Urlaubstagebuch Freiburg - Europa-Park Rust

Endlosreihen von Parkplätzen auf der grünen Wiese; Familien, jung und alt, die hinein gesogen wurden in diese Traumwelt eines Freizeitparks; Menschenmengen, die sich zu einem langen Strom zum Eingang verdichteten; geradlinge Rolltreppen, die die Mühen des Gehens ersparten, so wie man sie von Flughäfen kannte; der Prolog des Europa-Parks, der sich in immer neue Verschnörkelungen von Blumenpavillons verlor, bis wir am Ziel waren; Eintrittspreise, die die kritische Frage nach dem Preis-/Leistungsverhältnis stellten, eine Fragestellung, die sich angesichts des gigantischen Aufwandes, die Besucher zu bespaßen, eigentlich erübrigte.

Mit einer Ausnahme, nämlich dem Legoland Günzburg, sind Freizeitparks nicht unbedingt mein Ding, obschon sie die Massen anziehen, Familenerlebnisse in aller Harmonie und Vielfalt bereiten und in ihren Detailgestaltungen wirklich schön gemacht sind. Wo beginnen im Europa-Park ? Wie sollte unsere Erkundungstour ablaufen ? Wie kamen wir am schnellsten zu den wichtigsten Attraktionen ? Da jeder Freizeitpark sein eigenes Konzept hat, suchten wir den Überflug mit dem EP-Express. Das sah praktisch aus, dass wir direkt hinter dem Haupteingang an dem Bahnhof Alexanderplatz in den EP Express zusteigen konnten. Das war Rollator-freundlich, wie der Zugang in weiten Schlangenlinien ausholte, eben und zugleich gemächlich ansteigend. Als der EP-Express eingefahren war, beeindruckte seine Barrierefreundlichkeit: ein gesondertes Abteil für Rollatoren, Kinderwagen oder Rollstühle, in dem sich demzufolge der Schwiegervater gemächlich mit seinem Rollator ausbreiten konnte. Und auf der Fahrt im Spaziertempo durch den Europa-Park sammelten wir erste Eindrücke, bis wir an der spanischen „estacion“ ausstiegen. Am Bahnsteig reihten sich historische Plakate, die Stierkämpfe in den großen spanischen Städten ankündigten, so sehr aneinander, dass man meinen konnte, ganz Spanien sei eine einzige Stierkampfarena.

Weniger barrierefreundlich gestaltete sich danach die Weiterfahrt, die wir von der bleiverglasten Bahnhofshalle aus starteten. In dem spanischen Bahnhof, einem großen Umsteigebahnhof, hielt oben der EP-Express, während in der unteren Bahnhofsplattform der kleinere Panoramaexpress weiter fuhr. Doch dieser Panoramaexpress hielt zu kurz, so dass wir an dem Rollator zogen und zerrten, um ihn in den Zwischenraum vor der Sitzfläche hinein zu bekommen, was gründlich misslang. Da wir den unentbehrlichen Rollator stehen lassen mussten, drehten wir eine komplette Rundfahrt mit dem Panoramaexpress durch den Europa-Park, bis wir an der spanischen Bahnhofshalle wieder zurück gekehrt waren. Und wenig Rollator-freundlich bis beschwerlich ging es weiter. Beinhartes Kopfsteinpflaster mussten wir bewältigen, klobig, klumpig, klotzig, ruppig, bis dieses in einen gestrichen glatten Asphalt überging.

