Tagebuch November 2016

1. November 2016

Da mein chaotisches Wesen mit Bedienungsanleitungen auf Kriegsfuß steht, haben wir es vorgezogen zu kapitulieren. Nicht alle Uhren in unserem Haushalt müssen auf die Winterzeit umgestellt sein. Um die Uhr an unserem Elektroherd umzustellen, hätten wir die Bedienungsanleitung, die in unserem Haushalt ins Nirwana entschwunden war, über das Internet downloaden müssen. Es stellt sich ohnehin die Sinnfrage, was die Sommerzeit bewirkt. 1980 eingeführt, erzählten mir meine Eltern, dass es eine Hinterlassenschaft des Krieges sei, in den Abendstunden eine Stunde Stromverbrauch von Glühbirnen einzusparen. Die hellen Tagesstunden verschieben sich aber von morgens nach abends, so dass im Endeffekt null Kilowattstunden eingespart werden, das haben Studien über Stromverbräuche belegt. Mithin hätte man auf die Unterscheidung von Sommer- und Winterzeit gut verzichten können. Als Begründung bleibt nur, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Dass er den Uhrzeiten gehorcht, sich dem Tagesablauf anpasst. Dass er es nicht anders kennt, als dass es im Sommer lange hell ist und im Winter früh dunkel. Wenn man den Rhythmus von Sommer- und Winterzeit abschaffen würde, würde dem Menschen etwas fehlen im Gang der Jahreszeiten. So finden wir es lästig, die Uhren im Frühjahr zurück- und im Herbst vorstellen zu müssen. Die Uhr auf unserem Elektroherd und auch in unserem Auto lassen wir mithin auf der Sommerzeit stehen, so dass wir fiktiv und gedanklich rechnen müssen. Die Uhrzeit minus eine Stunde.

2. November 2016

Dass öffentliche Gelder knapp sind, hat seit zehn Jahren Chaos und Durcheinander bei der Konzeption der Bäderstandorte ausgelöst. Bereits 2006 hatten mehrere Schwimmbäder im Stadtgebiet einen solchen Sanierungsbedarf, dass die Instandhaltungskosten die vorhandenen Gelder deutlich überstiegen. Seit zehn Jahren sind sich die Verantwortlichen uneinig, Verteilalgorithmen der vorhandenen Gelder auf die künftige Bäderlandschaft zu finden. Vom Prinzip her ist bereits seit 2006 bekannt, dass Bäderstandorte mit zu hohem Sanierungsbedarf geschlossen werden müssen. Nach Jahren des Zauderns und Aufschiebens haben die Verantwortlichen im September 2016 in einer brachialen Kraftanstrengung entschieden, dass ein Familien-, Schul und Sportschwimmbad im Stadtteil Dottendorf neu gebaut werden soll. Dafür sind mehrere marode Bäder – darunter das Kurfürstenbad im Stadtteil Godesberg – geschlossen worden bzw. werden noch geschlossen. Dagegen wehren sich nun die betroffenen Bürger, die ein ganzes Stück quer durch die Stadt zum nächsten Schwimmbad fahren müssen, mit einer Unterschriftenaktion. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass solch eine Entscheidung im Umfeld einer defizitären Bäderlandschaft, die im privatwirtschaftlichen Bereich längst vollzogen worden wäre, wieder revidiert wird.

3. November 2016

Skurrile Kombination von Helloween mit der Bürohausarchitektur, war mir erst heute aufgefallen. Den Kürbissen mit den eingeschnitzten Gesichtern haftet ohnehin etwas geisterhaftes, obskures, skurriles an. An der glatten Fassade des Bürohauses verlieren die Kürbisse etwas von ihrem gruseligen Charakter. Das Gesicht löst sich nunmehr in Bausteine und Einzelbestandteile auf. Auf der Linie der Bürohausfassade wirkt die Szenerie von Helloween trotz der dunklen Wolken vollkommen harmlos.

4. November 2016

Zuckerrübenernte mit dem Siebengebirge im Hintergrund. Am Stadtrand haben sich die landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen zurückgezogen, dennoch wuchert der Stadtteil Schwarz-Rheindorf nicht ins Uferlose, so dass die Bauern dort ihre Ernte einfahren können. Reihe für Reihe kann ich beobachten, wie der Rübenroder sich langsam vom Äußeren des Feldes in das Innere vortatstet. Mit fallendem Marktpreis sind die Anbauflächen rückläufig, und Automatisierung und technischer Fortschritt bestimmen die Zuckerrübenernte: in der Präzision der Reihen fährt der Rübenroder vorbei, der voller Elektronik im High-Tech-Verfahren mehrere Produktionsstufen steuert. Die Rüben werden durch Rodeschare aus der Erde gehoben, durch Reinigungswalzen und Siebbänder werden die Rüben von der anhaftenden Erde getrennt und in den Vorratsbunker der Maschine befördert. Am Ende des Tages ist das Spektakel vorbei: dann häufen sich die geernteten Zuckerrüben auf einer Zuckerrübenmiete entlang des Wirtschaftsweges.

