Andreas Rödder - 21.0.-Eine kurze Geschichte der Gegenwart


Als ich das Vorwort las, fand ich das Vorhaben gigantisch, ja, so gewagt, dass es sich in Details zu verzetteln drohte. Einen Gesamtabriss unserer Gegenwartsgeschichte zu konstruieren, die Einflüsse aller relevanter Strömungen zu sichten, Debatten und Diskurse zu filtern und dies mit den Denkansätzen in den relevanten Wissenschaften zu hinterlegen. Andreas Rödder, Professor für Geschichte an der Universität Mainz, wählte bei all seinen Studien den umgekehrten Blickwinkel, wie man ihn gewöhnlich hat. Er umreißt die Gegenwartsthemen, sucht nach den Einflussfaktoren in Wirtschaftswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Soziologie, Informations- und Kommunikationstechnologie, Philosophie. Dieses Konglomerat verfolgt er auf dem Zeitstrahl in die Geschichtsepochen zurück und verknüpft die geschichtliche Entwicklung mit der Gegenwart.

In dem Gesamtentwurf „21.0 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ verzettelt sich Andreas Rödder keineswegs. Schon die Gliederung umreisst in bemerkenswerter Klarheit die Gegenwartsthemen, von denen ich mich direkt angesprochen fühle. Konsumgesellschaft, Bankenkrise, Kapitalismus, der Euro, die europäische Gemeinschaft, Kriege, die NATO, Russland, die deutsche Wiedervereinigung, die Demokratie, Klimaschutz, Frauenbewegung, um nur einige Themen zu nennen. Nichts steht wirr nebeneinander, Querbezüge werden aufgerissen, die Themen gehen sauber ineinander über.

In acht Kapiteln arbeitet Rödder die Gegenwartsthemen ab. Das Kapitel „Die Ordnung der Dinge“ kann als Oberbegriff der übrigen Kapitel verstanden werden. Die ersten Kapitel befassen sich mit den Rahmenbedingungen der Ökonomie und der digitalen Revolution. Ausgehend vom menschlichen Individuum, wird der Bürger schichtenweise umgeben vom Staat, Europa und der Welt. Das Buch „21.0, Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ kann verstanden werden als ein neues Denkgebäude, das aus den acht Säulen der acht Kapitel besteht. Dieses Denkgebäude beheimatet eine neue Ordnung der Dinge, eine Art Leitfaden oder Konzept, womit der Leser sich in unseren schnelllebigen Zeiten wieder orientieren kann.

Der Leser lernt schnell, dass Geschichte Umbruch bedeutet. Nichts bleibt beim Alten. Allen voran, erzeugen Informations- und Kommunikationstechnologien, die Medien und die Mechanismen des Marktes eine innere Dynamik. Rödder legt das zentrale Jahr der Gegenwartsgeschichte auf das Jahr 1973 fest, ein Jahr, in dem in den Köpfen die Dinge grundlegend neu geordnet wurden. Denkmuster, Paradigmen, Weltanschauungen und vor allem das Handeln mussten überdacht werden. 1973 stieg nach dem Jom-Kippur-Krieg in Israel der Ölpreis in ungeahnte Höhen, dem in halb Europa autofreie Sonntage folgten. Nicht nur durch den hohen Ölpreis, auch infolge der Sättigung der Märkte, geriet Deutschland in die Rezession hinein, die Arbeitslosenzahlen stiegen nachhaltig und flauten nicht ab. Dann erschien 1973 der Bericht des Club of Rome, der das Wirtschaftswachstum auf Kosten der natürlichen Ressourcen anprangerte. Dies zog die Schleife der Umweltbewegung nach sich, die in den Folgejahren Sturm lief gegen Kernkraftwerke, Waldsterben, den Autobahnbau oder Flughafenausbauten. Mit dem Bericht des Club of Rome geriet der Fortschrittsglaube ins Wanken. Der Machbarkeit der Dinge, dass alles möglich ist, wenn der technische Fortschritt es will, wurden Grenzen gesetzt.

