Karneval und rheinisches Brauchtum

Seit gestern 11:11 Uhr ticken die Uhren anders. Rathäuser sind quer durch das Rheinland erstürmt worden, Bürgermeister wurden ohnmächtig und rückten ohne einen Akt der Verteidigung ihre Schlüssel heraus. Feinen Damen, jecken Weibern und singenden Frauenzimmern haben sie ihr Feld überlassen. Jecken und Narren haben sich zusammengetan, sie haben gesungen und getanzt, jeder hat jeden umarmt, es wurde gebüzzt und gelacht. Heiter und fröhlich, hat der Karneval die Straßen ausgefüllt. Und sicherlich flossen an der einen oder anderen Ecke auch ein paar Glas Kölsch zuviel.

Auf der Suche nach dem Karneval als Blog-Thema habe ich festgestellt, dass das Thema „Karneval“ Größenordnungen sprengt. Google liefert 35 Millionen Suchergebnisse. Wasserdicht historisch belegt, beginnt die Geschichte des rheinischen Karnevals um 1200, als Cäsarius von Heisterbach in seiner Schrift "dialogus miraculorum" ein Zechgelage in der Nacht vor Aschermittwoch erwähnt . Die Gegenwartsgeschichte endet mit Legenden wie den Bläck Fööss oder mit dem wehleidigen Jahr 1991, als wegen des Golfkrieges anstelle des Rosenmontagszuges ein Geisterzug stattfand. Karneval ist so globalisiert wie unsere Wirtschaft, denn man findet ihn von den Bahamas bis nach Québec, von Zimbabwe bis nach Indonesien. Im Rheinland gibt es gleich mehrere Karnevalsmuseen, es gibt sie aber auch am Bodensee, auf der Schwäbischen Alb und in Franken. An der Universität Bonn wurde sogar eine Doktorarbeit mit genau 401 Seiten über den Karneval geschrieben.

Es gibt nichts, was nicht zu erzählen und zu erklären wäre. Dabei steckt der Karneval voller Symbolik, wozu man ein kurzes Stück in die Geschichte hinein schauen muss, um diese aufzureissen. Viele Arbeitgeber sperren sich mittlerweile, den Rosenmontag als Brauchtumstag arbeitsfrei zu geben. Dem rheinischen Brauchtum tut dies keinen Abbruch. Es wird gefeiert, geschunkelt und getanzt wie eh und je, und über die tollen Tage rollen die Karnevalszüge.

Die Zahl Elf ist seit Jahrhunderten die Zahl der Narren. Die Zahl 10 steht für die zehn Gebote der Bibel. Die Zahl 10+1 überschreitet die Grenzen der Bibel, was zur Eigenschaft eines Narren gehört. Die Zahl 11 symbolisiert außerdem die Gleichheit, da sich die Zahl 11 aus zwei identischen Zahlen zusammensetzt – es kursieren ebenso Ableitungen aus den Anfangsbuchstaben ELF der französischen Revolution, was steht für "égalité, liberté, fraternité".

Der Narr beansprucht seine Redefreiheit. Ihm steht das Recht zu, Mißstände, die ihm nicht passen, ins Lächerliche ziehen zu dürfen. Weil er verbal „schmutzige Wäsche waschen darf“, steigt er in die „Bütt“, das war in den Anfangszeiten des Karnevals ein Waschzuber.

Die 11 Personen des Elferrates tragen Narrenkappen, die bestickt und teilweise mit Glöckchen oder Fasanenfedern verziert sind. Die Narrenkappe ist ein Black-Out in der rheinischen Karnevalsgeschichte, denn ein Preußischer Generalmajor führte diese offiziell 1827 ein. Der Preuße mischte sich in eine Versammlung des Festordnenden Comités und zeigte sich spendabel, als er den Kölnern Pferde für ihren Karnevalszug zur Verfügung stellte. Dem Problem, dass die Karnevalsgesellschaften nicht unterschieden werden konnten, konnte er mit seinem Ordnungssinn in einer Rede entgegen wirken: "Gleiche Brüder, gleiche Kappen, darum erlaube ich mir den Vorschlag, dass wir hierfür, als Unterscheidungszeichen der Eingeweihten ein kleines buntfarbenes Käppchen während unserer Veranstaltungen aufsetzen.“ Seitdem tragen die einzelnen Karnevalsgesellschaften unterschiedliche Narrenkappen, und je mehr Straßsteinchen die Mütze ziert, desto höher ist die Stellung.

