Tagebuch Mai 2018

1. Mai 2018

Das bedingungslose Grundeinkommen, vom Prinzip her ein sinnstiftendes Thema. In die Zukunft gerichtet, wird es weitere Wellen von Automatisierungen über Roboter und künstliche Intelligenz geben. Die Arbeit, wo der Mensch anpacken muss, wird weiter schrumpfen. Eine derjenigen Ansätze, dass Arbeit verbleibt, sind Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten für Roboter und künstliche Intelligenz. Ganze Industriezweige – so eine Reihe von Softwarefirmen– profitieren von dem Geschäftsmodell, Roboter zu bauen, künstliche Intelligenz zu gestalten oder stupide, einfache, sich dauernd wiederholende menschliche Tätigkeiten in Rechnerprogramme zu transformieren. Das bedingungslose Grundeinkommen, so der Grundgedanke, soll zukünftig aus den Gewinnen dieser Geschäftsmodelle gespeist werden. Gewinne, die nicht mehr von Gesellschaftern und der Unternehmensspitze abgeschöpft werden sollen, sondern der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, in Form des bedingungslosen Grundeinkommens. Ein Bodensatz von Kapital soll wegfallende Arbeit, die zur Arbeitslosigkeit führt, ausgleichen. Eine feine Idee. Was die Gewerkschaften zum 1. Mai fordern, würde auf die Utopie eines humaneren Arbeitslebens einzahlen.

2. Mai 2018

Wie Hab und Gut des Menschen – und auch sein Leben – auf des Messers Schneide stehen können. Das erzählt uns das Linzer Stadttor, welches durch die Zufahrt zur Fähre vom Rhein getrennt ist. Der Fuß- und Zollpegel dokumentiert zwischen den schwarz-grauen Basaltsteinen die Hochwasser aus den vergangenen Jahrhunderten. Ein einziges Jahr haben wir davon in unserem eigenen Haus, fünfunddreißig Kilometer rheinaufwärts, erlebt: das war das Jahr 1995, ein dramatisches Hochwasser, das unseren Keller mit seinem Grundwasser zu überfluten drohte, während unser Hochwasserdamm stand hielt. Furcht flößen uns all diejenigen Hochwassermarken ein, die oberhalb des Jahres 1995 liegen. Die Jahreszahlen 1845 und 1658 übersteigen das Jahr 1995 bei weitem, mindestens um einen Meter. Und genau diesen einen Meter beträgt der Spielraum bis zur Höhe des Hochwasserdamms in unserem Ort. Bei einem solchen Hochwasser, wie es 1845 oder 1658 geschehen ist, wird einem Angst und Bange, dass große Teile unseres Ortes, der nicht klein ist 11.000 Einwohner zählt, überflutet werden könnte. Niemand wird vorhersagen können, wann sich solche Katastrophen von 1845 oder 1658 wiederholen können. Und niemand wird solche zerstörerischen Urgewalten in diesem derzeit so still und romantisch vor sich her plätschernden Rhein vermuten.

3. Mai 2018

Mit dem Rennrad nach Neunkirchen. Und gleichzeitig nach Seelscheid. Die Höhepunkte dieser Rennradtour lagen mehr vor und nach der Bindestrich-Gemeinde im Rhein-Sieg-Kreis, die 1969 im Rahmen der kommunalen Neuordnung entstanden war. Die Abschnitte von Westerhausen in das Hanfbachtal, der Höhenzug von Happerschoss nach Neunkirchen, die Abfahrt auf der Bundesstraße B507 nach Lohmar und die Fahrt durch die Wahner Heide mit dem blühenden gelben Besenginster waren grandios. In Neunkirchen wie in Seelscheid gab es keine wirklich gemütliche Lokalität, um Pause zu machen. Daher trank ich in Neunkirchen in einer Pizzeria, die in der Nähe des Kreisverkehrs der Bundesstraße B507 lag, ein Weizenbier. Draußen war ich nicht alleine. Die beiden Männer, die sich am Nachbartisch unterhielten, waren eindeutig Geschäftsleute. Vier Außendienstmitarbeiter hatte seine Firma, die sich um die A-Kunden kümmerten. Das neue Computerprogramm laufe so gut, dass alle Bestellungen auf Vollständigkeit geprüft würden. Alle Materialien seien vollständig, um alles direkt beim Kunden aufbauen zu können. Am Nachbartisch saß ein molliger Typ, der mit seinem Vollbart, seinen zerknirschten Gesichtszügen, seinem Nasenpiercing und seiner Lederjacke wenig vertrauenserweckend aussah. Spontan dachte ich an die Rockerszene und an die Hells Angels, doch ein Motorrad stand nicht in der Nähe. Nachdem ich das Weizenbier getrunken hatte, genoss ich die schnurgerade Abfahrt der Bundesstraße B507 ins Wahnbahntal. Ein Stück durchs Wahnbachtal, dann begegnete ich diesem Hinweisschild, an dem alle Wege von Neunkirchen und nach Seelscheid zusammen liefen.

4. Mai 2018

Hennef, Stadt der einhundert Dörfer. Im Sprachgebrauch hat sich die Hundertzahl festgesetzt, weil auf den Höhenzügen und in den Flusstälern des Hanfbaches, der Bröl und der Sieg Grund und Boden infolge von Erbteilungen stark zersplittert waren. Hat jemals jemand gewagt, die Hundertzahl nachzuzählen, ob es wirklich einhundert oder eine abweichende Zahl sind ? Die offiziellen Statistiken der Stadt widersprechen sich. Bis zum Jahr 2011 zählt die Stadt 120 Dörfer. In der Zählung danach fielen Ortschaften aus der Statistik heraus, die keine eigenständigen Wohnplätze mehr waren, darunter größere Ortschaften wie Geistingen oder Warth. Heutzutage sind es nur noch 89 Dörfer. Über die Mathematik und die Zählweisen dürfte demnach trefflich gestritten werden. Einmal quer von Westerhausen nach Allner habe ich das 106 Quadratmeter große Stadtgebiet auf dem Rennrad durch quert. Auf der Höhe von Lanzenbach nach Höfen ist es wunderschön. Auf dem gegenüberliegenden Höhenzug sticht die Wallfahrtskirche von Bödingen heraus.