Wildwasserbahn im Themenbereich Portugal

Nach all diesen spanischen Widrigkeiten schlenderten wir zum Themenbereich Portugal, wo uns eine gewisse Normalität des Freizeitparks einholte. Die Attraktionen bestimmten die Laufwege der Besucher, die Familienerlebnisse nahmen mit allerhand Überraschungsmomenten, Unterhaltung und Nervenkitzel ihren Lauf. Der Strom der Besucher zerlief sich, und gleich wurde es an der ersten Attraktion, die unsere Tochter ins Auge gefasst hatte, kribbelig. Sie hatte mich auserkoren für die Wildwasserbahn, einer Attraktion, der ich im Legoland Günzburg zum Beispiel nicht abgeneigt war. Doch diesmal schraubte sich der Anstieg in gewaltige Höhen, himmelwärts, hoch oben überragte die Wildwasserbahn nicht nur das Gelände des Europa-Parks, sondern sogar die oberrheinische Tiefebene, eingegrenzt von den Hängen des Schwarzwaldes, dem Kaiserstuhl, bis zu den Vogesen in weiter Ferne. Das sah in der Tat wild aus, in welche Höhen die Boote mit den Viererreihen gehievt wurden. Vom Boden aus die Dinge in der Warteschlange auf mich zukommen sehend, mochte ich den Anstieg nach hoch oben und den abschließenden Sturz in die Fluten des Wassers noch verkraften. Da war allerdings noch ein quer verlaufendes Zwischenstück in dieser schwindelerregenden Höhe mit dem weit ausschweifenden Blick auf Schwarzwald, Kaiserstuhl, Vogesen, wo die Wasserbahn erst nach unten, dann wieder nach oben glitt. Der finale Absturz in das Wasser auf dem sicheren Erdboden ließ dabei auf sich warten, weil die Wildwasserbahn zu lange in der atemraubenden Höhe schwebte. Dort kostete es mich einige Mühe durchzuhalten, bis ich froh war, überschäumt von einem klatschnassen Wasserregen, wohl bewahrt auf dem Erdboden wieder zurück gekehrt zu sein.

Es folgte der Themenbereich Island. Die Freizeitparkbetreiber hatten keinerlei Aufwand gescheut, skandinavische Wohnhausarchitektur in gediegenem Holz nachzubauen, wie man sie etwa aus Pippi-Langstrumpf-Filmen kennt. Das sah höchst beschaulich aus, wie Fischernetze an den Eingängen hingen, die senkrecht verlaufenden Holzbohlen wie frisch gestrichen, Holzfässer neben den Eingängen. Fischfang allenthalben, das besagten die weißen Rundschilder „Frisk Fisk“. Dann wurde Island allerdings rauher. Ich spürte vulkanische Eruptionen unter der Haut, als sich meterhohe Findlinge an einer Küstenlandschaft auftürmten. Ein Leuchtturm behielt einerseits den Überblick, andererseits wurde er überragt von einer auf Holzstelzen gebauten Achterbahn, die in schwindelerregende Höhen aufstieg. Danach wurde es geheimnisvoll. Alleine in seiner Optik, als gigantisches Holzbauwerk, war die Achterbahn der Kracher. Die Achterbahn riss ungeahnte Zuammenhänge zu der Wiege europäischen Kulturgutes auf. Was haben Isländische Sagas mit Achterbahnen zu tun ? Was meine Person betrifft, verkörpern diese Dinge Gegensätze, die sich nicht auflösen lassen. Während ich zugeneigt bin, ein Buch mit Isländischen Sagas in die Hand zu nehmen, steigert sich meine Abneigung ins Unermeßliche, mich nur in die Nähe einer solchen Höllenachterbahn zu bewegen. Und dennoch: einige Zeilen auf einem bronzenen Schild lieferten Hinweise, was es mit dem Höllenritt auf einer Schlange auf sich hatte. Viele Isländische Sagas waren im Mittelalter entstanden, und genauso, wie etwa auf dem europäischen Festland Legenden von Drachenkämpfen sich überliefert hatten, wurde auch in Isländischen Sagas mit Drachen gekämpft. Und in der Nordlandsaga waren es Schlangen, mit denen der Kampf besonders wild war. „ … aus den Tiefen der Nacht steigen Sagengestalten empor, in Asgaro dem Sitz der Götter beginnt dein wilder Ritt auf dem Rücken der Miogaroschlange“, mit diesem Zitat luden zwei Riesengestalten alle Mutigen ein, sich auf diesen Ritt auf der Schlange einzulassen, das Schwert mit beiden Händen fest umschlossen, während eine Bronzetafel die Nordlandsaga erzählte. Samt Rollator zogen wir beide den sicheren Erdboden vor, während Ehefrau und Tochter sich in die höllische Achterbahnfahrt hinein wagten. Ihre Gesichter sahen nach der Achterbahnfahrt gar nicht einmal zerknirscht aus, sondern die Gesichtszüge strahlten vor Begeisterung.

