der Trauer erdrückte. Ja, man hätte sagen können, dass ich fast erleichtert war. Der Gefühlssturm und die Aufgewühltheit der letzten Tage waren verfolgen, und die innere Ruhe und die innere Stabilität, die seit dem Arztbesuch eingekehrt war, kostete ich aus. Ich ließ die Kaffeemaschine brodeln, schüttete ein paar Tassen Kaffee auf. Beim Kaffee aß ich den Streuselkuchen, der eine gewisse Rolle bei der Beerdigung gespielt hatte. Wir hatten nämlich nur Schnittchen beim Metzger bestellt, und danach entstand die Idee, auch etwas Kuchen beim Beerdigungskaffee zu Hause bereit zu halten. Die Besorgung beim Bäcker in unserem Ort misslang, weil die Taktung zu kurz war. Morgens vor der Beerdigung telefonierte ich mit meiner Mutter, und irgendwie gelang es meiner Cousine, beim Bäcker Streuselkuchen zu besorgen. Während Massen an Schnittchen nicht angerührt wurden, ging der Streuselkuchen relativ gut weg. Die letzten Stücke hatte mir meine Mutter mitgegeben, und mit diesen positiven Erinnerungen an die Beerdigung trank ich den Kaffee.

27. Juni 2018

Es war so, als hätte ich es auf mich zukommen sehen. Im Großraumbüro hatte ich noch den Livestream des WM-Spiels Deutschland gegen Südkorea auf meinem Rechner geschaut. 0:0 zur Halbzeitpause, und auf dem Rückweg nach Hause war mir auf meinem Rennrad keinerlei Torjubel entgegen geschallt, woraus ich schloss, dass ein wahres Drama für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Entstehung begriffen war. Dieses Drama, die größtmögliche nationale Katastrophe, trat denn auch ein, als ich zu Hause ankam. Meine Frau hatte den Fernseher längst auf ZDF Neo umgeschaltet, weil sie das erfolglose Anrennen von Jogis Jungs gegen das 0:0 nicht mehr mit anschauen konnte. Dann, als wir schließlich auf ZDF umschalteten, fiel prompt das 1:0 für Südkorea. Das Ende des Spiels erlebte ich vor dem Fernsehbildschirm nicht mehr mit, weil ich es vorzog, im Garten Äste und Zweige klein zu häckseln. Als Fan des 1.FC Köln leidgeprüft, hakte ich das Thema in aller Kürze ab. Pech gehabt, schlecht gespielt, sportliches Unvermögen, der Rheinländer würde sagen: et kütt wie et kütt. Betrachtet man die Bilanz über die Person eines Jogi Löw, so steht er mit den sportlichen Leistungen seiner Nationalmannschaft immer noch glänzend da. Nach dem Schlusspfiff geisterte nur noch das WM-Aus durch die Medien. Sondersendungen, Interviews, Stellungnahmen. Der nationale Schmerz musste verarbeitet werden wie der Tod eines nahen Angehörigen. Später, im Auto, als ich Radio hörte, konnte ich die Besserwisserei kaum mit anhören. Unsere Republik schien nur noch aus Fußball-Experten zu bestehen. Sie konnten den richtigen WM-Kader benennen, sie kannten die Aufstellung, die in einem Durchmarsch den fünften Stern geholt hätte, und es hagelte Kritik, dass das Scheitern vorhersehbar war und dass die Verantwortlichen nicht früher gehandelt hätten. Etwas später, gelang es einem Zuhörer, meine eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen. „Die Schar derer ist groß, die eine Schlammlawine über die Mannschaft ausschütten, wenn es schief läuft“. Der Misserfolg gehört zum Sport, und man kann nicht dauerhaft nur als Gewinner dastehen.

