Ernest Hemingway als Kriegsreporter im Rheinland

Die Tätigkeit muss extrem grenzwertig sein, das stelle ich mir vor. Der Krieg als Berichtsmedium. Auf der Jagd nach Fotos und Geschichten, mitten unter Soldaten und im Kreuzfeuer von Sturmgewehren, Einschlägen von Granaten und Salven von Maschinengewehren. Auge in Auge mit dem Feind, an vorderster Front. Der Krieg als Sinnstifter, um Schüsse, Explosionen, Detonationen und Tote an die Redaktion zu übergeben, die diese dann in die Weltöffentlichkeit hinein transportiert. Dieses Spiel mit dem eigenen Leben muss extrem grenzwertig sein, selbst unter Beschuss zu geraten und womöglich als Leiche in das Totenreich aufgenommen zu werden.

Es muss ein gehöriges Maß von Draufgängertum und Unerschrockenheit dazugehören, solch einen Beruf als Kriegsreporter auszuüben. 1899 geboren, geriet Ernest Hemingway bereits 1918 zwischen die Fronten des Ersten Weltkrieges, als er sich für das Rote Kreuz freiwillig gemeldet hatte. Am 8. Juli 1918 schlug in Fossalta di Piave in Norditalien eine Granate direkt vor ihm ein, als er Soldaten versorgen wollte. Die Granate durch siebte sein linkes Bein mit insgesamt 227 Einschlägen, während ein Soldat neben ihm getötet wurde. Einem anderen Soldaten wurde beide Beine zerfetzt, während Hemingway die Ärzte im Mailänder Krankenhaus wie durch ein Wunder sein linkes Bein retten konnten.

Um solche Erlebnisse in Schriftform zu verarbeiten, tat er sich mit anderen europäischen und US-amerikanischen, vom Ersten Weltkrieg geprägten Schriftstellern wie T.S. Eliot, Scott Fitzgerald oder Henry James in Paris zusammen, die sich im Anklang an den Ersten Weltkrieg „Lost Generation“ nannten. 1927 schaffte Hemingway dann den Durchbruch mit seinem Roman „Fiesta“, dessen Handlungsstränge zwischen Pamplona und Paris pendelten.

Hemingway war gefragt als Starreporter, und als nach 1933 Faschismus und Nationalsozialismus den europäischen Kontinent in einen Hexenkessel verwandelten, nahm er 1937 das Angebot der US-amerikanischen Wochenzeitschrift „Collier’s Magazine“ an, als Kriegsreporter über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Die Zeitschrift zahlte gut, so gut, dass er sich im Mai 1944 erneut nach Europa begab.

Hemingway, Großwildjäger und Hochseefischer, strotzte vor Kraft. Der Krieg fesselte ihn, gerne stieß er in den vordersten Kampfeslinien vor. So bestieg Hemingway in den frühen Morgenstunden des 6. Juni 1944 bei der Alliierten Landung in der Normandie ein Landungsboot und berichtete, wie „die Landungsboote vorankrochen, auf Frankreich zu. Von der Höhe der Woge aus sah man auch die geduckten Silhouetten der Kreuzer und die beiden großen Schlachtschiffe, die quer zur Küste lagen, und das Trommelfeuer hörte sich so an, als schmissen sie ganze Güterwaggons in die Luft.“

Nach dieser Landung drängten die Alliierten Truppen auf französischem Boden Hitler-Deutschland zurück, und voller Enthusiasmus berichtete Hemingway am 25. August 1944 über die Befreiung von Paris.

Danach setzte sich der Vormarsch der Alliierten auf das Deutsche Reich fort. Am 12. September 1944 erreichte Hemingway mit den Soldaten das Dorf Hemmeres bei Prüm an der belgisch-deutschen Grenze. Nachdem am 21. Oktober 1944 nach dreiwöchigem Kampf Aachen als erste deutsche Großstadt im Westen erobert worden war, sollte der Durchmarsch an den Rhein gestartet werden. Nachdem die Alliierten Truppen über Roetgen in die Eifel vorgestoßen waren, wollten diese die Rur überschreiten, um danach die Städte Düren und Bonn zu erobern. Doch es kam komplett anders.