5. November 2016

Auf der einen Seite herrscht Not und Mangel, auf der anderen Seite sprudeln die öffentlichen Gelder im Überfluss. So richtig nachvollziehen kann das niemand. Während einerseits jeder Cent umgedreht werden muss, welche Bücher etwa für die Stadtbibiliothek neu angeschafft werden können, wird auf der Josef-Beuys-Allee etwa gebaut, was das Zeug hält. Schon längere Zeit wird unter den Bahnschienen gebuddelt. Ein Kran ragt in die Höhe, der Radweg ist abgesperrt. Zunächst hatte ich einen Straßenunterführung unter die Bahnlinie vermutet, was angesichts der kurzen Zugfrequenzen sinnvoll gewesen wäre. Doch dem ist nicht so. Es wird ein neuer Bahnhof gebaut, was mich erstaunt, da in weniger als einhundert Metern Entfernung bereits die U-Bahn-Haltestelle Heussallee liegt. Der Personenkreis wird mithin relativ klein sein, der tatsächlich von einer Zeitverkürzung profitieren wird. 7,9 Millionen Euro soll der Bahnhof kosten, davon wird das Land NRW einen nicht unerheblichen Betrag beisteuern. So mancher Arbeitsplatz hätte damit zum Beispiel in zu schließenden Bädern erhalten werden können.

6. November 2016

Geburtstagsfeier meines Schwagers. Zu elf waren wir zunächst in der Bowling-Arena, dann waren wir in der L’Osteria in Troisdorf-Spich Pizza essen, deren Pizzerien bei uns mit einem einheitlichen Konzept an verschiedenen Standorten vertreten sind. Die L’Osteria ist rekordverdächtig, was die Größe der Pizzen betrifft. Die Normalgröße ist so groß, dass es Sinn macht, sich zu zweit eine Pizza zu teilen, so dass man gut und gerne von einer halben Pizza satt wird. Die normale Pizza für einen normalen Pizza-Preis ragt bestimmt zehn Zentimeter über den Tellerrand hinaus. Ich habe zu denjenigen gehört, die sich an ein solches Riesenexemplar – bei mir war es eine Pizza Marinara mit Fisch, Tintenfisch, Krabben – heran gewagt haben. Ganz habe ich es nicht geschafft. Vollgestopft, habe ich ein Stück Rand übrig gelassen.

7. November 2016

Vermessungen wurden durchgeführt, seitdem die Menschheit existiert. Bei Sumerern, Babyloniern, Chaldäern, Ägyptern, Chinesen oder Indern waren es Ellen, Mess-Seile oder Ruten, womit Entfernungen gemessen wurden. So erstaunt es nicht unbedingt, dass die pfiffigen und erfindungsreichen Römer sich Maßstäbe für Entfernungen einfallen ließen. Alle Wege führen nach Rom: nach diesem Prinzip wurden Römerstraßen vermessen. Und wenn die Hauptstadt Rom ganz weit am anderen Ende des Römerreiches lag, dann waren es die irgendwo im Reich verteilten Hauptstädte der Provinzen. So die Hauptstadt CCAA in der Provinz Niedergermanien – besser bekannt als „Köln“. Von der CCAA aus verliefen Römerstraßen den Rhein entlang, in die Provinz Belgica oder nach Gallien. Oder quer durch die Eifel zur nächsten Hauptstadt „Augusta Treverorum“ – das war Trier. Was heute in Kilometern gemessen wird, das bewältigten römische Legionen im Laufschritt. Genau eintausend Laufschritte erkoren die Römer zu ihrem Entfernungsmaß: „mille“ bedeutete „eintausend“ auf Lateinisch, und was die eintausend Laufschritte schafften, zählten die Römer zu einer Meile zusammen, die 1.478 Kilometer lang war. Meilensteine markierten die Römerstraßen, so der 250 nach Christus errichtete Meilenstein bei Nettersheim in der Eifel an der Römerstraße von der CCAA zur Augusta Treverorum, dessen etwas schmuckloser Stumpf sich neben Grabsteinen in der Bonner Rheinaue befindet. Die römischen Meilensteine nannten die Kaiser, unter denen sie gesetzt wurden. An der Römerstraße nach Trier war es auf diesem Meilenstein der Kaiser Gaius Quintus Messius Decius Traianus, dessen Initialien in die steinerne Säule eingraviert sind.

