Joseph Goebbels - der Inbegriff des bösen Rheinländers

Wenn ich seine Stimme höre, klingt sie wie in einem Horrorfilm. Elektrisierend, fanatisch, peitschend, prügelnd, so wie ein Vulkanausbruch mit Lava und Ascheregen, der die Atmosphäre mit einem dunklen Schleier überzieht.

Die Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 war wahrscheinlich das rhetorische Meisterwerk des Josef Goebbels. Die Schlacht um Stalingrad war verloren, die Rote Armee drang westwärts vor, die Soldaten in Nordafrika waren aufgerieben, der Bombenkrieg hatte die Bevölkerung zermürbt. Vor 15.000 Zuhörern war Joseph Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, an der Reihe, den Glauben an den Endsieg zu predigen.

Er redete sich in einen wahren Rausch hinein und stellte, sorgfältig vorbereitet mit zehn Fragen zu der Behauptung der Engländer, das deutsche Volk habe den Glauben an den Sieg verloren, die Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg ?“ Dies steigerte er: „Wollt ihr ihn, wenn nötig, noch totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können ?“ Sorgfältig ausgesucht nach ihrer Gesinnung, wähnten sich die 15.000 Zuhörer in einem Zustand der Ekstase, sie erhoben sich von ihren Stühlen, zeigten den Hitler-Gruß, die Beifallsstürme wollten nicht enden.

Schaut man auf die Wortwahl und die Dramaturgie, so kann man diese Rede als ein rhetorisches Meisterwerk betrachten. Betrachtet man hingegen den Tatbestand der Volksverhetzung, so erregt die Rede Abscheu und Ekel, da sie ein ganzes Volk in eine Glaubensschlacht um den Endsieg mitgerissen hat. Jeder der 15.000 Zuhörer wird dem Führer bedingungslos gefolgt sein.

Fotoportrait Joseph Goebbels, Quelle Wikipedia

Die Engländer hatten Joseph Goebbels damals als „evil genius“ bezeichnet, was dem deutschen Begriff „geistiger Brandstifter“ entsprechen dürfte. Aufgewachsen in der Dahlener Straße 156 in Mönchengladbach-Rheydt, ist Joseph Goebbels der Inbegriff des durch und durch bösen Rheinländers. Das Böse verbindet sich mit dem Potenzial eines Intellektuellen. Diktatoren wenden Gewalt und Unterdrückung an, um das Volk hinter sich zu scharen. Sie benötigen aber auch die geistige Mobilmachung, damit das Volk, gleich geschaltet, ihnen hinter her rennt.

Die Ausprägungen des Bösen dürften in der Kindheit von Joseph Goebbels angelegt worden sein. 1897 als Sohn des Buchhalters Fritz Goebbels geboren, erkrankte er kurz nach der Jahrhundertwende an einer Knochenmarksentzündung. Diese Erkrankung war an seinem rechten Bein so schwerwiegend, dass sich sein rechter Fuß zu einem Klumpfuß entwickelte, dabei musste er sein rechtes Bein beim Gehen hinter her schleifen. Zudem war sein Schädel überproportional groß, so dass er in der Schule verspottet wurde und sich ausgestoßen fühlte.

Sich absondernd, die Straße meidend und sich in seinem Zimmer verkriechend, war er dennoch begabt und schaffte im Rheydter Reformgymnasium auf der Augustastraße sein Abitur, und das mit wirklich guten Schulnoten: sehr gut in Religion, Deutsch, Latein, gut in Griechisch, Französisch, Geschichte, Erdkunde, Physik, Mathematik. Seine künftigen Begabungen ließ er durch blicken, als er die Abgangsrede seines Jahrgangs halten durfte – pathetisch und formvollendet.

Obschon der finanzielle Rahmen seiner Eltern eng war und obschon diese drei weitere Geschwister zu ernähren hatten, studierte Joseph Goebbels. In seinem Studium der Germanistik und Geschichte wechselte er die Universitäten von Bonn, Freiburg, Würzburg, München nach Heidelberg, wo er 1921 seine Dissertation über Wilhelm von Schütz als Dramatiker schrieb und danach seinen Doktortitel erhielt. Mit einem „rite superatio“ bewertete der Professor Freiherr von Waldberg die 215 Seiten, die wohl formuliert waren, gespickt mit emotionalen Begriffen wie Schicksal, Volk, Vaterlandsliebe, Enthusiasmus und Geistesgröße.