Wenn Narren sich begegnen, dann begrüßen sie sich mit dem Narrenruf. Narren trinken gerne einen zusammen. Ein Kölner Tonkrug, der auf das Jahr 1550 datiert werden konnte, nennt Alaaf als Jubel- und Trinkspruch. "Alaaf fur einen goden druinck", das bedeutet so viel wie "für einen guten Trunk lasse ich alles stehen". Die Narrensprüche unterscheiden sich von Stadt zu Stadt. Verlässt man die monolithischen Blöcke der Karnevalshochburgen von Köln nach Düsseldorf, so wechselt der Narrenspruch nach „Helau“, was sich angeblich aus dem kirchlichen „Hallelujah“ abgeleitet.

In Köln ist die Jahreszahl 1823 nachgewiesen, dass das erste Mal ein Rosenmontagszug, was man heute so darunter versteht, durch die Straßen gezogen ist. Die Stadt Bonn hält mit einer Gästeliste vom 21. Februar 1730 dagegen. Genau dieser 21. Februar 1730 war ein Rosenmontag, als „Adlige auf offenen, mit Girlanden geschmückten Wagen unter dem Jubel der Bonner Bevölkerung vom Schloss durch die Straßen der Residenz zogen“.

Die ursprüngliche Intention des rheinischen Karnevals, das militärisch geprägte Erscheinungsbild der Preußen, die ja seit 1815 im Rheinland sesshaft wurden, mit Humor und Persiflage zu beantworten, betont der Sitzungskarneval. In Köln sind die Roten Funken seit dem ersten Karnevalsumzug dabei, sie tragen die Uniformen, die eine Parodie auf militärische Uniformen darstellen sollen. Mit schlafwandlerischen Bewegungen führen die Roten Funken die Befehle aus, Rosen stecken im Lauf der Gewehre. Später, das war 1906, verstärkte die Prinzengarde das militärisch geprägte Erscheinungsbild, indem sie mit eigenen Uniformen den Karnevalsprinzen begleiteten.

Gute Beiträge belohnt das Publikum mit einer "Rakete" – mit lautem Getrampel oder einer dreistufigen Kombination aus Klatschen, Trampeln und lautem Geschrei. Gute Beiträge werden zudem mit Karnevalsorden ausgezeichnet, die Orden aus der Kaiserzeit für Verdienste auf den großen Schlachtfeldern nicht unähnlich sind.

Die Tradition des Dreigestirns, dass sich Bauer und Jungfrau zum Karnevalsprinz dazu gesellen, gibt es in Köln seit 1883. Der Bauer steht für die Wehrhaftigkeit der Stadt Köln, die Jungfrau für die beschützende Mutter Colonia. Die Insignien des Bauern sind der Stadtschlüssel, welchen er am Gürtel trägt, und der Dreschflegel, welcher auf die Wehrhaftigkeit der Stadt Köln hinweist. Sein Hut ist mit 125 Pfauenfedern verziert – als Symbol für die Unsterblichkeit der Stadt Köln.

So fein gestrickt die Traditionen des Karnevals sind, so regional sind auch seine Ausprägungen im Rheinland. Um das zu demonstrieren, reicht der Sprung in die Karnevalshochburg Düsseldorf, welches Elemente des Karnevals in Venedig übernimmt. Dort erhält stets die Ehefrau des Karnevalsprinzen den Beinamen „Venetia“. Diese Variante fällt, ähnlich wie die Bonner Historie des Karnevals, in die Epoche des Barock zurück, als der Kurfürst Jan Wellem im 17. Jahrhundert auf seinem Schloss ein venezianisches Fest veranstaltete, welches sich an den Karneval in Venedig angelehnt hatte. Düsseldorf kennt gleich zwei Prinzen, sozusagen einen zweiten Reserveprinzen. Dieser stammt merkwürdigerweise aus einer reinen Frauen-Karnevalsgesellschaft, die ihn dann mit Insignien des Haushalts auszeichnet. Er erhält eine Sellerieknolle, weswegen er auch „Sellerieprinz“ genannt wird. Als Stab führt er eine große Puppe in Marktfrauentracht.

