ein ereignisreicher Pfingstmontag

Es war ein Tag, der mit einem Abschied und frischen Eindrücken begann, sich mit mancherlei Ereignissen fortsetzte und in Ohnmacht und Ernüchterung endete.

Fünf Tage Berlin gönnten sich meine Frauen, indem sie die Pfingstferien mit einer Städtereise auskosteten. Freiburg und Köln, von diesen Hauptbahnhöfen fuhren sie los. Während genau um 8 Uhr 48 der weiß-rot gestreifte ICE, der als Hochgeschwindigkeitszug an die 280 km/h auf die Schiene bringen würde, das Gleis 5 im Kölner Hauptbahnhof verließ, stieg ungefähr um dieselbe Zeit unsere große Tochter in Freiburg ein. Mit einer Verzögerung von rund zwei Stunden würden sich dann alle meine Frauen an diesem Pfingstmontag in Berlin begegnen.

Der Abschied war leicht, obschon die Beschilderung der ICE-Waggons Verwirrung stiftete. Zwei Sitzplätze im Wagen 33 waren reserviert, und auf dem Bahnsteig war nichts eindeutig. Keine Nummerierung der ICE-Waggons, anstatt leuchtete auf einem Bildschirm im Inneren des vor uns eingefahrenen Waggons die Wagenzahl 64 auf. Diese lag allerdings astronomische Größenordnungen von der Reservierung im Wagen 33 entfernt. Das unerklärliche Rätsel löste sich erst sehr spät, kurz vor der Abfahrt. Am Eingang des nachfolgenden Waggons unterlegte ein Schrägstrich alternative Reihungen: je nach Nummerierung war es entweder der Wagen 63 oder 33. War den Verantwortlichen der Deutschen Bahn jegliches Denken in logischen Maßstäben abhanden gekommen ?

ICE im Kölner Hauptbahnhof (oben), Kirche St. Andreas (unten)

Die Anwesenheit in der Stadt Köln, dessen Faszination auf mich nie nachlassen würde, nutzte ich für einen kurzen Abstecher. Diesmal spazierte ich ein Stück abseits, nicht zum alles überragenden Dom, sondern zum Andreaskloster, das an der Ecke von Kamps anscheinend ein Treffpunkt von Reiseführern war. Zwei Stadtführer, die sich auf Holzstühlen vor der Bäckerei in die Länge streckten, zählten die Touren auf, Bus, Brauhaustour, die Altstadt zu Fuß. Gleichzeitig hielt ein Bus, aus dem ein Schwarm von Touristen ausstieg, den ich ziemlich eindeutig nach Ostasien verorten konnte, Japaner, vielleicht Chinesen. Um im Vorbeigehen neue Ecken von Köln kennen zu lernen, drehte ich ein Runde um das Andreaskloster. Da ein Hinweisschild an dem viereckigen, dran geklatschten Gebäudetrakt im Stil eines Bauklotzes auf die Dominikaner hinwies, schlussfolgerte ich, dass hier der gleichnamige Orden der Dominikaner hier beheimatet war. In die romanische Kirche, die im Jahr 947 der damalige Kölner Erzbischof Bruno weihte, traute ich mich nicht hinein, weil genau in diesem Moment ein Gottesdienst abgehalten wurde.

Anstatt dessen strebte ich zurück zum Hauptbahnhof, um mich zu Hause um den Schwiegervater zu kümmern. Hörgerät einsetzen, Hemd zuknöpfen. Danach lümmelte ich mich eine Weile ohne meine Frauen im Haus herum, unproduktive Tätigkeiten, Zeitung lesen, im Internet surfen.

Mit unserem Sohn einigte ich mich, dass Fast Food à la Mc Donalds nicht das favorisierte Mittagessen war, sondern ein Rest Maultaschen mit einem Rest Soße in der eigenen Küche. An das Mittagessen schloss sich ein Kinobesuch an. Es ging in den Film „Deadpool 2“ ins Troisdorfer Kino, der überreichlich Action-Szenen lieferte, die mitunter an die Grenzen des Erträglichen gingen. Deadpool, der wie ein verkappter Superman aussah, verkörperte sozusagen einen Anti-Held, der einerseits nicht getötet werden konnte und wieder auferstehen konnte, sich aber andererseits nicht als Superheld und Befreier der Weltgeschichte von allen Übeln in den Vordergrund drängeln wollte. Unser Sohn klärte mich über meine Wissensdefizite auf. Deadpool entsprang einer Comic-Serie, in der auch die X-Men die Figuren von starken Kämpfernaturen darstellten. In diesem Kinofilm kam es zu einer Teambildung von Deadpool und der X-Force, so dass sich die Schlagkraft verdoppelte. Dieses Übermaß an Schlagkraft bändigte schließlich das Böse in einem Jungen.