8. November 2016

Aufräumen in den Untiefen unseres Kellers. Dort lagert vieles, was wir nach unserem Umzug im Jahr 2008 nicht mehr angerührt haben. Alte Todesanzeigen, Danksagungen zur Kinderkommunion; Rückblicke auf das analoge Zeitalter, als noch Weihnachtskarten verschickt wurden, die nun durch e-Mails, Facebook oder what‘s app ersetzt worden sind; unsere Krankengeschichte von eingereichten Arztrechnungen; unser Sammeltick, dass wir Briefmarken gesammelt haben; Heftstreifen, Hängeordner, Hefter, Klarsichthüllen, Büroklammern, ein Lager voller Büromaterial. So manches haben wir entsorgt, weil wir die Dinge niemals wieder benötigen werden. Ein Erinnerungsstück habe ich mir allerdings behalten. Ein Hochglanzprospekt über das LEGOLAND Billund in Dänemark, das wir im Jahr 1999 besucht haben. Danach sind wir niemehr nach Billund gefahren, weil das LEGOLAND Deutschland in Günzburg eröffnet hat. Das LEGOLAND in Billund war aber der Anstoß für unsere großen LEGOLAND-Leidenschaft.

9. November 2016

Wolfgang Niedecken, der BAP-Sänger, hatte einmal gesagt, dass es zu seinen wichtigsten Anliegen gehören würde, das Lied „Kristallnaach“ aus seinem Programm streichen zu können. Ein Leben lang habe er sich gegen den Rechtsextremismus engagiert, und dieser solle bitte auch von der Bildfläche verschwinden. Leider laufen die gesellschaftlichen Strömungen dagegen. Rechtsextremisten sind aktiver denn je, siehe der letzte Polizistenmord durch die Reichsbürger, die unter anderem Deutschland in den Grenzen von 1937 fordern und die Ermordung von Juden in Konzentrationslagern leugnen. Leider ist Wolfgang Niedeckens Stück „Kristallnaach“ aktueller denn je und gehört weiterhin zu seinem Grundrepertoire. Am Datum der Reichskristallnacht habe ich die Gedenkstätte der zerstörten Synagoge in Bonn-Beuel aufgesucht.

11. November 2016

Allmähliche Befreiung aus den Chaostagen. Drei Tage Kinderklinik liegen hinter uns, oder genau gesagt, drei Tage in der pädiatrischen Abteilung des Marienhospitals auf dem Venusberg, da alle Betten in der Kinderklinik St. Augustin belegt waren. Vorgestern war die Situation eskaliert: der Magen-Darm-Virus hatte unser kleines Mädchen erbrechen lassen, der Virus hatte sie auszutrocknen gedroht und in die Kinderklinik befördert, weil sie jegliche Flüssigkeit nicht in sich halten konnte, dann steckte der Virus meine Frau an. Seit gestern am frühen Abend ist unser kleines Mädchen wieder zu Hause, weil sich ihr Zustand stabilisiert hat. Heute sieht es so aus, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Wir können wieder aufatmen.

12. November 2016

Der November, ein Monat, in dem im Kleinen allerhand los ist. Beim Gang in die Apotheke wimmelt es an der Glasfront zur Eingangstüre vor Zetteln, Plakaten, Hinweisen, Ankündigungen, Einladungen zu Terminen, die keine Großereignisse darstellen, sondern zu denen sich ganz viele Hände ganz viel Mühe geben, um Großes auf die Beine stellen. Kaum ein Flecken ist auf der Fensterscheibe frei, so dass sich der Veranstaltungskalender im Kleinen ganz dicht gestaltet. Die Auswahl an Spielzeugbasaren, wo auch Anziehsachen für Kleinkinder verkauft werden, ist groß. Die Novemberwochen vor der geschäftigeren Weihnachtszeit gestalten sich still. Man geht in sich und sucht die innere Harmonie. Hobbykünstler haben gemalt und stellen ihre Werke im Kopernikus-Gymnasium aus. Der Männer-Gesangverein erfüllt die Welt im Saal „Zum Lüches“ mit seinem Jahreskonzert. Die Musikschule wird diese geschmeidigen Töne mit großen Namen aus der klassischen Musik überbieten können, mit Rameau, Bach, Chopin, Kreisler. Die langen und dunklen Abende liefern nicht nur die Inspiration für Hobbykünstler und Musiker, sondern auch für Hobby-Schauspieler, die in eine Theaterrolle schlüpfen. Der hiesige Theaterverein gibt bei insgesamt sechs Vorstellungen sein bestes. Wir werden uns Morgen dem Trend, dass im Kleinen ganz großes gemacht wird, anschließen. Wir werden die Buchausstellung im Pfarrheim besuchen.

