Wochenrückblick #8/2016

22. Februar 2016

Nun sitze ich wieder in meinem Büro. In einer entspannten Lässigkeit lehne ich mich auf meinem Bürodrehstuhl zurück. Voller Tatendrang beackere ich meinen Posteingang und sichte die liegen gebliebenen E-Mails, um diese nacheinander abzuarbeiten. Mein Kopf ist klar, die Schmerzen auf meiner rechten Körperseite haben spürbar nachgelassen. Also alles wieder gesund und in bester Ordnung. Denkste. Gestern Nachmittag krümmte sich unser kleines Mädchen auf der Couch. Sie stöhnte, hustete, Kopf und Bauch taten weh, eine Wärmeflasche und ein heißer Tee halfen nicht. Ihre Stirn glühte: 39 Grad Fieber. Also ab in die Notfallpraxis nach St. Augustin. Dort waren wir nicht die einzigen, denn das Wartezimmer war sehr gut gefüllt. Wir schauten in die bleichen Gesichter der anderen Kinder. Auf dem Flur zu den Behandlungszimmern ertönte ein wehleidiges und herzzerreißendes Babygebrüll, welches die Krankheit aus sich heraus schrie. Grippe beziehungsweise Influenza, das diagnostizierte der Kinderarzt. Er bestätigte, dass eine Grippewelle derzeit um sich greift. Viel liegen, ruhen, er verschrieb ein Antibiotikum und Tabletten gegen Fieber. Frühestens ab Donnerstag kann unser Mädchen wieder die Schule besuchen.

23. Februar 2016

Nach dem Fahrradunfall die Bürokratie. Um den Wegeunfall bei meinem Arbeitgeber zu melden, war in unserem Firmen-eigenen Social-Network (kurz TSN) der Suchbegriff „Unfallmeldung“ zum falschen Dokument verlinkt worden. Papierlos und Online hatte ich die Unfallmeldung mit allem dazugehörigen Kleinkram aus unserem TSN abgegeben. Da ich Rückfragen hatte, rief ich auf der Hotline an, die nette Damenstimme konnte aber nichts Online Versandtes finden, weil ich das falsche Formular ausgefüllt hatte. Nun habe ich nochmals versendet und hoffentlich das richtige Formular ausgefüllt, so wie mir es die nette Damenstimme erklärt hat. Von der Polizei habe ich noch nichts bekommen. Von ihr werde ich ebenso Formulare erhalten, auf denen ich den Unfallhergang beschreiben muss. Gespannt bin ich, wie kompliziert oder unkompliziert die Schadensabwicklung über die Versicherung ablaufen wird. Europcar, die Leihwagenfirma, bei der der Unfallgegner seinen Leihwagen gemietet hat, hat eine Versicherung im Raum Frankfurt mit der Abwicklung von KFZ-Haftpflichtschäden beauftragt. Diese Versicherung wollte mir ebenso einen Stoß von Formularen zusenden, damit ich meinen Schaden beziffern kann. Auf mich wartet noch einige Rennerei: neue Brille aussuchen, denn die alte Brille sitzt nicht mehr richtig auf der Nase, Kostenvoranschlag für die Rennradreparatur einholen, Ersatzfahrrad besorgen, vielleicht noch einmal zum Arzt, je nachdem, wie schnell oder langsam Schwellungen, Prellungen, Schürfungen verheilen.

24. Februar 2016

Das Interview, das ich im Radio hörte, klang seltsam und verrückt. Henning Krautmacher, der Frontmann von den Höhnern, war beim SWR in Stuttgart, und das genau an Weiberfastnacht. Eine der bekanntesten Kölner Karnevals-Stimmungs-Bands an Weiberfastnacht in Stuttgart ? Das stimmte natürlich nicht, denn das Interview war aufgezeichnet worden. Trotzdem: die Aufzeichnung geschah zwei Tage vor Weiberfastnacht war, also immer noch mitten im hektischen Terminkalender der Karnevalszeit. Karnevalistische Entwicklungshilfe in der schwäbischen Metropole ? Ich begriff, dass die Höhner im Trend vieler Karnevalisten schwammen. Henning Krautmacher war auf Werbetour für die Höhner-LP „Alles Op Anfang“. Die Stücke hatten nichts mehr mit Karneval zu tun, die Band wollte nicht nur Stimmungs-Musik machen, sondern ganzjährig überall in ganz Deutschland. Daher auch das Interview im unkarnevalistischen Stuttgart. Die Depression kam, als es um Umsätze aus Tonträgern ging. Während die Konzerte gut besucht waren, gab es Tonträger in früherem Sinne gar nicht mehr. Nach der klassischen Vinylplatte hatte nunmehr auch die CD ausgedient. Anstatt dessen wird Musik aus dem Internet downgeloaded, was im Ein-Euro-Bereich zu haben ist. Das Internet hat die Preise kaputt gemacht, so dass als Einnahmequelle für Musiker nur noch die Konzerte übrig bleiben. Dabei dachte ich nicht unbedingt an die Höhner, deren Bekanntheitsgrad – zumindest im Rheinland – sehr hoch ist. Ich dachte an all die anderen Sängerinnen, Sänger und Bands, die kaum jemand kennt. Dort dürften Existenzen auf dem Spiel stehen.