5. Mai 2018

Dosenwerfen, Scooterslalom, Entenangeln, Torwandschießen. Ganze drei Stunden verweilte ich mit unserer Tochter auf dem Schulfest ihrer Realschule, während meine Frau arbeiten musste. Die Klasse unserer Tochter war verantwortlich für den Stand des Torwandschießens, was sich durchaus großer Beliebtheit erfreute. Die jeweils fünf Löcher in der grünen Torwandplane standen praktisch unter Dauerbeschuss. Einige Torwandschützen traten so entschlossen an, dass der Ball gleich über den Zaun des benachbarten Kindergartens hüpfte. Als wir gegen zwei Uhr zu Hause waren, brachte ich mit meiner Person die Abläufe durcheinander. Wir fuhren in die Zahnklinik, da mir am vorangegangenen Tag freitags um 16 Uhr beim Zubeißen ein Stück des Schneidezahns abgebrochen war. Als der Zahnarzt in der Zahnklinik den Zahn wieder angeklebt hatte, fiel dieser prompt wieder ab. Das Wiederankleben müsse, eine Wurzelbehandlung eingeschlossen, über mehrere Termine geschehen. Doch an dieser Prozedur beim heimischen Zahnarzt wagte ich in der Zahnklinik noch nicht zu denken.

6. Mai 2018

Normalerweise mache ich einen großen Bogen um dieses Thema. Der Tod ist tabu. Ich schiebe das Thema ganz weit weg, ich weigere mich, darüber zu reden, er ist unwirklich weit entfernt und soll nicht eintreten. So soll auch mein Vater ewig leben, wobei er mit seinen 85 Jahren ein sehr stattliches Alter erreicht hat. Während der Vater abermals im Erkelenzer Krankenhaus lag, redete meine Mutter zu Hause konkret über seinen Tod. Ein Wiesengrab. Ob es sinnvoll sei, den Begräbniskaffee zu Hause zu organisieren. Wer alles eingeladen werden sollte. Wie die Einladungen geschrieben und verteilt werden sollten. Sein Zustand im Krankenhaus war deprimierend. Es ließ sich nicht vermeiden, dass dieses Thema auch bei mir angekommen war.

7. Mai 2018

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Dabei zeigt sich der Mai höchst erfindungsreich, wenn es gilt, Anlässe für Feste und zum Feiern zu finden. So überschlagen sich die Maifeste, bei denen die Junggesellen feiern. Maiköniginnen werden gekrönt, Maikönigspaare tanzen im Festzelt. Den Müttern wendet man sich am Muttertag zu, die Väter zieht es an Christi Himmelfahrt zum Feiern hinaus. In der Bonner Rheinaue erleuchtet Anfang Mai der Rhein in Flammen, über Pfingsten steigt in unserem Nachbarort ein ähnlich ausgelassenes Strandfest mit ganz viel Fahrattraktionen und Kirmesrummel. Feiern kann man auch um des Feierns Willen, um eine Pause zwischen all den Festivitäten einzulegen. Mit dieser Idee tut sich die Grafschaft im Ortsteil Ringen hervor. Die Frühlingspause des „Spring break“ kann man im Bürgerhaus mit einem „Red Cup Beer“ während oder nach einem „Beer Pong Turnier“ begießen. Worum es sich bei diesem besonderen Frühlings-Pausen-Getränk auch handeln mag: in Grafschaft ist man kreativ, Feste zu entwerfen, damit man von einem Fest in das nächste Fest hinein feiern kann.

8. Mai 2018

Im betriebswirtschaftlichen Jargon trifft das englischsprachige Wort „worst case“ den Kern. Ein maximales Unglück, der schlechteste aller denkbaren Fälle, hatte sich ereignet. Freitag Nachmittag zurückgekehrt von meiner Rennradtour, die Füße im Wohnzimmer hochgelegt, das Glas Weizenbier eingeschüttet, biß ich in das hinein, was ich als erstes greifen konnte. Das war eine kleine Packung Haribo-Colafläschchen, die noch von Karneval übrig geblieben waren. Ein Biß auf dem Schneidezahn, und der Zahn brach ab. Ein erfolgloser Versuch am Samstag Nachmittag in der Bonner Zahnklinik, den Zahn wieder anzukleben. Heute der Gang zu meinem Zahnarzt in unserem Ort, dessen Diagnose schnell und messerscharf war. Eiter hätte sich gebildet und der abgestorbene Zahn sei entzündet. Er erklärte mir das Hebelgesetz, dass das optimale Verhältnis 2:3 sei, den Reststumpf mit dem abgebrochenen Zahn erhalten. Hebelkräfte wirken beim Kauen, 2/3 des Zahnes sollte stehen geblieben sein, bei mir sei das Verhältnis umgekehrt. Die Gefahr sei groß, dass der Zahn nach 1-2 Jahren erneut abbrechen würde. 10 Zahnärzte, 10 Meinungen. Es gäbe sicherlich Zahnärzte, die meinen abgestorbenen Zahn mit einer Wurzelbehandlung und einem verbindenden Stift zum abgebrochenen Stück retten würden. Dann müsse man aber die Entzündung in den Griff bekommen. Antibiotika nehmen. Verhindern, dass Krankheitserreger aus dem Entzündungsherd in die Blutbahn gelangen. Daher riet er mir, den Zahn zu ziehen. Das verlief, den Umständen entsprechend. Ein mieses Gefühl, einen weiteren Zahn zu verlieren. Die Zahnlücken werden größer am Oberkiefer. Meine Prothese, dessen Aussehen ich als eine Glanzleistung empfinde, ist mittlerweile auf vier Zähne angewachsen.

