Urlaubstagebuch Freiburg - Abreise

Eine paar Momente sollten reichen, um mich auf den Boden der Tatsachen zurück zu befördern. Unsere Koffer waren gepackt, in unserer Ferienwohnung wir waren dabei, das, was wir mitgebracht hatten, aus den Küchenschränken in unserer Box zu verstauen. Während ich bei REWE einen leeren Kasten Mineralwasser zurück brachte, rief mein Bruder auf meinem Handy aus Mallorca an. Meine Frau nahm den Anruf an. Ich solle bei meiner Mutter anrufen und sie zur Vernunft bringen.

Nun stand unsere Abreise dicht bevor, wir hatten uns dreizehn Tage lang den Illusionen des Urlaubs hingegeben und diesen auch ausgekostet. Mein schlechtes Gewissen regte sich, dass ich mich während des Urlaubs nicht telefonisch bei meinen Eltern gemeldet hatte.

Erschwerend kam hinzu, dass sich mein Bruder und ich überhaupt nicht abgesprochen hatten mit unseren Zeiten des Sommerurlaubs. Es waren insgesamt fünf Tage, dass wir gleichzeitig in Urlaub waren, er weilte auf Mallorca, wir machten (fast) vierzehn Tage in Freiburg Urlaub. Bei dem Gesundheitszustand meiner Eltern konnte einiges passieren. Als ich den Anruf meiner Mutter entgegen nahm, erzählte sie mir, mein Vater sei ins Krankenhaus gekommen. Ihm sei übel gewesen, er sei in der Tagespflege zusammen gebrochen. Meine Mutter packe die Sachen für meinen Vater, und später wollten meine Mutter und meine Tante mit dem Taxi zu meinem Vater ins Krankenhaus fahren. Das war freilich schlimm – und wie in anderen Fällen ging ich davon aus, dass Ärzte und Krankenhauspersonal im einhundert Kilometer entfernten Erkelenz die Dinge in den Griff bekommen würden.

Torplatz (oben links und Mitte links), Litfasssäule (oben rechts), Seepark (Mitte rechts);

Bundschuhbewegung (Bauernaufstand, unten links), Sundgauallee (unten rechts)

Am letzten Tag hatte ich versucht, die letzten, verblassenden Eindrücke zu konservieren. Die Dinge im Stadtteil Betzenhausen, wo unsere Ferienwohnung liegt, hatte ich wenig beachtet, und mein morgendlicher Gang zum Brötchenholen gewann ein Vielfaches an Aufmerksamkeit. Betzenhausen war ein Stadtteil aus der Retorte, das ließ sich nicht leugnen. Der eigentliche Ortskern lag ein ganzes Stück entfernt von der Hauptdurchfahrttsstraße – der Sundgauallee. Sechs- bis siebenstöckige Hochhäuser reihten sich die vierspurige Autostraße mit einer Straßenbahnlinie in der Mitte entlang, die Gebäudekomplexe beherbergten Geschäfte und Restaurants, die dann rückwärtig zu niedrigeren Wohnblocks ausliefen. Dieser optisch wenig inspirierte Eindruck störte keineswegs, weil die Sundgauallee im Gesamteindruck hell, freundlich, sogar mediterran und südländisch wirkte. Das Leben hatte sich auf die Straße verlagert, man saß draußen, weil das Klima in Freiburg stets einige Grade wärmer war als sonst wo in unserer Republik. Restaurants und Cafés hatten ein Übergewicht gegenüber den Geschäften.

Betzenhausen kannte auf der Sundgauallee keinen wirklichen Kristallisationspunkt wie Marktplatz, Kirche, Rathaus, worauf sich deren Kern konzentriert. Anstatt dessen waren die Strukturen von Betzenhausen flüchtig – mit ganz vielen Fahrradwegen. Sie querten an mehreren Stellen die Sundgauallee und orientierten sich an dem wegweisenden Ereignis der Landesgartenschau 1980, wo das Netz von Fahrradwegen am Seepark zusammen lief.