13. November 2016

Am heutigen Volkstrauertag habe ich mich auf die Suche begeben nach Inhalten und Orten, die diesen Tag prägen sollen. Die Unterstraße knickt rechts ab vom Marktplatz in unserem Ort. Fest und starr stehen die parkenden Autos mal rechts, mal links auf der Straße, so dass das Auto regelrecht Slalom fahren muss. Ganz unscheinbar, leicht kann man es übersehen, steht die Gedenkstätte in einer seichten Linkskurve an derjenigen Stelle, wo 1833 die Pfarrkirche wegen all der Bauschäden abgerissen wurde, die ihr die Rheinhochwasser zugefügt hatten. Ein glatter Rasen voller Herbstlaub; eine schüchterne, weiße Kapelle; zwei eiserne Tafeln „Zum Gedenken 1933-1945“; alphabetisch sortierte Namen der Gefallenen in drei Spalten; drei steinerne Kreuze; ein Kriegerdenkmal aus der Kaiserzeit, das man in der Nachkriegszeit vom Marktplatz hierhin verfrachtet hatte. „Im stillen Gedenken. Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“, mit diesen Worten mahnen die Bänder auf den zwei Kränzen, die sich vor der Türe zur Kapelle so sehr verlieren, dass sie nicht gerade Interesse erwecken an der Bedeutungsschwere dieses Tages. Betrachtet man all das Leid, all die Toten und all die Gefallenen, die zwei Weltkriege Deutschland und ganz Europa gebracht haben, so fehlt jegliches Maß von Größe und Proportion. Die Gedenkstätte versteckt sich geradezu, so wie die Zeit des Nationalsozialismus in der öffentlichen Wahrnehmung allzu gerne ausgeblendet wird. Das Sich-Wiedererinnern an solche Zeiten schwindet. In unseren Zeiten von Erregungswellen, ausländerfeindlichen Parolen und Hasskampagnen brauchen wir solche Tage mehr denn je.

15. November 2016

Besuch der Ausstellung „Inszeniert – Deutsche Geschichte im Spielfilm“ im Haus der Geschichte. Die Ausstellung führt durch Filme der deutschen Nachkriegs- und Zeitgeschichte. Auf einer Großleinwand zeigt die Ausstellung längere Ausschnitte der Filme von vier bis fünf Minuten, auf kleineren Bildschirmen kann man über einen Touchscreen mehrere kürzere Sequenzen von ein bis zwei Minuten mit gewissen Kernbotschaften anstoßen. Drehbücher, Original-Requisiten, Schreiben zwischen Regisseuren und Schauspielern auf Schreibmaschine, Zuschauerreaktionen, Filmpreise, Bambis, zeitgenössische Dokumente untermalen die Ausstellung. Anfangs hat der Film als Medium gedient, um das Kriegsgeschehen aufzuarbeiten. Holocaust und Konzentrationslager sind ein zentrales Thema, aber auch realistische Kriegsszenen in einer abschreckenden Funktion. Ich fand den Film „Die Brücke“ aus meinem Geburtsjahr 1959 mit Fritz Wepper und Volker Lechtenbrink wieder, die mit anderen 16-jährigen zum letzten Aufgebot gehörten. Kurz vor Kriegsende erlebten sie Tod und Sterben hautnah, als sie eine Brücke ohne jegliche militärstrategische Bedeutung verteidigen sollten. Es gibt aber auch Filme, die positive Akzente gesetzt haben in der Nachkriegszeit wie etwa der Film „Das Wunder von Bern“. Heinz Erhardt entdeckte ich in einem Film, den ich als großer Heinz Erhardt-Verehrer gar nicht kannte: „Mein Mann – das Wirtschaftswunder“. Für einen bestimmten DM-Betrag sollte er sich als Witwer eine Frau kaufen, weil in der Wirtschaftswunderzeit alles käuflich ist. Der Querschnitt durch die Filmlandschaft ist höchst lebendig: von „Das Mädchen Rosemarie“ über „Deutschland im Herbst“, das den Terrorismus in den 1970er Jahren thematisierte, bis hin zu Mauerfall, Wiedervereinigung und Stasi-Vergangenheit. Ich begegnete dem Film „Goodbye Lenin“, dessen wirklichkeitsfremde Komik im Umfeld des Mauerfalls, die gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen war, mich damals überwältigt hatte. Alles in allem eine faszinierende Ausstellung, die es lohnt sich anzuschauen in einem schönen Gesamtabriss der Filmgeschichte.

