une journée merveilleuse à Nancy

Ich war platt und erschöpft. So viel Französisch umgab mich, während Micheline und Paul kein Deutsch sprachen. So lange ich es hinbekam, versuchte ich, meine Konversation auf Französisch durchzuhalten, doch irgendwann kam der Knick. Worte flogen an mir vorbei, Vokabeln kamen mir nicht mehr in den Sinn, das Gespräch stockte.

In dieser Situation, als ich signalisierte, dass sich mein Zeitfenster schloss, um nach Hause zu fahren, hatten mir Micheline und Paul noch ein besonderes Highlight zu bieten: ein Café im Jugendstil. Meine Konzentration streikte, selbst bei einfachen Vokabeln musste ich in den tiefsten Tiefen meines Gedächtnisses herum kramen. Dass der Jugendstil dem Zeitmanagement zum Opfer gefallen war, dafür entschädigte mich dieses Café: ein Fußboden im Mosaikstil, Fenstermuster in Bleiverglasung, Fresken an der Decke. Einfach toll. Solch eine Café-Kultur war einzigartig. Überhaupt hatte ich in Nancy solch eine Menge Cafés gesehen, die von außen schön aussahen, wie man sie hierzulande im Rheinland kaum vorfindet. Beim Genuss der Café-Atmosphäre schielte ich nebenher auf die Uhr: gegen 22 Uhr wollte ich zu Hause sein, dazu musste ich gegen 18 Uhr Nancy verlassen. 330 Kilometer hatte ich zu bewältigen, davon war das Stück von Nancy bis Luxemburg besonders staugefährdet.

Nutze die Kontakte, auch die virtuellen, über Blog, über Facebook, das hatte ich mir in meinem Bloggerdasein gesagt. So kam das Treffen mit Micheline alias MamLea und ihrem Ehemann Paul zustande. Über mehrere Jahre hatten wir gegenseitig die Posts auf unserem Blog und auf Facebook kommentiert, und so beschlossen wir, dass Micheline und ihr Ehemann Paul mir ihre Stadt Nancy in Frankreich zeigen wollten. Seit meiner Schulzeit hatte ich stets gerne Französisch gesprochen, doch es fehlte an Gelegenheiten, nach Frankreich zu kommen. Fünf Jahre lag nun mein Volkshochschul-Kurs zurück, und seitdem hatte ich kaum ein Wort Französisch gesprochen. Dennoch war wir einhellig der Ansicht, dass die Verständigung in Französisch bestens bis ausgezeichnet klappte. Wir hätten uns auch auf Englisch verständigen können, doch deswegen war ich nicht nach Frankreich gefahren.

Café gegenüber dem Bahnhof im Jugendstil

Auf den ersten Blick war ich hingerissen von Nancy. Eine Stadt mit Maß und Proportion, eine helle, licht durchflutete Stadt mit großzügigen Plätzen, in der die pastellfarbenen Töne eine homogene Einheit formten. Die Stadt zeigte einerseits Größe, Breite, Nachdruck und Denkmäler. Andererseits war sie kleinteilig strukturiert, ohne große Kaufhausketten und Shopping Malls, so dass ganze Straßenzüge bisweilen nur aus Restaurants, Cafés und kleinen Geschäften bestanden.

Nancy war in den Weltkriegen fast nicht zerstört worden, daher wirkte Nancy in seiner Innenstadt so homogen, authentisch und aufgehübscht. Im Gegensatz zu den nördlichen und östlichen Teilen Lothringens war Nancy nie deutsch: im Versailler Friedensvertrag von 1871 ging es zuerst um die Erzvorkommen in Lothringen, und Nancy war ländlich ohne jegliche Stahlindustrie, so dass Nancy Frankreich nicht weggerissen wurde und die deutsche Bezeichnung „Nantzig“ reines Wunschdenken blieb. Im Ersten Weltkrieg erschütterten die Kämpfe Gebiete, die weiter westlich lagen, Verdun, St. Mihiel, Pannes, Regniéville. Der Gegenangriff der Alliierten Truppen schaffte es nie bis Nancy. Im Zweiten Weltkrieg erfasste der Schwerpunkt der Kämpfe die Normandie. Die deutschen Truppen wurden weiter nördlich über die nordfranzösische Ebene und die Ardennen zurück geschlagen.

