das Bonn-Center - seine Vergangenheit und die bevorstehende Hochhaussprengung

Die letzten Atemzüge einer Ruine. Die großen Zeiten im Glanz der ehemaligen Bundeshauptstadt sind abgeschoben in die Geschichtsbücher der Nachkriegszeit. Perspektivlosigkeit hatte den Baukörper, der stolze Zeiten kennen gelernt hatte, Abrisskommandos überlassen. Entkernt und bloßgestellt auf das nackte Betonskelett, warten die achtzehn Stockwerke des Bonn-Centers nun auf ihr Schicksal. Die Baustelle ist streng bewacht, das signalisieren Schilder am Bauzaun. Über Wochen und Monate wurde die Baubstanz in den Stockwerken entkernt, und unentwegt hievte ein himmelschreiender Kran einen 40 Kubikmeter-Container mit einer Leichtigkeit auf und ab, als wäre es Spielzeug. Die finale Deadline, an dem die Ruine in die Luft gesprengt wird, steht seit Jahresbeginn fest: am 19. März wird alles platt gemacht. Dann werden Sprengkommandos anrücken und der Bürobau, der Geschichte geschrieben hat, wird mit Ladungen von Dynamit in die Luft gejagt. Dieser Tag wird zum Spektakel für die Bevölkerung werden, denn Hochhaussprengungen sind im Rheinland eine echte Seltenheit. Dass nicht die komplette Vergangenheit auf Bauschuttdeponien landet, dafür hatte sich zuletzt ein Oldtimer-Verein aus Franken stark gemacht. Auf einem Schwerlast-LKW hatte er den unversehrten und unzerlegten Merzedesstern in die fränkische Heimat nach Ornbau transportiert.

Bonn-Center 2017

Auch persönlich hatten wir dort große Zeiten erlebt. Das war 2009, als wir im Pantheon Guido Cantz das erste Mal Live erlebt hatten. Es folgten Jürgen Becker, Fatih Cevikkolu, Gerburg Jahnke, große Namen, die wir als Zuschauer in der kleinen, übersichtlichen Welt des Theaters hautnah erleben durften.

Eine Welt, die einst viel größer aufgespannt war, als Bonn noch Bundeshauptstadt war. Eine Lage, dicht am Machtzentrum der Republik, am Verkehrsknoten des Bundeskanzlerplatzes, in Sichtweite die Villa Hammerschmidt als Amtssitz des Bundespräsidenten und das Bundeskanzleramt als Sitz des Staatsoberhauptes der Bundesrepublik Deutschland.

Im Stil der 1960er Jahre bedeutete Größe die Anzahl der Stockwerke, und so wuchs das Bonn-Center mit achtzehn Stockwerken in die Höhe. Alle, die Stadt, die Abgeordneten, die Beschäftigten in den Ministerien, die Bevölkerung, schwärmten von dem Bau, der nun einen letzten Hauch von Provinz aus der Bundeshauptstadt vertrieb und einen Traum vom weltstädtischen Glanz realisierte. Den Abgeordneten in dem auf der grünen Wiese gepflanzten Regierungsviertel sollte das Bonn-Center Abwechslung und Zerstreuung vom politischen Tagesbetrieb bieten. Das Hauptschlaglicht sollte das Steigenberger-Hotel sein, das die obersten sechs Stockwerke mit 320 Betten einnahm und hochrangige Prominente und Politiker unterbringen sollte.

Das Bonn-Center verkörperte somit eine eigene Stadt in der Stadt. Eröffnet am 25. November 1969, beherbergte der Gebäudekomplex zu diesem Zeitpunkt im fünfstöckigen Querriegel und in der vorgelagerten Ladenzeile unter anderem vier Botschaften, Dutzende Lobbyisten, Fernsehstudios, internationale Nachrichtenagenturen wie Reuters, Parlamentskorrespondenten, gastronomische Betriebe, eine Apotheke, einen Friseur, Supermarkt, Kunstgalerie, Einzelhändler vom Herrenausstatter bis zur Parfümerie, diverse Bankfilialen sowie eine Autowaschanlage in der Tiefgarage.

