WestLB - Bankenpleite in Düsseldorf

Man sieht es dem Bürogebäude nicht an, dass es in den vergangenen Jahren so viele Umbrüche erfahren hat. Äußerlich steht die Würfelform mit den in sich verschachtelten zehn Stockwerken fest zusammen, aber innerlich ist kein Stein auf dem anderen stehen geblieben. Zerschlagen, aufgelöst, abgewickelt, so ist der Traum einer Unternehmensgeschichte zerronnen, leichtfertig und unnötig. Nun befasst sich eine Immobiliengesellschaft mit der Neuvermietung. Die Herzog-Terrassen, beste Innenstadtlage, Standort Herzogstraße 15 in Düsseldorf, sollen vom Maklerbüro JLL vermarktet werden.

Nun hofft der Bürokomplex auf bessere Zeiten. Die Empfangshalle harrt hinter der hohen Fensterfront derjenigen Dinge aus, die nicht kommen werden. Es sind alleine die Börsenstandorte New York, London, Tokio, Sydney, die mit ihrer sattgrünen LED-Leuchtschrift hinter der Empfangstheke an diese besseren Zeiten erinnern.

Die jüngere Geschichte der Westdeutschen Landesbank – oder WestLB - liest sich wie eine Abfolge aus Chaos, Hektik, Skandalen, Scheitern und Abwicklung. Das richtige Konzept eines Masterplans hat es nie gegeben. Der Übergang von einer öffentlich-rechtlichen Bank zu einer Privatbank wurde nie geschafft. Bis 2005, als die Zweckbestimmung der Landeszentralbanken als Bindeglied zu den Sparkassen wegfiel, wurde an öffentlichen Geldern das einkassiert, was man kriegen konnte.

Um ihre Zweckbestimmung neu zu definieren, versuchten die Landeszentralbanken das Geschäftsmodell der Großbanken zu kopieren: weg vom margenschwachen Privatkundenschäft, das von ihren Kosten für das Filialnetz aufgezehrt wurde, anstatt dessen Aufbau eines Investmentbankings, in dem Aktien, Fonds, Swaps, Futures, Zertifikate, Derivate, Optionsscheine und eine Vielzahl anderer Konstrukte, die nichts anderes als Wetten abschlossen, gigantische Kursgewinne versprachen. Solange das Kapital in Investitionen hinein gesteckt wurde, die in der Produktion neue Wertschöpfungen und Geldflüsse erzeugten, funktionierte dieses System noch. Ging es aber nur darum, Kursgewinne zu erzielen, bildete sich eine Blase ohne Wertschöpfung, die zu zerplatzen drohte, wenn die Geldflüsse ausblieben. Das geschah 2008 bei der Bankenpleite der Lehmann Brothers Bank in den USA, die einen fatalen Dominoeffekt bei Banken zur Folge hatte. Forderungen und Wertpapiere mussten abgeschrieben werden, und die erste Bankenpleite zog weitere Verluste in anderen Banken nach sich, weil dort die nächsten Forderungen abgeschrieben werden mussten.

Es war aber nicht nur der Dominoeffekt der Bankenkrise 2008, sondern die Misere der WestLB begann bereits 2003. Mit öffentlichen Geldern, die auch zur Refinanzierung der Sparkassen dienten, gingen die Banker fleißig auf Einkaufstour. Sie kauften ein britisches Wasserwerk, beteiligten sich an einer Erdöl-Pipeline in Ecuador, am Londoner Wembley-Stadion, an einer Leasingfirma für Flugzeuge, an einer Verleihfirma für Fernseher, an einem schottischen Whiskyproduzenten. Was die WestLB so umtrieb, das legte die Bilanz für 2002 offen, als genau für diesen Mischmasch von Beteiligungen Wertberichtigungen gebildet werden mussten, weil die Geschäfte nicht so liefen wie ihr Wunschdenken. Ein Rekordverlust von 1,7 Milliarden Euro traf die Banker wie ein Hammer. Danach wechselten die Manager, und die Verantwortlichen waren optimistisch, ihre WestLB wieder auf Gewinnkurs bringen zu können.

Doch dem war nicht so. Um ihrem Anspruch gerecht zu werden, in der Champions League der Großbanken mitspielen zu können, dazu hätte die WestLB Investmentbanker von Format eines Gordon Gekko gebraucht. Das war auch ein Bezahlungsthema. Die Beschäftigten der WestLB waren an die Tarifverträge von Sparkassenangestellten gebunden, das war also ein eher biederes Gehalt im Vergleich zu den Millionenbeträgen, mit denen womöglich Unternehmenswerte im Handumdrehen hin- und hergeschoben wurden. "Wenn du nicht 250 000 Dollar jährlich machst in den ersten fünf Jahren, bist du schauderhaft dumm oder schauderhaft faul", mit diesem Spruch zeigt Gordon Gekko alias Michael Douglas in dem Film „Wall Street“ die Richtung auf der Gehaltsskala, in die es im Investmentbanking entlang geht. Das passte nicht mehr in der Kreisliga von Tarifverträgen der Sparkassen.