Themenbereich Island mit der Nordlandsaga-Achterbahn

Der Themenbereich Russland hatte sich der Weltraumfahrt verschrieben. Unter dem gebogenen Glasdach harrten die nachgebauten Teile der Weltraumstation Mir, deren Originale einst in das All geschossen worden waren, die kyrillischen Buchstaben MЍP scharf in das runde Profil der Rakete eingeprägt. Waagerecht darüber erhob sich das Teleskop, das einiges breiter war als die Weltraumstation, die Tellerform der Antennen in die Weiten des Himmels ausgerichtet. Zwischen vier verglasten Rundtürmen entdeckte ich das schwindlige Auf und Ab einer Achterbahn. Also wieder nichts für mich, so dass ich samt Schwiegervater mit festem Boden unter den Füßen wartete, während die beiden Damen hoch über der Weltraumrakete in der Achterbahn daher geschossen kamen.

Derweil wanderte der Blick zurück auf die Erde, nach Luxemburg, wo Ed’s Party Parade in Lauerstellung lag. Das war ein etwas schrulliger Umzug, gestaltet von Menschen und Fahrzeugen, die allerlei Besonderheiten bereit hielten, wobei ein Konzept oder irgendein Motto nicht wirklich erkennbar war. Mittendrin spazierte Ed, die Euromaus, mit blauem Frack und Zylinder; Ed jubelte mit erhobenen Händen in das Volk hinein. War das Europa oder auch nicht ? Ein Riese auf Stelzen, ein Klavier auf Rädern, die feuerroten Haare des Arthur im Reich der Minimoys. Eine blau-weiß-rot kostümierte Gruppe von Frauen schwenkte Fahnen aus europäischen Ländern, der Dachaufbau eines VW Käfers offenbarte Sehenswürdigkeiten aus Deutschland, darunter der Kölner Dom, der aber so schräg stand, dass es auch irgendeine andere Kathedrale in Europa hätte sein können. Eindeutig war die Schweizer Flagge: die Schweiz verband man mit dem Uhrmacherhandwerk und dem Radsport, so dass ein Zwerg auf einem Hochfahrrad mit einem Zifferblatt des Vorderrads daher fuhr. Die französische Flagge verwirrte mich vollends. Sie wehte vor dem Wagen, der die verschrobene Familie Wunderbar aus dem Film „Happy Family“ zeigte, der in Hannover gedreht worden war. Was hatte Frankreich mit den Hannoveraner Animationsstudios zu tun ? Das Konzept Europa ? Ed’s Party Parade klärte ihre Daseinsberechtigung mit ihrem Namen, denn die Euro-Maus wollte Spaß, Party und Feiern. Alle klatschten, waren in Feierlaune und sangen aus ihren Kehlen: „We gonna celebrate“, und der Umzug, der zum Stehen gekommen war, hörte nicht auf, diesen Refrain den Zuhörern einzuhämmern, unterbrochen von den Einzelstrophen:

„We're gonna have some fun! Bring all your friends along. We're gonna party hard, so put your hands in the air and let's go, go, go go! Right now it's going down, we're gonna celebrate, we're gonna celebrate.“

Ed's Party Parade

In der am Rande stehenden Menge nahmen die Besucher diese Botschaft an, sie klatschten mit, einige sangen diesen einprägsamen Refrain mit, ließen sich bespaßen von dieser schrulligen Ansammlung, die genauso heterogen und gespalten war wie die Europäische Union im politischen Einigungsprozess. Nachdem Ehefrau und Tochter ihren Spaß bei ihrer Weltraumfahrt gehabt hatten, marschierten wir weiter vom russischen Themenpark nach Skandinavien.

