Köln - St. Ursula und die 11.000 Jungfrauen

Das Zahlensystem, so scheint es, ist aus den Fugen geraten. Heilige haben sich rasant vermehrt, auf 11.000 Jungfrauen. Ist es da mit rechten Dingen zugegangen ? Oder wurde gedreht, manipuliert oder gefaked, so würde man heute sagen ? Waren die Mathematiker im frühen Mittelalter schon so weit, dass sie die Exponentialfunktion kannten ?

Gesamtsicht St. Ursula

In der ausgehenden Antike, als die Legende der Heiligen Ursula ihren Lauf nahm, sind die Beweise sehr dünn. Wenige Puzzlestücke fügen sich zusammen, das große Ganze ist für den rationalen Verstand zu löchrig. Man kann die Legende so glauben, wenn man möchte. Ursula kann man jedenfalls als eine Heilige mit europäischem Format bezeichnen. Ihre Geschichte begann in Großbritannien. Nachdem das weströmische Reich untergegangen war, machten sich Hunnen, Vandalen und andere Volksstämme über Europa her. In Großbritannien herrschten die Barbaren, und die bretonische Königstochter Ursula sollte den Barbarenfürsten Aetherius heiraten. Als getaufte Christin taktierte sie, und der Barbarenfürst akzeptierte die von ihr gestellten Bedingungen. Aetherius musste sich später taufen lassen, geheiratet werden sollte erst in drei Jahren und Ursula durfte zuvor mit zehn Gefährtinnen auf Reise gehen. Dies tat Ursula auch, wobei aus zehn Gefährtinnen eine Tausendschaft von Jungfrauen wurde. Sie schipperte über den Rhein, wo sie früher oder später zwangsläufig in Köln landete. Dort erschien ihr ein Engel, der ein Martyrium vorhersagte und Rom als Ziel der Reise entwarf. Die Reisegruppe fuhr weiter bis Basel, von dort aus gelangten sie wandernd nach Rom, wo der Papst alle taufte. Der Papst war sogar dermaßen angetan von der Jungfrauenschar, dass er mit der Gruppe zurück reiste. In Mainz traf Ursula ihren Barbarenfürsten Aetherius, er ließ sich dort taufen und beide heirateten. Die große Gruppe reiste auf dem Rhein weiter nach Köln, und dort wurde dann die Prophezeihung des Engels Wirklichkeit. Die Hunnen hatten die Stadt belagert und richteten ein furchtbares Gemetzel an, in dem sie Ursula und die Tausendschar von Jungfrauen töteten. Dann erscheinen elftausend Engel, sie vertreiben die Hunnen und befreiten Köln.

Es war ein Gräberfeld aus dem 4./5. Jahrhundert an der Römerstraße nach Neuss, wo man die Grabsteine der Heiligen Ursula und ihres Gemahls Aetherius fand. Man vermutet, dass außerhalb der römischen Stadtmauer eine erste Märtyrerkapelle gebaut wurde. Ein erstes Zeugnis eines „Klosters der Jungfrauen“ findet sich im Jahr 866 auf einer Güterumschreibung des Kölner Erzbischofs Gunter. Der wichtigste Ursprung der Jungfrauenverehrung ist eine Inschrift auf der Chorsüdwand der romanischen Kirche aus dem 9. Jahrhundert, die sogenannte „Clematius-Inschrift“:

„Durch gottgesandte Feuervisionen mehrfach gemahnt und durch die Kraft des hocherhabenen Martyriums der himmlischen Jungfrauen, die erscheinen, aus dem Morgenland herbeigeführt, hat auf Grund eines Gelübdes Clematius, ein Mann von Senatorenrang, aus eigenen Mitteln auf seinem Boden diese Basilika - nach dem Gelübde, das er zu erfüllen hatte – von den Grundmauern auf wiederhergestellt. Wenn aber jemand innerhalb dieser so hoch erhabenen Basilika, wo die heiligen Jungfrauen für Christi Namen ihr Blut vergossen jemandes Leichnam bestattet - mit Ausnahme der Jungfrauen -, so soll er wissen, dass er mit ewigen Höllenqualen bestraft werden soll.“