Und ganz oben, gleich unter dem Wahrzeichen, dem Merzedesstern, setzte das Gebäude einen Hauch von Exklusivität obendrauf. Dort befand sich das vornehme Restaurant „Ambassador“, ein beliebter Treffpunkt der Mächtigen der jungen Bundesrepublik und aus der übrigen Welt. In der sorgsam abgeschotteten Parallelwelt war man unter sich, unbelästigt von Fotografen und Kameraleuten. Hier aßen der Koch-Papst Paul Bocuse oder der Tanker-Milliardär Aristoteles Onassis. Oder die Bundeskanzler Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Die Bundespräsidenten Walter Scheel, Karl Carstens und Richard von Weizsäcker genossen ebenso beim Speisen den Blick auf Rhein und das Siebengebirge.

Bonn-Center 2017

Omar Bongo, für ein paar Tage zu Gast in der Präsidenten-Suite und 41 Jahre lang Präsident des zentralafrikanischen Staates Gabun, in dem 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, verursachte einen Skandal. Er wollte bei seinem Besuch im Ambassador ganz spontan und wie selbstverständlich das gesamte Restaurant für sich und seine Gesandtschaft belegen - ohne Rücksicht auf Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg, der dort gerade mit seinem französischen Kollegen Jacques Delors dinierte. Der Hoteldirektor Dieter Wehr vermittelte in dieser Situation mit diplomatischem Geschick, dass Bongo die beiden hochrangigen europäischen Politiker duldete und zu Ende essen ließ. Er brauchte aber auch ein dickes Fell. So, als ihn die rabiaten Bodyguards des US-Vizepräsidenten Walter Mondale in den Schwitzkasten nahmen, weil sie ihn für einen Terroristen hielten.

Der Niedergang des Gebäudekomplexes mit weltstädtischem Flair geschah auf Raten, und zwar noch vor der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990. Bereits 1988 hatte die Steigenberger-Gruppe ihre Hotelstandorte reorganisiert. Während Hotels auf dem Venusberg und dem Petersberg betrieben wurden, wurde der Standort Bonn-Center aufgegeben.

Nach der Wiedervereinigung wanderten Botschaften, Lobbyisten, Nachrichtenagenturen, Korrespondenten zunehmend nach Berlin ab, so dass Büroräume leer standen. Vorübergehend zog der Fernsehsender n-tv ein, die Ladenzeile fiel den Abrissbaggern zum Opfer, die Deutsche Post belegte als neuer Mieter mehrere Etagen.

Das Nutzungskonzept kippte, als die Deutsche Post wieder auszog. Danach standen 70% der Immobilie leer, eine Renovierung und Modernisierung war überfällig geworden. Als der Besitzer, der niederländische Immobilienfonds Larmag, 2009 in die Insolvenz hinein rutschte, sanierte er sich durch den Verkauf deutscher Immobilien, darunter das Bonn-Center.

Bonn-Center 2013

Die Investmentfirma Art-Invest Real Estate aus Köln, die danach die Immobilie erwarb, besiegelte das Schicksal der Sprengung. Die erforderlichen Modernisierungs- und Instandhaltungskosten waren zu sehr in die Höhe geschossen. Dennoch: obschon der Glanz als ehemalige Bundeshauptstadt längst verblasst ist, ist die Nachfrage nach Büroraum ungebremst. Daher sehen die Planungen einen Büro-Neubau vor. Da Bonn zu den deutschen Städten mit dem niedrigsten Büro-Leerstand gehört, könnte es hoch hinaus gehen. Der Büro-Komplex, der in den Planungskonzepten bis 2020 gebaut werden soll, soll aus drei Gebäuden bestehen. Davon soll das höchste Gebäude 101,5 Meter hoch werden – wenn der Boom von Bürobauten nicht nachlässt, was die Immobilienmanager aber weniger vermuten.

Die Bauzäune und Abrissbagger lassen die letzten Aktivitäten vor der Sprengung auf sich zukommen. Der Torso von Betonfertigteilen hält seine baukastenförmigen Elemente in einer letzten Klammer des Willens zusammen. Weit senkt sich die Grube dem Bundeskanzlerplatz entgegen, in den Berge aus Schutt hinein plumpsen werden. Die regnerische Stimmung passt zur Depression, dass ein Gebäude voller Würde und Ehre bald in sich zusammen fallen wird.

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