Black Friday

Es wird gedrängelt, gestoßen und geschubst - für die angeblich besten Schnäppchen des Jahres sind fast alle Mittel erlaubt. Jedes Jahr sind es unglaubliche Szenen, die sich in Amerika abspielen. Riesige Menschenmassen verstopfen schon am frühen Morgen Großstädte wie New York oder San Francisco. Es ist „Verbraucher-Nahkampf“, es ist „Black Friday“.

Dekoration mit Weihnachtsbaum aus Strümpfen

In den Vereinigten Staaten ist dieser große Einkaufstag schon seit Jahrzehnten eine feste Institution. Der Brückentag zwischen dem Thanksgiving-Fest und dem vierten Wochenende im November wird von den amerikanischen Verbrauchern geliebt und zelebriert, auch wenn es im Internet mittlerweile ebenfalls die Möglichkeit gibt, ohne großes Schubsen an diesem Tag einzukaufen. Doch live dabei zu sein - das lassen sich die Amerikaner nicht entgehen. Daher hat der „black Friday“ auch seinen Namen bezogen: die amorphen, dunklen, anonymen Käufermassen harren zum Ende der Nacht, im „Schwarzen“, der Dinge aus und warten auf die Sonderangebote. Mit dem „black Friday“ wird das Weihnachtsgeschäft nach vorne geschoben, und die Verkaufszahlen dienen als Indikator dafür, was sich das Weihnachtsgeschäft entwickeln wird.

The American Way of Life: ob Muttertag, Halloween, das Weihnachtsgeschäft oder auch der „black Friday“: aus diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das kulturelle Glanzlichter wie den Jazz, den Blues, den Rock’n’Roll oder Filmstars vom Format eines Charlie Chaplin hervor gebracht hat, schwappen die platten Mechanismen des Konsums herüber. Wenn Sonderangebote, Kampfpreise oder Schnäppchen locken, dann werden die tierischen Instinkte in uns wach, die ihre Lust durch Konsum befriedigen, wie sie etwa der amerikanische Marketingpapst Victor Lebow 1955 in seinem „Journal of Retailing“ beschrieb: „Unsere enorm produktive Wirtschaft verlangt, dass wir den Konsum zum Lebensinhalt machen, dass wir den Kauf und Gebrauch von Waren in Rituale verwandeln, dass wir unsere spirituelle Befriedigung, unsere Ich-Befriedigung im Konsum suchen. Wir müssen dafür sorgen, dass immer mehr Dinge konsumiert, verbraucht, aufgetragen, ersetzt und weggeworfen werden.“

So dominiert die schwarze Farbe die Geschäfte und den Einzelhandel. Poster und Hochglanzplakate in düsterem, einprägsamen Schwarz treiben die Aktion in die Schaufenster. Prozente drängen sich in den Vordergrund, Großbuchstaben von BLACK und SALE vereinigen sich. In manchen Geschäften sind die Wochentage durcheinander geraten, weil der „black Friday“ schon am Dienstag begonnen hat.

Aktionen im Einzelhandel

Instinkte, mit denen Steinzeitmenschen als Jäger und Sammler des Überleben sicherstellten, sind nun mutiert in einen Trieb der individuellen Jagd, die die in Massenproduktion hergestellten Waren zum Objekt der Sehnsucht werden lässt. Dem American Way of Life ist es zu verdanken, dass der Konsum sich als neues Lebensgefühl einbürgert hat, der Ausdruck einer individuellen Persönlichkeit war und Zugang zu einer Welt der Eleganz und des Wohlstands verschaffte. Jeder Kauf wurde zum sakralen Akt.

Das geschah in der Nachkriegszeit, und dies hatte auch seinen Grund. Europa hatte sich nach einem Weltkrieg selbst zerfleischt. Besatzungsmächte und Europäer suchten nach einem gemeinsamen Modell, das dauerhaft Frieden und Verständigung versprach. Das waren ökonomische, durch den weltweiten Handel geprägte Strukturen. Vom American Way of Life ausgehend, hat der Konsum als Lebensmodell die Welt verbessert, das lässt sich nicht leugnen. Je mehr Gesellschaften konsumieren, desto innovativer sind sie, desto wohlhabender, sicherer, friedlicher. Die Massenproduktion verbesserte das Los vieler Menschen. Nie litten so wenige Menschen Hunger, nie konnten mehr Menschen lesen und schreiben, nie war die Kindersterblichkeit niedriger, nie lebten mehr Menschen in Demokratien. Ohne Konsum wäre es nie so weit gekommen.

Die Käuferscharen sind los gerannt, sie sind in Boutiquen, Warenhäuser, Parfümerien eingedrungen, in Schuhläden drängeln sie sich mal mehr, in Juwelierläden mal weniger, und sie stöbern zwischen Kleiderständern oder Handtaschen herum. Der große Käufersturm ist ausgeblieben, das hat vielleicht ein Rest von rationalen Instinkten bewirkt. Es hat sich herum gesprochen, dass Rabattschlachten getürkt sein können. Bei Rabatten auf den Preisschildern muss es sich nicht um wirkliche Rabatte handeln: Käufer haben heraus gefunden, dass die Preise vor Rabattierung hoch gesetzt sein können, so dass im Endergebnis der normale, übliche Preis heraus kommen kann – ohne Rabatt.

dm spendet 5% des Tagesumsatzes

„Der Herbst kommt … die Blätter fallen … die Preise fallen – 20% auf alles“: es sind nicht immer die platten Parolen, die die Käufer anziehen sollen, sondern mitunter hat auch ein Körnchen Phantasie mitgewirkt. In manchen Schaufenstern modellieren sie individuelle Gestaltungen - so können in einem Schmuckgeschäft Rabatte auch gewürfelt werden: bis zu 18%.

Gänzlich aus dem Rahmen fällt – in einer Vorbildfunktion – dm. Die Drogeriekette wirtschaftet die höheren Umsätze am „black Friday“ nicht in die eigene Tasche und unterwirft diese irgendwelchen Gewinnmaximierungen, sondern dm spendet. 5% des Tagesumsatzes werden an die Aktion „Sterntaler Bonn e.V.“ abgeführt. Ein lobenswertes Beispiel, dem sich der übrige Einzelhandel anschließen sollte.

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