Es ist bewundernswert, wie sicher sich Rödder in den unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaften bewegt. Er schlägt den weiten Bogen über Keynes, den Marktmechanismen und der Makroönomie nach 1973, dem Jahr, in dem die Arbeitslosigkeit Prozentsätze erreichte, die beunruhigten. Nach 1973 verpuffte Keynes wirkungslos, denn die Arbeitslosigkeit ging keineswegs zurück, wenn die öffentlichen Ausgaben gesteigert wurden. Dann holt Rödder den relevanten 1973er-Zeitgeist aus der Klamottenkiste der Philosophie heraus. Mit Foucault startet er den Diskurs über die Macht und das Individuum: Macht konstruiert sozialtechnokratische Ordnungsentwürfe, die durch Produktion und technischen Fortschritt geprägt sind. Arbeitswelten mit den dazugehörigen technischen Prozessen formen die Schichten der Gesellschaft. In solchen technokratischen Gesellschaftsentwürfen, werden Homogenität und Einheit aufgespalten. Teile mit eigenem Charakter lösen sich heraus, das sind die Menschen als Individuen. Macht führt also zu Zerschlagung. In der Gesellschaft verfallen die Werte. Unter diesen Rahmenbedingungen versucht sich jedes einzelne Individuum zurechtzufinden, indem es sich abgrenzt. Menschen isolieren sich, aber sie finden darin ihre eigene Identität.

Die Zusammenschau von Kapitalismus und Demokratie gehören zu den zentralen Thesen dieses Buches. Alle Demokratien haben kapitalistisch organisierte Volkswirtschaften, aber nicht alle kapitalistischen Systeme sind Demokratien. Darauf basierend, wachsen die Verknüpfungen: Kapitalismus und Sozialstaat, Demokratie und Marktmechanismen, Kapitalismus und Staatsverschuldung, Demokratie und Industriearbeiterschaft und vieles mehr. Rödders Analogien sorgen stets für Überraschungen, seine Denkansätze biegen sich auf diese Art und Weise über die relevanten Wissenschaftsdisziplinen hinweg und blicken regelmäßig die Geschichte zurück.

So manche Bezüge der Gegenwartsgeschichte kreuzen sich im Jahr 1914. Wir befassen uns mit Altlasten des Ersten Weltkrieges. Ostmitteleuropa ist in den 2000er Jahren durch die Erweiterung der EU nach Polen, ins Baltikum, nach Rumänien und Bulgarien stabilisiert worden. Dahinter brodeln Krisenherde in einer Region, wo das Zarenreich, das Habsburgerreich und das Osmanische Reich zerfallen sind. Kriege in der Ukraine, dem Kaukasus, in Syrien, Irak, Israel drohen die Welt zu zerreißen. Andreas Rödder hat aber auch eine positive Botschaft: Europa hat in der Nachkriegszeit die Kurve gekriegt und gelernt, im Sinne der Dialektik aus These und Antithese. Vielleicht ist das ein Regelkreis der Demokratie. Anders geartete Meinungen müssen ausdiskutiert werden, These und Antithese stehen nicht unaufgelöst nebeneinander, sondern vereinigen sich in einer höherwertigen Sichtweise der Synthese.

Die Geschichte der Gegenwart ist beileibe nicht kurz, wie der Buchtitel es suggeriert. Sie bietet aber einen flüssigen Gesamtabriss über das Gegenwartsgeschehen aus einer Hand, ein Sammelwerk sozusagen, in dem die Einzelthemen in tiefen, durchdringenden Analysen voller Sachverstand aufbereitet sind. Im Nachwort hat sich Andreas Rödder beim Schreiben des Buches selbst befragt, wie er auf die Idee kommen konnte, solch ein Buch zu schreiben. Mit dem Buch beantwortet er die Fragestellung selbst. Der übergeordnete Buchtitel 21.0. blickt wie in dem Film „Zurück in die Zukunft“ nicht nur zurück, sondern schaut auch nach vorne. Ganz viel Expertenwissen aus seinem Lehrstuhl an der Universität Mainz hat dazu beigetragen, damit im Geiste unserer Zeit alle Facetten perfekt miteinander vernetzt werden.

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