Bernar Venet und seine Skulptur "Arc 89"

Wer das Werk von Bernar Venet in seinen Tiefen entdecken will, der braucht Ruhe und Bedächtigkeit. So steht seine Metallskulptur „Arc 89“ auf dem Bonner Trajektknoten, am Ende der Museumsmeile, eigentlich am falschen Platz. Hektik und Verkehr machen jegliches ruhige Betrachten zunichte, so dass die Vorbeifahrenden oder Vorbeigehenden alleine von der Größe der Skulptur erschlagen werden. Unübersehbar, türmen sich die 42 Meter Höhe auf dem 17 Meter Breiten Fundament in die Höhe. Auf der geraden Fluchtlinie der Bundesstraße B9 grüßen die rostigen Metallstäbe schon weit in der Ferne. Über dem mageren Rasen des inneren Kreises gewinnt die Skulptur dann an Monumentalität und Größe, während der allgemeine Verkehrsstrom auf dem äußeren Kreis des dreispurigen Kreisverkehrs davon jagt.

"Arc 89" an der Museumsmeile Bonn

Bernar Venet, geboren 1941 in der Provence, begreift sich nicht als Künstler in konventionellem Sinne, der einem bestimmten Medium und einer bestimmten Stilrichtung verhaftet ist, sondern er sieht sich als Künstler der „équivalence“. Zunächst malte er monochrome Bilder aus schwarzem Teer in einer chaotischen, zufällig dahin geworfenen Anordnung. Aus dieser gestaltlosen Masse entwickelte er wiederkehrende Muster, die aber unterschiedlich angeordnet waren und durch diese Anordnungen Form und Struktur annahmen. Dann entwickelte sich sein Schaffensdrang in die Breite. Er komponierte zeitgenössische Musik, daunter Stücke, die in der Pariser Oper gespielt wurden. Gleichzeitig schrieb er Choreografien für Ballettstücke.

Unter „équivalence“ versteht Venet die Möglichkeiten, sich in unterschiedlichen Bereichen ausdrücken zu können. Er experimentierte mit den künstlerischen Formen der Installation, Performance, Klangkunst, Video, Licht, Design, Zeichnung, Druck, Malerei, Skulptur. 1976, nach einer sechsjährigen Schaffenspause, führte er seine Kunst auf mathematische Grundinformationen von Winkeln, Bögen, Linien zurück. Linien, die in der Diagonalen verlaufen, bauen Spannung auf, und wurden zum tragenden Konzept seiner Kunstwerke. Venets Linien verlaufen niemals gerade, sondern sie biegen sich. Dadurch werden sie frei, durch Mathematik und Formeln sind sie nicht mehr greifbar. Venet bezeichnet seine Grundkonzeption als „unbestimmte Linien“.

Anfangs zeichnete er diese „unbestimmten Linien“ auf eine Leinwand, später konnte er jedes beliebige Material mit dieser Grundstruktur modellieren. Der klarste Entwurf der „unbestimmten Linien“ gelang ihm mit Stahl. Seine Skulpturen aus Stahl verselbstständigten sich, sie wuchsen in die Höhe. In großen und gewaltigen Dimensionen erreichten sie ein Maximum an Ausdruckskraft. Es liegt nahe, dass solche Größenordnungen in keinem gewöhnlichen Atelier gefertigt werden können. Venet versteht seine Skulpturen als eine Art von Kraftprobe. Ein Prometheus, der in seinem Schaffensdrang den Widerstand gegen die Materie aus Stahl überwinden muss. Venet fertigt seine Skulpturen aus Stahl in einer alten Fabrikhalle in den Vogesen. Zwei Stahlarbeiter, die zum Künstler umgerüstet haben, helfen ihm dabei. Auch die Logistik ähnelt konventionellen Stahlbauarbeiten. Die einzelnen Stahlteile müssen mit LKWs transportiert und mit einem Kran aufgebaut werden.

Das Jahr 1987 löste eine regelrechte Welle aus, dass Skulpturen von Bernar Venet in Deutschland aufgestellt wurden. Nachdem Venets Skulptur „Arc 124,5 Grad“ mit einer Spannweite von 40 Metern in Berlin aufgestellt worden war, weckte dies die Begehrlichkeiten anderer Städte. So stehen im Westen unserer Republik seine kolossalen Skulpturen vor dem Duisburger Theater, auf dem damaligen Gelände der Bundesgartenschau in Koblenz, im Museumspark vor dem Tetraeder in Bottrop oder im Kölner Skulpturenpark.