Sein weiterer Werdegang verlief nicht ganz so, wie Joseph Goebbels es sich vorgestellt hatte. Gerne hätte er als Schriftsteller oder freier Journalist gearbeitet, doch seine Aufsätze in der Westdeutschen Landeszeitung konnten nur zeitweise seinen chronisch leeren Geldbeutel füllen. Daran scheiterte auch der Versuch, seinen Roman „Michael Voormann“, der stark biografische Züge trug, zu veröffentlichen.

Sein Lebenslauf geriet vollends aus dem Ruder, als ihm seine damalige Freundin 1923 einen Job bei der Dresdner Bank in Köln besorgte. Am Bankschalter zu sitzen, wo er in die inneren Abläufe des Kapitalismus eingebunden war, so etwas lehnte er ab. In seinem Tagebuch schrieb er: „Die Welt ist ein Narrenhaus geworden, und die besten schicken sich jetzt selbst an, mitzutanzen in dem wüsten Tanz um das goldene Kalb … draußen ist es öde und leer, und in meinem Inneren sind die feierlichen Altäre umgestürzt, und die Bilder der Freude zerschlagen.“ Kaum ein Jahr übte er diese Tätigkeit aus, bis er wieder arbeitslos wurde.

Joseph Goebbels, Rede im Berliner Sportpalast am 24. Februar 1943

Quelle: Youtube

Er las Dostojewski, Tolstoi und den expressionistischen Dramatiker Georg Kaiser, der das durch Geld und Maschine bestimmte Leben thematisierte. Seine Fähigkeiten kamen nicht an in der Gesellschaft, und so schrieb er Dossiers über den Zeitgeist der 1920er Jahre: darüber, dass die Alliierten Besatzungsmächte dem deutschen Volk einreden wollten, ihre Seele sei tot, während die deutsche Seele in Wahrheit misshandelt, geknechtet, und getreten worden war. 1922 verfasste er einen Aufsatz über das wahre Deutschland, in dem er die Reaktion der deutschen Seele auf das Wesensfremde vorhersagte. Er studierte Oswald Spengler, der in zwei Bänden seines 1918 und 1922 erschienenen, schwer gewichtigen Werkes „Der Untergang des Abendlandes“ Platons Staatsideen und Nietzsches Konzept des Übermenschen zusammenführte. In seinem Wesen der Zivilisation sah er voraus, dass starke Rassen schwache Rassen verdrängen würden, angeführt von einem außerordentlichen Mann, der darauf bedacht sein werde, seine Macht für die Dauer seines persönlichen Daseins zu behaupten.

Er las Hitlers „Mein Kampf“, seine Weltanschauungen begeisterten ihn. Er verfolgte den Prozess gegen Hitler wegen des gescheiterten Putsches in München 1923. Er bewunderte seinen Willen, endlich seien „wieder einmal Herzenstöne“ zu hören. Er feierte ihn als „Steuermann in der Not“, als „Führer der Freiheit“.

Als er Hitler 1925 persönlich kennen lernte, war er bereits in der NSDAP Geschäftsführer des Gaues Rheinland-Nord in Wuppertal und Redakteur der Nationalsozialistischen Briefe. 1926, als er Abgeordneter im Reichstag wurde, studierte er in Berlin die Leuchtreklamen und übertrug die Effekte der Werbung auf seine Rhetorik. Sätze mussten auf Schlagwörter reduziert sein, die Schlagwörter lebten von Wiederholungen, ein großes Publikum musste von diesen Schlagwörtern angesprochen werden, die Schlagwörter mussten Appelle und Botschaften beinhalten, denen die Massen dann folgten.