Schon der cours Léopold, wo ich meinen Leihwagen parkte, bot das ungewöhnliche Erlebnis, dass ich nach einem Parkhaus suchte, dabei bot der eigentliche Platz ausreichend Parkraum für jede Menge Fahrzeuge für wenig Parkgebühr. „On se rencontre sur le statu du Stanislas“, diesen zentralen Treffpunkt hatten wir uns vereinbart. Wir erkannten uns sofort am Fuß des Denkmals. Einen zentraleren Punkt hätte es in Nancy nicht geben können, ein Denkmal auf einem viereckigen Platz, benannt nach der Figur des Stanislas auf dem Denkmal. Seit 1983 ist dieser Platz zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden, und das zu Recht.

Die Schönheit dieses Platzes war nicht von der Hand zu weisen. Unter den Gebäuden ragte das Rathaus in seiner Breite hervor. Pilaster und Balkone rahmten dessen Fassade ein, im Dreiecksgiebel erschien das Wappen des Herrscherhauses Leszczynski. Vier mehrstöckige Gebäude in einem ähnlich palastartigen Zuschnitt schlossen sich an, zwei einstöckige Pavillons mit großen Arkaden erhoben sich an den Seiten des Platzes. Als der Platz erbaut wurde, beherbergten die Gebäude den Stadtkämmerer, der die Steuern eintrieb und städtische Ausgaben tätigte, den Gutsverwalter, den Grundstücksbesitzer des Platzes und ein medizinisches Institut. Rathaus, Oper, Museum der schönen Künste, ein Hotel, Geschäfte, das Tourismusbüro sind heute dort untergebracht.

place Stanislas:

Denkmal Stanislas (oben links), vergoldete Gitter mit Neptunbrunnen (oben rechts), hôtel des fermes und pavillon Alliot (Mitte links), einstöckiger Pavillon (Mitte rechts), arc Héré (unten links), hôtel de ville (unten rechts)

Das war aber noch nicht alles. Die Ecken zierten vergoldete Gitter, davon rahmte eines der Gitter einen Neptunbrunnen ein. Aus Figuren und einem Pferdekopf sprudelte das Wasser, während Neptun, der römische Gott des Wassers, seinen Dreizack dagegen hielt. Ob die Gitter wirklich aus Gold seien, fragte ich Micheline und Paul. „Non, ce sont des feuilles d’or“, lästerten sie. Also Blattgold, die eigentliche Schicht aus Gold auf dem geschmiedeten Eisen sei nur sehr dünn.

Auf diesem Platz, benannt nach dem polnischen Fürsten, dessen Tochter den französischen König Ludwig XV. heiratete, wehte der Geist von Absolutismus, Aufklärung und Revolution. Loyal und seinem König verbunden, ließ Stanislas Leszczynski den Platz 1755 mit einem Denkmal des französischen Königs Ludwig XV. bauen. Alle Straßen laufen zentral auf das Königsdenkmal zu, das ihn als römischen Imperator darstellte, sein Blick auf Frankreich gerichtet, zu seinen Füßen eine mit Lilien verzierte Erdkugel, auf dem Sockel die vier Tugenden der Klugheit, Gerechtigkeit, Kraft und Sanftmut. Doch diesem Denkmal bereiteten die Wutbürger der französischen Revolution ein Ende, als sie es 1792 zerstörten. Als der Drang nach Freiheit und Revolution nachgelassen hatte, wurde 1831 das Denkmal des Stanislas aufgestellt, so wie wir es heute kennen.

Dass Stanislas Leszczynski 1737 Herzog von Lothringen wurde, kann als eine Art von Tauschgeschäft betrachtet werden, an dem die maßgeblichen europäischen Großmächte beteiligt waren. Im 18. Jahrhundert stand Lothringen Frankreich wesentlich näher als den Habsburgern, die in dieser Zeit sehr mächtig waren, weil sie lange Zeit den römisch-deutschen Kaiser stellten. Der Herzog Franz Stephan von Lothringen beabsichtigte, die Habsburger Thronerbin Maria Theresia zu heiraten, so dass Lothringen früher oder später zu Habsburg gehört hätte. Daraufhin intervenierte der französische König Ludwig XV. Er heiratete 1725 die Tochter des polnischen Königs Stanislas Leszczynski und bot dem Herzog von Lothringen einen politischen Deal an, damit seine Hochzeit mit der Braut aus dem Hause Habsburg ohne kriegerische Auseinandersetzungen vollzogen werden konnte. Sein Schwiegersohn Stanislas Leszczynski dankte als polnischer König ab, er wurde anstatt dessen Herzog von Lothringen, das sich durch den Zugewinn des Herzogtums Bar vergrößerte. Nach seinem Tod sollte Lothringen an Frankreich fallen. Herzog Franz Stephan von Lothringen erhielt anstatt dessen das Großherzogtum Toskana. 1737 heiratete er seine Maria Theresia und wurde 1745 als Franz I. römisch-deutscher Kaiser. Habsburg, Russland und Preußen hatten sich indes auf August III., dem neuen polnischen König aus dem Hause Sachsen, geeinigt.