16. November 2016

Heute Regenwetter von morgens früh bis abends spät ohne jegliche Regenpausen. Egal, ob es nieselt, ob der Regen nahtlos in das Himmelsgrau übergeht, ob es Bindfäden regnet oder ob es schüttet: nach Melancholie ist mir selten zumute. Es passiert zu viel, wenn der Regen in seiner Unendlichkeit herunter plätschert. Regenschirme spannen sich auf, das Wasser zieht auf dem Erdboden seine Bahnen. Rinnsale vereinigen sich, bevor sie in Gullys und in die Kanalisation hinein tröpfeln. Das Spiel der Pfützen wirkt bisweilen surreal: optische Täuschungen von Leuchtreklamen spiegeln sich, Buchstabenfolgen stehen wie durchgedreht auf dem Kopf. Baumkronen verzerren sich in den Spiegelbildern. Der regennasse Untergrund verstärkt das rechteckige Muster des roten Verbundpflasters. Selten ist meine Stimmung trübsinnig, wenn es regnet.

17. November 2016

Bedrückende Stimmung durch zwei Automaten. In einer düsteren, grau-schwarz gehaltenen Farbgebung sind die beiden Rückgabeautomaten im Durchgang aufgestellt, wo man zu den Bücherregalen für Belletristik, Kriminalromanen, Biografien und medizinischen Ratgebern gelangt. Seit etwas mehr als einem Jahr ist die Stadtbücherei dazu übergegangen, dass man die ausgeliehenen Bücher nicht mehr persönlich einem Mitarbeiter zurück gibt, sondern dass man sich des Automaten bedienen muss. Dazu schiebt man in das Rückgabefach zurückzugebende Buch hinein, aus einem länglichen Schlitz wird dann ein Rückgabebeleg ausgespuckt. Die Anonymität, dem maschinellen Vorgang ausgeliefert zu sein, wird verstärkt durch die bedrückenden, monotonen und düsteren Farben.

18. November 2016

Besuch bei unserer Tierärztin. Unsere Katze Alia leidet an einer Schilddrüsenüberfunktion, so dass wir ihr Tabletten verabreichen müssen, damit sich ihr Gewicht stabilisiert. Ihr Gewicht hat zugenommen, auf 3,6 Kilogramm, das ist beinahe ein Idealgewicht, und heute hat die Tierärztin eine Blutprobe entnommen um festzustellen, wie die Tabletten künftig zu dosieren sind. Unsere Katze Alia war tapfer. Als die Injektionsnadel in ihr linkes Vorderbein hinein stach, hielt sie still. Sie regte sich nicht auf ihren strammen Pfoten, kein aufbegehrendes Miauen, so dass sie die Blutentnahme mit Geduld, Anstand und Würde überstand. Das Lob der Tierärztin hatte sie sich danach redlich verdient. Eine wunderschöne Katze mit einem geschmeidigen Fell hätten wir, meinte sie. Ihr betagtes Alter von 16 Jahren sähe man ihr überhaupt nicht an. Ein wenig klopften wir uns danach selbst auf unsere Schultern, dass wir so stolz auf unsere Katze waren.

19. November 2016

Die große Aktion habe ich verpasst. Schweres Gerät ist heran gerückt, am Rheinufer sind Pappeln gefällt worden. Nun kann ich auf dem Rheindamm nach verfolgen, wie Kettensägen die Baumstämme auf handhabbare Stücke klein gesägt haben, so dass LKWs sie auf ihrer Ladefläche abtransportieren konnten. Die dicken Stämme warten nun auf ihre weitere Verwendung. Die Aktion muss aufwändig gewesen sein, das stelle ich fest, wenn ich mich vor die zersägte Schnittfläche stelle. Wie klein ein einzelner Mensch ist, verliert sich vor der Dicke des Baumstamms. Einerseits komme ich mir winzig vor, andererseits groß, weil der Mensch es mit seinem Verstand versteht, sich die Natur mit den Größenordnungen, die den Menschen übertreffen, handhabbar und nutzbar zu machen. Die Baumstämme warten nur auf ihre industrielle Verwertung. Trotz ihres vergleichsweise schlechten Holzes sind Pappeln dazu geeignet, aus ihrem Holz Zellstoff, Kartonagen oder Papier herzustellen.