9. Mai 2018

Die Bonner Münsterkirche, eine sympathische Baustelle. Wenn eine eintausend Jahre alte Kirche saniert wird, entspricht die Aufmachung der Baustelle naturgemäß nicht denjenigen an herkömmlichen Gebäuden. Fassade, Boden, Dachstuhl sowie sämtliche Elektroanlagen werden von Grund auf saniert, das Hauptportal ist mit Sperrholzplatten verschlossen. In den zwei Jahren der Generalsanierung wird kein einziger Gottesdienst statt finden können. Dass die Sanierung voran schreitet, das werden die Gläubigen nach der Fronleichnamsprozession im Biergarten am Alten Zoll feiern. Die Einladung zu diesem Richtfest lehnt sich an die Bauplanungen an, wie sie auf herkömmlichen Baustellen üblicherweise Ingenieure beschreiben. Ein sympathischer Ansatz, den Plan als einen Entwurf des Christentums zu begreifen. Überschrift: Hier entsteht das Reich Gottes. Bauherr: Gott. Bauleitung: Jesus Christus. Bauplan: die Bibel. Statik: der Heilige Geist. Gewerke: du und wir. Baubeginn: jederzeit. Alle sind eingeladen zur Fronleichnamsprozession am Donnerstag, den 31. Mai.

10. Mai 2018

Etwas mehr als ein Monat, und eine ganze Nation wird im Fußball-Fieber versinken. Dann wird die Mission des fünften Sterns beginnen und Jogi’s Mannen werden alle Gegner bis zum – hoffentlich – erfolgreichen Ende am 15. Juli in die Knie zwingen. Bis die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland eröffnet wird, kann sich die Fußball-Nation im Handel und in Supermärkten mit dem nötigen Zubehör eindecken, um die – hoffentlich – zahlreich fallenden Tore bejubeln zu können. Schwarz-Rot-Gold sind die Farben, die viele Häuser, Autos und Vorgärten tragen werden, wenn am 14. Juni der Startschuss zum Eröffnungsspiel im Moskauer Stadion fallen wird. Um sich in den Farben von Schwarz-Rot-Gold zu präsentieren, hat dm Einfälle und Ideen hervor gezaubert. Auf Paletten hat dm Nagellacke, Lippenstifte oder Makeups so positioniert, dass sich die Farben Schwarz-Rot-Gold zusammen fügen. Neben einer Stiftebox von Eyelinern spielen zwei Männchen Fussball. Und Frau, in Kosmetikprodukten herum stöbernd, fiebert genauso dem runden Leder und der Fussball-WM entgegen.

11. Mai 2018

Befinden sich die schönsten Kuschelecken unseres Kater Rambos in unserem Hause, so in Betten, auf Sesseln oder auch im Wäschekorb, so liegen die Lieblingsecken unseres anderen Katers Oskar in unserem Garten. Gerne streift er zwischen Erbsen, Bohnen, Kohlrabi und Salat in unserem Nutzgarten herum, doch am wohlsten fühlt er sich auf dem Stückchen Rasen, welches von unserem Nutzgarten noch nicht vereinnahmt worden ist. Lässig kuschelt er seinen schlanken Körper im Gras, der im Schatten beinahe erstarrt ist. Seine hellen Augen funkeln, warten auf irgend etwas, das sich bewegt. Und wenn etwa ein Hauch von Wind einen Grashalm zur Seite weht, dann springt Oskar in einem Satz auf und flüchtet hinein in unsere verschachtelte Welt von Beeten und Hochbeeten.

12.5.2018

Ein Insektenstich, der das verlängerte Wochenende durcheinander brachte. Bereits am Himmelfahrtstag schwoll der rechte Unterarm meiner Frau so sehr an, dass er höllische Schmerzen verursachte. Bei der Arbeit hatte sie auf die Zähne gebissen und bis 14 Uhr durchgehalten. Abends dann die Fahrt zum Notdienst der Apotheke in Köln-Porz-Zündorf, weil die Schwellung große Ausmaße angenommen hatte und jede Bewegung des Unterarms eine große Qual war. Dort verkaufte man Fenistil mit Cortison an meine Frau, das den Schmerz langsam und allmählich weniger werden ließ und die Schwellung reduzierte. Autofahren konnte meine Frau noch nicht, so dass ich am Freitag Morgen mit unserem Töchterchen mit Bus und Bahn nach St. Augustin fuhr, anschließend mit der Linie 66 zur Arbeit. Dann frühnachmittags mit der Linie 66 wieder zurück von der Arbeit nach St. Augustin, und von dort aus mit Bus und Bahn und Töchterchen nach Hause zurück. Da meine Frau nicht Autofahren konnte, entfielen die Einkäufe am Freitag mit dem Schwiegervater. Dies holte ich dann am Samstag vormittag nach, da meine Frau abermals arbeiten musste. So ergab es sich, dass wir nahezu den ganzen Samstag mit Einkaufen beschäftigt waren. Vormittags mit dem Schwiegervater nach HIT. Nachmittags mit Frau und Töchterchen nach REWE, anschließend nach dm.

