Charles de Gaulle im Rheinland

Flughafen Köln-Bonn, 4. September 1962, elf Uhr: Auf die Minute pünktlich verließ der französische Präsident Charles de Gaulle die Sondermaschine. Nach einundzwanzig Salutschüssen wurde er bei seinem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland von Bundespräsident Heinrich Lübke begrüßt. Es war ein historischer Augenblick: Zwei frühere Feinde reichten sich die Hand, beide hatten als Leutnants im Ersten Weltkrieg gedient. Bereits zwei Monate zuvor, Anfang Juli 1962, hatte de Gaulle gemeinsam mit Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims einen Versöhnungsgottesdienst gefeiert, um die jahrhundertealte Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen zu beenden. In der französischen Stadt Reims hatte Generaloberst Alfred Jodl 1945 die Kapitulationsurkunde unterzeichnet.

Die Vorgeschichte dieses Staatsbesuches war einigermaßen lang. 1958, als Charles de Gaulle den Ruf seiner „grande nation“ Frankreich ereilt hatte, der erste Präsident der fünften Republik zu werden, identifizierte er Konrad Adenauer als einer der maßgeblichen Schlüsselfiguren in der Nachkriegsordnung des noch jungen Europa. 1957 waren die Römischen Verträge zur Bildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ratifiziert worden, und nachdem er im September 1958 Konrad Adenauer auf sein Landhaus in Colombey-les-deux-églises in Lothringen eingeladen hatte, entwickelte sich eine Männerfreundschaft zwischen den beiden Staatsoberhäuptern, eine Männerfreundschaft, die de Gaulle auch als eine strategische Partnerschaft betrachtete, da er zum einen ein Bollwerk gegen die kommunistische Bedrohung aus dem Osten errichten wollte, und zum anderen eine unabhängige Position zu den Vereinigten Staaten anstrebte.

Landhaus von Charles de Gaulle in Colombey-les-deux-églises

Quelle: Screenshot Midi 3 France in Youtube

Nach weiteren Treffen, zu denen auch ein Kurzbesuch über Pfingsten 1961 in Bonn gehörte, plante Charles de Gaulle im Sommer 1962 seinen ersten längeren Staatsbesuch in Deutschland. Der inzwischen 71-jährige plante seinen Besuch so generalstabsmäßig, wie er es als früherer General in der französischen Armee getan hatte. Ein großer Teil seines Staatsbesuches sollte ihn durch das Rheinland führen, aber auch nach Hamburg, München, Stuttgart, Ludwigsburg. Von Terminen, Orten, Strecken, Etappen seines Sightseeing-Programms hatte er eine genaue Vorstellung, und die Verantwortlichen im Bundespräsidialamt, in den Landesregierungen und in Rathäusern mussten kapitulieren, weil die Fülle seiner Besichtigungswünsche überhaupt nicht mit dem verfügbaren Zeitkontingent in Einklang standen. Zudem mussten mehrere Hundertschaften von Bereitschaftspolizisten zu seiner Sicherheit organisiert werden. Die Besuchswünsche wurden im Auswärtigen Amt gebündelt, so dass das Besuchsprogramm ständig gestrichen, geändert und ergänzt werden musste. Selbst gestrichen und abgespeckt, hatte sich de Gaulle ein wahres Mammutprogramm ausgedacht, welches nur mit einem sehr straffen Zeitplan zu schaffen war. Wenn die Verantwortlichen ihn auf fehlende Pufferzeiten ansprachen, reagierte er trotzig: er wolle keinen Erholungsurlaub machen.

Eine spezifische Besonderheit stellte die verantwortlichen Organisatoren vor weitere Probleme: Charles de Gaulle war mit 1,95 Meter Körpergröße das größte Staatsoberhaupt Europas, so dass ein Bett mit einer entsprechenden Bettlänge herbei geschafft werden musste. Dabei behalf man sich in der französischen Botschaft in Bonn. Der vorherige Botschafter Seydoux, der ähnlich groß wie de Gaulle gewachsen war, hatte sich ein Spezialbett von 2,20 Meter mal 1,70 Meter anfertigen lassen. Dieses wurde dann auf den Petersberg transportiert, wo de Gaulle übernachtete.

