Nachrichtenticker und Info-Screens

Heutzutage traut man sich kaum noch, den Fernseher einzuschalten. Überall, auf der ganzen Welt nur Krisen, Katastrophen, Terroranschläge, Kriege. Die Schnelligkeit, womit sich Nachrichten über den Globus verteilen, holt deren Aktualität ein, so dass der Fernsehkonsument auswählen kann aus einer Überfülle von bereitgehaltenen Informationen. Tagesgeschehen, Lokalgeschehen, Zeitgeschehen, Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Recherchen, Dossiers, Hintergrundanalysen. Was die Grundlagen einer freien Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft betrifft, könnte man meinen, eine feine Sache.

Dem Nachrichtenkonsumenten bleibt aber vom Prinzip her nichts anderes übrig als die selektive Wahrnehmung. Er muss filtern. Der ganz normale Konsument der Abendnachrichten mit einem ganz normalen Intelligenzquotienten wird sich danach sehnen, die Probleme überschaubar zu halten. Er wird sich vielleicht auch nach denjenigen Zeiten vor 1984 zurück sehen, als es nur die öffentlich-rechtlichen Programme gab, zu dessen Wertmaßstäben eine ausgewogene, wahre und inhaltlich richtige Berichterstattung gehört haben.

Info-Screen am Hauptbahnhof

Die Berichterstattungen von RTL, SAT1, VOX & Co werden deshalb nicht schlechter sein. Aber eine qualitativ gute Berichterstattung wird längst überkompensiert von der ganzen Überfülle des Programms, das nicht nur Nachrichtensendungen oder politische Magazine umfasst, sondern auch all die Unterhaltungsprogramme, Fernsehshows, Reality Shows oder das Schmuddel-TV. Die Probleme des Nachrichtenkonsumenten werden größer denn je sein, die richtigen Wirklichkeitsschnipsel aus aller Welt herauszufiltern, sie ins rechte Verhältnis zu setzen und so etwas wie ein eigenes Urteilsvermögen zu entwickeln, was heißt: sich selbst ein eigenes objektives Bild zu machen.

Die Notwendigkeit der Selektion wird bereits dort kritisch, wenn bestimmte Top-Themen alle anderen Geschehnisse zu überlagern. Das Herausfiltern übernehmen dann bereits die Medien für uns und nicht wir selbst. Es gehört zum Geschäftsmodell der Medienlandschaft, in einer gewissen Rangfolge über Top-Ereignisse wie Krisen, Katastrophen, Terroranschläge, Kriege zu berichten.

Weil unser Urteilsvermögen überfordert ist, bemessen wir die Wichtigkeit weltweiter Vorgänge daran, wie lange in den Medien darüber berichtet wird. Sondersendungen über die US-Präsidentenwahl, ein Brennpunkt über den Tod von Hildegard Hamm-Brücher, Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung über Terroranschläge werden demnach sehr intensiv wahrgenommen. Andere wichtige Themen, die unsere Gesellschaft berühren, werden indes zu Randthemen degradiert und zu viel zu später Uhrzeit ausgestrahlt. Der Nachrichtenkonsument schichtet genauso ab, dass in seiner selektiven Wahrnehmung diese anderen Themen unterhalb seiner Wahrnehmungsschwelle liegen.

Man könnte so vorgehen, wie wir es bis in die 1990er-Jahre gehandhabt haben: bis 1997 haben wir ohne Fernseher gelebt. Informiert haben wir uns aus Radio und Zeitungen, wobei wir Lokalzeitungen wie den General-Anzeiger oder die Rheinische Post als kompakt, gut lesbar und übersichtlich empfunden haben. Weniger Information ist mehr. Klarheit zugunsten einer Überfülle an Meinungsvielfalt. Ohne Fernseher, hatten wir allerdings darunter gelitten, dass wir epochale Ereignisse wie den Mauerfall 1989 ohne Bilder mit verfolgt hatten. Oder den Gewinn der Fußball-Europameisterschaft 1996 hatten wir nur als Radio-Reportage erlebt.

Oder man könnte dem Herausfiltern von wichtigen Nachrichteninhalten auch begegnen wie der Bestsellerautor Michael Nast. Er besitzt zwar einen Fernseher, er schaltet aber nur die Heute-Show ein. Er vertraut Kabarettisten, die über den Dingen stehen. Sie überzeichnen die Dinge und ziehen sie ins Lächerliche, indem sie diese auf die wirklich wahren Botschaften reduzieren.

Die Entwicklung des Nachrichtenkonsums weist indes in eine andere Richtung. Eine Art Nischenstrategie in den Nischen der Stadt. Es wird das Bild eines Nachrichtenkonsumenten geformt, dessen Wahrnehmung nur noch an einen Berieselungszustand gewöhnt ist. Den Ausschalteknopf des Fernsehers findet er nicht mehr, seine Augen suchen nach flackernden Bildern, eine Abfolge von Reizen und kurzen Impulsstößen.

N24-Nachrichtenticker im Café

Nach dieser Strategie der beanspruchten Aufmerksamkeit haben sich Flachbildschirme in verschiedenen Winkeln der Stadt eingenistet. Bevorzugt verbreiten sie Nachrichten, aber auch Werbung oder Informationen des Betreibers. Solche großen Flachbildschirme oder Info-Screens mit Nachrichtentickern stellen sich genau an solchen Orten auf, wo man Ruhepole sucht. Anstatt dessen wird man von hastig daher huschenden Bildern überfallen, etwa in Cafés, Restaurants, U-Bahn-Stationen oder Straßenbahnen.

Die Reihung der Wichtigkeit der Ereignisse wird hier umgekehrt. Ein großer Teil der Informationen in den Nachrichtentickern wird den Nachrichtenkonsumenten nicht interessieren. So empfiehlt der N24-Nachrichtenticker in einem Café etwa, dass man einen Heiratsantrag in einem Ort in weiter Ferne stellen sollte. Wen interessiert, dass Christine Errath, eine ehemalige Eiskunstläuferin der DDR, heute noch mit ihren 40 Jahre alten Schlittschuhen läuft ? Wer kennt etwa den Darter Max Hopp, der zuletzt eine empfindliche Niederlage einstecken musste ? Wer kann mit der Erkenntnis etwas anfangen, dass beim Online-Shopping in 72% aller Transaktionen bei Anbietern aus dem Ausland eingekauft wird ? Alleine aufgrund der Anordnung ist der Inhalt der Nachricht dürftig: ein Foto, eine Überschrift, zwei, maximal drei Sätze.

Luftlöcher von Nachrichten. Im Umfeld der Meldungen über Krisen, Katastrophen, Terroranschläge und Kriegen wird es dem Nachrichtenkonsumenten in der Tat nicht leicht gemacht, wenn nicht gar unmöglich, das aufzuspüren, was die Welt wirklich bewegt.

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