Der Übergang von den Wikingern zu den Windmühlen, oder von Skandinavien in die Niederlande, führte uns in die Entstehungsgeschichte des Europa-Parks. Der europäische Gedanke, der den Freizeitpark einigte, wuchs erst später, nachdem der Park zunächst als Märchenwald konzipiert war mit einer Handvoll von Fahrattraktionen. Als Familienunternehmen geführt, suchte ursprünglich der gelernte Karrosseriebauer Franz Mack, geboren 1921, mit seinem Sohn Lothar für sein in Waldkirch bei Freiburg beheimatetes Unternehmen, das Karrussels und Achterbahnen für Jahrmärkte herstellte, ein Testgelände, wo er seine Fahrgeschäfte einer breiten Öffentlichkeit vorführen wollte. Die Idee eines Freizeitparks, die daraus entstand, gestaltete sich schwierig, zumal Freizeitparks in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckten. Im ehemaligen Rheinfischerdorf Rust, 30 Kilometer nördlich von Freiburg, wurde Franz Mack schließlich fündig. Er kaufte 12 Hektar Gewerbegebiet mit einem Wasserschloss, das heute als Restaurant im deutschen Themenbereich genutzt wird, und wollte den Freizeitpark in dem Miteinander von Märchenwald und Teststrecke verpachten, was allerdings misslang, weil diese Kombination zu ausgefallen und zu abgedreht war: niemand interessierte sich für dieses merkwürdige Sammelsurium, so dass sich kein Pächter fand.

Als diese Ausgangssituation sich zwei Tage vor der Eröffnung noch nicht geändert hatte,

Als zwei Tage vor der Eröffnung noch keinen Pächter gefunden hatten, entschieden sich Franz Mack und sein Sohn, den Freizeitpark als Unternehmer in Eigenregie zu führen, neben ihrem Unternehmertum als Fahrgeschäft- und Wagenbauer. So eröffneten beide den Freizeitpark Rust schließlich am 12. Juli 1975. Der Europa-Park ist bis heute Familienunternehmen geblieben, nachdem der Sohn Lothar das Freizeitgeschäft an seine Söhne Thomas und Michael, beide Mitte dreißig, übergeben hat.

Der Freizeitpark entpuppte sich rasch als Selbstläufer und zog die Besucher in Scharen an, und weil viele ausländische Besucher nicht nur aus dem nahen Frankreich und der nahen Schweiz kamen, sondern aus ganz Europa und der ganzen Welt, entwarfen die Macks in den 1980er Jahren das Konzept der Themenbereiche. Sie gruppierten die Attraktionen nach europäischen Ländern, denen sie einen abgegrenzten Bereich zuwiesen. Sie steckten viel Detailarbeit hinein, die europäischen Nationen möglichst authentisch und landestypisch zu gestalten, danach benannten sie ihren Freizeitpark in „Europa-Park“ um.

Themenbereich Niederlande

Von Skandinavien bewegten wir uns in die Niederlande in den Wesenskern des Europa-Parks, das waren diejenigen Themenbereiche, die als erstes entstanden waren. Käse, Klompen, Windmühlen. Wir bummelten über die Dorpsstraat eines niederländischen Dorfes, das nicht nur Klischees bereit hielt, was man gemeinhin mit den Niederlanden verbindet. Glaubte man dem Mittelpunkt dieses niederländischen Dorfes, so geht den Niederländern eine Tasse Kaffee über alles, die in blauem Delfter Porzellan eingeschenkt wird. Genau solche Kaffeetassen in Delfter Blau drehten sich auf einer großen Plattform der „Koffiekopjes“, auf der sich wiederum die Kaffeetassen auf einer kleinen Plattform drehten.

Um die Mittagszeit lenkte der Themenbereich der Niederlande, der 1984 entstanden war, meine Aufmerksamkeit naturgemäß auf das Friethuys. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich die traditionelle Zubereitungsform der Fritten aus frischen Kartoffeln erkennen konnte. Zwei Backvorgänge, davon konnte ich die Fritten auf einer Aufschütte aus dem ersten Backvorgang erkennen, und die langen Stäbchen aus frischen Kartoffeln wurden in der Tüte gereicht. Nur das Platzangebot zum Hinsetzen war unter den Marktschirmen dürftig, so dass wir auf die indonesische Küche wechseln mussten. Das „Bamboe Baai“ hatte sich in der Ecke des niederländischen Dorfes verkrochen, die Sitzplätze lagen draußen im Schatten der typischen Treppengiebel mit einer abgerundeten Giebelspitze. An den Rundtischen, dessen Platte mit einer „Kaart von Nederlandsch-Indie“ bedruckt war, ließen wir uns die Frühlingsrollen, Asia Noodles mit Staudensellerie, Sojasprossen und einiges mehr, sowie einen Thai Chicken Salat, der nicht so ganz zu Indonesien passte, schmecken.

