Michael Jürgs - Sklavenmarkt Europa

Die Ware Mensch. Der Titel „Sklavenmarkt Europa“, machte mich neugierig, dass die Wiedergeburt der Sklaverei, auf dem Papier abgeschafft in Frankreich, England, den Niederlanden im 18. Jahrhundert, mitten in Europa zu neuem Leben erweckt ist. Ich habe gelernt, dass das so ist, weil Europa nicht nur im Kern aus Wohlstandszonen wie Deutschland, England, Frankreich besteht, sondern auch aus bitterer Armut in den Randzonen oder wenn man die Europäische Union ganz verläßt.

Volkswirtschaftlich ausgedrückt, hat sich entlang dieses Wohlstandsgefälles eine Schattenwirtschaft etabliert, die nicht quantifizierbar und schwer greifbar ist, weil die Geldströme durch die organisierte Kriminalität fließen. Innerhalb dieser Kreise schweigen alle, weil sich die Hierachien der organisierten Kriminalität nur schichtenweise öffnen, damit die jeweils nächste Schicht unerkannt im Dunkeln bleiben kann.

So etwas geschieht mitten in Europa, mitten im 21. Jahrhundert: Menschen werden wie Sklaven zur Arbeit gezwungen, verkauft, vermietet, ausgebeutet. Dabei handelt es sich nicht um Einzelschicksale – weltweit können circa 20 Millionen Menschen nicht frei über ihr Leben entscheiden. Menschenhändler bestimmen über sie, lassen sie als Sexsklaven, Zwangsarbeiter und Bettler für sich arbeiten, sie verkaufen ihre Organe.

Michael Jürgs hat sich in diesem unappetitlichen Buch „Sklavenmarkt Europa“ genau in diese dunkle Welt hinein begeben. Er hat die Spuren des Menschenhandels gesucht und gefunden. Er hat Polizisten von Europol, BKA und Scotland Yard interviewt, er hat Statistiken und Fallbeschreibungen des UNOCD, des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, ausgewertet, er hat mit Sozialarbeiterinnen gesprochen und an Razzien gegen Menschenhändler teilgenommen.

Michael Jürgs, ehemals Stern-Chefredakteur, der danach als Enthüllungsjournalist diverse Sachbücher geschrieben hat, erklärt in seinem Buch über den „Sklavenmarkt Europa“ die Geschäftsmodelle mit der „Ware Mensch“, die weltweit rund fünfundzwanzig Milliarden Euro umsetzen, ein nicht unerheblicher Betrag, wenn man dies mit den Bruttoinlandsprodukten einzelner Staaten vergleicht. Vor allem Frauen werden aus ihren Herkunftsländern in Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Ukraine, Russland, Estland, Lettland, Litauen, aber auch außerhalb Europas, mit blumigen Versprechungen einer besseren Zukunft und einer sicheren Anstellung in Hotels und Gastronomie, in Pflegeberufen und in Krankenhäusern, im Reinigungsgewerbe und in Haushalten, weggelockt. Für viel Geld werden Visa besorgt, die zum Teil gefälscht sind. Am Zielort werden dann die Pässe abgenommen, Frauen werden in Bordelle gesteckt. Wer sich wehrt, wird verprügelt. Dort werden sie so lange vergewaltigt, bis sie keinen Widerstand mehr leisten.

Jürgs hat polizeiliche Ermittlungen aus der Zwangsprostitution analysiert. Kopfgelder von 5.000 € für Mädchen aus Brasilien hat er ermittelt, aus Russland, Moldawien oder Bulgarien waren es 3.500 €. Pro Akt werden 40 € erwirtschaftet, und das bis zu 20 mal täglich. Die Einnahmen wurden den Mädchen abgenommen, da sie Unterkunft, die Reise und ihre Visa abbezahlen mussten. Sehr, sehr lange dauert es in der Regel, bis die Einmalausgaben abbezahlt sind, so dass die Zwangsprostituierten ihre Einnahmen – abzüglich Unterkunft – für sich behalten können. Alleine gefälschte Pässe oder gefälschte Visa können diesen Einmalbetrag sehr hoch anschnellen lassen, das sind etwa 10.000 € bis 15.000 € für ein gefälschtes Visum von Vietnam nach Ungarn.

Es sind aber nicht nur Bordelle, in denen der Menschenhandel blüht. Die Geschäftsmodelle ähneln sich auf Baustellen oder in der Landwirtschaft. Befasst hat sich Jürgs mit Erntehelfern auf Tomatenfeldern in Portugal. Die Menschenhändler kassierten ab, als sie rumänische Helfer vermittelten. Für die Fahrt nach Portugal mussten sie zwischen 95 € und 190 € bezahlen, vor Ort wurde eine Provision von 150 € fällig. Die Erntehelfer mussten in halb verfallenen Ställen übernachten, ohne Matratzen, Licht und Wasser. Die Miete mussten die Erntehelfer an ihre Vermittler zahlen, wobei die Miete für diese Bruchbude ihren Erntelohn, der nach der Anzahl der gepflückten Tomaten gezahlt wurde, auffraß. Wer sich daraufhin beschwerte, wurde verprügelt. Im Endeffekt sahen die Erntehelfer keinen Cent für ihre Arbeit. Die Sache flog auf, als ein Erntehelfer die Polizei kontaktierte. 28 Bandenmitglieder und 285 Zwangsarbeiter wurden bei einer Razzia aufgegriffen.