Den Namen von Stanislas Leszczynski spürte man ungefähr an jeder Ecke in der Stadt. Hotels schmückten sich mit seinem Namen, ein Parkhaus, ein Weinladen, eine Brasserie, ein Schmuckladen und vieles mehr.

im Restaurant "A la table du bon roi Stanislas"

Einmal in Frankreich zu dritt vereinigt, ließen wir es uns nicht nehmen, ausgiebig und lange, wie in Frankreich nicht unüblich, ein Mittagsmenü zu essen. Auch hier begegnete uns der gute Geschmack des absolutistischen Fürsten, denn das Restaurant hieß „A la table du bon roi Stanislas“. Überall hingen an den Wänden seine gezeichneten Portraits in schmalen Bilderrahmen. Ein großer, goldumrahmter Spiegel sollte in die Zeit des Barock zurück führen. Klangvolle Bezeichnungen füllten die Speisekarte, doch schnell waren meine Französisch-Kenntnisse überfordert, da ich nicht allzu viel Spezial-Vokabular der Bezeichnungen von Speisen und Zutaten einordnen konnte. Es bedurfte einer gemeinsamen Kraftanstrengung meiner Gastgeber und des Kellners, einzelne Wortbrocken auf Deutsch parat zu haben oder die Bestandteile der jeweiligen Menüs zu umschreiben. Als Vorspeise wählte ich „bouchée Marie Leszczynska“, als Hauptspeise „Filet d'Omble Chevalier, sauce à l'Orange" und als Nachspeise "Baba au Vin de Tokaji et Neige de Safran“. Dahinter verbargen sich die deutschen Wortbezeichnungen einer Königinnenpastete, einer Forelle und eines Gugelhupfs mit Safraneis.

Gut gestärkt und nach über zwei Stunden Essenszeit, widmeten wir uns im Anschluss der Geschichte und den Geschichten von Nancy. Um die Epochen sauber zu sortieren, dazu betrachteten wir eine Bronzetafel im Straßenpflaster auf der „grande rue“. Sie zeichnete die Umrisse der Stadt im Jahr 1611.

Die Bronzetafel lag in Kern der mittelalterlichen Stadt, der Altstadt, und 1611 plante Herzog Heinrich II. von Lothringen die Neustadt. Für die Planung gewann der Herzog Architekten aus Italien, welche die Altstadt und die Neustadt als separate Planungseinheiten betrachteten, indem sie die Verteidigungsanlagen der Altstadt verstärkten. Die Neustadt planten sie im Stil der Renaissance, mit rechtwinkligen Straßenzügen und einer eigenen Stadtmauer. In die Lücke zwischen Altstadt und Neustadt, getrennt durch Wassergräben und Stadtmauern, verwirklichte Stanislas Leszczynski seine Bauideen, die im Zentrum von Nancy das Mittelalter, die Renaissance und den Barock zu einer Einheit verschmolzen haben.

Die Römer siedelten an Mosel und Maas, so dass Nancy, gelegen an der Meurthe, keine Römerstadt ist, sondern sich erst im Mittelalter zur Stadt entwickelte. Den allerersten Hinweis der Stadtwerdung liefert eine Münze mit der Aufschrift „Nanciacus“ aus dem 7. Jahrhundert. 1073 erwähnte Herzog Thierry II. in einer Urkunde ein „castrum Nancieum“. 1266 erhielt Nancy die Stadtrechte. Danach wurde die Stadtbefestigung gebaut, wovon sich die Porte de la Craffe aus dem 14. Jahrhundert bis heute erhalten hat. Beim Gang durch die Porte de la Craffe konnten wir bestaunen, wie dick und schwer einnehmbar einst die Stadtbefestigung gewesen sein musste, denn das Stadttor war bestimmt an die zehn Meter breit.

Solche schwer bezwingbaren Befestigungsanlagen waren die Grundlage für den Aufschwung der mittelalterlichen Stadt, der sich ziemlich exakt mit dem Jahr 1477 datieren läßt. Karl der Kühne, der auch im Rheinland sein Unwesen trieb, etwa durch die Eroberung des Herzogtums Geldern oder die Belagerung von Neuss, hatte Nancy belagert, das sich jedoch standhaft widersetzte. Um die Belagerung zu entsetzen, organisierte der Herzog René II. von Lothringen Hilfstruppen aus dem Elsass und der Schweiz. Mit 19.000 Mann zahlenmäßig überlegen, schlug die vereinigte Heeresstärke das Heer Karls des Kühnen vernichtend und tötete sogar den Herrscher aus dem Hause Burgund auf seiner Flucht.