Es überrascht, wie vielfältig die Bräuche des Karnevals im Rheinland sind. Bleiben wir im Stadtgebiet von Düsseldorf, so ist das Niederkasseler Tonnenrennen eine Kuriosität. Hier rennen große und kleine Narren mit der Schubkarre um die Wette. Die erste Tonne, die 1887 an den Start ging, war allerdings nicht gerade angenehm. Es war nämlich ein Jauchefass.

In Langenfeld-Reusrath hat man den Karnevalszug in eine ungewöhnliche Tageszeit verlegt, nämlich in die Abendstunden. Um 18:33 Uhr setzt sich der Karnevalszug in Bewegung. Lichterketten, Lampions und Fackeln schmücken sonntagsabends den Zugweg, und bisweilen braucht man eine Taschenlampe, um die Kamelle zu finden.

In der Bonner Gegend, genauer gesagt, in Wachtberg-Pech, hat der Karnevalsbrauch mit dem Abschied vom Winter zu tun. Über den Winter verkriechen sich die Bären in einer Höhle. Wenn der Bär aus der Höhle kommt und wenn die Erbsen aus der Schote kommen, dann wird es wieder warm, so war die Denkweise in längst vergangenen Zeiten. In Wachtberg-Pech nennt man diesen Bären „Eärzbär“ – oder auf Hochdeutsch „Erbsenbär“. Brüllend und bettelnd krabbelt er im Rosenmontagszug auf allen Vieren mit Helfern und Musikanten durch den Ort. Nur durch wohltätige Gaben wie Bier oder Kamelle ist er zu besänftigen, anschließend feiert und tanzt er.

In der Eifel knüpfen die Traditionen mancherorts an keltische und germanische Bräuche an. In Blankenheim ziehen am Karnevalssamstag hunderte von Geistern mit Fackelzügen durch die Straßen und nehmen den Burgort in Besitz. Jedermann und Jederfrau kann mitmachen. Wer selbst als Geist den Winter vertreiben möchte, kann weiße Bettlaken mitbringen und sich verkleiden. Pechfackeln gibt es am Rathauseingang.

In Weinsheim bei Prüm ziehen die Kinder durchs Dorf, um „heischen“ zu gehen. Bei diesem „Heischegang“ ziehen sie von Haus zu Haus, singen Karnevalslieder und klappern dabei mit Ratschen oder Rasseln. Belohnt werden sie mit Süßigkeiten.

Ist die Karnevalszeit vorbei, hat sich die Tradition der Nubbel-Verbrennung durchgesetzt, das ist eine Strohpuppe, die verbrannt wird. Das Wort aus dem 18. Jahrhundert wurde benutzt, wenn es nicht näher bestimmt war („dä es beim Nubbel“, „dat wor dä Nubbel“). Der Nubbel war demgemäß irgendwer, irgendwo. Es entspricht den Ausprägungen des rheinischen Karnevals, dass der Nubbel regional anders ist. In Düsseldorf ist es der Hoppeditz, in Jülich der Lazarus Strhmanus, in Düren der Rurmanes oder in Essen der Bacchus.

An Aschermittwoch ist dann alles vorbei. Die Gläubigen erhalten in der Kirche das Aschenkreuz auf die Stirn. Es handelt sich um geweihte Asche der Palmbaumzweige (Buchsbaum) vom Palmsonntag des Vorjahres. Nun beginnt die 40-tägige Fastenzeit - ohne Sonntage -, welche am Ostersonntag endet.

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