Seine Redekunst war gefährlich. Als Redner war Joseph Goebbels ein Naturtalent, welches er mit seinen Kenntnissen aus seinem Studium erweiterte. In seinen Reden war alles sorgfältig einstudiert. Mimik und Gestik passten. Sachinhalte, rhetorische Figuren und Appelle fügten sich zusammen. In ihrer Lebendigkeit und Dramatik rissen die Reden die Zuhörer mit. So manche Reden verstärkte sein rheinischer Dialekt, da er sich stets bodenständig als Rheinländer gab, wobei er seine Herkunft nicht verleugnete. Seine Aussprache verlieh den schroffen Inhalten eine Warmherzigkeit, so dass er die Zuhörer aufwertete.

Seine Redekunst, erfüllt vom Hass, waren ein Ausbruch des Bösen, das er klar und deutlich benannte. Dass das Böse im Menschen innewohnt, ist in den Geisteswissenschaften, so bei Kant, unumstritten. Das Böse bestimmt sich demnach als Option der menschlichen Freiheit, entgegen den „objektiven Gesetzen der Sittlichkeit“ zu Handeln, die für den Menschen das Gute umreissen. Das Böse ist radikal, sofern es als Neigung oder „Hang zum Bösen“ in der menschlichen Natur verwurzelt ist. Im Streben des Menschen nach Glückseligkeit baut sich als Gegensatz der sogenannte kategorische Imperativ auf: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So formulierte es Immanuel Kant.

Die Nationalsozialisten machten ihren eigenen objektiven Gesetze und entsorgten den kategorischen Imperativ in Gräbern von Massenexekutionen oder in Konzentrationslagern. Joseph Goebbels, mit Leib und Seele loyal zu Adolf Hitler, kannte weder Unrechtsbewusstsein noch Empathie, vielleicht auch, weil er sich in seinem Leben stets als gehänselt, verspottet oder zu als Unrecht behandelt vorkam.

Joseph Goebbels, Rede vor Rüstungsarbeitern in Köln

Quelle: youtube

Dies sind einige Zitate des Bösen aus Joseph Goebbels‘ Reden:

„Der Bolschewismus ist ein methodischer Wahnsinn, der darauf hinauslaufe, die Völker und ihre Kulturen zu vernichten und die Barbarei zur Grundlage des Staatswesens zu machen.“

„Hitler, und nicht Christus, sollte Prophet, Abgott, Messias sein, dem das Volk gläubig – wie einst die Jünger – folgen sollte.“

„Diese Formen der Kunst sind Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit und des Nichtskönnertums.“

„Ich habe keine Lust, mich von intellektuellen Nichtskönnern anblödeln zu lassen, diesem parasitären Geschmeiß, das die Luxusstraßen unserer großen Städte bevölkert.“

„Berlin muss eine judenreine Stadt werden. Es ist ein Skandal, dass sich in der Hauptstadt des deutschen Reiches 78.000 Juden, zum großen Teil Parasiten, herum treiben können. Sie verderben nicht nur das Straßenbild, sondern auch die Stimmung. Nur ein Ende kann es geben: dass man sie beseitigt.“

So wie sein eigenes Volk, riss er seine eigene Familie in den Abgrund hinein. Noch Ende 1944, als Alliierte Truppen deutsches Staatsgebiet erobert hatten, hielt er den Geist seiner Rede im Berliner Sportpalast aufrecht und predigte gebetsmühlenartig den Endsieg, den Erfolg von Wunderwaffen und die Wirksamkeit von Abwehrtrupps.

Am 22. April 1945, als die Rote Armee vor den Toren Berlins stand, zog er mit seiner Familie in Hitlers Bunker bei der Reichskanzlei. Am 29. April um 1 Uhr morgens war er Trauzeuge, als Hitler mit Eva Braun die Ehe schloss. Sodann ernannte Hitler ihn zum Reichskanzler. Einen Tag später begingen die Neuvermählten Suizid. Am folgenden Tag, am 1. Mai, ersuchte Goebbels die Sowjetunion um einen Waffenstillstand. Stalin beharrte jedoch auf einer bedingungslosen Kapitulation. Goebbels gab auf. Für diesen Fall hatte er mit Zyankali vorgesorgt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Magda gingen sie in den Tod, und auch seine sechs Kinder mussten dieses Schicksal teilen. Das war wie in der Rede im Berliner Sportpalast. Totaler, radikaler, ein Akt der Selbstzerstörung.

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