die Ahrmündung

Es waren ein Tennisplatz, ein Bogenschießplatz und ein Wohnmobil-Stellplatz, die den Stein des Anstoßes ins Rollen brachten. Sie sollten allerdings nicht irgendwo, auf freier Fläche oder im freien Feld entstehen, sondern im Stadtgebiet von Sinzig an den Auen der Ahr. Zum Glück für die Natur, durchkreuzten die Sinziger die Planungen, so dass sie verhinderten konnten, dass Tennisplatz, Bogenschießplatz und Wohnmobilstellplatz im Naturschutzgebiet gebaut wurden. Die Sinziger wollten aber noch mehr für die Natur heraus holen. Im Jahr 2000 gründete sich im Stadtteil Bad Bodendorf eine Interessengemeinschaft “Schutz der Ahrauen im Raum Sinzig“, die den Gedanken des Naturschutzes mit einem Projekt weiter entwickeln sollte, das in Deutschland einmalig sein sollte.

Die Naturschützer aus Bad Bodendorfer hatten nicht nur einzelne Naturschutzgebiete an der Ahr im Visier, sondern den kompletten Mündungsbereich der Ahr in den Rhein. Dies war ein eingegrenztes Areal von 55 Hektar, das die Bezirksregierung Koblenz 1977 samt Auenwiesen im Landschaftsplan als Naturschutzgebiet ausgewiesen hatte. 1992, mit Erlass der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, fand ein Umdenken auf europäischer Ebene im Naturschutz statt, indem das öffentliche Interesse an naturbelassenen Lebensräumen weiter gefasst wurde. Es wurden Lebensraumtypen klassifiziert und definiert, welche Arten in der Tier- und der Pflanzenwelt sich in welchen natürlichen Lebensräumen heimisch fühlen. Um solche natürlichen Lebensräume zu schaffen und zu erhalten, dazu stellte die Europäische Union Gelder bereit.

Mündung der Ahr in den Rhein

2000, als die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie unter dem Arbeitstitel „Schutzgebietsnetz Natura 2000“ in Deutschland umgesetzt wurde, erkannten die Naturschützer ihre Chance, im Mündungsgebiet der Ahr das Rad der Zeit ganz weit zurück zu drehen und die Natur von vorne beginnen zu lassen.

Das Mündungsgebiet der Ahr in den Rhein ist nämlich der einzige Mündungsbereich eines kleinen Flusses in einen großen Fluss in Deutschland, der die Form eines Flussdeltas heraus gebildet hat. Das zeigen Landkarten von vor 200 Jahren, als die Ahrmündung ein echtes Flussdelta mit mehreren permanent durchströmten Flussarmen geformt hatte. Von dem Flussdelta ist heutzutage kaum noch etwas zu sehen, außer einzelnen Altarmen, weil die Ahr begradigt wurde. Dies geschah 1855, als das Flussdelta bereinigt wurde, indem die Ahr von ihrer natürlichen Fließrichtung in einen geradliniges Flussbett hinein gesteckt wurde, dessen Rand mit Steinen aufgeschüttet wurde. In diesem neuen Flussbett verzweigte sich die Ahr in Trapezform, begrenzt durch Hochwasserdämme. Feuchtgebiete waren in dieser Trapezform längst ausgetrocknet. Lässt man die Ahr nun so fließen, wie sie es will, so der Ansatz der Naturschützer, dann wird sich die Fließgeschwindigkeit mit der Mündung in den Rhein stark verringern. Dann soll die Ahr, im Kleinen vergleichbar mit großen Flussdeltas wie die Rhone oder den Nil, unterstützt durch Rheinhochwasser, Sedimente aus Schlick, Sand, Kies und Schottermassen ablagern, im Flussbett hin- und her bewegen und ein neues Flussdelta heraus bilden.

2000, nach Aufnahme der Ahrmündung in das Schutzgebietsnetz Natura 2000, wurde dann der Masterplan erstellt. Aus Geldtöpfen der Europäischen Union und des Bundes flossen 320.000 Euro, die dann von 2003 bis 2004 in dem Naturschutzprojekt der Renaturierung der Ahrmündung realisiert wurden. Im Masterplan bemühten sich die Verantwortlichen, die Begradigungsmaßnahmen der Ahr, die 1855 geschahen, wieder zurück zu bauen. Dabei handelte es sich um eine Länge von 650 Metern, wo die Ahr im Mündungsbereich begradigt worden war.