Bis nach Deutschland ist dieses Geschäftsmodell kopiert worden. Dabei war sich die Meyer-Werft in Papenburg, die etwa Kreuzfahrtschiffe baut, nicht bewusst, dass Menschenhändler diese namhafte Firma für solche Zwecke benutzt hatte. Über eine Zeitarbeitsfirma hatte die Meyer-Werft Leiharbeiter für Schneide- und Schweißarbeiten angefordert, die wiederum über den Subunternehmer SDS zwischen 120 und 700 Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien anheuerten. Für die deutsche Zeitarbeitsfirma ermittelte die Meyer-Werft die benötigten Arbeiter. Die Löhne überwies die Buchhaltung der Meyer-Werft als Pauschalbetrag, wobei sie sich an dem Lohnniveau der Tarifverträge orientierte. Eine gute Sache, könnte jeder meinen, bei Brutto-Stunden-Löhnen von 20 € und mehr.

Doch auf dem Weg zu den Leiharbeitern versickerten diese satten Einmalzahlungen. Angekommen beim Subunternehmer SDS, strich dieser eine dicke Provision ein. Er kassierte eine Miete ein, die um ein vielfaches höher lag als auf dem Wohnungsmarkt. Eine weitere dicke Zahlung wanderte an einen Sub-Sub-Unternehmer an das Schwarze Meer. Was übrig blieb, waren gerade einmal drei Euro Stundenlohn für die rumänischen und bulgarischen Leiharbeiter.

Der Menschenhandel flog auf, als es in der Unterkunft, einem Einfamilienhaus, brannte. Dort herrschten Zustände, die denjenigen auf Sklavenschiffen des 19. Jahrhunderts glichen. 38 Männer bewohnten 200 Quadratmeter Wohnfläche, und in ein Schlafzimmer waren 13 Betten hinein gepfercht.

Von den Gewinnspannen können Geschäftsleute, die seriöse Geschäfte machen, nur träumen. Ganz oben auf der Liste, was sich mit Menschenhandel verdienen läßt, stehen Flüchtlinge. So die 130 Kilometer lange Überfahrt von der nordafrikanischen Küste nach Lampedusa in Italien. Die Schlepper mieten Boote an, die eigentlich nichts mehr Wert sind, außer dem Eisenschrott, wenn sie abgewrackt werden. Mal quetschen sich einhundert, mal 150 afrikanische Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea, Nigeria oder sonst woher zusammen. Aus der Überfahrt, die zwischen 1.000 € und 1.500 € je Flüchtling kostet, errechnet sich dann ein Reingewinn von 100.000 € bis 225.000 €. Nicht schlecht, oder ? Billigend nehmen die Schlepper als Kollateralschaden in Kauf, dass so manches schrottreife und hoffnungslos überfüllte Boot samt Menschenladung auch einmal untergehen kann.

Michael Jürgs, Quelle Wikipedia

Michael Jürgs wählt dementsprechend starke Worte. Er spricht von „Hölle“, von „Sklaven“, von der „Ware Mensch“, „Advokaten des Satans“ und „den Bösen“. Seine Worte sind gerechtfertigt, denn es wird viel zu wenig über diese dunkle Seite der Kriminalität berichtet. Sein Buch ist schockierend und deprimierend zugleich, zumal die Erfolge gegen diese organisierte Kriminalität eher gering sind.

Kontrollen helfen wenig. Der Menschenhandel ist wie eine moderne Hydra: Gelingt einmal ein Erfolg gegen Schleuser, sind sofort andere da. Die Drahtzieher sind oft unerreichbar für deutsche und europäische Behörden. Und ihre Ware – Menschen aus den Armutsregionen dieser Welt – gibt es leider ohne Ende.

Nur selten schaffen es Zwangsprostituierte auszusteigen und vor Gericht gegen Zuhälter und Menschenhändler auszusagen. Und in Deutschland haben sie nach dem Prozess keine Perspektive, kein Bleiberecht. Die Aufenthaltsgenehmigung gilt nur für sechs Monate, maximal bis zum Ende des Gerichtsverfahrens.

Der Kampf gegen den Menschenhandel scheitert zudem daran, dass der Handel vielfache Grenzen überwindet. Naher Osten, Türkei, Nordafrika, Russland, Osteuropa, die Balkanstaaten, die Europäische Union. Da, wo die einen Länder Schlupflöcher schießen, Zwangsarbeiter enttarnen, Dumpinglöhne verfolgen, werden einfach neue „Märkte“ an anderen Orten erschlossen. Sex, Bauhilfen, billigste Helfer beim Schlachten werden überall gefragt, gesucht und im Sinne des Profites „ausgesaugt“. Wenn sich dann die Staatsanwaltschaften bei hinreichenden Tatverdachten entschließen, Gespräche abzuhören, e-Mails zu lesen oder SMSn zu lesen, dann muss übersetzt werden. Solche Honorare für Übersetzungen sind nicht billig, sie können sich schnell auf 20.000 € bis 25.000 € pro Monat aufsummieren, was wiederum die Felder der Verbrechensbekämpfung einengt.

Trotz der Hilflosigkeit, die am Ende fühlbar im Raum verbleibt, ist dies ein fundiertes, wichtiges und lange nachgehendes Buch, das nach Veränderung der Lage und Kampf gegen die Armut mehr schreit als bedächtige Diskussionen hervorrufen will. Man darf nicht aufhören, solche Zustände an den Pranger zu stellen.

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