Aachen – eine niederländisch-belgische Exklave ?

Im letzten Jahr war es Düsseldorf, in diesem Jahr hat mich mein Kurz-Trip vor Weihnachten nach Aachen geführt. Zunächst hatte ich Lüttich ins Visier genommen, doch zweimal Umsteigen mit der Bahn (in Aachen und in Welkenraedt) sowie die Zeitverzögerung, weil ich vorher unser kleines Mädchen mit dem Auto an der Grundschule abgeliefert hatte, ließen mein Vorhaben scheitern. Also stieg ich in Aachen aus dem Regionalexpress aus. Aachen war eine dankbare Alternative. Was die sprachlichen Akzente betrifft, stellte ich in der Innenstadt rasch fest, dass all die französisch-sprachigen Stimmen aus der Lütticher Gegend reichlich vertreten waren. Zu dem französischen Stimmengewirr gesellte sich das Niederländische. Deutsche gingen auf dem Weihnachtsmarkt regelrecht unter, so dass ich mich in meiner These, dass Aachen eine niederländisch-belgische Einkaufsexklave ist, bestätigt fühlte.

Es gibt solche Städte, deren Bedeutung läßt sich auf eine Einzelperson reduzieren. Das ist so mit den Kurfürsten, wenn sich Düsseldorf auf einen Jan Wellem oder Bonn auf einen Clemens August reduzieren will. In der Abstraktion ist das aber nicht ganz richtig, denn schließlich gibt es noch einen Heinrich Heine, einen Beethoven oder einen Konrad Adenauer, den Düsseldorf oder Bonn dann auch nicht vergessen wollen.

Mit Karl dem Großen könnte die Reduzierung auf eine Einzelperson aber auf Aachen zutreffen, denn dort dreht sich so ziemlich alles um diese Kaisergestalt, die ein einheitliches Reich über große Teile Europas erkämpft und geeinigt hatte. Dieses Denken in ganz großen Kreisen besteht bis heute fort. Einmal im Jahr wird im Rathaus der Karlspreis verliehen, Aachen beansprucht somit den Einigungsgedanken Europas für sich, als Wesenskern, als Idee, über nationale Grenzen hinaus. Und das nicht nur wegen all der Holländer und Belgier, die auf dem Weihnachtsmarkt bei lauen milden Temperaturen ihren Glühwein trinken.

Zumindest im grenznahen Bereich, auf den Trippelpfaden des Einkaufens, sieht es so aus, als würden sich die Nationen ähnlich vermischen wie zu Zeiten Karls des Großen, als die Herrscher von Pfalz zu Pfalz reisten. Die Frankophonen haben ihren Charlemagne. Sie schauen nach Westen, zu den Kaiserpfalzen von Herstal, Attigny oder Soissons, während die Rheinländer nach Osten schauen zu den Kaiserpfalzen von Düren, St. Goar oder Ingelheim.

Vom Hauptbahnhof aus habe ich mich ganz banal Aachen genähert, in zehn, vielleicht fünfzehn Minuten Fußweg bis zum Dom. Karl der Große gruppiert sich übersichtlich mit seinem kulturellen Erbe in der Innenstadt. Zuvor habe ich den einen und anderen Abstecher gemacht.

Große Konzerne fehlen in Aachen, so dass Aachen im Vergleich zu Köln oder Düsseldorf nicht dermaßen vollgestopft ist mit Bürogebäuden. „Träume brauchen Sicherheit“, auf einer alten Fabrikfassade entwerfen die Aachen-Münchener-Versicherungen ihre Vision von Bürogebäuden.

Im Kapuzinerkarree habe ich die Spuren meiner eigenen Vergangenheit erforscht. Das einstige Postamt ist umgebaut worden zu eben diesem Kapuzinerkarree. Hier bin ich von 1979 bis 1982 ausgebildet worden.

Der Fußweg ins Zentrum führt unweigerlich am Elisenbrunnen vorbei. Das Heilwasser ist heiß, riecht nach faulen Eiern und führt in die Irre: auf der marmornen Hinweistafel erscheint Karl der Große als Besucher der Heilquellen; sein Biograph Einhard, der zu seinen Lebzeiten tätig war, berichtet aber, dass Karl der Große die Heilquellen in Burtscheid – das liegt jenseits der Bahnlinie – besucht hat.

Um die eine oder andere Geschichte über Aachen erzählen zu können, habe ich mich in der Mayerschen Buchhandlung mit zwei Büchern über Aachen eingedeckt. Passend zum Leseerlebnis, hockt die Skulptur einer lesenden Frau auf einer Sitzbank.

Den Stadtkern Aachens habe ich nun erreicht. Zum Aachener Dom, der seit 1978 Weltkulturerbe ist, ist es nicht mehr weit.

Nach der Dombesichtigung bin ich weiter gegangen in die Domschatzkammer. Die Sammlung gestaltet sich übersichtlich in Keller-, Erd- und Obergeschoss. Brustkreuz und Talisman stammen original von Karl dem Großen, Büsten und Skulpturen wurden später gefertigt, diverse weitere Exponate haben mit Krönungen von Deutschen Kaisern (des Heiligen Deutschen Reiches römischer Nation) zu tun.

Da ich den Montag ausgewählt hatte, hatte ich etwas Pech mit den Öffnungszeiten der Museen. Traditionell haben – nicht nur Aachen – die Museen montags geschlossen. So blieben leider die Türen des Centre Charlemagne verschlossen.

Hinter dem Rathaus ist ein Kräutergarten aus der Zeit Karls des Großen nachgebildet worden. Dabei haben sich die Gartenbaumeister der Kapitularien bedient, das sind Güterverzeichnisse von Höfen und Landgütern. Hier finden sich genau diejenigen Kräuter und Gemüsesorten wieder, die in den Kapitularien aufgezählt werden.

Nicht zu übersehen sind all die Läden, in denen es Printen zu kaufen gibt. Ein Nussknacker und Karl der Große dekorieren reichhaltig das Schaufenster. Im 15. Jahrhundert hatten sich Handwerker aus dem Maastal in Belgien, deren Schmiedearbeiten man „dinanderies“ nannte, in Aachen niedergelassen. Später, das war im 19. Jahrhundert, presste man einen Teig, der dem Lebkuchenteig ähnelte, in ähnliche Formen aus Metall. „Pressen“ heißt auf Englisch „to print“, woraus das deutsche Wort „Printe“ entstand.

Müde und ausgehungert, musste ich irgendwann eine Pause einlegen. Dazu trottete ich zum Kapuzinerkarree zurück. Was den Geschmack der Fritten betrifft, habe ich Lüttich nicht vermisst. In Kathy’s Frietnesse werden die Fritten vorgebacken, auf Kundenanforderung kross gebacken und schmecken nach frischen Kartoffeln – so wie in Belgien. Ich hätte auch noch eine Frikandel, Viandel, Bami, Bitterbillen, Vleeskroket oder einen Saté-Spiess dazu essen können – wie in belgischen Friterien.

Natürlich ist die Zeit viel zu schnell vergangen. Gegen 16 Uhr bin ich vom Hauptbahnhof aus mit dem Regionalexpress nach Hause gefahren. Jede Menge Fotos habe ich von Aachen gemacht. In den nächsten Wochen werde ich dann den einen oder anderen Post über Aachen herunter schreiben. Übrigens: bei dieser Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass ich noch nicht alles über Düsseldorf geschrieben habe. Ich gehe daher davon aus, dass niemand irritiert ist, wenn noch irgendwelche verspäteten Düsseldorf-Posts auf meinem Blog erscheinen.

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