Myriametersteine in Niederdollendorf, Plittersdorf, Lülsdorf und die Gesamtvermessung des Rheins

Wer in der Nähe des Rheins wohnt, wer kennt sie nicht, diese rechteckigen schlichten Tafeln, eingerahmt in Schwarz. Stets am Rheinufer positioniert, läßt die dreistellige Ziffernfolge erahnen, dass der Rhein mit diesem Zahlencode vermessen worden ist. Oftmals sind die Hinweistafeln aus Beton, deren schwarze Schrift auf weißem Untergrund verläuft. In der Einheit von Kilometern verlaufen diese Schilder quer durch die Uferlandschaft des Rheins, wo sie eine ganze Zahl höher – oder auch runter zählen, je nachdem ob man sich rheinaufwärts oder –abwärts bewegt.

Es sollte dauern, bis die Gesamtvermessung des Rheins mit den schwarz eingerahmten Kilometerzahlen, wie wir sie heute kennen, Gestalt annahm. Schon 1831 beschloss eine Central-Kommission für die Rhein-Schifffahrt in Mainz, dass der Rhein als europäische Wasserstraße für die Schifffahrt genutzt werden sollte. Allen Anliegerstaaten sollte ein gleicher Zugang gewährt werden, Zölle und Abgaben sollten abgebaut werden, der Rhein sollte begradigt werden und die Schifffahrt sollte über Vorgaben geregelt werden, die für alle Anliegerstaaten gelten sollten.

Myriameterstein in Niederdollendorf

Im Umfeld des Konglomerates von Anliegerstaaten war dies in dieser Zeit revolutionär. Nach dem Wiener Kongress 1815 hatten sich die europäischen Nationalstaaten neu geordnet. Die Kommission mussten nicht nur mit den Nationalstaaten der Niederlande, der Schweiz und Frankreich verhandeln, sondern neben Preußen mit kleinen Regionalfürsten wie Baden, Hessen und Nassau, ja, sogar die Bayern mischten in diesem Kreis mit, da die Pfalz nach 1815 zu Bayern gehörte.

Je mehr das 19. Jahrhundert mit seiner Industrialisierung voranschritt, um so bedeutender wurden große Flüsse als Wasserstraße, da man dort große Güter in Massen transportieren konnte, so auch der Rhein. Eine besondere Herausforderung stellte der Oberrhein zwischen Basel und Bingen dar. Der Rhein floß in zahllosen Schleifen, Bögen und Mäandern dahin, die dem Schiffsverkehr ein Hindernis waren. Es musste eine Mammutaufgabe gewesen sein, als um 1840 an 18 Stellen neue Flussbette ausgegraben wurden, um all die Schleifen, Bögen und Mäander zu bereinigen. Nach der Begradigung des Oberrheins verkürzte sich die Schifffahrt auf dem Rhein um 81 Kilometer.

Am 25. Mai 1864 war der Zeitpunkt gekommen, dass man in Amsterdam erstmals eine Gesamtvermessung des Rheins beschließen konnte. Als Bezugsbasis für die Messpunkte wurden zwei Nullpunkte festgelegt: zum einen war es die mittlere Brücke in Basel , zum anderen war es die Rheinmündung, wofür Rotterdam auserkoren wurde. Gleichzeitig wurde der Amsterdam-Pegel, der heutige Normal-Null-Meeresspiegel, als Nulllinie für die Berechnung des Flussgefälles festgelegt.

Die Messingenieure mussten mit Gegebenheiten fertig werden, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. So existierten im Bereich des Rheins sieben verschiedene Längenmaße und 16 verschiedene Flächenmaße, wie etwa: der Badische Fuß, der Mannheimer Fuß, der Nürnberger Fuß, der rheinländische Fuß, der bayerischen Fuß, der allgemeine Fuß. Die Messingenieure mussten die Vielfalt dieser Maße auf das metrische System, welches auf der Maßzahl in Metern beruhte, vereinheitlichen. In großen Staaten wie Frankreich, den Niederlanden oder Preußen war diese Umstellung bereits geschehen, aber nicht in kleineren Provinzfürstentümern.