13. Mai 2018

Das Haus der Völker und Kulturen – eine nicht schlecht aussehende Kombination zwischen einer modernen Architektur und einer Hülle, die sich an alten und fremden Kulturen orientiert. Freilich ist die Kombination gewagt – und auch umstritten – dass sich die Kirche mit dem Imperialismus und den Kolonialherren zusammengetan hat, was nicht immer zu einem friedlichen Zusammenleben von Missionaren und eingeborenen Völkern geführt hat, sondern eher mit Strategie, Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung zu tun hatte. Ob der Missionsstandort der Steyler Missionare, der 1909 in St. Augustin aufgebaut wurde, genau diese Ausbeutung im Focus hatte, mag dahin gestellt sein. Es kann sich genauso um Projekte handeln, um fremden Völkern auf anderen Kontinenten am technischen Fortschritt – wie etwa in der Medizin und beim Aufbau von Krankenhäusern – teilhaben zu lassen, ohne dass diese zwingend zum Christentum bekehrt werden sollten. Aus den entlegentsten Winkeln der Erde – zum Beispiel Papua Neuguinea, Äthiopien, die Elfenbeinküste oder Indonesien - haben die Steyler Missionare gesammelt. All diese Kunst- und Kultobjekte sind der Nachwelt erhalten geblieben und im Haus der Völker und Kulturen zu besichtigen.

14. Mai 2018

Das Erlebnis des beim Kauen abgebrochenen und danach gezogenen Schneidezahns wirkte noch nach. Demnach war ich im Restaurant zur Linde auf unserem Marktplatz vorsichtig. Weder Schnitzel, noch Medaillons, noch Cordon Bleu wählte ich, obschon ich insbesondere auf Cordon Blue mit einem Berg von Fritten Lust gehabt hätte. Anstatt dessen aß ich gegrillten Lachs in einer Dill-Sahne-Sauce, der ein ausgezeichneter Ersatz war, zart, würzig, dezent geräuchert. Dass wir in dem Vereinslokal unseres örtlichen Fußballvereins waren, war schier unübersehbar. Ein Plakat hatte uns am Eingang begrüßt, dass das Heimspiel gegen Rot-Weiß-Hütte statt gefunden hatte. Und nach dem abgepfiffenen Fußballspiel, dessen Ausgang ich nicht heraus hören konnte, ließen einige Spieler in ihren blauen Trainingsanzügen im Lokal die dritte Halbzeit ausklingen, die bis in den frühen Abend dauerte. In diesem Gewühl von Fußballspielern erkannte ich den früheren Trainer unserer Tochter wieder, als sie noch in der Mädchen-Fußballmannschaft gespielt hatte, ein schlanker, etwas flapsiger Typ mit einem dichten Ansatz von Bart. Der Fußball war allgegenwärtig im Inneren des Lokals, wo die Fußballexperten an der Theke ihr Expertenwissen zum Besten geben konnten. Von ganz oben, der Fußball-Bundesliga, bis in die untersten Klassen der Kreisliga, kannten sie sich aus. In der Bundesliga war der letzte Spieltag ausgetragen worden, und den Hamburger SV hatte es als zweiten Absteiger erwischt. Es gab Randale und Tumulte auf dem Platz, als in der Nachspielzeit Feuerwerkskörper abgebrannt wurden. In einem Moment, als sich die Situation halbwegs beruhigt hatte, gab der Schiedsrichter mit einem Schiedsrichterball den Ball frei. Das war genau regelkonform, um das Spiel fortsetzen und gleichzeitig abpfeifen zu können. Naturgemäß standen die Kölner Fußballmannschaften im Zentrum der Diskussion, aber nicht der abgestiegene 1. FC Köln. Die vier Männer an der Theke haderten mit Fortuna Köln, dass für den Verein aus der Südstadt nie mehr drin war als die dritte Liga. Gerade in der Rückrunde hatte die Fortuna viel zu viele Spiele verloren. Anschließend schwenkte die Diskussion dann doch zum 1. FC Köln hinüber, allerdings zur 2. Mannschaft, die in der Regionalliga spielte und beim Wuppertaler SV mit 1:3 verloren hatte. Besser hatte es in derselben Liga der Bonner SC gemacht, der mit einem 0:0 in Dortmund den Klassenerhalt gesichert hatte. Einer der vier Männer an der Theke las an seinem Smartphone vor, dass der Nachbarverein, der 1. FC Niederkassel, der in der Bezirksliga spielte, kaum deutsche Spieler hatte. Es war ein ganzer Haufen von ausländischen Spielern aller Nationen, die allerdings ein Deutscher trainierte. Dass Herkenrath in der Tabelle auf Platz 7 stand, sechs Punkte hinter Tabellenführer, das hörte ich ebenso aus den Gesprächen heraus. Herkenrath, ein Ort, in dem ich jeweils gewesen war ? Im Fußball-Jargon klang der Ort jedenfalls vertraut, und ich konnte ihn irgendwo bei Bergisch Gladbach verorten.

16. Mai 2018

Es geschah so, wie es sich effektiv nicht vermeiden ließ. Gewitter waren zwar im Wetterbericht angekündigt, gegen 16 Uhr rieselte gerade ein schlapper Schauer hernieder, der soeben die Straße mit ein bißchen Feuchtigkeit bedeckte. Blauer Himmel über unserem Bürogebäude, daher verließ ich gegen fünf Uhr auf meinem Rennrad meinen Arbeitsplatz, und der Glaube an drohende Gewitterwolken war mir verloren gegangen. Doch schwarze Wolken fingen an, sich zusammen zu brauen, spätestens, als ich die Unterführung der Autobahnbrücke A565 hinter Bonn-Beuel passierte. Als ich die Kreuzung der Provinzialstraße erreichte, war es soweit. Die Bedrohung durch die Wolken entlud sich in Blitz und Donner, dem ein prasselnder Regen folgte. An eine Weiterfahrt war nicht mehr zu denken, so dass ich unter dem Dach der Reithalle Schutz suchte. Ich wartete und harrte aus, doch das Gewitter blieb auf der Stelle stehen. Es schüttete weiter, bis ich die abnehmende Intensität des Gewitterschauers nutzte, um mein Rennrad zu schieben. Die Bindfäden von Regen lichteten sich, einsam begleitete mich das Szenario von Regen, in die sich keine Menschenseele hinein traute. An der Peripherie des Industriegebietes flackerten Scheinwerfer auf, Autos, deren Scheibenwischer sich durch die Regenmassen hindurch kämpften. Ich schob derweil, wobei ich dem Spritzwasser entkommen wollte, wenn ich die Weiterfahrt gewagt hätte. Es hatte sich nicht vermeiden lassen, in solch einen Gewitterschauer hinein zu geraten. Zu Fuß, kam ich mit einer Verzögerung von fast einer Stunde zu Hause an.

