Zweiter Weihnachtsfeiertag

Abrupt, ohne Vorankündigung, riss der Pastor die Besucher des Gottesdienstes aus ihren heimeligen Weihnachtsgefühlen von Harmonie, Frieden und Versöhnung. Das blutrote Gewand des Priesters ließ ahnen, dass der versöhnliche Teil des Weihnachtsfestes nun zu Ende ging. Die Botschaft des Zweiten Weihnachtsfeiertages passte überhaupt nicht zu der unberührten Erscheinung des Jesuskindes in der Krippe und leitete über zum Märtyrertum des Christentums, zu Blut und zu Verfolgung. Das Weihnachtsfest, ein in sich gespaltenes Fest. Der Zweite Weihnachtsfeiertag war dem Heiligen Stefan gewidmet. Der Diakon erzählte aus der Apostelgeschichte, wie sich Stefan zu Gott bekannte. Er wurde zum ersten christlichen Märtyrer, als die Hohepriester ihn vor ein Gericht zerrten. Dort holte Stefan in einer langen Rede aus und suchte die Hohepriester durch seinen Gottesbeweis zu überzeugen. Dies missfiel ihnen so sehr, dass sie ihn vor den Toren der Stadt zerrten und steinigten.

Altar unserer Pfarrkirche St. Dionysius

Unsere kleine Tochter, die am Zweiten Weihnachtsfeiertag als Messdienerin eingeteilt war, beeindruckte indes weniger diese brutale Botschaft, sondern mehr der Weihrauch. Zwischen dem Vaterunser und der Opferung fühlte sie sich so sehr eingenebelt vom Weihrauch, dass sie Angst hatte, ohnmächtig umzufallen.

Eine strenge Organisation und ein straffer Zeitplan, das brauchten wir in diesem Jahr am Zweiten Weihnachtsfeiertag, um die zeitliche Abfolge handhaben können. Meine Frau musste arbeiten und kam erst gegen 14 Uhr nach Hause. Nachdem ich beim Bäcker war und zu Hause für den Rest der Familie das Frühstück vorbereitet hatte, fuhr ich zunächst mit unserem Auto nach Bonn-Tannenbusch, wo zwei süße Katzen zu versorgen waren. Ein Bekannter der Abendschule meiner Frau war mit seiner Lebensgefährtin zu ihren Eltern im Osten unterwegs, und weil wir uns im Sommer während ihres Urlaubs so professionell um die Katzen gekümmert hatten, durften wir diesen Job auch über das Weihnachtsfest übernehmen.

Nachdem ich die beiden Stubentiger mit Trockenfutter versorgt hatte, die Katzentoilette gereinigt hatte und mich an ihrem weichen, pechschwarzen Fell gekuschelt hatte, ging es nach Hause zurück. Schnell frühstücken, Tisch abräumen und um 11 Uhr mit unserer kleinen Tochter in die Weihnachtsmesse am Zweiten Weihnachtsfeiertag. Als wir zurückkehrten, war für uns alle Nudeln mit Gehacktessoße fertig gekocht.

Kurz nach 14 Uhr ging es dann zu meinen Eltern an den Niederrhein, was etwas mehr als eine Autostunde entfernt liegt. Der Zweite Weihnachtsfeiertag gehört zu den seltenen Momenten, zu denen wir uns im Familienkreis meiner Eltern samt Bruder und seiner Familie nie vollständig, aber so vollständig wie möglich zusammenfinden. Diesmal waren meine Frau, unser Sohn und meine Schwägerin abwesend. Eine regelmäßige Kommunikation mit meinem Bruder ist nicht gerade unsere Stärke, aber insgesamt verstehen wir beide uns durchaus prächtig.

Katzen in Bonn-Tannenbusch versorgen

Bei Kaffee und Kuchen, nach dem Austausch von Weihnachtsgeschenken und einer kurzen Aufwärmphase des Gesprächs war es eine Frage meines Bruders, die die Einzigartigkeit des familiären Beisammenseins zu stören begann.

„Was macht eigentlich Dein Bruder ?“ fragte mein Bruder, an unsere große Tochter gerichtet.

„Hmm“. Wir drucksten herum, wobei ich mich bei seiner Stocherei mit angesprochen fühlte, denn bei unserem Sohn liefen die Dinge nicht immer optimal.

„Musst Du das Thema genau jetzt aufgreifen ?“ versuchte meine Mutter uns zu unterstützen.

„Wieso verpasst Du mir einen Maulkorb ?“ fühlte sich mein Bruder provoziert und ging nach draußen, wo unsere Kleine mit seiner Tochter im Garten spielten.

Als er aus dem Garten zurückkehrte, unterhielten wir uns mit meiner Mutter vollkommen entspannt über unseren Sohn.

„Das ist doch nicht euer Ernst … ich bekomme einen Maulkorb verpasst und genau über dieses Thema redet Ihr jetzt“, reagierte er genervt.

Dabei geriet er so sehr in Rage, dass er in die Rolle eines Psychoanalytikers schlüpfte, ohne dass er beruflich oder sonstwie damit zu tun hatte. Er sezierte die Persönlichkeit unseres Sohnes, drang Schicht für Schicht tiefer hinein, er kombinierte dies mit eigenen Krankheitssymptomen und suchte nach Handlungsalternativen. Er baute ein regelrechtes Psychodrama auf mit Schreckensvisionen einer gestörten Persönlichkeit und so weiter. Es entwickelte sich eine langatmige Diskussion, die nicht nur überflüssig war am Zweiten Weihnachtsfeiertag, sondern auch zu keinerlei neuen Erkenntnissen führte.

Vollgedröhnt vor lauter Psychoanalyse, rückte das familiäre Zusammensein in den Hintergrund. Beide Ü80, ist mein Vater ist inzwischen zu einem Pflegefall geworden, während meine Mutter mit der Pflege ständig überfordert ist. Meine Mutter Tag und Nacht angekettet an meinen Vater, der Pflegedienst rund um die Uhr im Einsatz, Verwandte helfen, so gut es geht, suchen wir alle händeringend nach einer Perspektive, wie es nach vorne vorwärts gehen kann. In einhundert Kilometern Entfernung sind mir mehr oder weniger die Hände gebunden.

Weihnachtsbeleuchtung in unserer Nachbarschaft

Gegen 19 Uhr zu Hause angekommen, ließ ich mir den leckeren Zigeunerbraten schmecken. Entspannen durfte ich mich anschließend allerdings nicht vor dem Fernseher oder auf der Couch, sondern bei den beiden Katzen in Bonn-Tannenbusch. Wie ausgehungert nach meinem morgendlichen Besuch, fielen sie jeweils über eine Schale Sheba her, die ich in ihren Fressschalen serviert hatte. Ich ließ mich auf die Wohnzimmercouch fallen, ließ mich bekrabbeln von den beiden Katzen und genoß, wie sie sich auf meinem Schoß nieder ließen. Ihr Schnurren war so laut, das es das Plätschern aus ihrem Trinkbrunnen spielend übertönte.

Wieder zu Hause angekommen, spülte ich den straffen Zeitplan und all die Psychoanalyse mit einigen Gläsern Fassbrause herunter. Unserem Pastor musste ich Recht geben, dass Weihnachten ein in sich gespaltenes Fest ist. Viele Facetten greifen ineinander, wie halt so im wahren Leben.

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