Ausstellung "Schalcken - gemalte Verführung" im Museum Wallraf, Köln

Den Spaß sieht man dem Jungen an. Mit breitem Lächeln schaut er hinauf, seine Kulleraugen weit geöffnet, Blicke treffen sich voller Überraschung und Intensität. Jugendliche Freude begegnet dem gesetzten Alter. Schalcken, der dieses Bild gemalt hat, holt die beiden Darsteller ganz nahe heran, rückt die Begegnung in das Zentrum des Bildes. Die alte Frau lehnt sich über die geöffnete Halbtüre, schaut skeptisch durch ihre Brille, während der Junge in seinem Musikinstrument das schräge Schlagen einer Melodie produziert. Schalcken vergisst dabei nicht einmal die Landschaft: verworrene Strukturen von knorrigen Baumstämmen und dunklem Geäst trüben den Landschaftsausblick vor einem sich aufhellenden Horizont.

Ein Musikinstrument, kaum anders als ein Kochtopf, der aber die Membran einer Trommel hat. Ein Holzstab, der hinein schlägt, soll keine wohl klingende Melodie erzeugen, sondern ein dumpfes, polterndes Geräusch. Godefridus Schalcken, einer der Meister des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden, hat 1670 das Gemälde „der Rommelpotspieler“ vollendet. Was bei uns im Rheinland das „Schnorzen“ nach dem St. Martins-Umzug ist, das war der Rommelpot früher in den Niederlanden. Kinder zogen mit Lärm, Gesang, dem Rommelpot und St. Martins-Liedern von Haus zu Haus und heimsten Leckereien ein. Ebenso zogen die Kinder mit ihrem Rommelpot an Neujahr, den Heiligen Drei Königen und auch Karneval durch die Gegend. Diese Tradition des Rommelpottes hat sich selbst in Norddeutschland bis heute erhalten.

der Rommelpotspieler, staatliche Kunsthalle Karlsruhe (oben)

Ausstellungsplakat (unten)

Die Niederlande trieben Handel über ihre west- und ostindische Kompanie, schöpften ihr Kolonialreich in Ostasien ab, und das brachte dieser kleinen Nation im 17. Jahrhundert nicht nur jede Menge Reichtum, sondern auch große Künstler. Niederländische Maler setzten Maßstäbe in Europa. Anders wie die großen Maler in Flandern – wie etwa Rubens oder van Dyck – war nicht die Kirche ihr Hauptauftraggeber, sondern ihr Spektrum ging in die Breite. Die bekanntesten Maler des Goldenen Zeitalters, Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, waren nicht nur von Herrschern und Kirche umgarnt, so dass sie nicht nur Prinzen, Grafen, Könige, Bischöfe oder Szenen aus der Bibel malten. Sie waren bodenständig, malten Menschen aus ihrer Umgebung, Alltagsszenen, Dorfszenen, Bauern, Arbeiter, Hausfrauen, Hausarbeit, Gewohnheiten, Traditionen.

Der Bekanntheitsgrad von Godefridus Schalcken stieg, bevor Rembrandt starb. Schalcken wurde 1643als Sohn eines Pfarrers in einem kleinen Dorf zwischen Breda und Dordrecht geboren. Er wurde auf eine Lateinschule geschickt, um in die Fußstapfen seines Vaters zu steigen. Bereits mit 15 Jahren entdeckte er seine Berufung für die Malerei, er verließ die Lateinschule und ließ sich in einem Atelier in Dordrecht ausbilden. 1665 beendete er seine Ausbildung in Leiden, danach kehrte er nach Dordrecht zurück.

Mit seinen Begabungen füllte Schalcken die gesamte Bandbreite der Malerei aus. Zunächst malte er im Stil seines Lehrmeisters in Leiden, Gerrit Dou, Genreszenen und Landschaftsmalerei. Früh befasste er sich mit seinem Spezialthema, das ihn lebenslang begleiten sollte: die Wiedergabe von Kerzenlichtszenen. In seinem eigenen Atelier übte er die gesamte Bandbreite seiner Arbeiten. Ein wirtschaftliches Standbein schuf er sich mit der Portraitmalerei, wo er es geschickt verstand, bedeutende und weniger bedeutende Persönlichkeiten genau in die passende Szene zu setzen. Ab 1667 datieren Gemälde aus seinem eigenen Atelier in Dordrecht.

Als die großen niederländischen Maler Rembrandt und Frans Hals in den 1660er-Jahren starben, begannen die großen Schaffensperioden des Godefridus Schalcken und des Jan Vermeer. Es gehört allerdings zur Ironie der Kunstgeschichte, dass Jan Vermeer – genauso wie Rembrandt oder Frans Hals – in aller Munde ist, während Godefridus Schalcken außerhalb der Niederlande in die Bedeutungslosigkeit versunken ist.