20. November 2016

Lästiger Besuch beim Hausarzt. An den Augen tränt und juckt es, so dass wir Angst haben, es könnte die Augengrippe sein. Ich musste länger warten als erhofft. Erst gegen halb 12 war ich in meinem Büro. Die Zeit habe ich mir im Wartezimmer damit vertrieben, indem ich den Stern gelesen haben. Beim Lesen habe ich festgestellt, dass mir Struktur und Art der Reportagen besser gefallen als zum Beispiel der SPIEGEL, da der Anteil der politischen Themen geringer ist. So habe ich in Ruhe eine ausgiebige Reportage über die USA vor der Präsidentenwahl lesen kam. Zum Schluß kam die Entwarnung: es ist nicht die Augengrippe, denn es ist nichts verklebt und die Rötung des Augapfels ist nicht besonders intensiv. Die Hausärztin hat mir Augentropfen verschrieben.

21. November 2016

Die Zeichen des Klimawandels verbergen hinter diesem Absperrzaun ihre Hinterlassenschaften. Es geschah am 4. Juni diesen Jahres, als sich von unserem Ort aus eine verschwommene Grauzone am Horizont andeutete. Später ballten sich in unserem Ort ein paar Wolken zusammen, es donnerte, regnete. Während sich nach zehn Minuten der Platzregen wieder in blauen Himmel verwandelt hatte, wütete nach Süden hin, über Bonn, das Unwetter. Wir erfuhren aus den Nachrichten, dass in Bad Godesberg eine Flutwelle durch die Fußgängerzone geschossen war und alles unter Wasser gesetzt hatte. Vier Millionen Liter Wasser drangen in die Fronhofer-Galeria, eine Ladenpassage mit rund 20 Geschäften, ein. Seitdem wird saniert, repariert und trocken gelegt, um Sporenbildung zu vermeiden. „Wir sind baden gegangen – Wiedereröffnung in Kürze“, das vermeldet die geschlossene dm-Filiale seit geraumer Zeit. Mit Ausnahme von H&M hat aber bis heute kein einziges Geschäft wieder eröffnet. Der Umsatzausfall dürfte gigantisch sein und so manche Existenz bedrohen. Die Zeichen des Klimawandels, darunter zunehmende Unwetter, sind unübersehbar.

22. November 2016

Der Autoverkehr erhält in der dunklen Jahreszeit eine neue, anregende Sichtweise. Sonst zehrt er an den Nerven: er dröhnt die Ohren zu, er ist laut, hektisch, nervös, ziellos und kratzt die Seele auf. Breite Straßen mit viel Verkehr wenden sich ab. Menschen suchen Ruhepunkte abseits der Hauptverkehrsstraßen auf. In der dunklen Jahreszeit ist das anders, weil der Autoverkehr, vom höheren Standpunkt aus betrachtet, eine Leitlinie und Orientierung bietet. Scheinwerfer und Rücklichter fädeln sich ein, Bänder von Lichtern pulsieren in einem unablässigen Strom auf- und abwärts. Das Lichterspiel aus Bürofenstern leuchtet an Baumalleen vorbei, sie starren auf die vierspurige Straße und lassen die kalte Bürohausfassade im Dunkeln verblassen.

23. November 2016

Überraschende Schätze im Inneren der Kirche, die deutlich älter sind als die Kirche selbst. Die neugotische Kirche St. Marien in Bad Godesberg wurde 1863 geweiht. Eine Glasvitrine zeigt dann neben dem Seiteneingang unter anderem eine Monstranz, ein vergoldetes Kreuz und einen Kelch, die jeweils vor 1863 datiert sind. Bis weit ins Mittelalter zurück reichend, ist das Glanzstück dieser Kirche eine hölzerne Pietà aus Flandern aus dem Jahr 1342 neben dem Chor. Überwältigt war ich von der liturgischen Handschrift aus dem ehemaligen Brigittenkloster Marienforst aus dem 17./18. Jahrhundert, die die Glasvitrine ebenfalls beherbergt. Die Handschrift vermittelt die Ausdruckskraft von sehr alten Büchern. Welcher Aufwand getrieben wurde, Wörter und Sätze zu schreiben, wie rot ausgeschmückte Anfangsbuchstaben feierlich jeden Satz eröffnen, wie Buchstabe für Buchstabe einzeln künstlerisch geschwungene Formen erhält. Blatt für Blatt fügt sich dann die Gesamtkomposition des Buches zu einem Kunstwerk zusammen.