Sowohl bei der Fahrt vom Flughafen durch die Stadt Bonn, wie auch beim gesamten Besuchsprogramm gab sich der französische Staatspräsident volksnah: die Rufe aus der Menge „vive la France“ erwiderte er mit „es lebe Deutschland“. Am ersten Besuchstag, dem 4. September 1962, besuchte er den Bundespräsidenten Heinrich Lübke in dessen Villa Hammerschmidt. Abends wurde ein Festessen auf Schloß Brühl serviert, bei dem auch die Ehefrauen des deutschen und französischen Präsidenten anwesend waren.

Am zweiten Besuchstag, dem 5. September 1962, fand am frühen Morgen ein Arbeitstreffen mit ausgewählten Ministern im Palais Schaumburg statt. Gegen 11 Uhr hielt de Gaulle auf der Treppe des Bonner Rathauses seine berühmte Rede, die Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Die Begeisterungsstürme in der Menschenmenge auf dem Rathausplatz hörten auch deswegen nicht auf, weil de Gaulle seine Rede nicht auf Französisch, sondern auf Deutsch hielt. Ein französischer Akzent war nicht wegzuleugnen. Aber de Gaulle las seine Rede nicht ab, er hielt seinen Redefluss aufrecht und er sprach ein fehlerfreies Deutsch.

Rede vor dem Bonner Rathaus, Quelle Youtube

„Es ist mir eine große Freude und eine große Ehre, in Ihrem Land empfangen zu werden … Sie können versichert sein, dass in Frankreich, wo man beobachtet und verfolgt, was jetzt in Bonn geschieht, eine Welle der Freundschaft in den Geistern und in den Herzen aufsteigt und um sich greift. Es lebe Bonn ! Es lebe die deutsch-französische Freundschaft !“

Um die Mittagszeit ging es nach Köln. Im Gürzenich wurde ein Festessen aufgetischt, anschließend machte de Gaulle eine Stadtrundfahrt. Natürlich besichtigte er den Dom, ursprünglich wollte er sogar auf der Domorgel gespielt haben. Schließlich empfing ihn im Rathaus der Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen und er überreichte dem Gast aus Frankreich ein würdiges Gastgeschenk. Es war die Nachbildung eines antiken Kopfes eines Flußgottes, den Burauen „Rhenus“ nannte oder auf Deutsch: „Vater Rhein“. Das Original aus der Römerzeit war bei Xanten gefunden worden. Am späten Nachmittag fuhren die Staatsoberhäupter von Köln aus zu Adenauers Privathaus in Rhöndorf. Zu Abend wurde auf dem Petersberg gegessen.

Am dritten Besuchstag wollte de Gaulle Düsseldorf und Duisburg besuchen. Da de Gaulle den Rhein auf einer Schiffsfahrt von Köln nach Düsseldorf sehen wollte, schrumpfte das zur Verfügung stehende Zeitkontingent in Düsseldorf. Charles de Gaulle, der Liebhaber von Schlössern, bekam daher ein Festmahl auf Schloß Benrath nicht in seinem Zeitplan untergebracht. Ihm verblieb gerade eine Stunde, um sein Besuchsprogramm zu absolvieren.

Die Bevölkerung erwartete ihn an der Schiffsanlegestelle am Mannesmann-Ufer. Von dort aus fuhr de Gaulle mit dem Ministerpräsidenten, Franz Meyers, zur Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, die seiner Zeit in Rheinnähe lag, ein Stück vor dem 1999 neu gebauten Landtag. Schützenvereine begrüßten dort den französischen Staatspräsidenten, und vom Balkon aus wurden die Reden gehalten.

Charles de Gaulle in Bonn (oben links), im Kölner Rathaus (oben rechts),

Düsseldorf (unten links), Duisburg-Hamborn (unten rechts)

Quelle: Informationsblätter der französischen Botschaft vom 15. September 1962

„Ihnen allen vielen Dank für den herzlichen und ergreifenden Empfang. Düsseldorf, diese schöne, fleissige, brüderliche Stadt, beweist nun, dass die Freundschaft genau das ist, was ihre Vernunft und ihre Gefühle betrifft. Es lebe Düsseldorf, es lebe Deutschland, die Freundschaft“, mit diesen Sätzen wandte sich de Gaulle an die Düsseldorfer Bevölkerung, die etwas eingeengt zusammen rücken musste, da die Staatskanzlei Wohn- und Bürogebäude umgaben.