St. Ursula:

Lettner (oben links), Chor (oben rechts), Grab der Heiligen Ursula (unten links),

vergoldete Reliquienschreine (unten rechts)

Im 10. Jahrhundert werden die Quellen zahlreicher, als etwa im Jahr 922 die Nonnen des Stiftes in Gerresheim geflüchtet waren und sich vor den Toren Kölns in einem Kloster niederließen. Ungefähr zu derselben Zeit stiftete Erzbischof Hermann I. einen Altar mit 11 Öffnungen für die Reliquien der Jungfrauen.

Es gibt Kirchen, die verschmelzen mit ihren Heiligen. Sie sind eins, tragen den Namen des Heiligen und der Kirchturm überstrahlt mit dem Heiligen das ganze Umland. In St. Ursula ist das anders. Dort wurden die Jungfrauen mit ihrer Legende lebendig. In den Quellen des Mittelalters stößt man durchgängig auf die Heiligen Jungfrauen, während in Verbindung mit dem Kirchenbau keine Ursula genannt wird.

Die Verehrung der Heiligen Jungfrauen rückte weiter in den Mittelpunkt, nachdem Kaiser Heinrich V. 1106 den Bau einer neuen Stadtmauer verfügte. Das spätantike Gräberfeld, bis dahin außerhalb der römischen Stadtmauer liegend, wurde nun der mittelalterlichen Stadt Köln einverleibt. Beim Bau der Verteidigungsanlagen stieß man auf Knochenfunde, die so reichlich waren, dass sie zu einem noch viel größeren Gräberfeld gehörten. Einige Knochen ordnete man als Reliquien den Tausenden von Jungfrauen zu. Zwischen 1155 und 1164 wurden dann in großem Stil in den Gräberfeldern des „ager Ursulanis“ gegraben. In den Chroniken der Äbte der Benediktinerklosters in Deutz finden sich Berichte, dass zahlreiche Gebeine gehoben worden waren und dass man die Gebeine mit Tituli, Grabschriften, Namen und persönlichen Geschichten hinterlegt hatte. Später berichtet Caesarius von Heisterbach von einem Arbeiter Ulrich, dessen einzige Tätigkeit es war, nach Reliquien zu graben. Wieder zwei Jahrhunderte später findet man die Ursulalegende mit dem Rhein, dem mittelalterlichen Stadtbild von Köln und vielen Jungfrauen auf vielen Booten, gemalt auf Tryptichen, Gemälden und Altarbildern.

Mit diesen großflächigen Grabungen erhöhte sich die Tausendschaft von Jungfrauen auf die Zahl von 11.000. Es ist durchaus ominös, wie sich die zehn Begleiterinnen zunächst auf Tausend Jungfrauen und später auf 11.000 Jungfrauen vermehrt hatten. Was Transport und Logistik in der späten Antike betrifft, können niemals 11.000 Jungfrauen von Großbritannien über den Rhein bis nach Rom unterwegs gewesen sein. Daher kann nur vermutet und spekuliert werden, wie aus zehn Begleiterinnen in einer exponentiellen Steigerung 11.000 Jungfrauen geworden sind. Es kursieren mehrere Deutungsversuche, darunter befasst sich einer mit einer Fehlinterpretation der römischen Zahlenwelt. Auf Grabsteinen wurde die Inschrift „XI.M.M.“ gefunden, dabei steht „XI“ für die römische Zahl 11 und das Kürzel „M.M.“ für „martyres virgines“, was „Martyrium der Jungfrauen“ bedeutet. Die Inschrift „XI.M.M.“ läßt sich aber auch in der kompletten Abfolge von römischen Zahlen interpretieren, und dann stünde „M“ für 1.000, so dass die Gesamtzahl 11.000 ergäbe.