17. Mai 2018

Helfersysteme, unter diesem Thema hatte die Schulleitung der Realschule zu einem Elternabend eingeladen, der inhaltlich werthaltig war. Es ging um Konfliktsituationen und Mobbing, Krisen in der jugendlichen Entwicklung, um Fragen der Motivation und negative Einflussfaktoren für schulische Leistungen, die allerdings keinen allzu großen Kreis der Eltern zu interessieren schienen, da weitaus mehr Personen aus den Helfersystemen anwesend waren als Eltern. Der Abend begann mit einem Rollenspiel von Schülern, die zu den Streitschlichtern gehörten, dann stellten sich drei Beratungslehrerinnen vor, die in Streit- und Konfliktsituationen zur Verfügung standen. Eine eigene Sozialpädagogin, die das Thema Förderbedarf erläuterte, stand ebenso zur Verfügung. Der schulpsychologische Dienst, ansässig in der Kreisverwaltung Siegburg, erläuterte deren Einsatzfelder bei Lernen, Leistungen, Sozialverhalten, psychischen Belastungen oder schulischen Krisen. Sogar ein Polizist war in seiner Uniform anwesend und beschrieb seine Rolle so, dass es sie eigentlich gar nicht geben sollte. Das sei der allerletzte Schritt, wenn alle Möglichkeiten des Miteinanderredens ausgeschöpft seien. Strafverfahren würden bei Schülern zwar eher eingestellt als bei Erwachsenen, doch die Prozedur sei identisch. Anzeige, Strafverfolgung, Zeugenaussagen, Bemühung der Instanzen der Staatsanwaltschaft. Als Resumée fasste die Schulleiterin Nicole Schule zusammen, dass ihre Realschule, was Konfliktsituationen, Mobbing, Gewalt oder Verbrechen beträfe, nicht schlechter dastehen würde als andere Schulen. Es gäbe stets einen Kreis von rund zehn bis fünfzehn Schülern, den sie als Problemfälle betrachten würde. Diesen würden andere Schüler wiederum als Mitläufer hinter rennen, doch diese Kreise seien in der Regel übersichtlich und beherrschbar. Wichtig sei das Gespräch miteinander, der offene Umgang, die Erforschung der Ursachen und das Einbeziehen der Eltern. Da die Schülerzahlen im Vergleich zu anderen Schulen eher klein seien, bekräftigte die Schulleiterin Nicole Schulze, dass es beinahe familiär zugehe. Und alleine dieses Umfeld sei keine Basis für Gewalt oder Exzesse. Es war ein höchst informativer Abend, an dem ich einige Adressen und Telefonnummern mitgeschrieben habe.

18. Mai 2018

Wenn es mit dem Rennrad in die Eifel geht, dann umgibt mich sogleich ein anderes Gefühl der Intensität. Von Bad Neuenahr aus stieg die Straße ordentlich an, und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Scheitelpunkt erreicht war. Die Wald war auf diesem Anstieg dichter und geheimnisvoller. Kurven krümmten sich in scharfen Knicken den Berghang entlang. Als sich die Felder vor Königsfeld öffneten, ragte der Blick in die unbestechliche Weite der Vulkaneifel. In der Ferne betteten sich die Kuppen der erloschenen Vulkane in die wilde Mittelgebirgslandschaft hinein. Die Abfahrt nach Königsfeld begeisterte. Düstere, graue, schwere, bleierne Steinkreuze erinnerten als Zeitzeugen an den vulkanischen Ursprung. In Sinzig angekommen, begeisterte der große Platz vor der Kirche St. Peter jedes Mal aufs Neue mit seiner Großzügigkeit und mit seiner Botschaft, dass es im Rheinland noch Ecken gibt, die nicht kompromisslos zugebaut sind. Auch dies war ein Gefühl der Intensität und Weite, allen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Die Beine hoch legen, ein Weizenbier trinken und den Rest der Strecke mit einem Umweg – von Sinzig nach Remagen war die Bahnunterführung gesperrt – durch zu starten.

19. Mai 2018

Kaiser Barbarossa, ein zu tiefst europäischer Kaiser ? Ein würdiger Nachfolger des Europäers Karl dem Großen ? Sinzig, die Stadt über dem Ahrtal kurz vor der Rheinmündung, nennt sich stolz „Barbarossastadt“, da sich der römisch-deutsche Kaiser mindestens viermal vor und nach all seinen Schlachten und Kriegen in der kaiserlichen Pfalz in Sinzig aufgehalten hat. Rund 300 Jahre nach dem europäischen Imperium Karls des Großen, eroberte der Kaiser Barbarossa in den Jahren nach 1155, seiner Kaiserkrönung, ein Reich, das weite Teile von Deutschland und Italien umfasste. Obschon nur noch kümmerliche Überreste die Existenz der einstigen kaiserlichen Pfalz bezeugen, fühlt sich die Stadt Sinzig mit dem namensgebenden Kaiser innig verbunden. Vor einem Jahr entstand die Idee, einen Barbarossa-Skulpturen-Rundweg zu schaffen, der sechzehnmal stolz den Kaiser zeigt, der im Jahr 1190 bei einem Kreuzzug in der heutigen Türkei ums Leben kam. Einer der Skulpturen präsentiert den Kaiser selbstbewusst, wie er die Deutschland- und der Europaflagge umgehangen hat.

