Kapuzinergraben - Ausbildung am Postamt Aachen von 1979 bis 1982

Eigentlich hätte ich mich in dem schmucken Altbau sauwohl fühlen sollen. Eigentlich. Es war ein stattlicher Bau aus der Kaiserzeit, die Fassade schmiegte sich schwer und grau um die langen Fensterreihen, begleitet von senkrechten Säulen, die Rundbogenfenster umgaben. Die Seiten flankierten zwei Erker, die mit ihren Säulenbrüstungen deutlich hervor sprangen. Ich mutmasste, dass der Baustil mit seinen verspielten Formen und der festen Säulenarchitektur dem Klassizismus zuzuordnen war. Ein Vorbau, einem Baldachin ähnelnd, führte zu dem wuchtigen Haupteingang. Auch dort Säulen, dicker, wuchtiger, aus Marmor, mit Kapitellen, wie in Kirchen, verziert, verspielt, mit Mustern von Dreiecken, Muscheln, Kleeblättern, Löwenköpfe.

Jahre zuvor hatte das Deutsche Reich sein Staatsgebiet um Elsass und Lothringen erweitert, als 1876 die Oberpostdirektion Aachen in das Gebäude am Kapuzinergraben einzog. Die dortigen Beamten kontrollierten, regelten, ordneten an, überwachten, sie organisierten das Botenwesen, später die Briefzustellung, sie disponierten Postkurswagen, später die Beförderung von Briefen und Paketen, sie stellten Haushaltspläne auf, gingen Beschwerden aus dem Publikum nach. Die Oberpostdirektion Aachen überlebte den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und die wilden 1920er Jahre, sie überlebte das Dritte Reich, doch nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Aus. Weg organisiert, zog das Postamt Aachen in die aus den Versatzstücken des Zweiten Weltkriegs wiederaufgebauten Räumlichkeiten. Von 1979 bis 1982 hieß mich dort die damalige Deutsche Bundespost willkommen, als ich dort meine Lehrjahre verbrachte.

früheres Postamt Aachen, Kapuzinergraben

(heute Kapuzinerkarree)

Ein Blick in den Flur genügte, um die Zeiten wieder aufleben zu lassen. In hohem Bogen schwangen sich Durchgänge nach oben, schummriges Licht fiel auf matten Bodenfliesen, die Farblosigkeit durchdrang alles. Der Wandanstrich war steril und in einem Weiß, das mich an Krankenhäuser erinnerte, keinerlei Farbtupfer von Bildern oder Pflanzen lockerten den Wandanstrich auf, jegliche Regung unterblieb.

Ähnlich wie nach der PISA-Studie, als die Grundschulen blinder Aktionismus überfiel, wurde unser Ausbildungsjahrjang an den Wurzeln pädagogischen Verständnisses angepackt und wurde – ohne jegliche Vorahnung einer PISA-Studie - auf den Kopf gestellt. Nur noch Theorie wurde gepredigt, anderthalb Jahre Fachhochschule, die übrigen anderthalb Jahre lebten wir ausschließlich in der Welt der Theorie, indem wir jede Masse beobachten, schreiben, zusammenfassen durften. So ungefähr nichts machten wir selber, anstatt dessen durften wir unseren Packen an Studienaufträgen abarbeiten, indem wir die praktischen und operativen Tätigkeiten in Aufsätzen auszuformulieren hatten.

So pendelten wir unverhofft in den Gängen, eingerahmt von dem weißen Wandanstrich, der so normiert war wie die Dienstanweisungen, die wir in den Studienaufträgen zitieren mussten. Rasch lernte ich, dass alles eine Vorschrift hatte, alles war geregelt. Ungefähr jeder Handgriff wurde in eine Vorschrift hinein gezwängt, die so unverrückbar war wie der weiße Anstrich der Türrahmen, die so eine Art Bannmeile vor den zustehenden Bürotüren darstellten.

früheres Postamt Aachen, Haupteingang (oben), Treppenhaus (Mitte), Flur (oben)

Die Gänge waren lang, krümmten sich in ihrer Laufrichtung, und wenn wir nicht gerade anderen Kollegen begegneten, herrschte eine gespenstische Leere. Briefzustellung, Schalter, Personalstelle, Organisation, Hauptkasse, in diesen Stellen wurden wir aus überquellenden Aktenschränken zugeschmissen mit Dienstanweisungen. Bewaffnet mit diesem Stapel, schleppten wir die Dienstanweisungen durch die langen Gänge, wechselten über Treppenhäuser die Stockwerke, die noch den Ballast der Kaiserzeit mit sich trugen: Säulen aus Marmor spannten die Treppenhäuser auf, Kapitelle mit filigranen Stuckarbeiten lasteten schwer auf den Säulen, genauso wuchtig wirkten die Verzierungen des schmiedeeisernen Treppengitters, dem die schöne Form aber abhanden kam, weil derselbe Einheitsanstrich in demselben sterilen Weiß über das Treppengitter, die Wände und die Decke gepinselt war. Von dort aus gelangten wir zu unseren Pausenräumen und Besprechungsräumen, wo wir aus diesem Konglomerat von Dienstanweisungen eine perfekte Abschreibearbeit leisteten. Wir schrieben zusammen, was das Zeug hielt, und der Leiter des Ausbildungsstelle musste mich bremsen, quasi unlesbare Elaborate zu produzieren, die in die Länge gezogen waren wie ein Roman, zusammengesetzt aus unverständlichen Wortbrocken von Regelungen und Verordnungen.

Dieses fürchterliche Bürokratendeutsch war nicht so weit weg von Verfügungen des Generalpostamts aus der Kaiserzeit, in denen etwa geregelt wurde, das im Bahnpostdienst „jeder Eisenbahn-Posttransport, soweit er nicht bloß für Briefpostzwecke dient, mit jeder Postanstalt an der betreffenden Eisenbahn-Route mindestens einen versiegelten Packetsack auswechseln muß, in welchem hauptsächlich jene kleinen ordinairen Packete zum summarischen Austausche zu bringen sind.“

früheres Postamt, Innenhof

Dass der Mief aus der Kaiserzeit zwischen dem sterilen Wandanstrich hängen geblieben war, hatte auch seine guten Seiten. Vor dem Amtsvorsteher standen alle stramm, denn er war ein scharfer Hund. Nachdem er als Postbote begonnen hatte, legte er eine steile Karriere bis zum Amtsvorsteher hin. Beim ihm herrschte Recht und Ordnung. Als der Amtsvorsteher sah, dass ein Zusteller die Wagentüre seines Zustell-PKWs mit seinem Fuß zustieß, musste er antreten. Er wurde zurechtgewiesen, solch einen Gebrauch dienstlichen Eigentums zu unterlassen. Es schwebte wohl auch die Drohung eines Disziplinarverfahrens im Raum.

Moralisch hielten uns die Phasen der Fachhochschulausbildung aufrecht. Unser Kurs hielt zusammen, wie Pech und Schwefel, und die betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Vorlesungen verfolgte ich mit lebhaftem Interesse. Betriebsblind, wurde ich nach meiner Ausbildung in das Haifischbecken der Praxis geworfen. Irgendwie kriegte ich die Kurve und überlebte, trotz der wirren lernpädagogischen Konzepte, die Ausbildung ausschließlich mit Theorie zu bestreiten.

Das änderte sich nach unserem Ausbildungsjahrgang. Die nächsten Jahrgänge durften wieder am Schalter Briefmarken verkaufen, Einschreibebriefe entgegennehmen und Pakete annehmen. Für uns kam dies zu spät. Wir mussten uns anderweitig durch unseren beruflichen Werdegang wursteln.

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