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Ein Traum könnte nicht schöner sein. Eine Couch am Strand von Fuerteventura, ein weißer Sonnenschirm, der die Aufdringlichkeit der Sonne fernhält. Allenthalben Lässigkeit, Freude, Leichtigkeit, entspannen, relaxen, chillen, ein Bild für den Seelenfrieden. Weibliche Schönheiten streifen Sandaletten ab, nackte Füße stolzieren durch den Sand, der zwischen den Zehen rieselt. Gemächlich trippeln Schritte zum Strand. Wellen umspülen diese Traumwelt, das Meer rauscht, azurblauer Himmel hängt über dem Strand von Fuerteventura. Fotografen lauern. Dann ergreift Heidi Klum die Initiative. Posen möchte sie sehen. Ihre Mädels sollen sich auf eine Düne hinauf arbeiten. Hinab springend, in den Sand hinein, glitzernd in der Sonne, sollen sie ihre Einheit aus Schönheit und Körper vervollkommnen. Schulterlange Haare flattern im Wind, Bikinis umhüllen schlanke Kurven, die Haut ist makellos und braungebrannt wie aus dem Sonnenstudio. Die Foto-Shootings nehmen kein Ende, und Heidi Klum ist entzückt, dass die Perfektion des schönen Körpers steigerungsfähig ist: ein Spagat in der Luft, und der seidene Stoff des Strandkleides spannt sich zart über die auseinander gespreizten Beine.

GNTM, Internetseite

Germany’s Next Top Model. Normalerweise zappe ich weg bei dieser Ansammlung von Schönheiten. Der Nerv der Nation scheint dennoch getroffen, denn Körper und Schönheit verspüren eine Lust am Einschalten. Dementsprechend geleckt sind die Körper der Top-Model-Kandidatinnen: das Feilen an der Schönheit ist allgegenwärtig, Entbehrungen, No go’s auf dem Essensplan, Konfektionsmaße, Sport, diverse Make-ups helfen, das perfekte Produkt des eigenen Körpers in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu stellen.

Welchen Zweck erfüllen Körper und Schönheit ? Dass Körper in Posen transformiert wurden, das war bereits Gegenstand der antiken Künste. Meistens waren es Männer – wie etwa der Speerwerfer Doryphoros – woraus der griechische Bildhauer Polykret im fünften Jahrhundert vor Christus einen athletischen und wohl geformten Körper gestaltet hatte. In diesem Zeitraum, weit vor Christi Geburt, waren aber auch Frauen dabei. So die Siegesgöttin Nike von Samothrake, die die Rhodier im Jahre 190 vor Christus als Dank für eine siegreiche Schlacht auf der Insel Samothrake in der griechisch-türkischen Ägäis aufgestellt hatten. Die kopflose Skulptur, ausgestellt im Pariser Louvre, betont Linien, Kurven, Formen und ausgewogene Proportionen. Die Siegerpose verharrt in der Bewegung, indem die Figur die Flügel ausbreitet. Der Faltenwurf des Kleides fügt sich harmonisch in den kurzen Schritt der beiden Beine ein und erinnert ansatzweise an anschmiegsame Strandkleider in den Foto-Shootings bei Heidi Klum.

Ähnlich harmonisch geht es bei dem Maler Botticelli zu, den antike Frauengestalten ebenso faszinierten. Botticelli war so hingerissen, so dass er seine Venus 1486 nicht nur schön, sondern auch erotisch malte. Dabei übertraf er sogar das Maß an Nacktheit, welches all die Top-Models bei Heidi Klum zeigen. Seine Venus wurde in der griechischen Mythologie aus einer Muschel geboren, die ihrerseits nach antiker Meinung aus dem Meerschaum entstand.

Der spanische Maler Francisco José de Goya y Lucientes dokumentierte um 1800 seine Liebschaften in seinem Gemälde „Die nackte Maya“. Ähnlich wie Botticellis Venus, malte er voller Leidenschaft die Schönheit der Körperformen. Dass er nicht in der Schiene der Pornografie einzuordnen ist, bewies er, indem er ebenso die bekleidete Maya malte. Beide Gemälde sind nebeneinander im Prado in Madrid zu bestaunen.