20. Mai 2018

Der Sonntag stand ganz im Zeichen des Kofferpackens. Unsere Waschmaschine war im Dauereinsatz, während meine Frau mit dem Bügeln vollauf beschäftigt war. Von Pfingstmontag bis zum Freitag würden Frau und Tochter eine Städtereise nach Berlin unternehmen. Ab dem frühen Nachmittag füllte sich dann der Koffer mit allem Notwendigen und Benötigten.

21. Mai 2018

Am Pfingstmontag hieß es, Abschied zu nehmen von Frau und Tochter, die über die Pfingstferien eine Städtereise nach Berlin unternahmen. Von Freiburg aus abreisend, stieß unsere große Tochter in Berlin hinzu. Pünktlich fuhr der ICE im Kölner Hauptbahnhof ein und genauso pünktlich verließ der Zug um 8:48 Uhr das Gleis 5 des Bahnhofs. Am Pfingstmontag sollten sich später die Ereignisse überschlagen. Vollgestopft mit Dingen, die zu erledigen waren, sollte ich die Abwesenheit meiner Frauen verbringen.

22. Mai 2018

Dass solch ein kleiner Bach solch ein Großprojekt ausgelöst hat, kann einem die Sprache verschlagen. Der Godesberger Bach, der normalerweise still und friedlich vor sich her plätschert, hatte sich bei dem Unwetter vom 4. Juni 2016 in einen reißenden Strom verwandelt, Teile des Ortes Wachtberg-Pech überschwemmt und die Brücke mitgerissen. Welcher Aufwand getrieben wird, um die Anwohner bei einem möglichen weiteren Hochwasser zu schützen, belegen die irrsinnigen Dimensionen des Brückenneubaus. 1,1 Millionen Euro soll die neue Brücke kosten, etwas mehr als ein Jahr wird auf der Baustelle gearbeitet. Um die Fundamente der Brücke neu bauen zu können, musste der Bachlauf in ein neues Flussbett verlegt werden. Man erkennt auch eine zusätzliche Röhre, die für den Hochwasserschutz gebaut wurde. Sollte nochmals ein solches Unwetter wüten, könnten Pumpen die Abwasser der östlich der Brücke gelegenen Häuser über eine Druckleitung auf die gegenüberliegende Seite der Brücke befördern.

23. Mai 2018

In der letzten Nacht schimpfte ich darauf, dass die wirklich guten Filme erst zu einer nächtlichen Unzeit gesendet werden. Arte zeigte Spielfilme und Dokumentationen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg befassten. Zunächst war es um 20.15 Uhr der Prozess gegen Sophie Scholl bis zum Urteil über die Hinrichtung, es folgten zwei Sendungen über Konzentrationslager. Um 0:50 Uhr lief der Spielfilm „IPU – a Farewell to Fools - aus dem Jahr 2013, in dem es um einen in Rumänien umgebrachten deutschen Soldaten ging. Die deutschen Besatzer forderten das Dorf auf, dass sich bis zum nächsten Morgen um 5 Uhr entweder den Täter stellen sollte oder die zehn Dorfältesten würden hingerichtet. IPU – gespielt von Gérard Dépardieu – gab eine Art von Dorftrottel ab, den die Dorfgemeinschaft bei einem abendlichen Festmahl überreden wollte, sich als Täter zu stellen. Mehrfach willigte IPU ein und war fasziniert von der Idee, sich für die zehn Dorfältesten zu opfern. Doch ein Rest von Zweifel blieb. Er verlangte, dass seine Beerdigung von der Messe bis hin zur Beisetzung geprobt wurde. Prompt wurde seiner Bitte nachgegangen und mitten in der Nacht wurde eine feierliche Messe inszeniert. Ob es soweit kam, dass er sich als Täter stellte, das bekam ich nicht mehr mit. Mittlerweile war es zwei Uhr nachts, und ich wollte ich meinem Körper nicht zu viel Schlaf entziehen. Genau genommen, waren es vier Stunden Schlaf von zwei Uhr nachts bis sechs Uhr morgens, als der Wecker mich aus dem Bett bimmelte.

24. Mai 2018

Ein vorsichtiger Abstecher vom Krankenhaus in Erkelenz nach Maaseik in Belgien, wo ich etwas mehr als eine Stunde verbrachte. Es ist bestimmt 20 Jahre her, als ich das letzte Mal in Maaseik war, und die nie nachlassende Anziehungskraft Belgiens führte mich nun ausgerechnet in dieses kleine Städtchen. Wieso Maaseik ? Welcher Deutsche kennt überhaupt diese Kleinstadt an der Maas, an der belgischen Seite der Maas ungefähr auf halber Strecke zwischen Roermond und Maastricht gelegen ? An Belgien hatte ich stets die großen Plätze mit alten Häusern, schmuckvollen Giebeln und voller Cafés geschätzt, wo man in aller Ruhe und Gemütlichkeit die Zeit auskosten konnte. In Maaseik lag einer dieser Plätze mit vielen Häusern aus der Renaissance mit stolzen Fassaden. Bis in das 18. Jahrhundert hinein hatte es das kleine Städtchen über den Tuchhandel zu Wohlstand und Reichtum gebracht. Mit den Gebrüdern van Eyck und ihrem Denkmal auf dem Marktplatz verbindet Maaseik in erster Linie die Malerei. Um 1390 in Maaseik geboren, verbrachten sie dort ihre Jugend. Ihre großen Werke schufen sie allerdings in Gent und Brügge. Mit anderen großen Namen wie Rogier van der Weyden oder Robert Campin waren sie die allerersten, die Gemälde als Ölmalerei malten. Nachdem ich so viel Kunst, Kunstgeschichte und maasländische Renaissance eingeatmet hatte und nachdem ich mir eine Portion Fritten genehmigt hatte, die in Deutschland nie den belgischen Qualitätsstandard erreichen werden, machte ich mich auf die Rückfahrt.

