Schnellbus 55

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, das bereitet nur bedingt ein Vergnügen. Dieser Feststellung wird wohl jedermann zustimmen, der – aus unterschiedlichsten Gründen – Busse und Bahnen nutzt. Manche sind dazu gezwungen, etwa, wenn das Geld für ein Auto fehlt. Ich unterziehe mich freiwillig dieser Prozedur, zumindest, was die Fahrt zu meinem Arbeitsplatz betrifft, und zumindest, zur dunklen Jahreszeit im Winter. Bei anderen Fahrgästen dürfte Freiwilligkeit selten das Motiv sein, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, sondern eher der ökonomische Zwang oder die Innenstadtlage mit guten Verkehrsanbindungen, die schneller zum Ziel führen als die nervende Suche nach Parkplätzen.

Dass es genügend Situationen gibt, die nicht gerade Begeisterungsstürme in öffentlichen Verkehrsmitteln auslösen, dazu einige Beobachtungen aus den letzten Wochen. Das Gefühl von Selbstwahrnehmung, Privatheit und Lautstärke schwindet. Beziehungsthemen werden im Gespräch mit einer guten Freundin so lautstark ausgeplaudert, als ob nicht nur die Fahrgäste im Bus, sondern die ganze Welt davon wissen müssen. Liebesleben, Ex, wie sie ihren Ex-Lover wie eine Zitrone ausgepresst hat, ein Luxusleben geführt hat und wie er, dem Ruin nahe, überglücklich war, sie endlich loszuwerden. Nicht weniger nervend kann Musik sein. Sogar wenn es genau mein Musikgeschmack ist, wenn etwa Led Zeppelin oder Deep Purple via Smartphone und Ohrhörer auf Maximallautstärke dröhnen. Dann glaubt man, ein Tieffluggeschwader von Jagdbombern würde über den Bus hinweg fliegen. Es können auch kleine Anlässe, die vollkommen harmlos sind, eine überproportionale Wirkung zeigen. Ein ganz normaler Ausflug eines Kindergartens. Keine Ahnung, wo die drei- bis fünfjährigen in der Bonner Innenstadt unterwegs waren. Mindestens ein halber Kindergarten drängte mit all den kleinen Unruhegeistern, die sich durchaus diszipliniert und ruhig verhielten, in den Bus. Dort passte dann am Busbahnhof der halbe Kindergarten plus zwei bis drei bis fünf weitere Fahrgäste auf die Sitzplätze, zu denen ich glücklicherweise gehörte. Der Rest musste stehen. Schon an der übernächsten Haltestelle, dem Friedensplatz, brach das Chaos aus. Kein Fahrgast passte mehr hinein. Es wurde gedrängelt, gequetscht, und der Busfahrer war vollkommen überfordert, eine Auswahl zu treffen, wer nicht in den Bus hinein durfte und wer den nächsten, 20 Minuten später kommenden Bus, nehmen musste. Ich bekam wahre Hasskommentare mit, die den unschuldigen Busfahrer trafen.

Und noch ein Erlebnis ganz frisch von gestern: Schüler, vielleicht 12 bis 13 Jahre alt, setzten ihren Sportunterricht, namentlich das Turnen, in der Straßenbahn fort. Sie nutzten die Querstange in der Höhe, an der man sich normalerweise festhalten kann, für ihre Turnübungen. Wie am Reck, zogen sie sich mit ihren Armen vor der Ausstiegstüre hoch, dabei ließen sie ihre Beine baumeln und ereiferten sich, ihre Köpfe bis unter die Decke hoch zu ziehen. Mir erschein es wie ein Wunder, dass die Querstange, die sich kräftig durchbog, nicht riss und auseinander brach. Hinzu kommen Beeinträchtigungen und Störungen jeglicher Art, Staus, Verspätungen, Signalstörungen, Türen, die nicht richtigschließen. Und ein Umstand, der mich intensiv nervt, dass nämlich die Busfahrer im Winter die Heizungen asynchron zur Außentemperatur regulieren. Ist es außen muddelig warm, bullert die Heizung auf Hochtouren. Bei knackiger Kälte ist es genau umgekehrt: dann ist Bibbern und Frieren angesagt, weil die Heizung nicht funktioniert, und wenn man Pech hat, dann reißen Frischluftfanatiker die Fenster auf, weil die eisig kalte Luft deren Gehirne auf Hochtouren bringt.

Der Umwelt zuliebe auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, ist somit nicht gerade populär. Bei mir selbst passen die Anbindungen, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz zu gelangen. 45 Minuten Fahrzeit, einmal Umsteigen, Bustaktung alle 20 Minuten, Straßenbahn alle 5-10 Minuten, dazu ein Job-Ticket des Arbeitgebers, das 52 Euro monatlich kostet und mitten bis in die Eifel oder in das Bergische Land reicht. Ab dem Frühjahr, wenn die Temperaturen steigen, geht es wieder auf das Fahrrad. Auto, nein danke. Aus eigener Überzeugung bin ich stolz darauf, CO2 auf dem Fahrrad und in Bus und Bahn einzusparen. Ich weiß allerdings, dass andere, die beispielsweise in Adenau, Much, Neustadt an der Wied, Zülpich oder Binzenbach wohnen, es nicht anders können als mit dem Auto.

Das zusätzliche Zeitkontingent zum Lesen ist einer der großen Vorzüge. Busfahren ist eine Art von Entschleunigung oder Meditation. Ich breite mich aus, schmökere in Buch oder Zeitung, nebenher studiere ich die Gesichter, dessen Vielfalt auf engem Raum aus den Nähten zu platzen scheint. Es sind heimliche Begegnungen im Bus, wenn Blicke stillschweigend die anderen mustern, wenn Gesichter sich einander zuwenden und miteinander kommunizieren, leise, still, aber allzu oft laut und mit unverhältnismäßigen Umgangsformen, rauh und schroff. Der Bus schleicht derweil so langsam daher, dass ich mühelos Stadt und Natur durch das Fenster auf mich einwirken lassen kann.

Für zwischenmenschliche Begegnungen sorgt der Fahrkartenkauf. Man hilft sich gegenseitig, beratschlagt sich vor dem Automaten und trifft Entscheidungen zu zweit. Für Fahrgäste, die aus Hamburg, Frankfurt oder München kommen, gleicht der richtige Fahrscheinkauf so ungefähr einer Doktorarbeit. In der Tat.

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