24. November 2016

Die Kombination sollte nicht gelingen. Mainz kenne ich nur vom Zug aus, als Umsteigebahnhof, wenn mich frühere Dienstreisen nach Darmstadt geführt hatten. Den Dom, Gutenberg, die einstige Römerstadt „Mogontiacum“ habe ich nie kennengelernt. Heute Vor-Ort-Termin im Call-Center in Mainz. Sorgsam führte uns die Autobahn rund um Wiesbaden und Mainz herum, vorbei am Stadtkern mit dem Dom, Gutenberg und der Römerstadt „Mogontiacum“. Hinter der Autobahnbrücke über dem Rhein fraß sich ein Zementwerk mit bedrohlichen Ausmaßen in Felswände aus Kalk. Vier Autobahnausfahrten weiter, in Mainz-Hechtsheim, entfernten wir uns an den Rand von Mainz. Ein namenloses Industriegebiet von bemerkenswerter Trostlosigkeit. Lagerhallen, die Brotfabrik einer Bäckereikette, drei- bis fünfstöckige Büroblocks, ein Pylon der Industrie- und Handelskammer Rheinhessen in schockierendem Blau. Das Call-Center fügte sich ein in die monolithischen Blöcke der Produktion, die ihrer Optik keinerlei Wert beimaßen. Hier und da Zierbäume, hier und dort unselbstständige Grünflächen, hin und wieder Bodendecker oder Feuerdorn mit seinen roten, aufbegehrenden roten Beeren: die Tupfer von Grün hatten Seltenheitswert. Diese Arbeitswelten des Industriegebietes ließen sich effektiv nicht mit dem Dom, Gutenberg und der Römerstadt „Mogontiacum“ kombinieren.

25. November 2016

Nein, für mich wäre das nichts. Kraxeln in luftiger Höhe, ein Gewirr von Kabeln auseinander tüfteln. Ordnung und Reihenfolge so gestalten, dass die Weihnachtsbeleuchtung den Weihnachtsbaum vor dem Rathaus so gleichmäßig ausleuchtet, dass Lücken und gähnende Freiräume ausbleiben. Versierte Hände geben sich fleißig Mühe. Hubwagen im orangen, sterilen Farbton der Stadtwerke hieven Arbeiter auf ihren Arbeitsbühnen quer durch die Lüfte, die zielsicher Äste und Zweige umkreisen. Lichterketten verteilen sich, sie strengen sich an, um die Baumspitze zu erreichen, sie verlaufen im Zickzack, sie ziehen unregelmäßige Muster, dessen Gesamtbild später ausgewogene Formen von Lichtern und Kerzen ergeben wird. Die Vorfreude auf die Weihnachtsbeleuchtung steigt, in der Dunkelheit wird sie bald den Rathausplatz mit all seinen Lichtern verzaubern.

26. November 2016

In der Vorweihnachtszeit ist es zur alljährlichen Tradition geworden. Wir spenden nichts, anstatt dessen backen wir Plätzchen. Spritzgebäck. Zum ersten Adventswochenende öffnet im Nachbarort der Weihnachtsmarkt, auf dem der Verkaufsstand des „Fördervereins für integratives Wohnen“ präsent ist. Der Verein sammelt Gelder für geistig Behinderte, um Ausstattung und Einrichtung für deren Behindertenwohnheim zur Verfügung zu stellen. So haben wir gestern in einer Ganztagesaktion Plätzchen gebacken. Zweimal Teig haben wir gemacht, die der Fleischwolf in die länglichen Formen von Plätzchen gebracht hat. Der Backofen war in Dauerbetrieb und lief auf Hochtouren. Die 37 Beutel Plätzchen, die das Ergebnis unserer Backaktion waren, haben dankende Helfer am Verkaufsstand heute Morgen auf dem Weihnachtsmarkt entgegen genommen.

27. November 2016

The American Way of Life. Aus diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das kulturelle Glanzlichter wie den Jazz, den Blues, den Rock’n’Roll oder Filmstars vom Format eines Charlie Chaplin hervor gebracht hat, schwappen die platten Mechanismen des Konsums herüber. Die Dinge sind dann gut, wenn sie erfolgreich verkauft werden können. Der Einfallsreichtum kennt keine Grenzen, wenn Kampagnen den Umsatz in die Höhe treiben können. Der Freitag nach dem Thanksgiving Day ist vor dem Ersten Advent ein Brückentag, an dem sich das Volk der US-Amerikaner in einen Kaufrausch steigert. Der Einzelhandel lockt mit Sonderangeboten, und viele Geschäfte und Handelsketten öffnen morgens bereits um 5 Uhr. Mancherorts warten die Käuferscharen nachts in Warteschlangen vor den Geschäften, um am „black Friday“ bei der Schnäppchenjagd früh genug dabei zu sein. Wegen der nächtlichen amorphen, dunklen und anonymen Käufermassen hat sich die Bezeichnung des „black Friday“ heraus gebildet. Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich dieser Stil des „American Way of Life“ auch auf unsere Einkaufswelten übertragen. Der „black Friday“ lockt mit Sonderangeboten, Kampfpreisen und einer Geiz-ist-Geil-Mentalität - so wie im Schaufenster des Kaufhof. Was gut und böse ist, bestimmen die Verkaufszahlen.