25. Februar 2016

Herumschmökern in der Buchhandlung in der Mittagspause. Das Buch „Die Gesichter Bonns“ von Beatrice Treydel erinnert mich daran, dass ich unter chronischem Zeitmangel leide. Rund einhundert Fotoportraits sind in diesem Buch zu sehen, bekannte und unbekannte Gesichter. Zu jedem Gesicht Bonns werden zwei Fotografien gezeigt: Ein Schwarzweiß-Portrait, das den Fokus voll und ganz auf die Person und ihre Individualität legt, und eine Farbfotografie der Person an ihrem Lieblingsort in Bonn. Dieser Ort knüpft die Verbindung vom Personenportrait zur Stadt. Gerne würde ich häufiger beziehungsweise überhaupt an Lesungen teilnehmen. Einmal habe ich das geschafft, in der City-Pension in der Südstadt. Eine Krimilesung mit Alexa Thiesmeyer, ein wunderbares Erlebnis. Mehr war nicht drin, dauerhafte Terminkollosionen und chronischer Zeitmangel. Dem fiel auch die „Gesichter Bonns“ in der City-Pension im Dezember zum Opfer. Derweil blättere ich in den schöne gestalteten Seiten herum. Anka Zink, Peter Kloeppel oder Bernd Hoecker gleiten durch meine Finger. Bücher sind ein Juwel. Noch schöner ist es, wenn man die Autoren persönlich kennen lernt.

26. Februar 2016

Tristesse in der U-Bahn-Station. Notgedrungen verbringt man dort die Zeit, wartend, unstetig herum blickend, ziellos. Manche versuchen, die Zeit auf ihren Smartphones zu überbrücken: Finger tippen auf Tasten herum, Botschaften wandern durch das Mobilfunknetz. An Bildlaufleisten wird rauf- und runter gescrolled, Nachrichten flackern auf Displays, die letzten Posts werden auf Facebook studiert. Ein ungastlicher Ort. Nichts wie weg, die Zeit bis zur nächsten U-Bahn dehnt sich sinnlos in die Länge. Eine traurige Gestalt auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig. In sich zusammen gesunken, hängt die weiß gekleidete Gestalt, anonym, auf der Sitzgruppe herunter. Eingeschlafen ? Die Gestalt betont die abweisende Atmosphäre. Kalt läuft das grüne Fliesenmuster die Wand herunter. Der Pfeil des Notausgangsschildes wirkt genauso orientierungslos wie die Informationstafel, die dem Fahrgast die Fahrpläne erklären soll. Plakate mit Ausstellungen des Rheinischen Landesmuseums wirken absurd, weil an diesem unwirtlichen Ort niemand an Hochkulturen denkt, die der Mensch geschaffen hat. Alle stecken fest in einer Röhre des Wartens, einer Röhre des U-Bahn-Tunnels, in der das Warten unter der Erde die Geschichten schreibt.

27. Februar 2016

Einkauf im Supermarkt um die Ecke. Es gibt Phasen, dann befragen die Kassiererinnen die Kunden, ob diese mit ihrem Einkauf zufrieden sind. Die Kundenbefragung läuft dann äußerst mechanisch und lustlos ab. „Waren Sie mit ihrem Einkauf zufrieden ?“ – „Ja“. Phrasen werden wie im Schlaf herunter geleiert. Ich habe niemals mitbekommen, dass die Kunden schlimmes bei ihren Einkäufen erlebt hätten. Ich hatte mich in die Schlange der Wartenden vor der Supermarktkasse eingereiht und sah das Schicksal auf mich zukommen, mich zu der Zufriedenheit meines Einkaufs äußern zu müssen. Ich grübelte – und fand als kritisch denkender Mitmensch ein handfestes Problem. Die Schlange an der Supermarktkasse war vorgestern lang gewesen, vielleicht vier bis fünf Kunden waren vor mir an der Reihe. Aber ich beschrieb das Elend des Kassierers an der einzigen besetzten Supermarktkasse. Gegen 18.30 Uhr beklagte er sich, dass seine Schicht eigentlich geendet hätte. Niemand sei da, ihn abzulösen, und um 19.00 Uhr hätte er einen wichtigen Termin in Köln-Porz, der zu platzen drohe. Als ich dies der Kassiererin beschrieb, war der Fall für sie denkbar einfach. Grippewelle, erklärte sie. Eine Grippewelle würde auch vor keinem Supermarkt halt machen, Der Krankenstand sei so hoch, dass alle Überstunden machen müssten. Als ich draußen die Einkäufe in meiner Stofftasche verstaut hatte, wurde mir klar: das handfeste Problem des Kassierers hatte die Kassiererin, die mich bedient hatte, weder notiert noch dokumentiert. Wahrscheinlich würde der geplatzte Termin des Kassierers, wo möglicherweise schicksalhaftes geschehen war, ignoriert und nicht einmal weiter geleitet. Wozu denn solch eine Befragung ? So gequält, wie die Kunden befragt werden und so einsilbig und desinteressiert diese die Antwort „Ja“ wie aus einem Automaten ausspucken, muss ich die Sinnfragestellen. Auf wessen Mist konnte solch ein Schwachsinn gedeihen ?

28. Februar 2016

Manchen Orten, wo sich die Natur ihre Räume zurück erobert hat, sieht man ihren todernst gemeinten Anlass nicht an. Ein Auenwald aus Pappeln drängelt sich bis zum Rhein. Die gepflasterte Straße steuert schnurgerade auf den Rhein zu, fällt dann plötzlich ab. Wellen umspülen Ufersteine, die schwer wie Blei im Rhein lasten. Ein Ort, an dem ich gerne verweile, eine Atempause einlege, die Zeit vorbei streichen lasse und innehalte. Die gepflasterte Straße nennt sich auch „Panzerstraße“. Ein Relikt des Kalten Krieges. In den 1970er Jahren wurden über die gesamte Länge des Rheins solche NATO-Rampen gebaut, als Vorsehung für den Verteidigungsfall, der dann nie gekommen ist. Pontonbrücken über den Rhein sind an dieser Stelle nie gebaut worden, Panzer sind hier nie gefahren. Der Kalte Krieg ist begraben worden, nun ist es ein Ort der Ruhe und Stille.

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