Ein Abstecher in den griechischen Themenpark, in die Achterbahn des Pegasus, in die Mythen von Poseidon und Kassandra, zu einer griechischen Windmühle mit dreieckigen Segeln, im Anschluss trotteten wir zu den nächsten Anfängen des Themenparkkonzeptes, das war Frankreich. 1982 noch vor dem niederländischen Themenpark entstanden, näherten wir uns Frankreich von dessen Rändern, so wie man etwa von Freiburg aus die Grenze nach Straßburg überqueren kann. Reichlich Fachwerk an einem Flusslauf, welche die elsässische Beschaulichkeit der „la petite France“ widerspiegeln sollte. Dahinter gelangten wir dann auf einen Platz, an dessen Ecke Cafés, Eisdielen und Restaurants einluden. Der Platz, dessen Aussehen es nicht entfernt schaffte, die Atmosphäre von Paris zu vermitteln, wurde dominiert von der silbernen Rundkuppel des Eurosat. Diesmal sparten wir uns die Hochgeschwindigkeitsfahrt im Inneren der Kuppel durch das Weltall, wo die Besucher in einer Dunkelachterbahn umher gewirbelt wurden. Die größte Achterbahn des Europa-Parks, der Silver-Express, mit seiner Höhe jegliche Dimensionen sprengend, mit seinem irrsinnigen Fahrprofil jegliche Courage erfordernd, mit seiner Fahrspur ausgreifend bis zu den Parkplätzen, sparten wir uns genauso. Der unwirkliche Platz, der nur flüchtige Schatten aus der „France profonde“, der Tiefe Frankreichs, zu vermitteln vermochte, war dennoch symbolträchtig. Auf einem Bronzedenkmal hatte man auf einem Pferd Jeanne d’Arc, eine Urfigur Frankreichs, hervor gezaubert. Und der „place de l’amitié“ stellte die deutsch-französische Freundschaft in seinen Mittelpunkt. Diesmal war es nicht Charles de Gaulle oder Konrad Adenauer, die als Symbolfigur herhalten mussten, sondern der Gendarm David Nivel, der 1998 während der Fußball-Weltmeisterschaft von deutschen Hooligans so schwer zusammen geschlagen wurde, dass er bis heute kaum sprechen kann, unter einer halbseitigen Lähmung leidet und auf einem Auge blind ist. Diesmal war es Berti Vogts, der damalige Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der auf die deutsch-französische Freundschaft schwor. Nach den brutalen Exzessen in Lens hat sich Berti Vogts mit seinem Besuch auf der Dankestafel auf dem „place de l’amitié“ verewigt.

Themenbereich Frankreich

Der Übergang zum Themenbereich Italien, 1982 eröffnet, war mediterran. Es öffnete sich eine großzügige Piazza, die mit soviel Detailarbeit gestaltet war wie das Wandmosaik mit dem Schriftzug „Piazza italiana“. SPQR, dieses Kürzel auf dem Mosaik, das dem antiken Rom entnommen war, versinnbildlichte die Gestaltung der „Piazza italiana“ mit antiken Säulen, königlichen Arkaden und einem geschwungenen Brunnen, der sich die Renaissance dankend bedient hatte. Zu dieser Epoche passte ein Glockenturm, vielleicht ein richtiger italienischer Campanile, mit Zwerggalerien unter der Turmspitze, die von einem viereckigen Dach abgeschlossen wurden. Das Gebäude am Glockenturm beherbergte eine „casa da Vinci“, in einer Drehung nach rechts führte eine Treppe nach oben, hinauf zum Lebenswerk des Universalgenies Leonardo da Vinci, dessen Traum vom Fliegen die Fahrattraktion „volo da Vinci“ beleuchtete. Bärtig, greis, gealtetert, mit schneeweißem, lang herunter hängende Haar weise und klug drein schauend, begrüßte uns die Figur des Leonardo da Vinci im Wartebereich. Dort beeindruckte er mit dem Nachbau von einigen seiner technischen Erfindungen, so eine Rundfestung mit heraus ragenden Kanonenrohren, die Leonardo da Vinci Ende des 15. Jahrhunderts für den Herzog von Mailand entworfen hatte, oder einem Schaufelradboot, dessen Schaufelräder über die Dampfkraft angetrieben werden sollten. Seiner Zeit war er Jahrhunderte voraus, als er einem dampfbetriebenen Antrieb auf einer Drehplattform für Kräne in Venedig entwickelt, sozusagen beinhaltete das Schaufelradboot den Prototypen einer Dampfmaschine.