Nike von Samothrake, Louvre Paris

Botticelli, Die Geburt der Venus, Uffizien Florenz

Goya, Die nackte Maya, El Prado Madrid

Aus dem Blickwinkel römischer Tempelgötter, antiker Mythen in der Renaissance oder der Portraitmalerei der Neuzeit, kann man bei „Germany’s Next Top Model“ nur wegzappen. Bei den Römern, in der Renaissance und in der Neuzeit hatte der Körper noch Substanz, er war einbezogen in Mythen und Erzählungen, seine Posen sollten zeitlose Geschehnisse darstellen, der Körper bot Anlass zu Tragik und Komödien, die Schönheit kam von innen. In der christlichen Weltanschauung ist der Körper eine Hülle für den Geist, der das Innere ausfüllt. Aus dem Körper wird irgendwann ein Leichnam, der an den Tod übergeben wird.

Die Körper von Heidis Mädchen, denn sie redet immer nur von Mädchen, nicht von Frauen, sind hingegen austauschbar. Die Models werden vermessen, vorgeführt, inszeniert und sie müssen gefallen. Ihre Körper werden gedreht, angepasst, gewendet, sie sind substanzlos, ganz nach dem Geschmack der Fernsehzuschauer. Sie zeigen nicht die Siegerpose einer Nike von Samothrake, ihre Schlachten werden nicht von Kriegsherren auf hoher See entschieden, sondern von der lenkenden Hand der Märkte. Die Konkurrenz der Top-Models belebt das Geschäft. Marktmechanismen bewirken, dass die Körper so stromlinienförmig gestyled werden, um zu überleben. Eine Runde weiterkommen, der Catwalk wird zu einer Art von Amphitheater für Gladiatoren. Die Models werden in Einzelteile menschlicher Individuen zerlegt und kämpfen Model gegen Model gegeneinander. „Heute bekommst Du kein Foto von mir“, dieses Damoklesschwert schwebt über all den Schönheiten.

Leider ist die Show hochprofessionell durchchoreografiert, sie erzeugt irre Einschaltquoten, aber kein kritisches Denken bei der Zielgruppe der Young Agers. Teenager fahren auf der Sendung ab wie auf Idole des Pop, deren Poster an ihren Wänden prangern. Nichts vermag die inhaltsleeren Körper der Top-Models zu bremsen. Das Model ist die Fortsetzung des Lebenstraums einer Prinzessin, und die Sendung ist so beliebt, dass die Aussicht, als Top-Model-Kandidatin in die Sendung zu gelangen, ungefähr einem Sechser im Lotto entspricht.

Botticellis Venus, ebenso Goyas „Nackte Maya“ sind einmalig, zeitlos, ihre Schönheit wirkt als in sich Ganzes, während die Schönheit der Top-Models Irrationalismen des Marktes offenbart. Der Beruf Model zählt zu den beliebtesten Berufswünsche junger Mädchen. Gesteuert durch die Modebranche, ist ungefähr mit Ende Zwanzig die Karriere auf den Laufstegen vorbei. Dann sollte man als Model umschulen oder am besten erst gar nicht diesen Beruf ergreifen.

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Die Karrieren der Top-Model-Kandidatinnen, die bleibendes hinterlassen haben, lässt sich ungefähr an einer Hand aufzählen. Einige bekamen Model-Verträge, die aber so gestaltet waren, dass die Vermarktungsmaschinerie von Heidi Klum im Endeffekt abkassierte. Die Aufzählung von Prozessen ist einigermaßen lang. Einige Top-Models landeten in Reality-Shows bei RTL, andere fristeten ein Dasein als C-Promi, einzelne schafften es als Schauspieler in Fernsehproduktionen. Nichts bleibendes. Selbst Lena Gercke, bekannt geworden in ihrer Liaison mit dem Fußball-Weltmeister Sammy Khedira, hat es nicht in den Rang einer Venus geschafft. Von einem Showzirkus hat sie zum nächsten gewechselt. The Voice of Germany. The Show must go on. Business as usual. Vielleicht hätten Botticelli oder Goya heute nur noch Pop-Art gemalt. Paste and copy. Austauschbar.

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