Es war aber nicht so, dass in diesem nicht vorhandenen Kern auf der Sundgauallee eine erdrückende Leere herrschte. Seit dem Jahr 2013 formte jede Menge Holz so etwas wie einen Kern, der an die Bauernaufstände in den Stadtteilen Lehen und Betzenhausen erinnern sollte. Fünfhundert Jahre waren es damals her, also im Jahr 1513, dass die Bauern die Nase davon voll hatten, wie sie ausgebeutet wurden. Daher wollte der Landsknecht Jos Fritz aus dem Umland von Freiburg die Revolution. Er tat sich mit anderen Bauern gegen die Lehener Grundherren zusammen, um Leibeigenschaft, Abgaben und Frondienste abzuschaffen, wobei er Bauern aus Lehen und Betzenhausen mit der Bundschuhfahne als Zeichen der Vereinigung um sich scharte. Doch die Verschwörung endete qualvoll, weil sie verraten wurde. Die Freiburger Richter griffen hart durch, es kam zu Verstümmelungen und qualvollen Vierteilungen von Lehener und Betzenhausener Bauern. Dem Anstifter Jos Fritz blieb dieses schlimme Schicksal erspart, weil er rechtzeitig in die Schweiz fliehen konnte.

Am letzten Tag wollten wir nicht nur die letzten, verblassenden Eindrücke konservieren, sondern wir wollten auch etwas Handfestes nach Hause mitnehmen. Ein letztes Mal auf den Freiburger Wochenmarkt. Die Marktstände, die das Bonner Markttreiben locker in den Schatten stellten, waren werktags bis in die späten Mittagsstunden geöffnet. Natürlich kam vieles aus der Umgebung von Freiburg, Wein vom Kaiserstuhl, Obst, Gemüse, Kräuter, Hochprozentiges – und Schwarzwälder Schinken.

Marktstände (oben rechts, Mitte), Andenken (oben links), Freiburger Lange (unten links),

Schwarzwälder Schinken (unten rechts)

Den nahmen wir als Geschenk für Nachbarn und Freunde mit. Dem Markt merkte man die Bodenständigkeit des regionalen Warenangebotes an. Und wir tauchten auch in die regionalen Spezialitäten der Imbissstände ein. Typisch nach Freiburg klang die „Lange Rote“. Der Geschmack unterschied sich nicht weltbewegend von einer „normalen“ Bratwurst, der Geschmack war aber etwas kräftiger und auch knackiger. Mit der Geheimrezeptur, die an fünf Ständen gebraten wurde, wollte niemand so richtig heraus rücken. Angeblich ist es die Mischung aus Schweinefleisch und wenig Kalbfleisch. Darüber hinaus sind es die Gewürze, die den spezifischen Geschmack ausmachen sollen: Salz, Pfeffer, Ingwer, getrocknete Zitronen.

Als wir in unsere Ferienwohnung zurück gekehrt waren, ging dann der Anruf ein, der uns daran erinnerte, dass wir die Grenzen der Koordinierbarkeit erreicht hatten. Meinen 81-jährigen Schwiegervater hatten wir in unseren Urlaub mitgenommen, weil sein Gesundheitszustand – wegen seines nicht operierten Leistenbruches – hätte bedrohlich werden können. Die Strecken, die mein Schwiegervater mit seinem Rollator geschafft hatte, waren indes enorm. Er musste regelmäßig seine Tabletten nehmen, und wir mussten auf die Wegestrecken achten, dass diese nicht zu lang waren und dass er Pausen einlegen konnte. Meine Eltern waren in diesem Zeitraum insgesamt fünf Tage alleine zu Hause, weil mein Bruder und unsere Familie gleichzeitig in Urlaub waren. Genau in diesem Zeitfenster war es dann passiert, dass der Blutzucker meines Vaters so bedrohlich gestiegen war, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Was tun ? Am nächsten Tag hatte sich die Situation scheinbar entspannt, weil mein Vater am späten Freitag Abend wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Durch das Spritzen von Insulin war der Blutzuckerspiegel wieder gesunken. Glücklicherweise helfen Verwandte, wo sie nur können. Ohne sie wären wir alle aufgeschmissen. Ich werde wohl erst in den nächsten Tagen die einhundert Kilometer Entfernung nach Hause schaffen, um nach dem Rechten zu sehen. Dann wird aber wohl auch mein Bruder mit seiner Familie aus seinem Urlaub wieder zu Hause sein.

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