Milano, Verona, Venezia, Bellaggio: nachdem wir auf unserer Fahrt mit dem „volo da Vinci“ einen letzten Blick auf die Plakate dieser italienischen Städte warfen, gingen im Schatten des Campanile die Themenwelten von Italien und Frankreich so nahtlos ineinander über, dass wir nicht bemerkten, dass die Marionetten-Bootsfahrt wieder zu Frankreich gehörte. In den Glaspavillons, an denen uns die Rundboote vorbei lotsten, erweckten Marionetten diverse Märchengestalten zu neuem Leben. Robin Hood, Max und Moritz oder Dornröschen waren in ihrer Gestaltung als Marionette wunderschön, doch bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass sie eigentlich null und gar nichts mit Frankreich zu tun hatten. Nur die Fabel von dem Fuchs und dem Raben konnte man dem französischen Dichter La Fontaine zuordnen. Seine Fabeln hatte unsere Tochter bereits in unserer Grundschule gelesen.

Gut gestärkt mit Kaffee und Kuchen, verließen wir das „la petite France“, das mit seiner Kuppel aus Metall und Glas ganz und gar nicht mit der Straßburger Nachbildung des „la petite France“ harmonisierte, das wir eingangs gesehen hatten. Mit schrumpfendem Zeitkontingent beschlossen wir, die Strecke zum Märchenwald mit dem Panorama-Express zurück zu legen. Wir wollten zu den Ursprüngen des Europa-Parks zurück kehren, dem Märchenwald, der 1975 zu den allerersten Anfängen des Europa-Parks gehörte, noch lange bevor jemand in den Dimensionen von europäischen Themenbereichen gedacht hatte.

Bahnen und jegliche Fortbewegungsmittel hatten ihre Tücken im Europa-Park, zumindest für Rollatoren und Barrierefreiheiten, das sollten wir nach unseren Erlebnissen rund um den spanischen Bahnhof abermals erfahren. Vom deutschen Themenbereich aus, den Brunnen mit den rund herum gruppierten 16 Wappen der deutschen Bundesländer in Sichtweite, warteten wir an dem grün-weiß gestrichenen Holzgeländer an dem Bahnsteig. Der Panorama-Express fuhr mit seiner grau-schwarzen Dampflokomotive ein, und nachdem sich die aussteigenden Fahrgäste in aller Hast auseinander dividiert hatten, mussten wir uns in die Sitzbänke einsortieren. Mit Rollator wurde diesem zum Problem, denn, zusammen geklappt, passte dieser mit Mühe und Not in den Freiraum hinein, wo man seine Beine ausstrecken konnte. Doch dieser Beinfreiraum war so beschränkt, dass meiner Frau die Beine eingequetscht wurden, um neben ihrem Vater Platz finden zu können.

Themenbereich Italien mit dem "volo da Vinci"

Die Beine leicht lädiert, wandelten wir im Märchenwald auf den Spuren der Gebrüder Grimm, die auf hohem Sockel von ihrem Denkmal ihre Märchen erzählten. Der Märchenwald, 1975 noch aus den allerersten Anfängen stammend, hatte vieles von seiner Originalität bewahrt. Der Märchenwald hatte etwas Umhüllendes, Verzauberndes, Versponnenes, das in alle Ewigkeit währen sollte. Die Mythen waren selbst sprechend, das Gute bekam es mit dem Bösen zu tun, und eine vereinfachende Welt bewahrheitete sich voller Weisheiten. Wir spazierten vorbei am Dornröschenschloss, wo in der oberen Etage der Prinz vor dem schlafenden Dornröschen kniete, vorbei an dem Hexenhaus von Hänsel und Gretel, wo hinter zwei kleinen Fensterläden die knorrigen Gesichtszüge einer uralten Hexe hinaus schauten, vorbei an Schneewittchen, das auf der Front einer Fußgängerbrücke mit ihren sieben Zwergen gemalt war, vorbei am Froschkönig, der in doppelter Gestalt auf den Seitenmauern des Ausgangs zum Land der Minimoys wies.