Skulpturen von Bernar Venet:

Bundesgartenschau Koblenz (oben links), Museumsmeile Bonn (oben Mitte und unten rechts), Museumspark Bottrop (oben rechts), Skulpturenpark Le Muy, Provence (unten links), vor dem Theater Duisburg (unten Mitte)

Quelle Wikipedia; Museumsmeile Bonn eigenes Foto

Dass auch in Bonn, in exponierter Stellung auf dem Trajektknoten, einer seiner Monumentalskulpturen aufgestellt wurden, betrachtete die Bonner Bevölkerung eher zurückhaltend und skeptisch. Als am 5. Juni 2016 sein Werk enthüllt wurde, überwog die Kritik, trotz der hohen geladenen Gäste. Neben dem Bonner Oberbürgermeister wollten unter anderem der Vizekanzler Sigmar Gabriel und der Justizminister Heiko Maas dieses Großereignis nicht verpassen.

Viele Werke der Gegenwartskunst haben ein Problem damit, dass sie sich mit ihrem Abstraktionsgrad so sehr von der Wirklichkeit entfernt haben, dass das Körperliche und Gegenständliche interpretiert werden muss. Es ist nicht mehr erkennbar, was der Künstler überhaupt meint und welche Botschaften er vermitteln will. „Ist das eine Baustelle oder ist das Kunst ?“ … „sind das Pommes oder Churros ?“ … „das Werk eines Größenwahnsinnigen“, so dachten die Bonner Bürger über die schmucklosen und wuchtigen Formen, die so manchen erschlagen haben dürften. Viele dachten, dieses Geld für Kunst wäre zum Fenster hinaus geworfen. Die Stadt hätte besser auf die drastische Gebührenerhöhung für Grundsteuer, Kindergärten und offene Ganztagsschulen verzichten sollen und anstatt dessen die Kreisfläche des Trajektknotens in leerem Zustand belassen sollen. Alleine das Fundament für diese Skulptur hatte einhunderttausend Euro gekostet. Doch das Argument der Kosten greift nicht ganz, da die Stadt keinen Cent dazutun musste, weil bei einigen privaten Geldgeber die moderne Kunst sehr hoch im Kurs steht. Eine Stiftung für Kunst und Kultur hatte diese Gelder eingesammelt und wohl wollend zur Verfügung gestellt.

Man muss die 42 Meter Höhe auf sich wirken lassen, dann stellt sich allmählich ein Gefühl von Schönheit ein. Die Stahlbögen laufen mit einer Krümmung von 89 Grad auseinander, die symbolisch stehen für die Jahreszahl 1989, dem Jahr des Mauerfalls. Die Anzahl sechzehn der Stahlbögen verkörpert die Anzahl der deutschen Bundesländer nach der Wiedervereinigung. Umrundet man einmal zu Fuß die Skulptur über die Fußgängerüberwege des Kreisverkehrs, so wirkt die Skulptur als Ganzes: die sechzehn Bögen krümmen sich in die Höhe, sie falten sich auseinander und in der Höhe wieder zusammen. Der im Urzustand belassene leicht rostige Stahl kontrastiert mit seinen spielenden Formen gegen den blauen Himmel, wenn die Perspektive des Betrachters sich nach oben wendet. Dem Autofahrer auf der Bundesstraße B9 hat sich der Koloß auf dem Kreisverkehr inzwischen eingeprägt. Es sind nicht mehr nur Kirchtürme und Hochhäuser, die Zeichen in der Stadtlandschaft nach oben setzen, sondern auch Skulpturen.

Nachdem Venet fünfzig Jahre lang in New York gelebt hatte, hat er im letzten Jahrzehnt zu seinen Wurzeln in der Provence zurück gefunden. 1989 kaufte er in Le Muy in der Provence – zwischen Marseille und Nizza – eine alte Mühle und eine angrenzende Fabrik, die er zu Ausstellungsräumen vergrößerte. Auf dem vier Hektar großen Gelände befindet sich auch ein Kapelle, die 1970 neu gebaut wurde. Diese vier Hektar und die ausgebaute Fabrik, die alleine 2.000 Quadratmeter misst, nutzte Venet, um seine eigenen schwergewichtigen Skulpturen aus Metall auszustellen. Hinzu kamen etliche Werke seiner befreundeten Künstler Daniel Buren, Carl Andre, François Morellet, Dan Flavin, Donald Judd, Sol Lewitt, Frank Stella, Lawrence Weiner oder Richard Serra. Seit 2014 hat er der Öffentlichkeit in seinen Skulpturenpark Einlass gewährt.

Bernar Venet 2015, Foto Wikipedia

Jederfrau und jedermann hat freien Eintritt. „Die Kunst ist kein elitäres Anliegen für Einzelpersonen, sondern für die Allgemeinheit bestimmt“, nach diesem Grundsatz steht sein Park dem breiten Publikum zur Verfügung. Und wenn er es schafft, führt er sogar höchst persönlich die Besucher durch sein Anwesen.

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