In so manchen Szenen, in denen der schwarze Humor auf die Spitze getrieben wurde, vermochte ich sogar herzhaft mitzulachen. Obschon der Kinofilm nicht unbedingt die tiefsinnige Machart mit fein heraus gearbeiteten Charakteren war, der ich zugeneigt war, war es schönes Familienerlebnis zu zweit.

Zu Hause angekommen, durfte ich mich mit dem Abendessen beschäftigen. Kopfsalat aus dem Garten lesen und zubereiten, Cevapcici anbraten, Bratkartoffeln. Das Essen bruzzelte gerade in der Pfanne, da meldete sich die Mobilbox meines Handys. Es war meine Mutter. Meinem Vater ginge es schlecht, ich solle zurück rufen. Nachdem wir zusammen mit dem Schwiegervater gegessen hatten, rief ich zurück. Ich erwischte genau den Moment, dass ich mit dem Pflegedienst telefonieren konnte, der sich gerade um meinen Vater kümmerte. Ein Arzt war gerufen worden, um eine genauere Diagnose zu treffen. Mein Vater, wohnháft in Wegberg bei Mönchengladbach, leide an Atemnot und müsse ins Erkelenzer Krankenhaus. Ob ich kommen könne, fragte meine Mutter. Sie sei mit ihren 81 Jahren zu ermattet, um all den Kram der Formalitäten im Krankenhaus zu erledigen. Mein Bruder verweilte im Urlaub am Starnberger See, außerdem hatte meine Mutter weder einen Führerschein, noch ein Auto zur Verfügung, um nach Erkelenz zu gelangen.

Auszug aus der Kinozeitung (oben), Parkschein Krankenhaus Erkelenz (unten)

Also machte ich mich kurz vor acht auf den Weg ins einhundert Kilometer entfernte Erkelenz. In der Notfallaufnahme des Krankenhauses gelang mir eine Punktlandung. Es war kurz nach neun Uhr, als nur wenige Minuten nach meiner Ankunft der Rettungswagen mit meinem Vater eintraf.

Die Hoffnung, ich müsse nicht im Stockfinsteren die einhundert Kilometer zurück fahren, verflog rasch. Zwar leitete man mich unmittelbar in den Behandlungsraum zu meinem Vater, doch die Prozedur der Diagnose und der genauen Behandlungsform musste in den nötigen Einzelschritten abgearbeitet werden. Es wurde fleißig gemessen, und auf den Monitoren der Messgeräte flackerten Kurven im Zickzack auf, deren Interpretation den Experten überlassen wurde. Und ich musste tatsächlich ins zehn Kilometer entfernte Wegberg zu meiner Mutter fahren, um die Patientenverfügung zu holen. Nichts direkt Bedrohliches, denn es ging um die Art und Weise der Beatmung, wozu unter Umständen in der Patientenverfügung Aussagen getroffen wurden. Nichts direkt Bedrohliches, denn der Gesundheitszustand des Vaters hatte sich stabilisiert. Den Endpunkt des Wartens bildete der Kopierer. Zwei sich rührend kümmernde Krankenschwestern beförderten meinen Vater auf die Station C, wo sie den dort liegenden Patienten mit den Worten „sie kriegen Besuch“ begrüßten, obschon der Zimmergenosse fest schlief. In den Mappen von Unterlagen befand sich auf der Station C das Original der Patientenverfügung. Ich bat darum, das Dokument zu kopieren, damit ich das Original mitnehmen konnte.

Der Gang des Gebäudetraktes der Station C war lang und unheimlich, wo die Krankenschwester entlang schreiten musste. Den zusammen gehefteten Satz der Patientenverfügung in der Hand, erinnerten mich die Dramatik und die gleichzeitige Leere an die Gerichtskanzleien in dem Roman „Der Prozess“ von Kafka. Da der Kopiervorgang nicht so endlos auf sich warten ließ wie die eintönige Länge des Gangs, schaffte ich es irgend wann doch nach Hause zurück.

Es war ziemlich genau um Mitternacht, als ich zu Hause eintraf. An Schlafen war allerdings nicht zu denken, denn mit dieser turbulenten Entwicklung war ich vollkommen aufgedreht.

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