28. Juni 2018

Nein, das ist eine Mogelpackung, denn an dieser Stelle stand nie ein Stadttor. Eine Schule, das Geburtshaus von Wilhelm Mühlens, dem Gründer der Kölnisch Wasser-Marke 4711, vielleicht noch eine Hofbebauung, so sah um 1900 ungefähr das winzige Dorf Troisdorf aus, das eine Urkunde der Siegburger Abtei Michaelsberg aus dem Jahre 1064 als „Truhtesdorf“ bezeichnet. Diese Handvoll von Häusern, die erst spät, in der Epoche der Industrialisierung mit Arbeitersiedlungen zusammen wuchsen, brauchten weder eine Stadtmauer noch ein Stadttor. Dieses Zusammenwachsen brauchte seine Zeit, nachdem 1886 die Rheinisch-Westfälische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft am anderen Ende der Kölner Straße, einer Handelsstraße im Mittelalter, gegründet worden war. Zwei Weltkriege ließen die Produktion von Waffen und Munition auf Hochtouren laufen, dabei benannte sich die Rheinisch-Westfälische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft in „Dynamit Nobel Aktiengesellschaft“ um, und der Stadtkern von Troisdorf wuchs um die Kölner Straße, aus der in der Nachkriegsära die stark frequentierte Bundesstraße B8 geworden war. 1979, als sich die Troisdorfer Stadtplaner eine Fußgängerzone herbei sehnten, besann man sich auf die Handvoll von Häusern um 1900 mit der alten Schule und dem Geburtshaus von Wilhelm Mühlens zurück. Die Stadtplaner ließen ihrer Phantasie freien Lauf, sie stellten sich die Handvoll von Häusern als mittelalterliche Stadt vor, die Troisdorf nie gewesen war. Es waren zwei Künstler aus Aachen und Niederkassel, die Halbbögen aus Glas und Stahl zu dem Gesamtkunstwerk „Großes Stadttor“ zusammenfügten. Die Bogenkonstruktionen wurden so gestellt, dass sie als Öffnung ins Stadtinnere wirken. Auf diese Art und Weise sollen sie genau das Gegenteil von dem, was Troisdorf ist, symbolisieren: eine Stadt, die nicht mit einem mittelalterlichen Stadttor verschlossen werden kann. So haben sich zwei Schreibweisen für dieses Kunstwerk eingebürgert. Das „Große Stadttor“ (weil es ein zweites kleines Stadttor am anderen Ende der Fußgängerzone gibt) und „Statt-Tor“ (weil es nicht als Stadttor funktionieren kann).

29. Juni 2018

„La France profonde“, so reden die Franzosen über ihr eigenes Land, wenn die Tiefen ihres Landes Eigenheiten und Landestypisches offenbaren. So tief, auf meinem Rennrad, war ich auf meiner heutigen Tour in die Eifel eingedrungen, dass die Nebenstraßen, die leergefegt vom Verkehr waren, das typische Gesicht der Eifel wiedergaben. Der kräftige Anstieg nach Hilberath, der nicht enden wollte. Kleine Dörfer wie Hilberath, Freisheim und Krälingen, die zart in das Auf und Ab von Bergen und Tälern hinein gestreut waren. Ein Gefühl von Weite, der sich bewaldete Bergkuppen in der Ferne entgegenstellten. Eine rassige Landschaft voller Leidenschaft, die in der Abfahrt mit den Serpentinen ins Sahrbachtal einen vorläufigen Höhepunkt fand. Pause in Altenahr, wo sich das Landschaftsbild an der Ahr gewandelt hatte. Das Tal war tief eingeschnitten, Felsen ragten steil hinauf, die Burgruine Are schaute tief herab auf das Café Caspari, wo ich an der Einmündung der B266 auf die alte B257 ein großes, erfrischendes Pils trank.

30. Juni 2018

Es sind wahre Monsterpflanzen, und irgend wie winden wir uns von Tag zu Tag, dass die reifen Zucchinis der Verwertung in irgend welchen Essenstöpfen zugeführt werden. In ihrem Hochbeet haben die vier Zucchinipflanzen eine solche Ausdehnung erreicht, dass die kräuseligen Blätter weit über den Beetrand hinaus ragen. Sie wuchern, unbestimmt, vereinnahmend, durchgreifend, und aus den leuchtenden gelben Blüten der Zucchini wächst das lange runde Gemüse so üppig, dass wir locker vier bis fünf Stück ernten können, tagtäglich, so dass sie sich in unserem Keller stapeln. Unmöglich können wir eine solche Unzahl verspeisen. Zucchini-Moussaka, Tomaten-Zucchini-Gratin von Maggi Fix, Zucchini-Auflauf mit Tomaten und Gehacktes, mit einer Gehacktesmasse gefüllte Zucchini: alles schmeckt bestens, wir mögen den Geschmack von Zucchini. Doch wenn wir über viele Wochen hinweg nichts als Zucchini essen können, nur wegen der Mengen unserer Ernte, dann müssen wir dringend schauen, dass wir die überzählige Anzahl irgend wie loswerden. Ganz unerschrocken, suchen wir unsere Nachbarn mit Zucchini zu beglücken. Smalltalk mit Bekannten im Ort wird dazu genutzt, diese auf unseren leckeren Zucchinis anzusprechen. Sogar unserer Friseuse haben wir beim Friseurbesuch Zucchinis mitgebracht. Dass meine Frau alle zwei Wochen im Behindertenwohnheim das Mittagsessen kocht, erleichtert ebenso, die Massen an Zucchinis loszuwerden. Wohlwollend werden Zucchini als Bio-Gemüse aus unserem Garten eingeplant. Zucchini als Gemüse darf allerdings nicht zur Dauerspeise im Behindertenwohnheim werden. Dann wird sich bestimmt Widerstand gegen diese herzhafte Gemüseart regen.

Guten Tag ! Hallo ! Bonjour ! Prettige dag ! Buenas dias ! Willkommen auf meinem Blog !

SOZIALE NETZWERKE

  • Wix Facebook page
  • Wix Google+ page

BONNER BLOGS

NEUESTE POSTS

ARCHIV

LESELISTE

© 2015 by Dieter Wimmers. Proudly created with Wix.com