der Armutsbericht

Wie arm sind wir wirklich ? Wer gilt als arm ? Wer gilt als reich ? Wie verteilen sich Armut und Reichtum in der Bevölkerung ? Dazu wälzt der Paritätische Wohlfahrtsverband jede Menge Statistiken, durch Befragung erhebt er Einkommen und Gehälter, er berechnet Mittelwerte, Streuungen, absolute Niveaus von Arm und Reich. Er definiert, legt fest, spuckt Grafiken aus und wirft an die dreißig Kennzahlen aus. Wie es um Armut und Reichtum bestellt ist, das erläutert der Paritätische Wohlfahrtsverband für zurückliegende Jahre in seinem Armutsbericht. Vor vierzehn Tagen war es wieder soweit, dass der Verband die 2013er-Zahlen heraus rückte.

"Noch nie war die Armut so hoch, und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute", dieses Resumée zog deren Hauptgeschäftsführer. Dies belegte er mit einem Anstieg der Armut insgesamt auf 15,5 Prozent. Gestiegen war ebenso sie Absolutzahl auf 12,5 Millionen von Armut betroffenen Menschen, wobei Deutschland in wohlhabende und mittellose Regionen zerfällt. Ein Sonderthema war die Altersarmut, die überproportional gestiegen war. Um Armut einzugrenzen, dazu hatte der Wohlstandsverband sogenannte Armutsgefährdungsschwellen berechnet, welchen Einkommensbedarf Haushalte zur Sicherstellung eines Mindestlebensstandards haben, hoch gerechnet aus dem realen Preisniveau und gespiegelt an dem tatsächlichen Einkommen.

Dass die Armutsschicht in unserem Land zugenommen hat, das ist erklärbar. Seit den 1970er Jahren, als die Wirtschaft sich globalisierte, als Arbeitsplätze in Größenordnungen ins Ausland abwanderten, wurde jede Regierung daran gemessen, was sie gegen die Arbeitslosigkeit unternahm. Es wurde nach Konzepten gesucht, die Deutschland AG wieder auf Vordermann zu bringen. Das machte die Regierung Schröder, indem sie den Produktionsfaktor Arbeit auf dem Weltmarkt wieder billiger und somit konkurrenzfähig machte. Outsourcing, Anstieg der Leiharbeit, Etablierung eines Niedriglohnsektors, Hartz IV, die Regierung Schröder schuf die dazugehörigen Rahmenbedingungen.

Das war politisch gewollt, danach sank die Arbeitslosigkeit, und die Deutschland AG verkaufte das als Erfolgsstory. Doch diese Story weist Risse auf. Im Zeitalter des Shareholder Value und des „race to the bottom“ zu den Standorten auf der Welt mit den niedrigsten Lohnkosten führt der Weg zurück zu den Ursprüngen des Kapitals, um noch mehr Reichtum anhäufen zu wollen. Anteilseigner und der Aktienkurs bestimmen das Wohl und die Zukunft der Beschäftigten. Politiker und Unternehmer machen gemeinsame Sache, das ist nicht neu. Es wird gedreht, getrickst, geschummelt, um die Lohnniveaus Stück für Stück herunter zu schrauben. Es wird reorganisiert, was das Zeug hält. Firmen werden aufgekauft, es wird outgesourced, Tochtergesellschaften werden gegründet, Betriebsübergänge nach §613 BGB finden statt, es wird zwischen Tarifverträgen hin- und hergeschoben, all dies knapp an der Grenze zum Mindestlohn. Selbst der Mindestlohn ist löchrig, das zeigen Arbeitsmodelle der Scheinselbstständigkeit, die nicht einschätzbar sind in ihrer Komplexität, aber im Endergebnis gerne – wie bei Paketdiensten - den Mindestlohn unterschreiten. Im Grunde genommen geht es in allen Branchen der Wirtschaft nur um Lohn-Dumping.

So bewegen sich die Lohnniveaus auf dem Zeitstrahl zurück, manche in die Nachkriegszeit, indem für einen festgelegten Lohn ein vielfaches an Arbeitszeit aufgewendet werden muss, manche in die Kaiserzeit, in der der Einfluss der Gewerkschaften mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft wurde. Dass Menschen als Ware an Arbeitnehmer verliehen werden, könnte sogar als Wiederbelebung mittelalterlicher feudalen Strukturen begriffen werden, schließlich werden diese in den Grundsätzen der ordnungsgemäßen Buchführung unter „Sachkosten“ verbucht. Was die Aufstockung von Löhnen auf Hartz IV-Niveau betrift, scheint der französische Nationalökonom Alexis der Toqueville 1840 diesen Sachverhalt schon vorher gesehen zu haben: „Die Landaristokratie vergangener Zeiten fühlte sich verpflichtet, ihren Untertanen zu helfen und ihre Not zu lindern. Die heutige industrielle Aristokratie hingegen verelendet die Menschen, die sie braucht, und liefert sie dann an die öffentliche Wohlfahrt aus, damit sie von dieser ernährt wird.“

Dass immer mehr Menschen in die Armutsfalle rutschen, das entspricht den persönlichen Wahrnehmungen in unserem Freundeskreis. In einem Haushalt häufen sich Zahlungserinnerungen, Mahnungen, Pfändungen. Im nächsten Haushalt musste eine Privatinsolvenz durchgehalten werden. Der dritte Haushalt überlebt nur, weil er einen Nebenjob als Taxifahrer hat. Dass die Löhne festgeschrieben werden und sich bis in alle Ewigkeit nicht erhöhen, ist in diesem Umfeld schon normal. Irgendwie wursteln sie sich durch.

Politiker sind nicht anders als Schauspieler. Sie sind wandlungsfähig, dehnungsfähig, schlüpfen gleichzeitig in mehrere Rollen hinein, so dass der Mythos der Niedriglöhne als Arbeitsplatzbeschaffungsinstrument noch hält. Doch der Mythos bröckelt, weil die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander klafft.

Die Antriebe aus solch einer Ungleichverteilung beflügeln nicht gerade. Neid, da andere mehr besitzen. Perspektivlosigkeit, da die Aussichten auf Einkommenssteigerungen gegen Null gehen. Asymmetrien, da die Löhne bei Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung sich angleichen. Das Gefühl, sich im Hamsterrad zu drehen und nur noch für die Arbeit zu leben. Entbehrungen, an einer Kultur des Alltagslebens, die Geld kostet, nicht teilnehmen zu können. Zukunftsängste, da Unvorhergesehenes den finanziellen Rahmen sprengen kann.

Ich glaube, diese Veränderungen in unserer Gesellschaft zu spüren. Die Unterschicht formiert sich neu. Die Umgangsformen werden rauer. Das ist ein bißchen wie vor der Französischen Revolution: der Dritte Stand zerbricht unter den Lasten des Adels. Obschon die Revolution nicht kommen wird, davon bin ich überzeugt, denn die Bevölkerung wird durch die Politik still gehalten. Die Menschen werden aber Sündenböcke suchen, als Ersatz für ein anonymes kapitalistisches Feindbild. Und sie werden ein Ventil suchen, all ihren angestauten Unmut heraus zu lassen.

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