25. Mai 2018

Trotz meiner Vorliebe, die Dinge ungestört und in Freiheit zu gestalten, war ich im Endeffekt froh, als der ICE 856 um kurz nach halb neun im Kölner Hauptbahnhof einfuhr. Im letzten Moment musste ich von Gleis 8 nach Gleis 6 eilen, mich durch das Menschengewühl kämpfen und die Treppen an den beiden Gleisen ab- und auf zu schreiten, weil sich wegen der Verspätung von 25 Minuten das einfahrende Gleis geändert hatte. Als ich meine beiden Frauen mit offenen Armen in Empfang nahm, war das Gefühl der Erleichterung groß, denn während ihrer Abwesenheit hatte ich ein groß angelegtes Programm abzuspulen. Die Herausforderungen des Alltags, geplante und ungeplante, hatten mich vor mich her getrieben. Der Job im Büro, das war Standardprogramm, Schwiegervater versorgen und kochen, das war auch mehr oder weniger Standardprogramm, die Unkrautvernichtungsaktion beim Schwiegervater fiel noch in den Bereich des Planbaren. Die Tagesabläufe durcheinander brachte vollends, was im eigenen Garten zu erledigen war. Die Gießerei, wenn es zu trocken war, kam zu kurz, dann musste Kopfsalat, der im Zustand des Schießens begriffen war, irgend wie verspeist und gegessen werden. Dann kamen noch einzufrierende Pastinaken und Porree im Keller dazu, was mir dann Gemüseputzaktionen bis 23 Uhr nachts verschaffte. Vollständig aus dem Ruder gerieten die Zeitabläufe, weil ich zweimal zum Vater ins einhundert Kilometer entfernte Erkelenzer Krankenhaus fuhr, der genau am Abreisetag meiner beiden Frauen dort eingeliefert worden war. In den Tagen, die meine beiden Frauen zum Städtetrip nach Berlin führten, war bei mir nur Vollgas. Ruhepausen vor dem Fernseher höchstens ab elf Uhr abends, so dass nicht daran zu denken war, die Dinge ungestört und in Freiheit zu gestalten.

26. Mai 2018

Vergleiche mit dem Ruhrgebiet dürften aus der Luft gegriffen sein, dennoch haben sich, so denke ich, die Stimmungen der Industrieromantik vom ursprünglich qualmenden und rauchenden Ruhrgebiet in das Umland zwischen Köln und Bonn verschoben. Wer hat sie nicht vor Augen, die romantisch inszenierten Stimmungen von Hochöfen und Zechen, wie man sie etwa aus den Tatort-Krimis mit dem inzwischen verstorbenen Götz George alias Kommissar Schimanski kennt ? Das Stahlwerk von Duisburg-Rheinhausen ist inzwischen abgerissen, Ende dieses Jahres wird die letzte Zeche in Bottrop schließen. Die Industrie, allen voran die Chemie, erfährt im Kölner Umland keinerlei Niedergang wie etwa Kohle und Stahl im Ruhrgebiet, im Gegenteil. Die Schornsteine rauchen, sie blasen Kohlenwasserstoffe in die Atmosphäre. Der chemischen Industrie geht es bestens, den Zukunftsperspektiven ebenso. Über dem Rhein vor Wesseling hat sich die geballte Ladung von Schornsteinen aufgestellt, ein undurchdringliches Wirrwarr von Destillieranlagen, Röhren und Kesseln. In der Abendstimmung verwandelt sich das abstoßende Gesicht der Chemie in einen Hauch von Schönheit, wenn die untergehende Sonne den Himmel in einen sanften Unterton von Rot hinein taucht.

27. Mai 2018

Eine hübsche Sammlung, die beim Umräumen im Keller zum Vorschein gekommen ist. Der Drang unserer Tochter hat nachgelassen, viel und ausdauernd mit LEGO zu bauen. Ihre Leidenschaft wendet sich nun ihrem Aussehen und musikalischen Vorlieben zu. LEGO Friends, LEGO Creator, LEGO City: hübsch und voller Phantasie sind all die Automodelle, die unsere Tochter vor kürzerer und längerer Zeit zusammen gebaut hat. LKW, Bus, Wohnwagen, Cabrio oder Sportwagen: es ist schön anzuschauen, was vom Boden unseres Abstellraums an die Oberfläche des Tisches gekommen ist. Die in allen Facetten geformten Steine, die die Welt bedeuten, werden nie in Vergessenheit geraten. Sie bewahren die Zeitlosigkeit, mit der wir selbst als Kinder und unsere eigenen Kinder mit LEGO gespielt haben und noch spielen.

28. Mai 2018

Es ist meine persönliche Betroffenheit, die mich im Angesicht solcher Ghost Bikes erstarren läßt. Es geschah im Februar 2016, als ein Autofahrer auf dem Trajektknoten vor der Museumsmeile eine rote Ampel überfuhr, mich auf meinem Rennrad übersah und die rechten Körperhälfte erfasste. Dass ich nur ein paar Quetschungen, Prellungen und eine blutende Stirn davon trug, hatte ich dem Reflex zu verdanken, dass ich nach der Bremse griff, die das Rennrad augenblicklich zum Stillstand brachte. An dieser Stelle an der Autobahnausfahrt in Köln-Porz-Wahn lief der Fahrradunfall nicht so glimpflich ab wie bei meinem Zusammenstoß am Bonner Trajektknoten, sondern es war ein Unfall mit Todesfolge. Von der Autobahn aus kommend, hat hat der Autofahrer an der Einmündung auf die Durchgangsstraße durch Köln-Porz-Wahn möglicherweise den Fahrradfahrer übersehen und ihm die Vorfahrt genommen. Zum Gedenken an diesen tragischen Unfall wurde ein Ghost Bike aufgestellt, dessen Idee aus den USA stammt und seit 2008 in Deutschland übernommen wurde. Ghost Bikes sind mittlerweile ein weltweites Phänomen, da sich der 16. Mai als weltweiter Gedenktag an im Straßenverkehr getötete Fahrradfahrer etabliert hat. Ganz in Weiß gekleidet radelten die Teilnehmer an diesem Tag auf einer „Road of Silence“ - entlang der Ghost Bikes.