Selbstportrait mit der goldenen Medaille von Johann Wilhelm von der Pfalz, Privatbesitz (oben)

König Willem III, Rijksmuseum Amsterdam (Mitte)

Allegorie der Tugend und des Reichtums, National Gallery London (unten)

Das macht die Ausstellung im Kölner Museum Wallraf zu einem wahren Leckerbissen. Seine Gemälde verteilen sich in die ganze Welt bis in die USA. Achtzig Gemälde zeigt das Museum Wallraf – das ist rund ein Drittel seines Gesamtwerkes.

Die Ausstellung, die noch bis zum 24. Januar 2016 gezeigt wird, lohnt sich. Die Ausstellung beginnt mit Selbstportraits, die sogar die Verbindung zum Rheinland herstellen. Schalcken hat nicht nur in seinem eigenen Atelier gemalt, sondern zeitweilig malte er auch als Hofmaler für die vornehme Kundschaft von Herrschern und Fürsten. So auch um 1700 am Hof der rheinisch-bergischen Kurfürsten in Düsseldorf, genauer gesagt, war es der Kurfürst Jan Johann Wilhelm von der Pfalz – besser bekannt als Jan Wellem. Schalken hat die große Goldmedaille des Kurfürsten Jan Wellem gemalt, die er stolz auf seinem Selbstportrait von 1706 präsentiert.

Auch die übrigen Portraits sind exzellent im Stile seiner Zeit gemalt, wenn er seine Modelle, die akkurat nach der Mode der Zeit bekleidet sind, perfekt ins Licht setzt. So manche Gemälde erstaunen, wie er Erzählungen in Malerei übersetzt. Das ist nicht nur der Rommelpotspieler, der die alte Frau in ein ohnmächtiges Staunen versetzt, sondern Schalcken bedient sich bisweilen einer bilder-übergreifenden Symbolik. So steht in dem Gemälde „Allegorie der Tugend und des Reichtums“ ein Vogel für die Jungfräulichkeit. Auf einer Waage wiegt er schwerer als Schmuck, Geld und Juwelen, und wenn er fortfliegt, neigt sich die Waage mit allem Schmuck, Geld und Juwelen nach oben.

Da es auch Auftraggeber aus der Kirche gegeben hat, vermisst man keineswegs Szenen aus der Bibel, allerdings in etwas geringerem Umfang wie etwa bei Rubens, dessen Werke rund fünfzig Jahre früher entstanden sind. Die Geschichten einer büßenden Maria Magdalena, der klugen und törichten Jungfrauen, der Verleugnung des Petrus und der Heiligen Familie mit dem Johannesknaben zeigen dabei Schalckens häufige Maltechnik, dass er eine brennende Kerze ins Zentrum seiner Bildkomposition schiebt. Dadurch hebt er seine Darsteller hervor, seine Erzählungen werden intensiver, der Betrachter wird mitten in das Geschehen hinein gezogen.

die büßende Maria Magdalena, Rijksmuseum Amsterdam (oben)

schlafende Venus mit Cupido (unten)

„Gemalte Verführung“, der Titel dieser Ausstellung knüpft an die Lichteffekte an, der so manchem Gemälde einen Schub von Sinnlichkeit verleiht. Schalcken gleitet dabei sogar lasziv in das Genre der Erotik ab, wenn man etwa die mythologische Aktdarstellung einer „Schlafenden Venus mit Cupido“ betrachtet. Das wenig prüde Motiv steckt dennoch voller Symbolik: Cupidos Liebeswaffen – Bogen mit Köcher und Pfeilen – liegen ungenutzt auf dem Bettrand, so dass das Liebesglück in weiter Ferne schwebt. Eine Taube äugt von einem Felsen hinunter, während das Partnertäubchen davon geflogen ist. Venus muss also warten in ihrer Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe.

Mit seinem vielseitigen Werk ist Godefridus Schalcken es Wert, dass man ihm eine solche umfangreiche Ausstellung widmet. Immerhin lebte er nicht – wie etwa van Gogh – in Armut und Elend. Dafür hakte sein Privatleben an anderer Stelle: nur eines seiner acht Kinder überlebte bis zum 18. Lebensjahr. Nach seinem Tod im Jahr 1706 verkaufte seine einzige Tochter Francoisia seine Drucke und Zeichnungen. Es zog sie nach Den Haag, wo sie sich vom Verkaufserlös ein Haus leisten konnte.

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