Altstadt:

chapelle ducale (oben links), porte de la Craffe (oben rechts), Planungen der Alt- und Neustadt 1611 (Mitte links), grande rue (Mitte rechts), Herzog Antoine über dem Eingang des Herzogspalastes (unten links), die Schlacht von Nancy 1477 (unten rechts)

Danach verschoben sich die Machtverhältnisse sukzessive nach Nancy. Während die Machtzentren der Römerstädte Metz, Toul, Verdun an Bedeutung verloren, erneuerten die Herzöge von Lothringen von 1511 bis 1512 die Fassade ihres Herzogspalasts. Im spätgotischen Stil schufen sie zwei Eingangsportale, welche zum einen das Wappen der Herzöge von Lothringen zieren, zum anderen ein Reiterstandbild des Herzogs Antoine, der von 1508 bis 1544 Herzog von Lothringen war. Sein Sohn, Herzog Charles III., ließ die „chapelle ducale“ bauen, die sich im Stil der Renaissance anlehnt an die Kapelle der Medicis in Florenz, überdacht mit der thronenden Kuppel eines Oktogons.

Das verwirrte mich: Elemente der Renaissance waren mithin nicht nur in der Neustadt anzutreffen, sondern auch hier in der eigentlich mittelalterlichen Altstadt. Naturgemäß seien alle Baustile nicht sortenrein, erklärten mir meine Gastgeber, doch beim Anblick des heraus ragenden Kirchturms der „église St. Epvre“ wurden Micheline und ihr Ehemann Paul regelrecht apatisch „Non, ce n’est pas intéressant, c’est le style neo-gothique“, wetterten sie. Der neugotische Stil der Kirche passe in das mittelalterliche Stadtbild überhaupt nicht hinein, und so schritten wir weiter.

Die Straßennamen verrieten Anmut und jede Menge Geschichte: rue du Haut-Bourgeois, rue des Cordeliers, rue du maure qui trompe, rue Callot, rue Gustave Simon, teilweise waren es Söhne der Stadt. Doch ein Sohn der Stadt dürfte den einen oder anderen Schüler zur Verzweiflung gebracht haben: der Mathematiker Henri Poincaré. Auf der grande rue schritten wir an seinem Geburtshaus vorbei. Kein Museum, wie etwa das Beethoven-Haus in Bonn, eine schlichte Hinweistafel an der Fassade nannte sein Geburtsdatum 29. April 1854 und dass er Mitglied der „académie francaise“ war. Er hatte die Algebraische Rechenmethodik begründet, die durch den Mathematiker Cartan entwickelte Differentialrechnung hatte er vertieft und erweitert.

Über den Stadtpark „Pepinière“ und den „place de la carrière“, in dessen palastartigen Gebäuden der Präfekt des Départements Meurthe-et-Moselle saß, schritten wir zurück zum place Stanislas. Dabei passierten wir den monumentalen und erschlagenden „arc Héré“, einen Triumphbogen, benannt nach dem Architekten des place Stanislas. Dieser Triumphbogen markierte den Übergangspunkt von der Alt- in die Neustadt. Als antikes Vorbild wurde der Septimius-Severus-Bogen in Rom übernommen. In einer Allegorie behandelt der Triumphbogen Krieg und Frieden: die rechten Seite (Krieg) zeigte einen Löwenkopf, den siegreichen Fürst, Köcher und Pfeile, den Gott Apollon mit Pfeil und Bogen sowie die Statuen von Mars und Herkules, die linke Seite (Frieden) einen Widderkopf, den friedliebenden Fürst, ein Ährenbündel, den Gott Apollon mit einer Leier sowie die Statuen von Ceres und Minerva.

Baustil der Häuser auf der "grande rue"

Zurück auf den place Stanislas, waren wir aus dem Mittelalter im Zeitalter des Barock angekommen. In den Kristallerien konnte ich einen ersten Hauch von Jugendstil einatmen. Klassizismus, Historismus oder Barock: die Stilelemente dieser künstlerischen Epochen zielten in erster Linie auf die Architektur, beim Jugendstil – beziehungsweise „art nouveau“ in Frankreich – war dies allerdings anders, da dieser neben der Architektur auch den Bereich des Wohnens erfasste. Objekte aus Glas erhielten geschwungene, verspielte, verzierte, getönte, bemalte Formen. Das war schön zu schauen, welche Gestaltungsmöglichkeiten es bei Tellern, Vasen, Becher, Krügen oder Glasdekorationen gab. Hätte ich einen Gedanken daran verschwendet, meiner Familie ein Souvenir aus Nancy mitzubringen, wären die Kristallerien wenig geeignet gewesen, da die Preise im hohen dreistelligen Bereich begannen und im fünfstelligen Bereich aufhörten.

