Neubaugebiet

Die Zeiten sind längst historisch geworden, als wir Klassenfahrten bis an das Ende unserer damaligen Republik unternahmen. Torfhaus im Harz. 1974 tickten die Uhren anders, als sich die beiden deutschen Staaten in ihrer friedlichen Koexistenz so gut voneinander abschotteten, wie es nur ging. Auf unserer Klassenfahrt wanderten wir zu der No-Go-Area des Grenzzauns zur DDR. Der Zaun, den wir in den Mittelgebirgen des Harzes erreichten, war dann gar nicht einmal der Grenzzaun zur DDR, sondern die Vorankündigung einer Fünf-Kilometer-Sperrzone. Der Eindruck dieses Zauns reichte aber und prägte sich ein. Warnschilder „Halt Zonengrenze“ schreckten uns ab. Auf dem gerodeten Grasstreifen spürten wir unsere Ohnmacht. Der Zaun zeigte uns in schonungsloser Betroffenheit die Trennung zwischen zwei ideologisch so unterschiedlichen Weltanschauungen auf, die Welt in zwei Machtblöcke aufspaltend.

Der Zaun um das Neubaugebiet in unserem Ort misst nicht solche Dimensionen, natürlich nicht, er liegt auch nicht zur damaligen DDR, dennoch ist sein Abschreckungseffekt nicht weniger gering als derjenige des DDR-Grenzzauns. Wie an anderen Stellen in unserer Stadt, scheinen sich die Stadtplaner keine richtigen Gedanken gemacht zu haben, dass in diesem Neubaugebiet Menschen wohnen werden. Wie in einer abgeschotteten No-Go-Area werden sie auf diese plumpen, nackten Steine schauen, die von einem Drahtgestell zusammengehalten werden, das denselben Phantasiewelten entlehnt ist wie der Maschendraht des DDR-Grenzzauns.

Es ist aber nicht alles so. Die ersten Bauten, die aus dem Boden sprießen, geben Anlass zur Hoffnung. Baugruben und die Skelette der Rohbauten, zum Teil in Windeseile in die Höhe wachsend, sehen mehr nach Doppelhäuser oder frei stehenden Einfamilienhäusern aus, weniger nach Endlosreihen von Typen- oder Reihenhäusern, die anderenorts in unserer Stadt einfach nur leblos aneinander geklatscht sind.

Im Grunde genommen ist solch ein Neubaugebiet eine Geschichte der Bürokratie. Wohl dem, wer es überhaupt geschafft hat, sich ein Grundstück in unserer Stadt zu angeln, denn der Grundstücksmarkt ist in unserer Stadt leer gefegt. Nur ein Suchergebnis wirft www.immobilienscout24.de aus. Wohl dem, der es geschafft hat. Das Verfahren, Neubaugebiete auszuweisen, zieht sich über mehrere Jahre hinweg. Nicht nur junge Familien und potenzielle Bauherren buhlen um Baugrundstücke, sondern auch Firmen, die Gebäudeinfrastruktur brauchen, um ihre Geschäftsfelder zu erweitern. Dazu stellt die Stadt Flächennutzungspläne auf, die in diversen Fachausschüssen diskutiert werden. Jeder, Anwohner, Behörden, Bürger, Gewerbetreibende, Vereine, Naturschutzverbände können da mitreden. Baulärm, Lärmbeeinträchtigungen beim Befahren der Grundstücke, zu viel oder zu wenig Tageslicht bei den Nachbargrundstücken, Parkplatzsituation, Baumfällungen, zu große Dimensionierung des Neubaugebietes: Anlässe gibt es reichlich, dass vor Gericht geklagt werden kann. Je nachdem, wie viele Gründe zusammen kommen, müssen sich die Bauherren ordentlich in Geduld üben, denn es kann mehrere Jahre dauern, bis solch ein Plan rechtskräftig wird.

Grundstückskauf, Architektenpläne, Bauantrag: der Gang der Bürokratie setzt die Baubehörden wirksam in Szene, und die Beamten können so manchem Bauherren wirklich in die Suppe spucken, wenn sie demonstrieren, wie gebaut werden darf und wie nicht. Auch die Hürde der Finanzierung ist nicht trivial: bei 300 Euro Quadratmeterpreis für Grundstücke kommen etwa bei 400 Quadratmeter Grundstücksgröße schnell satte 120.000 Euro zusammen, nur für das Grundstück, wohl gemerkt. Selbst wenn Otto-Normalverbraucher handwerklich gut dabei ist, wird die Finanzierung schnell zu einem Kraftakt, um solch ein Vorhaben, alles, inklusive, über Jahrzehnte hinweg monatlich abbezahlen zu können.

Mich hat niemand gefragt, ob ich mit dem Flächennutzungsplan einverstanden bin, und doch war ich selbst persönlich betroffen. Bagger haben den Wirtschaftsweg zwischen den Feldern, den ich mit meinem Fahrrad auf meinem Weg zur Arbeit benutze, aufgerissen und zerstört. In dieser Zeit musste ich einen Umweg fahren, auf die Hauptverkehrsstraße zurück, dessen separater Radweg sich in einem beklagenswerten Zustand befindet. Der Radweg rumpelt über Baumwurzeln, Kanten von Betonelemente schieben sich schief übereinander, ich musste auf Schlaglöcher achten. Meist bin ich einen noch weiteren Umweg über den Rheindamm gefahren, weil solch ein Zustand niemandem zugemutet werden kann.

Nun üben sich alle in Optimismus. Der Fahrradweg zwischen den Feldern ist wieder hergestellt worden, größer, breiter, sogar mit festlicher Straßenbeleuchtung. Der Baufortschritt bei den Neubauten ist unverkennbar. Ich gehe davon aus, dass in absehbarer Zeit viele glückliche Familien dort einziehen werden.

Auch beim Zaun um das Neubaugebiet tut sich etwas. Die Grundsatzfrage lautet: wird sich der DDR-Standard verändern ? Es wird fleißig gepflanzt, im Abstand von zehn, zwanzig Zentimetern. Efeu. Die Arbeiter sind wahrhaft nicht zu beneiden. Sie buddeln Löcher über die unerschwingliche Länge des steinernen Zauns hinweg, eine stupide und monotone Arbeit, dieselben Handgriffe wiederholen sich über diese unerschwingliche Länge, dazwischen karren sie auf Schubkarren die ganzen Efeupflanzen aus einem LKW heran. Es bleibt abzuwarten, wie die Mauer mit dem rankenden Efeu aussehen wird, irgendwann. Efeu kann schön aussehen, wenn es die Strukturen seiner Blätter auf Mauern zeichnet. Das muss aber dezent im Wechselspiel von Mauer und Efeu geschehen. Sollte das Efeu ziellos und unsystematisch herum wuchern, dann hat man nur die Farben getauscht. Das trübe Grau von plumpen, nackten Steinen gegen ein umklammerndes Grün von Efeu. Genau das ist hier zu befürchten.

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