29. Mai 2018

Eine nicht so einfache Prozedur. Als ich letzten Freitag den Vater im Krankenhaus Erkelenz besuchte, hatte ich die Flexibilität und Kundenfreundlichkeit der zuständigen Ärztin gelobt. Rund zehn Minuten später, nachdem ich bei der Krankenschwester nach dem zuständigen Arzt nachgefragt hatte, stand sie mir für ein Gespräch zur Verfügung. Das Thema Kurzzeitpflege hörte sich interessant und zielführend an, um den Bruder und die eigene Mutter zu entlasten. Der Sozialdienst sei eingeschaltet und würde uns ein Angebot in einem Umkreis von 20 Kilometern unterbreiten. Als ich in dem bürokratischen Apparat des Krankenhauses nachfragte, war dem überhaupt nicht so. Die Aussage, der Sozialdienst würde ein Angebot unterbreiten, sei falsch. Die Mitarbeiter verfügten lediglich über Informationen, in welchen Pflegeinrichtungen noch Plätze frei seien, und dies seien Pflegeeinrichtungen in Jülich, Aldenhoven und Bad Münstereifel (was außerhalb des 20 km-Umkreises liegt). Darüber hinaus müssten sich die Angehörigen selbst darum kümmern. Das war dann doch komplizierter als wir vermutet hatten. Einstweilen fragen wir in Mönchengladbach und im Südteil des Kreises Viersen nach, was auch noch innerhalb des 20 km-Umkreises liegen kann.

30. Mai 2018

Als wir die Paprika in das Hochbeet einpflanzten, ließen sich Misstöne nicht vermeiden. Im Hochbeet sollte der Kompost in die Löcher verteilt werden, aber nicht um die Paprikapflanzen herum, die ich aus dem Hochbeet heraus genommen hatte, so hieß es am Vortag. Ich bekam allerdings den Unterschied nicht auf die Reihe, dass wir über feinen und krümeligen Kompost verfügten, der durch das Sieb hindurch rieselte, während der grobe und zusammen klumpende Kompost übrig blieb. Die Misstöne erklangen, als ich das Hochbeet genau umgekehrt mit dem Kompost bedeckt hatte, wie ich es hätte machen sollen: zuerst grober Kompost um die Paprikapflanzen herum, dann feiner Kompost auf den groben Kompost und in die Löcher hinein, so hätte es sein sollen. Gemeinsam erledigten wir dann die richtige Verteilung des Komposts, die Paprikapflanzen pflanzten wir in die Löcher hinein. Später bedeckten wir die Kompostschicht wiederum mit einer Schicht Blumenerde. Nun warten wir ab, dass die Paprikafrüchte mit viel Liebe wachsen und reifen und bald geerntet werden.

31. Mai 2018

Wie sehr die Qualität der Star Wars-Kinofilme schwanken kann. War ich von der letzten Star Wars-Episode, die Anfang diesen Jahres in den Kinos lief, noch vollkommen enttäuscht, so war der neue Film „Han Solo“ einiges besser gemacht. Nicht Harrison Ford, sondern ein junger Schauspieler, Alden Ehrenreich, Anfang 20, brachte seinen jugendlichen Tatendrang und eine Vision mit. Er setzte alles daran, Raumschiffpilot zu werden, davon einer der exzellentesten und besten, und mit seinem aufgesetzten Grinsen im Cockpit, wie er sein Raumschiff auf Hyperraumgeschwindigkeit beschleunigte, meisterte er sicher und souverän selbst schwierigste Missionen – um etwa dem Schlund eines Mahlstromes zu entkommen. Die Story war nicht schlecht gemacht, wie er sich mit Chewbacca verbündete, der ihn eigentlich umbringen sollte. Seine Freundin, die er auf dem Planeten zurück lassen musste, von dem er geflohen war, traf er später wieder, allerdings in einer geänderten Konstellation. Sie war nun die arrangierte Geliebte des Auftraggebers seines Kumpels, den er bei einer zwischenzeitlichen Militärausbildung kennen gelernt hatte. Mit ihm ging er auf Beutezüge nach Koaxium, einem Supertreibstoff für Raumschiffe. Die Abenteuer auf der Jagd nach dem Koaxium waren der Haupterzählstrang, der mancherlei Überraschungen bereit hielt. So wurde das Narrativ aus der Kolonialzeit eingebaut, wie die unterdrückten Völker den Aufstand gegen die Kolonialherren wagten. Sich am Ziel wähnend und den destillierten Supertreibstoff in Metallbehältern abgefüllt, wurden Han und sein Kumpel umringt von Eingeborenen, die Bedingungen stellten und den Marktpreis des Supertreibstoffs einfordertenn. Anders als in den anderen Star Wars-Filme, folgte keine Materialschlacht von Raumschiffen und Kriegern, sondern ein Zusammenbrechen von Machtstrukturen auf der Beziehungsebene. Hans Freundin verweigerte den entscheidenden Dolchstoß, weil die Liebe zum Auftraggeber Hans nur arrangiert war. Der Schwertfluch traf nicht Han, sondern ihren scheidenden Geliebten. Virtuell flackerte das gottähnliche Bild eines noch Mächtigeren als ihren getöteten Herren auf, während Han sich Chewbacca zuwendete und mit ihm als treues Paar in das Ende des Films hinein schlenderte.

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