Radweg entlang des Rheins (oben), Holzbrücke über die Ahr (unten)

Um dem Flussbett eine natürliche Fließrichtung zu ermöglichen, wurden Steinaufschüttungen am Ufer wieder abgetragen. Innerhalb der Vorlandflächen wurden Laufverschwenkungen eingebaut. Sofern sich Kies im Flussbett angesammelt hatte, wurde dieser als Geschiebedepot belassen, um Kiesstrukturen bilden zu können. Strömungslenker, das waren rund 20 Meter lange im Mündungsbereich gefällte Pappeln, sollten die Eigenentwicklung des Flussverlaufs begünstigen. Es wurden künstliche Nebenarme angelegt, die dem Fluss die Chance bieten sollten, natürlich zu erodieren, Sedimente abzulagern und Brachstellen heraus zu bilden. Zudem wurden Regenwasserkanäle geöffnet und als offene Gräben in die Ahr geleitet. Ein mitten im Naturschutzgebiet gelegener Sendemast des SWR wurde gesprengt.

Schaut man auf Flora und Fauna, wie üppig die Pflanzenwelt sprießt und welche Artenvielfalt an Tieren man vorfindet, so haben die Renaturierungsmaßnahmen gegriffen. Dafür braucht der Betrachter allerdings ein geübtes Auge, das bei gelegentlichen Exkursionen geschärft wird. Dieses geübte Auge wird sich daran erfreuen, dass unter den Populationen von Vögeln seltene Arten vorkommen wie Wachtelkönig, Uferschwalbe, Flussläufer, Flussregenpfeifer, Wasseramsel, Teichrohrsänger, Beutelmeise, Eisvogel, Gartenrotschwanz, Schwanzmeise, Pirol, Gebirgsstelze, Rohrammer oder Flussseeschwalbe. In Gras und Unterholz zirpen Heuschreckenarten wie die kurz- und langflügelige Schwertschrecke, die Goldschrecke oder die Dornschrecke. Über Flora und Fauna fliegen Schmetterlingsarten hinweg wie der Schwarzblaue Ameisenbläuling, der Senfweißling, der Große und Kleine Schillerfalter, der Kleine Eisvogel, der Große Fuchs, der Mauerfuchs oder das Kleewidderchen. Im Fließgewässer tummeln sich derweil Fischarten wie Bachforelle, Flussneunauge, Stichling, Flussäsche, Nase oder Barbe. Die rund 200 vorkommenden Pflanzenarten aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

mäandrierende Schleife der Ahr

Die Entwicklung der Artenvielfalt kann niemand vorher sehen, genauso wenig, wie die geänderte Flussströmung die Lage des Flussbettes beeinflusst, wenn man den Fluss sich selbst überlässt. Schon ein Jahr nach der Renaturierung wanderte das Flussbett, der Flussverlauf der Ahr formte Bögen, aus denen später Schleifen und an einigen Stellen Mäander wurden. Dies ist mittlerweile zum Problem geworden: zum Rhein hin hat sich das Flussbett so sehr verlagert, dass eine weit ausgreifende Schleife parallel zum Radweg verläuft, danach die Holzbrücke unterquert und, ein kurzes Stück weiter, in den Rhein fließt. Setzt sich die Verlagerung des Flussbettes in den kommenden Jahren in demselben Umfang fort, so wird der Radweg am Rhein weggeschwemmt werden. Um dies zu verhindern, überlegt man, entweder den Kurvenbereich des Flusslaufes zu verstärken oder aber dem Flussbett einen direkten Durchbruch zum Rhein zu verschaffen, wobei die Brücke über die Ahr neu gebaut werden soll.

Obschon die Radfahrer Einschränkungen hinnehmen mussten, als mit der Umsetzung der Renaturierungsmaßnahmen der direkt an der Ahr verlaufende Radweg zurück gebaut wurde, wird das Fahrraderlebnis dauerhaft einzigartig sein. Von Bad Breisig aus kommend, spannt sich über dem Radweg eine Baumallee auf, deren Baumkronen sich fest ineinander verhaken. Die Bäume werfen mächtige Schatten, die von schmalen Streifen des Sonnenlichtes unterbrochen werden. Neben dem Rhein verlaufend, kann man zeitweise Mövenarten auf Bänken von Geröll beobachten. Umstanden von Weiden, schwingt sich die Holzbrücke wie ein Denkmal über die Ahr. Als Sinnbild des leisen Tourismus, horchen dann Wanderer und Fahrradfahrer in die Landschaft hinein. In das Fließen der Ahr, der Blick von der Brücke aus auf den Rhein, umgeben von der dreistelligen Artenvielfalt, die nur das geübte Auge sichten kann.

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