Nie wurde die Gewinnzone wieder erreicht, im Gegenteil: 2005 musste die WestLB 1,4 Milliarden Euro Beihilfe an das Land NRW zurückzahlen, weil das Kapital der zur WestLB gehörende Wohnungsbauförderungsanstalt zu niedrig verzinst worden war. Unverändert schleppte sich die WestLB mit Milliardenverlusten durch die Jahre, bis 2008 der Dominoeffekt der Bankenkrise direkt auf die WestLB durch schlug. Über sogenannte Subprime-Kredite war die WestLB an Immobilienfonds in den USA beteiligt, so dass mit Platzen der Immobilienblase neue Abschreibungen fällig wurden.

In diesem Umfeld bekamen sämtliche Lenker in der Wirtschaft sowie Politiker kalte Füße. Nicht nur in der WestLB drohte eine Dynamik, dass wegen des immensen Umfangs von Wertberichtigungen Großbanken von einer Pleite bedroht waren. Um diese abzuwenden und um risikobehaftete Forderungen besser durchleuchten zu können, richtete die Europäische Zentralbank einen Bankenrettungsfonds ein.

Mit der Absicht, dass die WestLB in ganz ferner Zukunft die Gewinnzone vielleicht erreichen könnte, war es an diesem Punkt spätestens vorbei. Die Weichen wurden in die entgegengesetzte Richtung gestellt. Es galt vielmehr, einen Bankencrash ungeahnten Ausmaßes zu verhindern, der Volkswirtschaften rund um die Welt platt gemacht hätte.

Daher rückten in Deutschland die Hypo Real Estate, die Commerzbank und die WestLB ins Visier der Kontrolleure der Europäischen Zentralbank. Diese drei Großbanken wurden ab 2008 von den Frankfurter Bankentürmen aus gesteuert, wobei diese Bedingungen erfüllen müssten, damit die horrenden Geldsummen aus dem Bankenrettungsfonds fließen konnten, nämlich 8,8 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate, 5,1 Milliarden Euro für die Commerzbank und 2,0 Milliarden Euro für die WestLB. Anders als bei der Hypo Real Estate oder der Commerzbank, drängte die Europäische Zentralbank auf einen Verkauf der WestLB, doch dieser scheiterte an der desolaten finanziellen Situation.

Einen kleinen Resthauch von Bankenwesen vermittelt nun die Flagge der Deutschen Bank an der Adresse der Herzogstraße 15. 30.000 Quadratmeter Bürofläche sind in bester Innenstadtlage von Düsseldorf zu vermarkten, die sich „Herzog-Terrassen“ nennen wegen der terrassenförmigen Anordnung der oberen Stockwerke. Die Deutsche Bank ist auf 5.000 Quadratmetern als Mieter eingezogen, nachdem der Finanzdienstleister Portigon seit 2014 ausgezogen ist.

Zerschlagung, Auflösung, Abwicklung. Die erste Stufe der Abwicklung setzte die Europäische Zentralbank um, indem Wertpapiere, Aktienpakete, Swaps, Derivate, Futures, Optionsscheine in eine Bad Bank verschoben wurde, die sich „Erste Abwicklungsgesellschaft“ (EAA) nannte. Die zweite Stufe der Abwicklung wurde eklig, da Menschen und Arbeitsplätze betroffen waren. Insgesamt 4.300 Mitarbeiter der einstigen WestLB blieben übrig, die nichts mit operativen Tätigkeiten von Sparkassen tun hatten. Dazu entschied die Europäische Kommission in Brüssel, dass diese 4.300 Mitarbeiter zum 30. Juni 2012 in den Finanzdienstleister Portigon verschoben wurden, wobei zunächst die Türschilder von „WestLB“ nach „Portigon“ am Bürostandort Herzogstraße 15 ausgetauscht wurden. Faktisch geschah einiges mehr: die Mitarbeiter mussten sich nach einem neuen Arbeitgeber umschauen, der Finanzdienstleister fungierte zu einem großen Teil als Auffanggesellschaft. Sonst hieß es in einer offiziellen Sprachregelung, dass die Mitarbeiter Tätigkeiten für die EAA durchführten. Diese Tätigkeiten für die EAA stellten eine Art von Vergangenheitsbewältigung dar, wenn etwa Ramsch-Papiere gesichtet wurden, das waren griechische Staatsanleihen, Anleihen in gefloppten Energieprojekten oder gefloppten Tourismuszentren. Momentan stehen noch so viele hoch riskante Papiere in den Büchern der EAA, dass die früheren Mitarbeiter der WestLB noch eine zeitlang keine Langeweile bekommen werden.

2012, nach der Entscheidung der Europäischen Kommission, hatte der NRW-Finanzminister Waler-Borjans alles zusammengezählt. Er kam auf 18 Milliarden Euro, die die öffentliche Hand, das waren der Bund, das Land NRW, die Sparkassen und der Bankenrettungsfonds, zuschießen mussten. Die 18 Milliarden Euro umfassen einen Zeitraum bis zur kompletten Abwicklung der WestLB inklusive Pensionsrückstellungen.

Dass der Bürostandort in der Herzogstraße 15 in Düsseldorf ein solches Milliardengrab für den Steuerzahler geworden ist, das sieht man der blanken Fassade, bei der helle Bausteine aus Beton und Fensterreihen elegant abwechseln, nicht an. Hoch oben, vom zehnten Stock aus, dürfte der Blick auf Düsseldorf genial sein.

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