Da ich nicht die Gesamtheit aller Animations- und Zeichentrickfilme kenne, konnte ich mit Arthur und den Minimoys überhaupt nichts anfangen, so dass ich es im Angesicht von halsbrecherischen Achterbahnen vorzog, am Erdboden zu bleiben. Es war wunderbar und vollkommen harmlos, das berichteten mir im Anschluss Ehefrau und Tochter. Vierergondeln fuhren in eine grüne Kuppel hinein, wo die Geschichten von Arthur und der Prinzessin Selenia erzählt wurden. Allerlei Wichtel und Fabelwesen tummelten sich dort, und Arthur kämpfte gegen die Bösewichte der Minimoys, deren Herkunft aus Afrika sie in ihrer Stammeskleidung nicht verleugnen konnten.

Über die Fußgängerbrücke mit den beiden Froschkönigen auf den Seitenmauern kehrten wir zurück in den Märchenwald. Wir begegneten dem tapferen Schneiderlein, das etwas unscheinbar hinter dem kleinen Fenster heraus schaute, sowie Rapunzel, das von einem Turm ihr Haar herunter hängen ließ, dessen Fachwerk in der Turmspitze gut in eine romantische deutsche Kleinstadt hinein gepasst hätte.

Für den Rückweg zum Ausgang nutzten wir abermals den EP-Express. Wir querten ein kleines Stück des österreichischen Themenparks, und die Fläche mit dem Kopfsteinpflaster vor dem spanischen Bahnhof war auf dieser Gehstrecke deutlich kürzer.

im Märchenwald

Als wir mit dem EP-Express zum Bahnhof Alexanderplatz fuhren, spürten wir, dass der Abschied vom Europa-Park nahte. Vieles hatte wir gesehen und erlebt, doch im Gegensatz zum bekannten Phantasialand war alles größer, weiter, weitläufiger, bunter, vielschichtiger, offener. Die stromlinienförmige Bahn glitt lautlos über dem dicken Stahlträger daher. Von oben aus betrachtet, brachte die mäßige Geschwindigkeit des Zuges den Park in seinen ausklingenden Zügen zum Anfassen näher. Wir warfen einen letzten Blick auf die fein zurecht geschnittenen Beete, die blühenden Blumen in den Anlagen, auf Häuser, Dörfer, Städte, die sich zu Themenbereichen ansammelten und auf Achterbahnen, deren gewagte Stahlkonstruktionen ein Heldentum und Mut verkörperten. Obschon sich der Tag randvoll mit Erlebnissen gefüllt hatte, stellten wir ernüchtert fest, dass wir Länder wie Österreich, die Schweiz oder Deutschland nur an deren Rändern betreten hatten. Für Shows aller Art hatte die Zeit nicht gereicht. Musicals und Eistanz hatten wir verpasst, die Rock’n’Roll-Show und die Rückkehr des Prinzen in der spanischen Arena waren uns entgangen, für Hochleistungsartistik aus China und Flamenco-Tänze hatte die Zeit gefehlt, die Zaubershow und den Karneval in Venedig war uns verborgen geblieben. Und vieles mehr. Das war jammerschade, als wir den Ausgang verließen, der von allen Flaggen Europas gesäumt wurde.

In drei Sprachen bedankte sich der Europa-Park über dem Ausgang für unseren Besuch. „Danke, Merci, Thank You“. Mit dem Dankeschön wartete der Park mit einem Superlativ auf. Dreisprachig verkündete er stolz, dass er 2016 zum besten Park in der Welt gekürt worden war. „Meilleur parc des loisirs du monde“ in Französisch oder „best theme park worldwide“ in Englisch.

Als wir uns in den Verkehr auf der Autobahn A5 eingefädelt hatten, brodelte es. Ein Gewitter braute sich zusammen, die zwei Fahrspuren der Autobahn lenkten uns geradewegs hinein in pechschwarze Wolkenformationen, als wolle uns jemand diesen erlebnisreichen Tag verderben. Bei Herbolzheim schüttete es wie aus Kübeln, und das Wasser stand auf der Fahrbahn.

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