Kämpfe und Truppenbewegungen in den dicht bewaldeten Mittelgebirgshöhen der Nordeifel waren ungleich schwieriger. In den Dörfern hinter Roetgen und Simmerath regte sich Widerstand. Hinzu kam die Jahreszeit des Herbstes, der die Bedingungen zur Verteidigung begünstigte. Regen und tiefhängende Wolken verhinderten eine Unterstützung aus der Luft. Der Alliierte Vormarsch geriet zwischen Vossenack und Hürtgenwald ins Stocken.

Zwischen Minen, Sprengfallen, aufgeweichten Böden und tief eingesägten Flußtälern kam es zu einer Schlacht mit extremen Verlusten. Lastwagen blieben im Morast stecken, Panzer wurden von Minen weggesprengt, heranstürmende Soldaten wurden aus dem Hinterhalt beschossen. Die Talmulden der Nebenflüsse der Rur wurden zu Todesfallen. Vom 2. November bis zum 29. November 1944 benötigten die Alliierten siebenundzwanzig Tage, um die acht Kilometer Gelände von Vossenack nach Hürtgenwald zu erobern. Die Angaben, wie viele Tote die Schlacht von Hürtgenwald gezählt hat, schwanken sehr. Glaubt man halbwegs zuverlässigen, in der Mitte liegenden Schätzungen, dann waren es jeweils 12.000 Amerikaner und 12.000 Deutsche.

Während dieser Schlacht wurde es still um Hemingway. Sein guter Freund in der Armee, der Regimentskommandeur Oberst Lanham, hatte ihn in die vorderen Stellungen gebracht. Doch diesmal mied er als Reporter diese vorderen Stellungen. Er brachte auch keine längeren Reportagen zustande. In einer seiner wenigen Reportagen beschrieb er Düren als „eine zu Staub zermahlene Stadt“, nachdem Düren durch die Bombardierung am 16. November 1994 vollständig zerstört worden war, ohne dass Hemingway Düren jemals gesehen hatte. Er beabsichtigte aber, später einen großen Roman über den Zweiten Weltkrieg zu schreiben, wozu er sich fleißig Notizen machte.

Als am 3. Dezember 1944 die von den Kämpfen zerriebenen Soldaten nach Luxemburg verlegt wurden, verließ Hemingway die Nordeifel. In das Rheinland kehrte er nicht mehr zurück, sondern er begab sich nach Paris. Vom „Hôtel Ritz“ aus erlebte er den Zusammenbruch Hitlerdeutschlands und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Hemingway ließ sich Zeit, den Roman zu schreiben, in dem er seine Kriegserlebnisse verarbeiten wollte. 1950 erschien „Über den Fluss und in die Wälder“, der allerdings die Orte der Handlung zu den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs verlegte. Die Handlung bewegt sich von Triest nach Venedig, entlang der Flüsse Isonzo und Piave, wo Hemingway im Ersten Weltkrieg verwundet wurde.

Den Wäldern in der Nordeifel kommt die Rolle eines Nebenschauplatzes zu. Welches Grauen er erlebt hat, beschränkte er auf ein Kapitel:

„Es gab Schnee oder sonst was, Regen oder Nebel, die ganze Zeit über, und die Straßen waren an einzelnen Stellen bis zu vierzehn Minen tief miniert, so dass man, wenn sie die Fahrzeuge in einer neuen Stelle Schlamm, in eine tiefere Minenschicht einwühlten, immer Fahrzeuge und natürlich auch die Leute, die in ihnen drin waren, verlor. Außer, dass sie mit ihren Mörsern alles zu Klump hämmerten und alle ihre Feuerschneisen für Maschinengewehr und automatische Feuerwaffen verjüngt zuliefen, hatten sie die ganze Geschichte so ausgearbeitet und eingeteilt, dass man, wie sehr man sie auch zu überlisten suchte, immer direkt in sie reinlief. Sie behagelten einen auch mit schwerer Artillerie und mit mindestens einem Eisenbahngeschütz.“

In diesem Roman wechselte der hart gesottene Hemingway auf weichere Untertöne, wenn er den Krieg beschrieb. Ein Zivilist könne den Krieg nicht begreifen. Jede Schlacht hat ihre eigenen, grauenhaften Höhepunkte. Über Verluste wird hinweggegangen.

In der Nordeifel hatte er sich der Grenzwertigkeit eines Kriegsreporters stellen müssen.

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