Es ging aber auch anders. Typisches für Nancy erschöpfte sich nicht im Jugendstil. Im Tourismusbüro auf der gegenüber liegenden Platzseite erfuhr ich, dass „bergamottes“, „marrons“ (Makronen), „vin gris de Toul“ (ein sehr heller Roséwein) oder Mirabellen zu den regionalen Spezialitäten zählen.

Der Rundgang durch die Neustadt fiel dann etwas knapper aus, um die gesamte Neustadt zu erkunden, da die Fülle von Schönem, Interessanten und Geschichtlichem in Nancy effektiv zu groß war. Bedeutende Jahreszahlen aus der Stadtgeschichte, so die Jahre 1477 oder 1611, hatten wir bereits beleuchtet. Auf dem „place d’alliance“, kurz hinter dem „place Stanislas“ gelegen, kam eine weitere wichtige Jahreszahl hinzu. Das war das Jahr 1776, als Lothringen endgültig an Frankreich fiel. Den territorialen Gebietstäuschen, an denen der polnische König, der Herzog von Lothringen und das Haus Habsburg beteiligt war, hatten die europäischen Großmächte England, Preußen, Russland, Habsburg und Frankreich 1756 in dem Vertrag von Versailles zugestimmt („traité d’alliance“ auf französisch). Der Vertrag regelte unter anderem, dass Lothringen nach dem Tod von Stanislas Lesczyniski französisch wurde. Bereits 1750 wurde auf dem Platz ein Brunnen gebaut, und 1756 fügten die Bauherren den „traité d’alliance“ auf seiner Spitze auf Lateinisch hinzu: PERENNAE CONCORDIAE FOEDUS ANNO 1756.

Auf dem Platz war es still und beinahe menschenleer, Kumuluswolken huschten über hohen Schornsteinen und roten Dächern vorbei. Geradeaus und immer wieder rechtwinklig, so bewegten wir uns in dem Straßennetz aus der Renaissance vorwärts.

Kathedrale Notre-Dame, Jeanne d'Arc (unten links), Orgel (unten rechts)

Kurz darauf, musste ich meine Vorstellung, die ich gemeinhin von Kathedralen hatte, revidieren. Reims oder Notre-Dame in Paris: Kathedralen verband ich mit Doppeltürmen, mit Gotik, mit Kirchen, die in die Höhen des Himmels gebaut waren. Nicht so in Nancy. Keine Gotik, sondern ein üppiger, prächtiger und im Inneren schöner Stil des Barock mit Deckenmalereien in der Kathedrale Notre-Dame.

Dass in Nancy eine Kathedrale ohne jeglichen gotischen Baustil stand, das hing mit dem Sitz des Bistums zusammen, erklärten mir Micheline und Paul. Der Bischofssitz war stets die zwanzig Kilometer entfernte Römerstadt Toul. 1777, mit einer Verspätung von mehreren Jahrhunderten, reagierte die Kirche auf die Verschiebungen von Macht, Herzogspalast und Verwaltung nach Nancy. Mit der Verlegung des Bischofssitzes wurde die wichtigste Kirche in Nancy gleichzeitig Kathedrale. Im Innenraum der Kirche fiel mir die Skulptur von Jeanne d’Arc auf, die in der Altstadt auch ein eigenes Denkmal hatte, weil ihr Geburtshaus gerade dreißig Kilometer von Nancy entfernt lag. Unsere Blicke richteten wir nicht auf den Altar, Malereien oder Heiligendarstellungen, sondern auf die Orgel, die in ihrer Entstehungszeit um 1760 eine der größten in Frankreich war.

Der Jugendstil kam bei unserem Rundgang effektiv zu kurz. Dennoch reichte das Zeitfenster, um diverse Balkone, Erker und verspielte Fassaden mit geschwungenen und dekorativen Stuckarbeiten ins Visier zu nehmen. Zum Abschluss ein Kaffee in dem Jugendstil-Café, Paul trank ein Affligem aus Belgien. Mein französisches Vokabular war längst ins Stocken geraten, so viele Eindrücke und so viel Französisch waren über eine Dauer von sechs Stunden in dieser wunderschönen Stadt auf mich nieder geprasselt. „Fatigué“, müde, erschöpft, so lautete Michelines Kurzkommentar. Ich bin mir sicher, dass dies nicht mein letzter Besuch in Nancy war.

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