Myriametersteine in Plittersdorf (oben) und Lülsdorf (unten)

Es musste somit eine Herkulesaufgabe gewesen sein, den Rhein in seinem Verlauf von Basel bis Rotterdam in Kilometerschritten auf beiden Ufern des Rheins zu vermessen. 1867 konkretisierte die Central-Commission, dass alle zehn Kilometer ein Vermessungsstein zu setzen war. Die Bezeichnung des Zehn-Kilometersteins entnahm man dem Alt-Griechischen. „μυριάς“ bedeutete zehntausend, was für 10.000 Meter oder zehn Kilometern galt, so dass die Central-Commission diese Vermessungssteine Myriametersteine nannte.

Die Commission beschrieb auch näheres, wie die Steine auszusehen hatten. Damit sie gleich aussahen, sollten sie aus Ibbenbürener Sandstein hergestellt werden. Ihre Maße sollten gleichartig sein, nämlich in Höhe, Breite und Tiefe 120×50×50 cm handhabbar. Oben sollten sie als flache, vierseitige Pyramide abgeschlossen sein. Alle vier Seiten waren beschriftet. Die Rheinseite trug die Nummer des Steins in römischen Ziffern. Darunter beschrieb die Angabe AP die Höhe des Steins über dem Amsterdamer Pegel. Die anderen Seiten trugen die Kilometerentfernungen von Basel und bis Rotterdam, zudem wurden rheinauf- oder –abwärts die Entfernungen zu den nächsten Landesgrenzen vermerkt.

Viele alte Myriametersteine sind inzwischen verwittert, teilweise ganz verschwunden. Manche waren im Gebüsch versteckt, niemand hatte sich um sie gekümmert und sie kamen zufällig wieder zum Vorschein. Um deren Vergangenheit wieder zu beleben, haben manche Bürgervereine weder Kosten noch Mühen gescheut, um die alten Steine wieder auf Hochglanz zu polieren – so in Niederkassel-Lülsdorf. Die Vermessungsdaten kann der Betrachter nun genau nachlesen. Der Stein steht mit drei Nachkommastellen genau 46,666 Meter über dem Amsterdamer Pegel. Analog, sind die anderen Entfernungen durchgängig mit drei Nachkommastellen verzeichnet, nämlich 327,457 Kilometer Entfernung von der Rheinmündung in Rotterdam, genau 500 Kiloneter ohne Nachkommastelle bis Basel, 186,703 Kilometer zur damaligen Landesgrenze zu den Niederlanden und 165,227 Kilometer Entfernung bis zur Landesgrenze von Hessen und Preußen. Die Messarbeit und das Setzen der Myriametersteine sollte dauern. Mehrfach musste neu vermessen werden, so dass das Gesamtwerk der Myriametersteine über die Länge des Rheins von Basel bis zur Rheinmündung erst 1910 fertig gestellt wurde.

In den Wirren der Zwischenkriegszeit zwischen den beiden Weltkriegen sollte es nochmals dauern, bis man sich auf die Rheinkilometrierung einigen sollte, wie man sie heute kennt. Dabei ging es um eine genauere Gesamtvermessung mit Abständen, die von zehn Kilometern auf einen Kilometer zurück geführt werden sollten. Zudem wurde der Nullpunkt der Längenmessung von Basel nach Konstanz am Bodensee verlegt, so dass sich die Gesamtlänge der Rheinvermessung auf 1.033 Kilometer erhöhte. Diese neue Nullpunkt sollte nunmehr auf der Rheinbrücke in Konstanz liegen.

Rheinkilometer 657

Etwas merkwürdig, dass es erst die Leistung der Nationalsozialisten 1939 war, das alte System der Myriametersteine durch die neue Rheinkilometrierung auf einen Kilometer abzulösen. Die Myriametersteine waren viel zu klein geraten, so dass die Rheinschiffer diese gar nicht erkennen konnten. Sie mussten Bücher mit sich führen, wo die Steine genau lagen. Sie mussten sich auskennen mit den nächst gelegenen Ortschaften, damit sie sich für ihre Fahrt orientieren konnten.

So entstanden die großen schwarz-weißen Orientierungstafeln, die weithin unübersehbar sind. Wie dem Anfangspunkt, so ist es auch dem Endpunkt der Gesamtvermessung des Rheins geschehen. Er wurde von Rotterdam nach Hoek van Holland verschoben, dem exakten Mündungsbereich des Rheins in die Nordsee. Auch diese sind in der Gesamtkilometerlänge von 1.033 Kilometern enthalten.

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