Clematius-Inschrift 9. Jahrhundert (oben links; Quelle Wikipedia), Ursulabüste 1340 (oben rechts; Museum Schnütgen), Goldene Tafel aus St. Ursula 1150 (unten links; Museum Schnütgen),

Meister der Ursulalegende um 1500 (unten rechts; Museum Wallraf)

Es war wohl gerade die Zahl 11.000, die Reliquiensammler in eine regelrechte Goldgräberstimmung versetzte. In der Denkwelt des Mittelalters war nichts kostbarer als Reliquien von Heiligen, ihr Wert überstieg naturgemäß Gold und Silber. Der Handel mit Reliquien blühte, so wie man heutzutage mit Aktien oder Wertpapieren handelt. Das Heilige Köln, das als „Sancta Colonia Agrippina“ seit dem 10. Jahrhundert auf Münzen geprägt wurde, formierte sich als Handelsmetropole am Rhein, die nicht nur mit Wein, Salz, Tuchen oder Edelmetallen handelte.

Die Zahl 11.000 half: viele Knochenfunde waren Volltreffer, die zu den 11.000 Jungfrauen gehörten. Was den Händlern an Gewinn heilig war, das versuchte die Kirche zu unterbinden. Sie verbot den Handel mit nackten Knochen. Doch die Händler waren erfindungsreich. Sie bedienten sich eines Marketing-Tricks, den wir heute allzu gut kennen: es kommt auf die richtige Verpackung an. Sie schnitzten Jungfrauen-Köpfe, und steckten Knochen in das Innere. Büsten, Schreine oder Skulpturen mit rückseitigen Kammern dienten der Aufbewahrung von Knochen. Angeblich waren rund 12.000 Reliquien der Heiligen Ursula und ihrer Jungfrauen im Umlauf, diese Aussage machte der Papst im Jahr 1393.

Die Kirchen jedenfalls behaupten, dass sie nicht mit Reliquien gehandelt hätten, sondern dass sie diese lediglich aufbewahrten und den Gläubigen zeigten. Da erscheint es geradezu logisch, dass bei 11.000 Jungfrauen die Anzahl der Reliquien in der Kirche, die der Heiligen Ursula geweiht ist, besonders groß sein muss. Ein Aufbewahrungsort für all diese Reliquien wurde allerdings erst relativ spät geschaffen, nämlich während des 30-jährigen Krieges. 1643 wurde die Goldene Kammer angebaut, das war eine eigene Schatzkammer, die nur für Reliquien bestimmt war. Der Betrachter glaubt, dass mit der Reliquienverehrung der Tod eine neue, höherwertige, sinnstiftende Dimension erhält. Hinter der schweren Eisentüre steht man mit einmal Mal mittendrin zwischen einer Ansammlung von lauter Heiligen, dekorativ, teils in Schriftform sind die Skelettteile in den Reliquiaren an den Wänden angeordnet. Schädel schimmern hinter altem Glas, Knochen verbergen sich in geschnitzten Köpfen, in Nischen stehen hölzerne Reliquiare eng aneinander. Ein Altar geht in dieser Dichte von Reliquien fast unter.

Goldene Kammer

Überhaupt fand im 17. Jahrhundert ein Umdenken statt, dass sich die Bezeichnung der Kirche ändert von den „Heiligen Jungfrauen“ zu „St. Ursula“. Umgestaltet wurde auch der Kirchturm. Nachdem dieser durch einen Blitzeinschlag zerstört worden war, betonte er nach dem Umbau im Stil des Barock die Herkunft der Heiligen Ursula aus England. Dargestellt ist auf der Kirchturmspitze die englische Krone.

Egal, ob man die 11.000 Jungfrauen für „Faked News“ oder ob man sie für wahr hält. Die bizarren Ausschmückungen ändern nichts an der Popularität der Heiligen und ihrer Schar. Auf dem Altar der Stadtpatrone von Stefan Lochner beherrschen sie den linken Flügel, die elf Flammen im Kölner Stadtwappen halten sie gegenwärtig. Und wie man es dreht und wendet: St. Ursula und ihre Leidensgenossinnen haben weit über Köln hinaus gewirkt.

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