28. November 2016

Es sollte dauern, bis sich der Nebel auflösen würde. Plötzlich und über Nacht hatte es gefroren, und ich stolzierte über Wege, wo der Matsch in Eisflächen überging. Zum Novemberende hatten die Bäume sich entblößt, und mit nur noch wenig Herbstlaub waren die geraden Baumreihen wie erstarrt. Der Frost hing in den kahlen Zweigen. Das Gebäude der Universität verschwamm. Die zähe Schicht des Nebels verschleierte das Sonnenlicht, bleiern und schwer lag die Nebelschicht über dem Hofgarten. Wie eine unsichtbare Wand stand er vor den Reihen von Kastanienbäumen, die sich in der Nebeldecke genauso versteckten wie der linke Seitenflügel des Universitätsgebäudes. Die Grasfläche lastete so träge wie der Nebel. Der Rasen war aus einem schmutzigen und verwaschenen Grün, den ein Rest von Herbstlaub an den Rändern bedeckte. Bis zum späten Vormittag dauerte es gestern, bis sich der Nebel gelichtet hatte. Dann wurde es ein klarer, sonniger Tag.

29. November 2016

Es gibt solche Tage in der Vorweihnachtszeit, die blenden Alltagsstress und Hektik aus und lassen das geschehene Jahr in gemütlichem Beisammensein ausklingen. Dies geschieht traditionell auf Weihnachtsfeiern, die sich - über unsere gesamte Familie hinweg betrachtet - auch zu einer größeren Anzahl anhäufen können. Gestern war es mit meinen Arbeitskollegen soweit, dass wir uns auf dem Kölner Weihnachtsmarkt nieder ließen. Nach der Führung durch den Dom speisten wir in Gaffels Brauhaus am Dom. Köln dürfte so ungefähr diejenige deutsche Großstadt mit der größten Dichte an Weihnachtsmärkten sein. Ob Rudolfplatz, Neumarkt, Heumarkt, Roncalliplatz, Alter Markt, Schokoladenmuseum: früher oder später rennen einen in der Kölner Innenstadt die Weihnachtsmärkte um. Die Lichterketten waren auf dem Roncalliplatz jedenfalls grandios. Ein Meer von Lichtern wogte über der Mitte des Platzes, die Lichter formten in der Dunkelheit ein schützendes Dach, darüber türmten sie sich zu einem Tannenbaum auf, auf dessen Spitze sich ein leuchtender Stern erhob. Von innen wärmten wir uns auf dem Roncalliplatz mit einem Glühwein auf, um den kalten Außentemperaturen zu begegnen.

30. November 2016

Es gibt sie, solche kalten und abweisenden Orte, an denen man sich unwohl fühlt. Die einen beklemmen, einengen und die einem gruselig vorkommen. Man sehnt sich nach der Flucht: so schnell weg wie möglich. Halb elf Uhr nachts am S-Bahnhof Köln-Porz-Wahn. Heraus aus der S-Bahn und eine Viertelstunde Warten auf den Bus, eine Viertelstunde, die sich dehnte, weil es um diese unwirtliche Uhrzeit nichts zu beobachten gab, fast nichts. Die Schwere der Nacht war auf den Bahnsteig herab gesunken, wo einzelne Gestalten von Wartenden lustlos die Bahnsteigkante auf und ab schritten, hin und her, kreuz und quer. Mattes Licht fiel auf Betonwände und Graffitis, die Bahngleise und die Oberleitung schliefen in einer scheinbaren Totenstille vor sich hin. Doch dann geriet alles urplötzlich in Bewegung – wie aus dem Nichts. Ein mattes, bleiernes Geräusch in der Ferne, das ich nicht zuordnen konnte. Dann ein leises Huschen, das auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig augenblicklich in ein ohrenbetäubendes Fahrgeräusch überging. Eingerahmt in Weiß, zischten viereckige Lichterreihen vorbei und lösten sich in Windeseile wieder auf – das war ein ICE. Danach wieder dieses quälende Warten und die Langeweile, bis der Bus ankam.

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