Das verpasste Essen auf Schloß Benrath holte de Gaulle dann auf dem Schiff nach, womit er die Fahrt auf dem Rhein nach Duisburg fortsetzte. Auf seinem Besuchsprogramm stand nun die August-Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn, die er aus einem strategischen Blickwinkel ausgewählt hatte. De Gaulle hatte als Soldat beide Weltkriege miterlebt, in denen Waffen zum Einsatz gekommen waren, die zu einem großen Teil in Stahlwerken an Rhein und Ruhr hergestellt worden waren. Gezielt suchte er Kontakt zur Arbeiterschaft, als Sinnbild des deutschen Wirtschaftsaufschwungs, von dessen Leistungsfähigkeit Frankreich in einer Wirtschaftsunion genauso profitieren wollte.

Nach der Ankunft im Duisburger Hafen stieg de Gaulle in eine Werkszug um, und als er auf dem Werksgelände eintraf, waren die Stahlarbeiter vollkommen durchnässt, weil es in Strömen zu regnen begonnen hatte. Die 4.000 Arbeiter spenden frenetischen Beifall, alle wollten ihm die Hände schütteln. Aber weil die Hände dermaßen zahlreich waren, schaffte de Gaulle nur mit Mühe die vierhundert Meter lange Strecke durch die Werkshalle zum Rednerpult.

„Meine Herren! Ich wollte es nicht versäumen, zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen, um Ihnen den freundlichen Gruß der Franzosen zu entbieten. Die Tatsache, dass de Gaulle hier ist und von Ihnen so herzlich empfangen wird, beweist, wie sehr unsere beiden Völker schon einander vertrauen“, so begann de Gaulle seine Rede. Er schlug keine anklagenden Töne ein, er zeigte Respekt vor dem deutschen Volk, sein Wille war erkennbar, dass er Freundschaft und Aussöhnung anstrebte, daher glaubten ihm die Arbeiter. Mehr als eine Stunde dauerte seine Rede, weil diese immer wieder von Jubel, Applaus und Rufen „vive la France“ unterbrochen wurde.

Elysée-Vertrag, deutsche Fassung, letzte Seite

Standort: Haus der Geschichte Bonn

Als er nach Bonn zurückgekehrt war, hatten ihn seine Eindrücke überwältigt. Abends fasste er seine Eindrücke beim Galadiner in der Redoute in Bad Godesberg in einer Tischrede zusammen: „Die Eindrücke … sind wie die Wellen des Rheins: sie sind zahllos, mächtig und ergreifend … Das deutsche Volk hat uns spontan einen guten Willen, eine Freundschaft bekundet, die uns tief zu Herzen gegangen ist. Das muss wohl aus seiner Natur und zweifellos auch aus den Tiefen seiner Geschichte herrühren, und gewiss auch aus den gemeinsamen Gefahren und Aufgaben.“

Beim Abendessen erhob er sein Glas mit den Worten: „Auf das Wohl Deutschlands, unseres Freundes mehr denn je zuvor !“. Am nächsten Tag, dem 7. September 1962, verließ er das Rheinland nach Niedersachsen. Am 9. September 1962 endete sein Staatsbesuch in Ludwigsburg. Nach sechs Tagen verließ der französische Staatspräsident – wahrscheinlich vollkommen erschöpft und übermüdet – Deutschland. Der Besuch sollte Nachwirkungen zeigen. Beim Abendessen im Brühler Schloß hatte er vorgeschlagen, die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten vertraglich festzuhalten. Dies geschah dann vier Monate später auch, als die Elysée-Verträge unterzeichnet wurden. In diesem Vertragswerk wurde die militärische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit der beiden Länder festgelegt, eine Zusammenarbeit, die im Verlauf der Jahrzehnte und im Verlauf wechselnder Staatsoberhäupter mit Leben ausgefüllt wurde.

Der Staatsbesuch von Charles de Gaulle war der Beginn einer deutsch-französischen Freundschaft, die in der damaligen Zeit, siebzehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, geradezu revolutionär war.

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